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jährl. ausschl. Bestellg. Zeilenpreis: lokal 15Pfl auswärts 20 Pfennig. Chefredakteur: A. Goetz. Verantwortlich für den politischen Teil: August Goetz; für „Feuilleton", „Vermischtes" und
Nr. 268
Der Giehener Anzefgrr erscheint täglich, außer Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich SietzenerKamilienblütter; zweimal wöchentl.Nretr« blatt für öen Kreis ßtefoen (Dienstag und Freitag); zweimal monatl. Land- wirtschaftliche Seitfrageu Fernsprech - Anschlüsse:
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8Iött lbv. Zahrgang Dienstag, j5. November MO
GietzenerAnzeiger
Anzeiger Gictzen. General-Anzeiger für Oberhessen
n""ö!el‘iofleenumnle? Rotationrdnick mdVerlag tervrühl'schen Univ.,Such- und Steinöruderei R. Lange. Redaktion. Expedition und Druckerei: Schulstratze 7. rach; ^für .Stadt und
“* wnninafl» 9 Uhr. Expedition für vüdingen: Sahnhosstrahe |6a. - Telephon Nr. 50.
Die heutige Nummer umfaßt 16 Seiten.
Die innere Krife in England.
Am heutigen DienZtag wird das englische Parlament, das sich am 29. Juli vertagt hatte, wieder zusammentreten. Daß ihm aber noch ein längeres Leben beschieden sein sollte, ist wohl ausgeschlossen, nachdem die Verhand- lrmgen der Vetokonferenz am Donnerstag endgültig gescheitert sind. Man hat in England über diese Acht- männer-Konferenz, die am 7. Juni unter dem Eindruck des Todes König Eduards und im Zeichen eines aNge- meinen Friedensbedürfnisses eingesetzt wurde, sehr viele gute und noch mehr schlechte Witze gerissen. Denn das stand von vornherein fest: eher könnten Feuer und Masset zusammenkommen, als Konservative und Liberale, als Lords und Gemeine sich einigen würden in der Frage einer Beschränkung des Vetorechts des Oberhauses gegenüber den Beschlüssen des Unterhauses. Und so gewinnen heute, namentlich da die Regierung jede Auskunft über Inhalt und Gang der Einigungsverhandlungen verweigert, wieder die Stimmen Oberwasser, die da schon vor einiger Zeit behaupteten, daß die ganze Episode der Vetokonferenz nur ein Theaterkoup gewesen sei, allein dazu bestimmt, beiden Parteien während der Parlamentsferien Zeit zu lassen, ihre Kräfte für die nun wahrscheinlich unausbleiblichen Neuwahlen zu sammeln.
Denn jetzt steht die englische Verfassungsfrage auf demselben Fleck, wie sie vor Ausschreibung der Januarwahlen stand; oder näher umgrenzt: ebenso wie zur Zeit des Todes König Eduards. Das heißt: Das Oberhaus beharrt, wenn es auch vielleicht — der Not gehorchend, nicht dem eigenen Trieb — bis zu einem gewissen Grade zu einer Reform seiner Zusammensetzung auf Grund der Roseberyschen Vorschläge bereit ist, auf seinem Vetorecht. Das Unterhaus dagegen steht auf dem Standpunkt der Re- gierungsentschließunaen vom 22. März dieses Jahres, die, in die Form einer Bill gebracht, bereits ihre erste Lesung hinter sich haben. Mit ihr will man dem Oberhause das Recht nehmen, das Budget abzulehnen oder mit Zusätzen zu versehen, man will ferner bei den übrigen, nicht finanziellen Gesetzesvorlagen die Befugnisse des Oberhauses dahin beschränken, daß jede Vorlage auch ohne Zustimmung der Lords Gesetz wird, die in drei aufeinander folgenden Sessionen vom Unterhause angenommen und dem Oberhause wenigstens einen Monat vor Sessionsschluß zugegangen ist, und man will drittens die Dauer des Parlaments auf 5 Jahre statt der jetzigen 7 Jahre beschränken.
