Ausgabe 
24.6.1910 Erstes Blatt
 
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£ 231 t]ib; dem Borsi.tzcn-cn die MS^kichkeit, die Berneh- imm« des Angeklagten unb die BemeisMi fnachme einem ib«ptzenden Richter zu übertragen. Die Mitglieder des Oerrchts sollen vermeiden, ihre Ansicht über die Schuld «Äer Mchrschuld des Angetlagtcn kundzugeben. Bestrafun­gen, die der Angeklagte erlitten hat, sind nur insoweit fesst- zufhelken, als sie für die Entscheidung von Bedeutung sind.

Bei diesem Paragraphen tarn es zu Langen Auseinander­setzungen. Schließlich wurden aber sämtliche Abände- rungvan träge mit wechselnden Mehrheiten abge- 1 ebn t und die Regierungsvorlage aufrechterhalten. Eben- fchlts abgelehnt wurde ein fortschrittlicher Antrag, die Soll-Vorschrift, wonach die Mitglieder des Gerichts ihre -Ansicht über die Schuld oder Nichtschuld des Angeklagten nicht funb^ugeben haben, in eine Muß-Borschrift zu ver­wandeln.

Tre Beratung über § 232, der von den Beweiser­hebungen handelt, wurde nicht zu Ende geführt. Nächste ^Sitzung Freitag.

Deutsches Kecdh

DirH o he n z o l l e r n" mit dem Kaiser an Bord traf gestern abend um 10 Uhr 30 Min. vor den Schleusen, von Holtenau ein. Noch erfolgter Turchschleusung dampfte die Kaiserjacht unter Salut der Flotte in den Kieler Krieqshasen, durchfuhr die 'Reihen!der unter Toppfiaggen liegenden Kriegsschiffe, deren Mann­schaften 'Paradeaufsteilung genommen halten und machte sodann an der gewohnten Liegestelle vor der Reventlow brücke fest.

Die leudgültige Abstimmung über den Entwurf einer Schisf- fahrtsabgabenvorlage im Bundesrate soll am 30. Juni statt finden. Der Bundesrat will sodann in die Sommer- f er tat eintreten. Mau nimmt in Bundesratskrcisen an, daß der Widerstand von Oesterreich und .Holland gegen das Gesetz im Lause des Sommers beseitigt werden kann und die Vorlage dem Reichs­tage im November zugehen wird.

Der Vorstand des Deuts di en Städtetages beschloß gestern unter dem Vorsitz des Oberbürgermeisters .Brschner, die. Frage der Arbeitslosenversicherung auf die Tages­ordnung des nächsten Städtetages zu setzen unb wegen der Wert- zuwachssteuer eine neue ausführlich begründete Eingabe an ben Reichskanzler zu mad>en.

In der Villa Hochfeld fand am Donnerstag nachmittag öVi. Mn für die Prinzessm Feodora zu Schleswig-.Hol­st ein eine Trauer feier statt, der die Kaiserin mit den übrigen Verwandten, sowie die nächste Umgebung beiwohnten. Darauf erfolgte die Ueberführung der Leiche nach dem Bahnhofe Achern. Der Leichenwagen war mit einigen Kränzen behangen. Unmittelbar hinter dem Leichenwagen folgten die.rstlichen Herren in fünf Wagen. Im ersten Wagen befanden sich .Herwg Ernst Günther von Schleswig-Holstein, Prinz August Wilhelm von Preußen und der Großherzog. In Saßbach läuteten die Glocken, desgleichen beim Eintritt in die Stadt Achern. Am Bahnhof an­gelangt, wurde der Sarg in den zur Verfügung stehenden preußischen Salonwagen gestellt, mit dem die Leiche nachts n a Prim- ke nau überführt wird. Gegen V28 Uhr trafen die Kaiserin und die übrigen fürstlichen Damen aus Oberfaßbach ein und fuhren bann sofort mit dem .Hofzuge, der inzwischen vorgefahren war, nach Karlsruhe tveiter.

Ausland.

SeS österreichische Abgeordnetenhaus nahm den . Staatsvoranschlag gemäß den Anträgen des Budgetsausschusses an.

Etwa 4 00 den tsd) ^-nationale Studenten veran statteten in Wien vor dem Parlament einen Demonstrationsbummel gegen die Errichtung einer italienischen Rechtsfakultät in Wien. Eine Abordnung überreichte dem Deutschnationalen Verbände eine Protestentschließung.

