Ausgabe 
14.6.1910 Erstes Blatt
 
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gegenstand wird bekanntlich die Regierungsvorlage über die Gemeindeumlagenreform bilden, mit welcher ebenfalls eine größere Anzahl von Drucksachen zur Erledi­gung gelangt.

Deutsches Reich.

Die Einnahme des Reichs an Zöllen int Mai betrug 46Va Millionen Mark. Für die Zeit vom 1. April bis Ende Mai stellt sich die Solleinnahme auf 91 Millionen Mark, das heißt 2/2 Millionen weniger als in den entsprechenden beiden Monaten des Jahres 1909. Gegen den Voranschlag für das Rechnungsjahr 1910 bleibt (i>ie Solleinnahme für April und Mai 1910 etwa 14 Millionen zurück.

Zu dem Friedcnsschluß im Baugewerbe scheint es, als ob nur in einer kleineren Zahl von Orteni eine Verständigung zwischen den Arbeitgebern und den Arbeiterorganisationen über die Ortsverträge zustande kom­men wird. Wenn eine Verständigung nicht zustande kommt, dann dürfte das Schiedsgericht von der nächsten Woche abinmehralslOOO Fäll enzuentscheiden haben.

Aus Swincmünde wird gemeldet: Der bei der Hauptwahl als freisinniger Kandidat im Del brück scheu Wahlkreise durchgefallene Justizrat Herrendoefer emp­fahl in einer freisinnigen Versammlung für die Stichwahl die Unterstützung des Konservativen von Böhlendorfs. Die Mehrheit vertrat die Ansicht, daß der Sozialist Kuntze dasrleinere Ueb-el" sei.

Aus Straßburg wird berichtet: Unter dem Vorsitz des Statthalters fand am 13. d. M. zwischen dem Staufs- seckretär Dr. Delbrück und den Mitgliedern der el s a ß - l o t h r i n g i s ch c n R e gi c r u n g eine a ch t stü n - dige Beratung statt, die fortgesetzt werden soll. Die Teilnehmer beobachteten bis jetzt über das Ergebnis strenges Stillschweigen. Abends fand im Statthalterpalais ein Essen statt, zu welchem außer Staatssekretär Dr. Delbrück und Vertretern der Regierung auch Abgeordnete der verschie­denen Parteien des Landesausschusses geladen sind, darunter der Präsident des Landesausschusses v. Jaanez und der Reichstagsabgcordnete Vonderscheer.

Ausland.

Im ö st e r r e i ch i s ch e n A b g e o r d n e t e n h a u s sagte bei der Besprechung der Frage der italienischen Rechts-. fakultät der M i n i st e r p r ä s i d e n t, daß die überwiegende Mehrheit des Hauses von der Ueberzeugung erfüllt sei, daß den Ansprüchen der Italiener die Erfüllung nicht länger vorenthalten werden dürfe. Zur Nationalitäten­frage erklärte der Redner, daß die Schlichtung des Streites in Böhmen beginnen müsse, wo der Boden dafür am besten vorbereitet sei. Tie Regierung habe daher eine Einladung zu einer vorläufigen Be­sprechung de r böhmischen Frage erlassen., von der sie sich nach dem zustimmenden Beschlüsse der Mehr­zahl der beteiligten Parteien wertvolle Anhaltspunkte für die Friedensattion versprach. Leider habe die' böhmische Partei, die früher stets am wärmsten für eine Verständigung eingetreten fei, beschlossen, die Lösung der Sprachenfrage auf einem anderen Wege anzustreben und sich an den gegen­wärtigen Besprechungen nicht zu beteiligen. Der Minister beklage dies auf das tiefste, gebe aber nicht die Hoffnung auf, daß es wenigstens zu unverbindlichen Besprechungen lommen werde. Sollte diese Methode nicht zu einem Ziel «führen, dann freilich müßte man es auf andere Weise zu erreichen suchen. Kommt eine Annäherung einmal zustande, schloß der Minister, und sie muß zustande kommen, dann ist der Zusammenschluß aller großen nationalen Parteien zu gemeinsamer Arbeit auf kulturellem und wirtschaftlichem .Gebiete gesichert, bann wird das Haus die Kraft und die Verantwortungsfreudigkeit zur Lösung der schwierigsten Auf­gaben finden, sodann wurde die Hauptaussprache über bas Budget geschlossen.

