Erster Blatt
160. Jahrgang
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Zrettag, fl. November 1910
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Nr. 265
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Var Vertrauensvotum für vrland.
Die Schwierigkeiten für das neugebildete zweite Kv- Linett Briand, ein Vertrauensvotum in der Deputierten- Kammer zu erhalten, lagen tn einer Prinzipienfrcrge und in einer Personalfrage. Mußte der von ihm angekündigte Gesetzentwurf zur Verhütung des Streiks in Staatsbetrieben gegen da- Kabinett einen Sturm von feiten der Radikal- soztalisten und Sozialisten heraufLrschwören, so war es de Persönlichkeit des neuen Ministers L a f f e r r e, des ehemaligen Großmeisters der französischen Freimaurer und des ^Verteidigers der geheimen Kandidatenliste des Offizierkorps, die Klerikale, Monarchisten und Progressisten veranlassen konnte, von Driand mrd seinem neuen Kabinett sehr deutlich ak^urücken.
So war die Wahrscheinlichkeit, daß Briand, wenn er sein neues Kabinett am Dienstag der Kammer vorstellte und sich dab-ei über die Ziele seiner Politik äußerle, kein Vertrauensvotum erhalten würde und demgemäß gezwungen war, abzudanken, groß genug, mochte auch aus der andern Seite gerade die Krgehörigkeit Lafserres zum Kabinett bezüglich der Abänderung des Syndikatsgesetzes nicht zu unterschätzen sein, weil die hervorragendsten Führer und Redner der französischen Arbeiterbewegung Freimaurer sind und als solche auf ihren früheren Großmeister schwören. Auch fiel es für das Kabinett Briand günsttg ins Gewicht, daß die Mitteilungen des „Echo de Paris" über die von ihm jetzt geplante Streikgesetzgcbung sich in ihrer ganzen reaktionären Schärfe nicht bestätigten.
Immerhin aber war für das Kabinett Briand Gefahr genug im Verzüge. Denn außer den beiden oben ange- <deuteten Momenten beunruhigte auch das Ausscheiden Mitte- irands unb Vivicmis diejenigen Gruppen der Linken, aus die sich Briand stützen wollte. Man sagte sich, wenn diese Männer nicht für die neue Streikgesetzgebung zu haben waren, so mußte, mochten auch die bei dem letzten Eisen- bahnausstand hervorgetretenen Begleiterscheinungen revolutionären Charakters eine Reform der Syndikatsgesetze von 1B84 und 1891 noch so sehr rechtfertigen, diese Reform einen Schritt rückwärts bedeuten, der wegen der Macht des geschädigten Proletariats Frankreich Reicht in innere Wirren stürzen konnte und damit die Gefahr einer Diktatur am Horizont austauchen ließ.
Die Lage des neuen Kabinetts Briand war deshalb keineswegs günstig $u nennen, mochte es auch in sich über die Frage der Strerkgesetzgebung noch so einig sein, lind wenn es ihm gelang, den Sturm in der Kammer am Dienstag und Mittwoch siegreich zu überstehen und sich mit 87 Stimmen bad Vertrauen des Landes cmssprechen zu lassen, so liegt das vor allem daran, daß Briand eine Programm erklürung verlas, bei der die Frage der Aen- derung der Streikgesetzgebung in einer Weise behandelt wurde, die die Gruppen seines republikanischen Blockes voll und ganz befriedigte. Denn Briand sagte, daß ein Streik in öffentlichen Betrieben no<ch Ansicht des Kabinetts nicht geduldet werben könne. Aber er kündigte nicht, wie man zuerst angenommen Hatte, ein Gesetz an, das das Recht aus Streik überhaupt aufheben soll, und noch weniger d'ie Aushebung des Koalitionsrechts. Er glaubt vielmehr, daß er mit eines Gesetzesbestimmung auscommt, die ihm das Recht gibt, im Falle eines Streik in öfsentlichen und Verkehrsbetrieben Soldaten zur Ausübung der von den Streikenden nieder gelegten Dienstobliegenheiten heranzuziehen, und darüber hinaus die Möglichkeit, Sabotage und andere
Gewalttätigkeiten auss strengste zu bestrafen, ohne einen Unterschied zwischen der Aufreizung und der Tat selbst zu machen. Gleichzeitig aber will die Regierung auch die Befugnis besitzen, Streikende entlassen zu können, ohne ihnen Pension zahlen zu müssen, wobei aber wieder das Interesse der Familien dadurch wahrgenommen wird, daß ihnen unter gewissen Voraussetzungen trotzdem Unterstützungen gezahlt werden. Gilt dies alles speziell für die Beamten und Arbeiter der Staats- und öffentlichen Betriebe, also vor allem der Eisenbahn-, der Post- und Telegraphenbeamten, so nimmt Briand für die Gewerkscha'ten überhaupt keine Aufhebung ihrer Syndikatsrechte in Aussicht, sondern will auf der einen Seite nur ihren Charakter als reine Berufsvereinigungen begrenzt und auf der anderen Seite ihnen das Recht der juristischen Person verliehen wissen, um dadurch das Uebergreifen von Streiks auf das politische Gebiet zu verhüten und gleichzeitig bei wirtschaftlichen Schädigung?n den Geschädigten die Möglichkeit zu bieten, gerichtlich auf Schadenersatz zu klagen.
