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17.10.1910 Zweites Blatt
 
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Durch die Elektrizitäts­werke und Installations- Geschäfte zu beziehen

Aue rg eseltschaft, Berti* 0.17

Die fefarfftr Srrfuiimrfuiig zeigt a5rr, Saß wir mit

neuem Mute in die Heimat zurückkehren können Jetzt, wo sich 1>ie Industrie ttriebcr etwas erholt bat, hört man wieder überall von Streiks. Diese Machtkämpfe können nie zu einem sicheren Ziele »führen, sie bebrüten nur ben vollständigen Zusammenbruch des

Au» Stave und Land.

Gießen, 17. Oktober 1910.

autf) schon seit Jahren erbringen, haben es aber bis beute noch nicht getan. Die christlichen Gewerkschaften können wir an der Saar nicht anders beurteilen als die roten. Fort mit dem Macht­kampf» ystem. Hilb i g (Mannheim) vom Verband Westdeutscher "Arbeitervereine verlangt Einigkeit um reden Preis. Von ver­schiedenen Delegierten ivurde betont, daß das Mißtrauen gegen die nationalen Arbeiter-Vereine nicht gerechtfertigt sei. Ein großer Bund unter den Arbeitern zur Erhaltung des nationalen Ge­dankens sei notwendig.

Von anderer Seite wurde wieder vor zu enger Vcr- brüderungaewarnt. Auch wurde ausgeführt, der Bund sei nicht da zum Schutze der Arbeitgeber, sondern zum Schutze der Arbeiter gegen jeden Feind. Es sollen wirtschaftliche Fragen in vernünftiger Weise erledigt und die politischen außer acht gelassen werden. Wenn wir auch getrennt marschieren, wollen wir doch wenigstens vereint fdjlogen. Der Bund sei Gegner des Klassen­kampfes, man könne nicht jeden für seinen Feind ansehen, der einen anständigen Rock trage, und wir empfinden es als Unehre, wenn wir uns von oben verschreiben lassen sollen, wie wir zum Vater­lande stehen sollen, oder wenn uns derZehngebote-Hofftnann" den Katechismus vor schreib en will.

Nach der weiteren Aussprache wurde die Angelegenheit einem Ausschuß überwiesen. Tann sprach Mischnewski (Berlin) vom Bund deutschen Bäckergesellen über

Koalitionsrecht und Schutz der Arbeitswilligem Er bezeichnete es als dringend notwendig, dem Schutze der Arbeits­willigen mehr Nachdruck zu verleihen Im Deutschen Reich sollte man ebensogut das Recht haben zu arbeiten als zu streiken. Ter Redner schildert dann die Verhältnisse im Bäckergewerbe. Der Bäckergeselle, der gegen die Meister kämpfe, kämpfe am letzten Ende gegen sich selbst. Ter paritätische Arbeitsnachweis sei die Brut- ftätte für künftige Sozialdemokraten. Es sei kaum glaublich, daß man in Deutschland solchen Terrorismus zulasse, der einfach sage. du mußt dich in.den sozialdemokratischen Verband aufnehmen lassen, sonst wirst du auf die Straße geworfen. Als ich an die Spitze des Bundes trat, erhielt ich 43 Drohbriefe mit Drohungen bis zum Tode. Es scheine, daß man am grünen Tisch heute auch schon den roten Terrorismus fürchte.

Nach kurzer Aussprache wurde folgende Entschließung an­genommen :

Tie Konferenz aller nationalen Arbeiter-Vereine Deutsch­lands, die über 100 000 Arbeiter vertritt, protestiert auf das schärfste gegen den Mißbrauch des Koalitionsrechts und das Boykottunwesen und verlangt geeignete gesetzliche Maßregeln, besonders das Verbot des Streikpostenstehens."

Im Schlußwort wendet sich Mischnewski gegen den Pfarrer Korell, der jetzt gegen die gelbe Bewegung Stellung nehme.

Rupp (Völklingen) vom nationalen ArbeitervereinKrupp" sprach sodann über staatlicheund private Fürsorge. . Ter Ausschuß zur Beratung der Einigkeitsbestrebungen hatte vtzwischen getagt, er ließ mitteilen, daß er sich zunächst nicht hätte einigen können, da man sich über den Vorsitzenden nicht schlüssig wurde. Die ganze Angelegenheit soll im Ausschuß weiterberaten werden.

Tic Versammlung nahm einen Beschluß an, wonach der Zu­sammenschluß der nationalen Werk- und Arbeitervereine zur För­derung gemeinsamer Interessen für dringend notwendig erklärt wird.

