mit keinem Gedanken auf die Berechtigung und Entwicklung bet revolutionären Ideen des Jahres 1848 ein. Er betrach tete eben alles unter dem Gesichtspunkte einer großzügigen vaterländischen Entwickelung. Am Abend seines Lebens bat er daraus kein Hehl gemacht, daß es nicht seine Sache gewesen ist, über etwa berechtigte Gedanken bei der Umsturzbetvegung nachzudenken. Mer gerade heute können wir auch fiir den Meister der inneren Politik Bismarck nur die größte Verehrung haben; geht nicht die Sehnsucht unserer Lage gerade dahin, einen leitenden Führer zu haben, der mit eiserner Energie, über dem Egoismus der Parteien, im Interesse des Ganzen wirkt? Wer die Persönlichkeit des großen Kanzlers gespürt hat, der weiß es, daß er menschlich für alte Bestrebungen seiner Zeit ein höchst feines Empfinden gehabt hat.
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Die Forschungsreisende Burchhardt.
Ein geheimnisvoller Schleier umgibt bekanntlich die Lebensgescyichte des vor ca. zwei Wochen in der Provinz Jemen in Arabien auf der Reise von Sana nach Talis er- mordeten deutschen Forschungsreisenden August Burchhardt. Man weiß nur, daß er ein Sonderling war und wiederholt Reisen in das Innere Arabiens unternommen hatte, deren letzte ihm so verhängnisvoll werden sollte. Von englischer Seite ist dann auch noch die Behauptung ausgestellt worden, daß er bestimmte deutsche Interessen in Jemen vertreten sollte und gewissermaßen als bezahlter Agent der deutschen Regierung dort zu Tode gekommen sei.
Jetzt kommt aus Höh scheid bei Solingen die Nachricht, daß Hermann Burchhardt dort herstamme und in diesem Ort eine Frau mit acht Kindern sitzen gelassen haben soll. Tatsächlich ist vor acht Jahren in Höhscheid ein Loll- ziehungsbeamter Burchhardt tätig gewesen und „unbekannt wohin" verschwunden. Auf der Redaktion des „Generalanzeigers für Solingen" meldete sich nun die Frau des Augu,l Burcyharol geb. Wilhelms aus Höhscheid-Wwdert mit der Erklärung, daß der ermordete Forsu)ungsreiseirde Hermann Burchhardt identisch mit ihrem verschwundenen Gatten, dem Vollziehungsbeamten August Burwhardt, sei, der sie am 12. August 1882 in Düsseldorf geehelicht habe. Aus dieser Ehe seien acht Kinder Hervorgebangen. Im Jahre 1891 sei Burchhardt, der stets große Reiselust gezeigt habe und sich in seiner L, llziehungsbeamtenstellung in .Höhscheid nicht wohl fühlte, plötzlich ver,chwunoen und nach Amerika ausgewandert. Sie hacke seit seinem Verschwinden nichts mehr direkt von ibm gehört, wohl aber sei ihr auf Umwegen die Nachricht zubegangen, daß Burchhardt von Amerika zurückgekommen sei und sich die letzte Zeit in Italien und Arabien aufgehalten habe. Ta sich aus Anlaß der Ermordung des unglücklichen Forschers schon versa) icdene Bekannte von ihm gemeldet Haven, die ihn längere Zeit kannten, so wird es ja ein leichtes sein, fe,rzufteaen, ob der ermordete Forschuugsresiende und der aus Höhscheid ausgerückte Gerichtsvollzieher ein und dieselbe Person sind.
Nach einem Berliner Telegramm der „Köln. Zeitung" meldete der Wali in Hodeida über die Ermordung der beiden Reisenden Burchardt und Benzoni, daß sie beim Passieren einer Schlucht von Eingeborenen, die hinter Kaffeebäumen versteckt lagen, erschossen worden sind. Burchcrrdt wurde von vier, Benzoni von drei Schüssen getroffen; beide waren sofort tot.
Die von den türkischen Behörden in Renten eingeleitete genaue Untersuchung ergab, daß die Mörder der Rei,enden Burchardt und Benzoni übelberüchtigte Individuen aus der Ortschaft Dube nie seien. Die Uebeltater lockten die Reisenden in einen Hinterhalt und ermordeten sie in der Hoffnung, einen großen Gelobetrag zu erbeuten. Von den Behörden wurden alle Maßnahmen getroffen, nm die Reise des italienischen Konsuls noch dem. Ort bei Tat nach Atöglichkeit zu erleichtern. Der Konsul erhielt zu diesem Zwecke eine starke Militäreskorte. In Anbetracht der großen Entfernung ist jedoch damit zu rechnen, daß die Reise ungefähr 15 Tage in Anspruch nehmen wird.
