Nr. 268
Zweites Blatt
160. Jahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
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(Eine (Eisenbahn quer durch Persien.
Lon do n,A4. 9£od. Nach einer Meldung der „Times" ans Petersburg arbeitete ein Syndikat russischer Banken, das über 35 Millionen Pfund Sterling ver-
Dienstag, 15. November 1910
Rotationsdruck und Verlag der Brühlfchen Unwerfuäls - Buch- und Stetndruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- strahe 7. Expedition und Verlag: 6L
Redaktion: 112. Teü-AdruAnzeigerGießen.
.Warte nur", fuhr die Gretel fort, „lind nimmt
Die „Oietzener LamMendlätter" werden dem .Anzerqer^ viermal wöchentlich beigelegt, das „Krcisblatl für den Kreis Stehen" zweimal wöchenilrch. Die „Landwirtschaftlichen Seit« fragen" erschemen monatlich zweimal.
der Welt."
„Bin ich es?" schreit die kleine Martha freudig erschrocken drein.
„Pst! Du wirst den Vater auswecken!" flüstert die Gretel. „Du muht ruhig sein, sonst erzähle ich nicht weiter."
Luftschiffahtt.
Vereinigung der Firm a Elouth mit 8er Parsevüb Gesellschaft.
Köln, 14. Nov. Die Abteilung Luftschiffbau der Firma Franz Clouth, Rheinische Gummiwareufabrik m. b. H. bt Köln-Nippes, hat sich mit der Lustfahrzeug-Parseval- Gesellschaft m. b. H. in Berlin vereinigt, um die gewonnenen Erfahrungen gemeinsam zu verwerten. Die Luftfahr-
Engerl jetzt den lieben Gott um den Hals und sagt: _ ich gehe schon hinab. Nicht so hitzig, kleines Ungetüm, ich krieg' ja keinen Atem! ruft der lieoe Gott, und ich will dir wen mitgeben, der draufschaut, daß dich die Dornen nicht stechen und die Steine nicht kratzen und daß du den Kopf nicht anstoßest und nicht ins Wasser fällst. — Ein Kindsmädel? fragt das Engerl. — Nein, einen Schutzengel, sagt der liebe Gott und tut einen Pfeifer. Da slederitzen alle Englein herbei und ruft der liebe Gott eins hervor: du dort, mit dem krausen Haar! Du bist klug und geschickt, du sollst der kleinen Martha ihr Schutzengel fein aus
Die (Eröffnung des türkischen Parlaments.
Konstantinopel. 14. Nov. In Anwesenheit des Sultans, Der Prinzen und des diplomatischen Korps wurde die Parlamentssession eröffnet. Die vom Großwesir verlesene Thronrede spricht die Befriedigung des Sultans darüber aus, daß die Verfassung immer tiefer in der öffentlichen Meinung Wurzel fasse, betont die Fortschritte der Armee uud der Marine, erwähnt die albanesische Bewegung, die dank der militärischen Operation mit der Wiederherstellung der Ruhe geendet habe, und verweist auf das Defizit des nächstjährigen Budgets, durch das eine neue Anleihe erforderlüch werde.
Die Thronrede drückt die feste Zuversicht auf eine günsttge Gestaltung der finanziellen Lage in der Zukunft aus. Heber die auswärtige Politik besagt die Thronrede, die Beziehungen zu Den Mächten seien freundschaftlich. Die auswärtige Politik, die darin bestehe, den Frieden ehrlich und lvurdig zu wahren und die Rechte der Anderen nicht anzutasten, sowie die legitimen Rechte der Türkei zu wahren, werde mit gröKer Sorgfalt verfolgt. Dackk dem durch diese Polittk gesicherten Frieden werde die Zuversicht gehegt, daß das Vaterland fortgesetzt aus der Bahn des Gedeihens und des Ausstieges sortschreiten werde.
