triff et«* DtiM-sgüttg eiftjh&tffetr. Ich Vkv fttzt nur ouß« fahren, tvarum ich ihm nicht geantwortet habe. In erster Linie «nrS dem Qtnmtr, iveil ich <6 für ganz nutzlos holte, mit den Herren der Sozialdemokrni'.e bar über zu streiten, welche Bedeutung bk Eidesformel b e r Arme« bat. Zwischen unserer Auffassung übfi die Pflichten gegen den Menarchen und den Elaat gähnt ein Abgrund Sie haben ja auch gar nicht die Absicht, eine Ucbcrti!i)lunmiing der Ansichten zu erzielen. Sie suchen Gegensätze hceverzurufen und zu schüren. Der Abgeordnete hat -selbst dafür gestern den deutlichsten Beweis geführt, als er die Allerhöchste SlnbinetlScrber aus dem Jahre 1798 verlas. Er hat dabei nicht b.-rücksichtigt, daß in Nr. 205 deS .Reichsanzeigers' vom 28. August 1895, also schon vor ziemlich länger Zeit, eine offizielle Erklärung des Aiuc^tzministerS Bconsart * Schellendorf gestanden hat, wonach schon im Jahre 1798 GeneralfelLmarschall v. Möllendorf das für eine dreiste Fälschung erklärt hat. (Hört! Hort!) Ich glaube nicht, bah der Abgeordnete sich bewußt zum Mithelfer einer tatsächlichen Fälschung gemacht hat, es ist Wohl «bewußt gewesen; ich muß bas aber zur Steuer der Wahrheit *ortcagc:i. Wenn ich auf das Beispiel deS Herrn Ledebour hier eingehe, so geschieht ba8, we'l an? dem hohe:' Hause heute morgen einige Anfragen darüber an mich erfolgt smd und weil ich nach Einsicht des Protokolls ohne weiteres zugeben will, daß ich, indem ich mich möglichster Kurze befleißigte, zu kurz gewesen bin. Ich möchte habet, um allen Mißdeutungen vorzubeugen, folgendes erklären: 3lls ich am 29. Januar diese von Herrn Ledebour gestern «»geführten Worte gebrauchte, schwebte mir der Vergleich vor zwi- schen ben Berfassungskämpfeu t m Hessen und den Kämpfen, die m ben 60er Jahren in Preußen geführt wurden. Daß ich daS Beispiel von Kurhessen nur als Negative herangezogen habe und auch gestern nur das meinte, geht für iedrn ganz klar hervor, der die Vorgänge der damaligen Zeit in Kurhessen kennt. In Kurhessen, wo die Armee auf b i c Verfassung bereinigt war, wurde die Armee durch die inneren Kämpfe ganz unwillkürkich mit in die inneren Wirren hineingezogen. Sie Liste sich auf, sic wurde lahm gelegt für jede äußere Gefahr. Ganz anders war cs in Preußen Denken Sie an die Konfliktszeit, die preußische Armee, nicht uuf die Verfassung vereidigt, war absolut unberührt von jeden politischen Kämpfen. Sie konnte ihrer Aufgabe der SBerleibimmg des Vaterlandes ungestört durch irgend welche innerer ‘Sirren weiter genügen (Sehr gut!), in den Kämpfen 1864, 166G und dann auch 1870. Wie hätte cs aus, gesehen, wenn bv5 preußische Armee mit an den politischen Wirren teilgenommen hätte. Ich glaube, die Schlagfertigkeit der Armee hätte darunter sehr gelitten. (Leblmfte Zustimmung.) Das schwebte nur vor Ich me'ne, diese Beispiele gegeneinander gehalten, fiirb so packend, daß jedes weitere Wort von mir überflüssig ist. Ich habe das Anfuhren wollen für alle diejenigen, die mich verstehen wollen; für den Abg Ledebour — darauf verzichte ich. (Lebhafter Beifall rechts...