Ans Stadt iiüO Land.
Gießen, 8. Januar 1910.
* * Tageskalender. Stadttheater: Sonntag nack)- rncktag 31/2 Uhr: „Ter fidele Bauer"; abends 7*h Uhr: „Die Liebe wacht".
Ko n ze r tve r e in: Sonntag nachmittag o3/'± Uhr in der Neuen Lllsia: 2. Solisten«:bend: Frl. Slessi Geyer aus ' Budapest (Violine) und Frl. Elty N e y aus Köm (Kmvier).
K o I o j) e u m: Täglich Vorstellung.
Kinematvgraph: Täglich Vorstellung.
Biograph: Täglich Vorstellung.
K a i > c r p a n v r a m a: Täglich Vorstellung. (Programm- Wechsel.)
Militärkonzert auf der Liebigshöhc: Sonntag nachmittag 4V» Uhr.
Konzert des Münchschen Solo-Quartetts ans Wetzlar: Sonntag abend 8H4 Uhr in Steins Garten.
Anlagemusik in der Süd-Einlage: Sonntag vormittag UV? Uhr. Spielptan: 1. Ouvertüre zur Oper „Oberon" (König bei: Elster), Karl Maria v. Weber. 2. Jntroduklvou und Chor ans der Oper „Carmen" von Bizet. 3. „Blau-Veil.chm!" Caprice von Eilenberg. 4. „Hoch Brabant!" Marsch, von H. M e tz -Gießen.
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• * Erledigt ist eine mit einem evang. Lehrer zu besetzende Schulstelle zu Hemmen, mit der Organisten- und Lektordienst verbunden ist. Dein Grafen v. Schlitz genannt v. Görtz steht das Präsentationsrecht zu.
* * Stadtverordnetenwahlen. In diesem Herbst finden die regelmäßigen Ergänzungswahlen für cm Drittel der Mitglieder unserer Stadtverordneten-Bersammlung statt. Es scheiden aus der Versammlung aus und sind wieder wählbar die Stadtv. Rentner Karl Brück, Fabrikant Herrn. Eichenauer, Kommerzienrat Emmelius, Spenglermeistcr K. A. Faber, Justizrat Wilh. Grünewald, Rentner Helfrich, Weinhändler Helm, Architekt Huhn, Reallehrer Jann und Schrelnermelster Orblg. Außerdem sind zwei weitere Mitglieder zu wählen, da vom 1. Januar 1911 ab die Zahl der Stadtverordneten von 32 auf 34 steigt.
" Feier der Gründung des Reichs. Je weiter die Tatsache der Gründung des Reichs zurückliegt, desto mehr entschwindet den Geschlechtsfolgen das Gedenken, wie jung unser Reich noch ist, unter welchen Schwierigkeiten es zustande kam, und wie sehr unser Volk noch der inneren nationalen Festigung, der Erziehung zum nationalen Selbstbeivußtsein und dem Gefühl nationaler Mitverantivort- lichkeit für die Geschicke des Reichs bedarf. Bismarck hm uns die äußere Einheit gegeben; es ist wohl fein Tag geeigneter, einmal im Jahr an unsere, des deutschen Volkes, Aufgabe zu erinnern, an dem Ausbau der inneren Ein heu weiter zu arbeiten, als der Tag der Gründung des Reichs, der 18. Januar. Ein Festabend, der keinen politischen, sondern einen rein nationalen Charakter tragen wird, soll
am Dienstag den 18. Januar alle Kreise Gießens zu diesem Ziveck vereinen; die Veranstaltung und Leitung des Abends hat die Ortsgruppe Gießen des Alldeutschen Verbandes in die Hand genommen. Der Abend findet in Steins Garten statt.
* • Kun st verein. Einige Gemälde, die erst vor kurzem zur Ausstellung gebracht wurden, bleiben nur noch morgen Sonntag ausgestellt, darunter die von Prof. Adam, Prof. Kaufmann und E. v. Müller-München. Ta am 14. d. M. ein vollständiger Wechsel der Gemälde vorgenommen wird, bleiben auch die übrigen Bilder nur noch bis zum Donnerstag ausgestellt.
