Ausgabe 
11.11.1910 Erstes Blatt
 
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v H omb er gk, GeyeMrai Tr. Befk vmn Mm'sterkurn M ßnitern und Geheimrat Wilh. Best vom Justizministerium, ab, <m welcher eine allgemeine Beratung über die Regierungsvorlage, die VerwaltungsrechtSptlege betreffend, statt^and.

Ter Ausschuß hielt es für zweckmäßig, nicht erst nach Durch- b'eratima dieser Vorlage, sondern gleich zu Beginn der Beratung dieMuftarn der Regierung über die hauptsächlichsten Punkte dieser Gesetzesmaterie zu hören und dadurch möglichst zur Ver­einfachung und Beschleunigung der Ausschutzberatung beizutragen. Ter Gesetzentwurf will bekanntlich eine genauere Abgrenzung des Gebiets der Verwaltungsrechtsvilege von demjenigen der eigent­lichen Verwaltung herbeiführen. Tie VerwaltungsrechtSpflege um» faßt im Gegensatz zu den in der KreiS- und Provinzialordnung zu behandelnden Verwaltungsbeschlntzsachen alle Verwaltungsstreit- 'sachen., b. h. alle im VerwaltungSstreitversahren zu erledigenden Streitigkeiten. Im Derwaltungsstreitverfahren sind alle zur Zu­ständigkeit der Verwaltungsbehörden gehörenden RechtSstreitig- keiten, sowie die übrigen, ihnen zugewiesenen Streitigkeiten zu erledigen, bei denen mehrere Beteiligte sich als Parteien gegenüber- steben. Weiter sind auch im Verwgltungsstreitversahr"n diejenigen Fälle zu erledigen, bei denen es streitig ist, ob eine Verwaltungs­behörde oder em Organ der Selbstverwaltung durch Richt- oder tunrichtige Anwendung des Gesetzes die berechtigten Int eres seil eines Dritten verletzt hat.

Tie wichtigste Abänderung in der Vorlage gegenüber der jetzigen Rechtslage besteht nun darin, datz in Zukunft nicht mehr jdaS Ministerium deS Innern, sondern der Verwaltungs- Gerichtshof die entscl^eidende Instanz sein soll. In Art. 2 der Vorlage werden als Verwaltungsgerichte 1. die ssreisauS- schüsse, 2. die ProvinzialauSschüsse und 3. der Verwoltungs- Gerichtshof bestimmt. Rach der neuen Vorlage wird also daS Ministerium des Innern als Verwaltungsgericht in Wegfall körn gnen. An seine Stelle tritt der Derwaltungsgerichtshof und zwar in Fällen, in denen das Ministerium zurzeit in der weiteren Rekursinstanz zu entscheiden hat, als Revisionsgericht, in Fällen, in denen es als Rekursinstanz zuständig ist, als Berufungsgericht.

Tiefe Abänderung in der VerwaltungsrechtSpflege bezeichnete in der heutigen Ausschutzsihung der Berichterstatter für die Vor­lage, Geh. Justizrat Tr. Gut fleisch, als eine sehr wesentliche !und erfreuliche Verbesserung. Er stellte sich auch im übrigen ^rimdlätzlich mif den Grirndaedankeu der Vorlage, äußerte aber Bedenken darüber, ob er nicht die für daS Publikum erwachsenden Kosten sich ziemlich hoch stellen würden und ersuchte das Mini­sterium um nähere Ermittlungen darüber, die der anwesende Minister auch zusagte.

Geheim erat Best anrg dann auf einzelne vonr D-rich^erstatter aufgeworsene Frage näher ein. Bei der morgen stattfindenden iFortsetzung der Beratung soll besonders die Frage des Jnstanzen- zuges bei Konzessionen erörtert werden. Es soll vor allem in /Zukunft darauf bingewirkt werden, datz die verschiedenartigen Ent- sscheidungen z. B. bei Wirtschaftskonzessionen unmöglich gemacht iimb eine einheitliche Beurteilung in den verschiedenen Instanzen bewirkt wird.

Deutsches Reich.

Der Bundesrat hat in seiner heutigen Sitzung dem .Entwurf von Bestimmungen über den Betrieb von Zink­hütten zugestimmt.

Der Präsident deS Reichstages Graf von Schwerin-Loewik hat am 100. Geburtstage des ver­storbenen ersten Präsidenten des deutschen Reichstages von S i m s o n einen Kranz am Grabe niedergelegt und an die Familie ein Telegramm gerichtet, in welchem er die Verdienste des Verstorbenen hervorhebt. Von den Frak­tionen des Reichstages sind gleichfalls Telegramme an die Familie gesandt worden.