Abg. ÜebetritY (Soz.): \
Ss wen nrtt allerdings nicht bekannt, daß die PubMcttiösi eine Fälschung sein soll. Ich habe sie in gutem Glauben gelesen und bedauere, daß sie nicht echt sein soll. Wie kommt der Kriegs- Minister aber auf Kurbessen? Der Redner verliest au8 Webers Weltgeschichte das Kapitel über die hessischen Verfassungs- kämpfe unter allgemeinen Schlnßrufen und erklärt bann: Also, der Kurfürst und sein Minister, der „Hessenfluch", versuchten die Verfassung zu brechen Aber daS Militär gab sich zu diesem nichtswürdigen Attentat auf die Volksrechte nicht her! Darauf sind die Hesten heute noch stolz.
Kriegsminister v. Heeringen:
Es wär mir von vornherein klar, daß ich Herrn Ledebour nicht würde überzeugen können. (Sehr richtig! rechts.) Wenn ich je bar an gedacht hätte, nach der letzten Rede habe ich es endgültig aufgigeben. (Heiterkeit rechts.) Herr Ledebour behauptet etwas, was ich gar nicht gesagt hab«. Ich habe die Ver- ljältnisse in Hessen als Beispiel angeführt, wohin wir fomnrcn, wenn wir auf die Verfassung vereidigt würden, tote Wirren ein- treten würden und wie eine Armee sich auflösen könnte, lieber die Schuld und die Ursache, die zu den damaligen Verhältnisien g-efübri haben, stabe ich nichts gesagt. Diesen Ursachen nachzu- ■lüiren, liegt mir auch vollkommen fern, ich halte mich lediglich an die Tatsachen und die lasse ich nicht leugnen. Ich bin dann hon diesen Wirren auf die Gegenwart zu sprechen gekommen und habe geschildert, wie ruhig sich die Verhältnisse in Preußen trotz aller politischen Kampfe abgespielt haben. Ich habe gezeigt, daß bas preußische Heer in der Re«/l sich mir auf datz vorzubereiten hätte, wofür es eigentl ch ist, lediglich für den äußeren Fein d. D'ese Gegenübersiellung ist so klar und so eintoand- rrei, dah ich nunmehr kein Wort mehr hierüber sagen werde. (Lebhafter Beifall.)
Abg. Ledebour (Soz.):
DeS Beifalls der Rechten ist der Kriegsministtt immer sicher. (Sehr richtig! rechts.) DaS ist traurig genug. (Lachen rechts.) Aber auch die Nationalliberalen haben ihm Beifall gezollt, die Epigonen der hessischen Verfassungskämpfer, die damals gegen dieses fluchwürdige System auftraten. (Gelächter.) Schämen sollten Sie sich! (Stürmische Heiterkeit.) Der KriegSminister hat eine ganz irreführende Darstellung seiner Worte gegeben. (Unruhe.) Selbst die damalige preußlsche Regierung hat sich auf die Seite der VersaffungSkämpfer gestellt. Da hätte der Äriegs- minister eS wahrlich nicht notwendig gehabt, dem Verfassungsbruch das Wort zu reden. (Stürmische Zurufe rechts: Das hat er nicht getan!) Jawohl, das hat er getan. (Große Unruhe.)
Vrzeprasidenk Dr. Spahn:
Ich stelle pest, daß da» von feiten des KriegSm'misterS sicht geschehen ist.
Abg. Ledebour (>Loz.):
Dann war eS mindestens der Sinn seiner Worte.
Vizepräsident Dr. Spahn:
Auch daS ist nach meiner Ansicht nicht richtig.
Abg. Ledebour (<5o-a.):
Herr Präsident, bte Deduktion, d?e Sie für Ihre Person au5 irgend welch.« Aeußerungen eines Abgeordneten ober eines Ministers ziehen, ist Ihr- Sacke. (Unruhe rechts und im Zentrum.) Sie können mich wegen Abschweifung vom Thema zur Sache rufen, Sie können mick rektifizieren, wenn ich geschäftsordoungSmäßig nicht im Reckt bin Aber Sie dürfen mir nicht Ihre Ansicht oktroyieren. (Große Unruhe.)
Vizepräsident Dr. Spahn:
DaS hat mir auch ganz fern gelegen.
Abg. Ledebour (Soz.)k
Zweifellos hat der Kriegsminister, ebenso wie Herr von Oldenburg, indirekt dem VerfaffungSbruch das Wort geredet. (Große Unruhe rechts, Rufe: Zur Ordnung!)
Abg. von Oldenburg (Kons.)
