Ausgabe 
2.7.1910 Erstes Blatt
 
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Deutsches Reich.

Der Kaiser begab sich gestern abend vomMeteor" ftn Bord der ohenzoller n", die am nachmittag in Tangermünde erngetrosfen und wie immer auf der Reede vor Anker gegangen war.

Der badischeFinanzminister Dr. ing. Hensels ist gestern abend um 3/49 Uhr in Kar l Sru h c g e st o r b en. en seit, der der nattonallibcralen Partei angehörte, bat ein Alter von 67 Jahren erreicht und war ursprünglich Ingenieur. Seit 1872 war er Assistent bei der Oberdirektion des Wasser- und Straßenbaues, dann Baurat und 1899 Vorsteher. Von 18861906 war er Professor an der tech­nischen Hochschule in Karlsruhe und wurde 1902 in die 1. Kammer berufen. Im Oktober 1906 wurde er Finanz­minister und Bevollmächtigter zum Bundesrat.

Ausland.

Die ungarische Regierung legte dem Abgeordneten- banfe mehrere Gesetzentwürfe vor, unter chnen ein Ermächtigungs­gesetz zur Beendigung des budgetlojen Zustandes, durch das der Finanzminrfter ermächtigt wird, den Staatshaus- balt bis zum Ende des Jahres 1910 auf der Grundlage des Staats- Haushaltsgesetzes für das Jahr 1909 zu führen, ferner die Re­krutierungsvorlage und den Handelsvertrag mit Rumänien.

Der niederländische Minister des Aeußern wendete 'ich in den ersten Kammer gegen die Angriffe des früheren Ge­sandten van Heeckeren und erhärte, was das Nordsee-Ab­kommen anlange, könne er nur auf seine frühere Verteidigung dieses Vertrages verweisen. Es sei unrichtig, was van Heeckeren über das Zustandekommen dieses Vertrages gesagt habe. Der Vorwurf van Heeckerens, der Minister habe den Vertrag abge­schlossen, ohne unterhandelt zu haben, sei ein sehr gewagter. Was den angeblichen Brief des deutschen Kaisers an die Königin betreffe, so halte er die von ihm in der Sitzung der ersten Kammer am 10. Februar abgegebene Erklärung in ihrem vollen Umfange aufredjt, mit dem Hinzufügen, daß der frühere Ministerpräsident Knyper diese Erklärung als vollkommen richtig angenommen habe. Der Minister tadelte das Vorgehen van Heeckerens, das ein vollständig unbegründetes Mißtrauen gegen einen Staat nähre, mit dem Holland die besten Beziehungen unterhalte. Van Heeckeren sagte, er halte jede Silbe aufrecht, unterstützte aber sodann den Antrag, die Besprechung zu ver­tagen, bis die Rede des Ministers im Druck erschienen sei. Van Heeckeren erklärte, er wolle die Wahrheit seiner Behauptungen unter Ausschluß der Oeffentlichkeit oder vor einem Ausschuß be­weisen. Die Kammer nahm zum Schluß einen Antrag, zur Tagesordnung überzugehen, an, da sie in hinreichender Weise unterrichtet sei.

Der König von Dänemark nahm die vom Ministerpräsi­denten Zahle eingereichte D e m i s s i o n des Gesamtkabinetts an.

Der italienische Gesandte teilte dem rumänischen Minister des Aeußern mit, daß die griechische Regierung die Be­dingungen und die Modalitäten der rumänischen Forde­rung in der AngÄegenheit der ,^Jmperatul Trajan" angenom­men habe.

Tie gesamte türkische Presse fordert die Bevölkerung auf, den Boykott zu beendigen, weil sonst die Türkei die Sympathien Europas verlieren könnte.

Aus Oran wird gemeldet, daß die Aufklärungskolonne des Obersten Ferraud am 30. Juni in Taurier eingetrvffen ist und von den Eingeborenen freundlich aufgenommen wurde, da nunmehr die Ruhe und Sicherheit bis an den Muluja- fluß gewährleistet ist. Der Generalgouverneur Jonnart hat in Begleitung des Generals Liauthey eine Besichtigungs­reise in das Beni-Snassen-Gebiet unternommen, wo Ansiedler aus Oran etne blühende Ortschaft gegründet haben.

Aus Stabt und Land.

Gießen, 2. Juli 1910.

Die Feldbereittigrrrrg in Hessen.