"Das Münch'sche Solo-Quartett aus Wetzlar, das hier in Vereinen schon mehrmals mit großem Erfolg aufgetreten ist, veranstaltet morgen abend em Konzert in Steins Garten. Wir machen auf die Veranstaltung aufmerksam unter Beifügung eines auswärtigen Urteils über das Quartett: „Man war allgemein gespannt, ob e§ dem Quartett gelingen werde, durch seine vokalen Vorträge, ohne jegliche Instrumentalmusik das Interesse den ganzen Abend über hochzuhalten. Aber sagen wir es gleich vorweg: unsere Er- ivartungen wurden übertroffen. Die Aussprache der Sänger war so mustergültig, daß auch das kleinste Wörtchen der Texte nicht verloren ging. Der humoristische Inhalt einzelner Lieder kam dadurch zur vollen Geltung und beeinflußte öie Stimmung des Publikums in günstigem Sinne. Stimmen- reinheit, taktische Exaktheit, sinngemäße Slüancierung und gefühlvoller Vortrag sind Vorzüge, die dem Münch'schen Quartett in hohem Maße eigen sind."
” Unangenehm überrascht. In einem Hause am Tiefenweg rourben in verflossener Rächt zwei junge Leute, die zusammen eine Schlafstube teilten, durch ein Geräusch wach und bemerkten, wie em Unbekannter mit einer Laterne sich am Kleiderschrank in der Stube zu schaffen machte. Der Dieb ging flüchtig und verlor dabei einige der gestohlenen Gegenstände, jedoch hatte er einen Ueberzieher und etwas Bargeld erbeutet.
• * Verhaftet. Wegen Vergehens im Amt wurde gestern ein Bahnbeamter von hier in Untersuchungshaft genommen.
* * Neues Ortsgericht. Die Gemarkung Buch- schlag, die an der Station Sprendlingen der Main-Reckar- Bahn liegt, gehörte seither zum Bezirk des Ortsge'richts Langen. Diirch die Anlage der sich rasch vergrößernden Villenkolonie Buchschlag hat sich die Bildung eines selbstständigen Ortsgenchts für die Gemarkung als zweckmäßig hcrausgestellt, die nunmesr mit Wirkung vom 1. Februar ab erfolgt.
** Von der Maul- und Klauenseuche war Deutschland am Jahresschluß nahezu vollständig frei. Sie herrschte nur in je einem Gehöfte der Regierungsbezirke Düsseldorf und Mittelfranken.
X Sieb, 7. Iain. In den letzten Jahren sind von der G r 0 ß h. P r ä p a r a n d e n a n st a l t schon verschiedentlich öffentliche U n t e r h a l t u n g s a b e n d e veranstaltet morden. Diese sind in allen Bevölkerungskreisen der Stadt so beliebt, daß sich die Leitung der Schule auf vielseitigen Wunsch hin entschlossen hat, das bei der Weihnachtsfeier der Anstalt mit so viel Beifall aufgenommene Programm noch einmal öffentlich int großen Stein- scheu Saale aufzuführen. Musikalische Darbietungen, Detlama- tionen und Theaterstücke gelangen zur Darstellung.
? Trais - Horloff, 7. Jan. Hier wurde ein Ziegenzucht v e r e i n gegründet, dem bis jetzt schon viele Mitglieder beigetreten sind. Der Vorstand besteht aus den Herren: Emil Weber, Wilh. Konrad und Wilh. Bley. AIS Taxatoren fungieren Fritz Müll und Ludw. Hirzinger.
+ AIkendorf a.. Lahn, 7. Jan. Ein schweres Unglück hat Die Familie des hiesigen Schäfers Hofmann betroffen. Der 18jährige Sohn, der des Vaters Stutze in feiner kinderreichen Familie war, stürzte vor einigen Tagen in Klein-Linden in einem Neubau von der Leiter. Trotzdem arbeitete er noch einige Tage als Maurer. Aber er hatte sich bei dem Sturz innere Verletzungen zugezogen, an denen er jetzt gestorben ist.
Butzbach, 7. Jan. Einen Sanitätskursus für Frauen beginnt heute der Alice-Frauenverein im Rathaussaale. Es beteiligen sich daran 25 Frauen und Mädchen. Ten Unterricht leiten Sanitätsrat Dr. Ohnacker und Tr. Küchel.