(von den Sozialdemokraten mit Lärm empfangen): Sperr Ledebour bat mir unterstellt, daß ick zum Berfassungsbruch aufgereizt hätte. Nachdem ick bereits gleich nach meiner Rede am 29. Januar meine Aeußkftlim hier richtig gestellt habe, muß ick es ablehnen, mich mit dem Abg. Ledebour noch weiter darüber ausemanderzu- setzen. Außerdem muß ich fetzt leider wegfahren, da mein Zug fährt. (Große Heiterkeit.) Die Abrechnung ist aber nur auf geschoben. (Beifall rechts.)
Abg. Ledebour (Sög.)r
Denn Sie abreisen müsier., dann Adieu, ment Herr (Große Heiterkeit.) Jedenfalls bleibe ich dabei, daß Herr v. Oldenburg bewußt eine wahrheitswidrige Behauptung aufgestellt hat. (Große Unruye.)
Abg. Rögaller v. Bieberstein (Kons.):
Herr v. Oldenburg ist nicht mehr im Saale. Ich verteidige meinen Freund febr gern, wenn es notwendig ist. Herrn Ledebour gegenüber tue ich es nur sehr ungern. Ich verzichte auch in diesem Moment darauf, weil dieser Herr nicht zu belehren ist. (Beifall rechts.)
Das Haus vertagt sich.
Montag 1 Uhr: Kaligesetz und Stellenvermittliwgsgesetz.
Schluß 6% Uhr.
pnuhisches Abgeordnetenhaus.
20. Sitzung, Samstag, 12. Februar.
Am Mimstcrtisch: von Bcthmann-Hvllweg, von Molt k c.
Vizepräsident Dr. Pvr sch eröffnet bte Sitzung um 11 Uhr 15 Minuten
Erste Lesung der Wahlrechtsvorlage.
(Dritter Ta g.)
Abg. Pr. Pachnicke (Fr. Vg.): Man flamt nicht ohne eine gewisse Erregung von dieser Wahlrechtsoorlage spvectxen. Sie hat größte (£nttäufd,"ung und tiefste Erbitterung hervorgerusen. Fast alles bleibt beim alten. Fast alle Länder, auch Japan, ja selbst Rußland haben die geheime Wahl. Man kann deshalb von einem europäischen, ja von einem Weltgewissen sprechen. Aber Heri vvn Bethmann setzt dem die Preuß'scte Eigenart entgegen. (Sehr gut! links. Er verteidigte die öffentliche Wahl mit den Ad- hängigkciten, bte das öffentliche Leben begleiten. Ja, man kann! diese Abhängigkeiten dock nur bedauern. Die Konservativen erklärten durch .Herrn v. Ricl>thofen die öffentliche Wahl sogar für liberal Ich lerrrtnere daran, daß bei der Einführung des Reichstags- Wahlrechts eine Zierde der Konservativen, von Moltke, für die geheime Wahl erntrat, während selbst Wrndthvrsts Haltung zweifelhaft war. Frhr. v Zedlitz stritt es ab, daß bte Landräte Wahl- teeinslussungcn trieben. Ist denn während der Zeit, wo er selbst Sanbrat war, leine Wahlbeeinflussuttg tiorgetjinmcn? Große Heiterkeit.) Äuchl bic Sozialdemokraten nutzen bekanntlich die öffentliche Wahl t.wrvristisch aus Mit welcher Leidenschaft haben die sozialdemokratischen Frauen sich an, per Wahlagitatioit beteiligt. (Zuruf von den Sozialdemokraten: Unsinn!) Ja, bann entfernen Sie diesen Unsinn doch erst einmal aus ihren eigenen Partei- Protokollen. (.Heiterkeit und Beifall links.) Für die Regierung) ist die Stone der Bildung der Unteroffizier und der gewesene Eüt- jährigc. Tie Bevorzugung der ehemaligen Soldaten ist eine ungerechtfertigte Zurücksetzung der (Gewerbetreibenden, und vor allem der Bauern. r^-cl;r richtig! links.) Aber auch die Bevorzugung der Examensbildung ist verkehrt: Künstler wie Lenboch, der Maurergeselle war, werden dadurch als Wähler degradiert. Tas sind alles Tinge, die aus der Vorlage ausgemerzt werden müssen, foferit üb er hau Pi etwas zustande kommen soll. Tas ist allerdings noch sehr fraglich. Tenn niemand ist mit der Vorlage zufrieden: Tie Konservativen nicht, obwohl diese Vorlage sich doch wahrlich ntcht gegen sie richtet. Das Zentrum nicht — was das Zentrum eigentlich will, weiß freilich niemand! (Heiterkeit.) Nur die! Sozialdemokratie bat Freude an der Vorlage. Tenn sie ist die wirksamste Agitationswasfe. für die Sozialdemokratie. (Beifall links.)
