Ausgabe 
20.8.1910 Zweites Blatt
 
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Nr. 194 Zweites Blatt

ISO. Jahrgang

Samstag 20. August 1910

Erscheint tS-ttch mit Ausnahme bei Sanntag«.

DieLietzener KamIllenblSIter" werden bem .Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Giehen" zweimal wöchentlich. DieLaatzVirtschastUchen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Sberheffen

Rotationsdruck und Berlag der Brühllchea UnwersitLtS - Bilch» und Steindruckeret. R. Lauge, Gießen.

Redaktion; Expedition und Druckerei: Schul» straße 7. Expedition und Verlag: e^6L Redaktion:«« 112. Teü-Adrt AnzeigerEießen.

Kranzösifch-rnfstsche Treibereien gegen die neue ungarische Anleihe.

Die Zulassun g der neuen ungarischenAnleihe an der Pariser Borse scheint Ku einer hochpolitischen Angelegenheit ausgebauscht werden $u sollen. Ungarn will eine Anleihe von 470 Millionen Marr in Frankreich aus- nchmen. Die Rothschildgruppe ist bereit, das Geschäft zu machen. Da erheben einige Pariser Blätter politische Be­denken dagegen und verlangen von der französischen Re­gierung, daß sie die Zulassung der Anleche an der Pariser Börse nicht gestatte. Die ungarische Anleihe sei wesentlich für Rüstungszwecke bestimmt, stärke Oesterreich-Ungarn und mittelbar die deutsche Stoßkraft gegen Frankreich, schädige somit französische Interessen.

Diese Bedenken sind inzwischen von russischen Blättern übernommen und verschärft worden. Oesterreich-Ungarn sei Rußlands alter Gegner. Eine jede Stärkung Oesterreich- Ungarns habe eine entsprechende Schwächung Rußlands zur Folge. Mit Rücksicht daraus erwartet anch dieNowoje Wremja" von der Klugheit der fraiHösischen Regierung, daß sie die ungarische Anleihe nicht zulasse.

Frankreich hat, so schreibt dieDeutsche Volksw. Korre­spondenz", überschüssiges Kapital. Das Geschäft zwischen der Pariser Hochfinanz und der ungarischen Regierung ist so gut wie abgeschlossen. Sachliche Bedenken gegen ungarische Pa­piere liegen nicht vor. Lediglich aus politischen Gründen die Zulassung einer ungarischen Anleche nicht m genehmigen, wäre neu, würde die Madjaren verletzen, Die beteiligte Hochfinanz schädigen und folgerichtig dazu führen, daß französische Kapitalien in Zukunft nur für den Geldbedarf solcher Staaten verfügbar wären, die als Freunde Frankreichs anzuseheu sind, in erster Reihe für Rußland.

Mit dieser Konsequenz wird man zwar in Rußland aus naheliegenden 'Gründen einverstanden sein, schwerlich aber auch in Frankreich. Die französischen Kapitalisten verlangen möglichst hohe Zinsen und möglichst gute Sicher­heiten. Diese wirtschaftlichen Interessen der Einzelnen fallen aber nicht immer mit den politischen Interessen der Gesamtheit zusammen. Mrd doch in sehr ernsthaften Kreisen bezweifelt, daß die massenhafte Anlage ftanzösischen Kapitals in russischen Anleihen überhaupt empfehlenswert und vorteilhaft war, bezweifelt vom Standpunkt der franzö­sischen Kapitalisten tote vom Gesichtspunkt der französischen Politik. Erst die Zukunft wird darüber Aufklärung geben.

Wenn die ftanzösischen Geldmänner genötigt werden, nur die Anleihen befreundeter Staaten zu vermitteln, da andere nicht zugelassen werden, wenn zunächst auch Ita­lien ausgeschlossen wird, so bleiben, da England und die nordameriranische Union ihren Geldbedarf selbst decken, nur Staaten zweiten und dritten Ranges übrig, deren Zahlungs- läbigkeit mehr oder weniger zu wünschen übrig läßt. Trotz aller erhobenen Einwände wird man in Paris nicht umhin rönnen, die Auflegung der neuen ungarischen Anleihe in Frankreich zuzulasjen.

von der ostafrikanischen Zentralbahn.