Was die Erklärung Briands außerdem enthielt, wie die Kennzeichnung der Stellungnahme der Regierung zur Wahl- und Verwaltungsreform, zur Einkommensteuer unb Zur Frage der Laienschule, kommt demgegenüber wenig in Betracht. Zwar beschäftigten sich die Anfragen, die Briand am Dienstag und Dttttwoch über sich ergehen lassen mußte, auch mit diesen Angelegenheiten, wie mit der Persönlichkeit Lafserres, aber Briand wußte die republikanischen Stimmen, die zweifelhaft waren, im Laus der Aussprache wieder zuruckzugewinnen, und erzielte dadurch ein Vertrauensvotum, das mit 296 Stimmen gegen 209 bei einer Stimmenthaltung von 58 Abgeordneten angenommen wurde. Das bedeutet, während das Vertrauensvotum, das Briand am 30. Oktober erhielt, eine deutliche Verschiebung der Situation nach Rechts aufwies, wieder eine ©Teuerung nach Links. Denn wenn man sich die Abstimmungsziffern ansieht, so geht daraus hervor, daß Briand auf Seiten der Radikalsozialisten und Radikalen einen Gewinn von 28 Stimmen zu verzeichnen hatte, während er auf Seiten der demo- krattschen Linken, der Progressisten, Klerikalen und Wilden, 58 Stimmen gegenüber dem 30. Oktober einbüßte. Die Lage ist für Brrand also zweifellos schlechter, aber auch klarer geworden, denn auf die jetzt von ihm abgefallenen (Stimmen hätte er doch, wenn er an bte Ausführung seines Programms ging, nur zum kleinsten Teil rechnen können, wollte er nicht gezwungen sein, ihm eine reaktionäre Färbung zu geben, was wieder Progressisten und demokrattsche Linke zum Abfall von ihm veranlaßt hätte. Bleibt der Wandlungssähige aber jetzt bei der Stange, unb hält an dem republikanischen Programm fest, gibt also auch den noch abseits stehenden 57 Radikalsozialisten und 26 Abgeordneten der Linken Garantien für seine republikanische Gesinnung, so könnte seine Kammermehrheit leicht emporschnellen und das Ministerium Briand sich wenigstens so lange am Ruder halten, bis es sein Programm ausaeführt hat — trotz des Widerstandes der Rechten und der Sozialisten.
"Angriffe auf das demsch österreichische bündnis^ in der österreichischen Delegation.
In der österreichischen Delegation hat es sich am Mittwoch und Donnerstag gezeigt, da.ß man dort in der Anhänglichkeit an die Politik des Frhrn. v. Aehrenthal keineswegs völlig einig ist. Von sozialdemokratischer unb slawischer Seite wurden bewegte Klagen darüber geführt, daß Oesterreich sich auf Deutschlands „große Weltpolitik" festlege. Frhr. o. Aehrenthal hat zwar am Mittwoch die schroffe Aeußerung eines Sozialdemokraten über
den deutschen Kaiser wirksam zurückgewiesen, aber er wird nicht umhmkonnen, auch auf die neuesten Vorhaltungen in der Dele- g<ttwn Rede und Antwott zu stehen. Unb gerade diese Antwort wird nicht nur in Oesterreich, sondern besonders auch in Deutsch- land mit der größten Spannung ermattet werden. Am Donnerstag smd die Veryandlungen nicht zu Ende gefühtt worden, und am heutigen Frntag findet eine Weiterberatung statt. Wir erhielten folgenden Bericht:
Wien, 10 Rovbr. fOesterreichische Delegation.) Bei der Fortsetzung der Verhandlungen über das Vudgtt des Ministerium des Aeußern protestictt Abg. Nemec gegen den Ton und die Att der Kritik, die Graf Aehrenthal gegenüber den Sozialdemokraten ausgeübt habe. Er betonte, die Tschechen und Sozialdemokraten seien keine Gegner des Dreibundes; sie bedauerten tedoch, daß sich Oesterreich-Ungarn in solchem Maße für die Interessen Deutschlands festlege, daß der Dreibund die inneren Angelegenheiten störend zu beeinflussen scheine.
