Ausgabe 
13.1.1910 Zweites Blatt
 
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Donnerstag, 13 Januar 1910

ZwetteS -Blatt

160. Jahrgang

Nr. 10

Md)dnl tSgNch mV Vu-uaßm« to Sonntag«.

Uhr

des

Abg. Korfanty (Pole) l

JtotoNontbrud ent Rertag 6et vrOdlllch«, Unmeclttät# - Bi«v» unb StetnbrudeteL St. Bengt, Sieben,

Vizepräsident Dr. Spahn eröffnet die Sitzung um 1 15 Minuten.

Die Kattowitzer Beamteninterpellationen.

Deutscher Reichstag.

14 Sitzung. Mittwoch, 12. Januar.

Nm Tische des BundeSratS: Dr. Delbrück, Krätke, Haven stein.

Redaktion. Lxoedttton unb Druckerei: Crftul* stratze ?. TrpeviNon unb Verlag essy f>U Redaktion: «-8SIIL. TeU-Adr^ An»etger<Äietzen»

Die ^«tehenn LamiltendlStter- «erd«, dem ,vn-e«ger' «termal a>ört)entlid) betgetegl, das Kretsblati ffli Mt Kreb Stetzen' »wennal wöchentlich. D,» ,5anbwtrtschaftltche» Lett» Iragtü*' «scheinen monatlich troeimoL

Siehener Anzeiger

General-Anzeiger für Eberhefsen

Beifall und Zischen.)

Abg. Groeber (Zentr.):

Belehrungen von Vorgesetzten über die Ausübung staats­bürgerlicher Rechte braucht kein Beamter entgegenzunehmen. (Beifall im Zentrum und links.) Gewiß, formell handelt es sich nicht um Strafversetzungen, denn die dürfen nur erfolgen unter Wahrung aller Kautelen des BeamtengeseheS. WeläzeS sind denn aber die dienstlichen Interessen? Denkt die Rechte letzt nicht an die Maßregelung der K a n a l r e b e l l e n ? ES gibt keine gesetzliche Vorschrift, die das Wahlrecht der Beamten irgend­wie beschränkt. Im Privatleben würde sich feder anständige Mensch scheuen, auch nur den untersten Bediensteten so zu be-

Zur Verhandlung stehen die Interpellationen Zentrums (Graf Oppersdorfs und Genossen) und der Polen

die Schleppenträgerin des Großkapitals. Die Herren sinv si politisch ganz reaktionär und vom Polen- und Katholikenkollr fallen. Sie sind die Vertreter des Hurrapatriotismus und haben das Heft überall in Händen. Der kleine Mittelstand bat nun den Kämpf ausgenommen, und in Ka'.to'uitz sollte der Kampf begonnen werden. (Hört, hört!) An allen anderen Orten wird weiter versucht werden, die bisherigen hakalistischcn Mehr­heiten zu stürzen. Und solchen Leuten schickt der Reichskanzler

Hebel ist die politische Heuchelei. Der Reichskanzler möge im Osten mit den leitenden Stellen mal unter vier Augen sprechen: er wird finden, daß überall ersehnt wird die Erlösung von der knallenden Peitsche des HakatiSmus. (Beifall im Zentrum und bei den Polen.) Dazu kommt, daß die Polen gerade dieser Regierung einen wesentlichen Dienst geleistet haben (Äha,Rufe bei den Natl) Auch die Polen sind verfassungstreue Preußen. (Lachen auf der Rechten und bei den Natl.) ES gibt eine amtliche lieber- sehungsstelle, deren Uebersehungen aber niemand be­kommt. Zu den Tagungen der Sokolvereine, die hochverräterisch sein sollen, erscheinen regelmäßig die kommandierenden Generale der österreichischen Armee. Wir verlangen, daß der den Beamten zugefügte Schaden wieder aut gemacht wird. (Lebhafter Beifall im Zentrum und bei den Polen.)

(Brandys und Genossen).

Die ZentrumSinterpellation lautet: Ist _ dem Herrn Reichskanzler bekannt, daß Reichsbeamte wegen Ausübung des Kommunalwahlrechts von Kattowitz an einen anderen Ort ver­setzt worden sind? Was gedenkt der Herr Reichskanzler zu tun, um solchen Vorgängen in der Ausübung der bürgerlichen Rechte ent- gegenzutreten?