Das verflossene Jahr hat, so lesen wir in den Mitteilungen der Deutschen Kolonialgesellschast, die Zentralbahn ihrem vor­läufigen Endziel wieder ein beträchtliches Stück näher gebracht. Die Arbeiterverhältnisse waren in den letzten Monaten befrie­digend. Trotz der heftig einsetzenden Regenzeit war es möglich, die Arbeiterzahl im Mai von 9200 auf 13 000 zu bringen, und es ist anzunehmen, daß infolge der gutorganisierten Arbeiter­anwerbung die Arbeiterzahl sich auf einer derartigen Höhe halten wird und eine Stockung des Baubetriebes nicht eintritt. _ Der Gesundheitszustand des gesamten Beamten- und Arbeiterpersonals kann als gut bezeichnet werden. Die Anwerbung des erforder­lichen Arbnterersatzes geschieht durch einen Arbeiterkommissar und

zwei Anwerber der bauenden Firma. Außerdem aber ist er­freulicherweise festzustellen, daß neuerdings sich ein Zuzug frei­williger Arbeiter, die zmn Teil schon beim Bau der Eisenbahn von Daressalaam nach Morogoro beschäftigt waren, stattsindet. Der Umfang der geleisteten Arbeiten läßt sich aus der ausgeführten Fels- und Erdbewegung ermessen, die in der Bauabteilung II allein zirka 930 000 Kubikmeter ergibt.

Die Strecke von Kikombo soll voraussichtlich am 15. Oktober in Betrieb gesetzt und dem öffent­lichen Verkehr übergeben werden. Am 1. Januar 1911 hofft man ein gleiches von der Strecke bis D o d o m a. Auch die Bauabteilungen III und IV sind mit den ihnen übertragenen Arbeiten in vollem Gang. Die Abteilung III reicht von Kikombo bis zum ersten Grabenaufstieg bei Kilimatinde. Der Schotter für den Bahndamm wird außer durch Handschlag von zwei Motor- Steinbrechanlagen gewonnen. Eine dritte Stembrechanlage wird bei Kilometer 252 installiert. Eine Steinbrechanlage liefert täglich rund 160 bis 200 Kubikmeter.

Die Telephon- und Telegraphenleitungen halten mit dem Vorschreiten des Gleises gleichen Schritt. Die angestellten Wasserbohrungen haben keine günstigen Ergebnisse gezeitigt. In Muinisagara und Gulwe hat sich das Wasser als zur Kesselspeisung ungeeignet gezeigt. Daher muß von Kidete aus ein Wasserzug über 100 Kilometer weit die Strecke mit einwandfreiem Wasser versorgen. Die Boh­rungen auf brauchbares Wasser werden dauernd fortgesetzt. Der öffentliche, provisorische Betrieb auf der Baustrecke ist am 23. Mai bis Kikombo eröffnet worden, und der Personen- und Privatgüterverkehr ist sehr rege, so daß schon heute mit einem um­fangreichen späteren Verkehr zu rechnen ist. Außer dem Personen­zug verkehren täglich ein bis zwei Oberbauzüge von Kilossa zur Gleisspitze, ein Magazinzug von Morogoro bis ebendahin, und zweimal wöchentlich die ersorderlichen Wasser und Schotterzüge.

Deutscher Handwerks- und Gewerbekammertag.

