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23.7.1910 Zweites Blatt
 
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Nr. 170 Zweites Blatt

160. Jahrgang

Samstag 23. IM 1910

Erscheint täglich nut Ausnahme de§ Sonntags.

DieGießener Zarnrliendlatter" werden dem Anzeiger" viermal wöchentlich beigetegt, das Krdsblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit­fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberheßen

Rotationsdruck und Berlag der Brühl'schen UniversttätS - Buch- und Steindrucke«i. R. Lange. Gießen.

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Die reorganisterte Mittelschule.

Bon Professor Otto Hesse.

Das Berechtigungswefen nötigt eine große Zahl deut­scher junger Männer dazu, eine unverhältnismäßig lange Zeit ihres Lebens auf der Schule zuzubringen. Daran trägt die Entwicklung des deutschen Schulwesens die Hauptschuld. Diese Entwicklung hat im vorigen Jahrhundert ihren Weg in Äner gewissen einseitigen Richtung genommen. Bis zur Mitte des Jahrhunderts hatte das humanistische Gymnasium das alleinbeherrschende Monopol als Vermittler der sogenanntenallgemeinen Bildung" besessen. Das wurde anders, als sich die zu Beginn des Jahrhunderts von Hecker u. a. begründete Realschule mehr und mehr entwickelte. Sie war bis zur Mitte des Jahrhunderts so weit erstarkt, daß ihre Verfechter glaubten, den Kampf gegen das Monopol des humanistischen Gymnasiums aufnehmen zu können. Es entstand ein heftiger Kampf, dessen Schau­platz besonders Preußen war. Er führte zum unbestrit­tenen Siege der Realschule. Aber das einseitige Kampf­programm der preußischenRealschulmänner" hat der Ent­wicklung des höheren Schulwesens doch auch wieder großen Schaden gebracht. Das alte humanistische Gymnasium ist nach und nach erdrosselt worden, so daß es nur noch an wenigen Anstalten in seiner gesunden Einseitigkeit besteht. Die Realschulentwicklung hat aber auch wesentlich andere und nicht immer qlMüxtye Wege in ihrer weiteren Ausbildung einschlagen müssen.

Was man in Deutschlandallgemeine Bildung" nannte, hing aufs engste mit der Vorstellung zusammen, daß die wissenschaftliche Beschäftigung mit der lateinischen und grie­chischen Sprache ganz besondere Kräfte im Menschengeist auslöste. Man glaubte, daß der, welcher Lateinisch und Griechisch gelernt hatte, auch fähig sei, sich auf jedem anderen Wissensgebiete zu betätigen. Demgegenüber erachteten es die Verfechter der Realschulbildung für nötig, den Nachweis zu führen, daß diese Meinung ein durchaus unbegründetes Vorurteil sei. Sie setzten daher einfach an Stelle des La­teinischen und Griechischen im Ghmnasium das Französische und Englische und lehrten diese Sprachen anfangs wenig­stens wesentlich nach derselben Methode, wie man es Jahrzehnte hindurch mit den anderen Sprachen am Gym­nasium gemacht hatte. Wenn sich im Laufe der Zeit ein durchaus anderer Bettieb der modernen Sprachen yeraus- enttvickelt hat, dann waren daran die Männer zunächst wenig beteiligt, denen der alte Konkurrenzkampf auf genötigt worden twar. Aber der Nachweisuvvm gleichwertigen Betriebe alter und moderner Sprachstudien gelang einwandfrei. Während desKulturkampfes" zwischen Gymnasium und Realschule änderte aber nicht nur die Realschule ihren Grund­charakter, sondern vor allem das alte humanistische Gym­nasium. Nm dem Vorwurfe des Unmodernen zu entgehen, ließ es sich immer mehr ihm fremden Lehrstoff in seinen Lehrplan einpfropfen und wurde dadurch in demselben Maße seiner alten eigentlichen Aufgabe, der Pflege der alttlassischen Sprachen, untreu, indem es sich zu modernisieren schien.

