Ausgabe 
17.10.1910 Zweites Blatt
 
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Nr. »43

Zweites Blatt

160. Jahrgang

Montag 17. Oktober 1910

Gietzener Anzeiger

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General-Anzeiger für Gberhessen

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Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UnwersitälS - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Bietzen.

Redaktion, Expedition und Dnrckerei: Schul- ftrahe 7. Expedition und Verlag: Redaktiom^KIir. Tel.-Adru AnzergerBietzen.

Erscheint tL-llch mit Ausnahme des Sonntag».

DieGietzener LamiliendlSNer" werden dem .Anzeiger« viermal wöchentlich beigelegt, das H«rdiblütt für den Kreis Slehen" zwennal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

!?£önig Manuel und die Absichten der portugiesischen Royalisten.

£ London, 15. Okt.

(Einer MeVmna des Vertreters desDaily Telegraph" n Gibraltar zufolge soll die britische Regierung >em Körrig M a n u e l in freundlicher Weise bedeutet haben, >atz es vielleicht besser sein werde, wenn er sich während eines Aufenthaltes in Gibraltar aller politischen Agitation ii Portugal enthalten würde. Aus diesem Grunde habe ich der König entschlossen, die Kundgebung vorläufig nicht u veröffentlichen, die er abgefaßt hat. König Manuel, die königin-Mutter, der Herzog von Oporto und die Grafen Zabugosa und Figuerro, die aus Lissabon nach Gibraltar to- amen, hielten dort.gestern einen Krieasrat ab. H Der Korrespondent erfährt darüber, daß König Manuel ein ubiges und zurückgezogenes Leben führen solle, bis seine Gesundheit vollständig wiederhergestellt sei. Inzwischen ^vollen seine Freunde m Portugal eine energische Agitation ru seinen Gunsten in das Leben rufen, um bei den flachsten Wahlen schon eine royalistische Mehr- -i eit zustande zu bringen. Die Freunde des Prätendenten a aotlen diese Bestrebungen unterstützen.

Der bisherige portugiesische Gesandte in London und ch freund König Edwards, der Marquis de Soveral, der Jon seinem Posten zurückaetreten ch, wird als Berater ui fönig Manuels hier an seiner Seite bleiben. Er erklärte inj estern einem Vertreter der Presse, daß seiner Heberzeugung 7 od) der junge König sehr bald wieder nach Lissabon zu- 3 ückkehren werde, denn die Majorität der gebildeten Portu- iiui iesen seien für ihn.

$ Der Vertreter der^Morning Post" in Lissabon berichtet r bec eine Unterredung, die er mit einem Leutnant Ribeiro * atte, der sich an dem Abend des dritten Okwber in der Lähe des Admirals Reis befand. Dieser behauptet, M der Admiral nicht Selbstmord beging, sondern von einem !| tbgesandten der klerikalen Partei ermordet wurde, wie berhaupt die Absicht bestanden habe, alle Führer der Revolution zu ermorden. Admiral Reis habe an dem Abend . eglaubt, daß die Revolution fehlgeschlagen habe, und wollte ach Hause gehen, als er von hinten erschossen wurde.

Liberale Zeitungen Englands beschweren sich crrüber, daß das Vorgeben der republikanischen Regierung Portugals gegen die religiösen Orden so sehr übertrieben nd ausgebauscht.werde. Zunächst einmal gebe es gar icht so viele Orden in Portugal, da den Orden ja seit nd em achtzehnten Jahrhundert der Aufenthalt in Portugal I igentlich verboten war. Man finde ja Hospitäler der efuiten in dem Lande und Schulen, die von Nonnen ge- cj niet würden, aber ein eigentliches Klostersystem gebe es 4 hon lange nicht mehr.

Lissabon, '16. Okt. Morgen werden die Dekrete veröffent- ctzt, durch welche die Pairskammer, der Staatsrat und der Adels- id tel abgeschafft, die Dynastie Bragan-a verbannt und ; ie Wohltätigkeitsanstatten verweltlicht werden.

