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Nr. 126 Erstes Blatt 160. Jahrgang Donnerstag 2. Juni 1910
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für bte Tagesnumtner Roteüonsörvck und Verlag der Brühl'schen Umv.-Vuch- und Zteindruckerei R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: §chulstratze 7. Anzeigenteil: H. Beck.
bis vormittags 9 Uhr. 3 _____
Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.
Der belgische ltönigsbesuch.
Berlin, 1. Juni. Die heutige Parade wurde^ wie bereits gemeldet, in Vertretung des Kaisers durch den Kronprinzen abgenommen. Sic wurde kommandiert von dem kommandierenden General Generalleutnant v. Löwenfeld. Die Kaiserin, die fürstlichen Gäste und der Kronprinz trafen in Automobilen in Potsdam ein Nach der Parade fuhren die Kaiserin und die Königin der Belgier, begleitet von der Leibgarde des Kaisers, zum Berliner Schloß; auch der König der Belgier begab sich direkt ins Schloß zurück. Der Kronprinz setzte sich an die Spitze der Fahnen und Standarten.
Nach der Paradetasel begab sich das belgische Königspaar nach dem Lehrter Bahnhof und reiste nach Brüssel ab. Den König geleitete der Kronprinz, die Königin die Kaiserin und die Prinzessin Viktoria Luise zum Bahnhof, wo auch die sämtlichen Prinzensöhne, der Ehrendienst und die belgische Gesandtschaft sich zur Verabschiedung einfandcn.
Line Belästigung des »ronpiinzen.
Berlin, 1. Juni. Als der Kronprinz heute mittag nach Schluß der Parade über beit Schloßplatz durch den Lustgarten zum Schloß ritt, wurde von einem Manne eine Konservenbüchse gewor-scn, die vor die Füße eines Schutznvanns fiel.' Der Mann wurde festgehalten. Wie sich herausstellte, war die Konservenbüchse mit Perlbohnen gefüllt Der Mann, der sie geschleudert hat, ist der Polizct schon seit längerer Zeit als Geisteskranker bekannt. Er heißt Abraham Ei er weiß, ist geborener Russe, betreibt hier in der Kaiser-Wilhelmstraße ein Partiewarengeschäft und wohnt in der Meyerbeerstraße. Er wurde in einer Anstalt untergebracht___________________________
Die Reichstagrerfatzwahl in Zauer-Solkenhain- Landshut.
Landshut, 1. Juni. Bei der heutigen Reichstags-, ersatzwahl im Wahlkreis ^auer-BolkenHain-Landshut erhielten Büchterm a nn lFortschr. Bolksp.) 6410, Pro ll ,Soz.) 6475, Stroßer (Kons.) 3876, Herschel (Zentr.) 3819 Stimmen. Ein Ort fehlt nock). Es wird Stichwahl zwischen Büchtcrmann und Proll stattfinden.
Der Wahlkreis wird also der Fortschrittspartei erhalten blechen. Dr. Hermes war bekanntlich der letzte Vertreter des Bezirks. Im Jahre 1907 hatten 20109 Personen gewählt, davon erhielt Dr. Hermes 5728, der Reichsparteiler 5050, der Sozialdemokrat 5019, das Zentrum 1307 Stimmen. In der Stichwahl siegte Dr. Hermen gegen den Reiä>spartciler mit 9340 gegen 7495 Alumnen.
Baiser graus Zosef in Bosnien.
Serajewo, 1. Juni. Beim gestrigen Empfange des Offtzierkorps im RegierunaSgebäudc richtete Kaiser Franz Josef folgende Ansprache an die Offiziere:
„Es gereicht mir zur hohen Befriedigung, Sie hier um mich versammelt zu sel>en. Sie erscheinen als Vertreter meuter braven Truppen, welche diesem Lande die Sicherheit nach außen, bte friedliche Ruhe im Innern gewährleisten. In Hochhaltung Ihrer militärischen Berufspflichteii^haben Sie sich nicht allein Ehrern engeren Dienste hingcgeben. Sie haben auch emsig zugegriffen, wo es gali, dem öffentlichen Wohle förderlich zu sein. Mit freudigem
Stolze darf das Heer zurückblicken auf seine 32 jährige Tätigkeit in Bosnien, welche ich mit dem wärmsten Danke und mit dem Wunsche anerkenne, daß der Geist, der Sie beseelt, fortleben möge zur Ehre und zum Wohl unserer Wehrmacht."
