Ausgabe 
10.6.1910 Erstes Blatt
 
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Deutschen Arbeitgeberbundes und der Organisation d-er neu- gegründeteii freien lothmngischen Bauhandwerkervereini- guug beschlossen, die Arbeit bis spätestens am 15. d. Mts. wieder aufzunehmen und zwar aus Gründ des vom Arbeit­geberbunde angenommenen Pertragsmusters der drei Un­parteiischen. Auf Vorschlag des Arbeitgeberbundes wurde eine Lohnerhöhung ab 1. April 1911 und eine weitere Lohn­erhöhung ab 1. April 1912 bewilligt, von je einem Pfennig. Somit wäre in Metz zwischen den Arbeitgebern und den nichtsozialdemokratisch organisierten Arbeitern der Friede im Baugewerbe wieder hergestellt. Die mit den Vertretern der Gewerkschaften geführten Verhandlungen haben zu keinem Ergebnis geführt.

Der württembergischeStaatsanzcigec" schreibt: An­gesichts der durch die Presse neuerdings verbreiteten un­günstigen Nachrichten über das Befinden des Königs sind ivir auf Grund neuester Erkundigungen in der Lage, folgendes zu erklären: Das Befinden des Königs läßt nichts zu wünschen übrig. Die krankhaften Erscheinungen, die sich im Laufe des Monats Mai gezeigt hatten, Neu­ralgie, im Zusammenhänge mit einer Ernährungsstörung, sind gänzlich behoben und Seine Majestät befindet sich außerhalb ärztlicher Behandlung.

Ausland.

Aus Paris wird gemeldet: Die Bediensteten der nördlichen Trambahn linien haben beschlossen^ den Dienst wieder aufzunehmen, nachdem ihre Forderungen bewilligt worden sind.

Der König von Spanien hat ein Dekret unterzeichnet, wonach der Journalist Jules Burell zum Unter- richtsminister ernannt ist. Ter bisherige Minister, Graf Romanones soll zum Präsidenten der Kammer gewählt werden.

Aus Teheran wich gemeldet: In Astrabad wur­den zwei russische Untertanen, von denen einer des Mordes beschuldigt war, während der andere nichts verbrochen hatte, von der Volksmenge ergriffen und nach verschiedenen Peinigungen durch Stockschläge und Stein­würfe getötet. Die von dem russischen Konsul geführte Untersuchung ergab die Mitschuld der O r t s ö b r i g - feit. Der russische Gesandte in Teheran forderte darauf energisch von der persischen Negierung die sofortige Entlassung und Bestrafung des persischen Gouverneurs und aller Personen, deren Schuld durch die Untersuchung er­wiesen war, sowie eine Entschädigung für die Hinterbliebenen des einen der Getöteten.

Aus Mexiko wird gemeldet: Die aus Pukatan gemeldeten lokalen Vorgänge spielten sich in dem entlegen­sten Teile dieser Provinz ab . Uebelgesinnte wiegelten einige hundert italienische Feldarbeit er auf. Diese überrumpelten die kleine, etwa 5000 Einwohner zählende Stadt Valladolid und verursachten dort Zer­störungen und Totschläge. Die Bundestruppen trafen am 8. d. Mts. früh 40 Kilometer vor der Stadt ein. Die Plünderer ergeben sich teils den Truppen, teils flüchten sie sich in Verstecke. Man betrachtet die Bewegung bereits als eingedämmt.

Wie dieAssociated Preß" aus Tokio meldet, haben Rußland und Japan ein volles Einvernehmen in den Fragen betreffend die O st a s i a t i s ch e n Angelegen­heiten erzielt.

Aus Stabt und Land.

Gießen, 10. Juni 1910.

** Lehrerkonferenz. Unter den, Vorsitz des Schulrats .Kleinschmidt sand gestern die Bezirkslehrerver- sammlnng der Lehrerschaft von Gießen-Land statt. Der erste Gegenstand der Tagesordnung trug den neueren Be­strebungen auf dem Gebiete des Aufsatzunterrichtes Rechnung, die dahin gehen, mehr selbständige Arbeiten zu erzielen. Im Anschluß an das im Geschichtsunterricht gewonnene Material hielt Lehrer Görz-Gießen eine beifällig beurteilte Unterrichts­probe, in der er zeigte, iuie ein solcher Aufsatz aufgebaut werden kann. Von den Mitteilungen des Vorsitzenden sei besonders hervorgehoben, daß es von der Unterrichtsbehörde - sehr gern gesehen wird, wenn bei den im Winter stattsindcnden Prüflingen der Fortbildungsschulen sich auch Eltern und sonstige Angehörigen der Schüler beteiligen, um so das Interesse für diese sehr wichtige Einrichtling immer mehr hervorzurufen. An die Verhandlungen schloß sich ein gemein- sames Mittagessen iin Hotel Schütz an.