Der vom Ministerium des Innern, Abteilung für Landwirt- .schaft, Handel und Gewerbe (Laudeskommission), erstattete Ge­schäftsbericht über die in den Jahren 18981907 aus­geführten Feldbereinig urigen ist erschienen. Aus ihm ist zu entnehmen, daß in dem genannten Zeitraum die Feldberei- nigung in Starkenburg in 7, in O ber h e s.s e n in 90, in Rhein- deisen in 3, rm ganzen in 100 Gemarkungen mit zusammen 45 230 ha Bereinrgungsflache gegen 73 Gemarkungen mit 35 700 Hektar in dem Zeitraum von 18881897 beschlossen worden ist. Darunter befinden sich keine Gemarkungen aus den Kreisen 'Bens- herm, .Groß-Gerau, Schotten und Bingen. Im ganzen ist bis letzt das Verfahren in 191 Gemarkungen des Großherzogtums eingeführt. Von den genannten 100 Unternehmen sind in den 10 Jahren in 60 die Ersatzgrundstücke mit zusammen 24 809 ha überwiesen worden. An ihnen waren im ganzen 14 510 Grund­eigentümer beteiligt; auf einen entfallen im Mittel 1,71 ha Fläche. Die Bodenabschätzungswerte für 1 ha schwankten zwischen 50 und 20000 Mk.; der Gesamtabschätzungswert betrug rund 76 000 000 Mk. und der mittlere Wert für 1 ha 2866 Mk. Zur teilweisen Deckung der Kosten wurden Masfegrundstücke mit zu­sammen 836 ha und 2 406 286 Mk. Abschätzungswert gebildet. Im Durchschnitt waren für die Feldbereinigungsarbeiten in einer Gemarkung bis zur ^Ucberweisung der Ersatzgrundstücke 5 Jahre erforderlich). Die Feldbereinigungskosten betrugen un ganzen 1 733 637 Mk. oder un Mittel für 1 ha 70,29 Mk. Die Melio­rationen erforderten int ganzen einen Aufwand von 3 079 547 Mark oder im Mittel auf_l ha 124,88 Mk. Bon den entstandenen Kosten hat die Staatskasse 673 300 Mk. übernommen. Vor der Feldbereinigung waren int ganzen 238 791, nachher 75 949 Grund­stücke vorhanden. Auf 1 ha kamen vorher im Mittel 9,7, nach­her 3,1 Grrmdsrücke; ihre Anzahl hat sich sonach um 31,8 Proz. vermindert. Die durch die Feldbereinigung und die Meliorationen erzielten wirtschaftlicheii Vorteile sind im Durchschnitt auf jähr­lich 38,96 Mk. für 1 ha berechnet. Da die Gesamtkosten für l ha 197,17 Mk. betragen, verzinst sich das Anlagekapital im Mittel zu 19,96 Proz. ..Die Kauf- uni» Pachtpresie jfnö nach der Feldbereinigung im Mittel um 26,8 Proz. und 29 Proz. gestiegen. Tic Feldbereinigung muß hiernach immer wieder als eines der wirkungsvollsten Mittel zur Förderung der Landwirt­schaft bezeichnet werden.

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* Tageskalender. Kolosseum: Donntag, 3. Juli: Vorstellung (Danny Gürtler).

fttnematograpl): Täglich Vorstellung.

Biograph: Täglich Vorstellung.

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- PfarrPersonalien. Der Großherzog hat dem Psarrverwaltec Karl Unverzagt zu Kirtorf die evangelische Pfarrstelle daselbst übertragen.

* Ruhestandsversetzung. Der Großherzog hat den Oberlehrer an der Oberrealschule zu Worms Prof, sich. Steuerwald auf fein Nach such en bis zur Wieder- Erstellung der Gesundheit m den Ruhestand versetzt.

* ' Bestätigter Beigeordnetcr. Der Groß herzog hat btc Wiederwahl des Kommerzienrats Eug. Gg. Haffner in Mainz zum unbesoldeten Beigeordneten der Provmzial- Yauptstadt Mainz bestätigt.

* * Erledigte Leh verstellen. Die mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Harpertshausen. W der Stelle ist Organistendlenst oerbundcu. Die mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Geniemdeschule zu Hassenroth. Dem Fürsten zu Löwenstein-Wertheim-Rojenberg fleht das Prä­

sentationsrecht zu. Dem Inhaber der Stelle kann eine Orts­zulage bewilligt werden.