Die Thronrede wurde beifällig ausgenommen. Achmed Riza wurde zum Präsidenten und die Jungtürken Hairi und Süleyman Boftani zu Vizepräsidenten gewählt.
Das Budget des nächsten Finanzjahres weist an Einnahmen 28 612 978 Pfund, an Ausgaben 35 007 446 Pfund aus, die Einnahmen sind um 2 597 877 Pfund, die Ausgaben um 2 009 724 Pfund höher als im Vorjahre. Das Heeresbubget beziffert sich ans 9 070 270 Pfund. Das Marinebubget, das 1 414 261 Pfund beträgt, weist gegen das Vorjahr einen Rückgang von 226 050 Pfund aus. Die Begründung des Budgets rechtfertigt das Defizit mit den Bedürfnissen für die Reorganisation der Wehrmacht und aller Verwaltungszweige; sie kündet ein neues Gesetz über die Patent st euer an und hebt hervor, daß durch die bisher nicht verwirklichte Anwenbung der Patentsteuer auf Fremde, die Türkei finanziellen Schwierigkeiten ausgesetzt sei. Falls die fortgesetzten Schritte, die Einwilligung der Mächte zu erreichen, erfolglos sein würden, werde die Türkei daraus ver- zicl-ten. Die hauptsächlichste Schwierigkeit für die Zollerhöhung bilde die Klausel im Bagdadbahnvertrag, nach welcher die Mehreinnahmen aus der Zollerhöhung als Garantie für den Bau der Bagdadbahn dienen sollen, eine Klausel, in die die an dem Bau nicht interessierten Mächte nicht einwilligen würden. In der Begründung heißt es weiter, daß die fortwährend steigenden Mehreinnahmen der SEtette Publique für den Bau der noch freien Strecke der Bagdadbahn ausreichen würden, so daß die Bahngesellschaft durch Verzicht aus die genannte Klausel nichts verlieren* der Türkei aber einen wichtigen Dienst leisten würde. Ferner werden ein neues Stempelgesetz, ein Petroleummonopol, Beratungen über die Einführung eines Alkohol- Monopols und eines Tabaksteuergesetzes angekündet. Bei diesem wird rn der Begründung bemerkt, daß sich die Verwaltung der Dette Publigue gegen das Banderolesystem, aber für das Rionopolsystem ausgesprochen hat. Das Finanzgesetz ermächtigt den Minister der öffentlichen Arbeiten, einen Vertrag betteff end die Bewässerung von Mesopotamien abzuschließen.
Konstantinopel, 14. Novbr. Der V a l i von Smyrna Mahmud Mukchar wurde zum Marineminister ernannt
*) Wir entnehmen dies ein wenig allmodiß anmutige Märchen deuz, eben erschienenen „B u Kleinen" (L. Staackmanns Verlag in Leipzig), zahl der schönsten Kuidujchtlderungen des gemütvollen Dichters aus der Steiermark zu einem besonderen Roseggerbände zusammenträgt.
wie bin ich auf vie weit gekommen?
Von Peter Rosegger.*)
Im Sommer, wenns recht heiß ist, legt man sich nach dem Mittagessen gerne ein wenig in die Lcrube auf die Bank. In der grünen, schwülen Dämmerung, die dort und da von einem grellen Sonnenfunken durchbrochen ist, ruht man wie Adam, solange er noch alle Rippen an sich hatte.
Dock hat sichs bei mir an diesem Tage bald anders und docy auch anmutig gespielt in der Laube. Meine zwei Tochterlein tarnen herbeigeschlichen, die vierjährige Martha und die elfjährige Gretel. Die eine hatte ein elfenbeinernes Kämmlein in der Hand, um mir das Haar zu strählen, die andere hatte ein Felberzweiglein, um mir die Fliegen adzuwehren. Denn manchmal läutete eine Hummel herum über dem Haupte, oder ein sein summendes Mücklein kreiste um die Nase. Die zwei Dirnlern waren anfangs, als sie merkten, daß ich schlafen wollte, bei chren Beschäftigungen ganz still gewesen, als sie aber sahen, daß ich die Augen schloß, begannen sie leise zu flüstern; sachte wurden sie ein wenig vernehmlicher, so daß — wie fest ich auch „schlummern" mochte — mir kein Wort entging. Nachdem die kleine Martha so eine Weile an meinen Haaren, an der Stirn und den Ohren hernmaetan hatte, fragte sie plötzlich die gegenübersitzende Gretel: „Du, wie bin ich denn hergekommen?"
