Ausgabe 
15.11.1910 Zweites Blatt
 
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LMg-HMl schäft übernahm das Luftschiff C l o u t h Unb dessen Sonderkonstrnktionen. Max Clouth soll in den Aufsichtsrat der Gesellschaft eintreten. Die Anfertigung von Ballonstoffen, von kompletten Frei-, Fessel- mtb Trachenbollons, sowie ihrer Zubehörteile wird auch fernerhin vcm Franz Clouth betrieben.

Ans Stadt und Land.

Gießen, 15. November 1910.

* * Frauenvorturnerftundc des Gaues Hessen in Wetzlar am 13. November. Erschienen waren der Gau- und Tnrnausschuft und von folgenden Bereinen die Leiter, zum Teil mit Turnerinnen: Alsfeld, Bad-Nauheim (11 Turnerinnen), Butzbach (10 Turnerinnen), ALarburg Tv., Marburg Tgm. (zwei Turnerinnen), Schlitz und Wetzlar (18 Turnerinnen). Außerdem war der zum Lahn-Dillgau gehörige Turnverein Herborn (vier Turnerinnen) vertreten. Eingeleitct wurde die Uebungsstunde mit Ordnungsübungen, die sich atis Taktgehen im Wechsel mit Zehengang, Hopsen und Schottischhüpfen, letzteres auch mit Nebenreihen und Kreisen in den Paaren, zusamnrensetzten. Ihnen schlossen sich zwei Gruppen Freiübungen an, deren Inhalt Schrittstellungen mit Rumpfbeugen und Rumpfsenkcn war, und die trotz ihrer ziemlich großen Schwierigkeit und der körperlichen Anstrengung die sie erforderten, zur vollen Zufriedenheit ausfielen. Tie reigenartigen Hebungen von (Yauturnwart Will, von, 24 Turnerinnen in Dreierreihen ausgeführt, boten unter Musikbegleitung wechselvolle, anmutige Bilder. Die Gesellschafts- Übungen zu je zweien an zwei Seitpferden beftanden in Sitzen, Liegeftützen und Ausknieen mit Kniesprung. Tas Keulen­schwingen setzte sich aus Armkreisen, Handkreisen, vor und Hurter dem Körper und Mühlschwingen zusammen^ An den Schwebekanten wurden Liegestütz- mit Sprungübungen, an den Ringen Hangstand-' und Schwungübungen geturnt. Ein heiteres Spiel schloß sich an, alsdann machte ein Keulenschwingen der Frauenabteilung des Tv. Wetzlar unter Leitung des Turn- warts Schüler den wirkungsvollen Schluß. An den Hebungen beteiligten sich im ganzen 54 Personen, davon 45 Turnerinnen.

* * Stadttheater. Es sei darauf hingewiesen, daß die Mfführung vonF ö r st e r ch r i ft l" am Mittwoch abend außer Abonnement stattfindet. Es ist der Direktion gelungen, Herrn Richard Bruno, der die beiden letzten Jahre am Erfurter Stadttheater engagiert war, noch für diese Spielzeit an die hiesige Bühne zu verpflichten und der Künstler hat das Engagement bereits angetreten. Herr Bruno, ein Schauspieler von Ruf wird zunächst am Sonntag als Karl Moor in denRäubern" und am 25. No­vember in der Festvorstellung zu Großherzogs Geburtstag als Graf von Gleichen" auftreten. Die Regie vonTaifun" hat Direktor Steingoetter an Herrn Goll abgegeben: es sei dies an dieser Stelle mitgeteilt, da es auf dem Theaterzettel nicht mehr geändert werden konnte.

* * Hube stellbare Postsendungen. Bei der Ober-Postdirektion in Darmstadt lagern folgende Sen­dungen, deren Absender vielleicht zu unseren Lesern zählen, als unbestellbar: Postantv. über 5 Mk. 5 Pfg. vom 3. 5. 10 aus Gießen an Frau Emma Löwenberg in Schupbach (Limbura, Lahn); Postanweisung über 4 Mk. 85 Pfg. vom 7. 12. 09 aus Gießen 2, Empfänger unbekannt; Wert­brief über 100 Mk. vom 7. 9. 09 aus Bad-Nauheim an Frau Marie Immer in Weimar; Muster, Inhalt drei scheren vom 21. 5. 10 aus Bad-Nauheim an Hr- quhart Bsworth House in Huntingdon (England). Die zur (Hnpfangnahme der Gegenstände Berechtigten müssen sich binnen vier Wochen bei oer Ober-Postdirektion melden, widrigenfalls die Postanweisungsbeträge unb die in den Sendungen enthaltenen oder durch Versteigerung des In­halts erlösten Geldbeträge der Postunterstützungstasse über­wiesen, die Briefe aber vernichtet werden.