Dom hoslager in Friedberg.

Cronberg, 15. Oft Bald nach 3 Uhr tra der Kaiser von Rußland mit seinen Töchtern, t öherzob von Hessen, sowie Prinz und Pr Zessin Heinrich von Preußen nebst ihren Söhn Waldemar und Sigismund in vier Automobilen aus Schl Friedrichshofen ein. Tie Herrschaften besichtigten Stadt und die alte Burg und kehrten nach dem Tee aec 6 Uhr nach Friedberg zurück.

Friedb erg, 16. Oft. Von sehr gut unterrichte Seite wird uns über den Gesundheitszustand d Zarin berichtet: Die Kaiserin leidet an den Beschwert) welche die sogenannten Wechseljahre so vielen Frar bereiten. Davon kommen die Angstgefühle und die Stört gen in der Herztätigkeit. Wird der Zustand glücklich üb wenden, wozu anscheinend ärztliche Kunst kaum etwas b zutragen vermag, so .ist an der völligen Genesung der hol Patientin kaum zuMeifeln. Natürlich ist gegen dies Leit Nauheim kein Spezifikum, und tatsächlich haben Bäder auch nicht den geringsten fühlbaren Nutzen gebrai Auch darüber ist die Zarin tief verstimmt, und es g Tage, an denen sie mit ihrer Umgebung kaum ein W- wechselt. Im übrigen hat sich das kaiserliche Paar c l-essischem Boden sehr wohl gefühlt, wohl, daß der £ mir sehr ungern von hier scheidet und man der Zarin v der bevorstehenden Abreise kaum zu sprechen wagt.

. . $ Friedb er g, 16. Oft. Heute vormittag i/2ll V. suhr der Zar in Begleitung der russischen Hofgesellschaft wer Automobilen nach Bad-Nauheim zur Kirche und keh V2I2 Uhr wieder ins Schloß zurück. Um 3/42 Uhr wui eine Ausfahrt in die Umgebung unternommen, welche f brs 1 Uhr ausdehnte. Bon 11-12 Uhr konzertierte ' b^stge Stadtkapelle unter der Leitung ihres Dirigent Cmu ©ajäfer vor dem südlichen Ein gang stör der Bu Zre Zarin macht täglich Ausfahrten in Begleitung ihr Verwandten. a

R.-L. Friedberg, 17. OFL Die Ankunft der Grc furfhn Sergius, der Schwester der Zarin, wird . 20. Oktober erfolgen, und zwischen dem 24. und 27. Oktal oQ alsdann die Uebersiedelung nach Schloß Wolf garten erfolgen, wohin sich auch Prinz und Prinzes Heinrich begeben. Der Besuch des Zaren beim Kaiser Potsdam durste schon zu Anfang November erfolgen u alsdann wird wahrscheinlich ein Gegenbesuch Kais Wilhelms in Schloß WolsSgarten oder Darmstadt sta hnhen, doch gilt eS auch nicht für ausgeschlossen, daß vi le'cht Kaiser Wilhelm den Zaren schon vor dem Besuch Potsdam Dpriftnliffi in

m ?* Gießener Kind. Man macht dem Gießener Nachwuchs besonders im Kaufmannsstande häufig den Vorwurf, baß er an bet Scholle klebe und nicht hinausgehe in die Welt, aber man muß anerkennen, daß es die wenigen Gießener Buben, !*äher in Mc Fremde gingen, fast alle verstanden haben, NH wi Getriebe der Welt eine Position zu schaffen. Wir haben un Taufe der Jahre häufiger Gelegenheit gehabt, in unserem Blatte von Gießener Andern zu berichten, die es im Leben zu btwas .gebracht haben, ohne von den Verhältnissen besonders begünstigst zu fein. Heute liegt uns das in der gleichnamigen Hauptstadt des Staates Buffalo in englischer Sprache er­scheinende Tageblatt vor, das unter der UeberschriftMänner des Tages' das Bildnis eines Mannes bringt, dessen Wiege in Ziehen stand und der nach seiner kaufmännischen Lehre bei Zock u. Co. nach Amerika ging. Das Tageblatt feiert das Gießener Kind Christian Trapp, einen Mann von jetzt 44 Zähren, gelentlich seines silbernen Jubiläums als Leiter der Bierbrauerbörse in Buffalo. Es wird dabei anerkannt, daß ^rapp es verstanden hat, mit Energie, mit seltenem Takt und großem Geschick seine Stellung auszufüllen. Er habe in leiner einflußreichen Stellung viel dazu beigetragen, das Ge­werbe zu einer Macht gebietenden Stellung im Staate zu ent- wickeln. Ehrend ist auch das hohe Lob, das den im dortigen Braugewerbe überwiegend beschäftigten Deutschen bei dieser Ge- egenhnt gezollt wird Der Vater des im fernen Amerika Ge­feierten ist der Postschaffner i. P. Ioh. Trapp, ein rüstiger 80er.

