Ausgabe 
23.8.1910 Zweites Blatt
 
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Nr. 196 Zwettes Blatt

<v 160. Jahrgang

DierrStag 23. Nugust 1910

Erfthemi tLgüch mti Ausnahme bei Sonntags.

DieSiebener ZamMeadlätter" werben dem ^Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, bas JCretsMott fitt ben Kreis Sieben" zweimal wücherUlich. Die »Landwirtschaftlichen Kett- fragen" erscheinen nwnatlich zweimal.

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Sberheffen

StotaÜonSdrmk and Verlag der «jcütfW« UnwerfitÄS * Buch- und Steindruck er«. D. Lange, Gießen.

Redattw«, Expedition und Druckerei: Schub- straße 7. Expedition und Verlag: e«5L Redaktion: ^^112. Tel.-Adr^An-eigerGießen.

Bürger, erwerbt dar hejfifche Ztaatrbürgenecht!

Man schreibt rurS.

Atter Voraussicht nach wird diesmal die Wahlrechtsvorlage, bte bem hessische» Volle daS direkte Wahlrecht bringen soll, Gesetz. Luch wenn man mit einzelnen Punkten der Wahlrechts­oorlage, wie sie durch die Mitarbeit der Zweiten Kammer ge­worden ist, nicht einverstanden ist, traifc man doch anerkennen, daß der seit Jahren von Der großen Mehrheit des hessischen Volkes als unhaltbar bezeichnete Zustand die Bevormundung bet Wähler durch die Zwischenwahl der Wahlmänner und der oftmals nach der Wahlmännerwahl entstandene Wahlschacher beseitigt wird. Lausende wahlberechtigter Hessen blieben um deswillen der Wahl fern. Die unbeliebte indirekte Wahl hatte aber auch zur Folge, daß Iteichsangehorige, die Nicht Hessen waren oder es noch sind, es nicht der Piühe wert falben, sich das hessische Staatsbürger­recht zu erwerben.

Mit der Einführung der direkten Wahl zum hessischen Landtag wird das hessische Staatsbürgerrecht zweifellos wert­voller und begehrter. Um unserm Bürgertum den Weg zur Erlangung dieses Rechtes zu zeigen und zu erleichtern, hat der hiesige Nationalliberale Verein die notwendigen For­mulare drucken lassen und versendet sie kostenlos au alle Interessenten. Eine kleine Anzahl ist schon ver­sandt und weitere werden in unsere Bürgerschaft hinausgehen. Zweifellos gibt cs aber eine größere Anzahl hiesiger Einwohner, bei denen nicht leicht ftstzufallen ist, ob sie die hessische Staats- zugehörigkeit besitzen oder nicht. Sie werden gebeten, sich um Zusendung der Formulare an die später be­zeichnete Stelle zu wenden. Da Gießen voraussichllich einen zweiten Landtagsabgeordneten bekommt, erfolgt schon im Herbst 19 11 die Wahl eines solchen. Nach den Bestimmungen, wie sie zurzeit vorgesehen sind, muß jemand entweder als Nach­komme seines Vaters das hessische Bürgerrecht ererbt haben oder es als Großh. Staatsbeamter besitzen oder wenigstens ein Jahr lang vor der Wahl es durch das Großh. Kreis amt erhallen haben, dabei aber auch drei Jahre in Hessen wohnhaft sein. Ein in Hessen Geborener, dessen Vater aber Nichthesse war oder ist, hat das Hess. Bürgerrecht durch seine Geburt noch nicht, er muß cs sich erst durch ein Gesuch erwerben. Durch chn erlangen es dann auch seine minderjährigen Söhne. Volljährige müssen sich besonders darum bewerben. Es sei hier noch bemerkt, daß An­gehörige anderer Bundesstaaten (Preußen, Bayern usw.) durch die Erlangung des Hess. Bürgerrechts ihr bisheriges Staatsbürger- recht nicht verlieren. In dem Formular ist dies obwohl eigent­lich gar nicht nötig doch besonders gewahrt. Außer der Be­schaffung der üt dem Formular angewandten Familienpapiere, die man auch für sonstige Zwecke nötig hat, betragen die Kosten im ganzen noch nicht einmal 1 Mark. Dies ist eine so kleine Ausgabe, die niemand, der dauernd in Hessen rn wohnen gedenkt, scheuen sollte.