Aber auch die Realschule ist infolge des Kampfes nicht das geworden, was sie nach dem Millen ihrer Gründer werden sollte. Auch sie hat Lehrstoffe aufnehmen müssen, die ihr fremd waren; auch sie ist Gelehrtenschule geworden wie das Gymnasium. Die Realschule hat erreicht, was sie erreichen wollte, die Anerkennung ihrer Gleichberechtigung mit, und die gleichen Berechtigungen wie das Gymnasium. Sie hat ihr Ziel aber erreicht unter Aufgabe ihres eigent­lichen ursprünglichen Charakters. Und kaum ist es erreicht, da ist man auch schon wieder bei der Arbeit, die getrennten, parallel nebeneinander stehenden Schularten trotz ihres grundsätzlich verschiedenen Charakters zusammenzuschweißen, indem man ihnen einen gemeinsamen Unterbau gegeben hat.

Uinderhandel in China.

Vor wenigen Wochen konnte man, so wird demLok.-Anz." aus Peking geschrieben, in einem kleinen Zimmer des Schang­haier gemischten Gerichtshofes einen bedauerlichen, zu Herzen gehenden Anblick haben. 24 chinesische Kinder, in der Haupt­sache Knaben, im Alter von 411 Jahren, waren da unter­gebracht. Ter DampferHangsang" hatte sie aus dem Süden Chinas nach ihrem Heimatsort Schanghai zurückgebracht, ihnen allen sollte das Los des Sklaven blühen. Sklaverei ist eine noch heute allgemein in China verbreitete Einrichtung, ttotzdem kaiserliche Edikte schon mehrfach und erst kürzlich wieder jede Sklaverei für aufgehoben erhärt haben und bis ins einzelne gehende Ausführungbestimmungen erlassen sind. Aber was sind in den meisten Fällen kaiserliche Edikte? Nur das Papier, auf dem sie stehen! Wer kümmert sich viel darum? Meist waren es _ hübsche, gesunde Kinder, nur wenige waren kränklich. Un­aufhörlich ging der Strom der Eltern, die ihre verschwundenen Lieblinge wieder zu erhalten suchten, und in etwa drei Tagen haben mehrere hundert die armen Kleinen Revue passieren lassen. Erst aus dieser großen Anzahl ersah man, ein wie lebhafter Handel in Menschenfleisch denn anders kann man den Kinder- kauf und -verkauf wohl nicht bezeichnen hier im Schwange ist. Doch die meisten der ängstlich suchenden 24 braunen Augen- . paare hatten vergeblich nach den (Eltern gespäht. Nach drei Tagen waren erst sieben von ihren Angehörigen reklamiert worden. Man hatte natürlich ein Verhör mit den Eltern an­gestellt, vier gaben offen zu, ihre Kinder verkauft zu haben. Der Grund lag durchweg in äußerstem Mangel unb der Un- 1 Möglichkeit, den notdürftigsten Lebensunterhalt zu gewinnen. Die anderen behaupteten, ihre Kinder bei denen in Pflege gegeben zu haben, die nun des Kindesraubes angeklagt sind : sie waren froh, aus diese Weise ihre Kinder zurückerlangt zu haben.

Nicht nur in Schanghai, nein, in allen großen Küsten­plätzen, und besonders hier in der Hauptstadt ist Kinderdieb­stahl, -kauf und -verkauf an der Tagesordnung und hat seine Börse wie jeder andere Handelsarttkel. Es ist ein öffentliches! Geheimnis, daß der Menschenhandel stillschweigend trotz aller Edikte betrieben wird. Man frage hier nur die hohen und höchsten Beamten in Peking, besonders das Heer der kaiserlichen Haus­leute und Prinzen, wieviel solcher Unfreier, um nicht den schlecht angebrachten i-lusbruck Sklaven zu gebrauchen (der für uns mit dem Gebrauch der neunschwänzigen Katze, Folter und grausamer Behandlung fast identisch ist, was hier nicht zutrifft), auf ihrem Grundbesitz beschäftigt sind, bezw. von ihren Frauen im Hause gehalten werden, und man wird auf eine erstaunlich hohe Zahl stoßen.