Auf eine Anfrage wegen der Ausweisung eines italie­nischen Staatsangehörigen ans Lothringen er­klärte der Unterstaatssekretär des Auswärtigen Discalea, die italie­nische Regierung könne sich in den innerpolitischen Akt eines anderen Staates nicht einmischcn, da dieser Akt mit den inter­nationalen Beziehungen nichts zu tun habe.

Premierminister Asquith zeigte im britischen Unter­haus an, daß er amt 28. Juni einen Gesetzentwurf einbringen werde, durch den gewisse Wendungen in der Erklärung des K ö it i g s b e i d c r T h r 0 n b e st e i g u n g geändert werden sollen. Das Budget für 1910 1911 soll am 30. Juni eingcbracht werden. Asquith erklärte weiter, die Regierung habe beschlossen, Gelegenheit zu geben, über einen Gesetzentwurf, betreffend die Ausdehnung des parlamentarischen Wahlrechts auf die Frauen, in zweiter Lesung zu beraten und abzu­stimmen, jedoch auf die weiteren Beratungsstadien zu verzichten. Wei der Beratung des Postetats erklärte der Geueralpostmeister, er hoffe, daß in nicht allzufcrner Zeit cs einen vollständigen Ring von Stationen für d r a h t l 0 s e T e l e g r a v h i e um das britische Reich geben loerde. In betreff der vorgeschlagenen P e. n n y - P 0 rt 0 taxe mit Frankreich wies der Redner darauf hin, daß die Frage nicht als solche betrachtet werden könne, die sich nur huf ein Abkommen mit Frankreich beziehe. Die Korrespondenz Englands mit Deutschland sei 'ebenso groß, wie die mit Frankreich. Ueberdies sei die französische Regierung zurzeit nicht in der Lage, eine weitere Herabsetzung der ausländischen Portosätze in Erwägung zu ziehe,!.

Der König unb die Königin der Bulgaren finb in Paris eingetroffen unb vom Präsidenten ber Republik, dem Ministerpräsibenten, dem Minister des Aeußem, den Präsidenten der Kammer und des Senats und anderen Regierungsvertretern empfangen wurden. Präsident Fallieres gab zu ihren Ehren ein .Dine r.

In Chardin wurde gegen den Stadtkommandanten ein M ordversnch verübt. Der Oberst wurde leicht verwundet. Der llebeltätcr ist entkommen.

Ans Stadt und Land.

Gießen, 24. Juni 1910.

' Tageskalender für Freitag, 24. Juni. 4. Aban­ne m e u t s k 0 n z e r t der Regimenlsmnsik in Steins ©arten. Anfang 8 Uhr. .

* * Ei n e Sitzung des Pr 0 v inz i o l - A us sch u s ses findet Mittwoch, 29. d. M., vormittags 9 Uhr, mit folgender Tagesordnung statt: 1. Beschwerde des Stadtbcrumeisters t. P. Zörb zu Friedberg wegen .Heranziehung zu den Straßen- reimguugskosten. 2. Rekurs des Herrn. Fischer zu Bad-Nau­heim gegen einen Polizeibesehl Großh. Kreisamts Friedberg. 3. .Heranziehung des Pachters Jakobi zu Utphe zu den Krcis- straßen-Unterhaltungskosten Hilfsbedürftigkeit des Heinrich

Kaiser vor Orleshausen. 5. Klage des Ortsarmenverbands Darmstadt gegen den Landarinenverband Friedberg wegen Unterstützung des Joh. Baptist Ochs von Böttingen.

* BiSmarckk 0 mmers der Studentenschaft. Am Samstag abend nach 8 Uhr veranstaltet die Gießener Studentenschaft den alljährlichen Fackelzug durch die Stadt nach dem Bismarckturm, woselbst ein Freudenfeuer ab- gebrannt wird. Daran anschließend findet in der Festhalle der Brauerei Textor der Bisiuarckkommers statt.

Abonnements-Konzerte der Regiments- kapelle. Kammermusiker Paul Weschke ist, wie ein Tele­gramm meldet, durch Krankheit verhindert, sein Gastspiel hier zu erledigen. Trotzdem findet das Konzert statt und dürfte auch, da Obennusikineister Löber ein besonders gewähltes Programm zu Gehör bringen wird, freundliche Beteiligung finden.