Die Interpellation der Polen hat bei etwas anderem Wort­laut den gleichen Inhalt.

Staatssekretär Dr. Delbrück erklärt sich zur sofortigen Beantwortung bereit.

Abg. Graf OpperSdorff (Zentr.):

Unsere Interpellation entspringt nicht dem Gegensatz von christlicher und liberaler Weltanschauung. (Lachen.) Auch mit den Gegensätzen, die sich aus der Reichssinanzresorm ergeben, wollen wir uns heute nicht befassen. Ueberhaupt wollen wir die Partei- schadensreude heute begraben und ohne Unterschied der Partei uns zusammenfinden in der Verteidigung der f r e i e n B e t ä t i g u n g wichtiger Bürgerrechte. (Beifall im Zentrum.) Es standen sich bei den Äattowitzer Stadtverordnetenwaylen gegenüber die Kandidaten der Hakatisten, der Sozialdemokraten und der Polen und des Zentrums. Eine ganze Reihe Reichsbeamter sind gemaßregelt worden, weil sie für die zentrum-polnischen Kandida­ten gestimmt haben. Dabei haben in anderen Fällen Reichsbeamte sogar für die Sozialdemokratie gestimmt, ohne daß ihnen deswegen ein Haar gekrümmt wurde. Bei den letzten Landtagswahlen in Baden haben viele Reichsbeamte zur Wahl des Sozialdemokraten aufgefordert, und bei den Stadtverordnetenwahlen in Esten und Dortmund haben sogar hohe Regierrmgsbeamte in den Wahlkomi- teeS der Nationalliberalen gesessen, die mit der Sozialdemokratie förmliche Wahlbündnisse abfchloffen.

nimmt dos Wort zur Beantwortung der Interpellationen und stellt zunächst den Tatbestand fest: Infolge des Wahlkomprom.stcs zwischen Z.n'rum und Polen waren zu wählen drei Stadtver- ordnete der Zentrumspartei, zwei sagen wir einmal großpolnischer Richtung. (Lärm und Gelachter 'm Zentrum und bei den Polen. Abg. Ledebour ruft: Sagen wir einmal. daS war recht bureaukratiichl (Heiterkeit.) Be, den ersten Wahlen, die zu einem endgültigen Ergebnis nicht führten hat eine große Anzahl Beamter der preußischen Verwaltung. 84 Beamten der ReichSpost und ein Beamter der Remisbankver- waltung für diese beiden polnischen Kandidaten gestimmt (Rufe: llnb mit Recht!) Darauf werden wir so nachher noch komm.n' Bet der Stickwahl am 24. November haben 14 Postbeamten unb der obenerwähnte eine Reichsbankbeanite wiederum die beid n polnischen Kandidaten gewählt. Sie sind alsbald in anbere Orte verseht worden. Dies:? Verfahren deckt sich mit den Maßnahmen der preußischen Behörde gegenüber den diesen unterstellten Be­amten und hat die Zustimmung des Herrn Reichskanzlers ae° funden (Hört! Hort! im Zentrum und bei den Polen: Ber'all rechts und bei den Natl) Von den der Reichsv rwaltung ange­hörigen Beamten sind nur solche Beamten versehr worden, die in der Stichwahl wiederum den pvlnis*en Kandidaten ihre Stimme gegeben haben obwohl sie durch ihre Vorgesehen mündlich darüber belehrt waren (Lärm und Gelachter), welcher Parte, die beiden Kandidaten angehörten, unb in welcher Weise sie sich politisch be­tätigt hätten, und obwohl sie daraus aufmerksam gemacht waren, »ah mit den Pflichten eine» Beamten uNverembar fei. Be- strebungen dergrohpolnischsn Partei z u u n t er­st ü h e n. (Lärm im Zentrum und bei d n Polen.) Diese Ver. sehungen haben nicht den Charakter der Diszivlinarstrafe (Ge­lachter im Zentrum, bei den Polen und den Soz.), sondern sie erfolgten im Interesse de« Dienstes (Gelachter und anhaltender Lärm.) Wenn Sie von mir eine Auskunft wünsch n dann lasten Sie mir auch die Möglichkeit, diese Auskunft zu geben. Das ist mein gute« Recht, zu verlangen, daß Sie m-ch m Ruhe nnboren. (Beifall.) Diese Beamten sind versetzt mit gleichem Range und mit gleichem Gehalt. Sie sind versetzt unter Er­stattung der Umzugskosten in Orte, in denen sie nickt wieder Gefahr lausen können mit der Beamtendiszivlin in Konflikt zu geraten (Gelächter und Lärm), und wo sie in den Kr,ien der national gesinnten Bevölkerung Verwirrung und Unwillen nick erregen können, wie das in Kattowitz der Fall gewesen ist. Nun aehören die der ReichSpost» und T legraphenverwaltung unter­stehenden Beamten, die von Kattowitz versetzt worben sind, zu dersenigen Klaste von Beamten, die nach § 1 de? Reicksbeamten- gesetzes zwar ReichSbeamteu sind, aber nach Artikel 50 Abi atz o der Verfassung als Landesbeamten angestellt werden.