* * Verlosungskontrolle. Wir verweisen auf die Bekanntmachung im Anzeigenteile unserer heutigen Aus­gabe, nach der die Mitteldeutsche Kreditbank, hier, die dauernde Heberwachung von Verlosungen und Kündigungen von Wertpapieren (Losen usw.) weit seither völlig kostenlos unter ihrer Garantie übernimmt.

Landkreis Gießen.

' Großen-Buseck, 14. Nov. Wie verlautet, irägt man sich mit dein Gedanken, in nächster Zeit mit dem Bau eines neuen Schulhauses zu beginnen. Die Schulsäle und Lehrerwohnungen im alten Schulhause sind schon seit Jahren unzulänglich und entsprechen durchaus nicht mehr den gesundheitlichen Anforderungen.

--- Tr eis a. d. Ld a., 14. Nov. Dieser Tage wurde der schon vor etlichen Jahren angeregte Schweineversiche­rungsverein gegründet. Zum Direktor wurde Weiß- bindermeister Klein gewählt. Das Rechneramt übernahm Schreinermeister Kehr. Zu Taxatoren wurden Joh. Konrad Fritz und PH. Kehr V. gewählt, als Ersatzmänner PH. Muhl unb Schneidermeister. Hch. Will. Zu Ausschußmttgtiedern wurden vorgeschlagen und gewählt: G. B. Fritz, Maurer­meister Roth und PH. Becker. Bis jetzt haben sich dem Verein 30 Mitglieder angeschlossen und weitere Anmeldun­gen stehen in Aussicht.

= Langd, 14. Novbr. Das am Sonntag abend im Saale des Gastwirts Ronthaler zu Langd gefeierte 25jährige Stif­tung s f e st, des GesangvereinsEintracht" verlief in 'schöner Weise. Das Programm war so zusammengestellt, daß das Fest den Charakter eines Volksbildungsabends angenommen hatte. Eingeleitet wurde die Feier durch einen Prolog, den ein Volksschüler sehr schön vortrug. Nach kurzer Begrüßung der Erschienenen durch den langjährigen Vorsitzenden Lehrer Best, überreichte er vier Sängern aus Anlaß ihrer 25jährigen aktiven Mitgliedschaft eine Ehrenurkunde und machte ihre Ernennung zu Ehrenmitgliedern bekannt. Es sind dies die Herren Georg Appel HL, Wilh. Gall, Ernst Walther und Ernst Nagel. Der Gründer und erste Dirigent Lehrer Zimmer von Lich gratu­lierte schriftlich und stiftete zwei Lieder. In der Festrede versetzte uns der Präsident in die stürmischen vierziger Jahre, in denen man in Langd schon einen Gesangverein gegründet hatte, dem bald ein zweiter folgte, die aber beide rasch untergingen. Der ^Präsident des Kriegervereins, Wilh. Appel, ermahnte den feft- gebenden Verein, weiter zu streben in der Pflege des Liedes. Ten .übrigen Teil des Abends füllten Musikvorträge, Solo-, Quartett-, Chor- und gemeinschaftliche Lieder, drei lebende Bilder unb Ge­dichte in Wetterauer Mundart in angenehmer Weise aus. Welche Freude am Gesäuge hier herrscht, beweist die Neugründung eines gemischten Chores. Am 25. November kommt das Rhein- Mainische Verbandstheater hierher, um Minna von Varn Helm zu geben und im Januar 1911 wird ein Lehrer im Kriegerverein einen Lichtbildervortrag halten. Dazu kommt noch eine Abendunterhaltung des Gesangvereins, die sich von Veranstaltungen ähnlicher Art dadurch unterscheidet, daß gute unb gediegene Sachen gespielt werden, um die fade, inhalts­losen und ost zotenhaften Possen allmählich zu verdrängen. Alles in allem muß das geistige Emporstreben eines abgelegenen Dorfes mit kaum 600 Einwohnern hoch erfreuen.

Starkenburg und Rheinhessen.