4 Stuttgart, 19. Aug.

Dem in nächster Zeit hier zusammentretendenDeutschen Handwerks- und Gewerbekammertage" hat die Geschäftsstelle in Hannover einen umfangreichen Tätigkeitsbericht über das ver­flossene Geschäftsjahr erstattet. Nach Mitteilungen geschäftlicher Art gibt der Bericht eine Ueberficht über die von ben Organen des Handwerks- und Gewerbekammertages bearbeiteten wichtigeren Angelegenheiten. Der Beschluß des Königsberger Kammertages, betr. die Abgrenzung des Handwerks unter Berücksichtigung der modernen Entwicklung und der hierdurch neugebildeten Gewerbe­zweige, ist in eingehend begründeten Eingaben den Bundesregie­rungen vorgetragen worden. Desgleichen ist der Beschluß über die Frage der Regelung der gewerberechtlichen Stellung hand­werksmäßig tätiger Frauen weiter verfolgt worden, unb zwar dadurch, daß bestimmte Grundsätze für die praktische Durchführung dieser Regelung ausgearbeitet und den einzelnen Kammern zur Beachtung empfohlen wurden. Einige programmatische Hand- werkerftagen sind für eine endgültige Regelung vorbereitet worden, in erster Linie die Frage der Heranziehung der gewerblichen Großbetriebe zu den Kosten der Lehrlingsausbil-- d u n g im Handwerk. Obwohl diese Frage von Anfang der Tätig­keit des Kanrmertages an zur Erörterung gestanden hat, obwohl der Reichstag sich wiederholt zu Gunsten dieser Forderung ausgesprochen hat, haben sich be­dauerlicherweise die Verbündeten Regierungen noch nicht entschließen können, die Angelegenheit gesetzlich zu regeln. Der geschäftsführende Ausschuß ist bei seinen diesjährigen Arbeiten zu bei* Ueberzeugung gekommen, daß es eine wesentliche Förderung für die endgültige Regelung der Angelegenheit sein würde, toenn sie gleichzeitig mit der Frage der Heranziehung juristischer Per­sonen zu dem Handwerkergesetz vom 26. Juli 1897 verhandelt würde.

Weiter hatte der Ausschuß wieder einmal Gelegenheit, sich mit verschiedenen Regierungsvorlagen zu beschäftigen, die eine Abänderung der Gewerbeordnung bezwecken. Die sogenanntegroße" Gewerbeordnungsstovelle zunächst be­schäftigt den Reichstag und dem'entsprecheud die einzelnen Jn- leressenvertretungen schon seit dem Eirde des Jahres 1907. Ein Teil dieser Vorlage, der den Geltungsbereich der Arbeiterschutz­bestimmungen neu regelt, ist bereits Gesetz geworden. Der übrige Teil der Regierungsvorlage ist int Laufe des vorigen Jahres int 26. Ausschuß des Reichstages weiter behandelt worden. Der Aus­

schuß hat sich sehr genau mit den Beschlüssen dieses 26. Ausschusses besaßt, um von vornherein keinen Zweifel darüber zu lassen, daß er die vom Ausschuß gefaßten Beschlüsse als einen unerträglichen Eingriff in das gewerbliche Leben entschieden zurückweisen mußte. Er hat dabei feinem Bedauern darüber Ausdruck gegeben, daß die Rücksichtnahme auf die arbeitnehmenden Kreise durch den Reichstag in immer steigendem Maße zu einer Reglementierung des Gewerbes führt, die den Interessen der selbständigen Unter­nehmer in völlig ungenügend Weise Rechnung trägt und not­wendigerweise zu einer derartigen Belastung des inländischen Gewerbes führen wird, daß es mit dem ausländischen Gewerbe nicht mehr konkurrenzfähig bleibt. Er hat daraus hingewiesen, daß diese weitgehende Rücksichtnahme auf die Interessen der Ar­beitnehmer in den Kreisen des.Handwerks besonders verbitternd wirken muß, das aller eifrigen Bemühungen feiner Interessen­vertretungen ungeachtet noch immer auf die gesetzgedische Er­füllung von Wünschen harren muß, die für das Handwerk von fundamentaler Bedeutung sind. Diese Fragen werden mit dem Hinweis auf die Gewerbefreiheit als unlösbar bezeichnet, während anderseits zu Gunsten der Arbeitnehmer das Prinzip der Ge­werbefreiheit mehr und mehr durchlöchert wird, insofern die Reg­lementierung des gewerblichen Lebens in Frage steht.

Die Verbündeten Regierungen haben am Beginn der neuen Session eine neue Vorlage eingeoracht, die sich glücklicher­weise von den Uebertreibungen der Beschlüsse des 26. Ausschusses frei gehalten hat. Mehrfache Klagen über die Agitation der sozialdemokratischen Gewerkschaften zur Organisa­tion der Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter im sozialdemokratischen Sinne veranlaßten den Ausschuß, diese Frage zur Beratung auf die Tagesordnung des Kammertages in Stutt- gart zu stellen.