Der Bundesrat setzte ckuf Grund' der Paragraphen 25 und 26 des Vranntweinsteuergesetzes vom 15. Juli 1909 das Gesamtkontingent der Brennereien für daS Betriebsjahr 1910/11 auf 1 757 783 39 Hektoliter Alkohol herab, was eine entsprechende Kürzung des Kontingents Ler einzelnen Brennereien zur Folge haben wird. Weiter beschloß der Bundesrat, es für das Betriebsjahr 1910/11 bei der für das Betriebsjahr 1909/10 vorgesehenen Kür­zung des allgemeinen Durchschnittsbrandes um vierzehn Hundertteile bewenden zu lassen, und auch in Ansehung *ber Vergütung der Betriebsauslage die Sätze von 18 uno 9 Mark für vergällten und mrsgeführten Branntwein bis aus weiteres unverändert in Geltung zu lassen. Die nach Paragraph 72, Ms. 6 des Gesetzes erforderliche Rach- iprüfung, ob die von der Vergälltungspfficht befreite Brannt- .weinmenge zu erhöhen oder herabzusetzen ist, hat sich der Bundesrat Vorbehalten, bis die Ermittelungen über die 'Einwirkung der Kontingentherabsetzung auf die vergäll- tungssrcie Branntweinmenge abgeschlossen sind und auf -Grund der damit gewonnenen Ziffern übersehen werden ,fann, ob die Gesamtmenge des vergalltungssreien Brannt­weins dem Bedarf im Betriebsjahre 1910/11 entspricht.

Wie diePfälzische Presse" meldet, sperren die Pir­masenser Schuhfabriken am 26. November alle Arbeiter, insgesamt 5000 Mann, aus. Der Streik in den Dresdener Schuhfabriken ist beendet Wor­ten. Die Arbeiter stimmten den von den Arbeitgebern an- (gebotenen Lohnerhöhungen zu.. Maßregelungen finden nickt ^statt.

Die Stadtverordnetenversammlung in ^Magdeburg bewilligte in ihrer Sitzung am Donnerstag für die Veteranen eine weitere Ehrengabe von '40000 M k. Einschließlich des früher bereits bewilligten Betrages erhöht sich die Ehrengabe auf 60 000 Mk.

Ausland.

Dem Reuterschen Bureau zufolge beraten gegenwärtig eine englische französische und deutsche Fi­nanz g r up pe in London den amerikanischenVor- schlag, sich an der chinesischen Anleihe zu be­teiligen. Die. Entscheidung über die Bedingungen und !die Höhe der Beteiligung wird in einigen Tagen erwartet.

Rach einer amtlichen Mitteilung aus London sind die .Konferenzen zwischen den Führern der Regierungspartei 'und der Opposition, die mehrere Monate hindurch fortgesetzt ^worden sind, um eine Lösung der konstituNo­vellen Frage herbeizuführen, ergebnislos verlaufen.

Das Geschworenengericht in Winchester beschloß, die ^Anklage des Untersuchunasgerichts gegen Leutnant Siegfried Helm wegen des Vergehens, die Befestigun­gen von Portsmouth gezeichnet zu haben, aufrecht zu erhalten und gegen ihn zu verfahren.

Präsident Taft wird sich nach einer Meldung aus Washington zu den d e u t s ch - a m e r i k a n i s ch e n D i f s e- renzen in der Kalifrage nicht eher äußern, als bis der Unterhändler Davis nach Washington zurückgekehrt ist

Wie aus der Stadt Mexiko gemeldet wird, veranstalt teten Studierende aus Anlaß des Lynchg^richts gegm den Mexikaner Antonio Rodriguez in RochprmgS (Texas) Kundgebungen gegen die Vereinigten Staa­ten, die Mittwoch zu Augrifien aus Amerikaner und ame- rilanische Handelshäuser führten, deren Fenster zertrüm­mert wurden. Tie Menge zerriß amerikanische Fahnen und trat sie mit Füßen, ohne daß die Polizei einschritt. Mehrere Zeitungen veröffentlichen hefttge ^Uel, d^e die

Ruhestörer noch meksv erregten. Die Menge griff die Ge­schäftsräume desJmparrral" an, zerstörte sie und steckte sie in Brand. Berittene Polizei gebrauchte nun die Schuß­waffe. Drei Personen wurden getötet und viele verletzt; etwa 200 Personen wurden verhaftet.