" Männer-Turnverein. Feier des 25jähr. Bestehens. Man schreibt uns: Die Arbeiten der Aus­schüsse sind sorveit beendet, sofern diese die geschäftlichen Sitzungen anbclangen. Gießen, die altbewährte Feststadt, rüstet sich zuin lvürdigen Empfang der bereits in stattlicher Zahl angemeldeten Turner, und bietet alle seine Kräfte auf, um ihnen genußreiche, frohe Stunden zu bereiten. Alle Voraussetzungen für das Gelingen eines frohen Festes sind gegeben; weite Räume, herrliche Bauten sollen dem tur­nerischen Wirken, wie den geselligen Freuden dienen; die Fest­ausschüsse sind ihren oft schivicrigen Arbeiten gerecht geworden, der Wohnungsausschuß hat Quartier gemacht, der Wirtschafts­ausschuß hat fürs leibliche Wohl gesorgt, der Vergnügungs- ausschuß hat alle Musen höflich eingeladen und ihrer Mit­wirkung sich versichert, und der Finanzausschuß will ein sehr einnehmbares Wesen betätigen. Die Feststadt beginnt ihren Schmuck anzulegcn, eine gastfreundliche Bevölkerung reicht den kommenden Gästen freudig die Hände. Run möge der Himmel seine Glinst uns erweisen, es mögen die Turner und Festgäste einen frischen, fröhlichen Sinn mitbringen, und herrliche, frohe Tage werden uns erblühen. Turner, Freunde der Turnerei und Bürger werden gebeten, ihre Häuser zu schmücken.

Leihgestern, 9. Ium. Gemeinderat und Schul­vorstand beschlossen gestern die Einrichtung einer weiteren, der vierten Schulklasse.

§ Burkhards, 8. Juni. Während das obere Nidder­tal seither von den zahlreichen, aus dem Norden kommenden Gewittern verschont blieb, entluden sich heute nachmittag schwere Gewitter, begleitet von starkem Regen, Hagel und ungemein heftigen, sehr zahlreichen elektrischen Ent­ladungen. An der Telephonleitung zwischen Kaulstos und Sichenhausen traf ein Strahl mehrere Stangen und zer­splitterte sie, ebenso wlirden zahlreiche Bäume getroffen. Ein sogen, kalter Blitzstrahl fuhr in den hiesigen Kirchturm, zersplitterte Gebälk, zerstörte die alte Uhr und richtete an der Decke einigen Schaden an. Eine Blitzableiteranlage dürfte jetzt nicht ausbleibe»i, da vor einer Anzahl Jahren schon ein­mal ein Strahl den nördlichen Teil der Kirche traf. Im

Felde hat der Hagel aus den mit Korn bestellten Aeckern Schaden angerichtet.

A Helpershain, 9. Juni. Unsere alte, nicht mehr benutzte Kirche, die älteste Fachwerkkirche Oberhessens, ist dem Untergang geweiht. Es hat sich herauSgeslellt, daß das Gebäude dem Einsturz nahe ist, so daß seine Erhaltung große Summen erfordern würde. Der von der Gemeinde schon voriges Jahr beschlossene Abbruch, wird demnächst erfolgen.

X Büdingen, 9. Juni. Die Verhandlungen über die Verwirklichung des Kleinbahnprojektes Hanau- Büdingen sind von der Aktien-Gesetlschaft für Bahnbau und -Betrieb wieder aufgenommen worden. Vom preußischen Minister, der öffentlichen Arbeiten ist genehmigt worden, daß die Gesellschaft über die bemängelten Punkte mit der Eisenbahndirektion Frankfurt a. M. direkt verhandelt.

ch Butzbach, 9. Juni. Das Bahnge leise der Strecke Butzbach Ober-Kleen, das sich infolge des Unwetters an der Unterführung bei der Main-Weserbahn gesenkt hatte, ist nunmehr wieder in Ordnung gebracht worden.