Darmstadt, 12. Nov. In Anwesenheit des Vorsitzenden der Schulabteilung des Ministeriums, Geheimerat Süffert, fanb gestern mittag in der Turnhalle des LudwigMwrgs-Gymnasiums der Schl des v ierwö ck igen Turnkur sus f ür Volks­schullehrer statt, zu dem sich zahlreick>e Interessenten aus Lehrerkreisen cingefunden hatten. An dem unter Leitung des Turninspektors Schmuck stehenden Ausbildungskursus hatten 23 Lehrer aus Hessen teügenommen. Zur Teilnahme waren nur solche Lehrer aus den größeren Gemeinden des Landes zugelasstn, die später Turnunterricht an mehrklassigen Volksschulen über­nehmen unb namentlich int Geräteturnen sich bereits ausgebildet hatten. Sämtliche Darbietungen zeugten von einer vortrefflichen Ausbildung, die dem Leiter des Kurses alle Ehre machte. Geheime­rat Süffert sprach den Teilnehmern Lob ünd Anerkennung aus und hob den Wert des Stufenturnens für die Volksschule hervor. Er empfahl ben Lehrern, besonders auf dem Lande für die Ausbreitung des Turnens zu wirken unb die fortbildungs- schulpflichtige Jugend zum Turnen zu veran­lassen. Mit Worten des Dankes an den Leiter des Unterrichts wurde der Kursus geschlossen.

Offenbach, 13. Nov. Ein buntes Leben unb Treiben zeitigte der Verkaufstag der Groß Herzogin, der am Samstag nachmittag iii dem dazu hergerichteten Fa­brikneubau des Geh. Kommerzienrats Ludo Mayer ab­gehalten wurde. Es war eine glänzende Veranstaltung, an der sich alle Schichten und Stände beteiligten; auch von auswärts waren zahlreiche Besucher herbeigekommen, um zu dem guten Zweck der Veranstaltung ein Scherflein beizutragen. Das Großherzogspaar traf beretts am Morgen, gegen 11 Hhr hier ein. An dem Großherzoglichen Stand verkauften außer dem Großherzogspaar u. a. Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen, Prinzessin Friedrich Karl von Hessen, Großfürstin Olga, die Tochter des Zaren, Fürstin Birftein und Fürst der Signe. Den Stand zierten eine große Anzahl Lauterbacher Kun st töpfere ien, die eigens für diesen Zweck, nach Entwürfen von Frl. Minna Weber, Lich, gefertigt waren. Vortrefflich hat es die junge Künstlerin verstanden, Monogramm unb Wappen bes Großherzogenpaares geschickt und geschmackvoll mit Form und Farbe der Gesäße zusammen zu stimmen. Erst gegen 10 Hhr traten die Herrschaften im Automobil die Rück­reise an, nachdem sie sich über den Verkaufstag sehr lobend und Anerkennend ausgesprochen hatten. Der Ertrag der Veranstaltung kommt der Fürsorge für Lungenkranke zu­gute und namentlich solchen Personen, die von anderer Seite keine Hnterstützung erhalten. So viel sich bis jetzt übersehen läßt, beträgt die Gesamteinnahme etwa 50 000 Mark. Darunter befindet sich eine Stiftung des Stadt­verordneten Louis Feistmann in Höhe von 5000 Mk.