Wie bas Reutersche Bureau erfährt, ist der englischen Regierung seitens der französischen Regierung der Vor­schlag gemacht worden, über die K'retafrage in Lon­don eine Konferenz abzuhalten. Der Vorschlag wurde gegenwärtig von der englischen Regierung erwogen.

Aus Serajewo wird gemeldet: .Der Kaiser er­nannte Ali Bal) Firdus (Muselman) zum Präsidenten, Vejislav Sela (^erbe) und Dr. Nykola Monbie (Kroate) zu Vizepräsidenten bes bosnisch-herzegowi­nischen. Landtages.

25jährige Jubelfeier des Mnnerturnvererns.

X Gießen, 14. Juni.

Der Montag war der Jugend gewidmet. Um U/2 Uhr sam­melten sich die Schüler aus Oswaldsgarten, und im Verein mit dem M. T. V. ging es durch die Stadt nach dem Festplatz. Der Festpräsident Rechtsanwalt Kaufmann hielt an die jugendlichen Wettkämpfer eine Ansprache, woraus die 320 Schüler, die im Alter von 918 Jahren standen, zu den Freiübungen antraten. Diese boten schon ein gutes Zeugnis dafür, daß unter der Gießener Jugend das Turnen aus der Höhe steht und eifrig gepflegt wird. Besonders die Turnlehrer können mit den Leistungen des Nach­mittags zufrieden sein. Die Freiübungen leitete 1. Turnwart Weiß. Tas sich anschließende Einzelwctturnen bestand in Wett­lauf über 100 Meter, Frcihochsprung, Weitsprung, Steinstoßen und Freiübungen. Professor Dr. Krausmüller hatte die Oberleitung. Es war erstaunlich, was die Schüler leisteten, so wurde von mehreren der 100 Meter-Lauf in 12 Sekunden zurüä- gelegt, im Freihoch wurden bft 1,65 Meter, im Weitsprung bis 5,50 Meter erreicht. Der Turnplatz war den ganzen Nachmittag von Hunderten der Eltern und Angehörigen der Schüler be­lagert. Ohne jeglichen Unfall ging alles von stallen. Die Fest- Halle war zuerst recht leer, erst gegen 6 Uhr, als die Radfahrer und die Frauenabteilung ihre Reigen zur Aufführung brachten, füllte sie sich. Infolge der zahlreichen Beteiligung am Wett- tumen war es erst nach! 9 Uhr möglich, die Preisverteilung zu beginnen. Professor Tr. Krausmüller betonte, daß die Leistungen die Erwartungen bei weitem übertroffen hätten. Das Schülerwetturnen solle in späteren Jahren wiederholt werden, um bei der Jugend schon das Interesse für das Turnen zu Wecken. Tie Ansprache wurde wiederholt von fröhlichem Beifall der Jugend unterbrochen, die vor dem Musiktempel aufgestellt war. Tie drei ersten Preisträger in jeder der drei Stufen (Ober-, Mittel­und Unterstufe) erhielten noch besonders einen Eichenkranz, alle Preisträger bekamen eine Ehrenurkunde und eine Denkmünze. Bei der Auskämpsung um den Jahnschild siegten die Turner der Unterstufe von der Ober-Realschule mit einer Gesamtpunktzahl von 985 Punkten. Der Festpräfident hob diesen Sieg um den Jahnschild ganL besonders hervor. Oberlehrer Weber übernahm für die Oberrealschule den Jahnschild und brachte ein Gut Heil auf den M. T. V. aus. Tann folgte die Preisverteilung:

I. Oberstufe (1618 Jahre alt) :

1 . Preis 88 Punkte A. Holschuh, 2. 87 Willy Reuß, 3. 86 Gg. Krauskopf, E. Koch, 4. 84y» Alb. Schmidt, 5. 84 Otto Lehr, W. Frohnhäuser, 6. 83y2 W. Schulte, 7. 80 E. Töpfer, 8. 79 Hch. Spitznagel, 9. 77»/° W. Dürbeck, 10. 761,3 F. Freund,