Da es nun feststeht, daß das Oberhaus dieser Bill nun und nimmer beitreten wird, weil es sich damit eines großen Teils seines politischen Einflusses entäußern würde, aus der anderen Seite aber die Mehrheit des liberalen Kabinetts Asguith im Unterhaus infolge der Januarwahlen viel zu wenig politisches und moralisches Gewicht besitzt, um die Krone dazu veranlassen zu können, durch einen liberalen Pairsschub den Widerstand des Oberhauses gegen die Wünsche des Unterhauses in der Verfassungsflage zu brechen, so bleibt dem Ministerium Asquith nichts anderes übrig, als an das englische Volk zu appellieren, das Parlament also aufzulösen und Neuwahlen auszuschreiben, in der Hoffnung, damit die jetzige Zusammensetzung des Unterhauses (273 Konservative, 275 Liberale, 40 Arbeit er- parteiler, 82 irische Nationalisten) im Sinne einer größeren liberalen und von Arbeiterparteilern und Iren möglichst unabhängigen Mehrheit zu verbessern.
Die Frage ist nun: wird Asquith, falls König Georg sich nicht doch zu einem Pairsschub entschließt, das Parla
ment sofort auflösen, nachdem es die Vetobill verabschiedet hat, oder es noch erst das Budget erledigen lassen? Wahrscheinlich dürfte erst der am Dienstag vormittag zusammentretende Kabinettsrat darüber eine Entschließung fassen. Doch spricht die Tatsache, daß Arbeiterparteiler und Iren ihre Zustimmung zum Budget von der gleichzeitigen Lösung der Verfassungsfrage abhängig machen, Asquith mithin schwerlich das Budget unter Dach und Fach bringen kann, mit größter Wahrscheinlichkeit dafür, daß die Auflösung des Unterhauses schon kurz nach seinem Wiederzusammentritt erfolgt, nachdem es die Vetovorlage erledigt und das Oberhaus sie zurückgewiesen hat. Möglich, daß man, falls das Oberhaus die Entscheidung verschleppt, inzwischen noch in der Bubgetberatung weiter fortschreitet und auch die Vorlage über die Bezahlung der Wahlkosten und die Honorierung der Parlamentsmitglieder durchpeitscht; jedenfalls dürfte die Auflösung des Parlaments spätestens am 10. Januar erfolgen und die Neuwahlen fetbft zwischen dem 14. und 29. Januar stattfinden.
Die Wahlaussichten für die Liberalen stehen diesmal, wie es scheint, günstiger, als im Januar dieses Jahres. Denn dadurch, daß das KMnett Asquith für die englische Flottenrüstung mehr getan hat, als jedes ihm voraufgegangene, ist diesem Abitationsmittel der Konservativen im allgemeinen die Spitze abgebrochen.
Verstaatlichung des Notariats in Hessen?
Darmstadt, 14. Novbr. Zur Frage der Verstaatlichung des Notariatswesens in Hessen, die schon im vorigen Frühjahr in unserm Blatte eingehend erörtert worden ist — und wobei besonders darauf hingewiesen wurde, daß durch die Einführung des amtlichen Notariates, wie es in Baden sich sehr gut bewährt hat, dem Staat eine recht ansehnliche neue Einnahmequelle eröffnet werden würde — hat jetzt auch der B ü r g e r- ü erein in Nierstein-Oppenheim das Wort genommen. Er richtet eine Eingabe an die Zweite Kammer, worin er unter besonderem Hinweis auf den Fall Hubert-Oppenheim an die Kammer das Ersuchen richtet, die alsbaldige Verstaatlichung der iltotariate im Grobherzogtum in Erwägung zu ziehen und bis zum Erlaß eines diesbezüglichen Gesetzes schärfere Kontrollbestimmungen bei den Notariaten ourchzuführen. Ter Bürgerverein weift darauf hin, daß durch die Veruntreuungen des Notars Hubert mehr als hundert Familien aufs schwerste geschädigt worden feien und viele Tausend Mark verloren haben, ja daß eine ganze Anzahl der Geschädigten in ihrer Existenz bedroht, refp. ganz runiert werden würden, wenn nicht schleunige Hilfe eintrete. Es bestehe leider keine Aussicht, daß eine Staatshüie für die Geschädigten eintreten werde; die Versteigerung der Grundstücke der Betroffenen werde kaum zur Deckung der Hypotheken ausreichen.
Durch diese Eingabe aus dem Kreise der Geschädigten wird die Frage der Verftaatlrchung des Notariatswssens in Hessen zweifellos von Neuem in die öffentliche Erörterung gezogen werden. Die Regierung hat dem Vernehmen nach bisher keine Neigung verspürt, auf die ganze Frage näher einzugehen.
Lin badischer nationalliberaler Parteitag.