* * Bom Kolosseum wird uns geschriebene Dannv Gürtler, der,.,letzte Romantiker" und , König ber Bo­heme", gastiert Samstag, Sonntag und Montag im Ko­

losseum mit seinen neuesten Schlagern. Gleichzeitig tritt ein volbsüändig neues Spezialitäten-Ensemble auf.

* * S e l bfilg e st>e ll t. Der Briefträger Rockel von hier, gegen welchen eine Untersuchung wegen Verbrochen im Amt sck)wel>t und der vor einiger Zeit flüchtig ging, lM sich gestern bei der Sta-crtSa.nwcrltschaft hier freiwillig ge­fiel l t.

"Erledigt sind die Stellen der Pfandmeister für die Beitreibungsbezirke Fürth und Mainz V.

* * Die Mitgliederversammlung des Hessischen Schutzvereins für entlassene Gefangene findet am Freitag, 1. Juli, nachm. 372 Uhr, zu Friedberg im städtischen Saale, an der Stadtkirche (über den Pferdeställen, Eingang von der Schnurgasse) statt.

* * Di e 0 berhessischcn Iu n g v i e h w eid e u sind in diesem Jahre wie folgt besetzt: Lauterbach 14 (1909: 26) Fohlen, 52 (51) Rinder, Tiergarten 39 (64) Johlen, 105 (34) Rinder, Zell 20 (30) Fohlen, 63 (55)Rinder, WerningS 15 () Fohlen, 62 (73) Rinder, zusammen 88 (120) Fohlen, 282 (213) Rinder.

* * Acht erfie PreiS-Böcke der Saaner-Ziegenrasse hat der Landwirtschaftskammer-Ausschuß für Oberhessen auf der Deutschen landw. Ausstellung in Hamburg angekauft. Die 5 Monate alten stattlichen Tiere, die den verschiedenen Bock'stationen der Provinz als Zuchtmakerial überwiesen werden, sind kurze Zeit auf der Lämmcrweide des Gießener Ziegenzuchwereins zum Weidegang untergestellt. Ziegen­züchter und Tierfreunde können dort sich an den Sprüngen der munteren Tiere erfreuen und selbst den großen Unter­schied wahrnehmen, der zwischen den Preistieren und den gleichalterigen Lämmerü besteht, die in Gießen gezogen sind.

Alsfeld, 23. Ium. Die Renovation deS Rathauses hat begonnen. Vor 14 Tagen wurde die Bürgermeisterei in das ebenfalls am Marktplatz stehende Wein hau S verlegt. Heute fand die erste Sitzung des StabtvorstandeS hier statt, in der die Abhaltung eines Herbst- Pferdemarktes beschlossen wurde.

Wächtersbach, 22. Juni. Kammerrat Wörner wurde vom Fürsten zu Isenburg-Büdingen zum Kammer­direktor ernannt.

P. Schotten, 24. Juni. Am 17. und 18. Juli findet hier die 4 8. Wanderversammlung desOber­hessischen Bienenzuchtvereins", verbunden mit Imkerei-Ausstellung, statt. In allen Ausschüßen wird eifrig gearbeitet. Kürzlich tagte in der Schützenhalle, die mit dem angrenzenden Gelände auch als Festplatz gewählt ist, eine gemeinsame Versammlung der Imker des Bezirks Schotten mit den Festausschüssen, in der der Vorsitzende des Haupt­vereins, Lehrer Buß-Leihgestern, einige wichtige Winke für die würdige Gestaltung der Ausstellung gab. Diese wird dem Besucher manches Jnteresiante bieten aus dem geheimnis­vollen Leben und Treiben der Bienen. Eine besondere Sammlung von Gerätschaften wird zeigen, wie der Imker ferne niedlichen Haustiercheu unterstützen muß, damit sie den Blütensegen des Sommers ansnützen können. Auch die Ver­wandlung des nützlichen Insektes wird in ihren einzelnen Stufen gezeigt. In allen Teilen der Ausstellung geben Sach­verständige Auskunft.

§ Büdingen, 23. Juni. Eine Vereinigung der Baum wärt er des Kreises wurde gegründet. Den Anstoß zur Gründung gab der Obst- und Gartenbauverein. Zweck des neuen Vereins ist engerer Zusammenschluß und Hebung der Interessen aller Mitglieder. Vorsitzender ist Kreisbaumwart Volz-Gelnhaar, Stellvertreter Pfeiffer-Konradsdorf. Der Ver­ein zählt bis jetzt etwa 80 Mitglieder.

rm. Darmstadt, 24. Juni. (Tel.). Heute vormittag ist der 22 Jahre alte Sohn des Ständehausverwalters Schmidt, stud. Hch. Schmidt, beim Baden im Woog ertrunken.