Wegen der Universität und der Studenten in Gießen. Ein Landmann aus unserer Nachbarschaft hat seinen Buben bei einem Handwerksmeister in Gießen in die Lehre gegeben. Durch den Besuch der Fortbildungsschule kommt nun der junge Dörfler häufig zu spät zu dem Zuge, der ihn abends nach Hause bringen soll. Das ist dem Vater roiber den Strich und er erscheint beim Leiter der Schule in ®iefeen mit der Bitte, den Sohn doch einige Minuten vor Schluß des Unterrichts zu entlasten. Der Schulleiter will sich daraus mcht emlasten und gibt dem Manne den Rat, seinen Sohn doch in der Heimat in die Fortbildungsschule zu schicken. .Herr Oberlehrer/ meinte daraus der strebsame Vater, ,,aid) maan, wo doch in Gäiße de Unewersitet is un däi oeele Schtudente (in, da muß hei doch rnihr lerne, als dahem. Gr is, miste Se wisse, en bische beschränkt von Haas aus." Diese Grunde waren für den Schulleiter durchschlagend und lächelnd versprach er dem Vater, seinen Sohn künftig etwas früher zu entlasten.

sozialen Friedens, ganz gleich, ob Arbeitgeber oder Arbeitnehmer den Sieg davonttagcn. Für den deutschen Arbeiter heißt es: weg mit diesem Kampfe! Die christlichen Gewerkscha fte find schlimmer als d i e Sozialdemokraten. Sie berichtigen bei uns an der Saar die Zechenbesitzer, falsch Lohnlisten geführt zu haben. Sie wollten den Beweis dafür

c . un? Klauenseuche. Dem Frank­

furter PoUzeibencht zufolge ist in I g st a d t bei W i e s - den die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen. Die eine auf dem Magerviehhof zu Friedrichs-

4 aufgekaufte Kuh eingeschleppt worden.

Ereye Büdingen ist wegen der Gefahr der Einschlep- pung der Maul- und Klauenseuche bis auf weiteres die Er­laubnis zur Abhaltung von Viehmärkten dahin eingeschränkt worden, daß außer dem Pferdemarkt m r t cnb er g nur noch Sch we in e mär rt e abgehalten werden dürfen. v

Ausstand tn Bremen, in Frankfurt und in Nürnberg. Auch Hamburg wurde schon in frühen Zeiten von Ausständen wcht verschont. Bald waren eS die Fleischer, bald die Grautucher, bald die Fuhrleute. Immer aber fand sich jemand, der nach seiner Meinung nicht gut genug bezahlt war. So ist es auch noch heute.

= Watzenborn-Steinberg, 14. Okt. Am Smr rag den 22. d. M. findet hier die B ur He r m ei st e r wa statt. Tie Wiederwahl des seitherigen Bürgermeisters dür als gesichert gelten.

Alsfeld, 16. Okt. Sein 30 jähriges Jubiläum beg,. der Kontrolleur des Vorfchußvercins, L. Köhler.

Engelr 0 d , 16. Cft Sanbroirt Georg Greb wurde z, Gemeinbeeinnehmer, Kirchenkassenrechner und Krank en kafsenrech: ernannt.