Heute früh wurde in den Straßen eine vom 31. Mat datierte Entschließung des Kaisers angeschlagen, nach welcher 200 Sträflingen der Strafarrest erlassen wird; darunter befinden sich 31 Militärsträflinge, sechs wegen Hochverrats Verurteilte und andere wegen politischer Verbrechen Verurteilte.
Der Kaiser nahm heute vormittag die Parade über die Truppen der Garmson ab. Eine zahllose Menschenmenge bereitete ihm stürmische Sympathiekundgebungen. Nach der Truppenbesichtigung huldigte die Jugend von Serajewo dem Kaiser. Tausende von Kindern in festlichen Kleidern, viele in Landestracht, zogen in Reihen zu Vieren unter Musik und Zioiorufen an dem Kaiser vorüber. Die Kundgebung, die den Kaiser tief rührte, schloß damit, daß etwa 200 Knaben und Mädchen die Volkshymne sangen.
Serajewo, 1. Juni. Die Eröffnung deS bosnischen Landtages wurde auf den 15. Juni festgesetzt.
Aus Hessen.
Der Zweiten Kammer der Stände ist folgende Anfrage der Abgeordneten Ulrich und Genossen zugegangen:
Ist der Großh. Regierung bekannt, daß der Notar Hubert in Oppenheim in seiner Eigenschaft als Notar bedeutende Unterschlagungen verübt, und ist sie geneigt, die Betrage, welche der Notar Hubert in Oppenheim als Notar unterschlagen hat, den Geschädigten zu ersetzen?
Zum Wahlkampf in Frted b erg - Büdingen. Der bündlertsche Kandidat Dr. v. Helmolt veröffentlicht folgende Erklärung:
„Ich erkläre, daß ich nach wie vor Gegner der Ausdehnung der Erbschaftssteuer atü Kinder und Ehegatten bin. Ich halte mich durch die von mir dem Bunde der Handwerker gegenüber abgegebenen Erklärung verpflichtet, im Falle der Annahme der Erb- an'ällstetter zugleich eine erhöhte Besteuerung des mobilen Kapitals, wie Werkpapiersleuer usw. zu fordern. — Diesen Standpunkt würde ich im Falle meiner Wahl mit Entschiedenheit vertreten."
— Assessorenverwendung. Nach dem Darmstädter „Tägl. Ainz." hat die Regierung auf die M^aae, daß Gerichts'assessorcn o h n e j e d e B e r gü lu n g mit Wahrnehmung verantwortlicher Dienststelle beauftragt werden, Rücksicht genommen. Man ist jetzt zu der früheren, allein richtigen Hebung, geleistete Dienste auch mit Gehalt zu vergüten, zurückgekehrt.
R. B. Darmstadt, 1. Juni. Der Sonderausschuß f ür die V e r w a l t u n g s g e s e tz r e v i s i o n erledigte heute nach dem Bericht des Abg. Dr. Glässing bic Arritel 154—202 des Gesetzentwurfs über die Städte- ordnu ug vorbehaltlich einer näheren Aussprache mit der Regierung über mehrere wichtigere Difserenzpunkte. Die Artikel behandeln die Vorschriften über die Verwaltung des siüdtischen Vermögens, den städtischen Voranschlag und die städtische Rechnung; ferner die Verwaltung und Verwendung des Vermögens von Stiftungen, dann die Beitreibung der Gemeindeeinkünfte, die besonderen Ausschläge, Gebühren und Abgaben. Die Vorschriften über die disziplinarische Bestrafung der städtischen Beamten, den Stadtrechner, den städtischen Voranschlag und die städtische Rech- 'nung haben eine neue Fassung erhalten im Sinne einer
Vereinfachung der staatlichen Tätigkeit und der städtischen Verwaltung. Hinsichtlich der städtischen Rechnung wurden die Anträge des Berichterstatters, Abg. Dr. Gläfirng, angenommen, die dieser im Februar d. I. zur Vet^insachung des städtischen Rechnungswesens gestellt Hatto, totem ad) kann angeordnet werden, daß die Stadtrechnung nur ote Rubriken: Summen der Einnahmen uni» Ausgaben, den Abschluß, den Nachweis über Vermögens- und «chulden- stand enthält und daß fernerhin mit Genehmigung der Aufsichtsbehörde auch die Rechnungsrevision unbeschadet des Revisionszweckes eine bedeutende Vereinfachung erfährt, xie Autonomie der Selbstverwaltung soll auch im Gebiete der indirekten Abgaben, der Ausschläge und Gebühren eine Haltung erfahren. In der morgigen Sitzung steht noch» die Einrichtung der Magistratsverfassung und tue staatliche Oberaufsicht über die städtische Verwaltung zur Beratung. Der Ausschuß hofft morgen die Beratung zu Ende fuhren und dann in der nächsten Woche in gemeinsamen Atzungen mit der Regierung die Difserenzpunkte erlebrgen zu tonnen.
