Die heutige Nummer umfahr 14 Seiten.
Ion.
politijdK Wochenschau.
Gießen, 8.
Daß im Jahre 1910 eine halbe Million Mark für die Besserung der Beamteneinnahmen flüssig gemacht werden soll, kann man nur mit Verfall begrüßen. Es rst ober befremdlich, daß mit der Sparsamkeit anscheinend nrcht ganze Arbeit gemacht werden soll. Tas Volk wird fick wundern, daß sogar der sozialdemokratische Abgeordnete Ulrich gemeint Yaoen soll, von einer größeren Sparsamkeit werde nicht viel die Rede sein können. Wie viel mal soll es wiederholt werden, daß die Vereinsachung der Verwaltung außerordentliche Eriparnisse versprechen könnte! Mit Recht hat die „Franks. Ztg." gestern den Standpunkt vertreten, den wir schon früher eingenommen haben, daß z. B. unsere Lolalverwaltungen viel Lostpsieliger gehalten werden als in Preußen, wo man trotzdem noch an die Ausschaltung einer der drei größeren Verwaltungsinstanzen denkt. Wollte der Ossenbacher sozialdemokratische Fjkhrer dies etwa bestreiten? Wenn am Ende dieses Monats die
Krug gepellt, wiederholt war das Lteo des braven Mannes gesungen worden, aber ach, auch das war eine Komödie der Iwungen. Trotz langer und breiter Vorverhandlungen ist der Freisinn erst nachträglich dahinter gekommen, daß Herr Krug ein eingeschriebenes Mitglied des Bundes der Landwirte ist. Er hatte so schön gesprochen und für die Erbschaftssteuer sich erwärmt. Trotzdem stieß ihn Die Epenacher Linke von sich. Atan mag über diese Komödie der Irrungen denken wie man will, aber man kann den Nationalliberalen keinen Vorwurf machen, daß sie praktische Politik machten und an die Stelle des Herrn Krug einen anderen Kandidaten aus ihren Reihen stellten.
Während in Preußen erst die kommende Woche durch die Eröffnung des Landtages das politische Leben entfachen wird, haben die hes,ischen Volksvertreter schon gearbeitet Der Wiederbeginn der Kümmertagung hängt noch von dem Ergebnis der Ausschußberatunaen ab. Was aus den Sitzungen des Finanzausschusses der Zweiten Kammer bisher veröffentlicht worden ist, kann bte Sorge um die Zukunft nicht beschwichtigen. Gestern sind die Herren aber eine vorläufige Abmachung einig geworden, die eine Grundlage zur Verständigung mit der Regierung und der Ersten Kammer bilden soll. Demnächst wollen bie Ausschüsse beider Kammern eine gemeinsame Sitzung veranstalten. Wenn bie Abmachung wirklich der Weisheit letzten Schluß bilden soll, so haben wir keinen Anlaß zu freudiger Zustimmung. Es ist vor allem nicht ganze Arbe.t gemacht worden. Wenn man vom Ausschuß unserer Voltserwählten natürlich auch noch nicht die unumwundene herzbefreiende Aussprache und Kritik erwarten, wenn das Wort- das auf aller Zunge liegt, auch noch nicht gesprochen werden konnte — so viel kann man aus den spärllchen Verlautbarungen doch entnehmen, baß int ganzen Energie und Wucht der Volksmeeinung sich nicht durchgesetzt haben. Statt einer 30prozentigen Steuererhöhung sollen wir einer solchen von nur 2o Prozent gewärtig sein, und der Regierung soll Zeit gelassen werden bis Ende des Jahres 1911, ihre Vorschläge zur Vereinfachung der StaatsoeMvaltung zu machen! Ta geht es mit der Verwaltungsreform am Ende ja in Preußen schneller, das doch etwa 45 mal größer ist, denn es hat einen Flächeninhalt von 346 545,4 qkm mit 31855 123 Einwohnern, während bei uns die Staatsverwaltung nur auf 7681,73 qkm zu schallen und über 1039 388 Einwohner zu walten hat'
Gicfzenev Sta-ttheater.
Moral.