Gibraltar, ,16. Okt. Eine strenge Ueberwachung lief e§ Palastes des Gouverneurs, wo der König und all ine Familie Wohnung genommen haben, wurde angeordnet. Es eißt, die Truppen der Garnison würden in Bereit­schaft gehalten. Der Grund für die Maßregel ist unheBannt. M Gibraltar, 16. Okt. Die Königin-WitwevonPor- u g a l begab sich heute nachmittag, begleitet vom Herzog von porto an Bord des italienischen KreuzersRegina Elent", welcher termif nack) Sp^ia in See ging. Die Königin-Witwe begibt |3 ch nach dem Schlosse San Rossore, um dort den König zif ird die Königin von Italien zu treffen. Im Laufedes Nach­mittags schifften sich König Manuel und die- hf igin-Mutter auf der englischen Königs-Jacht

Victoria and Albert" ein, die hierauf ebenfalls inSeegin g.________________________

politische Lagesschan.

Die Berliner Ehrenpromotionen und die Presse.

DieTcigl. Rundsch." hatte aus Anlaß der Berliner Ehrenpromotionen folgende Aeußerungen getan:

Nur an einer Berufsart gingen sie alle (die Berliner Fakultäten) mit spröder Nichtachtung vorüber, am Tages- lchrifttum, an der Presse, und doch wären unter den Schülern der alma mater Berolinensis doch gewiß etliche ge­wesen, die sich zwar der Feder verschworen haben, aber an Wissen und Können und nützlichem Wirken für das Gemein­wohl hinter den Gelehrten nicht zurückzustehen brauchten. Die juristische Fakultät hat tief bedauert, Herrn Bernhard Dernburg den Doktorhut nicht verleihen zu können, da ihr eine andere Universität schon zuvorgekommen sei. Wäre es da vielleicht nicht angebracht gewesen, sich zu erinnern, daß der Vater dieses Bern­hard Dernburg, der Publizist Friedrich Dernburg, in einem langen reichen Leben auch einiges Nützliche und Ersprieß­liche geleistet hat, das sich neben dein Werke seines Sohnes recht wohl sehen lassen Tann? Er schreibt allerdings seit einigen Dezennien für die Tagespreise; aber das hat ihn nicht gehindert, einfeiner wissenschaftlicher Geist" zu sein und zu bleiben, der dem deutschen Schrifttum zur Ehre gereicht und in dessen Ehrung sich die Presse geehrt gesehen hätte. Oder hätte, um nur noch einen Berliner Publizisten zu nennen, der greife Karl Frenzel, der sogar Professor ist, unter den Doktoranden etwa eine schlechte Rolle gespielt oder ihre Reihe nicht vielmehr geziert? Beide Veteranen der deutschen Publizistik stehen dem £age3ftreite fern. Ihre Ehrung wäre von der Presse aller Parteien mit Freude aus­genommen worden; denn sie hätte in ihrer Ehrung den Beweis gesehen, daß die Zeiten vorüber sind, da die Wissenschaft hoch­mütig an der Arbeit der Tagespresse vorübergeht, die sie heute doch weniger entbehren kann denn je."

Wenn, so meint dazu dasBert. Tgbl.", der deutsche Journalismus eines Trostes dafür bedürfte, daß keines seiner Mitglieder von den Berliner Professoren mit der Ehrendoktorwürde bedacht worden ist, so brauchte er nur au lesen, was ein Leipziger Professor soeben in dem bei Teubner in Leipzig erschienenen, von Paul Hinne- berg herausgegebenen SammelwerkDie wichtigsten Bil­dungsmittel" über die Tätigkeit der Journalisten geschrieben hat. Der berühmte Leipziger NationÄökonom Kari Bücher sagt dort:

Es darf nicht übersehen werden, daß eine gut entwickelte Tagespreise die geistigen Kräfte einer Nation entfesselt. Man kann über die Tätigkeit des eckten Journalisten nicht groß genug denken. Welche Fülle von geistiger Kraft und breitem Wissen, von Erfahrung und politischem Takt, von Geistesgegenwart und Witz, von Gestaltungsgabe und Formen­gewandtheit täglich durch die Presse eines ganzen Landes umgesetzt wird, ist kaum zu ermessen. Allerdings kann man sagen, daß es eine Art Raubbau fei, der hier an der Giesamtbefähigima einer Nation getrieben werde, daß gerade die Talenwollen unter den Verfassern Bleibenderes in das geistige Vermögen ihres Voiles hätten einschießen können, und es fehlt ja auch nicht an beweg­lichen Klagen über diesen scheinbaren Verlust. Aber wie viele Talente hat doch auch der Durchgang durch die Presse vor Not und Verkümmerung geschützt, für wie viele ist sie eine Schule geworden, in der ihre Kraft für größere Aufgaben erstarkt ist! nd ist denn an sich der Beruf des Mannes, dessen Wort durch die Zeitung täglich Zehntausende erreicht, geringer zu schätzen, als etwa der des Predigers, dessen Worte nur Hunderte hören, oder der des akademischen Lehrers, der vielleicht nur ein paar Dutzend um seinen Lehrstuhl versammelt sieht?"