Airche und Scbnle.

* Tagung deS Diözesan-KirchenvorstandeS des Bistums Mainz. Im Kavitelsaal des Bischöflichen Seminars in Mainz fand nach der Tarmst. Zta. am Mittwoch unter dem Vorsitz des Landtags-Abg. Iustizrat Tr. Schmitt- Mainz die diesjährige Tagung des Tiözesan-Kirchenvvrstanbes des Bistums Mainz statt. Dor Eintritt in die Tagesordnung fand durch den Vorsitzenden die Verpflichtung des Geh Kom- merrienrats Dalckenberg-DormS als Mitglied des Kirchenvor­standes statt. Rach dem Voranschlag für 19 11 sind bie Ausgaben für die Ausbesserung deS Einkommens der Geistlichen von 141 300 Mark in 1910 nunmehr auf 151500 Mark ge­stiegen, und zwar u. a. dadurch, datz am 1. April 1911 17 Dlterszulagen mit zusammen 2550 Mark und am 1. Oktober 1911 20 Dlterszulagen mit 1500 Mark Zulagen fällig werden. Für die Erhöhung der Dotation des Bistums werden wie in früheren Jahren 22000 Mark, für die Ausbesserung der Pen­sionen der Pfarrer 9000 Mark bewilligt und für Zuschüsse an Psarrkuraten und Beneiiziaten 44 500 Mark vorgesehen. Als neuer Posten ist ein Betrag von 4000 Mark als Dispositionsfonds des Bischofs in den Voranschlag eingestellt. Für die Restau­ration des DomcS wurde auch für dieses Jahr ein Zuschuß von 3000 Mk. bewilligt. Die Gesamtausgabesumme des Voranschlags be­trägt für 1911 277 517 Mk. gegen 264 436 Mk. in 1910. Tie Einnahmen des Voranschlags sind gleichfalls aus 277 517 Mark fest gelegt, darunter 218 000 Mark als Ertrag der allgemeinen katholischen Kirchensteuer und 25 0)9 <7arf Beitrag des Staates zu den Bedürfnissen der kath. Kirche. Ter Voranschlag wurde einstimmig genehmigt.

Aus Statt rind Land.

Gießen, 11. November 1910.

Ans der Sitzung der Stadtverordneten.

Unser Stadtparlament hatte gestern einen großen Tag, woran aber nicht etwa, wie man annehmen könnte, die bevorstehende Stadtverordnetenwahl deren Termin übrigens noch nicht genau feststehl schuld war, sondern mehrere wichtige auf der Tages­ordnung stehenden Punkte. Nur bei den Mitteilungen spielte die Wahl insofern hinein, als der Oberbürgermeister sich mit Ent- chiedenheit gegen eine in der Handwerker-Wahlver- a m m l u n g gefallene Aeußerung wandte, daß die Stadt stets alle Arbeiten an den Mindestforderndcn vergebe, auch wenn er Schund liefere. Dom Vorsitzenden wie cnnch aus der Versamm­lung heraus wurde sestgestellt, daß daS heimische Handwerk bei der Vergebung städtischer Arbeiten soviel Entgegenkommen findet, wie es die Rücksicht auf die Steuerzahler irgendwie zulätzt und dabei auch die Vertrauenswürdigkeit der betr. Handwerker in weitgehender Weise berücksichtigt wird. Dabei wurde auch ein in Handwerkerkreisen umlaufendes Gerücht aufgeklärt, daß die Bürgermeisterei ein vor 2 Jahren eingereichtes Gesuch wegen der Regelung der Vergebung laufender Unterhaltungsarbeiten noch nicht erledigt habe. Die Bürgermeisterei wartet nämlich heute noch auf die Vervollständigung der Unterlagen des Gesuchs, so daß also die Handwerker sich selbst die Schuld an der Verzögerung >er Angelegenheit zuzuschreiben haben.

Den breitesten Raum in den Verhandlungen nahmen die Erörterungen über die F l e i s ch t e u e r u n g ein Die Ans­prache war teilweise hochpolitisch, so daß man sich stellenweise in einer politischen Versammlung zu befinden glaubte. Gegen 2 Stimmen stimmte die Versammlung einer Eingabe an die hessische Regierung zu, in der diese ersucht wurde, im BundeSrat auf Maßnahmen zu bringen, die zu einer Beseitigung der Fleisch­not führen Kirnten.