In unserer Schwesterstadt Offenbach sind vor einigen Jahren 1700 Personen auf dem Wege des Gesuches hessische Staatsbürger geworden. Die Sozialdemokratie in dem hiesigen Kreise agitiert schon seit Jahren in ihren Kreisen für die Erwerbung des Hess. Bürgerrechts; auch in der letzten Zeit hat sie in Stadt und Land dazu aufgefordert. Und mll Erfolg. Der hiesige Nationalliberale Verein gibt sich der Hoffnung hin, daß es auch ihm gelinge, zahl­reichen Nichthessen zum Besitz des Hess. Bürgerrechts zu verhelsem Um irgend welchen Mißdeutungen vor zubeug en, sei bemerkt, daß bie Inanspruchnahme be£ genannten Vereins durchaus keine parteipolitischen Verpflichtungen mll sich bringt. Der Bevern will einzig und allein unserer Bürgerschaft in obigem Sinne dienen. , , .

Zwecks mündlicher oder schriftlicher Auskunft, sonne wegen Zusendung von Formularen möge man sich an den Vorsitzenden, Oberlehrer Prof. Luley, Stephanstraße 15wenden.

Die Sache erduldet keinen Aufschub, da sonst möglicherweife kern volles Jahr zwischen dem Erwerb des Hess. Bürgerrechts und der nächsten Landtags wähl liegt.__

vom Deutschen LatlMenlag.

Augsburg, 22. August.

Die BegrüßungSversammlung deS Deutschen Katho­likentages fand m der von der Stadt Augsburg zur Verfügung ge­stellten Festhalle statt. Mit großem Beifall wurde namentlich Dr. Heim, derbayerische Bauerndoktor", der in Begleitung des Abgeordneten Erzberger erschien, begrüßt, ebenso beifällig wie

zahlreiche Vertreter deS bayerischen Hochadels. ES mochten etwa ÖOOO Personen in der Halle anwesend sein, den Damen und Studenten hatte man die Tribünen eingeräumt. Eine drückende Hitze lagerte trotz der späten Abendstunden über dem gewaltigen Bau. als die vereinigten Kapellen des hier garnisonierenden 3. bayerischen Infanterieregiments Prinz Karl von Bayern und deS Artillerieregiments mit dem Jnvestiturmarsch der Johanniter von Richard Strauß die Feier einleiteten. Dann sang ein au5 360 Herren und Damen bestehender Ehor den ChorDer Herr ging vorüber" aus Elias von Mendelssohn-Bartholdy.

Ter Vorsitzende des Lokalkomitees, Justizrat R eifert, er­öffnete dann den Reigen der Redner mit dem christ-katholischen Gruße: Gelobt sei JesuS Christus! Der Redner schloß mit einem Hoch auf den Papst, auf Kaiser Wilhelm II. >mb den Prinzregenten. Rach dem stürmisch angenommenen Hoch sang die Versammlung die bayerische KöniaShymne.

Oberbürgermeister Wolfram (Augsburg) dankte dem Lokal- komllee für die fteundlichen Worte seines Vorsitzenden. ES sprachen noch eine Reihe anderer Redner, worauf der Begrüßungsabend geschloffen wurde.