Die Gretel ist schon ein träumerisches Geschöpf, oft in sich versunken und Gedanken spinnend. Wird sie plötzlich angesprochen, so erschrickt sie und gibt verkehrte Antworten. Wenn sie sich aber sammeln kann, bann sagt sie manchmal ein krauses Wort, tote es zwar im Alttage nicht viel Gültigkeit hat, und doch ist es to anders am wie Bogel- stimmenkunde, wer es versteht Langsam wird sie nun inne, was das Schtoesterlein so plötzlich und unvorhergesehen gefragt, aber sie schaute nur verwundert drein. Da fragte die kleine Martha noch einmal: „Wie bin ich denn auf die Welt gekommen?"
Und jetzt antwortete die Gretel: „Der liebe Gott hat dich halt vom Himmel herabgetan."
„Hat er mich herabgeworfen? Und habe ich mich nicht totgejaUen?"
„Weißt Martha, das ist so gewesen", begann nun die
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhesien
Die Reichsversichernngrordnung.
:: Berlin, 14. Nov.
.Der Reichsvers'ckcrungsausschuß setzte heute nachmittag die zweite Lesung des Abschnittes über die gewerbliche Unfallversicherung fort. Nach § uüV des Regierungsentwurfs haben nur die unehelichen Kinder Anspruch auf die Unfall-Hinterbliebenenrente. Der Ausschuß hat in der ersten Lesung diesen Anspruch auch den unehelichen Kindern gegeben. In zweiter Lesung wurde bei Stimmengleichheit (das Zentrum stimmte geteilt) gegen die Linke, die Regierungsvorlage wiederhergestellt Ter Ausschuß hatte in erster Lesung in einem 8 614 a einen Ausländerpara- graphen eingefügt und bestimmt, oaß die Hinterbliebenen eines Ausländers, die zur Zeit des Unfalles nicht im Inland ihren gewöhnlichen Aufenthalt hatten, keinen Anspruch auf die Rente haben. Für bestimmte Grenzgebiete sowie bei internationaler Gegenseitigkeit sind Ausnahmen zugelassen. Die Regierung verlangte die Beseitigung dieses Beschlußes unter Bezugnahme darauf, daß die Unfallversicherung an Stelle der Haftpflicht getreten sei und der Ausländer auch im Zivilrecht nicht schlechter gestellt sei als der Inländer. Der Ausschuß bestätigte aber mit 16 gegen 12 Stimmen, gegen Fortschrittler, Sozialdemokraten, Polen, während das Zentrum auch hier geteilt stimmte, den Beschluß erster Lesung.
§ 626 bestimmt, daß nach Ablauf von zwei Jahren, nachdem die Entscheidung endgültig festgestellt worden ist, eine neue Feststellung nur in Zeiträumen von mindestens einem Jahre erfolgen kann. Durch eine neue Fassung wird der Verletzte während dieses Jahres in dem ungestörten Bezug der Rente auch für den Fall gesichert, daß. in dieser Zeit ein neues Heilverfahren eingeleitet wird. § 632 hat in der ersten Lesung einen Zusatz erhalten, wonach die Rente ruht, so lange der berechtigte Ausländer nicht im Jn- lande seinen gewöhnlichen Aufenthalt hat. Hierbei sind dieselben Ausnahmen zugelassen wie bei § 614 a.