Bad-Nauheim, 10. Juni. Der Kurdirektor Freiherr von Stark und Bürgermeister Kayser, die sich für die russische Kirche sehr verdient gemacht haben, erhielten vom russischen Kaiser Ordensauszelchnungen. Ferner erhielt Bau­unternehmer Peter 9lDnm III. die goldene Medaille.

X Bad-Nauheim, 9. Juni. Die heutigen Ver­anstaltungen der Kurverwaltung waren von der Witterung außerordentlich begünstigt und erfreuten sich deshalb eines starken Besuchs. Nachmittags konzertierte das Trompeterkorps des Thür. Ulanen-Negiments 9lr. 6 aus Hanau auf dem Johannisberg, abends auf der Teichinsel. Besondere An­ziehungskraft hatte natürlich wieder das große Feuerwerk ausgeübt, das abends am Teich veranstaltet wurde. Von nah und fern waren Besucher herbeigeeilt.

nn Darmstadt, 9. Juni. Der 2. Hessische Heb­ammentag wurde heute vormittag hier abgehalten. Es waren etwa 300 Hebammen erschienen. Als Ehrengäste waren anwesend die Geh. Obermedizinalräte Dr. Neidhardt und Dr. Hauser, sowie die Kreisärzte aus Mainz, Gießen, Friedberg, Darmstadt 2C. Negierungsrat Pistor vertrat die Großh. Zentrale für Säuglings- und Mutterschutz. Ansprachen hielten die Herren Dr. Neidhardt und Pistor, der besonders darauf hinwies, daß durch den Zusammenschlliß aller hessischen Hebamnien in einem Verbände, die Frage der Versicherung hoffentlich bald gelost werden könne. Nach der Mitteilung des Redners sei die Großherzogin bereit, das Protektorat über den Verband zu übernehmen. Der Jahresbericht und Kassen­bericht wurden genehmigt. Hieran schlossen sich Vorträge.

X Hanau, 9. Juni. Die Stadtverordneten ge­nehmigten die Bereitstellung eines Betrages von 1200 Mark zur Fürsorge sür die schulentlassene Jugend. Den sich freiwillig dazu meldenden Zöglingen der beiden Fort- bildnngSschulen und der Zeichenakademie, soll turnerische Ausbildung durch die Tnrngemeinde geboten werden. Auch sollen belehrende Vorträge und gememfanie Ausflüge, wie auch Besichtigungen veranstaltet werden. Ferner trat die Stadtverordnetenversammlung einem Magistratsantrage bei, auf Bildung eines gemischten Ausschusses für die Errichtung eines Kaiser-Wil Helm-Denkmals. Vorhanden ist ein Denkmalsfonds von 78 000 Mk., der entstanden ist aus zwei Vermächtnissen der Jahre 1871 und 1896 mit den auf­gelaufenen Zinsen. Der Kriegerverein hat den Magistrat gebeten, der Denkmalserrichtung alsbald näher treten zu wollen, damit die alten Krieger diesen Akt noch mitcrlcben konnten.

Schwurgericht.

Verhandlung gegen den früheren Rechtsanwalt Wilh. Klarenaar wegen Meineid, Betrug und Unterschlagung.

(Schluß.)

th. G i e ß e n, 9. Juni.