Diese Beamten haben zunächst den Charakter von

Landesbeamten, sie haben den Dünste,d der preußischen Beamten mit dem in Absatz 9 vorgesehenen Zusatz zu leisten daß sie dem König von Preußen und der preußischen Verfastiina Gehorsam zu leisten haben Schon aus diesem etwas mehr formalen Grunde war es nicht möglich, die Reicksbeamten ander? zu behandeln, als dies mit den preußischen Beamten ge­schehen ist. Gewiß stehen die Beamten grundsätzlich in der Aus­übung ihrer staatsbürgerlichen Rechte ollen übrigen Staats­bürgern gleich. (Sörtk Hort! im Zentrum). Aber die Freiheit der politischen Betätigung erfährt gewille Einschränkungen aus der Stellung der Beamten, die dem Staate zu dienen haben lLärm.) Diese Einschränkimaen sind nicht alle gesetzlich fest um­schrieben, sie sind zum Teil Folgen des Treueides, den der Beamte geleistet hat Sie sind aber auch für den Takt und das Pflicht­gefühl des einzelnen Beamten unschwer erkennbar. Sie waren auch im vorliegenden Falle nickt sckwer zu erkennen. (Lebhafte Zustimmung rechts und bei den Natl.) Es kann kentern Zweifel unterliegen, daß eS mit der Stellung des Beamten unvereinbar ist. wenn er Bestrebungen unterstützt, die in ihren 1 e fet e n Zielen gegen den Bestand des Staates gerichtet sind. (Großer Lärm bei den Polen und im Zen'rum.) Bei den schweren Kämpfen, die Preußen zurzeit in seinen Ostmarken zu führen hat handelt es sich darum, ob diese LandeSIeile, die in der harten Arbeit vieler Menschenalter zu kulturell ebenbürtigen Gliedern eines deutschen Staates geworden sind, der polnisch, slawischen Kultur anheimfallen und darum auch ihrer schließlichen äußeren Loslösung vom preußischen Staate, entgegen- aeführt werden. Wenn Preußen für diesen Fall nationaler Notwehr von seinen 93 amten unbedingte HeereSfolge ver- langt, so ist das sein gutes Recht und, ein Akt der Selbsterhaltung. Die Beamten des Reiches aber, besten Glieder sich zu einem Bunde zusammengeschlosten haben zum Sckutze deS B'indeSgeb-eteß und Erhaltung des in demselben geltenden Rechtes, verlassen den Boden, auf dem die Reichsverfassung beruht, wenn sie Preußen in diesem Kampfe in den Arm fallen. (Lebhafter, anhaltender