Dieser Beschluß erster Lesung wird in zweiter Lesung dahin abgemilbert, daß, wenn der Gesundheitszustand den Aufenthalt im Auslande erforderlich macht, die Bestimmung über das Ruhen der Rente nicht Geltung erhält. Dagegen ruht die Rente, wenn der Ausländer wegen strafrechtlicher Verurteilung ausgewiesen ist.
Tie Beratung Über § 634, der von der Kapitalabfindung der Ausländer handelt, wird auf Dienstag vormittag vertagt.
Gretel, „der liebe Gott sitzt im Himmel oben auf einem Wottenhaufen und hat ein goldenes Gewand an und einen langen schneeweißen Bart, und um und um fliegen Engel, große und kleine, die haben ganz runde Haxeln und goldene Flügel, und tun dem lieben Gott das Haar krauen und den langen Bart und fingen ihm was vor. Und einmal, wie sie wieder so um ihn herumsumpem, streift der liebe Gott mit der Hand rasch durch die Luft, wie wenn er Fliegen wollt' fangen, da hat er auch schon was in der Faust, und das ist ein winzig kleines Engerl. Er macht Die Faust ein bifferl auf, daß man hineingucken kann wie das drinnen Return trab beit, und sagt zu ihm: Kleines Engerl, du sollst auf die Welt hinabivmmen. Ich bin gebeten worden, da ßich ein Kindel schick'. — Ich mag aber nicht, sagt ba$ Engerl, auf der Welt unten ists nicht luftig, das hat die Tuderl gesagt, die schon einmal unten gewesen ist. Da hats so einen scharfen Sand aus der Wett unten, wenn man barfuß gehen will; und wenn man sich den Kvpf wo anstoßt, so tuts weh; und wenn man sich Stachelbeeren pflücken will, sticht ein Dorn, und wenn man beim Wasser Mühlradel spielt, wird man ganz naß am Kleidel und Schürzet, und nachher kriegt man von der Mutter Wix, Wix! Nein, ich mag nicht hinab. — Sagt der liebe Gott: Jetzt laß einmal meinen Bart aus und zupf nicht und tos', was ich dir sage. Auf der Wett unten, wo du hin sollst, haben sie ein weißes Kaninchen mit roten Augen, das steht aus den Hinterbeinen und schnuppert mit Dem dreispaltigen Schnäuzlein, wenn ihm das kleine Dirndl Klee vorhält."
„Bin das ich?" fragt die kleine Martha drein.
fügt, den Plan zu einer Eisenbahn quer durch Persien vom Kaukasus bis Belutschistan aus; der Vorschlag wird vom Ministerpräsidenten Stolypin, dem Verweser des Ministeriums des Aeußem, warm unterstützt und auch von Tmiriasew, Demiakow und Gutschkow befürwortet. Das Mitglied der Reichsduma, Zwegintkow, trifft morgen in LonDon ein, um auch die Unterstützung Englands für das Projekt zu gewinnen.
Teheran, 14. Nov. Die Regierung beschloß, den früherm Gouverneur von Kermanschah Maziam es Salta ne h zum Gouverneur der Provinz Fars zu ernennen. Vtaziam es Saltaneh besitzt ausgedehnte Ländereien an der Hauptstraße Buschir-Schiras und hat in dieser Gegend zahlreiche Gesolgstämme, die man zur Ergänzung der regulären Truppen, zur Bewachung der Straße zu verwenden beabsichtigt. Es ist ein besonderer Ausschuß emaimt worden, um Maßregeln zur Wiederherstellung der Ordnung im Süden zu beschließen. Empfohlen wird ferner die Entsendung zweier europäischer Oftiziere nach Fars, die jetzt in Teheran im Dienst der Regierung stehen. Dem Vernehmen nach beschloß die Regierung überdies eine der kleineren Mächte, wahrscheinlich Schweden, um Offiziere zu bitten.