Der Angeklagte Klarenaar sagt bei seiner Vernehmung aus: Am 1. Mai v. I. habe ihn der Landwirt und Schuh­macher Wießner aus Königsberg ausgesucht, der von dem Handelsmann Reinberg von Hohensolms verklagt war. W. übergab K. eine Rechnung. K. will auf Grund der Rechnung ausgerechnet haben, daß Wießner in der Sache noch 6,50 Mk. an den Handelsmann zahlen müsse. Klarenaar schrieb auf die Rückseite der Rechnung einen Briesentwurf, worin er Reinberg mitteilt, wofür ihm 6,50 Mk. gezahlt werden. Diesen Brief­entwurf hat er an Wießner gegeben, damit dieser die Angelegeir- heit mit dem Handelsmann besorge. Wießner habe aber ge­beten, daß Klarenaar die Sache vertreten solle und habe ihm 7,50 Mk. gezahlt. Von diesem Betrage habe er 1 Mk. für seine Mühe behalten: er habe sich von W. eine Blankovollmacht aus- stellen lassen und diese mit den zur Sache gehörenden Papieren und dem Betrage von 6,50 Mk. an den Rechtskonsulenten Rei- beling, seinem früheren Bureauvorsteher, zur Ordnung und even­tuellen Terminsvertretung übergeben. Unwahr sei Wießners Be­hauptung, er habe ihn damals beauftragt, mit der Sache Rechts­anwalt Dr. Meuser zu betrauen. Er habe Wießner gesagt, die Sache könne im Termin Reibeling vertreten. Insofern habe er in Butzbach als Zeuge die Wahrheit beschworen. Er sei als Zeuge weiter gefragt worden, ob Wießner ihm einen Kosten Vorschuß von 7,50 Mk. gezahlt habe, auch diese Frage habe er der Wahrheit entsprechend verneint. Bis dahin geschah seine Vernehmung in Butzbach in Abwesenheit des Rechtsanwalts Dr. Meuser, der in einem Protzeß Reibeling gegen Wießner den letzteren vertritt. Als Dr. Meuser kam, ttnrrbe ihm mitgeteilt, daß die Vernehmung bereits abgeschlossen sei. Meuser erklärte, nachdem er von dem. Inhalt der Zeugenaussage Kenntnis genommen, er habe noch einige Fragen zu stellen. U. g. wurde auch die Frage an K. gerichtet: Also die 7i/» Mk. Vorschuß haben Sie nicht erhalten, falben Sie denn von Wießner überhaupt keinen Kostenvorschuß bekommen? Diese Frage habe er verneint. Der Angeklagte gibt zu, daß er nach dem Protokoll Unrichtiges beschworen habe. Er versichert aber, er habe in Butzbach nicht gewußt, daß ihm Wießner überhaupt Geld gegeben habe. Auch als er über die Angelegenheit als Angeschuldigter vernommen wurde, tonnte er sich nicht er­innern und erst nach langem Nachdenken und nachdem seine Frau seiner Erinnerung zu Hilfe gekommen sei, sei ihm der ganze Tat­bestand wieder ins Gedächtnis zurückgekommen.

Der Zeuge Wilh. Wießner will mit Dr. Meuser schon vorher über die Sache verhandelt haben und sei an diesen gekommen, weil er die Praxis von Klarenaar über­nommen hatte. Dr. Meuser war ün Hotel Viktoria nicht an- zttt reffen. Der Kellner oder der Wirt sagte ihm, er solle nur zu Klarenaar gehen, da würde er vielleicht Dr. Meuser antreffen Der Zeuge ist auch hingegangen und behauptet, Klarenaar gesagt zu haben, daß er schon bei Meuser gewesen sei.

Der Zeuge Rechtsanwalt Dr. M eufer erklärt zur Zeugen­vernehmung Klarenaars vor dem Amtsgericht Butzbach, daß er zu spät in den Termin gekommen sei. Er erinnert sich, daß K. ausgesagt hat, er habe überhaupt von Wießner fein Geld bekommen und Wießner habe ihm auch keinen Auftrag erteilt, ihn mit seiner Vertretung tm Prozeß Reinberg zu betrauen, damit sei für ihn die Sache geklärt gewesen. Für ihn habe die Frage wegen d^.

7,50 Mk. überhaupt kein Interesse gehabt, ibn habe mehr die Frage interessiert, ob ihm der Angeklagte einen Prozeß aus der Hand genommen habe.

Zeuge Reibeling erklärt, daß er Bureauvorsteher bei Klarenaar und später bei Dr. Meuser war, dann hat er sich als Rechtskonsulent unabhängig gemacht. Auf die Frage: Haben Sie Zeuge die 6,50 Mk. vom Angeklagten bekommen oder haben Sie den Betrag nicht bekommen? sagt Reibeling: Ich kann dies nicht genau sagen! Vorsitzender: Früher haben Sie ganz bestimmt ^usgesagt, Sie hätten den Geldbetrag vom Angeklagten nicht bekommen. Wie wollen Sie den Widerspruch ausklären? Reibc- ling: Ich habe zu Hause alles genau nachgxsehen und nichts ge­funden. Ich glaube auch, daß ick das Geld nicht erhalten habe, Uber ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, daß ick es nicht be­kommen habe, ebenso wenig weiß ich, daß mir das Geld gezahlt ift. Der Vorsitzende sucht zu ermitteln, ob vielleicht durch eine Mitteilung des Zeugen Reibeling an Dr. Meuser die Erklärung, daß 7,50 Mk. Vorschuß an Klarenaar gezahlt sei, in die Hand-« ttkten gekommen ist. Reibeling bestreitet, Meuser etwas der-« artiges gesagt zu haben.