Hamm i. Rheinhessen, 23. Juni. Das Hochwasser durchweichte gestern den sogenannten Sommerdamm und mußten alle Bürger alarmiert werden, da das Wasser bereits eine Durchbruchsstelle gefunden hatte. Es gelang nach stundenlangem Ringen mit der Flut, das Master zum Stehen zu bringen. Zirka 1000 Sandsäcke waren nötig, um an der Durchbruchsstelle einen Bruch zu verhindern. Im Steinssurt" richtet das Hochwasser in den Feldziegeleien enormen Schaden an. Mehrere 100000 Backsteine sind vernichtet. Die Arbeit mußte eingefaßt werden. Seit 15 Jahren zum erstenmal wieder ist die Dammwache in Tätigkeit getreten. Im sogenanntenHammerwörth" ist eine Fläche von zirka 100 hessischen Morgen von Grundwaster überflutet. Die Kartoffeln und Zuckerrüben dürften auf dieser Fläche in diesem Jahre keinen Ertrag geben.

0 Anspach i. Taunus, 22. Juni. Touristenkreise wird es interessieren, daß das schon viele Jahre wegen Baufällig­keit nicht mehr besteigbare Aussichtsgerüst auf dem zwischen Saalburg und Feldberg gelegenen Herzberg nun endlich durch den lange geplanten Turm einen Ersatz findet, mit dessen Bau bald begonnen wird. Die Lieferung des Materials und die Ausführung der Arbeiten liegt in den Händen einer hiesigen Firma.

Bombenattentat unb Bankraub in Friedberg.

'Die Einzelheiten deS Friedberger Bombenattentats unb des versuchten Bankraubes sind noch nicht in allen Einzel­heiten aufgeklärt, da sich noch eine begreifliche Berwirrung geltend macht.

Der amtliche Bericht schildert das Verbrechen folgendermaßen:

Heute nachmittag kurz vor 4 Uhr er folgte im Rat­hause dahier eine bedeutende Explosion, durch welche der Treppenaufgang vollständig zerstört und sämtliche Räume des Gebäudes stark beschädigt wurden. Nachbem die in den Bureaus beschäftigten Beamten durch Feuerwehrleitern sämtlich aus diesen entfernt, wurde festgestellt, daß die Explosion durch eine Bombe, die int Erdgeschoß direkt unter der Treppe gelegt worden, verursacht war. Einige Bv- amten wurden durch Glassplitter und sonstige Teile, die sich in den Bureaus von Wänden und Decken usw. los­gelöst hatten, unerheblich verletzt, Kurze Zeit darauf wurde ferner mitgeteilt, daß in der Reich sb an kn e b en stelle iyabier von einer unbekannten Person ein Ranbversuch zur Aus­führung gebracht worden, wobei dem Räuber jedoch kein Geld in die Hände gefallen sei. Dem Vorstand der Reichs­bank sei es gelungen, den mit Maske versehenen Unbekannten mit Gewalt aus dem Kasseuraum, in dem die Plünderung beabsichtigt war, zu entfernen. Der Unbekannte habe hierbei einmal (! auf den Beamten geschossen und diesen am Kopfe nicht unerheblich verletzt, sich dann aber schleunigst

entfernt. Durch den von dem Beamten verursachten Alarm wurden Straßenpassanten und Nachvarn auf das Geschehene und den Räuber aufmertsam und es wurde auf diesen, der sich inzwischen auf sein Fafarad gesetzt, um rasch zu ent- lommcn, die Verfolgung aufgenommen. .Hierbei schoß der Flüchtige mehreremale auf die ihn Verfolgenden. Ein drei­zehn Jahre alter taiLbftuirnner Knabe wurde unglücklicher Meise durch einen Schuß in den Unterleib schwer verletzt. Alsdann mürbe von der Polizei mit einem Automobil und Fahrrädern unter Anwendung ber Polizeihunde die Verfolgung aufgenommen. Inzwischen wurden auch die Polizeibehörden der nächsten Umgebung sämtlich von den Vorfällen in Kenntnis gesetzt und nach Abgabe der Signale­mentsbeschreibung des Täters um dessen Festnahme erfucht Den den Flüchtigen verfolgenden Schutzleuten aus Fried­berg und Bad-Nauheim gelang es, diesen in der Nahe des Bad-Nauheimer Friedhofs aufzuspüren. Ms er sich er­griffen sah, richtete er eine der noch in seinem Besitze be­findlichen Schußwaffen aus sich selbst und schoß sich durch die Schläfe. Er verstarb nach etwa einer halben Stunde. Außer 4700 Mark Bargeld fanden sich bei der Leiche noch zwei scharf geladene Revolver und Munition vor. Die weiteren Feststellungen haben bereits ergeben, daß er einen Komplizen gehabt hat, auf den die Polizei fahndet."