Konstantinopel, 14. Nov. Nach Depeschen des türkischen Konsuls in S e 1 m a s erfolgten Zusammenstöße zwischen Persern und türkischen Kurden, welche die Perser bis Selmas Lurückttieben. Die erregte Bevölkerung erbat von dem Konsul Schutz, der die Kurden zur Rückkehr zu bewegen hofft.
vie Moabiter Ztrahenttawalle vor Gericht.
4- Berlin, 14. Nov.
Heute beriet zunächst die 2. Sttafkammer unter dem Vorsitz des Landgerichtsdirektors Westermann über den erneuten Ab- lehnungsanttag der Rechtsanwälte Heine und Bahn. Um 2 Uhi nachmittags wurde den Angeklagten der schriftliche Bescheid der Kammer aus den Ablehnungsantrag zugestellt. Der Beschluß lautet: Tie Ablehnungsanträge sind, soweit über die geltend- gemachrcn Gründe nicht bereits durch den hiermit in Bezug genommenen Beschluß vom 10. November entschieden und daher die. Wiederholung unzulässig ist, unbegründet. Was über die Aufrechterhaltung der Haftbefehle gegen die Angeklagten Weiß, Romanowski in dem Beschluß vom 10. November gesagt wird, gilt auch von anderen Angeklagten. Aus der Nichtgestattung des Wortes an drei, respektive zwei Verteidiger und oer behaupteten Erregtheit und den geltend gemachten Widersprüchen in einzelnen Aeußerungen des Vorsitzenden fann kein Rückschluß auf Befangenheit gezogen werden, selbst wenn diese beiden letz- teren Behauptungen glaubhaft gemacht würden. Tas wettere Vorbringen der Verteidigung, die Ablehnung der vier Richter der 3. Sttafkammer aus § 24 der Straf Prozeßordnung sei im Hinblick auf den weiteren Umstand begründet, daß das Gericht gegen den bei der Verhandlung beteiligten Verteidiger Rechtsanwalt Bahn aus § 180 des Gerichtsverfassungs-Gesetzes eine Ordnungsstrafe von 100 Mark festgesetzt habe, läßt nach Prüfung der vorgebrachten tatsächlichen Momente nach keiner Richtung die Befürchtung zu, daß die vier abgelehnten Richter gegen die einzelnen Angeklagten unbefangen zu urteilen außerstande sein werden. Es liegt somit kein Grund vor, der geeignet wäre, das Mißttauen in der Unpatteilichkett der abgelehnten Richter zu rechtfertigen^
Um 3/43 Uhr betritt der alte Gerichtshof unter Vorsitz des Landgerichtsdirettors Lieber den Saal. Vors.: Wie ich höre, hat die Verteidigung einen neuen Anttag zu stellen. Verteidiger Rechtsanwalt Kutt Rosenfeld: Ich beanttage Aussetzung der Verhandlung bis zur Zustellung jeder Anklageschrift an jeden Angeklagten. Tie Angeklagten sind nicht genügend vorberettel. Tie Vetteidigung hat diesen Puntt von vornherein für sehr wesentlich gehalten. Würde das Gericht den Antrag ablehnen, so würde es sich über ein zum Schutze der Angeklagten erlassenes Recht einfach hinwegsetzen und diesen an Ungewöhnlichkeiten schon jetzt reichen Prozeß um eine andere Ungewöhnlichkeit bereicyern^ Tas Gericht würde einen neuen Grund schaffen, aus dem das Reichsgericht das ganze Verfahren für null und nichtig erklären müßte.
Ter Erste Staatsanwalt widerspricht diesem Anttage. § 236 der Sttafprozeßordnung lasse das eingeschlagene Verfahren zu. Sollte aber die Sttafkammer die nachträgliche Zustellung der Anklageschrift für wünsck-enswert halten, so würde die Staatsanwaltschaft aus reinen Zweckmäßigkeitsgründen dem zustimmen. Eine Vettagung sei deshalb aber nicht erforderlich.