Lin neuer vachstein-prozeh.

x N or dhausen , 18. Aug,

Vor dem hiesigen Schöffengericht fand heute ein neuer Prozeß gegen den früheren evangelischen Mindener Tivisionspsarrer Bach stein statt, der bekanntlich vor einigen Jahren im Mittel­punkte verschiedener militärgerichtlicher Verhandlungen stand. Bachstein ist ein ehemaliger katholischer Priester, der nach seinem UÜbertritte zur evangelischen Kirche eine lebhafte Propaganda für diese entfaltete. Mit den Gerichten kam er dadurch in Kon- slikt, daß er gelegentlich einer Versammlung des Osnabrücker Zweigvereins des Evangelischen Bundes über die katholische Kirche und ihre Einrichtungen Aeußerungen tat, die von Katholiken als Beschimpfung auf gefaxt wurden. Die Versammlung war noch der Behauptung der (Hnberufer eine nichtöffentliche, d. h., es hatten nur die Mitglieder des Evangelischen Bundes Zutritt. Trotzdem war in der fraglichen Versammlung auch ein Redakteur desOsnabrücker Volkszeitung", eines Zentrumsblattes, erschie­nen und auf Grund des Berichts dieses Herrn wurde gegen Bach­stein als Militärperson die Anklage vor dem Militärgericht wegen Beschimpfung von Einrichtungen der katholischen Kirche erhoben. Der nach der Behauptung Bacheins einseitig entstellte Bericht gab dessen angeblich beleidigenden Aeußerungen über die ka­tholische Kirckie mied. So sollte Bachstein die Messe einen Hokuspokus genannt haben. Ter Prozeß wurde durch alle In­stanzen bis zum Reichsmilitärgericht durchgeführt. Während das Oberkriegsgericht in Münster gegen Backstein auf einen Tag Gefängnis erkannt hettte, sprach ihn das Reichsmilitär­gericht enbgiltig frei. Tie Folge der verschiedenen M- richtlichen Verhandlungen, die mit einem großen Zeugen- und Sachverständigenaufgebot geführt wurden, war aber doch die, daß Bachstein sein Amt als Tivisionspfarrer niederlegte und eine Pfarrerstelle in dem benachbarten Wolkramshausen übernahm.

Auch in seiner neuen Stellung trat Bachstein polemisch gegen die katholische Kirche auf, zumal der Streit über die Osnabrücker Rede in beiden Lagern nicht schweigen wollte. A. a. entwickelte sich ein heftiger Zwist zwischen Bachstein und dem katholisckxn SonntagsblatteLeo" in Paderborn. Als dessen verantwortlicher Redakteur Dr. Mock die Angriffe Bachsteins scharf zurückwies, fühlte sich dieser durch die Form der Artikel beleidigt und stellte Strafantrag. Ten Vorsitz im Gerichtshöfe führte Amts­gerichtsrat Breme. Die Parteien waren beide mit ihren Rechts- beiständen zur Stelle. Vergleichsverhandlungen, die vom Vor­sitzenden angeregt wurden, scheiterten an der Erklärung Back­steins, daß die Hineinziehung seiner FamiMenangelegen- heiten in die ganze Angelegenheit deutlich die Msicht der

3u Gabriel v. Max 70. Geburtstag.

Gabriel v. Max, der Münchener Meister, feiert am 23. August seinen 70. Geburtstag. Wenn auch heute, im Zeitalter des Impressionismus, bald die letzten Brücken gefallen sein 1derben, die uns noch mit der Genrebildnerei der Pilotysckule verbinden, so bietet ein Ueberblick über die stattliche Reihe verschiedenartigster Individualitäten, die aus ihr hervorging, doch mancherlei Intereste. Um die Mannigfaltigkeit dieser Künstlergesellschaft zu kennzeichnen, genügt es, an die Namen eines Makart, Hermann Kaulbach, Lenbach und Defregger den des Ju iars zu reihen. Trotz seiner unleugbaren starten malerischen Qualitäten, die besonders in dec feinen und zarten Modellierung seiner Figuren und in der duf­tigen, meist licht gehaltenen Behandlung des Klorits hegen, find, wie man auch heute nicht verhehlen darf, die Sympathien für Die Kunst des Meisters immer geteilt gewesen. Dem einen mißfiel und mißfällt das Absonderliche, Bizarre seiner Stoffe, dem andern der etwas pathologische, bleichsüchttge Zug feiner Bilder. Die veraltete,genrehafte" Art der Stoff- behandlung schließlich und sein selten unterdrückter Hang zur Sensation bewirkten, daß er gegen die neuere Kunst in den Hintergrund kam. Was er aber vor namhaften dieser Kunst auch heute noch vielfach voraus hat, ist sein seelisästs Ausdrucksvermögen. In der Fähigkeit, transzendentale Empftn- dungen im Menschenantlitz widerzistpiegelii, jtebt er in mancher Beziehung über Uhde und Gebhardt. Leider trübt das Mystisch-Verschwommene in seinen Bildern oft den reinen künst­lerischen Genuß. Das mag schließlich manche seiner (vreunbc dazu verführt haben, über dem Pathologen den Künstler zu vergessen.