Mehr ideeller Natur waren die Beschlüsse der Versammlung in zwei Schulfragen, wenn auch der eine, der Neubau einer Oberrealschule, die Stadt rund 400000 Mk. kostet. Dic Bewilligung ging sehr glatt vonstatten, nur über die Platz- rage entstand eine kleine Aussprache, die aber an dem einmal gewählten Platz an der Stephanstraße nichts änderte. Dem Verbot des Besuchs der allgemeinen Kinematographen- Vorftellungen durch Schulkinder ohne ^Begleitung Erwach- ener wird jeder Einsichtige zustimmen. Der Kinematograph kann ein wertvolles Hilfsmittel für die Erziehung des Heranwachsenden Geschlechts sein, wenn die darin gezeigten Bilder entsprechend ausgewählt sind. Dies wird aber in den allgemeinen Vorstel­lungen, deren Spielplan lediglich auf das Nnterhaltungs- und Sensationsbedürfnis zugeschnitten ist, nicht erreicht werden können. Es ist daher zu begrüßen, daß man unter bestimmten Voraussetzungen besondere Schülervorstellungen zulassen will. Es wird nunmehr an den Direktoren der Kinematographen-Theater liegen, dies für sich und die Schuljugend auszunutzen,

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Tageskalender für Freitag, 11. Nov. Stadt­theater: a p p b o*. Anfang 8 Uhr.

Vortragsabend des Alldeutschen Verbandes. ;3rofeflor Tr. Körte: Deutsche Arbeit in Kleinasien. Abendc 8/4 Uhr in Steins Garten.

Vortrag von Pastor Rambaud aus Lüttich: Tie Kongo­rane und die protestantische Dilssion. Abends 81/, Uhr im großen Hörsaal der Umversilät.

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* * D ie Stadtverordnetenwahlen können erst am 29. November stattfinden, da ein Einspruch gegen die Nicht- eintragung eines hiesigen Einwohners beim Kreisamt erhoben worden ist.

"Die Stadtverordnetenversammlung ehnte in ihrer nichtöffentlichen Sitzung gestern einstimmig )en Antrag ab, das Straßengelände für die Verbreiterung )cr Neustadt vor dem halben Hause, derneuen Krachen­burg" für 3,30 Mk. für den Quadratmeter von dem Besitzer Schon zu erwerben. Begründet wurde die Ablehnung da­mit, daß mit der Erwerbung der Hälfte des in die Straße attenden Geländes eine Verbesserung der Verhältnisse nicht erreicht wird.

Zur Stadtverordnetenwahl. Der Bezirks- ö erein Süd-Wesl hat in seiner am NOttwoch ab- qehaltenen Generalversammlung beschlossen, nachdem der Vor­sitzende Bankier Grünewald für diesesmal eine Kandidatur abgelehnt hat, sein Vorsiandsmitglied Emil Otto aufzustellen und im übrigen bie Liste be5 Bürgervereins gutzudeitzen.

2. U- Landesuniversität. Dem Dr. Phil. Paul Cermak aus Ehrenberg in Böhmen, Assistenten am physi­kalischen Institut, wurde die venia legendi bei der ihilosophischen Fakultät der Landesuniber.uät für das Fach der Phnfik erteilt. Seme Habilitaiionsschrift handeltlieber den Thomsoneffekt und seine Temperaturabhängigleit in Blei, Quecksilber, Ztnn, Zink, Kadmium und Aluminium."

* * Ordensangelegenheit. Der Groß Herzog hat dem Geh. Fmanzral Tr. Lauer zu Tauustabt die EUaub-

nlS zur Annahme imb zum Tragen der ihm von dem K8nfg' von Preußen verliehenen Roten-Kreuz-Medaille 2. Klasse erteilt.

* Lehrerpersonalien. Uebertragen würbe ben SchulamtSafviranten Job. Frietz aus Weinheim (Kr. Alzen) und Franz Lotz ouS Seligenstadt LeHrerftcllen an der Ge- meindeschule zu Herbstein.