A. Hahn/ 11. 76 W. Kopp, 12. ,75i/5' Ernst Scbürmann, 13. 741/2 H. Bene, 14. 74 H. Rau, O. Wvchow, 15. 73 E. Höxter^ 16. 72i E. Himmler, 17. 7iy2 W. Schmidt, Fricdr. Schauß, Kl. Nickel, 18. 71 Ed. Hoffmann, 19. 70y2 Jakob Räder, Hans Happel, 20. 70 Walth. Schäfer, 21. 67> 2 Ernst Christ, Ä.Erb, W. Hold, 22. 66'° I. Breitstadt, 23. 66 Willi Tröste, 24. 65y2 Hch. Areularius, 25. 63/2 Friedr. Schmidt, 26. 61 Wilh. Fahz, 27. 60»/° Karl Zülch, 28. 57 Wilhelm Horn, 29. 54 August Weber.

II. Mittelstufe (1416 Jahre alt):

1. Preis 891/2 Punkte Wilh. Lahr, Fcrd. Schott, 2. 89 Ludw. Schadeck, 3. 88 Adolf Jaeger, 4. 85y2 Max Spengler, 5. 84 Ernst Geitz, 6. 831/2 Hch. Kempf, Adolf Docrmer, 7. 83 Ludw. Kröck, 8. 821/° Erwin Jen sch, 9. 82 Paul Güngerich, 10. 81 Fritz Sauer, Hch. Euler, 11. 80y2 Wilh. Engelhardt, 12. 791/2 Walter Welsch, 13. 76L/° Eduard Krombach, 14. 76 Hans Schenk, 15. 74y2 Lldolf Bierau, 16. 73 Hans Körcs, Hch. Grünewald, 17. 71»/° Rudolf Fourier, 18. 71 Franz Bauer, 19. 70 Rudolf Görlach, 20. 691/2 Peter Becker, Aug. Mattern, Hch. Lohr, 21. 67 Karl Zimmer, 22. 66 Hans Becker, 23. 65 Otto Grümer, 24. 64 Alexander Persin, Hch. Wack, 25. 631/2 Rudolf Werner, 26. 62 Konrad Ploch, Theodor Haas, 27. 58 »/2 Walter Jung, 28. 58 Arthur Struck, 29. 56 Theodor Zimmer, 30. 551/2 Ernst Wiegelmann, 31. 55 Albert Kreiling, 32 544ä° Hch. Luft, 33. 53 Herrn. Kloos, Aug. Noll, 34. 521/2 Rud. Peppler, 35. 49 Karl Schäfer, 36. 48»/2 Ludw. .Schlaudraff.