Gabriel v. Max ist ein Sohn des bekannten Prager Bild­hauers Josef Max. Von diesem wurde er schon als Knabe mit den zeichnerischen Änsangsgründen vertraut gemacht., Leidenschaft­licher Musikliebhaber, der er immer gewesen, versuchte er mit seinen ersten Tuschzeichnungeu Werke Beethovens, Mendelssohns, Liszts u. a. zu versinnbildlichen. Gabriel v. Max ^betreibt als Liebhaber ferner Anthropologie, Psychologie und Spiritismus, ur.b auch diese wissenschaftlichen Neigungen spiegeln sich in ferner Kunst, wir möchten sagen, ost nur zu deutlich wider. Im Anfang ging er mit Vorliebe aufs Große, Heroische, vor allem dem Märtyrertum galt sein künstlerisch-menschliches Interesse. Epoche machte er 1867 nut dem Bilde dieMärtyrerin am ft r c n z" lvor dem ein von einem Zechgelage heimkelirender junger Römer seinen Kranz uiederlegt). 1868 erschienMargarete vor dec Mater Dolorosa". Darauf entstand eine ununterbrochene Reihe von Silbern mystischen Gehalts. Wir nennen hier nur de.iGeistesgruß",Ahasverus an der Leiche cmes Kindes., dieSeherin von Prevorst", dieBraut von Korinth . Die Berliner Rationalgalerie hefitzt von Max das BildEhristuS em

Kind heilend", die Dresdener GalerieEin Vaterunser". In späteren Jahren hat sich Gabriel v. Max in seiner Art dem Realismus zugewandt. Davon zeugen seine Affenbilder, die, ost in recht geistreicher Art, die Darwinsche Lehre illustrieren: der Ernst Haeckel gewidmetePitheeanthropos" prangt ja in vielen naturwissenschaftlichen Büchern. Im Jahre 1900 erhielt der Künstler als Ritter des Verdienstordens der bayerischen Krone den persönlichen 2ldel. Seine beiden Söhne Cornelius und Co­lombo sind gleichfaUs -namhafte Künsller. Seit 1863 lebt Prof, v. Max in München.

Züns Minuten im Wright-Apparat.

Von Dr. Adolf Heß (Berlin).

Es dämmert. Das Tageslicht fliegt als durchsichtiger Vogel mit hellblauen Schwingen über das Feld und verschwindet hinter dem Gehölz jenseits der Bahn.

Zwei Monteure in blauem Arbeitsanzug werfen die aus drei dicken aufeinandergeleimten Bohlen geschnittenen, aluminium- farben gestrichenen Holzprobeller der Flugmaschine herum; aus dem kleinen, schwarzen Motor, der mit seinen 36 Pferdeftäften wie eine geballte Faust lauert, kommt ein ärgerliches Husten und Zischen; durch den offenen, schachtelförrnigen Leib des Apparates läuft ein Schwirren und Zittern alles still.

Auch das zweite O,Anwerfen" der Propeller ist umsonst. Beim drittenmal gibt es einen Ruck; die Explosionen im Motor be­ginnen; Treibketten laufen; mit gewaltigem Summen und Surren beschreiben die Holzschrauben ihren Flimmerkreis; die Luft wird nach allen Seiten gespritzt; die Hosen der Monteure flattern^ Mützen fliegen, Staub toirbelt auf.

Der Sitz neben dem Führer ist nicht bequem. Man kriecht durch das Gewirr von schwanken Holzrippen und Drahtsehuen und nimmt auf der hartgepolsterten Stuhlplatte mit niedriger, schmaler Rückenlehne Platz. Die Füße werden auf das Gestänge aus amerikanischem Fichtenliolz gestellt; die rechte Hand um­klammert eine der Rippen, die die untere und obere Tragfläche verbinden.