= Lauterbach, 16. Okt. Am Samstag wurde | neuerbaute Web- und Handwerkerschule eingeweiht. 1 Vertreter des Ministeriunis waren Ministerialrat zinger und Gehettnerat N 0 ack erschienen. Ferner nxn anwesend: Kreisrat v. Bechtold, Lauterbach, Gcwer! rat Falk, Mainz, der Stadt Vorstand sowie eine grr Anzahl Gäste und Schüler und die Lehrer der Handwerk schule. Die Festteilnehmer versammelten sich um 3 Uhr t dem neuen Gebäude, wo Baumeister Reuter den Scküüj an den Vorsitzenden der Webschule, Kommerzienrat H 00 dem ^dieser Titel vorher verliehen wurde, übergab, der Schule begrüßte Kommerzienrat Hoos die Teilnehm dann hielt Hauptlehrer Psündel, der Leiter der W schule, die Festrede. Er schilderte die Entwickelung j im Jahre 1807 «eröffneten Schule. Schlossermeister Otte dein dankte im Namen deS Ortsgewerbevereins für I drei der Handwerkerschule überlassenen Säle. Nach ein Rundgang durch das neue Gebäude fand im Hotel Sch das Festessen statt. Kreisrat v. Bechtold betonte einer kurzen Ansprache, daß die vielfach verbreitete « sicht, als ob Industrie und Handwerk der Landwirtsch gegenüber von der »Regierung stiefmütterlich behandelt toi den, irrig sei. Außerdem sprachen noch Ministerial- Hölzinger und Geheim erat Noack. Das neuerrichtete ( bäude dient hauptsächlich für den theoretischen Untern und ist mit einem Kostenaufwand von 28000 Mk erbt worden. In den seitherigen gemieteten Gebäuden, die i auch käuflich erworben sind, findet der praktische Betr statt. Die Gesamt kosten für Erwerbung und Herrichtu des alten Anwesens sowie des Neubaues belaufen sich ( 5657 000 Mark. 1 1 '

= Lauterbach, 16. Okt. Am Samötag fiel Gastwirt und Metzgermeister JohS. Möller von Ange dach so unglücklich von einem Gerüst in seiner Scheuer die Tenne, daß er eine schwere Schäd elverletzung er und längere Zeit bewußtlos war.

O Friedberg, 15. Okt. Der Taunuökl Wetterau (Sektionen Friedberg und Bad-Nauheim), des 6. Wanderung, unter Führung von Lehrer OSwald-Bc Nauheim, in sechsstündigem Marsch über Cleeberg, Quembo Bonbaden und durch daS herrliche SolmSbachtal nach Brai fel§ führte, veranstaltet den nächsten Ausflug am 6. Novern unter Führung von Direktor Dörr-Friedberg und Ma stam m-Bad-Nauheim. Die Wanderung wird in das C biet deS Steinkopfs und des Wintersteins unternommen.

.Münzenberg, 16. Okt. Der Landwirt Wagn stürzte in der Scheuer mit der Stall-Laterne, die in Trümv ging und zündete. Obwohl die Feuerwehr bald zur Stelle w brannten Scheuer, Stallungen, eine Dreschmaschine, 5tr presse und große Futtervvrräte vollständig nieder

Ausstände im Mittelalter.

Die großen Ausstände, durch die jetzt die Oeffentlich- 'eit andauernd beunruhiat wird, scheinen eine ganz moderne Einrichtung zu sein. Wie uns geschrieben wird, ist diese Annahme aber falsch. Schon das 14. und 15. Jahrhundert kannte Ausstände, die sich allerdings nicht so weit aus- dehnten wie heutzutage, wo den Streikenden durch Tele­gramm und Eisenbahn schnell Nachricht gebracht und von ihnen zu Gesinnungsgenossen in fernen Ländern getragen werden kann. Wenn man von dem ersten großen allge­meinen Ausstand, der im alten Rom bei der Auswande­rung der Plebejer auf dem Heiligen Berg zutage trat, absieht und auf deutsche Verhältnisse znrückgreist, so itnrb man als ersten Ausstand den der Handschuh­macher, Bäcker und Fleischer in Kolmar be- Keichnen müssen, der im Jahre 1291 stattfand. Dieser erste große Ausstand umfaßte damals ungefähr 300 Ge­sellen und wurde durch Lohnstreitigkeiten entfacht. Aller- Angs erhielten damals die Handwerksgesellen sehr geringe Sdt)iie, die durch die billigeren Lebcnsverhältnisse bedingt Ovaren.

Tas 14. Jahrhundert sah auch mehrere große Aus­stande, die in Augsburg und in Speyer ausbrachen Besonders in Speyer war der Ausstand van 1351 der Leerst von den Webern ausgina und dann auch auf andere Handwerke ilbergrrfs, größeren Umfangs. Schließlich mußte nanArailJ..beibcn Seiten einige Konzessionen machen und die Ausstande wurden beigelegt.

Von anderen Streiks erzählt der Nationalökonom HR u m m e 11 h 0 f. Danach brach im Jahre 1497 am ganzen Oberrhein ein großer allgemeiner Ausstand aus Dieser Murde ganz nach heutigem Muster inszeniert. Die Rädels­führer liefen nämlich von einer Stadt zur anderen und hetzten alle Arbeiterund Gesellen auf, die Arbeit nieder- Zulegen. Als Termin der Arbeitseinstellung war das Ks.ngstfest des Jahres 140 7 festgelegt worden. ßll|o man sieht, daß die Mittel der Agitation dieselben geblieben sind und sich in den Jahrhunderten nicht ver­ändert haben. Nur der Charakter der Mittel ist moderner geworden.