-o. Aus dem Rh ein g au, 13. Nov. Der vor Jahren erfolgte Zusammenbruch derZentralver- kaussgesellschaft deutscher Winzervereine, G. m. b. H. (Sitz Eltville), hat tausenden von Winzern den wirtschaftlichen Ruin gebracht. Seine Folgen sind heute noch nicht ganz zu übersehen, da eine Reihe lang­jähriger Prozesse noch auszutragen ist. Gleich nach dem Riesenzusammenbruch wurde auch die Frage der Regreß­pflicht des Aufsichtsrates erörtert, aber bald als gegenstandslos fallen gelassen, da die sämtlichen Herren, die als Mitglieder des .Aussichtsrates in den Büchern standen, brieflich erklärten, ein Aufsichtsrat habe in Wirk­lichkeit nicht bestanden, sie alle hätten mit einem solchen nichts zu tun gehabt. Das erregte großes Aussehen, umso­mehr, als in dem Geschäftsbericht von 1906 hinsichtlich der angeblich pflichtgetreuen Tätigkeit des Aufsichtsrates das höchste Lob gesungen wurde, aber mit der Regreß- pslicht war es unter solchen Hmständerr nichts unb die hauptsächlichste Hoffnung war ben Winzern genommen. Der Streit unter den Hauptpersonen der verschiedenen Prozeß­parteien, die sich nach dem großen Krach bildeten, und die verschiedenartigsten Angrisfe auf die Schuldigen haben auch die Oeffentlrchkeit stark beschäftigt, nun aber wird in derRheinischen Volkszeitung" in Wiesbaden von ge­nau eingeweihter Seite ein umfassendes Material ver- öjfentlicht, das der ganzen Angelegenheit ohne Zweifel eine andere Wendung geben wird. Es bildet eine schwere Anklage gegen jene Ausstchtsratsmitalieder, die nun einen Aussichtsrat nicht kennen wollen unb oie mit Namen, im Einklang mit dem seinerzeitigen Geschästsbericht der Zentralverläussgesellschast, folgendermaßen aufgeführt sind: 1. Kgl. Oekonomierat Caspers, Generatdirektor der land- wirtsch. Darlehenskasse für Deutschland, in Neuwied (Vor­sitzender); 2. Boek, Direktor der Bergisch-Märkischen Bank in Coblenz (stellv. Vorsitzender); 3. Gattung, Kaufmann in Nieder-Wallusf; 4. Justizrat Halbe in Wiesbaden; 5. Kunkel, Oekonom in München; 6. Pfarrer Oertel in Neuerkirch. Es sei nun s e st g e st e l l t, daß sie alle dem Aussichtsrat angehört haben, also ihre seinerzeitige Er- klärung unwahr ist. Der Aufsichtsrat habe öfter getagt, Wahlen vorgenommen, seine Kompetenzen erweitert, er habe die famose Bilanz per 1906 geprüft, auch die Ge­winn- und Verlustrechnung, natürlich auch die Bilanz (die falsch war), für richtig befunden, in der Generalversamm­lung Bericht erstattet, Beamte angestellt, Gehälter erhöht, habe sich sogar seine Tätigkeit bezahlen lassen, indem er die Träten und Tantiemen bezog, die in der General-Versammlung am 10. August 1907 festgesetzt wurden.

ch. Bingen, 13. Nov. In Ockenheim hat eine Versammlung von Winzern ftattgefunben, die sich mit der Notlage des Winzer st and es beschäftigte. Die Versammlung kam zu dem Beschluß, an den hessischen Landtag eine Eingabe zu richten. Es soll die Be­freiung von der Einkommensteuer, soweit die Weinberge in Frage kommen, die Steuerfreiheit des unbebauten Wein- bergslandes und unverzinsliche Darlehen für die notleiben- ben Winzer erbeten werben.

Kreis Wetzlar.

O Kinzenbach, 13. Nov. Der hiesige Kaninchenzucht­verein, der älteste Lokalverein des Kreises Wetzlar, hielt heute abend unter reger Beteiligung bei Gastwirt Peitsch am Bahnhof seine erste W in t e r f e stl ich keit ab. Eine große Ausgabe ist dem Verein durch die im nächsten Frühjahr in Aussicht genommene Kreis-Geflügel- unb Kaninchen-Ausstellung gestellt.

Kriegsgericht.