Komödie von Luowig Thoma
Schon bie Römer haben bie Satire gepflegt und im vorigen Jahre sahen wir Wieds prächtige Verspottung des Spießbürgers in 2 x 2 = 5 mit jröi)liajem Behagen über unsere Bühne geben. An dies es feine, geistvolle Werk des Dänen erinnert Thomas lustige Komödie von der Moral, aber es fehlt ihr die glückliche (Gestaltungskraft und auch das heitere Lächeln, mit dem Wied seine Menschlein behandelt Thoma redet zu viel und bildet zu wenig, aoer was er sagt, wie er das sagt, das leuchtet uno blitzt von Geist und Witz. Genuß, feine Menschen sind Karilllluren, nach seiner Behauptung wären alle Menschen, die von der Moral reden, im Grunde unmoralische Heuchler — aber erstens meint er das gar nicht so ernst, zweitens wollte er ja eine Satire unseres Gejelkschaftslebens schreiben und drittens fühlen sich natürlich immer nur — „die anderen" getroffen, eonft hätte das Merkchen auch wohl kaum seit zwet Jahren überall so außergewöhnlichen Beifall gesunden. Es ist doch einmal eine Abwechselung in dem ewigen einerlei unserer Liebeslustspiele, und wo nur, in welcher Form, man auf Geist trifft, er erfrischt immer. Darum kann man auch über diese Moral so Herzhaft lachen — trotz ihrer Längen, trotz ihrer übermütigen ersten Auszüge und trotz der Verallgemeinerung. „Donnerwetter, i|t der Thoma ein Kerl, der sagt's ihnen!" hörte ich gestern abend sagen. Ja, der Thoma ist ein prächtiger Kerl, voll echt ba.-rischen Freimutes, aber ob er es bloß „ihnen" sagt und nicht uns allen?
Man vermeint, im Simplirissimus zu blättern, wenn tnan sich die Leutchen ansieht, bie von ber Moral reden und eigentlich gar nicht roijen, von was sie reoen — und schließlich zu bem Schluß kommen, baß ber Skandal erst an fängt, wenn bie Polizei beginnt, ihm ein Ende zu machen. Und bas ist benn auch der Inhalt des lustigen Stückchens.
In Emilsburg, der Hauptstadt des Herzogtums Gerolstein, hat sich ein liebevolles Mädchen nieocrgeiaffen, das über alle seine Besucher gewissenhaft Buch fuhrt. Durch einen namenlosen Bries wird die Polizei auf das Fräulein aufmerffam gemacht und bei der Verhaftung findet sie natürlich auch das Tagebuch, in dem unter vielen anderen
auch Vorstan^smüglie^er des nengegrünüeten Sit.lichkells- vereins ausführlich verzeichnet )ino. Darob allgemeine Bestürzung. Aber glücklicherweise zählt auch der Erbprinz zu den Besuchern, ja er war sogar samt seinem Erzieher während der Verhaftung im Kleioerschrank des reizvollen Fräuleins verborgen. Eine gerichtliche Verhandlung muß also vermieden werden. Man beabsichtigt, das Fräulein gegen eine Sicherstellung aus der Hast zu entlassen und sie ,oll dann über die Grenze flüchten. Diese Lösung scheitert aber an dem Widerstand der Schönen, die eine angemessene Entschädigung verlangt. Und — der Silllichleitsoerein stellt die Kaution und zahlt die Unterstützung — und sein ehrenwerter Vorsitzender erhält nicht nur einen Orden, er wird auch geadelt. Außerdem kann er nun auch wieder ruhig schlafen und nach wie vor eine rege Wahltällgceit als Kandidat der libera.-lonservativen Partei entfalten.
Dies ist in kürzen Zügen der vergnügliche Inhalt ber witzigen Komödie, die aber eigentlich doch keine Komödie ist, weil der rein dichterische Wert des Werkes doch sehr zweifelhaft ist, wenn überhaupt die Rede davon sein kann.