* * Eine neue Bahn in Oberhessen AuS Marburg, 11. Nov., wird uns geschrieben: Mit dem Weiterbau der Marburger Kreisbahn, die in dem durch feine Basaltindustrie bekannten Kreisdorfe Dreihausen im sog. Ebsdorfer Grunde endet, nach der Station Mücke scheint eS jetzt ernst worden zu wollen. Die Hessische Regierung Hat 3 0 Proz. der Bausumme ab Lan­desgrenze in Aussicht gestellt, während die beteiligten Ge- meinden gern zur Abgabe des Geländes bereit sind. Nach­dem kürzlich die Marburger Kreistagsmitglieder die Strecke bereist Haben, Hat man jetzt auch mit den Vermessungs­arbeiten begonnen. Während die bis jetzt im Betrieb oe- kindliche Strecke der Kreisbahn von Marburg-Süd bis Drei­hausen eine Länge von 16,64 Kilometer bat. beträgt die Strecke von da ab bis Station Mücke an der Dahn Gießen- Alsseld-Fulda noch 19,6 Kilometer, von denen 6 Kilometer im Kreise Marburg liegen, während der ganze übrige Teil nur hefsen-darmstäotifches Gebiet berührt Als mei't inter­essierte Orte kommen in Betracht die zwei knrhessischen Gemeinden Roßberg und Wermertshausen, sowie die heisen- darmstädtischen Gemeinden .Höingen, Schadenbach, Rud- dingshansen, Appenborn, DeiterShain, Bernsfeld, Atzen­hain und Mücke. Gerade für die letzteren Orte wird die Bahn wegen der Hervorragenden Eisenindustrie, in der hunderte von Arbeitern tätig sind, von nicht zu unter­schätzender Bedeutung sein. Nach einer früheren Derech- mtng stellen sich die Grunderwerbs- und Betriebskosten der 19,6 Kilometer langen Neubaustrecke auf 2116 000 Mark. Davon entfalten auf den Kreis Marburg 540 000 Mk. Diese Summe wird durch die in Aussicht gestellten Beihilfen zum großen Teil gedeckt Nach vollendetem Ausbau der ganzen Bahn dürfte sich der Verkehr, der im letzten BetriebS- jahr auf der Kreisbahn eine Einnahme von 73 853 Mk. brachte, ganz bedeutend heben, denn von der Station Mücke aus ist Bahnverbindung nach verschiedenen Richtungen vor­handen. (Diese MitteÜung wird in weiteren Kreisen der Provinz gewiß großes Interesse erregen und Veranlassung geben, die speztell hessischen Eisenbahnwünsche einer er­neuten Prüfung und nachhaltigen Betreibung zu-uführen. Red.).