Hebet die deutsch-abessinischen Beziehungen

wird der ,,Tägl. Rundschau" aus Addis Abeba geschrieben: ES kann keinem Zweifel unterliegen, daß die abessinische Re­gierung, d. h. die während der Krankheit des Kaisers Menelik

für den noch in jugendlichem Alter stehenden Thronfolger' Litsch Ieassu die Geschäfte führenden Männer, der Reichst regent RaS Tastama, der Ministerpräsident und Kriegs­minister Fitaunari Apte Georgis, sowie der Minister deS' Auswärtigen, Ragadros Jgasu vom ernstesten Willen beseelt sind, möglichst gute Beziehungen zu Deutschland herzustellen und vom Werte dieser Beziehungen für ihr Land auf daS tiefste durchdrungen sind.

Trat dies schon in der für Kenner der Verhältnisse ganz un­gewöhnlich schnellen Erledig ungderEntschüdlgungS-' ansprüche für die im Vorjahr durch den Einfluß der Kaiserin' entlassenen deutschen Beamten zutage, wodurch die- Abessinier zeigen wollten, daß sie alles die beiden Länder und Re­gierungen Trennende aus dem Wege zu räumen beabsichtigten, so wurde dies Bestreben durch die Geschenke des abessini­schen Thronfolgers für unseren Kaiser noch in; großem Maße aller Welt sichtbar. Tiefe Geschenke, die dem auf' Urlaub gehenden Gesandten Scheller-Steinwartz zur Hebei teicfnuig an Kaiser Wilhelm übergeben wurden, sind in solcher Reichhaltig­keit noch feinem anderen Souverän zuteil geworden. Sie bestehen aus einer abessinischen VaradeauSrüstung, wie sie Kaiser Aienelik zu tragen pflegte: Diadem, goldbeschlagenes Schild, Schivert, Heberwurf aus Löweufell usw. Die Gegenstände haben, da sie größtenteils antike Arbeit darstellen, auch vom kimstlertscheu' Standpunkt aus einen außerordentlichen Wert. Desgleichen wurdeu- auch dem Gesandten kostbare Ehrengeschenke zuteil. Wichtiger aber noch als alle diese äußeren Sympalhiebewelle sind die Worte, die Der RelchSregent RaS Tassama bet dem Besuch, den er kürzlich in Gegenwart des Thronfolgers der deutschen Gesandlschasl ab­stattete, sprach, und in denen er auf das eindringlichste zum Aus­druck brachte, daß von abessinischer Seite alles geschehen würde, um die freundschaftliche Gesinnung der deutschen Regierung und des deutschen Volkes zu gewinnen und zu stärken.

Insbesondere wäre er dankbar, schloß RaS Tassama, wenn deutsches Kapital und deutsche Unternehm­ungen ins Land kämen, denen er zur Erreichung ihrer roirt* schafllichen Zwecke nach Kräften behilflich fein wolle.

Konfercnj der Werk- und nationalen Arbeiter-Vereine.

4 M agdeburg, 16. Okt.

Unter Beteiligung von efict 200 Delegierten ans ganz Deutsche land traten hier im großen Saale des Konzertl-aufes die Werk­vereine und nationalen Arbeiter-Vereine zu einer Konferenz zu­sammen, um über gemeinsame Angelegenheiten zu verhandeln. Ter Vorsitzende des evangelischen Arbeiterverbauckes Magdeburg!^ F i e m s eröffnete die Konferenz und gab der Hofftrung Ausdruck, daß eine Einigung aller auf nationalem Boden stehenden Arbeiter- Vereine zustandekommen werde. Regierungspräsident von, Niesizek (Magdeburg) begrüßte bann die Erscküenenen namens der Regierung. Der zweite Vorsitzende des ArbeitervereinsWolff" Hoffmeister (Magdeburg) meinte: So lange das Reich und feine Herrlichkeit besteht, hat sich unter feinem Schutze eine kräftige Industrie entwickelt. Damit sind auch die Bedingungen gegeben für einen Arbeiter stand, der dabei lohnende Beschäftigung findetc kann. Der Redner bringt ein Hoch auf das deutsche Vaterland und die deutsche Industrie aus.