M in ist ep prä s ident vo n Bethmann-Hvllttteg:
Ich will Ihre Aufmerksam leit mtt für zwei Worte in Anspruch Nehmen. Ich habe ntdft die Absicht, in eine Polemik einzutreten gegen die Ausführungnt des Abg. Tw. Pachnickc, die wir soeben gehört haben. (Bravo! rechts.) Tas, was ich für erforderlich gehalten habe zur Wahlrechlsvorlage zu sagen, habe ich vorgestern gesagt. (Zuruf links: Es war herzlich wenig!) Ich muß dagegen Widerspruch erheben, daß der Abg. Dr. Pachnicke es so dargestellt hat, als träte die Staatsregierung etn Rückzugsgefecht an, wenn sie diese Vorlage vorlegt. Glauben die Herren, daß, ich mich zum Spaß hiqr hinstelle und eine Vorlage einbringe, die in einschneidender Art unser Berfassungswesen änterf? (Unruhe links.) Ich habe vorgestern gesagt, daß die königliche Staatsregierung mit ihrer Ver- antWartung hinter dieser Vortage steht und ich habe Anspruch darauf, daß das für ernst genommen wird, was ich hier im Namen bet Staatsregierung erkläre. (Bravo rechts, Lachen und Unruhe links.)
Abg. M a.l k e w i tz .Kons. : Wir haben gegen jede Wahlreibrrn schwere Bedenken, roeit wir an dem alten konservativen Charakter des Preußisch n Staates mit Zähigkeit festigten wollen. (Aha! Rufe links.) Auch wir haben den Willen zur Macht. (Stürmisches Gelächter links.) Wir wollen bamit den demokratischen Aspirationen im Reiche in Preußen das Gleichgewicht halten. (Lebh. Beifall rechts. Lachen links.) Der Freisinn hätte vom Rcichstagswahl- recht keinen Vorteil, cs ist politischer Selbstmord, wenn er für das Reichstagstvahlrecht Istec einlrüt. (Sehr richtig! rechts.) Und so schlecht sind wir nicht. Wir wünschen Sie noch recht tauge hier ■Ui sehen. (Große Heiterkeit. Zuruf links: Fürsorgeerziehung?) Auf die Fürsorgeerziehung komme ich später, beim ein Teil dieses Hauses scheint sie dringend notwendig zu baten. (Stürm. Heitep Teil.' In den neuen Vorschlägen über das Auftücken in höherg Klassen sehen wir eine Schm o ck ung deS Einflusses be Mittelstandes, und wir werden deshalb danach zu trachten Traben, für die ungeschmälerte Ausrechterlialtuna der berechtigten Stellung des Mittelstandes im heutigen Wahlrecht einzutreten. (Beifall rechts., 'JE-enn wir das tun, ]o richtet sich das in keiner Weise gegen die Beamten, für die allein die Regierungsvorlage Privilegien vorsah. Nun zur geheimen Stimmabgabe! Wenn wir das Wahlrecht nicht sckion Leuten von 21 Jahren und auch nicht ben Frauen geben wollen, so tun wir das, weil wir aus der Volksvertretung nicht eine Kind e;- ftu bc machen tobt len. (Beifall rechts. Wir geben aber schon das Wah recht in einem Alter von 24 Jahren und sind dcmokr-atischer in der Begehung
als das Reich und manche Einzelstaaten. Das Wahlrecht bekommen auch Millionen von Wählern, die nicht einen einzigen Pfennig StaatseinLommensteuer zahlen. Man darf aber die Wähler nicht von ihrer Verantwortlichkeit entbinden. (Sehr richtig! rechts.)