Dieser durch die Behörden von Schanghai bewerkstelligte Fang von 24 Kindern ist nur wieder mal ein krasser Beweis! dafür, daß die Chinesen auch in den fremden Niederlassungen durchaus nicht von dieser Art Handel zurückscheuen. In Schang-

Jn derRe form sch ule", dem jüngsten Gebilde der mo­dernen Schulentwicklung, haben alle höheren Schularten eine gemeinsame Grundlage auf ihrer unteren und teilweise sogar mittleren Stufe erhalten. Sie gabeln sich dann in drei Köpfen, die in einer dreifachen Reifeprüfung ihren Abschluß finden.

So wertvoll nun auch diese Entwicklung nach der schul­technischen Seite hin sein mag, so bedenklich ist sie für unsere Heranwachsende männliche Jugend geworden. Alle diese höheren Schularten weisen in ihrem ganzen Lehraufbau auf eine Fortsetzung der Studien aus der Universität oder der technischen Hochschule hin. Darauf einzig und allein ist ihr Lehrplan von der untersten bis zur obersten Klasse ausdrücklich zugeschnitten. Besonders tritt der mit klaffen­den Lücken in seiner Bildung ins Leben, der nicht die Zeit opfern konnte, den ganzen neunjährigen Kursus der höheren Schule zu absolvieren. Zwar nennt man die Stufe der vollendeten sechsten Klasse, der Untersekunda, einenAb- schluß" und krönt ihn sogar mit derAbschlußprüfung". Aber mit Unrecht. Willkürlich, mechanisch ist derAbschluß" hier gesetzt worden. Der Lehrplan wird hier zwar in ge­wissem Sinne fertig mit einer Periode gedächtnismäßiger Aneignung von mechanischen Kenntnissen. Geistig ver­arbeitet aber ist noch nichts. Das soll erst auf der Ober­stufe mit ihren drei Klassen geschehen, weil hier die Schüler die notwendige Grundlage dazu mitbringen und eine gewisse Reise des Atters erreicht haben.

Und doch kann man unmöglich verlangen, daß die große Mehrzahl der Schüler unsrer höheren Lehranstalten, die niemals die Absicht hatten, Hochschulstudien zu treiben, ledig­lich der Erlangung einer wirklich abgeschlossenen Bildung wegen, noch drei weitere Jahre auf der höheren Schule bleiben sollen. Die Zeitverhältnisse drängen vielmehr dahin, daß diesen Bevölkerungsschichten eine andere Schule ange­wiesen wird, auf der sie den Einjährigenschein bekommen, deren Lehrplan sie aber nicht zwingt, so viele Jahre auf der Schule zu bleiben, und der ihnen doch die Möglichkeit gibt, eine abgeschlossene Berufsbildung zu erwerben. Die Schule, die das leistet, besteht bereits seit Jahrzehnten. Sie war aber, da man ihr die Berechtigungen verzagte, bislang das Aschenbrödel der Schulverwattung. Es ist die Mittel­schule. Ihr hat in neuesten Tagen der preußische Kultus­minister erhöhte Aufmerksamkeit gewidmet, einen neuen Lehrplan und modernisierte Organisation gegeben. Ihr Lehrplan ist für Knaben wie für Mädchen gleich geeignet.

Das Wort Mittelschule hat int deutschen Vaterlands verschiedene Bedeutung. In Süddeutschland versteht man darunter die Gymnasien und Realschulen in allen Ab­stufungen, also die Schulen, die in der Mitte zwischen der allgemeinen Volksschule und der Hochschule stehen. In Preußen pflegt man Die Hochschulen nicht mitzuzäblen, wenn man anSchulen" denkt. Und so hat man sich denn in Norddeutschland daran gewöhnt, den Mittelschulen ihren Platz zwischen der Volksschule und denhöheren Schulen", als welche man die Gymnasien usw. bezeichnet, anzuweisen. Spricht man in Norddeutschland von Mittelschulen, so meint man damit die preußische sogenannteFalksche Mittels schuld. Die Mittelschulen sollten über das Ziel der aW gemeinen Volksschule hinausgehen, sollten sich aber grund­sätzlich von den höheren Schulen dadurch unterscheiden, daß sie jede gelehrte Bildung von ihrem Lehrpläne ausschlossen. Sie sollten ihren Schülern eine höhere Bildung geben, als dies auch die mehrklassige Volksschule im allgemeinen ver­mag, sie füllten aber auch die Bedürfnisse des ge­werblichen Lebens und des Mittelstandes be­rücksichtigen, jedenfalls in einem viel höheren Umfange, als dies in den höheren Schulen der Fall ist. Mittelschulen fönten in möglichst vielen Arten gegründet werden und im Anschlüsse Lezw. neben der Volksschule bestehen. Im all-