Deutsches Reich.
Die „Deutsche Medizinische Wochenschrift" bringt beit folgenden authentischen Bericht über die Mr a n U) eit de s Kaisers: Der Kaiser bemerkte am Abend des 24. Mai auf der Rückreise von Vlissingen eine kleine S? a u t a d s ch ü r - f u n g an der radialen Seite des rechten .Handgelenks, wahr- scheinlich entstanden durch Reibung der Manschette. Die Umgebung zeigte einige Rötung und Schwellung, sofortiger sachgemäßer Pflege und Ruhehaltung entwickelte sich in den nächsten Tagen ein Furunkel von ansehnlicher Größe mit leichter Beteiligung der Lnmphbahnen des Armes, jedoch ohne wesentliche Störung des Allgemeinbefindens uno ohne Temperatursteigerung. Am 26. Mai wurde Geheimrat Professor Dr. Bier hinzugezogen, welcher am 28. Ttai unter lokaler Betäubung mit Chlorätyn den Furunkel öffnete. Vor diesem Tage wurde ein Eingriff nicht gemacht. Die entzündeten Erscheinungen gehen in der erwünschten Weise zurück, so daß über die Gutartigkeit des Verlaufes kern Zweifel besteht. Ter Kaiser ist außer Sott, .nimmt die Mahlzeiten in gewohnter Weise und geht an die Luft, muß sich jedoch in der Betätigung diejenigen Schranken auferlegen, die sich aus der Notwendigkeit ergeben, bic rechte Hand zu schonen. ,
2er KönigderBelgrer stattete am Mittwoch nachmittag dem Reichskanzler einen halbstündigen Besuch ab. . r f
Die Blätter melden aus Hagen in Westfalen: Am Mittwoch wurden wiederum 12 00 Gi e ß e r e i arb e i ter und Former entlassen, außerdem wurde 1100 Gießereiarbeitern gekündigt In den Steifen Hagen und Schwelm liegen sämtliche Gießereien still.
Aus Ulm wird gemeldet: Der Lordmayor von Birmingham ist in Begleitung von sieben Herren hier eingetrofsen. Er hat heute die städtischen Wohlfahrtsein- richtungen besichtigt.
Island.
Aus O fenpest wird über die Reichstags wallen gemeldet: Bis 91/- Uhr abends waren 157 Ergebnisse bekannt, darunter 102 Mitglieder der nationalen Arbeitspartei, 18 der .Kossuthpartei, 10 der Iusthpartei, 2 der klerikalen Volkspartei, 12 Parteilose 67 er, 4 Parteilose 48 er, 2 Demokraten und 3 Vertreter der Nationalitäten. In vier Wahlbezirken sind Stichwahlen nötig. Unter den Gewählten
Kriegsgetangen in Japan
Von WladimirSsernenowr.
Während Rußland kraftvoll an dem Wiederaufbau seiner Flotte arbeitet und auss neue eine achtunggebietende Stellung unter den Seemächten anstrebt, werden aus den Reihen ictner höheren Marineoffiziere schwere Anklagen gegen die jetzigen Leiter und das System der qcgeitiuärtigen Leitung der rusitschen Kriegsflotte erhoben. Der mit flammenden Worten, an der Hand von Tatsachen und Beweisen sich gegen die führenden Manner leme-5 Heimatlandes rnendet, ist tot — es ist der vor einigen ragen verstorbene russische Kapitän Wladimir öfcmcnolc. Als Fort- setzung imd Schluß seiner Kriegserlebnisse, deren beide ersten Bände „Raßplata" und „Die Schlackt bei Tsuschima" io große-.» Aufsehen erregt und weite Verbreitung gefunden haben, erlcheuü soeben her dritte Band unter dem Titel „U n s e r L o h ü (Berlin, E S Mittler u. Sohn). Ssemenow erzählt hier von seiner Gefangenschaft in Japan, von der Heimreise, dem Empfang in Rußland und von den russischen Unruhen. Wie ein schwermütiger Hauck von Trauer und Entsagung zieht es durch dieses Buch — es sind Worte der Verzweiflung und der Entmutigung, die ein Mann auäspricht, der durch seine Verwendung auf dem Geschwader vor Port Arthur unter Makarow und auf der Fahrt von Libatt bis Tsuschima mit dem Admiral Rojestwenski wohl Gelegenheit hatte, einen tiefen Einblick in das Gefüge der russischen Seemacht zu gewinnen.