Rufs chche Gesandtschaft in Darmstadt. Der russische Ministerresident Wirkt. Staatsrat Baron v. K nor rin g bat einen Erholungsurlaub angetreten; während der Beurlaubung wird Baron Vilar v. Pilchau die Geschäfte der russischen Gesandtschaft führen.

* * Der Hessische Landesverband des Deut­schen F l o tt en v erein s versendet seinen Jahres­bericht für 1909, dem wir folgendes entnehmen: An der Hauptversammlung des Deutschen Flottenvereins, die An­fang Juni in Kiel statt fand, nahmen vom Landesverband reif: Dr. Merck, Generalleutnant z. D. Korwan, Oberreal- schül-Direktor Dr. Lahm und Professor Lauteschläger. Ober­bürgermeister cl D. Schäfer wurde von der Hauptversamm­lung zum persönlichen Mitglied des Gesamt-Vorstandes ge­wählt. Der Landesverband hielt am 19. September in Oppenheim seine Hauptversammlung ab, die zahlreich be­sucht war und einen angeregten Verlauf nahm. Ihr wich­tigstes Ergebnis war eine wesentliche Verbesserung der Satzung, die schon länger als notwendig erkannt, aber auf­geschoben worden war, bis der jetzt erforderliche Neudruck der letzteren ihre Einführung erleichterte. Die Zahl der Einzelmitglieder betrug am 31. Dezember 1908 10109, am 31. Dezember 1909 9760, hat sich also um 349 = 3,4 Prozent ver mindert. Die Zahl der körper­schaftlichen Mitglieder betrug in 131 Körperschaften 19 420. Tie Einzelmitglieder verteilen sich: Starkenburg 4519, Ober­hessen 3462, Rheinhessen 1779. Tue Einnahmen be­trugen 15 275,32 Mk. Die Ortsgruppe Gunzenau-Reichlos hat sich aufgelöst. Dagegen sind neugegründet die Orts­gruppen Hüttenfeld, Ranstadt, Vilbel, Heimertshausen und Steinbachs. Gießen. Eine Kveisgruppe ist im Kreis 2llsfeld entstanden. An der vom Präsidium veranstalteten Lehrer­fahrt nach HamburgKielHelgolandWilhelmshaven nahmen aus unserer Heimat 6 Lehrer teil. Ein Beschluß des Präsidiums hat die Zahl der Lehrer, die der Landes­verband von diesem Jahr ab zu diesen Fahrten entsenden darf, auf 8 erhöht.

** Eisenbahn - Arbeiter -^Verband. Die Ortsgruppe Gießen des 78000 Mitglieder zählenden Verbandes Deutscher Eisenbahn-Handwerker und Arbeiter (Sitz Berlin) hielt gestern abend im Lenz'schen Fetsenkellev eine sehr stark besuchte Versammlung ab, in der Verbands- fekretär Apel-Trier über die wirtschaftliche Lage der bei der preußisch-hessischen Eisenbahngemeinschaft beschäftigten Handwerker und Arbeiter sprach. Der Redner bezeichnete die Bezahlung der Eisenbahnhandwerker und Arbeiter in Rücksicht darauf, daß die Lebensbedürfnisse erheblich im Preise in dte Höhe gegangen seien, als nicht auskömmlich. Durch die Statistik sei festgestellt, daß daH durchschnittliche Einkommen weit unter den Lohnsätzen der Privatindustrie oder kommunalen Verwaltungen^ bleibe. Deshalb müsse immer wieder an die zuständigen Stellen mit der Forderung einer Lohnerhöhung herangetreten werden. Ein Schmerzens­kind für die Mitglieder des Verbandes feien die unzureichen­den Leistungen der staatlichen Betriebstrankenkasse. In Erkrantungsfätlen müsse die Kasse vom ersten Tage der Erkrankung ab Unterstützung zahlen. Gewiß sei an­zuerkennen, daß das preußische 'Abgeordnetenhaus sich in einer seiner letzten Tagungen gründlich mit der Lage der Eisenbahnhandwerker und Arbeiter beschäftigt habe, aber chließlich könne doch nur der Zusammenschluß der Arbeiter elbst ihre wirtschaftliche Lage bessern, lieber and wichtig ei die Zusammensetzung des Arbeiterausschusses. Der Ver- ammlung wohnten vier Herren der Verwaltung bei. Die Ortsgruppe Gießen besteht aus 355 Mitgliedern.