Ich stelle daS Material dem Staatssekretär zur Verfügung, wenn er vor diesem Hause das Versprechen abgibt, daß den be- treffenden Beamten nichts geschehen wird An einem Kalto- witz haben wir wirklich genug. Die Versetzungen sind von den be­troffenen Beamten als wahre Schicksalsschläge empfunden worden. Nun bestreitet die Regierung, daß es sich in Kattowitz um Straf- Versetzungen handelt. (Lachen im Zentr. und bei den Po- len.) Diese Behauptung ist bei allen meinen politischen Freun. den mit Verwunderung ausgenommen worden. In den Katlo- witzer Versetzungen sehen wir Repressalien gegen eine mißliebige politische Stellungnahme (Lebh. Zustimmung im Zentr.), eine Umgehung des geordneten Prozeßverfahrens. Das Zentrum kämpfte bei den Kattowitzer Wahlen um die konfessionelle Schule, die die liberale Mehrheit abgelehnt hatte. So berührten sich hier Kommunalpolitik und Religion. (Hort! hört! im Zentr.) Der eine liberale Kandidat war sogar Mitglied des Vor- standes des FreidenkerbundeS! Jedem seine Weltanschauung; aber man kann einem katholischen Reichsbeamten nicht zumuten, für einen solchen Mann zu stimmen. DaS hat sogar dieNational- liberale Korrespondenz" nicht verlangt. (Hört! hört! im Zentr.) Warum ist der Reichskanzler strenger als dieNalionalliberale Korrespondenz"? (Heiterkeit.) Zu diesen konfessionellen kamen auch in Kattowitz die verschärften politisäfen Gegensätze. Die bür­gerliche Linke nghert sich immer mehr der Sozialdemokratie, wie dieKreuzzeitung" kürzlich ausführlich barlegte. (Lachen links ) Diesen Ruck der Liberalen nach links sah auch der ein­fache Mann in Kattowitz. Die polnische Frage wurde gleichfalls anders beurteilt, nachdem selbst Graf Mirbach erst wieder einmal gesagt hat, nur durch ein versöhnliches Zusammenarb.i'en mit den Polen könne die Ostmarkenpolitik Erfolg haben. Und Professor Bernhard hat von einem Fiasko der Polenpolitik au dem Gebiet der Schule gesprochen. Da? hört man doch auch in Kattowitz. Man weiß dort auch, oaß die polnischen Abgeordneten die Reichsfinanzreform mitgemacht haben. Und nun das Verhal­ten der Kattowitzer Liberalen! Von liberaler Seite fiel das Wort von der ultromontanen Schweinebande. (Hört!

handeln, wie die Beamten in Kattowitz behandelt worden sind. Aber in der Polenfrage hat eine Zeit gegeben, wo die Polen recht liebe Kinder waren, in den Admiraiskt-Zeiten. Wenn die Beamten jedes Mal mit der Regierung ihre Ansichten wechseln sollen, dann entzieht man ihnen die Achtung, die sie zur Ausübung ihres Berufes brauchen. DaS Vorgehen des jetzigen Reichskanzlers erinnert an die schlimmsten Zeiten preußischer. Wahlbeeinslustungen in den fünfziger Jahren und in der Konfliktszeit. MifAi ,

Fürst Bismarck hat 1882 ausdrücklich im Reichstag erklärt, daß das Wahlrecht der Beamten vollständig frei fei. Und wört­lich fetzte Fürst Bismarck hinzu:Wir werden uns sogar genieren, einen Beamten zu maßregeln, und ich würde nie die Hand dazu bieten." Wie kleinlich ist dagegen die Auffassung deS Staats- fekretärs. Große Schuld trägt natürlich auch die öffentliche Ab­stimmung. Wir erwarten, daß das begangene Unrecht wieder gut gemacht wird. (Beifall im Zentrum und bei den Polen.)

Abg. Heinze (Natl.):

begründet die Interpellation feiner Fraktion. Durch die skanda­lösen Vorgänge in Kattowitz wird die Ehre der ganzen deutschen Nation beleidigt. Die oberfchlcsischc Spielart deS Freisinns ist die Schleppenträgerin des Großkapitals. Die Herren sind sozial­politisch ganz reaktionär und vom Polen- und Katholikenkoller be«

Hört! und große Unruhe im Zentrum ) Dann hielt man einen berühmt gewordenenDeutschen Tag" ab, veranstaltete Ferrer-Versammlungen und führte ein Theaterstiick auf, daß den Lehrerstand schwer bloßstellte. In einer Versamm­lung forderten die Redner zum MassenauStritt aus der katholischen Kirche auf. die eine VerbummungSanstalt sei. (Unruhe im Zentrum) Kannte die Regierung alle diese Umstände? Jedenfalls verlangen wir volle Aufklärung, weshalb Nachsicht unb Härte hier so auffallenb ungleich verteilt wurden. Führende Männer deS Ostmarkenvereins, die Beamte waren, haben den Polen für das kleinere liebel erklärt Der Pole war auch daß kleinere Uebel bei der Kattowitzer Wahl. Das größte