In Karlsruhe wurde am Sonntag der badische nationalliberale Parteitag in Anwesenheit von etwa 500 Vertretern abgehalten. Ten Vorsitz führte Landgerichtsdirektor Dr. Ob* kircher, für die Gesamtpartei lvohnte Reichstagsabgeordneter Tr. Stresemannden Verhandlungen bei. Den Mittelpunkt der Tagung bildete die Rede des Geh. Hofrats Rebmann über „Tie politische Sage im Reich und in Baden". Abg. Rebmann entwickelte in längeren Ausführungen den bekannten Standpunkt der badischen Großblockpolitik. Von einer Beschlußfassung sah der Parteitag ab, nachdem der Vorsitzende Tr. Obkircher erklärt hatte, daß die Rede des Abg. Rebmann die Zustimmung des gesamten Parteitages gefunden habe. In der Sitzung des engeren Ausschusses wurde Lcmdtagsabg. Rebmann einstimmig zum Chef der Partei gewählt. Dr. Wilckens, Dr. Binz und Dr. Obkircher wurden zu Ehrenmitgliedern des engeren Ausschusses gewählt. Tie weiteren Wahlen führten zu folgenden Ergebnissen: In den Vorstand des jungliberalen Landesverbandes wurden gewählt als
Vertreter: Quenzer-Heidelberg, Rebmann-Karlsruhe, Thobias Bäuerle-St. Georgen; als Stellvertreter Kötting-Freibura, Sönger-Diersheim, Dr. Schneider-Karlsruhe. In den geschästs- führenden Ausschuß: Rebmann-Karlsruhe, Gauggel-Karlsruhe, W. Frey-Karlsruhe, König-Mannheim, Lang-Pforzhnm, Rombach- Offenburg, W. Mayer-Baden, Odenwald-ZLonstanZ. In den engeren Ausschuß wurden zugewählt: Ostertag-Karlsruhe, K. Ueberle-Heidelberg, L. E. Mayer-Mosbach, Heckmann-Karlsrühe, Günther-Karlsruhe.
politische Tagesschau.
Die Gerichtsverhandlungen über die Unruhen in Moabit.
Die Augen weiter Kreise sind augenblicklich auf die Gerichtsverhandlungen in Moabit gerichtet. Aus Anlaß jener Vorgänge ist aufs neue die Frage aufgetaucht, ob gegen den Mißbrauch der Koalitionsfreiheit der Arbeiter Schutzmaßreaeln zu ergreifen und notwendig find, insbesondere, ob es etwa erforderlich sei, Maßregeln zu treffen, die derartigen Tumulten vorbeugen. Ob und inwieweit die streikenden Arbeiter sich an den Unruhen beteiligt haben und ob nicht mehr oder weniger lichtscheues Gesindel aus bloßer Lust am Unfug den Polizeibeamten entgegengetreten ist und die Unruhen herbeigeführt hat, "bie die Anwohnerschaft Berlins, bald darauf auch Bremens und darüber hinaus im Reiche mehrere Tage in Atem hielt, werden die Verhandlungen zeigen.
Die mehrfach gewünschte Maßregel aber, auf gesetzgeberischem Wege weitere Garantien zu bieten, um solche Unruhen ein für allemal unmöglich zu machen, wird in einem zeitgemäßen Aufsatze des Senatspräsidenten am Kammergerichte Dr. Koffka in der „Deutschen Juristen- Zeitung" zum Gegenstand eingehender Untersuchung gemacht. Der Verfasser beleuchtet die Vorgänge an der Hand der Gesetzgebung und Rechtsprechung; er kommt auf Grund seiner langjährigen Erfahrung zu der Ueberzeugung, daß eine weitere Verschärfung der Gesetze auf Grund der Unruhen nicht erforderlich ist, auch ein Erfolg, wie die Reichstagsverhandlungen von 1899 erweisen, in denen bekanntlich die verbündeten Regierungen einen Entwurf zum Schutze des gewerblichen Arbeitsverhältnisses vorgelegt hatten, der aber in zweiter Lesung glatt abgelehnt wurde, nicht zu erhoffen wäre. Koffka erwartet, daß die Rechtsprechung es ermögliche, daß solche Begebenheiten sich nicht wieder ereignender befürwortet aber keineswegs eine weitere Verschärfung des geltenden Rechts. Dagegen steht er auf den: Standpunkte, daß das Streiks o^tenstehen untersagt werden müsse und daß in ccklen solchen Fällen die BAtrafung der Tat so schnell als möglich auf dem Fuße folgen müßte, wie das auch in Frankreich anläßlich des ÄseiibahnauS^ standes geschehen sei.