III. Unterstufe (914 Jahre alt):

1. Preis 90 Punkte K. Kröck, 2. 89V2 Otto Allmendinger, 3. 88 G. Kutzner, Alb. Gerhardt, 4. 8712 Reinh. Schulte, 5. 861/» Fritz Wacker, 6. 86 W. Bruttelier, S. Eck, 7. 85 W. Arnold, 8. 83 Fr. Schwalm, K. Frey, 9. 82»/2 Hch. Nikolaus, Br. Fix, 10. 82 Rud. Mitt, 11. 81 W. Bimbach, Hch. Urbach, 12. 80 Wilh. Marker, 13. 791° K. Graushaar, 14. 79 Ph. Eck­hardt, 15. 781,2 Frz. Kurz, 16. 78 Ernst Grein, Wilh. Liß- mann. Kl. Strack, 17. 771/2 Pl. Mannfeld, 18. 77 K. Guhnd, K. Blick, 19. 761,2 H. Frohnhäuser, 20. 76 Albert Jung, H. Wagner, Gg. Heiner, Kl. Dehn, Kl. Kuhl, Alb. Weinberg, W. Flamme, Hans Gerhardt, Bernh. Marx, 21. 75 Kl. Balser, Kl. Volpert, W. Führer, Jak. Siegel, H. Klingelmeier, 22. 741/2 Fr. Köhler, 23. 74 Kl. Euler, .Ad. Biedcnkapp, 24. 73'/° Kl. Philipp, 25. 73 Ad. Möhl, 26. 72y2 Kl. Hergett, 27. 72 Gg. Stern, Br. Christ, Hans Sommerkorn, 28. 7iy2 Kl. Nagel, W. Reinhart, Hch. Otto, W. Gemmecker, Fr. Baumann, 29. 71 Hch. Besold, K. Zöller, Rud. Köhler, Alb. Müller, W. Margolf, Hans Möhn, Ludw. Römer, 30. 70y2 Kl. Klotz, 31. 70 Fr. Kalesky, Kl. Lachmann, H. Roth, Alfr. Weifsenbach, Hs. Hauser, W. Zuliani, 32 691/2 Hch. Rausch, Ludw. Günther, 33. 69 Kl. Leißler, W. Schlapp, W. Schaaf, Kl. Sann, Fritz Berg, Hs. Aßmann, Pl. Breuning, Ad. Waldschmidt, 34. 68/2 Phil. Weber, 35. 68 Kl. Albert, Rud. Dietrich, Andr. Kühne, Hch. Weller, Hch. Burkhardt, Kl. Pfeil, 36. 67i/° Herrn. Röhm, Ph. Fleck, 37. 67 Otto Neun, Nestor Rühl, Jak. Schmidt, Gottl. Nowack, Wilh. Müller, 38. 66'/2 Wolfgang Dörnberg. 39. 66 Otto Hof, K. Taab, Ernst Schneider, 40. 65y2 Rud. Lang, 41. 65 Ludw. Töth, Ludw. Vorbach, Hch. Ludwig, Herm. Treb- binger, Will). Heimes, 42. 64y2 Alf. Hermann, Hch. Mönche, Ed. Wöll, Neining, 43. 64 Aug. Wagner, Gg. Pfaff, Otto Sackse, Hel. Müller, 44. 63'/2 Alb. Schneider, 45. 63 Rud. Dahmer, Wilh. Döring, Fritz Zimmer, Fr. Bickhardt, 46. 62y2 Ludw. Weimer, Fr. Wellhöfer, Th. Simon, Eug. Strack, W. Stehling, Gg. Amend, 47. 62 K. Lauer, Will). Anton, Paul Herber, 48. 6iy2 Fr. Will, Frz. Stamm, Walter Scholz, Ernst Greb, K. Schäfer, 49. 61 K. Braun, Rich. Köhler, Adam Boden­bänder, Willi Schenk, Ludw. Wildenberg, Otto Köhler, Fr. Laun- spach, 50. 601/° K. Klingler, 51. 60 Aug. Kling, Rud. Helm, Hch. Greb, Hs. Neuenhagen, 52. 59'/° W. Borger, Gust. Schenk, Emil Krämer, Hch. Müller, Val, Grothe, Gg. Amendt, 53. 59 Herrn. Kersten, K. Schmidt, Hans Schmitz, 54. 58'/° Hch. Lich, 55. 58 Otto Bender, Wilh. Kern, Herm. Haubach, Kurt Hansult, 56. 571/2 Hch. Wagner, Hs. Bauer, 57. 57 Frz. Ritsert, Arthur Sack, Jul. Güngerich, Wilh. Rahnefeld, Wilh. Allendorf, Ernst Hempel, 58. 56y2 Otto Schlemm, Aug. Fechter, Hch. Theiß, Herrn. Klös, 59. 56 Th. Müller, Arnold Raßmann, 60. 55y2 Rud. Fischer, 61. 55 Fr. Konrad, Fel. Weiß, 91 ob. Eise, 62. 541/2 Ad. Schwan, Kl. Herzberger, W. Heiner, Gerh. Bötz, 63. 54 Jul. Schmitz, Kl. Vogel, Kl. Renk, 64. 53y2 Will). Körber, Kl. Germann, Phil. Schick, 65. 53 Emil Krüger, Th. Dietrich, 66. 52 Otto Männche, Kl. Lindenstruth, O. Biedenkopf, 67. 51 Fritz Schmitz, Hch. Appel, Rich. Arnold, 68. 50/° Wilh. Kleber, 69. 50 Ernst Baum, 70. 48. Hugo Rühl, 71. 47y2 Arthur Koch, 72. 46i/° Kl. Hammel, 73. 45y2 Ludw. Bernhardt, Ad. Deibel.