Von Augenzeugen

gehen dem Oberh. Anz. folgende Mitteilungen zu:

Es war gegen 4 Uhr, als plötzlich ein scharfer Knall wie aus einem schweren Geschütz ertönte und aus dem .Hausgang und den Fenstern dos Rathauses Rauch und Staub, Glassplitler und .Holz­teile herausslogen und einige dem Rathaus gegenüber spielende Kinder niederwarfen, und ein vorübergehendes Mädchen an bet Backe verwundeten, das schreiend, davontief. Kurz daraus erschien an dem Fenster des Bürgermeisterzimmers Stadtsetretär Grau-> lich und rief:Leitern herbei, es brennt." Aus der Nachbar­schaft wurden Leitern gebracht, die indes nur bis zum 1. Stock reichten. Der Feuerwehr-Kommandant stieg als erster in das Bür germcifterbureau ein und stellte hier zunächst fest, daß die Treppe im ganzen Haus von der Explosion »uiamniengerifan war und sämtlichen in beit Bureaus befindlichen Beamten und Gehilfen der Weg ins Freie abgeschnitten war. Durch Kreisarzt Dr Nebel ünd den Sanitätsmann der Feuerwehr Barbier Mmb wurde Graulich verbunden und verließ bann aus her Leiter das Bureau. Die inzwischen eingetroffene Feuerwehr stellte drei Leitergänge nach den oberen Stockwerken her, legte den Rettungsschlauch an und beförderte Stadtbaugeometer Staubach, Stadtbaumeister Köhler und mehrere Bureaugehilsen auf Leitern, den Gehilsen Völker und zwei andere Leiste durch den Rettungsschlauch herunter. Polizei- kommissar Weiß und Bureaugehilfe Wilhelm wurden mit der Schiebeleiter vom Hof des Ratskellers aus vom 3. Stock angc- feilt bet unter geleitet. Inzwischen, war auch von der Feuerwehr eine Leitmrg von dem Hydranten nach dem Rathaus gelegt und von 'ben oben eingefaegenen Mannschaften die Haushydranten be triebsfertig gemacht. Nachdem Staub und Rauch abgezogen waren ließ sich feststellen, daß teilt Feuer ausgebrocheu war. Die gesamte Treppe bis zum Dach war zusammengerissen unb in dem Bürgermeisterbureau und dem Sitzungssaal Tische und Stühle umgeworfen. Die Wände im H a u s g a n g sind um 25 Zentimeter aus dem Lot gewichen, das Pvlizeigewaht^ fam ist ein Trümmerhaufen. Wäre das Rathaus ein ^adnnerf» bau bann wäre es jedenfalls ein Trümmerhaufen. Die Ibn fassungswände sind indes 105 Zentimeter dickes Bruchstein-Mauer­werk das den Druck, bis aus eine Stelle nach der Rathausgasse hin aushielt. Nur dadurch ist die Rettung der im Hause be­findlichen Personen nwglich geworden, wie es airtb ein Wunder 3tu neunen ist, daß sich z. Zt. der Explosion niemand aus dein Gang ünd der Treppe befand. Dos Rathaus wird sonst um diese Zeit stets von .Hunderten von Leuten besuch!. Flugteckniker Sch^ithauer der den 23erbrechet verfolgte, erzählte, er sei

auf feinem Rade auf der südlichen Kaiserstraße getnesen, da habe er aus sich zu einen Menschen auf dem Rade kommen sehen, ber verfolgt worden sei und auf seine Verfolger beständig geschossen habe. Er sei ihm itad)gefahren, die wilde Jagd sei bis 5um Mainzertorlveg gegangen, dort rechts dem Gewanmveg hinein und dann dem Gemarkungsgrenzweg entlang auf die Ockstädtor EHausee, die Chaussee entlang nach Ockstadt, durch diesen Ort Istnburch unb nach Nauheim zu, da sei endlich, von Nauheim her, der Schutzmamr Bierwitt von dort _bem Verbrecher auf dem Rade entgegen ge kommen, so daß dieser, da auch inzlvisckien die Friedberger Schutz- mannschast hinter ihm war, an seiner Flucht verzweifelte, in's Feld flüchtete unb sich erschoß.