A«» Hessen.
Aus dem Wahlkreis Gießen-Grünßerg- Nidda. In Annerod sprach am Sonntag in der Wirtschaft „Zur Krone" der deutschsoziale Schriftleiter Th. Reuther aus Gießen vor etwa 25 Zuhörern über Reichspolitik. Er rechtfertigte, bezw. entschuldigte die Haltung seiner Partei in der Finanzreform und empfahl Kum Schlüsse, seiner Partei unifc ihrem Kandidaten bei der nächstjährigen Reichstagswahl treu zu bleiben. Als man den Redner aus der Versammlung heraus darauf aufmerksam machte, daß Professor Gisevius It Zeitungsbericht vom Abgeordneten Köhler-Langsdorf die Zusage erhalten habe, daß er (Köhler) nicht mehr kandidieren werde, verwies Herr Reuther auf eine diesbezügl. Kundgebung Köhlers in einem Friedberger Blatte. Die auf den Vortrag folgende lebhafte Aussprache hielt sich in sachlichen Grenzen.
Lin besuch bei der Gräfin Tolstoi.
Das rätselvolle Verschwinden Leo Tolstois aus Jaßnaja Poljana, dem Wohnsitz seines Lebens und dem Stammsitz seiner Väter, das Auffinden des 82jährigen Greises im Schamardinsky-Kloster, wo seine geliebte Schwester als Nonne lebt, sein augenscheinlicher Entschluß, noch am Spätabend seines Daseins den heiligen Beruf eines allem Irdischen entfremdeten Pilgers nach dem Göttlichen au'zu- nehmen —- all das find Phänomene, die ein neues, überraschendes Licht in die Seele des Dichters, des großen Bekenners, des leidenschaftlich religiösen Menschen werfen. In einer seiner Volkserzählungen hat er ein armes Bäuerlein geschildert, das ohne viele Mittel nach einem fernen Wallfahrtsort auszieht, auf dem Wege aber in werktätiger Liebe in einer Hütte bleibt, dort helfend in das Schicksal der elenden Bewohner eingreift und nun nicht minder glücklich, ja selig ist als die Gefährten, die nach dem Ort des Heiles gewallfahrtet. Nach einer solchen Pilgerfahrt der guten Werke hat sich der Gras immer gesehnt; der Stachel, der in seiner Seele haftete, war der Zwiespalt zwischen seinem Predigen und Lehren und seinem Handeln und Leben, die er nie in der gleichen rücksichtslosen Konsequenz harmonisch miteinander verbinden konnte. Die Flucht aus dem eigenen heim ist ein letzter Markstein auf diesem Wege, auf dem er in verschiedensten Versuchen sein Ideal des asketischen Pilgers und des hingebenden Hel,ers zu verwirklichen suchte, ^n diesen extremsten Folgerungen, die Tolstoi immer wieder ans seinen Schriften gezogen, stand er stets im Gegensatz zu seiner Familie. Birutow hat in seiner großen Biographie die s ch w e r e n K o n f l i k t e geschildert, die sich z w r s ch e n ihm und seiner Frau erhoben, als der große Gedanke der.Erleuchtung ihn zuerst erfüllte und er jicg aus inbrünstigem Bibellesen fdn eigenes Christentum auferbaute. Aber die beiden, die ein ganzes Leben gemeinsamer Liebe und Treue miteinander verbunden, fanden )id) wieder zusammen: die Frau brachte ihr größtes Opfer, indem sie sich selbst und ihr widerstrebendes Empfinden aufgao und das schwere Amt
übernahm, die praktische Wirklichkeit zu vertreten und die Dinge der Welt im Auge zu behalten, während der Gatte für die höchsten Ideale' der Menschheit lebte und sich die Güter des Himmels erwarb. So steht die Gräfin trotz mancher Vorwürfe, die gegen sie erhoben wurden, doch als eine imponierende und großartige Erscheinung neben ihrem Manne, als die Hüterin seines Herdes, als die treu sorgende Frau, die zumeist gegen den Willen des Dichters für seine Gesundheit und sein Wohl ihre Pflichten durchsetzte, ja auch als die großherzige Verwalterin seiner geisttgen Schätze, die das reichhaltigste Material zur Biographie Tolstois gesammelt und es schon bei Lebzeiten zum Teil der Oessent- lichkeit übergeben.