-th. Gießen, 14. Nov. Am Samstag nachmittag tagt« f« der Zeughauskaserne bas Kriegsgericht der hessischen Division und j verhandelte in vier Fällen. Der Gerichtshof war aus Mcijor N,ü ck e r (Vorsitzender), Kriegsgerichlsrat O d e n a u e r (Verhand­lungsleiter), Hauptmann Stephan und den Oberleutnants B o e l tz i g und C o u l m a n n zusammengesetzt. Die Anklage ver­trat Kriegsgerichtsrat Heß. Der Musketier Herrn. H über, ge­boren in Ober-Ingelheim, von der 11. Kompagnie des 117. In­fanterie-Regiments war beschuldigt, vor dem Dienstantritt den Knecht Otto Otto in Unter-Widdersheim gemeinschaftlich mit anderen Burschen körperlich mißhandelt j|it haben. Die Beweisaufnahme ergab da§ übliche Bild einer Prügelei. Man weiß wohl, wer die Prügel bekommen hat, aber in der Hitze des Gefechtes ist schwer zu sägen, wer sie ausgeteilt hat. Das Schöffengericht hat bereits mehrere der Teilnehmer an der Affäre mit 10 und 5 Mk. Geld­strafe abgeurteilt. Die Verurteilten, die von dem Kriegsgericht als Zeugen vernommen wurden, stellten' sich dabei so unschuldig wie die 12ammec, und wollten nicht gesehen haben, daß der Angeklagte Huber den Otto Otto geschlagen hätte. Huber selbe-r gab zu, dem Otto einen leichten Schlag mit der Hand versetzt zu haben. Tas Kriegsgericht verurteilte ihn auf Grund seines Geständnisses zu 5 Mk. Geldstrafe. Der Musketier Joh. Aug. Backes, geboren zu Wetter bei Marburg, von der 3. Kompagnie des 117. Infanterie- ; Regiments, war beschuldigt, vor dem Dienstantritt in feiner Heimat de,i Polizeidiener Hilberg in zwei Fällen beleidigt zu haben. In Wetter war auf dem Felde Kraut gestohlen worden. Der Poltzei- diener wollte mit seinem Polizeihund den Täler ermitteln. Er schilderte als Zeuge, wie das Tier die Spur in das Wohnhaus der Eltern des Angeklagten verfolgt hat, Jn dem er den jungen Backes antraf, der sich dem Besucher gegenüber unaiigemeffen benommen haben soll. Tas gestohlene Kraut wurde im Hause nicht gefunden. Mehrere Zeugen haben gehört, wie der junge Backes den Beamten gerade nicht mit Kosenamen belegt hat, als dieser sich bereits wieder auf der Straße befand. Der Angeklagte behauptete, der Polizei- diener habe ihn zuerst beschimpft, er habe ihn mit Lump und schlechter Kerl angeredet, und er habe diese Beleidigung auf der Stelle erwidert, doch war der Beweis dafür nicht zu erbringen. Backes hat ben Vorgang auch noch in einem aus Weller batltten Artikel derOberhessischen Zeitung" in Marburg mitgetetlt, der auch abgedruckt wurde, und darin den Polizetdiener verhöhnt. Das Kriegsgericht war der Ansicht, daß man die Autorität der Polizei auf dem Lande schützen muffe, und erkannte gegen Backes auf eine Gefängnisstrafe von 14 Tagen und Ver­öffentlichung des entscheidenden Teiles des Urteils in der Ober-hessischen Zeitung". In den beiden folgenden Anklagen fungierte Kriegsgerichtsrat Koch als Verhandlungsleiter, wahrend Kriegsgerichtsrat Obcnauer die Anklagen zu vertreten hatte. Der 'Musketier Fr. Ludw. Jung von der 7. Komp, des Kaiser-Wilhelm- Regiments war wegen iviffentlich falscher Angabe bei einer Be­schwerde angeklagt, die er mündlich bei feinem Kompagniechef an­brachte, weiter wegen Achtungsverletzung und mutwilliger Be- fchädigung von Umformstücken. Ter Angeklagte wurde von Iustiz- rat M e tz verteidigt. Jung wird als fchlechter Soldat bezeichnet, er ist wiederholt u. a. wegen Unpünktlichkeit im S)teufte bepraft worden. Zuletzt hatte er eine 14tägige strenge Arreststrase zu ver­büßen, weil er zum Wachdienst V» Stunde zu spät angetreten war. Zm Arrestlokal bat er um den Besuch seines Hauptmanns, um eine Beschwerde bei ihm vorzubringen. Hauptmann Schröder, der sich zu dem 'Dlann begab, machte ihn darauf aufmerksam, daß er sich wegen der Strafe erst beschweren könne, wenn er sie abgesehen hatte, worauf der Mann erklärte, er wolle sich nicht wegen der Strafe, sondern wegen des Kammerunterofsiziers beschweren, der durch seine Befehle die Schuld trage, daß er zu spät zum Wach-^ dietist gekommen sei. Er habe gegen 11 Uhr seinen Helm tvegen einer Beschädigung umtauschen wollen. Der Kammerunterofsizter habe bet dieser Gelegenheit wahrgenommen, daß er noch seine Manöverstiefel anhatte und ihm befohlen, diese zu reinigen und dann bei der Kammer abzuliefern. Jung will diesen Befehl aus- gesührt haben. Bis er auf der Kammer die anderen Stieiel und einen anderen Helm verpaßt erhalten habe, sei so viel Zeit ver­strichen gewesen, daß er nicht mehr rechtzeitig habe fertig werden können. Diese 'JJielbung soll wissentlich falsche Ailgaben enthalten. Tie Achtnngsverletzimg soll barm belieben, daß Jung, als der Diensthabende Unleroisizier die Arrestzelle betrat und den Arrestanten darauf aufmerksam machte, daß eS verboten sei, den Waffenrock abzulegen und ein Halstuch zu tragen, erwidert hat: Es sei ja so viel verboten, man müsse sich nur nicht dabei abfassen lassen, er fügte hinzu: .Herr Unteroffizier, ich bitte, mich nicht zu melden, wenn ein Offizier kommt, werde ich das Tuch abbinben u/1 Ler weitere Anklagepunkt soll dadurch erfüllt sem, daß Jung im Arrest von seinem Rock eine Patte des Aermelaufjchlags abgeilssen und das Futter aus der Alütze entfernt hat. Der ülngeriagie bleibt dabei, daß das, was er dem Hauptmann m feiner Beschwerde an­gegeben, auf Wahrheit beruhe. Auf Beiragen des Kriegsgerichts- rats Koch bestreitet der Aiann, daß der Kammeruntero'ftzier ihm an jenem Tage bereits vormittags gegen 8 Uhr den Befehl erteilt habe, die Manöverineiel apellmäßig auf der Kammer gegen andere etieel abzugeben. Die Achtungsverletzung gibt Jung zu, er will die Sache nicht so schlimm gemeint haben. Tie Patte am Rock sei los geivefen und weil dies unordentlich ausgesehen habe, will er sie losgeriffen haben. Tas Mützenfutter habe nur noch an der Kokarde gehangen und sei schmierig gewesen. Er habe es nur ent­fernt, um es zu waschen, was er ja auch getan hat, er habe dann Radel und Zwirn verlangt, um das Futter wieder einzusetzen. Der Kammerunterossizier und ein Zeuge bekunden, daß Jung bereits am Vormittag um 8 Uhr von dem ersteren befohlen war, die Alanöverstiefeln bei der Kammer umzutauschen, er sei auch bereits einige Atinuten nach 11 Uhr auf der Kammer abgefertigt gewesen. Ein toeiterer Zeuge hat den Angeklagten unb