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Hai hat der Chef der Polizei der internationalen Niederlassung bekanntlich der größten der ostasicttischen Küste festgestellt, daß im Jahre 1909 331 Personen vor dem gemischten Gericht unter der Anklage des Kinderdiebstahls und weitere 134 unter der Anklage des Handels mit erwachsenen Personen weiblichen Geschlechts und Kindern erschienen. 1908 erschienen vor dem­selben Gericht 310, 1907 288, 1906 156. Aus diesen Zahlen geht deutlich hervor, daß dieser Handelszweig sich eines leb­haften Aufblühens erfreut. Tag für Tag gelangen an die Polizei Meldungen über verloren gegangene Kinder, im Jahresdurch­schnitt etwa zwei pro Tag, und von der Gesamtsumme könnest etwa zwei Drittel den Eltern von der Polizei wieder zugestellt werden. Da diese Kinder in der Mehrzahl der Fälle nicht etwa nur verlaufen, sondern gestohlen sind, wirft das ein sehr günstiges Licht auf die Organisation der Schanghaier Polizei, die hier mit den größten Schwierigkeilen zu arbeiten hat, da sich der Kinderdieb in 99 von 100 Fällen sofort auf chinesisches Gebiet begibt, um die Kleinen dort an Bord irgend eines der vielen chinesischen südwärts gehenden Küstendampfer unterzubringen. Dort wartet bereits eine wohlorganisierte Gesellschaft von Män­nern und Frauen auf den Raub, um die Kleinen als ihre eigenen auszugeben und in Kanton, Amoy oder Jwcttau weiter zu verkaufen.

Wer einmal das Gewimmel im Zwischendeck eines solchen Dampfers gesehen hat, der wird verstehen, wie leicht es ist, Kinder dort zu verstecken. Im allgemeinen gehen diese Kinder alle nach bem Süden, allein schon, um die Entdeckung des Dieb­stahls zu erschiveren. Besonders Kanton hat einen großen Be­darf an kleinen Sklavenmädchen, obwohl für Sklavenjungen ein erheblich höheren Preis gezahlt wird. Diese gehen im allgemeinen an große Ladenbesitzer. Nach Tientsin, Peking und noch weiter nördlich geht ein verhältnismäßig kleiner Prozentsatz von Sklaven, fast nur Mädchen; sowohl in Kanton wie in Tientsin oder Peking gibt es wohl keine Familie von Rang und Ansehen, die nicht mindestens eine, oft mehrere solcher Sklavinnen besitzen, deren Einkaufspreise zwischen 20 und 100 Dollar schwanken. Herrscht im Innern große Hungersnot oder Ueberschwemmung, so gehen kleine Mädchen bis 5, ja bis 1 und 2 Dollar herunter; arme Eltern entledigen sich auf diese Weise der unnützen Esser, um selbst vielleicht von dem Erlös für wenige Tage ein elendes Dasein fristen zu können. Knaben werden häufig nur zum Zwecke der Adoption, von ihren Eltern verkauft oder, anders aus- aedrückt, ein kinderloses Ehepaar adoptiert einen hübschen, gesunden Jungen armer Eltern und zahlt diesen dafür eine einmalige Abfindung. Der konfuzianische Grundsatz, daß man männliche Nachkommen haben muß, denn nur solche können den Namen fort­pflanzen und die vorgeschriebenen Gebete an den Ahnengräbern vollziehen, ist hier natürlich der Grund. Mengtse sagt:Drei Dinge finb es, die unkindlich sind, aber keine Nachkommen zu haben, ist das ßhttmnrste unter ihnen.!"