Ingenieur Thelen wirft den Kopf in den Nacken; Hände und Schultern der Monteure weichen und int selben Augenblick sausen wir, von hinten gedrängt, mit Eilzuggeschwindigkeit über die Startbahn durch das hohe Gras.

Rollen? Fliegen? Gleiten? Schweben?

Für den Zuschauer ist es ein seltsames Schauspiel, wenn sich nachdem genügendLuftpolster" unter den leinenen Trag­flächen gebildet und das Höhensteuer aufwärts gerichtet ist der Apparat plötzlich vom Boden hebt und wie auf unsichtbaren Schienen in den Himmel rollt . . .

Der Insasse merkt nichts von diesemerhebenden" Moment. Berührt man noch den Boden,, oder fliegt man bereits? Es ist

nicht zu unterscheiden. Eine rasend schnelle, gleitende, schleifende Bewegung auf oder dicht über dem Erdboden hin; gewaltige Kraft, die von hinten drängt; Eisenfaust, die ein Kartenhaus vorwärts schleudert.

Das markig tiefe, brausende Surren und Summen der Propeller macht jede Unterhaltung unmöglich. Der steife, kühle, in der füllen, warmen Abendluft doppelt seltsame Zugwind reißt die Worte ungehört vom Munde. . .

Allmählich wird die Bewegung, am Boden gemessen, lang­samer. Wir steigen. Wie in klarem tiefen Gewässer die Gegen­stände auf dem Grunde greifbar nahe erscheinen, so scheint auch der Erdboden unter uns in ganz geringer Entfernung. Gras- bedeckte und kahle Flächen, Sandwege, Gräben ziehen langsam dahin. Zwei aufgeschreckte Hasen schießen wie toll in kurzem Zickzack hin und her. Was die wohl denken?

Wir nähen: uns dem ersten Richtungturm. Eine kaum merk­liche Bewegung am linken Hebel vor dem Führersitz verstellt das hinten befindliche Seitensteuer. Die Maschine legt sich nach innen; wir umfliegen den Turm. Ich beobachte ben Führer. Kopf vorgestreckt, Augen starr geradeaus gerichtet, sitzt er, beide Hände an den Hebeln, unbeweglich wie mit einer Dynamit­bombe an: Kaffeetisch. Der sonderbare Gesichtsausdruck, die schmalen Backen, glänzenden Augen verraten die ungeheure Span­nung. Alle Muskeln siick sttaff; alle Sinne lauem. Ich glaube, diese Leute leben in permanentem Fieber. Jede Sekunde kann etwas bringen. Die tiefe Stimwunde vom letzten Absturz juckt noch unter der Wollmützc; und der Farmanfahrer, der vor einer halben Stunde beim Aufstieg gequält scherzte: Ich tycrbc langsam hochgehen, aber schnell wieder bemnterfonrmen wurde bald darauf unter den rauchenden Trümmern seines Apparates hervor­gezogen. Dieser Sport geht an die Nerven. Und gibt Ruhe.

Wir machen die zweite Runde. Unten brauen milchige Nebel- schwaden wie ein wallendes Tischtuch. Der Lichtpunkt deutet das Wirtshaus an. Gleichmäßig, wie auf hoher See umspült der elastische Zugwind Gesicht und Hände. Der sonore Brustgesang der Propeller deutet auf gleichmäßigen Herzschlag im Vergaser.

Wied ein Ruck am Hebel: es geht schräg abwärts. Die milchigen Schwaden zerfließen; welkes Gras wird mit rasender Geschwindigkeit unter uns weggerissen. Käme jetzt ein vorzeitiges Ausstößen in einer Vertiefung Apparat und Knochen wären zum Teufel. Ein Gefühl, tote auf einer brettern en Lokomotive. .

Der Führer zupft an der Stellschnur. Der Motor setzt plötzlich aus; hustet, pufft noch ein paarmal; die Propeller drehen sich langsam, zittern, wie nach angestrengter Arlieit, und fteben still. Wir gleiten toie ein Vogel dicht über, auf dem Erddev, hin; ein paar graziöse Sprünge der Appavat Hütt.

Fünf Kilometer in fünf Minuten!

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