noch Glückwunschtelegramme zu ihren Festen. (Hört, Hört! Lei den Polen.) Der Redner geht eingehend nochmals auf die ein­zelnen Vorgänge in Kattowitz ein. Tie Kriegervcreine und ähn­liche patriotische Schlingpflanzen werden gegen diepolnischen Hochverräter" mobil gemacht. ES war eine unerhörte Taktlosig- feil, daß man dir Person des Kaisers in diesen lokalen Streit hineinzog. Aber der größte Polenjägei, der Regierungspräsident van Oppeln, wurde dafür sogar nut einem Kaiscrbilde beschenkt. Beamten, die Kinder auf höhere Schulen fchlckten, kamen an Crie, wo überhaupt keine höheren Schulen sind. (Hört, hört!) Die Regierung hat nur darauf gelauert, um die Beamten strafen zu können. Sie wallte ein Exempel statuieren und den Beamten ein für allemal die Lust nehmen, sich gegen die Hakatisten auf» zulehncn. Der Redner führt Beschwerde darüber, daß Post- beamten bestraft werden, weil sie in Uniform an Franleichnams- prozcssionen teilnahmen. Sie verlangen, daß die Beamten fo wählen, wie ihnen borgcfdiricbcn wird. Das ist eine Verletzung der Verfastung. Hätten wir ein parlaiuentariscker Regiment und einen Staatsgerichtshof, dann hätten die schuldigen Staatssekre- täve und Minister angeklagt werden müssen. Wir erwarten vom Staatssekretär nichts. Wir wissen, daß er wieder auS der Rum­pelkammer das polnische Gespenst hervorholen und nach allen Seiten hm und herzerren wird. (Beifall im Zentrum und bei den Polen.)

Staatssekretär Dr. Delbrück

Die ganze Maßregel kann nur richtig aus oem Milieu und den Umständen heraus gewürdigt werden. Deshalb ist ange­zeigt, die Frage der grohpolnischen Gefahr etwas weiter aufzurollen. (Sehr wahr!) Das polnische Reich ist zu Ende, unb die Polen müssen sich mit dieser Tatsache abfinden, sie müssen sich als treue, deutsche Staatsbürger in das deutsche Staatswesen einorbnen, wie es die Liltauer in Ostpreußen auch getan haben. Dabei lönnen die Polen selbstverständlich ihre Sprach-, ihre Nationalität sich bewahren. Die Polen halten aber an der Hoffnung auf Wiederaufrichtung deS polnischen Reiches fejt dieser Gedanke b.herrscht ihre ganze Seele. Die Polen fühlen sich'nicht in erster Linie als Rusien, Oesterreicher oder Preußen, sondern sie fühlen sich in erster Linie als Polen (Sehr richtig bei den Polen.), in erster Linie als Angehörige euteS polnischen Reiches, d.ffen Teile an drei Mächte verteilt sind Wie die Gefühle innerhalb der Polen sind, geht aus zahlreichen Aeußerungen hervor, aus Karten, auf denen die ganzen polnischen Abgeordneten der verschiedenen Länder und das polnische Reich als eine Einheit zusammengefaßt werden. Dieser Gedanke be­herrscht überall die polnische Presse in Deutschland, tn Rußland, in Oesterreich, in Westfalen, in Amerika, überall derselbe Ton, überall die Hoffnung auf die Zukunft P o le n s. iDer Redner berlieft eine Reihe bon Preßstimmen unter lebhaften Hört! Hört!-Rusen der Notionalliberalen u. auf derRecbten.) Dieses politische Gefühl wird genährt, wo es nur irgend gebt Ueberall wird die Trennung bon den übrigen deutschen Staatsbürgern ge­predigt. wird Haß gesät zwischen Polen und Deutschen. Die deutsck^n Staatsinstitutionen werden bet» öchtlich gemacht, der Glanz der polnischen Geschichte wird überall gepredigt; alles unter dem Gesichtspunkt, daß dieser Glanz einmal wiederkehre. Diese Wiederherstellung Polens soll selbstver- ständlick nicht mit Gewalt herbeigeführt werden, die Polen wisien, daß an Gewalt und bewaisn.-ten Aufstand zurzeit nicht zu denken ist. Aber die polnische Presse weist daraus hin, daß den Pisien die Zertrümmerung Deutschlands vorschweoen muffe. Wer sich einigermaßen in die polnische Presse vertieft, muß tatsächlich von der Gefährlichkeit dieser polnischen Kgtta_ton überzeugt werden. Ueberall findet sich das Bestreben des ~o5- sprengens bet Polen von den deutschen Mitbürgern. Diese Be­strebungen sind sehr klar dargelegt in dem Buche von Pro­fessor Bernhard. Die Polen werden fortwährend aus- gefordert, sich fernzuhakten von deutschen Vereinen. (Sehr richtig! bei den Polen.) Die polnischen Kinder werden ge- warnt, mit deutschen Kindern zu spielen. Deutsche Aerzte, Rechts- - anwälte werden von den Polen nicht konsultiert. Deutsche Hau- ser sollen keinen polnischen Dienstboten bekommen usw. usw. Wir können unter keinen Umständen im Interesse des Reichs dul- , den, daß an der gefährdeten Ostgrenze Millionen von deutschen Staatsangehörigen Tag für Tag fo gegen den deutschen Slaat aufgehetzt werden (Lebhafter Beifall rechts und bei den Natl.), weil darin eine Gefahr für uns bei internatio­nalen Verwickelungen läge. Bei der unruhigen rufst- scheu Bevölkerung kann leicht eine Revolution in Russisch-Polen auSbrechen, und dann könnten leicht Funken nach Deutschland hinübergetragen werden, wenn wir an der Ostgrenze eine Bevölkerung haben, die fortwährend auf­gehetzt wird. (Zustimmung rechts und bei den Natl.) Die Gefahr des Polentums für das Reich hat auch d e r A b g. v. P a h e t in einer Rede anerkannt. In Oberschlesien war früher von der aroßpolnischen Bewegung so gut wie nichts zu merken. Mil der starken industriellen Entwicklung Oberschlesiens haben sich dort alle Gegensätze verschärft und so ist Oberschlesien gewissermaßen der Wetterwinkel Deutschlands, geworden. Der Feuerbrand nationaler Agitation ist künstlich in Oberschiesten hineingetragen worden seitens der Posener Polen. Führer der oberschlesischen polnischen Bewegung sind zum Teil Posener Polen.