Abg. Dr. Krause (Natl.): Das heutige Wahlrecht bietet nur einer Partei Vorteil: der konservativen. Das ist unberechtigt. Frhr. v. Zedlitz will einen-Gegensatz zwischen unserer heutigen und! unserer früheren Stellungnahme in der Frage der Mueinteilung der Wahlfteise finden. Das ist durchaus ein Irrtum. Wenn man Gneist und Sybet hier gegen uns in Feld geführt hat, so i Junten wir ebensogut hervor rag eirdö Konservative gegen den konservativen Äahlrechtsstandpunkt anführen. Aber solche Berufung auf die Vergangenheit hat praktisch nicht ben geringsten Wert. Die Vorschläge der Regierung wegen der Privilegierung einzelner bestimmter Volksgruppen lassen das vermissen, was wir als nn- erläßlickw Vorbedingung jedes PluralwahtrechtS ansehen: das sozial versöhnende Moment. (Sehr richtig! links.) Herr von Bethmamt hat zwar gesagt, in dieser Streitfrage, ob geheime, ob öffentliche Wahl, würden wir einanber nicht überzeugen. Aber rch hoffe, daß gerade bei einer so eminent lauteren Persönlichkeit, wie unser Ministerpräsident es ist, die ethischen Gründe für die geheime Wahl doch nicht ganz verhallen werden. Freilich spielen auch bei der geheimen Wahl mitunter niedrige Motive mit hinein, so ist das doch das kleinere liebel. Wir hoffen, V. ü sich in diesem Hanse eine Mehrheit für die geheime Wahl finden wird, und ivenn Dann die Regierung auf die Seite dieser Äiehrheit sich stellt, wird das .Herrenhaus sich sicherlich nicht ablehnend verhalten. Es handelt sich ja nicht um die Zusammen- letzuug des Hauses, sondern um di« des Abgeordnetenhauses. Wir Nationalliberalen und auch diejenigen weiter linksstehenden! Parteien, die nicht unter allen Umständen jetzt das Reichswahl- rc.dü durchsetzen wollen, gehen mit ihren Forderungen vielmehr auf ein aristokratisches Wahlrecht als auf ein demokratisches aus. Die Sozialdemokratie ist allerdings nicht nur demokratisch, sie ist aud) aiitinwnarchisck, und sie ist auch — darüber können uns auih die längsten, stundenlangen Reden nicht Hinwegtäuschen — antinational. Mit aller Schärfe muß aber betont werden: die Sozialdemokratie ist antinational, aber nicht die deutschen und preußischen Arbeiter. ' (Lebhafte Zustimmung. > Auch hier halte id) es für notwendig, dieser Fiktion Entgegen zutreten, als ob Arbeiterschaft und Sozialdernotratie identisch seien. ('Sehr richtig!) Wir haben zahlreidw Arbeiter, die gut national und gut monarchisch sind. Was der Abg. Ströbel als national hinstellt, das ist nicht national, dann kann man im letzten Ende als eine Freude ein Wohlgefallen -an ben deutschen Wäldern und Feldern ansehen. Aber wir verstehen unter national noch etwas ganz anderes. Wir verstehen darunter den Stolz auf eine wunderbare große Gr schichte (Lebhafte Zustimmung, wir verstehen darunter, daß das ganze Volk in voller Einmütigkeit in ben Jahren 1870 und 1871 zur Ehre seines Königs und des Landes zusammengestanden hat. (Lebhafter Beifall.) Wir verstehen darunter, daß, wenn einmal wieder trübe und ernste Zeiten heraufbe.schnwren werden, dann wieder ohne Rücksidst auf Stand und ohne Rücksicht auf politische Gesinnung und Parteiungen wir alle wieder zusammenhaltenj werden. Diese nationale Gesinnung, die die deutsche Sozialdemokratie nicht kennt, bet dieser Vorlage mitsprechen ;u lassen, ist unsere patriotische Pflicht. (Stürmischer Beifall links.)