Der Delegierte Jandrezejowicz erklärt, er begrüße es mit Freude, daß Gras Aehrental an ber konservativen Politik! fefthalte; im Augenblick der Gefahr seien alle Völker der Monarchie einig. Oesterreich-Ungarn verdanke die Erhaltung des Friedens in erster Linie der Friedensliebe des Kaisers und sodann der Schlagfertigkeit der Armee.
, Dr. Kramarcz führte aus, es sei gefährlich, das Bündnis mit Deutschland als eine Herzenssache der Bevölkerung hin- zustellen. Bei zwei Dritteln der Bevölkerung könne von einer Herzenssache keine Rede fein. Wenn gestern jemand sagte, Kaiser Wilhelm sei ein Störenfried, so müsse er dagegen protestieren. Ein Monarch, der so tief religiös denke wie der deutsche Kaiser, sei nicht imstande, fein eigenes Gewissen zu übertönen, um einen Krieg wegen eines .Krieges zu wollen. Das ist aber, fuhr Kramarcz fort, gegenwärtig die große Bedeutung unseres Bündnisses mit Deutschland, daß wir infolge der Annexion vollständig in einen Krieg der großen Weltinteressen, die Deutschland verfolgt, und die zu einem Konflikt führen können, hineingezogen wurden. Unser gegenwärtiges Ver- hälMis zu R u ß l a n b , mit dem wir nur über Berlin sprechen können, ist für das Reich gefährlich und wird nicht gutgemacht durch das sogenannte „gute Verhältnis" zur Türkei. Der Anschluß der Türkei an den Dreibund wäre als eine Störung des europäischen Gleichgewichts die größte Gefahr für den Frieden. An eine große unabhängige Politik der Monarchtie i stnicht mehr zu denken. Berlin wird unsere Politik machen, ob wir wollen oder nicht, weil es traditionelle Beziehungen zu Petersburg hat und wir zu ttaditioneller Gegnerschaft gekommen sind^ Die Gegnerschaft in Berlin gegen die Westmächte sperrt uns den Weg ncZ) Frankreich unb Englanb. Der Draht geht nach Berlin auf lange und lanae Zeit. Für die aktive Teilnahme der Slawen an einer solchen Politik ist kein Platz. Der Redner habe das Vertrauen in unserer auswärtigen Politik öej> toren unb werde daher gegen den .Voranschlag des Ministeriums des Auswärtigen stimmen.
Der Delegierte Doberni-, erklätte, die Deutschen billigten rückhaltslos die Politik Aehrenthals.
Lecher erklärte, die Deutschen hätten von der durch die Bündnistreue, die sie in der Annexionskrise bewiesen haben, hcr- vorgerufenen Stärkung derart Gebrauch gemacht, daß sie nach Prag gegangen seien, um ehrlichen Frieden mit den slawischen Brüdern zu machen. (Zustimmung.) Wir Oesterreicher dürfen und wollen in der Frage der Sch isfahrts ab gaben unter feiner Bedingung nachgeben.
Die nächste Sitzung findet morgen flattj
Brünn, 10. Novbr. Die LandtagSsessio« wurde heute durch Allerhöchsten Reskript geschlossen.
hessische verwaltungsgesetze in der Aurschuß-Seratung.
Darmstadt, 10. Nvv.
,Der fünfte Ausschuß der zweiten Kammer, der Sonderausschuß für die Revision der Verwaltungsgesetze, hielt lycute unter Vorsitz des Oberbürgermeisters Dr. G l ä s s i n g eine gemeinschaftliche Sitzung mit der Regierung, den Herren Minister
Itunft, Wissenschaft und Leben.
— Die Antrittsvorlesungen der Aus- tuuschprofessoren in Berlin. In Anwesenheit des Kaisers, der Kaiserin und des Prinzen August Wilhelm, des amerikanischen Botschafters Hitt und des Knlttrsmini- sters und einer glänze-nden akabemischen Korona, hielten die neuen Austauschprofessoren Dr. Hugo Mün st erbere (Harvarb-Universrtät) und Dr. A l p h o n s o Smith (Virginia-Universität) ihre Antrittsvorlesungen. Nachdem der Rektor Dr. Ruoner dem Kaiserpaar für sein Erscheinen gedankt hatte, folgten die Vorlesungen über die deutsche Kultur und das Ausland, sowie die amerikanische Literatur, die beide in deutscher Sprache gehalten und mit lebhaftem Beifall ausgenommen wurden. Der Rektor schloß die Feier mit einem dreifachen Hoch aus das Kaiserpaar. Nachher zog der Kaiser den Rektor und die amerikanischen Herren ins Gespräch.