Die Beratungen der Hcmptversamnll mg nahmen heute vor­mittag 11 Uhr mit der ersten geschlossenen Versammlung in bei Konzerthalle des Stabtgartens ihren Anfang. Auf den Ehren- Plätzen waren eine große Anzahl katholischer Parlamentarier und bekannter Persönlichkellen des öffentlichen Lebens erschienen. Der Präsident des Lokalkomitees Justizrat Reifert eröffnete die Versammlung mll kurzen Worten:Gestern war Parade, heute wird es Ernst. Als Präsidenten dieser Versammlung schlage id) Ihnen den Reichstags- und Landtagsabgeordneten Marx vor" (Stürmische Zustimmung). Dieser stimmt seiner Wahl zu. Als erster und zweiter Vizepräsident wurden Gras von Schönburg- Glcutchau und Regierungsrat Karl Speck-München gewählt.

Zunächst wurden an Papst, Kaiser und Prinzregenten, sowie an die zurzeit in Fulda tagende Bischofskonferenz -. Hd. des Kardinal Kopp längere

Huldigungstelegramme gesandt. Sodann erstattete der ständige Kommissar der Deutschen Katholikentage Graf Droste-Vischering den Jahresbericht. Der frühere Abgeordnete Justizrat Bachem (Köln) begründet dann die alljährlich wiederkehrende Entschließung ntr Römischen Frage.

Bachem führt zur Begründung aus: Man hat neuerdings wieder die Frage aufgestellt, ob das Papsttum wirklich von Christus eingesetzt sei. Von gewisser Seite ist diese Frage natürlich ver­neint und behauptet worden, daß an der Kllche und dem Papst- tume nichts Göttliches sei. Ich meine, für ein Auge, das nicht von vornherein das Licht des Glaubens ablehnt, und nicht von vornherein die Zeugnisse der Bibel künstlich beugt, ist der Beweis geführt. Noch bedeutungsvoller ist der Beweis, daß das Papsttum immer noch existiert. Der jetzige Heilige Vater ist der 268. Wer könnte es wagen, für eine weltliche Dynastie eine solche Dauer überhaupt auSzudenken. Noch heute steht bet Stuhl Petn

fester als alle Dynastien der Welt.

Wie kann man ba an bem a örtlichen Ursprünge des Papsttums zweifeln. Das Papsttum ist ein wabreS Wunder der Wellgeschichte. Gewiß wird auch bic lttrche von Menschen regiert, die Menschen sind und Menschen bleiben, vom Priester biß hinaus zum Papst. Sie alle haben ihre Schwächm und iljrt Fehler, aber der Lärche und ihrer höchsten Leitung ist der göMiä-e Beistand versprochen bis anS fcibe der Tage. Das zeigt sich wllksam auch in unseren Tagen. Wir wollen znm Papsttum stehen in guten und schlechten Zellen. In Frankrnch hat man jetzt mit der Kllche völlig gebrochen. Auch das zurzell offizielle Spanien hat soeben einen Bruch vollzogen, von bem man nicht weiß, zu welchen Konse­quenzen er führen wird. Aber die äußere Stellung des Papst­tums ist nicht entscheidend für seine weltgeschichtliche Bedeutung. Dll Gegner frohlocken zu frühzeitig, sie glauben jetzt schon von dem Untergänge des Papsttums reden zu können. Auch in Deutsch­land erfahrt das Papsttum Angriffe von allen Sellen und besonders in jüngster Zell. Umsomehr müssen die deutschen Katholiken sich zusammenschließeti, um Papst und Kirche zu verteidigen, umsomehr werden wll durch bie Katholiken für das Papsttum Treue leisten.