'* ö e f f e n 11 i d) e Lesehalle. Jin Juni wurden 1893 Bände ausgeliehen. Davon kommen auf erzählende Literatur 983, Zeitschriften 238, Jugendschriften 175, Vers- dichtungen und Dramen 44, Literaturgeschichte 19, Länder- und Völkerkunde 64, Kulturgeschichte 34, Geschichte und Biographien 89, Kunstgeschichte 5, Naturwissenschaft und Technologie 106, Heer- und Seewesen 33, Haus- und Landrvirtschaft 14, Gesimd- heitslehre 11, Religion imd Philosophie 47, Staat-sivissenschaft 15, Sprachwissenschaft 10, Fremdsprachliches 6 Bände. Nack) auswärts kamen 62 Bände.

** Einbruch. In der Nacht vom Donnerstag auf Freitag wurde in das alte Schloß am Brand ein* gebrochen. Der Dieb, der es wohl auf das dorr unter- gebrachre Museum abgesehen hatte, ist jeoenfalls verscheucht worden, denn er hat nichts entwendet und feinen Stock und braunen Gummimantel im Stich gelassen. Diese fanden sich im botanischen Garten, wo der Dieb an dem Mauervorsprung hinauf und durch ein Fensyer, dessen Scheibe er zertrümmerte, eingestiegen war.

d. Klein-Linden, 1. Juli. Wie gefährlich der Genuß unreifen Obstes ist, zeigt der plötzliche Tod eines fünfjährigen Knaben. Tas Kind erkrankte gestern fehr schwer, die Eltern brachten es sofort in die Gießener Klinik, wo es nach einigen Stunden starb. Bei der Untersuchung sand sich, daß der Tod infolge Vergiftung durch unreife Aepfel und Stachelbeeren eingetreten war.

----- Lollar, 2. Juli. Das 25jährige Meister­jubiläum bei den Badenburger Farbwerken der Firma S. H. Cohn zu Berlin feierte am 1. Juli Heinrich Seidler hier. Von der Firma wurde der Jubilar mit wertvollen Geschenken und Glückwünschen reichlich bedacht und auch von Freunden und Bekannten ans nah und fern liefen zahlreiche Glückwünsche ein, ein Zeichen, daß sich der Jubilar weit über die Gemarkungsgrenzen hinaus große Liebe und Achtung erworben hat.

Q Bad-Nauheim, 1. Juli. Der erste Kraft­wagen der im Frühjahr sich gebilderen Omnibus- Gesellschaft ist gestern hier eingetroffen und vermittelt seit heute den Personenverkehr zwischen Bahnhivf, Stadt und Hochwald. Der Wagen faßt rund 30 Personen. Die Neueinrichtung wird im allgemeinen freudig begrüßt. Nur die Troscykentutschei: begegnen ihr natürlicherweife mit weniger Sympathie.

Friedberg, 1. Juti. Der Schntzverein für entlassene Strafgefangene im Gvoßherzogturn Hessen hielt heute un Hotei Trapp seine Haupt­versammlung ab. Der Vorsitzende Geueralstaats- anwalt Tv. Pretorius erstattete den Jahresbericht. Von 850 Mitgliedern mit einem Beitrag von 900 Mark ist der Verein auf 3500 Mitglieder angewachsen. Die '-Beiträge fliegen 1882 aus 1994 Mk., 1891 auf 3815 Mk., 1904 auf 5704 Mk. und 1909 auf 7142 Mk. An Unterstützungen ans entlassene Gefangene wurden 1904 6200 Mk. ausgegeben, 1909 8729 Mk. bezahlt, aus Starkenburg entfielen 4017 Mk. (Kreis Darmstadt 1304 Ml., Offenbach 1607 Mk.), auf Ob er­heben 1376 Mk. (Kreis Gießen 310 Mk., Friedberg 301 Mk.), auf Rheinhessen 2692 Mk. (Kreis Mainz 1709 Mk., Worms 528 Ml.). Tie vorjährige Versammlung in Offenbach führte dem Verein zahlreiche '.Uiitglieber zu, jo daß die Beiträge um 1300. Ml. stiegen. Die Pfleglinge rctruliereu sich, ans