Abg. Dr. v. W o p n a (Freikons.): Es ist nicht zu verkennen, daß in unferm össentlickien und politischen Leben sich scharfe Gegensätze herausgebildet haben. Im Gebiet der Verwaltung liegt die stärkste Möglichkeit, diese Gegensätze auszugleichen. Durch untere Verfassung ist darin wenig zu erreichen. Aber in der Verwaltung können selbst die Sozialdemokraten Mitarbeiten, um vernünftige Zustände zu schaffen. Zurufe.) Wir Hannoveraner in meiner Fraktion sind für die öffentliche Wahl. Unsere Bauern würden es gar nicht verstehen, daß man nicht die Courage hat, für seine Ueberzeugung offen einzutreten. Man behauptet, bte ganze Verwaltung wäre konservativ. Such nicht die Richter größtenteils liberal? Die Presse, die einen so großen Einfluß auf das öffentliche Leben hat, ist liberal. Mit vielen Vorrednern sind wir der Meinung, daß die Desinitionen der Vorlage über den Begrui Bildung keine glücklichen find. So solUen mehr reife und erfahrene Arbeiter in eine höhere Klasse aufrücken können. In her Kommission muß auch geprüft werden, oh nicht die Gewerbe treibenden gegen den Terror der Sozialdemokraten geschützt wer den können. (Beifall rechts.)
Abg. Fischbeck (Fr. Vp.): Die Regierung Beruft sich auf die Wahlstatistik zur Empfehlung ihrer Vorlage. Die Wahlstatisti, hat aber nur wenig Wert. Erne Statistik nach Berufsständen sollte man uns vorlegen. Unsere Gorlitzer Parteigenossen haben eint solche Statistik bei den dortigen Stadtverordnetenwahlen aus gemacht. Da hat sich lferausgestelll, daß beim öffentlichen Wahl recht gewählt haben über 60 Prozent der Arbeiter und der Hand roerfer und annähernd ebensoviel Beamte. Von den Gastwirten den Heinen Kaufleuten und Gewerbetreibeirden, von Bäckermeister! und den Fleifchermeistern haben nur 10—20 Prozent gewählt Das zeigt doch, wie abschreckend die öffentliche Wahl gerade au den Mittelstand wirkt. Herr v. Wedell-PieSdorf hat im Herren hause nackt herausgesagt, die Entscheidung, ob öffentliche oder ge Heime Wahl vorzuziehen sei, richte sich |ür ihn danach, welchem von beiden Wahlvcrjahren ihm größeren Vorteil verspreche. Wei es ehrlich meint mit dem Mittelstand, der muß für das geheinn Wahlrecht emtreien. Wollen bte Konservativen die Rechte bei
Beamten wahren, so müssen sie für das geheime Wahlrecht em-- treten. Das viele Herumdoktern an dem Wahlrecht führt zu nichts, das geheime, direkte und gleiche Wahlrecht ist die einzige Lösung. (Lebhafter Beifall links.) ..
Ein Schlußantrag wird angenommen. Damit tft bic erste Lesung der Wahlrechtsoorlage beendet. Die Vorlage geht an eine besondere Kommission von 28 Mitgliedern.
Das Haus vertagt sich auf Montag 11 Uhr: Nationalliberale Interpellation tetr, die Maßregelung von Beamten in Pofen. Fortsetzung' der zweiten Lesung des Etats: Zölle und indirekte Steuern.
Schluß 33/1 Uhr.
*
M- Berlin, 12. Febr. Der Ausschuß des Abgeordnetenhauses zur Vorberatung der Wahlrechtsreform wirb aus folgenden 28 Mitgliedern bestehen: Konfervativc/9^ Ahrens (Klein-Flöthe, v. Blankenburg, v. Boelpi, v. Geschcr, Melkewitz, v. Oldenburg, Frhr. v. Richthofen (stellvertretendev Vorsitzender), Sielermann, v. Treskow: Fr ei ko ns er v ati-ve (4) : Frhr. v. Zedlitz, .Ki'ause (Waldenburg), (Vorsitzender), Re- woldt, Johannsen; Zentrum (6): Herold, Linz, Kirsch, Zimmer, Bell, Giestert; N ati 0 n a llib e r a le (4): Dr. Friedberg, Schiffer, .Krause (Königsberg), Dippe: Freisinnige (31$ Träger, Pachnicke. Fischbeck; Sozialdemokraten (l); Ströbel; Polen (1): Korsanty.