Der Angeklagte Klar ena ar sagt Reibeling, der ihm gegen­über gestellt wird, ins Gesicht, daß er ihm die 6,50 Mk. gezahlt hat. Dieser erklärt: Ich weiß! es nicht, den Betrag erhallLn zu haben.

Die Vernehmung des Handelsmannes R e i n b e r g von Hohen­solms ergibt nichts Erhebliches.

Tr. Fritz Kull mann hat als Anstaltsarzt Klarenaar in der Zcllenstrafanstalt Butzbach behandelt und erklärt, er habe beobachtet, wie der Angeklagte häufig hochgradig erregt war während der Verbüßung seiner Strafzeit, besonders wenn Wer- hältnisse aus seiner früheren Praxis an ihn herantraten. Ge­dächtnisstörungen habe er nicht beobachtet, er könne aber sagen, daß solche bei vollkommen normalen Menschen vorkommen.

Pfarrer Joh. Amboß schildert, daß Klarenaar in der Straf­anstalt sich in Stimmungen befand, die ihn zweifeln ließen, ob der Mann zeitweilig als normal denkender Mensch zu be­trachten sei.

>Den Geschworenen werden folgende Schuldfragen vor­gelegt: wegen Unterschlagung und für den Fall der Bejahung wegen Untreue, sowie wegen Meineids bezw. fahrlässigen Falsch- eids.

Staatsanwalt Trümpert führt aus, nach der Beweisauf­nahme sei die Anklage wegen Untreue und Meineids nicht mehr aufrecht zu erhalten. Die Anklage wegen fahrlässigen Meineids bleibe aber bestehen und diese bitte er zu bejahen. Der Angeklagte hat unter Eid bekundet, er habe von Wießner kein Geld bekommen und dies entspricht nicht der Wahrheit. K. hätte als Jurist diese Aussage nicht machen dürfen.

Rechtsanwalt Kaufmann führt in längerer Rede aus, daß sein Klient objektiv Falsches nicht beschworen habe. Es fehle hierfür der Beweis. Es stehen Aussage gegen Aussage.

Nachdem der A n g e k l a g t e in einer kurzen Schlußausführung sich an die Geschworenen gewendet falt, ziehen diese sich zu einer kurzen Beratung zurück, worauf der Obmann Kaufmann Bücking den Wahrspruch verkündet, der auf nichtschuldig für sämtliche Schuldfragen tautet.

Der Gerichtshof spricht darauf den Angeklagten von Strafe und Kosten frei. Der gegen ihn erlassene Haftbefehl wird aufgehoben.

Der Allensteiner Mordprozetz.

> ,A l l e n st e i n, 9. Juni.

Frau v. Schönebeck-Weber hat sich am heutigen Ver­handlungstage anscheinend von den Aufregungen des Lokaltermins erholt und sieht recht wohl aus. Ihre Vernehmung über ihre Beziehungen zu dem Hauptmann v. Göben wird fortgesetzt, lieber die Vorgänge am Morgen nach der Mordnacht will sich die Angeklagte nicht mehr erinnern, wenigstens nicht an Einzelheiten. Was sie davon wisse, habe sie aus den Erzählungen anderer gehört. Auch daß sie zu Herrn v. Göben geäußert haben soll, wie dieser bekundete,ich leide schon seit vier Uhr", bestreitet die Angeklagte ganz entschieden. Sodann gelangen die Protokolle über die Vernehmung v. Goebens zur Verlesung.