de großen Strafanstalten zu Butzbach, Mari en schloß, Weiberstrafcmstalt Mainz 1909 wurden unterstützt au-j Butzbach 178, Mcrrienschloß 19, Mainz 54, Arresthaus Darm­stadt 22, Arbeitshaus Dieburg 6, Gießen 2, Nichthessen 11. Von den Unterstützten waren 156 evangelisch, 136 katholisch, 1 israelitisch, unter 20 Jahren 44, 2030 Jahre 124, 30 bis 40 Jahve 89, 4050 Jahre 27, bis 60 Jahre 5, über 60 Jahre 5. Dieses Jahr steht eine große Verschiebung des Sttafvollzugs bevor. 50 Prozent aller strafbaren Hand­lungen haben ihre Ursache im Moholgenuß und 66 Prozent sind aus Gewinnsucht begangen. Der Jahresbericht gibt ein klares Bild über die edlen Ziele des Vereins. Die Jahresrechnung für 1909 zeigt einen verzinslichen Ver- mögensstand von 56 013 Mk., das Gescmttverwögen, ist 60176 Mk. An Geschenken gingen 1112,30 Mk. ein. «Der Voranschlag für 1911 sieht als Einnahme 12 000 E/ als Ausgabe 11100 Mk. vor, darunter 8000 Mk. für Unter­stützungen. Bei der Borstandswabl wurden Wied er gewählt: Geheimevat Dr. Breidert, Superintendent Petersen, Di:. Selbst, Dr. Kaiser, Dr. Theobald, Dr. Whler: neugewähtt wurden Provinzialbirektor Geheimerat Fey-Tarmstabt, Pro* vinzialdirektor Dr. U sin g er-Gießen und Oberstaatsq anwalt von Hesseri-Darmstadt.

(-) Friedberg, 1. Juli. Die Blindenanstalt soll jetzt endlich den sett Jahren geplanten Neubau erhalten. Das Gebäude soll noch bis Herbst im Rohbau vollendet werden. Es kommt hinter die Augustinerschule an die ehe­malige Promenade zu stehen. Einen Drohbrief von derschwarzen Hand" aus Wien erhielt Polizeikom- missar Weiß. Er wird darin aufgefordert, bis zum Sep­tember 150000 M k. einzusenden.

O Krofdorf, 1. Juli. Da sechs Gewerbetreibende Telephonanschluß mit dem Postamt Gießen gewünscht haben, wird jetzt eine direkte Leitung der neuen Krof- dorfer Straße entlang erbaut. Bisher führte die Verbindung für Krofdorf der Biebertalbahn nach und zweigte am Halte­punkt unweit Nodheim hierher ab. Auch die Burg Gleiberg wird an die neue Leitung angeschlossen.

3um Friedberger Attentat.

Tie Nachricht von der Verhaftung W e r n e r s, die ein belgisches Blatt veröffentlicht hat, bestätigt sich an­scheinend nicht, denn nach den von uns eingezogenen Erkun­digungen weiß man an den in Frage kommenden Dienst­stellen noch nichts, darüber. Da die belgische Polizei die deutsche zweifellos sofort unterrichtet hätte, ist es als sicher anzunehmen, daß es sich um eine Verwechfelrmg handelt und Werner noch nicht ergriffen wurde.

wandern und Keifen, väder und Sommerfrischen.

= Bad-Nauheim, 1. Juli. Ter Pcter PaiilS-Tag brachte uns eine Neuerung, indem zum ersten Male die schöne nördliche Terrasse des Tennis-Cafes einer Wohltätigkeitsveranstaltung zum Schauplatz diente. Die Fürstin Salm^Tvck, seit Jahi'en ein treuer Kurgast Bad-Nauheims, stand an der Spitze eines Komitees für ein Konzert, dessen Ertrag einem Fonds zur Beschaffung einer Orgel für die St. Bonifaciuskirche hier zufließen soll. Eine zahl­reiche Gesellschaft hatte der Einladung Folge geleistet.

(5crid?i»faaL

Heilbronn, 1. Juli. Das Schwurgericht hak heute den ehemaligen Schultheißen Besch von Stockheim wegen Unter- schlagung und Urtundenfälsdumg im Amte zu 7 ( 2 Jahren Zuchthaus, 1200 Mk. Geldstrafe eventuell weiterer 60 Tage Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt. Der Staats­anwalt hatte acht Jahre Zuchthaus, 1000 Mk. Geldstrafe und 10 Jahre Ehrverlust beantragt. Im ganzen hatte Besch 65 öffentliche Urkunden, 353 Privat-Urknnden gefälscht, sowie 349 falsche Beurkundungen, vorgenommen. Geschädigt sind insbeson­dere Banken und Sparkassen um ca. 300 000 Mk.

vermischtes.