Nach der Preisverteilung verliefen sich die Massen rasch, die Jugend eilte beglückt nach Hause, die Erwachsenen nach der Festhalle, um nochmals das F e st s p i e l zu 'sehen.

Der Ausschutz zu Laubach.

r. Laubach, 13. Juni.

So rasch und rücksichtslos die moderne Zeit über Ver­altetes oder Althergebrachtes wegschreitet, hier dem Volke in Laubach hat die moderne Zeit sein Ausschußfest nicht geraubt. Nachdem zuzeiten des 30jährigen Krieges unter den damaligen traurigen Verhältnissen das echte Ausschuß- fest viel eingebüßt hatte, ja völlig verschwunden war, wird diese Feier seit 1844 wieder regelmäßig gehalten. Ihr Jr> halt ist kurz folgender: Sonntags findet auf der sog .Helle" ein allgemeines Volksfest statt. Während der Nacht spielt die Musik vor den einzelnen Häusern ein Ständchen auf, wohl oft nicht zur Freude der Ruhebedürftigen. Früh am Morgen schon wird es im Städtchen lebendig; junge Mäd­chen und Schulkinder sammeln sich im Feststaat. In den einzelnen Lokalen versammeln sich die Schießsektionen, um ihre Führer zu erwarten. Die Führer haben sich um den Hauptmann versammelt und bald darauf rückt die Führer­schaft mit dem Hauptmann zum Schützenhaus. Während- oessen hat sich am Marktplatz ein Festzug der Schützen und Korporationen aufgestellt, der sich nach dem Eintreffen der Führer mit dem Hauptmann in der Mitte und mit den Gabenträgern zum Schloß bewegt. Dort ist der vom Grafen als Ehrenpreis gesttstete schwarze Hammel, mit Blumen und Bändern geschmückt, entgegenzuneymen, der Hauptmann hält eine Ansprache an das gräfliche Haus und ladet zum Besuche des Festes ein. Die Wahl des Hauptmanns und der Sektionsführer erfolgt Wochen vorher, dabei spielt die Fähigkeit der Betreffenden, am Fest ein Fäßchen zum Besten zu geben, eine gewisse Rolle. Diesmal war Restaurateur Boehm Hauptmann. Er begrüßte am Schloß die gräflichen Herrschaften, worauf Graf Wilhelm dankte:Tas Aus­schußfest ist nicht zu vergleichen mit alten Bauten, die unter Denkmalsschutz gestellt werden, sondern der Ausschuß ist mit Liebe uni) Hingebung fest im Laubacher Volke ein­gewurzelt und wird sich erhalten bis in ferne Zeiten." Unter der Versicherung, daß die alten guten Beziehungen des Grafenhauses zur Stadt auch ferner bestehen bleiben werden, galt sein Hoch der Stadt Laubach,. Unter dem K'lange zweier Musikkapellen bewegte sich hierauf der Festzug zurHelle", woselbst sich alsbald unter dem Schatten oielhundertjähriger Linden ein echtes deutsches Volksfest entwickelte. Es sind feine großen Einladungen nötig, derAusschuß" wird doch besucht. Sehr bald geht die Schießerei los und auch die Grafen lassen es sich nicht nehmen, ihren Ehrenschuß zu tun. In den Zelten erschallen hier und da die Hochs auf die Sektionsführer, Bierfässer stehen auf den Tischen. Am 'Nachmittag wächst die Spannung am Gabenstand und es wird auch bald bekannt, tuer als Hammelschütze in Betracht kommt. Gewöhnlich bleibt dem Sieger nur die Wolle übrig. Konzert, Tanz, uni) allerlei Belustigung sorgen für Unterhaltung bis

spät zur Nacht. Am Dienstag ist Markt, mittags volks­tümliche Unterhättung, besonders für die Jugend, mit Lauf­balken, Hahnenschlag usw. Ter beste Schütze hat die Kette bekommen, einen Wanderpreis, gestiftet vom gräflichem Hause. Er trägt sie auch im nächsten Jahr zu Beginn des Festes, bis ihm ein anderer den Rang streitig macht.