Dasselbe Jahrhundert brachte noch einen Ausstand, der heute allerdings nicht mehr möglich wäre, da er nicht weniger als 10 Jahre dauerte. Dieser Riesenstreik be- gann in Kolmar im Jahre 1495 und wurde von den »adern angestiftet, die sich bei einer Prozession zum Fronleichnamsfeste benachteiligt sahen. Der Ausstand führte ri so großen Unzuträglichkeiten, daß sogar das Reichs- roro**ÖcJld,t öu Frankfurt a. 'M. sich mit der fcxirf)e beschäftigen mußte. Erst im Jahre 1505 wurde er nach zehnjähriger Dauer beigelegt. Die Lebensbedürfnisse der Handwerksgesellen scheinen damals nicht sehr groß gewesen sein. Im 16 Jahrhundert finden wir einen großen

DieOrtsgruppedeHHansabunds tagte hier am Samstag abend. Nach einleitenden Worten des zweiten Vorsitzenden der hiesigen Ortsgruppe, Stadtverordneten Petri, verbreitete sich Herr E. Brandt- Berlin in un­gefähr einundeinhalbstündigen Llusführunaen über das *J)ema:Was ist neudeutsche Wirtschaftspoli- t i f". Von dem Grundgedanken des Hcrnsabundes, daß der moderne Staat nur dann gedeihen könne, wenn der Grund­satz der Gleichberechtigung aller Erwerbsstände den leiten­den Gedanken der Wirtschaftspolitik bilde, ging der Redner aus und wies nach, daß auch noch heute Handel und In­dustrie nicht den ihnen gebührenden Platz einnehmen. Handel und Industrie, Gewerbe und Handwerk müßten als ebenso staatserbaltend und ebenso produktiv anerkannt werden als die Landwirtschaft, der heute noch vielfach die erste Stelle eingeräumt werde. Aus dem vorwiegend ackerbautreiben­den Deutschland sei im Laufe der Zeit ein Industriestaat ge­worden. Zweidrittel der deutschen Bevölkerung sei in der Industrie beschäftigt; dreiviertel von allen Steuern brächten Handel und Industrie auf, und nur durch die mächtig auf­blühende Industrie sei es z. B. möglich gewesen, den Strom der Auswanderer allmählich zurückzudämmen und so eine gewaltige Arbeitskraft dem deutschen Nationalwohlstaud zu erhalten. Doch mit diesen Bestrebungen wolle der Hansa- ninb der Landwirtschaft keinen Llbbruch tun. Vielmehr eien Landwirtschaft und Industrie gegenseitig aufeinander angewiesen. Der Redner bringt dann verschiedene Beispiele ür die Vernachlässigung von Handel und Industrie und ührt hauptsächlich die letzte Reichsfinanzreform an. Handel und Gewerbe seien hier zu starr herangezogen, die Landwirt- chafi, besonders der Großgrundbesitz, hingegen sei fast ganz verschont geblieben. Schuld daran trage nur der Bund der Landwirte, auf dessen Konto hauptsächlich die Verteuerung ber Lebensmittel zu legen fei. Der Bund der Landwirte betreibe eine einseitige Agrarpolitik. Durch den Hansabund dagegen solle eine Wirtschaftspolitik betrieben werden, wo den Interessen des mittleren und kleinen Mannes Rech-

nuna getragen werden soll. Insbesondere auch an den Handwerker wende sich der Hansabund und suche durch ein Gesetz das Submissionswesen in richtige Bahnen zu lenken. Er wolle die Bürger herausreißen aus ihrer Jnteressen- lofigkeit, die verschuldet ist durch Parteisucht und durch die Gegensätze im bürgerlichen Leben. Der Hansabund er­gebe ferner eine bessere Vertretung des Mittelstandes im Reichstag, im Landtag und in den Kommunen. Er fordere, daß in unsere Regierungsverwaltung mehr kaufmännischer Gerst einzieht; er führt, kurz gesagt, einen Kampf um unsere nationale Entwickelung. Dem Hansabund, der über eine Million Mitglieder zählt, trat auch derVerein für weib­liche Angestellte" am hiesigen Orte bei.