Die erste Vernehmung Göbens fand am Morgen nach der Tat statt. Gäben erklärte: Ich habe gestern abend bis etwa 91/« Uhr mit Major v. Schönebeck und seiner Frau zusammen geweilt. In den letzten Tagen war Major v. Schönebeck schlechter Laune. Das schien er auch anfangs gestern zu fein, aber dann war er guter Laune. Ich sollte ihn heute früh zur Jagd abholen. Als -h zehn Minuten vor acht Uhr im Krümperwagen vorfnhr, teilte mir der Bursche mit, daß Major v. Schönebeck sich erschossen habe. Bors.: Dieses ist die erste Vernehmung des Herrn v. Göben. Am Nach­mittag wurde Frau v. Schönebeck in der Wohnung des Ritt­meisters v. Grätz vernommen. Zuerst glaubte man an einen Selbstmord des Majors v. Schönebeck. Diese Annahme ließ man aber fallen, als man die sechs Patronen in seinem Re­volver fand. Auch die Art des Fenstervcrschlufses kam zur Sprache. Die Angeklagte hatte angegeben, daß sie sich um V2II Uhr in ihr Zimmer hinaus begeben habe. Dann sagte die Än- gefiagte weiter:Wer den Schuß auf meinen Mann abgegeben hat, weiß ich nicht. Ich habe nicht den geringsten Verdacht." Ange kl.: Daran kann ich mich gar nicht erinnern. Vors.? Hatten Sie damals schon eine Ahnung, daß Herr v. Gäben der Täter gewesen sein könnte? Angekl.: Das weiß ich nicht mehr. Bors.: Haben Sie an Göben gar nicht gedacht? Angekl.: Ich konnte mir doch unmöglich denken, daß Gäben meinen Mann erschossen habe. Vors.b Nun entwickelte sich die Sache weiter und Herr v. Gäben wurde wiederum ver­nommen. Die zweite Aussage, die er noch als Zeuge gemacht hat, datiert ebenfalls vom 27. Dezember und lautet: Ich ging am ersten Feiertag von der Familie Schönebeck direkt nach Hause und kam um 1/210 Uhr abends zu Hause an. Ich ging dann noch, einmal weg, um| etwas zu besorgen, kam aber bald nach Hause zurück. Ich blieb nur etwa 10 Minuten weg. I d.tvgta mich dann schlafen. Mein Bursche will mich 10 Minuten vor 6 Uhr geweckt haben. Meiner Ansicht nack muß es später ge­wesen sein. Ich fuhr dann sofort zur Villa Schönebeck. Dort erzählte man mir, daß der Major sich erschossen habe. Ich hielt das für unwahrscheinlich, da ein Selbstmord nicht imjkbaraftcr des Majors lag. Ich ging dann ins Eßzimmer uno iah von dort aus die Leiche des Majors liegen. Ich sah die Leiche nur kurze Zeit an. Als ich in den Hausflur kam, härte .ich Frau v. Schönebeck laut sckreien. In der Meinung, es könnte ein Unglück passieren, lief ich direkt in ihr Zimmer hinein. Ich versuchte sie zu beruhigen und schlug ihr vor, mit den Kindern zu der befreundeten Familie des Rittmeisters v. Grätz zu gehen. Die Leiche des Majors sah ich erst wieder bei der gerichtlichen Leichenschau, als ich als Zeuge vernommen wurde. Meiner Ansicht nach ist der Major von einem Dieb ober Ein­brecher erschossen worden, der es auf das Silberzeug im ©al01t abgesehen hatte. Mit Major v. Schönebeck stand ich äußerlich sehr gut, ich verkehrte aber weniger seinetwegen bei ihm als seiner Frau wegen. Mit ihr stand ich in srenndschaftlichem Ver­hältnis. Auf die Frage des Kriegsgerichtsrat Conradi, wo er die drei Schrammen auf der Nase bekommen habe, antwortete Gäben, daß er sich die Schrammen beim Befestigen des Weihnachts­baums in der Schänebeckschen Wohnung zugezogen habe. Gegen die Haussuchung hatte Gäben nichts eiiizuwenden, er bat sogar darum." Vors.: In dieser Aussage wird ja auch mit dem Ge-* danken des Diebstahls operiert und der Diebstahl als Silber-i diebstahl spezialisiert. Das ist eine nach der Anklage auffallende Ucberemftimmuiig, die beweisen soll, daß Sie Kenntnis von dieser Sache hatten und daß eine vorherige Vereinbarung stattgefundeni hat. Was haben Sie dazu zu sagen? Angekl.: Ich sage, es lag keine vorherige Vereinbarung vor. Da der 6K- richtsherr aber doch Verdacht schöpfte, verbot er ihm, sich Front v. Schönebeck zu nähern. Trotz dieses Verbots hat Goeben aber eine Zusammenkunft mit Frau v. Schönebeck angestrebt. Angekl.: Es wurde mir verschiedentlich gesagt, er wolle mich sprechen/ ick habe ihn aber nicht empfangen. Vors.: Aber Sie haben! ihm am 27. Dezember einen Brief geschrieben. Angekl.: Ja. Vors.: Was steht darin? Angekl.: Ich scknieb, daß ich bedauere, ihn nicht empfangen zu. können, er möchte ruhig zu-«