Ten ^ersten Vortrag hielt sodann Schlosser Warnecke vom Gruson-Werk (Magdeburg) über

die deutsche Arbeiter-Bewegung und ihre Ziele^ Ter Redner schildert einleitend die Entwickelung der deutschen Arbeiterbewegung, besonders die der nationalen Arbeitervereine« Es werde nötig fein, gemeinsame Gegner gemeinsam zu bekämpfen, daher soll ein Weg der Verständigung gesucht werden. Alle Werk- und nationalen Arbeiter-Vereine in den größeren Städten sollten sich tzu Ausschüssen zusammenschließen. Diese Ausschüsse sollen nicht in die wirtschaftlichen Verhältnisse der Vereine eingreifen, fonbent nur die gemeinsamen Interessen fordern.

In der Aussprache bemerkt Latz (Völklingen): Als die Sozial-« demokratie hier in Magdeburg tagte, hat uns im Westen ein ge­wisses Mißbehagen erfüllt, ob wir hier etwas erreidjen könnten.

besonderes Ansehen genießt, da es das erste Land ist, das ine Organisation zuwege gebracht hat, durch die die Säug* ingStzflege eine staatliche Kontrolle erfahrt^

Gesundheitsbehörden der Welt auf der Znter- t nationalen Hygiene-Ausstellung Dresden 19U-

Nach der Zeit klassischer Körperkultur folgte eine gewaltige 5pmme Zeit, in der oft Über der Verfolgung ethischer Ziele das t)gienifd)e Moment verncuMssigt wurde. Erst in der Neuzeit g neber brach eine Aera reumütiger Rückkehr auf hygienischem ilb Miete an. Von Jahr zu Jahr gewinnt jetzt die hygienische Be- )egimg an Boden; sie hat sich in den letzten Jahrzehnten so '* esteigert, daß die Gesundheitsbehörden maßgebender Kulturstaaten eradezu danach verlangten, die Erfahrungen, die man auf dem 0 Miet der öffentlichen Sozialhygiene machte, gegenseitig aus- r utauschen.

y Deshalb war vorauszusehen, daß es bei der Veranstaltung i iner Internationalen Hygiene-Ausstellung zu einer intensiven n ebordlichen Beteiligung kommen würde. Auch die Erwägung, II afe durch einen großzügigen Austausch viele wichtige materielle l)| fragen auf dem Gebiete der Sozialhygiene ihrer Lösung ent­egengeführt werden können, mag das Maß der Beteiligung seitens J er Großstaaten der Welt wesentlich gefördert haben. Man weiß jt den, baß jeber Staat bie große Frage der Hebung des Ge- undheitsstandes des Volkes auf seine Art angefaßt hat und baß 6 ft ein Land mit wenigen Tausenden das erzielte, was einpn nderen Millionen kostete. Ebenso ist es unter Fachleuten eine efannte Tatsache, daß Gefundheitsmaßnahmen, die ein Stach yi ehr leicht umsonst haben kann, in manchen Ländern bereits mit stanzendem Erfolg durchgeführt, während sie in anderen noch m| licht einmal ins Leben gerufen sind. Von einigen Gesund- 11 »eitsbehörden, die auf der Internationalen Hygiene-Ausstellung Dresden 1911 vertreten sein werden, ist bereits genau bekannt, A oelche Seite ihres öffentlichen hygienischen Apparates besonders 8'et mit wird. So wird Rußland mit einer großen Sonderaus- tellung vertreten sein, in der z. B. die breite Organisation der hanfenfürforge in den russischen Gemeinden dargestellt wird tnb in der weiter das Findelwesen, das in Rußland in so gutem lkuf steht, zur Vorführung gelangt. Frankreich wird eine Aus- tellung inszenieren, in der namentlich die großen Erfahrungen ruf dem Gebiete der Säuglingspflege zur Darstellung gebradyt . Derben. In besonders ausgedehntem Maße wird Japan, das ,. ich einen eigenen Palast baut, auf der Ausstellung vertreten sein. " Die Regierung hat die für japanisd>e Verhältnisse recht beträcht- | iche Summe von 300 000 Mark bewilligt; die Leitung ist dem «erühmten Hygieniker Kitasato übertragen, der in Europa bei »en ersten Autoritäten studiert hat. Italien wird aller Vor- a1 russicht nach in einer gut besetzten Sonderausstellung feine großen krsohrungen auf dem Gebiete der Bekämpfung der Fieberkrank­sten zur Darstellung bringen. Daß and) die Beteiligung von DefterreidMlngarn in Aussicht steht, ist um so erfteulicher, als f tarn entlief? Ungarn in den Augen des Hygienikers und Volkswirts u in besonderes Ansehen genießt, da es das erste Land ist, das