Nack der unglücklichen Schlacht von Tsuschima war Ssemenow schwer verwundet in die Gefangenschaft der Japaner geraten. „Die beständige, argwöhnische Beaufsichtigung," so erzählt der Verfasser, „die die Japaner ausübten, wirkte niederdrnckend. ^n dem Lazarett, in dem mir untergebracht waren, befanden sich fünf Stabsoffiziere, 12 Subaltern Offiziere, Fähnriche und Deckosfiztere, zusamnieii 20 Mann, und alle lagen gememsam in eurem eaal. Das Hospital war durchaus nicht überfüllt, aber^dennoch wurden häufig japanische Gemeine zu uns gelegt. Nackts foimtc man ruckt schlafen, weil die Schwerverwundeten in ihren Fieberphantalien schrien und sprack/en. Am Tage schwatzten die Leichtverwundeten so viel, daß die Sckwerkranken, die eben vom Operationstych tarnen, nicht einen Augenblick Schlaf finden konnten. Wir wurden — ich sage es frei — wie die Verbrecher behandelt, wie Verbreck)er, die bic Regierung aus irgendwelchen geheimnisvollen Gründen nickt bestraft, sondern sogar gut behandeln läßt."
Nach der Ratifizierung des Friedensvertrages konnten die Gefangenen frei in ihren Aufenthaltsorten in Japan umhergehen. ,,Die Japaner," so berichtet Ssemenow, „haben uns mitgeteut, oer Posten vor dem Tempel, in dem wir bisher unterge6raü)t waren, werde von jetzt ab nur noch stehen, um die „früheren" Kriegs
gefangenen gegen eventuelle Angriffe der mit den Friedens- bedingungen unzufriedenen Massen zu schützen. Wir seien im übrigen gänzlich frei, würden aber gebeten, bei längeren Ausflügen außerhalb der Stadt die Aufsichtsbehörde zu benachrichtigen, damit diese, die für unsere Sicherheit verantwortlich sei, entsprechende Maßnahmen treffen könne. Unser japanischer Leutnant erschien bei mir und händigte mir mit strahlendem Gesicht cm Stückchen Papier von der Form einer großen Visitenkarte aus. Aus ihr stand in japanischer Sprache, ein gewisser X irnem Vor- unb Zuname) habe die Erlaicknis, nach seinem Belieben Tret umherzugehen. Das ganze war unterschrieben und abgestempelt unb stellte eine Art Legitimationskarte vor. Ich dankte und wollte mein Recht sofort benutzen, mußte aber die Erfahrung machen, daß unsere Vorgesetzten uns noch eine Schwierigkeit in ben Weg gelegt hatten. Wenn man ausging, sollte man nämlich die Karte dem Gendarmerie-Unteroffizier vorzeigen und ihm mit- teilen, wann man zurückkommen wolle. Fiel diese Zeit nach Sonnenuntergang, so mußte man die Erlaicknis des Kommandanten der Garnison einholen. Das Recht, sie zu erteilen, hatte dieser natürlich dem Major, der Major dem Leutnant, und der Leutnant dem Gendarmerie-Unteroffizier übertragen., Man mutzte sich dann von dem Unteroffizier allerlei Fragen gefallen lauen, weshalb man erst so spät zurückkehren wolle, wo man die Zeit zu bleiben beabsichtige und so weiter.
Natürlich verzichtete ich aus meinen Spaziergang. Ich rief ben japanischen Leutnant und gab ihm meine Karte zurück. Dabei erklärte ick ihm, baß es sich nach unfern Begriffen für einen Stabsoffizier nicht schicke, einen im Range unter ihm ftehenben Mann um die Erlaubnis zum längeren Ausbleiben zu bitten. Ich möchte mich nicht der Gefahr einer abschlägigen Antwort aussetzen, wenn sie von dem Gutdünken eines Unteroffiziers abhängig gemacht sei. Ein beratiger Fall passierte noch an demselben Tage. „Weshalb wollen Sie erst um zehn Uhr zurückkommen ?" fragte der Gendarm einen russischen Offizier. „Ich will im .Hotel essen und Billard spielen," antwortete der nicht sehr empfindliche Russe. „Dazu haben Sie bis 9 Uhr genug 3eit! Ich schreibe 9 Uhr!"