Am besten gelungen ist unbedingt der zweite Aufzug mit bem sehr lustigen Verhör bes schönen Fräuleins und dem höchst gelungenen Auftritt des um seinen Ruf besorgten Reichstagsmndidaten. Recht matt und ohne liefere Berechtigung ist der An^ang-bes dritten Auszuges, denn die Auseinandersetzung ^mifajen dem Vorsitzenden des Si.llichleits- vcreines und seiner Frau ist gar nicht am Platze, und so bliebe von bem ganzen Stück eigentlich nur der zwecke Auszug. Aber — Thoma ist derart witzig und schlagfertig, sein Dialog ist derart glänzend und fein zuge.pitzt, baß man alles andere vergißt und sich fröhlich dem o,t grimmigen Humor des Ver,a,sers überläßt. T.-omas Humor i,i em e.gen Ting. Man glaubt zuerst, er spiele nur, aoer p.ötzlich kommt er in Feuer, zeigt er die Krallen und geht seinen Menschlein mit tjeiligem Zorn zu Leibe, denn es ist ihm bitterer Ernst um die Sache, die er in ein so lächerliches Narrenueid gesteckt hat. Moralisch sein, nicht morahfclj reden, das ist es, worauf es amommt. Zöllner verlangt er und keine Pharisäer, leine Moratprotzen. Die Tugend, die sich auf die Straße ,teilt und jeucu auf fiiij uno i.,re Wurde a-ifnurjam macht, aas ist ihm ein schlimmes Laster. So hat das Werk, das so viel übertreibt und verallgemeinert, im Grunde einen höchst slltckchen Kern, der auch den Widersachern nicht entgehen kann.
Was nun die Et^cuierHeicynung anaeht, so ist als ehrliche Haut nur der blonde Hüne gelungen, dem es wirklich e^nst ist um die Moral, ob.chon auch er gestrauchelt und auch gefallen ist. Tie übrigen Figuren sind alle mehr oder weniger zu iijrem besonderen Zweck zurechtgemacht, sind '/ in gewissem Sinne körperlich gewordene Leitartikel; besonders die über alle Maßen kluge Frau Lund, das Sprachrohr des Dichters, und zum Teil auch der Justizrat Hauser, der Sarkasmus des Dichters, der blendende Worte zu prägen versteht.
Die hiesige Aufführung, ber man mit der Bezeichnung , lllerarischer Abend ein besonderes Mäntelchen umgehängt - halte, war im ganzen wie im besonderen gut gelungen und ianb banL’bare Anerkennung. Hermann Norden, der auch die Leitung mit glücklichem Geschick besorgte, schuf eine sehr ergötzliche und unterhaltsame Gestalt und wußte bte mannigfachen Nöte des Llocklandidaw'n mit glaubhaftem Humor oarzustellew Ferry Daubal spielte den blonden Hünen Wasner, der feit Jahren alle „£)bjBonitäten" sammelt, mit behaglicher Würde und ehrlichem Eifer, nur hätte ich ihm einen sorgsälligeren Bart gewünscht. Edgar Pauly belebte die unmögllche Gestalt des Polizeiprä, identen mit hervorragendem Geschick. Rudolf Goll spielte den Assessor, „der die Sittlichkeit unter sich hat", mit köstlicher Laune und automallscher Hochachtung; seine devoten Verbeugungen vor dem Fernsprecher waren ausgezeichnet beobachtet Mit entzückender Liebenswürdigkeit und mit graziösem Schick spielte Fränzi Koch — mit dezenter Zurückhaltung — den Zan^tp.ei von Emilsburg, ohne die Keckheit des liebenswürdigen Maidleins irgendwie zu übertreiben. Der Prinzen- erzie^er wuroe von Kurt Gühne in ausgezeichneter Maske und ganz im Sllle Reznicels mit vorzüglicher lieberlegen- Ijcit gegeben. Eine Hetzer,reuende Gepalt war auch der Schreiber, den Paul Urban jamos barftellle. Elly Gühne spielte die weise Frau Lund mit sehr angebrachter Zurückhaltung, Rots Gunolt den scharfäugigen Jastizrat ohne jede Auchringlianeit, zu ber die Rolle leicht verleiten kann, aber etwas mehr Sarkasmus wäre wohl gut. Aber auch in die,er mehr millellig-hutnorvollen Aus,assung tarn sie gut zur Geltung. Von oen übrigen Darstellern seien noch iiore Scholz (ainaj, Karl Volck (Bolland), Ada Pauly (Klara) und Karl Marx (Döbler) erwähnt
Karl Neurath.