Das Deutsche Reich wird selbstverständlich hinter diesen Staaten nicht zurückstehen. Die Regierung hat schon eine nam­hafte Summe bewilligt, um dem Reichsgesundheitsamt eine glanz­volle Vertretung zu ermöglichen.

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Ernst von Leydens Abschiedsworte. Der Tod Ernst von Leydens, des berühmten Arztes und Klinikers, ruft eine Szene aus seinem Leben in die Erinnerung, die den krönenden Abschluß feiner langen Tätigkeit bildete und die er selbst an das Ende seiner in der Deutschen Revue veröffentlichten Lebenserin­nerungen gestellt hat. Nachdem er sein 75. Lebensjahr vollendet hatte, legte er Ende des Semesters 1907 sein Amt als Leiter der ersten Klinik nieder. Es war ein schöner, aber wehmütiger Tag, dieser Tag des Abschiedes. Volle 31 Jahre hatte er an der Stätte gewaltet, sein ganzes Leben war nriit der Charite ver- kirüpft. So faßte er denn in. seinen Abschiedsworten fein Be­kenntnis als Arzt gleichsam als ein Vermächtnis für ferne Freunde, Kollegen und Sckmler noch einmal zusammen.Die Medizin mird gefördert," sagte er,durch die Wissenschaft, aber der Arzt wird ausgebildet am Krankenbette durch die Beobachtung des Kranken. Diesen Ausspruck) habe ich auch zu dem meinigen gemacht. Ich habe ihn auf dem Kongreß für innere Medizin wie auch in meinen Vorlesungen wiederholt und habe hinzugefugt, daß diese beiden Richtungen sich sehr gut vertragen und zmn idealen Ziele des Arztes führen. Derjenige, welcher die Wissenschaft treckt und den Geist der Wissenschaft in sich ausgenommen hat, wird auch dasjenige Wissen, welches wir von der Krankheit und vm den Krankheitssymptomen haben, wohl zu schätzen wissen. Aber er wird sich auch sagen, daß damit nicht alles abgemacht ist, daß die Wissenschaft nicht alles kann, und daß wir and) aus der Beobachtung am Krankenbette viel lernen können. Ich habe darauf hingewiefen, wie die alte griechische Medizin, welche doch nur auf der Krankenbeobachtung und auf den Erfahrungen basierte, Vorzüglid>es geleistet hat, ja, wie sie manches geleistet, was erst die heutige Wisseiisd;ast ihr nachprüste. Ich mochte also ausdrücken, daß die Wissenschaft und Beobachtung sich gleich st ehen, aber freilich nur diejenige Beobachtung, welche durch den wissenschaftlichen Geist auch wirklich kritisiert ist. Demi die Beobachtung, die keine Kritik hat, das ist die des Kurpfuschers, aber eine Beobachtung, die der ärMidjen Kritik stand hält, Hal vollen Wett äür die Medizin, für die Behandlung und für die ärztliche Tätigkeit . . . Zum Schlüsse seien hier noch einige Worte Senekas wiederholt, die uns das Bild eines Arztes geben, wie er nach dessen Ansicht sein soll, ein Bild, das auch noch für den Aazt des zwanzigsten Jahrhunderts Geltung haben dürfte:Mein Arzt," sagt er,hat um mich mehr Besorgnis gezeigt, als sein Beruf es ihm zur Pflicht machte. Er. zitterte für mich, nicht für die Ehre seiner Kunst. Er begnügte sich nicht damit, mit Medi­kamente zu verschreiben, er reichte sie mir mit eigener Hand. Er ging zu den besorgten Angehörigen, um sie zu trösten. In den rritifcßen Augenblicken stand er an meinem Lager. Nichts wat ihm zu schwer, die schmierigsten und widetwättigsten Dienshe