— Neue« von der drahtlosen Telegraphie. Tie schönen Ett.'lge, die auf dem Observatorium auf der Zugspitze in Oberbayern mit dem deutschen System »Telciunkeitt vor wenigen Tagen erzielt wurden, wobei die Telegramnie der großen Station Norddeich bei Vlovben um das von dort um mittag 12 Uhr täglich ausgegebene Zeitstgnal für die Nordseeschisfahrt scharf auf- genommen wurden, bestätigt aufs neue die große Leistungsfälug- keit des deutschen Systems, das auch im Auslande im allgemeinen für bedeutend zuverlässiger gehalten wird als die Atarconi- telegravhie. Wad) Angaben der Nomenclature officielle des Srations Radiut616gTapliiqaeÄ, pabliäe par le Bureau international de l’Union Tekgraplnque zu Lern bedicmen sich von den Oarui auigezählten 1026 Stationen schon Ende Aiärz IwiO nicht weniger als 627 des deutschen Sy st eines, während aus das Syiiem Aiarcvni nur 2Jö Stationen entfielen. Bemerkenswert ist, daß auch in Oesterreich sämtliche Kriegsschiffe trotz der >JJionopolbeiirebungeu der Marconigesellschait das Telenmlensystem benutzen und daß bte dortige Marmeverwaltung bei Pola eine nach demselben System eingenchtete Rie^eitstalion erbaut hat, deren 90 Meier hoher Turin aut einem gläsernen Fundamente ruht. Ter Wiik- ungsberelch dieser heute ais die volllommenste anzulehendeu Station erstreckt sich nicht nur über den grauten Teil des Muielländischen Aleeres, sondern auch über Lvien und Berlin hinaus bis zu der deutschen Station bei ^iorddeich unb wurde schon bei der letzten Anwesenheit ttaiser 'trilhelms aus Storiu be- ttutzl, um ihm aus Berlin die lvichngsien Nachrichten zuzusprechen. Weil der internationale Fulüenteiegrapyenverttag ine Vertrags-
iiaalen nicht verpflichtet, die im Dienste des Heeres und der RriegS- marine stehenden Stationen vollzählig anzugeben, kann die Statistik des Berner Bureaus auf Vollständigkeit keinen Anspruch erbeben. Dian schätzt jedoch die Zahl aller Fimkentelegrapheiistationen für den 1. Oktober 1910 auf etwa 2uu0, von denen 900 mit deutschen Apparaten ausgerüstet sind. Da die meisten Schiffe im Ostasien- dienst des 9iorddeulschen Lloyd und die Oslasritadampfer der Woermar.n-Linie nut Telefunkenstauonen ausgerüstet sind und Relaisdienste leisten können, ist es seit der kürzlich erfolgten Er- richtnng einiger Stationen im Roten Meere schon heute möglich, nut deutschen Stationen über den ganzen Seeweg bis nach Ostindien zu sprechen. Zu diesen Zwecken gibt die Telefunken- l^esellschast in Berlin m jedem Vierteljahr, wie die »Elektrotechnische Zeltschriit" nntteilt, einen besonderen Schtffskalender heraus, in dem die Schiffskiirse und die Punkte auf offener See oder iit Haien angegeben sind, an denen sich die verschiedenen Schiffe voraussichtlich an den einzelnen Tagen des Vietteliahres befinden werden. Ter Bordtelegraphist fann also jederzeit fest- stellen, welche Schiffe in Reichweite seines Apparates vorhanden sind und durch ihre Vermittelung eventuell eine Verbindung mit einem Festlandshafen Herstellen.