gemeinen erhalten sie ihre Schüler nach dem vierten Volks- ichuljahre, vereinigen si? in sechs auf steig enden kleineren Klassen, in denen die Schüler intensiver gefordert werden können als in den meist überfüllten Klassen auch mehr- klassiger Volksschulen Neben den Volksschulfächern soll fünf Jähre lang eine Fremdsprache, meist die französische, be- trietien werden. Entsprechend den höheren Lehraufgahxrr der Mittelschule stellt man natürlich auch an deren Lehrer höhere wissenschaftliche Anforderungen. Volksschullehrer, die an Mittelschulen unterrichten wollen, müssen eine besondere Prüfung machen, auf Grund deren sie den TitelMittel- schullehrer" führen.

Es bedarf keiner langen Auseinandersetzungen, um zu. zeigen, daß eine Schule mit diesem kurz angedeuteten Lehr­plane gegenwärtig geradezu notwendig ist. Unser Mittelstand hat etn ausgeprägtes Bedürfnis dahingehend, daß seine Kinder zu ihrer Ausbildung eine besondere Schule haben müssen, auf dec sie die Bildung erstatten, die sie zu ihrem Berufe brauchen, die sie aber weder auf der Bolks- schule noch auf der höheren Schule erlangen. Die An­forderungen an die Schulbildung auch der Kreise ist ge­stiegen, die als selbständige Handwerksmeister, als Werk­meister in Fabrikbetrieben, als kleine Geschäftsleute, als Mittelbeamte der Gemeindeverwaltungen oder größerer in- dusttieller Unternehmungen, als Buchhalter und dergleichen den sogenannten Mittelstand bilden. Und dieser Mittelstand hat allein ein Interesse an einer vertieften Volksschulbil­dung. Seine Mittelschule soll ihre Zöglinge ja vorbilden zum Eintritt in größere Geschäfte und industtielle Werke, für den mittleren Postdienst, für den Betrieb eines besseren Handwerkes oder für das Kunsthandwerk usw.

Die Mittelschule hat sich bedauerlicherweise nicht so entwickelt, wie es ihre Begründer gehofft hatten. Nur ver­hältnismäßig wenige Städte haben sie eingerichtet. Und das hatte feine guten Gründe. Der Schule fehlten jegliche Berechtigungen, und eine deutsche Schule ohne Berechti­gungen wird nie Erfolge haben, weil sie nicht besucht wird. Der Vater, welcher in der Lage ist, seinen Sohn über das schulpflichtige Alter hinaus in die Schule zu schicken, wird stets eine Schule aussuchen, auf der her Sohn sich Be­rechtigungen erwerben kann. Dazu kommt, daß die meisten Volksschullehrer Gegner der Mittelschule sind. Sie befürchten, daß die Volksschule zur Armenschule herabsinkt, wenn ihr durch die Mittelschule die Söhne und Töchter des breiten Mittelstandes angenommen werden. Aber alle, Einwände gegen die größere Verbreitung der Mittelschulen sind hinfällig gegenüber Den Vorteilen, welche diese Schulenj ihren Schülern gewähren. Ihrer günstigeren Entwicklung- steht allein der Mangel an Berechttgungen im Wege. Ge­währt man ihren Absolventen Den Einjährigenschein, so ist rhr ^Schicksal entschieden. Wie bereits erwähnt, hat man» der preußischen Mittelschule einen neuen Lehrplan gegeben. Die Einjährigenberechtigung fehlt aber immer noch. Diese- Forderung sollte mit Nachdruck so lange gestellt werden, bis sie erfüllt ist. Hoffen wir, daß sich die neu organisierte!- Mittelschule kräftig entwickeln möge, daß ihr alle die Schüler zugeführt werden können, welche von vornherein nur die Absicht haben, sich die Bildung anzueignen, die sie geschickt' macht für ihre praktischen Berufsarten, die mit dem Ä.n- jährigenscheine ihre Schulstudien abschließen wollen!

Hauptversammlung der Deutschen Turnerschaft.

4- Straßburg, 22. Juli.