** Vortragsabend b er Handelskammer. Im großen Hörfaal der Universität sprach Regierungsrat a. T. E n d r e s - Mannheim überD i e preutzisch-hessische Eisenbahngemeinschaft und dic deutsche Eisen­bahn s r a g e". Der Redner legte die Vor- und Nachteile der preußisch-hessischen Eisenbahngeineinschaft bar unb ze'chnete schließlich bas Bilb einer allgemeinen beutschen Eisenbahngemein- chaft. Er führte aus: Die schweren Angriffe, die die preußisch- hessische Eisenbahngemeinschaft besonders auch durch Direktor Groß erfuhr, sind nur zum Teil berechtigt. Sie wurden durch eine im Auftrag des preußischen Ministeriums der öffentlichen Ar­beiten von Regierungsassessor Quarz verfaßte Gegenschrift wenig­stens teilweise widerlegt. Der Abschluß bet Eiscnbahugemeinschaft war eine nationale Tat, ähnlich bet Grünbung be8 Zollvereins. Alle Verträge regeln sich nach bem Grunbsatz bes Besitzstandes, b. h. also nach bem Rentenertrag in bem Augenblick beS Ver­tragsschlusses. Als Maßstab für bie Teilungsziffer würbe daS Iaht 1894 angenommen, ein für ben Betrieb bet Hess. LubwiaS- bahn günstiges Iaht. Darnach stellte sich bas Verhältnis ber Bahnen Hessens zu Preußen wie 8,2:405 Millionen, so daß also Hessen Vso bes Betriebsübetschusses zufällt. Dagegen ist an unb für sich nichts l<nzuwenben. Anbets aber wirb bie Sachlage, wenn man überlegt, baß btefe Teilungsziffet stabilisiert, d. h. für arte künftigen Zeiten bes unkünbbaren Vertrags festgelt ist. Es muß zugegeben werben, baß bie Hessische Lubwiasbahn verkehrs­politisch eine größere Bebeutung hatte als ihr verkebrsgeographisch zukam. Es erklärt sich btefe Tatsache aus bem Umstande, daß durch eine tüchtige Verwaltung mit allen Mitteln dahin gestrebt wurde, den Verkehr über die eigenen Linien zu ziehen. ES ist aber nicht richtig, wie die preußische Denkschrift ausführt. daß sich ber Verkehr heute noch in benselben Bahnen bewegt wie vor 15 Jahren. Wenn auckz um hierzu ben Gegenbeweis zn fuhren, in Hessen selbst bie Grunblagen fehlen, ba keine Auf­zeichnungen nach biefer Richtung gemacht werben, so genügt ein Blick auf Vaden, wo in ber fraglichen Zeit bie Verkehrsbichtigkeit um bas boppelte gestiegen ist, um einzusehen, baß Lessen, gleich­sam als Trichter zwischen bem verkehrsreichen Jnbustriegebiet West­falens unb ben sübbeutschen Staaten, bie preußischen Ziffern sicher überholt hat. Hessen hat aus ber Eisenbahngemeinschaft große wirtschaftliche Vorteile gezogen, seine Jnbuftrie hat sich wesenclich gehoben, es würbe besonbers auch burch bie Neben­bahnen wirtschaftlich aufgeschlossen, aber es wurde auch stark be­lastet. Infolge notwendig gewordener BahnhofSerweiterungen, neuer Bruckenbauten, die, soweit sie 100 000 Mark überschreiten, aus eigener Tasche bestritten werden müssen, ist seine Eisenbahn- schuld von 228 Millionen auf 350 Millionen gestiegen, wovon für Nebenbahnen allerdings 90 Millionen abgehen. Aus allem aber geht hervor, daß es nicht das volle Aeguivalent der seit 1894 geschaffenen V er keh r s st e i g e r u n g e n er­hält. Eins darf allerdings nicht übersehen werden: Nicht ber Verkehr unb bie Einnahmen gehen in bie Löhe, in bemselber Maße wachsen auch bie Aufgaben. Ferner wirtschaftet Preuße, auf ebenem Terrain wesemlicy billiger und macht durch die große, Gütertransporte die Strecken rentabel. Hessen kann nicht ver­langen, daß sein Verkehr so gewertet wird wie der preußisch, um so mehr als durch dic Gemeinschaft die Unterbilanz der Neben­bahnen Hessens, das mit seinen Nebenbahnen in Deutschland an erster Stelle steht, auögeliehen werden muß. Es ist also an­zunehmen, daß das Herz Preußens sich in absehbarer Zeit nicht erweichen lassen wird, unb bie Teilungsziffer noch lange bestehen bleibt. Unter biefen Umftänbcn aber ist es vollständig verkehrt, die Eisenbahnüberschüsse zur Deckung der Staatsschulden zu ver­wenden, es muß vielmehr in erster Linie eine Tilgung der Eisenbahnschulden vorgenommen werden, wie dies Preußen und Sachsen in mustergültiger Weise tun, denn der Grundsatz von der werbenden Kraft der Kapitalien hat nur bedingte Gültigkeit.. Eine für Hessen sowohl als auch für ganz Deutschland günstigere; Lage tritt dann ein, wenn auch in Sachen der Eisenbahnen die Grenzen der deutschen Bundesstaaten fallen, wenn durch eine deutsche Eisenbahnaemeinschäft mit Preußen an ber Spitze ein weiterer Schritt ber beutschen Einheit getan wird. Dann können bie Mängel, bie jetzt noch ber Preuß.-Hess. Eisen- gemeinschast anhaften, beseitigt werben. Eine bessere Heranziehung deutscher Kraft unb Nutzbarmachung wirtschaftlicher Werte, ver- bunben mit großartigen finanziellen Vorteilen, muß bie unaus­bleibliche Folge sein.

"Hessischer Verein für ländliche Heimat- pflege, Wohlfahrt-und Kun st pflege. Aus Ver­anlassung des Vereins toird, wie schon mitgeteilt wurde, Pfarrer Vogel- Reichelsheim i d. W. folgende Vorträge mit Lichtbildern überDer deutsch-französische Krieg! 1870/71" halten in Rodheim v. b. H. am 11. November, Melbach am 14. November, G ro ß en-Lind en am 16. November, Leihgestern am 18. November, Holzhau- sen v. d. H. am 21. November und Ossenheim am 28. November. Einige Orte werden noch folgen. DeL Eintritt zu den Vorträgen ist für jedermann frei. Lokal unb Stunde oes Vortrags wird vorher in den betreffenden Orten bekannt gegeben. ' t