Die Entschließung wird unter stürmischem Beifall einstimmig angenommen

Graf Galen begründet hierauf einen Antrag auf Unter­stützung der BonifaziuS-Vereine, die bekaiuitlich als Gegenstück zum Evangelischen Verein der Gustav-Adolf-Stiftung die Unterstützung der Katholiken in der Diaspora sich angelegen

sein lassen In dem Anträge werden alle Katholiken ersucht, bas Werk der Bonifazinsvereine Weller zu unterstützen In der Be­gründung führte der Anttagsteller aus, daß der Kampf zwischen Glauben und Unglauben immer.schärfer werde. Religion und Glaube und mit ihm katholische Lebensanschauung und Sitte werde von Tag zu Tag mehr gefährdet. Besonders groß seien bie Ge­fahren in der Diaspora: bort könnte ihnen nur durch Aufbietung fast übermenschlicher Anstrengungen begegnet werden. Viele Ar­beiter aus Südbeutschland, bie in die nördliche Diaspora wandern, würden durch Mangel an katholischer Seelsorge und infolge der Eingehung gemischter Ehen Nicht nur im Glauben gleichgültiger, sie fielen auch ab. Der Antrag wird schließlich einstimmig an­genommen, ebenso ein weiterer des Domkapitulars Düster- lv a l d - Köln, der die Unterstützung des Vereins vom Heiligen Lande verlangt, unter Bezugnahme auf die Einweihung der katholischen Kirche und Wohltätigkeitsanstalten in Palästina. Zu Rednern für bie erste öffentliche Versammlung wurden bestimmt der österreichische Minister Eben hoch, Pwfessor Wagner (Augsburg) und Lehrer Bornewasser (Köln), Damll Woß bie erste geschlossene Versammlung.

Gleichzeitig tagte im Schießgrabensaale bie große

Versammlung der katholischen Lehrer urxb Lehrerinnen

unter dem Vorsitze des Rektors Brück- Bochum, des Vorsitzenden des Verbandes der katholischen Lehrer Deutschlands. Auch der Bischof Ritter von Lingg, der das Ehrenpräsidium dieser Ver­sammlung übernommen hatte, war in chr in Begleitung zahl­reicher hoher geistlicher Würt^nträger erschienen. Man bemertte ferner den Tllnlarbischof von Argos in Brasilien, Amalckms Dahlmann, und den Bischof von Würzburg. Viel bemerkt wurde bie Anwesenheit des früheren Kommissars der Katholllentage, des Fürsten zu Löwenstein, im Dominikanerkleide. Die Versammlung wurde eröffnet vom Lehrer unb Gemeindebevollmächtigteu Mayr. Er wies auf die Gefahren hin, die von verschiedenen Vertretern der Wissenschaft aus dem Glauben drohten. Dagegen sei viel Pionierarbeit nötig, unb Pioniere der christlichen Weltanschauung seien bie Lehrer unb Lehrerinnen. Rektor Brück- Bochum führte aus, die Teilnahme des Klerus an der Versammlung zeige, wie neuerdings das Verständnis für Schulangelegenhellen wachse, namentlich hier in Bayern, während anderwärts eure ganz un­verzeihliche Gleichgültigkeit für Schulfragen bestände, bie doch so ungeheuer wichtig seien.

Noch erfreulicher wäre es freilich gewesen, wenn die gesamte katholische bayerische Lehrerschaft hier ein Zeugnis ihrer katholischen Ueberzeuguitgstteue abgelegt hatte. (Sehr richtig.) Die bayerische katholische Lehrerschaft, sei in ihrer Mehrheit treue und überzeugte Katholiken, aber besser wäre es, wenn das vor aller Well bekundet würde. Dadurch würde der Anschein vermieden, der tatsächlich anderwärts herrscht, als wenn bie katholische Lehrerschaft Nicht auf katholischem Standpunkte stände. Eine geschlossene katholische Lehrerschaft würde auch ein fester Schutz sein in den Schulkampf en der Zuhmft, dll noch schärfer ernsetzen würben, auch im katholischen Bayemfalbe. Das alte Sprichwort habe noch immer seine Gültigkell: Sage nur, mit wem du umgehst, und ich will dir fagen, wer du bist (leb­hafte Zustimmung). Die Zugehörigkeit mit einem Verein, der katholische Interessen nicht Dertreieu will unb kann, führt leicht dazu, daß das katholische Bewußtsein Schaden leibet Ich lasse aber die Hoffnung nicht sinken, daß in dieser Beziehung gr Zu­kunft Wandel geschaffen wird. (Lebhafter Beifall.)