machten ihm nichts aus. Er konnte mein Stöhnen nicht ohne Mhrung anhören. Diesem Mann bin ich nicht nur als einem Arzt, sondern als einem Freunde zu Dank verpflichtet. Wie könnte ich ihm alles dies jemals vergelten!"

Altmodisch werdende Fremdwörter. In einet Sptachecke des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins lesen wir: Doj viele unserer Fremdwörter ihre Aufnahme in den deutschen Sprach-- gebrauch nur törichter Vornehmtuerei verdanken, die da meint, das. Fremde sei wertvoller als das Heimische, so wird es manchem Deutschen schwer fallen, zu glauben, daß Fremdwötter, die noch vor einigen Jahrzehnten auf stolzem Rosse saßen, jetzt als alt- ntobtfki) genügen werden. Und doch -ft dem so, geheu doch sogar Leute, denen in ihrer Vorliebe für das Ausländische reichlich viel Fremdwörter über die Lippen kommen, öfters heimische Aus­drücke nur aus Feintuerei dem und jenem Fremdworte vor. Gar mancher Fremdwottfex trinft seinem Gegenüber jetzt mit einem deutschen Zum Wohle zu, da er das Gefühl lxtt, dieser Zuruf sei feiner als das von jedermann gebrauchteProsit" oder gar Prost". Vereine, die etwas auf sich halten, reden bei ihren Fest­mahlen nicht mehr vomKuvert", sondern vom Gedeck, obgleich gerade in der Geselligkeit der obem Zehntausend das Fremdwott seine schönsten Triumphe gefeiert hat. Wie altfränkisch klingen> im VereinslebenJustifikation" undStatuten". Aber noch 1896 beantworteten wütttemb er gische Gymnasiallehrer den Antrag des» Prof. Erbe, man möge statt Statuten Satzungen und statt General­versammlung Hauptversammlung sagen, mit schallendem Gelächter. DieVisite" hat auch ihre schönste Zeit hinter sich. Wer ist seinen Freunden iuxf) eineVisite" scmrldig? Nur bieKinber- visite" Jcbeint ein sehr zähes »Dasein zu Haden, sonst greift immer weiter unser beutsches Wott Besuch um sich, und schon nennt unser Kunstgewerbe besonders geschmackvolle Katten nicht Visitenkatten, sondern Besuchskarten ober noch besser Namens­karten. Gewiß, in den Läden bestellen noch viele Visitenkatten, aber beim Besuche sagt man zum Mädchen nur: Bitte, wollen Sie meine Karte abgeben. Man beadjte zu Festzeiten die Aus­lagen der PapieMxrrengeschäfte, und man wird finden, daß ge­rade auf den bessern Katten der Glückwunsch vorherrsdst.Gra­tulation" und gar erstKompliment" klingen uns schon wie aus Großmütterd-ens Stube, so sehr, daß viele im Streben nach Vornehmheit lieber Glückwunsch und Gruß sagen. Großmütterchen bat in ihremSalon"Fauteuils", ihr Enkelkind wünscht sich aber für das gute Zimmer, das Empfangszimmer ein paar recht schöne Sessel (wohl auch Armsessel oder Polstersessel oder ganz feinKlubsessel"), dem jüngeren Geschlecht klingt eben Sessel vornehmer als das allerdings so schwer auszusprechende Fremde wottFauteull". Und ist es schließlich nicht auch das Natürliche, daß das heimische Wott für vornehmer gilt als das Fremdwott? Wahre Freunde unserer lieben Muttersprache meiden ja die ent­behrlichen Fremdwörter noch aus andern Gründen, gleichwohl werden sie diesen Zug der Mode mit Freude als ein Zeichen Der Zeit und als willkommenen Bundesgenossen im Kampfe wider diftige Fremdwötter begrüßen.