X Bad-Nauhesim, 7. Januar. Schon lange war in vielen Kreisen der Stadt auf Anregung von Bürgermeister Dr. Kayser hier die Gründung eines Geschichts-Vereins geplant. Kurz vor Weihnachten ist nun ein solcher unter dem Vorsitz von Dr. Martin ins Leben gerufen worden. Er nennt sich „Heimatverein Bad-Nauheim" und will Heimatkunde im weitesten Sinne des Wortes pflegen. Die historische Ver- gangenbeit unseres erst in jüngster Zeit zur Bedeutung gelangten Badeortes ist zwar nicht so erinnerungsreich wie die Geschichte unserer Nachbarstädte Friedberg und Butzbach, aber immerhin bieten die Archive genug Interessantes, das Muhe und Arbeit lohnen wird, besonders aus der kürhessischen Zeit. Neben Heimatsgeschichte will der neue Verein aber vor allem auch die erdgeschichtliche Vergangenheit der näheren Umgebung in seinen Arbeitsbereich aufnehmen. Gerade für naturwissenschaftliche Heimatkunde ist Bad-Nauheim das rechte Feld. Der Verein beginnt seine Tätigkeit am kommenden Dienstag mit einem historischen Vortrag von Oberlehrer Dr. Strecker über „D i e Schlacht am Johannisber g". Für die kommende Zeit plant der Hcttnat- öereilt auch die Herausgabe einer Zeitschrift und periodisch erscheinender Verösienttichungen.
L. Bäd Rauhetm, 7. Jan. Das Elisabethen- hauS (Krnderhospikal) hat im vergangenen Jahre im ganzen 830 Kinder als Kurgäste verpflegt, kann aber in diesem Jahre weit mehr aufnehmen, da im Nachsommer der schöne, allen hygienischen Einforderungen der Neuzeit enlsprechendc '.Neubau bezogen wurde, der mit 200 Betten belegt werden kann. Die höchste Zahl der zu einer Kurperiode anwesenden Kinder betrug 198. 'Acht Schwestern vom Tiakonissen-Mutter- hans Darmstadt, emschlietzlich der nun schon im sechsten Jahre m der Anstalt wirkenden sehr tätigen Oberschwester und sechs Helferinnen waren zur Pflege und Beaufsichtigung der Kinder da. Im Augenblick befinden sich im Elisabethenhans dreißig Kinder und drei Schwestern. Wünschenswert wäre es, wenn gerade zur Winterzeit mehr Kinder Aufnahme suchten, zumal alle Räume luftig, gut geheizt und abends hell erleuchtet sind. Eine gedeckte Spielhalle ermöglicht cs den Kindern, auch bei regnerischem Weiter sich im Freien anfzuhalten. Vor- sitzender ist Pfarrer Wijsig von Bad Nauheim, behandelnder Arzt Dr. Heß, in früheren Jahren an der Tetweller'fchen Heilanstalt in Falkenstein tätig. Viele der furbcöürftigen Kinder sind aus den größeren Nachbarnäbien der Umgegend Gießen, Hanau, Franlfurt, Darmstadt, Osfenbach usiv. Im März und halben April ist für dieses Jahr die Anstatt geschlossen.
Fl. F r i c b 6 c r g i. H., 7. Jan. Ein Reitcrverein für oic Wctterau mit dem Sitz in Friedberg scheint zur Tat
sache zu werden. Der Verein bezweckt, alljährlich aus der „Ser- wiese", dem einstigen Exerzierplatz in der hiesigen Gemarkung, mehrere Pferderennen zu veranstalten. Gestern abend fand int Hotel Trapp eine Sitzung von Interessenten statt, die nach eingehender Beratung Zeinen Ausschutz währten, der zunächst mit der Ausarbeitung der Satzungen betraut wurde. In den Ausschuß wurden gewählt: Stabil?. F. Tamm-Friedberg, W. Feuhrer- Friedberg, H. Fauerbackp-Nieder-Wöllstadt, E. Brückmann-Burghof bei Großkarben, A. Coburger U.-Reichelsheim i. W. und Tierarzt Zipp-Assenheim. Man Hoist, daß der Verein zur Hebung der Pferdezucht in der Wetterau wesentlich beitragen wird.