Bischof von Lingg: Ich danke für bie llebertragrmg des Ehrenpräsidiums, ich wäre aber auch gekommen, wenn ich nicht eingeladen worden wäre (lebhafter Beifall). Sie haben die christ­liche Schule aufs Programm gesetzt und ba muß ich dabei fern. Das Herz geht mir auf hier unter Ihnen, nur eines betrübt mich: Warum ist nicht bie gesamte katholische Lehrer­schaft hier versammelt? Auch ich bin überzeugt, daß ihre große Mehrzehl ttrchliche Gesinnung hegt, aber aus Gründen, die ich Nicht berühren will, hier fernbleibt.

Möge Ihre Versammlung diesen Fehler ausmerzen, damll m Zukunft bie gesamte katholische Lehrerschaft an den Versanmi- lungen tellmmmt Ihnen aber rufe ich zu: Älltt, Mut, da sich an die Kirche halten, iverben Sie auch deren Schicksal teilen: Die Pforten der Hölle werden Sie nicht überwältigen (stürmischer Beifall). Noch ein Beispiel von mir selbst: Ich war ein lebhafter Knabe und habe vor 60 Jahren manchen Streich gemacht. Wieder einmal hatte ich einen solchen verübt, der an sich harmlos war, aber schlimm hätte ausfallen können. Am nächsten Tagen ging

Ein dänischer Dichter über Deutschland.

As. Kopenhagen, im August.

Hermann Bang, der zu den gelesensten der jetzt lebenden nor- dischmi Verfasser gehör: und bekanntlich auch in beutftben Landen einen hohen Ruf genießt, hat sich wiederholt in Deutschland aus längere Zell aufgehalten und die deutschen Verhältnisse einem Studium unterzogen, das sich durch Genauigkeit und Bestreben nach Unpartellichkell in hohem Grade auszeichnet. So ist denn Hermann Bang tatsächlich dazu gelangt, über dasmoderne Deutschland" llrtellc abzugeben, bie durch ihre logische Schärfe überraschen; Ü3ang hält es Mich für seine Pflicht, möglichst dahin zu wirken, daß bie verkehrte unb vielfach von Vorurteilen beeinflußte Beur­teilung deutscher Verhältnisse, bie noch in Dänemark zu flliden ist, einer gesünderen Auffassung weiche. Hiervon zeugen bie aus­gezeichneten Vorträge, bie Herr Bang, nach der Rückkunft von feinem letzten Aufenthalt in Deutschland, seinen Landsleuten über Das Deutschland des 20. Jahrhunderts" gehalten hat. Die Vor­träge waren geistreich und interesfatt unb wohl geeignet, ine freundnachbarlichen deutsch-dänischen Beziehungen zu fördern. Es dürfte auch deutsche Leser interessieren, von den Ausführungen Hermann Bangs näheres zu erfahren. Es seien deshalb einige be­sonders hemeröenswerte Stellen aus seinen Vorträgen wieder­gegeben.