Aussage des Bankvorstehers.

Der Bankvorsteher Meyer, der von dem Räuber durch einen Dchuß verletzt wurde, ist noch nicht vernehmungsfähig. Einem Angestellten hat er jedoch den ganzen Hergang des Ücberfallev geschildert uird zwar ziemlichJibereiijfammenb mit unserem gestrigen Bericht. Nach des Aussagen des Vorstehers kam der Fremde mit gezogenem Revolver in das Tresorzimmer gestürzt. Ai'cyer, bei- gerade mit dem Zählen des Papiergeldes' beschästtgt war. ließ einige Bündel Papierscheine aus der £>anb fallen und wandtt sich sofort gegen den Angreifer, ber nun wohl nicht den Mut sand, loszudrücken. Meyer schlug ihm mit der einen .Hand den Revolver herunter, ioährend er mit der anderen nach ber schwarzen Larve griff. Es kam zu einem wütenden Handgemenge, in dein ber Bankvorsteher einige Schläge auf den Kopf erhielt, die ihn etwas betäubten, aber noch nicht die Besiuniing raubten. Er versuchte feinen Gegner an das Fenster zu drücken, das auf die Straße mündet, um sich durch Hilferufe bemerkbar zu machen. Das gelang ihm aber trotz seiner gewaltigen Körperkräfte nicht. Ter Räuber gab noch zwei Schüsse ab, von denen einer ein Schrotschuß war, und entfloh dann.

Der Einbrecher batte seinen Revolver gemischt geloben, denn man fand bei der Untersuchung des Raumes später noch eine Kugel. Erfreulicherweise spielte auch der Zufall eine gi'oße Rotte, baut bei seiner Flucht aus dem Bankhaus ergriff ber Verbrecher in ber Verwirrung ein falsches Rad unb ließ das eigene samt den Bomben stehen, so daß bie Ermittlungen wesentlich erleichtert werben. Zubern hätte er von ben Explosionskörpern auf der flucht womöglich Gebrauch machen können.

Die Persö nlichkeiten der Verbrecher find noch nicht genau festgestellt, unb bie inzwischen verhafteten Leute mußten nach kurzem Verlwr wieder freigegeben werden, da sich der Verdacht jedesmal als unbegründet erwies. Es hnt sich aber herausgestellt, daß der Fremde, der unter dem Manien Schmidt" un Burghotel abgelticgcn war, nicht der Ver­brecher ist, der sich auf der Flucht erschossen hat. Daraus geht hervor, daß es sich, wie wir sofort annahmen, tatsächlich um mehrere Leute handelt, die den Plan mit außerordentlicher Ucberlegung vorbereitet und zweifellos falsche Papiere be­nutzt haben. In .Halle ist ein Chouffeur namens B u r t'c 11 ft ein augenblicklich verreist und es darf angenommen werden, daß ihm [eine Papiere gestohlen wurden. Der MitschuldigeSchmidt" soll in der Nacht nach dem Anschlag nochmals im Burghotel gewesen sein, wo er aber nicht feftgenmnmen wurde, weil die Bediensteten vollständig ben Kops verlorew hatten Es ist aber noch nicht festgestellt, ob biefe Angaveu zuverlässig sind. Im Ofen des Zimmers, das ber Mitschülbige bewohnte, fand man eine grün überzogene Papphütte, auf der in deutscher, englischer und franzö­sischer Sprache zu lesen ist:Diese Hütte ist abzunehmen, bevor die Batterie in Gebrauch genommen wird." Die Polizei fahndet jetzt eifrig nach dem zweiten Verbrecher, der im gleichen Alter wie der Tote stehen sott. Er wohnte nicht mit diesem zusammen, vielleicht in Nauheim oder in Frankfurt. Täglich trafen sich die Beiden an einem anderen Ort.

Die Besichtigung der Leiche bat ergeben, daß der Selbstmörder etwa 168 Zentimeter groß, von schlankem Bau, dunkelblond und etwa 26 Jahre alt gewesen ist; das Gesicht ist glatt und bartlos. Am rechten Arm ist eine deutsche und eine amerikanische Flagge cintätowiert. .Die