In Oberschlesien bedienen sich die Polen ganz bet)eiben Mittel wie in den anderen ehemalß polnischen Landestellen. Die Regierung sucht auf jede Weife die Gegensätze auSzugleichcn, die polnische Agitation aber läßt keine Einigung zu.Wer hat btejen Haß hineingetragen? (Zuruf der Polen' Ser marken- bereit!I) Nein, er ist bon den gcoßpolmfchen Agitatoren geführt wordcn, lange ehe der Ostmarkenbercin existierte. Denken Sw an die PsingstauSflüge, die nach Krakau gemacht werden, tote dort systematisch die Heiligtümer der polnischen Näsioii den Ausflug- lern aczeigt toerben, tote an den Den'.mälern Kranze tn den polnischen Farben niebergclcgt und aufrührerische Lieder ge- iniacn werden. Denken Sie an die vielen aufrührerischen An- ichtspostkarten, die selbstverständlich in Deutschland verboten int>, aber im Auslande so wett wie möglich berbreitct werden. Das ist doch zum mindesten c . n Spiel en mit d er Revolution. (Sehr richtig!) Angesichts dieser Zustande ist eS unbedingte Pflicht jedes Deutschen tn Oberschlesien, fest zum Deutschtum zu halten. (Lebhafte Zustimmung) Das Zentrum hat leider von Anfang an die ganze Bedeutung der polnischen Frage nicht erkannt, trotzdem auch aus seinen Rechen sich Stirn- men erhoben, daß die Agitation künstlich von den Polen huleln- getragen sei und Graf Henckel bon Donnersmarck ausdrücklich er­klärte, er halte die großpolnische Bewegung geradezu für ein nationales Unglück, das bon der ausländischen Agi- tation heraufbeschworen sei. (Hört, Höri!) Ich wundere mich über die Haltung des Zentrums, beim die polnische Agitation richtet sich doch auch gegen das Zentrum selbst. Die ZenirlirnS- partet sucht sich nun einzureden, daß der größte Teil der Polen trotz ihrer Bestrebungen loyale Staatsbürger seien. gibt aber keinen Unterschied zwischen den beiden Richtungen tm polnischen Lager. Herr b. KeScielßki bat ja darüber auch alle Zweifel gc- nommen, indem er sagte' wir haben auS politischer Klugheit ge lernt nicht auszusprechen, was ausgesprochen n ir schaden kann. Wir stehen also auf einem außerordentlich heißen Boden in Oberschl-fien, und eS ist klar, daß jeder Beamte in allererster Linie den nationalen Interessen in solchen Konsul-