Nach halbstündiger Beratung verkündet der Vorsitzende, daß der Anttag abgelelM sei, mtb zwar weil jedem Angeklagten der ihn betteffende Teil der Anklageschrift rechtzettig zugegangen sei. Tas hier geübte Verfahren sei keineswegs außergewöhnlich, sondern seit Jahr und Tag werde so vor^egangen. Der Gerichtshof gibt aber der Staatsanwaltschaft anheim, durch Zustellung von Abschriften während des Prozesses jedem Angeklagten die gesamte Anklageschrift zuzustellen.
Es beginnt hierauf die Verlesung deS EröffnungSbes sch l u s s es , die eine Stunde in Anspruch nimmt, worauf die Verhandlung auf morgen vettagt wird.
„Du bist lieb Greteri, du kannst so schöne Geschichten!" schmeichelt die Kleine unb streichelt sie mit zartem Händchen an der Wange.
„Hat sich nachher", fährt die Gretel fort, „der liebe Gott besser zurechtgerückt auf seiner Wolke, hat einen langen Stock genommen und damit durch die Wolken ein Loch gemacht: Jetzt, Martha, guck' einmal hinad. Deine Mutter hab' ich dir ausgesucht, dort unter dem Kirsch bäum die junge blasse Frau mit den schwarzen Augen, das ist sie. Und den Vater kannst du dir wählen. Guck einmal. Dori der große Herr mit dem langen roten Bart, der hat ein schönes Schloß, Roß und Wagen unb viel Geld, magst du Den zu deinem Vater? — Den mag ich nicht! sagt die kleine Martha. — Gut, sagte der liebe Gott, dort ist ein anderer. Der schöne Mann mit dem schwarzen Schnurrbart und dem langen tschepvemden Säbel. Der ist ein tapferer Mann und kriegt balo einen Stern auf die Brust, den wirst du doch mögen. --- Ich mag ihn nicht! sagt die kleine Martha! — Dummes Mädel! brummt der liebe Gott, daß du mir den feinen Offizier stehen läßt! Du willst alfp gewiß den jungen Schäfer mit dem langen Stab, der dort auf grüner Au die Schäslein weidet. — Den mag ich auch nicht, sagt die kleine Martha ganz leise. — Dann such' dir selber einen! sagt der liebe Gott verdrießlich. — Das Dirndel luget unter den Leuten herum und schüttett jo den Kopf. Auf einmal siebt es in der Laube einen liegen und schlafen, der hat ein schmales Gesicht und eine weiße Stirn, der schaut aus, als töt' er gut sein und den will es zun: Vater haben. -- Den kannst du schon haben, drauf der liebe Gott, aber ich sage dir nur, gar viel große Herrlichkeit wirst du bei dem nicht haben, er ist ein Dichter. Aber ich will dich segnen, wenn du ihn nimmst und ich will ihn segnen, wenn er dich zu seinem Kindlein bekommt. Unb wie ber liebe Gott so gerebet hat, Da tut er wieder einen Pfeifer, unb sinb auf einmal allerhanb Tiere da: Lämmer, Kälber, Hirsche, Schweine, Tauben, Löwen, Katzen unb Störche. Unb zu einem langbeinigen Storch sagt ert Du großer Vogel, bu! nimm bieses Kind lein her unb trage es htnab zur Frau, bie unter bem Kirsch bäum sitzt. Kaum, baß bie Frau noch geschwinb bas Schürzet aitfhatten kann, liegst bu schon Drinnen, unb ber Vater steht dabei und ruft hell aus: Ei, ei, das ist ja unsere Fteine Martha! —- Und so, mein Schwesterl", flüstert die Gretel, „so bist bu auf bie Welt gekommen. Pst, hör' jetzt auf zu strählen! er schläft!"
Dann sind sie auf ben Zehenspitzen bavongeschlichen. Ich liege allein in ber Laube mit der grünen Dämmerung unb den Sonnenfunten, unb ich weiß nichts ishs ein Wachen gewesen ober ein Träumen.