— Aus der Kindheit ber heutigen Eisenbahn. In wenigen Wochen sinb breiviettel eines Jahrhundetts bahln- gegangen, feit die erste deutsche Eisenbahn eröffnet wurde. Dieses, eine neue Epoche des Verkehrs einleitende Ereignis ist aber erst nach langen Vorverhandlungen und der Ucbemmtbung mannigfacher Schwierigkeiten zu Stande gekommen. Heute, wo sich neue Möglichkeiten imb Hoffnungen für eine Revolution unserer Verkehrsmittel erschließen, wo bie Dampf bahn in eine elektrische umgewandelt wird, das Automobil mit der Eisenbahn in Wettbewerb tritt unb aü letzte Krönung das lenkbare Lustschiss bereits als das Gefährt der Zukunft genannt wird, hat diese Kindhetts- geschichte ber Eisenbahn für uns ein besonderes Interesse, denn sie zeigt, wie schwer sich der Menschengeist in solche Neuerungen findet und wie manche Henimnisie ihrer Durchführung entgegen stehen. Aus einem Werk des. Bonner Privatdozenten Dr. Karl Kumpmann über bie „Entstehung ber Rheinischen Eisenbahn- Gesellschaft 1830 bis ~1844" werden in der Internationalen Wochen, christ afierlej Enrtzekheiten über die au sangliche Aufnahme des Eiieubahngedanrens in Deutschland mitgeieüt. Schon damals glaubte man, wie es erst heute durch die Aulomoblle geschehen ist, daß die Eiseirdahneir bald durch beit schienenlos auf ber gewöhnlichen Landstraße mit uiotorischer Kraft sich bewegenden Wagen abgelöst werden wurden. Deshalb stand man der Anlage von Schienenwegen skeptisch gegenüber und sah in den auf festen (Meilen jährenden S^enoatzNAi nur „ein Prooiiormm oder Irtteri-
mistikmn", „eine Att Faulenzer oder Eselsbrücke", „ein Ruhepolster ber Geistesfaulheit". Die burch ben Schienend au geforderte Benutzung futtibierten Landes erschien als eine unverantwortliche! Verschwendung von Grund uyd Boden; man fürchtete, daß die Gegenden entstellt würden, der anberroeitige Verkehr gehemmt fei und sich für bie Reisenden in ben bahinstürmenden Wagen eine schwere Gefahr erhebe. Noch zwei Jahre vor ber Eröffnung ber ersten deutschen Eisenbahnstrecke veröffenllichte der Marburger Universitätsprofessor Alexcmder Lips eine Broschüre, die „bie Unanwendbarkeit der englischen Eisenbahnen auf Deutsch- lanb" dattun wollte „und deren Ersatz durch Dampfftchrwerk auf verbesserten Chausseen am Anfang einer neuen Aera, welcher das Transpottwesen unb der Straßenbau imb mit biesen zugleich ber Handel in Deutschland notwendig entgegengeht". Glaubte Lips, daß die Einführung der Dampfwagen eins der Mittel wäre, um die Proletarier „aus dem prekären Zustand, in welchen sie der Zufall und das Erbrecht geworfen, herausUrreißen", so wurde von anderer Seite die technische Durchführbarkeit und bie Einträglichkeit ber Eisenbahnen für Deutschland bezweifelt, ja ihre Notwendigkeit überhaupt in Abrede gestellt. Man fürchtete bte Entwertung der Landstraßen, für die damals gerabe große Aufwendungen gemacht worden waren, man fürchtete, daß ber Post bie Fahrgäste künftig fehlen würden. Da Friedrich Wilhelm III. „sich feine große Seligkeit davon versprechen konnte, ein paar Stunden früher in Berlin oder Potsdam zu sein", so fehlte besonders in Preußen die offizielle Unterstützung des neuen Verkehrsmittels. Privatgesellschaften mußten die erften Versuche machen, die sich über Erwatten glücklich erwiesen.
— Die Newcomb-Bibliothek für die Wissenschaft gerettet. Die prachtvolle Bibliothek des verstorbenen, berühmten Astronomen Newcomb, bie eine Fülle kostbarer Schatze umfaßte, undjetzt von dem Präsidenten des amettkanischen Kurz Warentrusts Claflin angekaust worden ist, bleibt durch eine großzügige Schenkung ber Forschung erhalten. Die Sammlung war zum Verkauf, ausgeboten, und man fürchtete, daß die kostbare Bibliochek aufgelöst werben könnte. Um dem zu begegnen, schrieb Prof. Compton vom Neivyorker College an eine Reihe früherer Angehöriger der Hochschule nnb bat um Stiftungen, um die Newcomb»Dibiiothek ju retten. ES liefen auch iosott eine große Anzahl von Zusagen ein, aber Olaflin, ber früher Zögling des Newyorker Colleges war, erbat sich die Erlaubnis, bie Bibliothek völlig aus seinen Mitteln anzukaufen unb ber Hochschule zu über weisen. Der feierlichen Uebergabe, bie nun erfolgt ist, wohnte bie Mtwe NewcomLH bei.