N. Mainz, 7. Jan. Gestern zu später Abendstunde wurde auf dem Rückwege nach Heidesheim der Fuhrmann Appel, der einem dortigen Bäckermeister einen Wagen Brod nach Budenheim gebracht hatte, von 2 Sirolchen, die sich im Walde versteckt hatten, hinterrücks überfallen. A., der einen künstlichen Arm hat, schlug den einen Strolch mit demselben auf den Kopf, worauf sich der Kerl anscheinend schwer verletzt entfernte. Der andere schlug jedoch mit einem schweren Gegenstände den Fuhrmann nieder und verletzte ihn durch Messerstiche am Kopfe. Tie Verletzungen sind nichl lebensgefährlich. Ten Bewußtlosen beraubte der Spitzbube um Uhr und Geld und entfloh. Bis jetzt ist keine Spur von den Wegelagerern gefunden.
ß M a r b u r g , 7. Jan. In der Nähe unserer Stadt, bei der Eisenbahnbrücke bei Kappel, ließ sich beute früh der Jager Schneider aus Sondheim bei Homberg vom Zuge überfahren. Was den allgemein geachteten Soldaten in den "Tod getrieben hat, weiß man nicht. — In der Klinik starb ferner der 19 Jahre alte Kaufmann Marttn aus Eannstadt, der sich gestern einen Schuß beigebracht hatte.
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•* Kriegsgericht. Am Mittwoch nachmittag verhandelte hier das Kriegsgericht drei Anklagen. Der Gerichtshof war gebildet dur'ch Major Hoos, Vorsitzender; Kriegsgerichtsrat Kos?, Verhandlungsleiter: Hauptmann v. Kamecke, Oberleutnant Emst v. Pentz und Oberleutnant v. Boeltzig, Beisitzer. Die Anklagen vertrat Kriegsgerichtsrat Obenauer. Unteroffizier K n 0 r tz vom 166. Jnf.-Regt. in Hanau war der Körperverletzung mittels der Waffe beschuldigt. Er war während der Kirmes in feinem Heimatdorf Dutenhofen in Urlaub gewesen und kam in der Weber- schen Wirtschaft mit Kinzenbacher Burschen zusammen, die ihm darüber Vorhalt machten, daß er kapituliere. Der später verletzte Peppler aus Kinzenbach nannte den Unteroffizier einen Spinner usw. Der Beschimpfte wollte in der Wirtschaft keinen Streit haben und reagierte nicht auf die Beleidigung. Er will später, als er die Wirtschaft verließ, in der Dunkelheit zuerst angepackt sein. Er zog seine Waffe und wehrte sich, wobei er den Peppler verletzte. Die Kinzenbacher Burschen, die als Zeugen auf den Gerichtshof einen ungünstigen und unglaubwürdigen Eindruck machten und in vielen Punkten durch andere Zeugen der Unwahrheit geziehen wurden, tarnen nicht 3um Eid. Ter Gerichtshof war der Ansicht, daß dec Unteroffizier in berechtigter Notwehr von seiner Waffe Gebrauch gemacht hat, weshalb auf Freisprechung erkannt wurde. — In der Sache des Musketiers Ludw. Jung von der 7. Kompagnie des 116. Jnf.-Rgts. handelte es sich um eine Reihe von militärischen Vergehen. Der Mann ist, wie Hauptmann Schröder als Zeuge erklärt, einer jener Leute, der ,ich nia.i unteroronen will, krr judjt Streit mit feinen Kameraden, weshalb er 14 Tage nach seiner Einstellung in eine andere Stube verlegt und wiederholt ermähnt wurde, sich zu fügen. Jung hatte fein Bett nicht ordentlich gemacht und wurde vom Stubenältesten, einem Gefretten, aufgefordert, das Bett iwch einmal zu bauen. Jung erklärte, daß er erst feinen Rock abbürste, und warf das Fußbrett des Lagers heftig auf den Boden. Darauf befahl ihnr der Gefreite, iJjm zum Feldwebel zu folgen. Trotz breinialigcr Wiederholung ging Jung nicht mit und frag, was das zu bedeuten habe. Später in Arrest hat Jung nachts aus der Zelle Wasser zum Fenster hinaus, geschüttet. Er hat diese Tatsache dem Wad habenden gegenüber zuerst abgclcugnet, später jedoch zugestastden. Als der zum Schlietzerdienst kominau- fcierte Unteroffizier den Arrestanten frag, warum er das Wasser aus. dem Fenster geschüttet habe, erklärte er, er Ijabc dies nicht getan, wenn er das Wasserschütten dem Wachhabenden gegenüber Zugegeben, um die Fragen loszuwerden. Der Gerichtshof erblickte ut dem Betragen des Mannes fortgesetzte Gehorsamsverweigerung, Achtungsverletzung in 7 Fällen und Belügen von Vorgesetzten, und erkannte auf eine Gesamtstrafe von 4 Wochen Arrest.