Deutschland ist unser Nachbar", so führte Hermann Bang znr4,uns so nah und doch so fern! Zehn Stunden dauert bie Reise zwischen unseren Hauptstädten, in zehn Stunden sind wir in dem Herzen des mächtigen Nachbarreiches, unb doch wie wenig kennen es die Dänen! llnsere Handelsbeziehungen bringen uns bem deutschen Volke nicht näher; denn diese Hanbelsbeziehungen bestehen leider nur bann, baß uns einige deutsche Haiidlungch reisende alljährlich besuchen, wellet nichts! Auch verbinden uns nicht in besonderem Grade geistige Interessen mit Deutschlam», weder die ältesten unter uns, hie das jetzt geschwundene Deutfä)- lanb, das Deutschland Jenas, das Deutschland Weimars geliebt haben, noch dieMittelaltrigen", die zur Fahne der gallischen Kunst schworen unb bie blauen Hügel von sJJioiitinartrc lieben, unb für die Paris bicFanfare des Herzens" ist. Und auch das jüngste, mehr blinde als feljenbe Dänemark, dessen Egoismus mll seiner Unwissenl>ell wetteifert, kennt das moderne Deutschland nicht. Die in Dänemark übliche Auffassung von Deuts'chlaiid bauen leider noch aus bem Jahre 1875, nicht aus 1910.

Am meisten trennt das dänische Herz von dem deutschen noch der Grenzpfahl an der Königsau! Aber hin möchte idi meine Landsleute eindringlich bitten, Vergangenes, waS der Mschick)te angehört, zu vergessen; wir müssen bie Urheber unsereS Heids

vergessen unb klar in die Welt schauen! Das neue Deutschland wollte nicht nur ein kräftiges, sondern auch ein reiches Land sein. Es eiferte der Industrie anderer großer Läiider erfolgreich nach, und die dem scheu Kaufleute geben von Land zu Land und ver­kaufen. Sie befolgen immer treulich den Grundsatz des geringen Nutzens im Einzelfalle, und sie oerfaufen immer mehr, well ihre Ware immer und immer besser wirb! Die beutfebe Ware ist bie beste der Well geworben, well kein Volk wie die Deutsche 'eS versteht, in die geheimsten Maschllien- ftnessen einzudnngen. Die Maschinen sind die Gedanken der Deutschen geworden. Die deutschen Philosophen sind durch einen nicht allzu gewaltigen Saltomortale ebenso her­vorragende Techniker geworden, wie sie früher Philosophen waren. Deutschland ist daS erste europäische Land, das aus dem Handel unb der Industrie eine Wissenschaft gemacht hat.

Ms die Deutsä-en bei ihrem Vorbringen die Grenze erreicht hatten, sahen sie das Aicer. Das war gerade um bie Zell der Thronbesteigung des jungen energischen Kaisers Wilhelm 1L Er wollte zweierlei. Das eine davon wußte er zuerst vielleicht gar nicht mal selbst. Er wollte zunächst übers Moer hllmus! Heber* dies aber wollte er ebenso energisch den Frieden. Den Frieden wollte dieserGarde-Lohengrin"! Er erdroht sich den <yriebcn, er er lächelt sich den Frieden er will sein Ziel auf taufimberlei Weise erreichen; er versuchte eS sogar mittels der JitterviewS. Seine Vorfahren halten ui Kriegen der Siege genug errungen. Er will durch den Frieden siegen und seinen Nachkommen ein reicheres Deutschland hinterlassen.

Der Kaiser babc ein militaristisches Deutschland geschaffen, so sagt man. Undmilitaristisch" ist ja das falimmftc Wort, das man hier in Dänemark uiguter Gesellschaft" sagen kann. Wahr ist es zwar, daß Deutschlaiid eine Rüstung trägt Abm es ergebt dem großen Volk wie bem Genie: es muerwirft sich der Notwendig­keit und schafft sich daraus einen Lebenserneuerer . . Auch vom agrarildycn Deutschland" hat man gesprochen. Ja, Deutschlcmdist agrarisch, um zu vermeiden, daß das Wachstum der Industrie Deutschland derselben Gefahr aussetzte, die jetzt England droht: Dieses ist bekanntlich nabe daran, in eine Revolution der Landwirt­schaft zu geraten . . . Das moderne Deutschland seiohiu- Gk* schmack", so sagen andere ... Ja, Dmtschliuid war einmalohne Geschmack". Aber das Berlin, das Messel unb seine Schüler erridr toten, bas ,choyerische Viertel" z. B., dort werden die Architekllm Europas lernen können! Unb man denke weiter daran, baß Deutsch­land das einzige exisllerende JbseMheater besitzt, unb burch das Deutsche Theatell' hat bas Genie eines ManiieS tfultunverte ctfan Ranges geschaffen! . . . Unb waS die Dichtung betrifft, so glauben Sie mir, bitte, wenn ich Ihnen erzähle, daß daS inobernc Deutschlanb Dichter von hohem Range besitzt!