Aus Stafct und Land.

Gießen, 14. Juni 1910.

* * Tageskalender kür Dienstag, 14. Juni. Stadt- theater: ,Frühling 2 luff. Anfang 8 Uhr.

Ordensverleihung. Der Großherzog hat dem Hofpianisten Emeric 0. Stefaniei) in Darmstadt das Ritter­kreuz 2. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen.

* * Titelverleihung. Der Groß he rzog hat dem Amtsrichter bei dem Amtsgericht Fürth Friedr. Bickel Haupt den Charakter als Amtsgerichtsrat erteilt.

Bestätigte Bürgermeisterwahl. Der Groß­herzog hat der am 27. Mai erfolgten Wiederwahl des Oberbürgermeisters Köhler in Worms zum Bürgermeister der Stadt Worms auf Lebenszeit die Bestätigung erteilt.

Erfolge der deutschen Landwirtschaft. Bei der am 3. Juni in Buenos Ayres eröffneten Tierschau erhielten 21 deutsche Pferde 18 Preise, davon 3 goldene/ und 5 deutsche Rinder 5 Preise.

* * Stadttheater. Nochmals sei auf die heutige Aufführung vonFrühlingsluft" hingewiesen. Die reizend- melodwse Operette hat gestern abend am Nauheimer KUr- theater einen durchschlagenden Erfolg errungen. Namentlich Frl. Brill, die ja auch hier sehr beliebt ist, glänzte als! jganni" und mußte fast jede ihrer 9himmern wiederholen.

X. Büdingen, 13. Juni. Zn dem Konkurse über das Vermögen der Bankfirma Max Wertheimer & Co. hier ist mitzutellen, daß die Differenzen zwischen der Konkursverwaltung und den Inhabern der Hessen-Philipps-, thaler Obligationen erledigt sind. Von den seinerzeit aus- gegebenen 150 Obligationen sind 139 gegen Zahlung von je 500 Mark eingelöst worden, lieber die Frage, ob die in der Masse liegenden Ober-Mockstädter Hypotheken heraus-, zugeben sind, ist noch ein Prozeß anhängig.

** Straßenbahn und Turnfest. Das Turnfest hat der Straßenbahn am Sonntag eine außerordentlich starke Einnahme gebracht. Am Sonntag mürben 11 573 Personen, am Montag 8700 und am SamStag 5622 Personen beför­dert, zusammen also an den drei Tagen des Festes rund 26 000. Der Sonntag war der beste Tag, den unsere Straßenbahn bis jetzt hatte, und übertraf dieser den Eröff­nungstag um etwa 2300 Personen.

** Der Israelitische Lehrerverein für Hessen hält am Sonntag den 26. d. M. in Frankfurt a. M. seine Jahresversammlung ab. Außer der Er­ledigung geschäftlicher Angelegenheiten wird der Schulver­walter Grünebaum-.Gießen einen Vortrag über das VerbandsthemaNutzen und Bedeutung des biblischen Un­terrichts in der Religionsschule" halten. (Es ist bedauerlich, daß rein hessische Vereinigungen ihre Versamm­lungen in Frankfurt a. M. und nicht auf hessischem Boden abyalten. Man könnte doch ebenso bequem nach Offenbach oder Friedberg gehen, wenn man beraten will)

* Der Unterricht in der Volksschule fiel gestern zum Erstaunen vieler Eltern aus. Man nahm näm­lich vielfach an, der blaue Montag sei aus Anlaß des Turn­festes gemacht worden. Diese Annahme ist aber irrtüm­lich. Die Buben und Mädchen konnten zu Haus bleiben,, weil der Schulinspektor die Lehrer zu einer Konferenz eingeladen hatte.