Im Rathaus trat heute vormittag die Hauptversamm­lung der Deutschen Turnerschaft unter der Leitung ihres Vorsitzenden Dr. Götz (Leipzig) zusammen. Stadtschulrat Prof. Dr. Rühl ((Stettin) erinnert daran, daß Dr. Götz bor einiger Zeit fein 50 jähriges Jubiläum als Mitglied der Deutschen. Turnerschaft gefeiert habe, die ,s. Zt. unter seiner Mitwirkung

Es ist der alte Grundsatz von Angebot und Nachfrage. Wenn nicht dauernd für Adoptions- und sonstige Zwecke Nachfrage nach kleinen Jungen wäre, würde dieser Handelszweig gar nicht exi-> stieren. Für die Mädchen liegt die Sache noch anders, ha. ihrer meist das wenig beneidenswerte Los des Verkaufs an ein öffentliches Haus wartet, in bem sie dann aufwachsen unb später» ein kurzes elenbesFreubendasein" verbringen. ,

Uns erscheint biefe chinesische Auffassung barbarisch unb mib ieber Zivilisation im Wibersprnch stehend, aber so lange die Moral-, lehre bes Konfuzius bie Grundlage aller Anschauungen ist>- unb wohl auch ewig bleiben wirb wird ein Kinberhanbel m, trgenb einer Form existieren; soweit er nur bie Adoption von männlichen Kinbern betrifft, wirb sich schwer Dagegen angeben* lassen uns ist schließlich auch kein Grund zu staatlichem Ein­schreiten vorhanden, insofern alle Teile aus freiem Willen handeln. Soweit er aber den Verkauf in Sklaverei sowohl von Knaben wie auch Mäbchen, besonbers zu unlauteren Zwecken betrifft, ist er* Zeines sich westliche Zivilisation unb Auffassungen aneignenbai Staatswesens unwürbig, mag biefe Art Verkauf auch jetzt noch manche bieseft armen Wesen, vor Not unb Tod bewahren. Der Staat hätte hier einzuschreiten, und vorbilblich kann für ihn bas sein, was bie Fremden-Kommune in Schanghai in ihren Einrichtungen Sllaven-Asyl" undTor ber Hoffnung" besitzt. Deren Namen Dib­belte Erklärung ihres Zwecks enthält.,

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Das Fernrohr Galileis. Die Universitätsbibliothek in Heidelberg besitzt, wie derStraßb. Post" von Dort geschrieben? wird, die älteste bekannte deutsche Zeftung, gedruckt von Joh^ Carolus in Straßburg 1609. Der Titel lautet:Relation: Aller fürnemmen unb gebentfrtriirbigen Historien, so sich hin unb' wiber in Hoch und Nieder Teutschland, auch in Frankreich, Italien^ Schott und Engelland, Hisspanien, Hungeim, Polen, Siebenbürgen, Wallachey, Moldaw, Türckey usw. Inn diesem 1609. Jahr ver-^ lauffen und zutragen möchte. Alles au ff das trewlichst wie ich solche bekommen und zu wegen bringen mag, in Truck verfertigend will." Die zweite Seite der Nr. 37 bringt die erste Nachricht von. der Erfindung des Fernrohrs durch Galilei, datiert ans Venedig' vom 4. September. Die interessante Meldung lautet:Mit unferm Hertzog wirb es täglich wider besser, der soll wie dis sag, willens sein, so bald er seiner Kranckheit völlig genesen, die regierung zu resigniren, und sich ins Kloster S. Georgen be£; grossen Benebictiner ordens zu begeben. Hiesige Herrschaft! hat bem signor Gallileo von Florentz Professoren in der Mathematiert zu Pabua eid stattliche Verehrung gethan, auch seine Provision umJb 100. Cronen jährlich gebessert, weil er durch fein embsiges ftubiretf ein Regel- unn Augenmaß erfunden, durch welche man einerseits' auff 30. met: entlegene .orte sehen Fan, als were solches in deck nehe, anderseits aber erscheinen die antoefenbe noch viel grösser- als sie vor Augen sein, welche Kunst er bann zu gemeiner Statt nützen praefendirt hat."