Das mächtige Reich erreichte bas Adeer, das ihm sein Kaiser in weiser Voraussicht zeigte. Es fand den Weg über die Meere. Es will noch weller vonvärts. Hinter dem Jubel der Hnnderv- tausende strömt der Jubel von Mlllionen der neuen Eroberung entgegen der Eroberung der Lüfte! Wir Dörnen aber mögen von dem großen, mächtigen Rellfa lernen. Riöchten wll das mo­derne Deutschland vor allem kennen lernen und es verstehens a .

Also sprach Hermann Bang.

Vie vettlerstadt von London.

Die Riesenstadt London, die in ihrem gewaltigen Umkreis eine ganze Welt im Kleinen birgt, besitzt auch eine richtige Bettler stabt, in ber sich die Betrüger unb Schwindler hchis- lich niedergelassen Haden, bic aus das Mitleid ihrer Mittmmschcn spekulieren. Diese Bettterstadt von Notting Dale, bie sich nicht weit von dem vornehmen und wohchadcnben Wefand mll ihren winkeligen Gassen und Häuschen dehnt, geniestt die besondere jlufmertfamfeit der Polizei, von der der Mitarbeiter eurer eng­lischen Zeitung für seine anschauliche Schilderung dieses inte­ressanten Großstadtwinkels reiches Material erhalten tonnte. Die Bewohner von Notttng Dale sind die häufigften Gäste der eng* lisch en Polizeiämter und Gerichtshöfe. oÜOO haben voriges Jahr nähere Bekanntschaft mit den Dienern des Gesetzes machen müssen: in diesem Jadr sind es schon 1900 Insassen von Notting Dale, die die Gerechtigkeit in chrr Obhut genommen hat. Doch trotz dieser regen Anteilnahme, bie der Bezirk bei ber Polizei findet, blüht die Bettterstadt immer mehr aus unb erhält immer neuen Zuzug. Wirkliche Arme wirb man hier vergebens suchen: das Geld ist reichlich vorhanden und wird in den 12 Vergnügungslokalen geräuschvoll ausgegeben: der wirttiche Hunger ist em seltener Gast in Notting Dille, so hohläugig und zerttimpt seine Bctvohner auch vor der übrigen Menschheit erscheinen mögen. In dem großen Bereich Londons ist die Bettterstadt eine Welt für sich mit ihren eigenen Gesetzen unb Lebensformen: ihre Bürger lassen sich in folgende Klassen teil: 1. Männer und Framm, die sich damit chr Brot verdienen, daß sie an andere Bettler elend aussehenbe Kinder verleihen: 2. AlleInvaliden" unb Seebären", die sich falsche Tafeln mit einer Aufzahlung ihrer Leiden umhängen unb lange rührselige Erzählungen Vorbringen: 3. Herabgekommene Leute besserer «Stäube in abgeschabten röcken unb sorgfältig geputzten zerrissenen schuhen, die von ihrem Unchciiitatästudium" erzählen: 4.Musikalische Bettler", bie. in den Höfen unb nachts in Lokalen niederer (Gattung jenhmcntalc Lieder fingen; ö. Fabrikanten von Bettelbriefen; 6. Bettler, die unter bem Vorwand, Streichhölzer, Knöpft usw. zu bertouten, um ein Almosen bitten. Ein Mensch, der wirklich Not labet, wirb in b« Bettler stabt Lute Sympathien f laben, aber bar