Auf dem Handelsschiffe, auf dem der Rücktransfwrt der gefangenen Russen nach dem Ausgangspunkt der sibirischen Eisenbahn erfolgte, ereigneten sich schwere Unruhen und Disziplinlosigkeiten unter den Mannschaften. Während der Abendmahlzeit entstaub unter der Mannschaft Lärm aus Unzufriedenheit über bas Essen. Einer der Leute, kletterte auf ein Gestell und hielt eine Brandrede. Sein Thema lautete: „Die Herrn Offiziere tun nichts, als daß sie uns Bauern bestehlen. Sie halten unfern Schweiß unb unser Blut für nichts wert."
Die Sache wurde beigelegt, die Rädelsführer aber gaben ihre Sache iroch nicht verloren. Ein Unteroffizier eines Eisen-
bahnbataillons kam auf die Brücke unb sprach als Bevollmächtigter „aller" mit dem Kapitän über den soeben erledigten Vorfall: Er fragte unter anberm: „Für ben Unterhalt jedes Soldaten werden jährlich 600 Rubel ausgeworfen. Bezahlt merben aber nur 50. Wer stiehlt bic übrigen 550?" Man sah, daß der Mann eine eingelernte Phrase herunterplapperte unb sich gar nicht Rechenschaft über sie ablcgtc. Ssemenow ist nun der Ansicht, baß die revolutionäre Propaganda unter ben Kriegsgefangenen von den Japanern in jeder Art und Weise protegiert worden war.
„Als wir," erzählt Ssemenow weiter, „in Petersburg ein- ttafen, wurde es uns klar, daß man uns ganz anders aufnahm, als damals in der Garnison von Wladüvostok, als wir von dem zerstörten Geschwader von Port Arthur dahin gekommen waren. Hier hatte man keine Ahnung, was es heißt, sein Blut für das Vaterland zu vergießen und behandelte uns dementsprechcnb. Die Feinde des Admirals Rojestwcnskh in Petersburg merkten, daß er das Fortfahren in dem alten Schlendrian für ein bewußtes Verbrechen hielt, daß er sich daran machen wollte, keinen Stein mehr auf dem andern zu lassen. Sofort bildete sich eine mächtige Koalition gegen ihn. Es war eine Koalition der Leute, die die Vkarine von jeher für eine Domäne gehalten haben, die eigens für ihre Versorgung geschaffen ist."
Die kriegsgefangen gewesenen Seeoffiziere wurden vor ein Kriegsgericht gestellt. „In bezug auf den Ausfall des richterlichen Spruches war ich," schreibt Ssemenow, „ganz ruhig." Kein Gericht der Welt konnte gegen ben Beweis der Wahrheit urteilen. Aber die Tatsache, daß ich vor ein Gericht gestellt wurde, schien mir rätselhaft. Ich dachte an die ersten Tage im lavanischen Hospital, wo ick jeden Augenblick meinte, die Japaner würden mich vor ein Gericht schleppen. Dann malte ich mir aus, wie es geworden wäre, wenn das russische Gericht schon im vorigen Jahre stattgefunden hätte. Man hätte uns bann auf blutbefleckten Tragbahren in ben Sitzungssaal bringen und auf die Anklagebank legen müssen. An dies und mancherlei airderes habe ich denken müssen. Und plötzlich schrie es in mir auf: „Haden wir deshalb unser Blut für das Vaterland vergossen? Ist. bas unser Lohn?"
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— Der 1000. Student in Greifswald. Die alten , gleichzeitig aber auch kleinste preußische Universität hat endlich wieder einmal die runde Zahl an Musensöhnen erreicht. Bereits vor vier Semestern — im Sommersemester fühlen sich erfahrungsgemäß mehr Wissensdurstige von der dortigen alma mater angetotft als im Winter, sollte die Sehnsucht nach dem kühlen Ostseestrande eine Art Badestudenten erzeugen? — war die Immadrikulations - ziffer beinahe auf diese Höhe gebracht worden. Große Empfangs- Vorbereitungen erwarteten damals schon den heißersehnten Tausendsten. Aber durch nichts ließ er sich heranlotjen, setzst Astht