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tatkräftiger Helfer Herr Rdüller-Meiningen, hätten sich aus I Vollversammlung unserer Svenen Kammer wieder tagen die Seite ber nationalliberalen Kandidatur des Landwirts I wird, kann man auf sehr imcrefiante Auseinandersetzungen
Das Jahr 1910 hat, was wir nicht beklagen wollen, bis jetzt leine politische Sensation gemacht Me Reichs- hauptstadt hat nur einige Ereigni.se von anschaulicher Bedeutung oder vielmehr Bedeuiungslo>igkeit gebracht: em chinesischer Prinz, der mit anderen Wißbegierigen des Himmlischen Reiches unsere Marineeinrichtungen besichtigen will, bat einige Stunden beim Kaiser gesessen, und die neugierige Welt hat einen Austausch von Begrüßungsreden vernommen, die wie Sckjaum zerronnen sind und keinerlei Kritik eine Handhabe bieten. Die Zeiten haben sich geändert, feit der Suhneprinz zerknirschten Gemütes vor den aülerbehelm- ten Hohenzollern trat . . . Auch seit Bethmann-Hollwegs Walten tritt ber Kaiser aus seiner Zurückhaltung nicht heraus. Es mußte ein wenig überraschen, baß er Hermann Sudermanns, des „Modernen", neuestes Werk zweimal seines Interesses gewürdigt und daß ber Ver^a.seL der „Strand- Ander" beim zweitenmal anscheinend „lobende Erwähnung" in einer persönlichen Anrede gefunden hat Alles Unmutes kritische Sorge hat sich auf das Haupt des Verwalters unserer bemfchen auswärtigen Angelegenheiten, Herrn von Schoen, oder, wie er sich vielleicht noch lieber nennen hört, Baron be Schoen, gesammelt Wir wollen nicht alte Vorwürfe wiederholen, aber ber Fall des venezolanischen Farmers Haß, eines Reichsdeutschen, der statt des Sck)Utzes seiner berechtigten Jnterefien auf das Eingreifen des deutschen auswärtigen Amtes ber Au,sicht von Irrenärzten teilhaftig geworden ist, hat ein sehr ernstes Aufsehen und ballt am Reichstagshimmel eine Wolke zusammen. Wir können von hier aus einstweilen nicht nachprüfen, ob i» ber Wil- helmstraße wirklich so teuflische Gewissenlosigkeit am Werl gewesen ist unb möchten es einsttveilen sehr gerne bezweifeln. Jebensalls war so schweren Angriffen gegenüber bie auch von uns veröffenllichte Notiz ber amtlichen „Nordb. Allg. Ztg." von einer geradezu bejammernswell Hilflosigkeit Man vergegenwärtige sich nochmals, daß in einem Berliner Blatt (ber „Tagt Rund sch.") bie Anklage erhoben worben ist lediglich aus Anregung des Auswärtigen Amtes, also ohne Antrag eines Dritten, sei ein unbequemer Nörgler und Bittsteller bem J.renhame übergeben worbenLan^e Irrungen scheinen auerbmgs vorausgegangen zu fein, ber amtliche Untersuchungsapparat soll äußerst langsam^unb stöhnend funllioniert haben — wenn bie Angaben der T R. stimmen — unb zwischen dem deutschen Schutz.üchenden uno bem Berliner auswärtigen Amte hat leine Brücke bes Ler- stänbnisses geschlagen werden können. Ob dies an der totalen Geistesgestörtheit des Herrn Haß ober an ber mangelnden Bereitwilligkeit ber politischen Behörde gelegen hat, bas müßte eine sehr ernste Gerichtsverhanblmig entscheiden. Bisher hat Herr v. Schoen sich zu dieser Anregung noch nicht entschlossen. Obgleich dies bei so schweren Verdächtigungen alle Welt hätte erwarten müssen.
Eine interessante politische Spannung war noch im Eisenacher Reichstagswahllreis, wo Herr Schack den Staub von den Füßen hatte schütteln müfsten, eingetreten. Man wird sich erinnern, daß öfter mit Anerkennung hervorgehoben worden war, bie Freisinnigen, an ihrer Spitze als
Nr. 6 Erstes Blatt 160. Jahrgang Samstag 8. Januar 1910
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gejajjt sein. Ho,fentlich erhält bann das Bild kräftigere Farben!
politische Sagesschatt.
Friedrich Naumauu über Bismarck.