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£uftfd|iffa6rt
Ln fischisslinien in der Schweiz. D'evLnz^rnee ANrhauÄrnsschuß teilt amtlich mit: „Nachdem im vorigen Fichhjahr die Unterhandlungen des K'nrkomitees in Luzern mit der deutschen Luftschiffcchrtgesetlschaft Zeppelin, betr. Schaffung eines Luftschisshafcns in Supern, zn keinem befriedigenden Ergebnis geführt hatten, hat nun das Kurkomitee mit der Compagnie Transavrienne in Paris nnlernt 7. d. M. einen Vertrag abgeschlossen, der die Veranstaltung regelmäßiger Lustschifsexkursionen von Luzern aus um ben Rigi herum und sonst in Gebiete der Zentralschtveiz schon für den Sommer 1910 garantiert."
Vermischter.
** Der Kaiser und ber Organist. Als Organist bet Kaiser Wilhelm-Gedächttriskirche erfreute sich Herr Walter Fischer in ben Kreisen, die gute Kirck>enmusik zu schätzen ttessen, eines nohlbegründeten Ansehens. Es war einige Tage vor Kaiser» Geburtstag, als die Gattin Walter Fischers vormittags gegen 10 Uhr vvm Hofmarsd>allamt die tclephonisdfe Auftage erhielt, ob ihr Gatte abkömmlich sei: der Kaiser wünsche mit dem Kronprinzen und der Kronprinzessin von Rumänien die große Orgel zu besichtigen. In größter Eite würbe nun Herr Fischer, der im Nebenamt im einem Wilmersdvrser Gymnasium Unterricht erteilt, benachrichtigt. Eine Droschke nehmen, sich in einen schwarzen Rock werfen und nach der Kirche eilen, war eins. Kaum hatte er Zeit gesunden, die Kirchentüre aufzuschließen und fidj zum Empfang in Positur zu stellen, als auch ichun das kaiserliche Automobil nebst einem Begleitwagen vor dem Portal vorrollle. ,,Hof- ierrtlicb halten wir Sic nicht allzulange auf," meinte der Kaiser nach der Begrüßung. „Ater wenn cs Ihre Zeit erlaubt, möchten wir wohl gern etwas von Ihnen auf der Orgel hören." — Auf der Empore angekommen, intonierte Fischer zuerst ein Präludium, ging dann zu der markigen und ergreifenden Melodie des nietet ländischen Volksliedes: „Wir treten zum Beten" über unb endigte schließlich mit dem „Großer Gott wir loben Dich" Während die Damen Platz genommen hatten, stand her Miser während des ganzen Spiels tief in Gedanken versunken neben dem Organisten. „Wie herrlich sind doch diese alten Melodien, wenn, sie so intev- pretiert merben", meinte er dann, als der letzte Orgelton bct> Liang. „Ater, nun, Professor, müssen. Sie uns noch etwas von Bach Vorspielen, wenn ich diesen Wunsch noch äußern darf." Und erst als auf Bach, abermals auf Wunsch des Monarchen, iwch Saint Saöns und Händel gefolgt waren, rüstete sich die kaiserliche Gesellschaft zum Aufbruch. — „Meinen aufrichtigen Dank für den großen Genuß, den Sie uns bereitet, haben, Herr Professor", sagte der Kaiser, dem Organisten die Hand brückend. — „Verzeihung, Majestät", versetzte der Ltngeredete, „darf ick 5uer Majestät gleichfalls meinen untertänigsten Dank für die Troße Auszeichnung aussprechen?" — „Welche Auszeichnung denn, lieber Professor?" — „Nun, Majestät redeten mich beständig mit „Professor" an, obgleich. ." — „Jh, das ist ja gut", unterbrach ter Kaiser hellanflack>end, und sich mit der Hand vor die Stirn scküagend, „so vergeßlich zu sein! Sie sind also noch garnicht einmal Prof es) or! Na, was nicht ist, kann ja nod) -uerben, —, was ich gesagt hab«:, habe ich gesagt. Adieu, lieber! Herr Professor!" . . . und damit testtegen der Käriser und seine Begleitung^ die draußen harrenden Automobile. Am Mchmittag oesselten Tages hatte der geistesgegenwärtige Organist sein Patent als wvhlteftallter Prosessor ter Musik in Händen.
* Auf dem Balle. „Gnädige Frau, ich kann mich an Ehrern Fräulein Tochter gar nicht satt sehen!" — „Nun, so beiden e>ie doch an, Herr Fluntermeier!"