Die Dissonanzen, die in der Seele des Grasen fortbestanden, die nun zu einem schrillen Mißakkord geführt, indem sie ihn in offenen Gegensatz zu seiner Familie stellten, sind von ihr wohl am schwersten empfunden worden; sie ist die eigentlich tragische Persönlichkeit in diesem intimen Konflikt, der sich vor der Oessentlichkeit abspielt. Sie mußte nun einsehen, daß es ihr doch nicht gelungen war, ihn glücklich zu machen, daß das Ziel ihres Lebens verfehlt. . . Es wird gerade jetzt interessant sein, an einige Aeußerungen zu erinnern, die die Gräfin vor kurzer Zeit in einem längeren Gespräch einem französischen Besucher gegenüber getan. Ihre gvpße Bescheidenheit tritt da zunächst hervor: sie will nichts sein als die Frau ihres Mannes. ,Lch selbst bin nichts, gar nichts", wiederholte sie immer wieder.
„Ick) habe kein anderes Verdienst, als das, die ergebene Gefährtin des Grafen zu sein, die Mutter seiner Kinder. Was kann ich Ihnen von meinem Leben sagen? Es ist ja so einfach. Den Grafen habe ich pon meiner Kindheit an gekannt, als ich geboren wurde, war er schon ein großer Junge von 16 Jahren; meine Mutter war nur. zwei Jahre älter als er. Er hat mich als Kind auf den Armen getragen und auf seinen Knien reiten lassen. Ich bin groß geworden in der Liebe zu ihm. Als ich achtzehn Jahre war, verheiratete man uns. Es scheint, daß manche Leute mid) so darstetten, als wäre ich seinen Ideen feindlich. Dief'e Menschen wisse- nichts von uns. Wie lallten wir nicht einig sein, da wir uns feit immer lieben? Wir leben fast das ganze
Jahr aus dem Lande; unsere Tage, unsere Stunden sind gemeinsam. Wir leiden dieselben Leiden, genießen dieselben Freuden. Ich will nicht sagen, daß ich die Ideen des Grafen alle begreife. Am Abend glaube ich seinen Gedanken ersaßt zu haben, und am anderen Morgen ist er mir wieder entschlüpft. Soll ich Ihnen noch mehr gestehen? Von allen Tolstoianern, die ich kenne, sehe ich auch nicht einen, der wirklich glücklich ist. Aber ist das nicht das Schicksal aller derer, die danach stteben, dem Guten und Rechten möglichst nahe zu kommen? Was ich Ihnen wiederholen will, ist, daß ich mein ganzes Leben meinem.Mann und meinen Kindern geweiht habe. Ich habe sie fast niemals verlassen. Den größten Teil des Jahres sind wir in Jaßnaja Poljana, hier ist mein Mann geboren, in dieser Einsamkeit hat er geträumt, gedacht, seine Werke geschrieben. Hier sind meine dreizehn Kinder zur Welt gekommen. Ich habe zehn von ihnen genährt, und ich hatte das Unglück, vier zu verlieren. Als unser Letztgeborener starb, glaubte ich wahnsnmig zu werden. Wie hat der Graf damals gelitten! Er wollte selbst den kleinen Sarg auf feinen Schultern tragen."
Die Gräfin spricht dann von den Lasten der Verwaltung, die ganz auf ihr ruhen. Die Sorge für die Häuslichkeit, für ihre Kinder, für die vielen Besucher, die kommen, nimmt ihre ganze Zeit in Anspruch. Sie schreibt auch alle Mmruskripte ihres Gatten ab. „Wir leben ein sehr einfaches und sehr regelmäßiges Leben. Man hält uns für reich, worin man sich täuscht. Die Besitzung wirst uns kaum etwas ab; es sind hauptsächlich Waldungen, und man schlägt möglichst wenig. Kein Luxus, kaum ein wenig Komfort! Sie wissen, daß seine Bücher meinem Mann nichts bringen. Er hat seit langem auf Rechte jeder Art verzichtet. Das ist bei ihm Prinzip. Er geht davon wohl einmal ab, aber nur, um den Ertrag für einen menschenfreundlichen Zweck zu verwenden, wie er z. B. größere Summen der verfolgten Sekte der Duchoborzen zu ihrem 2lns- zug nach Kanada zugewendet hat.
Petersburg, 14. Nov. Tolstoi war bei seinem Eintreffen im Schamardinskykloster außer von seinem Arzte auch von seiner Tochter Alexandra begleitet. Nach Besuch seiner