Der bekannte freisinnige Abgeoronete Friedrich Naumann gräbt ein schon vor Jahren erschienenes Buck) über Bismarck von Osiar Klein-Hattingen aus und lobt bar in in einem freisinnigen Blatte bescmoers die Darstellung des großen Staatsmannes als Führer der inneren Politik Deutschlands, Tabei malt er von Bismarck ein Bild, dem wir freilid) nicht zustimmen können:
„Er (Oskar Klein) erzieht uns zu einer realistischen Betrachtung Bismarcks. Bon .Haus aus ist das Mitgefühl des Verfassers bei der liberalen Kulturbewegung, die von Bismarck zertreten wird. Er spart deshalb auch nicht mit Ausdrücken der Abneigung gegen den Titanen des Zwcmgsstaates, aber indem er sich über Bismarck beklagt, wird er ein stärkerer Verkündiger feiner historischen Gewalt, als es jemand sein kann, der von vornherein bei ihm steht. Er ist kein Freund der Bismarckischen Seele: „Der Urgrund seines Tuns ist ein ins Ungeheure gesteigertes Selbstgefühl." „Wenn die innere Staatsleitung eine Ausgabe der Diplomatie wäre, d. h. wenn es dabei darauf ankäme, den Triumpf der dynastischen Macht über die Volksmacht herbeizuführen, so wäre er unter den Berufenen der Berufenste. Da aber im modernen Staat das Gemeinwohl das Ziel ist, so ist er ,als Staatsleiter der verkörperte Anachronismus ... In den äußeren Angelegenheiten war der verschlagene, herrschsüchtige Junker an seinem Platz unb welche Weisheit hat er da nicht entfallet! Aber . . . er lebt (in ber inneren Politik) seine Tage dahm, in stetem Unfrieden bald mit dem einen und bald mit dem andern, und er verbraucht jeden, der sich in seine Nähe wagt. Er wckl keine Mll- arbeiter, keine Amtsgenossen, sondern Sekretäre, Kreaturen. . . er El gegen seine Amtsgenossen meist auf bem Kriegspfad, keiner ist vor den Pfeilen seiner Tücke und HüUerlist fiäter, jeder weiß von seinem mechanten Mundstück ein Lied zu fingen. Wer wckl sie zählen, die Verhöhnten, die Hinausgegraulten, bie „Erkrankten", die „fröhlichen Ministerleichen", die Leute, die er verbrauchte ! Er ist der Positive, die andern, die ihm widersprechen, sind die Negativen; auf solche Art steht er über den Parteien, bald über der einen, bald über der andern. Er ist ein gefährlicher Experimentator, da er alle Experienz verachtet und im Galopp bie schwierigsten Experimente macht. Nur zu wahr, was einmal Virchow von ihm sagt: „Ter Mann, ber an der Spitze unseres ■ Staatswesens steht, er kennt Europa, aber er kennt Deutichland nicht, da sitzt bas liebel 1" So läßt sich vieles, vieles aneinander- reihen, was in keiner offiziellen Biographie gefunden wird. Ge- legentlich. ist es, als hätte Eiigen Richter am Bild seines übermächtigen Gegners mckgezeick)net. Und bann kommt doch bas Bismarckgesicht heraus:
Seine Gefühle haben sozusagen einen absoluten Oberiomman- dantLN an dem stärksten aus ihrer Mitte, an ber Herrschmcht- biefer einen dienen bie andern mit musterhaftem Gehorsani zur Eroberung der Macht... es dienen ber Herrschsucht der große Mut, der Titanenwille, aber auch das Mißtrauen, die itete eorge um den Besitz ber Macht und der Trieb, alles selbst auszuführen, die Arbeitswut. Auch gehören zu ihr bie Melancholie, die gelegentlichen Anfälle von Schwermut ober Weltschmerz. Endlich: die intellektuellen Kräfte! ... ein wahres Prachtexemplar für die psychologische Analyse, dieser Mann.
Es kaiui sein, daß eckizelne Runzeln im Ange lichte Lismarcll zu eckig geraten sind, aber es ist wenigltens Eharakter in der Wiedergabe. Gegenüber einet abglättenden, übervorsichtigen, kla>- sischen Geschichtsschreibung hat auch bas Temperament seinen Wcrr, das nicht ängstlich jedes Wort abwägt und das pietätlos genug ist, auch in schwierigen Fällen der Wahrheit die Ehre geben zu wollen."
Es ist wahr, Bismarck mar Tein PartersanaLller, und in seinen „Gedanken und Erinnerungen' geht er allerdings