Der Musketier Heim von der Leibkornpagnie des 116. Inf.- Reg. ist geständig, einem Feldwebel den Betrag von 5 Mark aus einer offenen Schublade entwendet zu haben. Er war zu Weih- nachten um Urlaub eingekommen und erwartete vergeblich von den Eltern in Offenbach eine Geldsendung, um Hinreisen zu können. Trotzdem der Angeklagte in der Jugend bereits wegen eines Fahrraddiebstahls vorbestraft ist, sah der Gerichtshof auf Antrag des Anklägers den Fall als milde liegend an und erkannte nur auf eine Strafe von 3 Wochen firengem Arrest, sah auch davon ab, die Versetzung des Mannes, der im zweiten Jahre dient, in die 2. Klasse des Soldatenstandes auszusprechen.
Gedenket der hungernden Vögel!
Oer'mischLes.
* Neue Farben. Zur Herstellung einer neuen Farbe bildet sich, wie die „Alriea^r World" berichtet, soeben eine südafrikanische Gesellschaft. Die bedeulsame Enroeckung dwser Farbe, die in Kapstadt gemacht wurde, ist wohl geeignet — selbst wenn sich nur ein Teil der Hoffnungen, die sich an ihre HerstüIunÄ knüpfen, erfüllt — den Händel mit diesem wickstigen Artikel, nicht nur in Südafrika, sondern in der ganzen Welt, umzuwälzen. Der' hauptiächlichste Teil der £>criteliiiiig beliebt in der Nutzbarmachung der großen Braunsteinlager, die sicki dort in den verschiedenen Teilen des Landes finden. Tie Patentinhaber behaupten, damir eine Farbe gciunben zu haben, die in hohem Maße eine „Teckfarbe" i|t, sehr schnell ohne Zusatz besonderer Mittel trocknet und im Gebrauch gegen den Em,i.u,» von W-a,ser um> Sonnenhitze außerordentlich widerstandsfähig ist. Tazu kommt, daß der Preis bedeutend niedriger als der aller anderen nach Euwpa cingciübrten Arten ist. sollten sia; die gehegten ^nniutgcit bewahryeiten, so kann man mit Spannung der wetteren Eurwickelung oieses Jn- du,rriezweiges eutgegensehen.
* Preßluft als Wellenbrechar. Beim Bau eines Untcrrcaifcrtunnei"3 in Ncwyork wurde die Beobachtung gemacht, daß die Pretztust auf die Wellen eine beruhigende Wirkung aus- zuuben vermag. Der Tirekttr Brescher von den bekannten Park- way-Bädern an der englischen Küste ist mm, wie die „Zeitschrift für komprimierte und flüsiigc Gaie" mitteiu, von diesem Gedanken ausgegangeu, als er nach einer Möglichkeit suchte, die furchtbar: Gewalt der Meereswvgen, denen die Itärtiten Dämme unb Mauern majt panbzuhallen vermögen, zu brechen. Aus einigen unbichten stellen des Newyorkcr Tunneis war ein Teil der im Innern; verwendeten Preßluft entwichen und in Form von kleinen Blasen an die Lbcrsiäche des WaijerS getreten. Daburch wurden die Schwingungen der lleinsten Waiserteitttzen, die die Wellenbewegung verursachen, gestört und es bildeten foberhalb der undichten Stellen größere Flächen unbewegter Wassers. Indem nun Brascher aus einer unter Der Brandung gelegten Rohrleitung Preßluft entweichen ließ, erzielte cx nicht nur den gleichen Erfolg, londem auch den prattischrn, daß die herairrollenDen Wellen gebrochen wurden. Brescher will Die Versuche in großem ^til fort setzen unD Vüfit, die neue Wellenbrechungsmethode für alle sehr gesährdeten Uferbauten, Hafeneinfahrten und Leuchttürme verwenden zu können, ferner Fcuerfchiffen und Rettungsbooten ein ruhiges Anterwasser zu sicherii. Wie weit sich die neue Entdeckung für ganze Hasenanlagen und .Küstengeoiett verwenden läßt, stehl iwch oahm, denn noch läßt sich die Höhe der Kosten des Verfahrens nicht ftststellen.
* Ein dritter Neandertalmensch. Nachdem das Jahr 1908 unsere Kenntnis von den ältesten Tiluvialbewohnem Europas durch die Funde der beiden Slclettreste und. Schädel