den Kammerunteroffizier an jenem Tage vormittags um

8 Uhr auf dem Korridor der Kaserne zusammen stehen sehen. Betreffs der Beschädigung der Tienftt'leidung erklärt Hauptmann Schröder, daß er anfänglich angenommen hat, die BesäKoigungj sei unbeabsichtigt vorgekommen. Peiter wurde feftgeftellt, baß Jung Nadel und Faden verlangt hat, um das inzwischen gereinigt^ Futter wieder einzunähen. Kriegsgeriäftsrat Ooenauer beantragt auf vier Wochen strengen Arrest zu erkennen. Ter Verteidiger^ Justizrat Metz, ist der Ansicht, daß Jung der Achtungsverletzung schuldig ist; daß er bei der Beschwerde wider besseres WisfeN unwahre Behauptungen aufgeftellt habe, sei nicht erwiesen. DaS, Kriegsgericht erkannte wegen der Beschädigung von Tiensttteidung' auf Freisprechung, verurteilte den Angeklagten aber wegen An­bringung einer wider besseres Wissen auf unwahre Behauptungen gestützte Beschwerde und wegen Achtungsverletzung zu vier Wochen strengen Arrest. Jung nahm die Strafe an. Die letzte Anklage richtet sich gegen den Sanitäts-Sergeanten R. von der 5. Komp, des Kaiser Wilhelm Regiments wegen Hnterschlagung. Ter An­geklagte, der ein tadelloses Zeugnis wegen seiner Führung be­sitzt, hat für einen einjährigen Arzt 9 9)iarf vereinnahmt und, wie er selbst zugeftehl, davon einige Mark im eigenen Jnteresst verausgabt, weil er geglaubt hat. es komme dem Herrn nicht darauf an, wenn er auch das Gelo von ihm erst später erhalten würde. Der Einjährige bestätigt, daß er gar nichts dagegen etnzuwenden hatte, wenn R. über das Geld im eigenen Nützen verfügt habe. Das Kriegsgericht war zwar der Ansicht^ daß der Angeklagte nicht recht gehandelt hat. Ein Soldat unti noch dazu ein Unteroffizier hat Geld, das er für einen Drittes

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