* * Achtung vor Hausdieben. In einem Hause in der Friedrichstraße legte heule morgen eine im 3. Stockwerk wohnende Frau ein Zweimarkstück vor die Tür, das für den Milchmann bestimmt war. Kürze Zeit darauf war das Geldstück verschwunden. Vor den Brauch, das Geld für die Morgenbrötchen ober die Milch auf diese Art zu zahlen, sei ausdrücklich gewarnt.

* * Unfug. An der Ecke der Wolfstraße und der Kaiser- Allee wurde heute nacht ein wertvolles Firmenschild durch einen Stockhieb so beschädigt, daß es für den Besitzer wertlos ist. Der rohe Täter ließ nach vollbrachter Heldentat seinen Stock am Tatort, zurück.

D ie Maul- und Klauenseuche ist au§gc-: broch en in Schwibdern, Kreis Johannisburg, RegierungS- bezirk Allenstein.

l. Garbenteich, 13. Juni. Wie sehr bei uns die Sangeskunst gepflegt wird, geht daraus hervor, daß unsere drei Gesangvereine dieses Jahr wieder auf Gesangwettstteiten Preise errungen haben. Der Gesangverein Viktoria erhielt in Heldenbergen bei dem Gesangmettstreit in Klasse 2 a den 2. Preis: der Gesangverein Frohsinn kürzlich in Großen-Linden in Klasse 2 den 2. Preis und der Gesangverein Liederblüte in Großen-Linden in Klasse 3 den 2. Preis.

= Dorf-Gill, 13. Juni. Einen großen Genuß bot das gestrige Gesangsfest bes Kreises Gießen des .Christ­lichen Sängerbundes deutscher Zunge-. Dieses Fest lieferte wieder den Beweis, baß unser Volk für berartige Ver­anstaltungen Verstänbnis hat. Von nah und fern kamen die Besucher herbei und lauschten drei Stunden lang den An- prachen und Gesangsoorträgen. Ter Ton, der durch die Ansprachen und Lieder hindurchklang, mar das Lob Gottes und die Bitte an die Zuhörer, ihr Leben Gott zu weihen. Erschienen waren etwa 300 Sänger und ein Posaunenchor von 60 Mann. Es dürften etwa -2000 Menschen an dem Feste teilgenommen haben.

= Grünberg, 13. Juni. Die Bau arbeiten auf dem Fest­platz für das Gauturnfest, derKäswiese", wo alljährlich int Oktober der weit bekannte Gallusmarkt abgehalten wird, haben begonnen und schreiten zusehends vorwärts. Ter Haupteingang befindet sich an der Gießener Straße, zur Rechten des Eingangs ist ein großer Rasen als Juxplatz für Volksbelustigungen und Schaustellungen aller Art vorgesehen, geradeaus gelangen wir durch kunstvolle Baum- und Garten-Anlagen zu dem der Turnerei gewidmeten Schauplatz, der sich in gewaltiger Ausdehnung den Wirtschaftszclten, Tanzböden und Schaubuden und dem Musrk- tempel vorlagert. J2ie Bauten gruppieren sich in Form eines nach dem Turnplätze ^offenen Hufeisens und bieten bequem für über 3000 Zuschauer Sitzplätze. Der Bauausschuß, an dessen Spitze Forstmeister Schneider steht, wird dem Feste einen würdigen Raum schaffen, der allen Wünschen und Bedürfttissen der Be­sucher gerecht werden wird. Bis jetzt sind 70 Musterriegen gemeldet (darunter drei Fechttiegen unb zwei Damenriegen', eine recht hohe Zahl. Auch die Meldungen zum Einzelwetturnen gehen recht zahlreich ein. Bezüglich der Bahnverbindung fei noch­mals darauf aufmerksam gemacht, daß am Festsountag (3. Juli) der Zug dec Nebenbahn LichGrünberg in Lich 92u abgeht anschließend an den um 9 in Lich cintrcffenben Niddaer Zug. Außerdem ist auf dieser Strecke ein Sonderzug eingelegt: Lich ab 11", Grünberg an ungefähr 12"; dieser hat ebenfalls An­schluß an den Zug von Nidda, der um II34 in Lich eintrifft. j