* lieber deutschfeindliche Stimmungsmache mitKinematographen, über btc wir ebenfalls schon wieder­holt berichtet haben, und zwar bei dem gleichen Borsall, wird dem Ostasiatischen Lloyd" aus Batavia gc)d)rieben:Inwieweit bet Kinematograph, eine sonst nur der Belehrung und UnierhaltunL bienende Erfindung, auch dem weniger schönen Zweck der poli-> tischen Verhetzung dienstbar gemacht nrcrben tarnt, haben Vor­gänge gezeigt, die sich unlängst hier in der Hauptstadt sowie ini anderen Städten der Kolonie abgespielt haben. Es mürben hier! bei Volksfesten unb ähnlichen Anlässen im sogenanntenBwskop"' Bilder vorgeführt, btc unter anderen auch benBarbarismus" der deutschen Truppen im Kriege 1870/71 zur TarüeUnng brüt gen 1 sollten. 'Natürlich handelt eS sich um sogenannte Theatcrsilwssi das heißt künstliche Zusammenstellungcil von Gruppen, bic mit beri Wirklichkeit nichts zu tun Haden. Ta aber enahrnngSgemäß bas große Publtkunt mir zu leicht hierbei einer Täuschung zum, Opfer fällt, so war immerhin btc schädliche Absicht der Berynstatter^ die deutschen Truppen unb damit bas Teutschtuni ut den Augen ber Zuschauer herabzusetzen, ihrer Verwirklichung näher gebracht. Anerkeiinung verdient sowohl die Haltung der holländischen Ko- lontalbchörben, bic nach kurzer Zeit biesem Unfug burdj ein Verbot Einhalt taten, als auch das Verhalten ber Bevölkerung, bie sich den Entrüstungskutldgebungcn der aniveienbcn deutschen Theaterbesucher burchauS anschloß. Wenn man sieht, wie biej Kinematographen politisch gegen Deutschland ausgeitutzt werden. so drängt sich die Frage auf, warum nicht auch beu'tschc Kinemato- graphen-Unternehmer sich dieses Mittels zum Nutzen Deutschlands bedienen. Es gibt doch eine Menge Dinge aus Deutschland, deren Vorführung auf diesem Wege hier draußen nric überall interessieren würbe: es sei nur an Zeppelin erinnert. Hier bietet sich sich deutschen Unternehmungsgeist eine dankbare Ausgabe."

* Ein demokratischer König im dunklen! Afrika. Ter afrikanifche König 2 e lu a n i f a, ber an den Ufern des Sanübefi thront und das Schicksal des Barotselaiides leitet, ist ein Herrscher, der den Ehrgeiz hat, an der Spitze afrlkainschLö Zivilisatton zu marschieren, und ber modernen europäischen Ideen in seinem Reiche eine neue Stätte schassen will. Er hat soeben eine bedeutsame Verfügung erlassen, bie in den Annalen besj schwarzen Weltteils einstweilen ohne Gegenstück ist. Bisher hatte er allein das Rockst: auf den Sitz in derKhotla", das ist in der Regierung, die über Wohl und Wehe ber Untertanen verfügt.. Die übrigen Ratgeber mußten stehen, und mir stehend bunten sie bem lauschen, was König Lewanika üevorbnete. Von nun' ab haben alle Barotses bas Recht, in derKhotla" zu sitzen, und sie brauchen nicht mehr zum Zeichen ihrer Untcriuiiriigfeit auf der Erde zu knien. Freilich ist b.m Mitgliedern ber Re- gierungSveifammluirg befohlen worden, sich ryre Sitzgelegen­heiten selbst müzubringen, da bet Staatsschatz außer Stande sei, ihnen Stühle ober Schemel zu liefern. Ader König Lewanika: l>at sich nicht mit der Verordnung allein begnügt; er will auch, daß die europäische Welt, daß die ganze Külturwelt von der ein* ichncrbenden Neuerung erfahre, bic er im Barotselanb eingeführt hat. Und darum Hot er dem Missionar Eöisson eine eigenhändig« 'Abschrift des bebeiüfamcit Erlasses übermittelt, mit bem Littst trage, die übrigen Bewohner der Eroe von brr stattgehabten llmx Wandlung zu unterrichten. Man sieht, ber König kennt auch schon den Wort der Presse.

* Tie Falschm ü n zerwerkstatt i m Gc' n g n is. Aus Chicago wird berichtet: Eine unangenehme Cm Weckung, bie für ben Unbeteiligten bes Komischen nicht entbehrt, haben bic Staate behorben von Jefferson City machen müssen:> stellt« sich heraus, büß das große Staatsgesängnis von Jesiersont