Ausgabe 
6.9.1910 Zweites Blatt
 
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winnen. In welcher Art und Meise sie vorgeht, um sich Agenturen zu verschaffen, dafür ist bezeichnend, daß an eine Person, die um einen Prospekt und eine Probe deS Mittels gebeten hatte, sofort unter Zusendung von Prospekten mit dem Alifdruck deS Namens und der Adresse des Betreffenden an diesen seitens der Firma die Bitte um Uebctnahnie einer Agentur gerichtet wurde. Dadlirch aber, daß der Vertrieb dieses Mittels ausschließlich durch Agenten besorgt wird, ist es nlöglich, daß eS sich dec Kontrolle der die Tllrchführung der Geheimmittelvorschriften überwachenden Organe entzieht. Erschwert wird die Kontrolle überdies noch dadurch, daß die Sendungen der Firma als Muster ohne Wert oder in Brief­form, zum Teil ohne Hinweis auf die herstcllende Firma in Washington, nach Deutschland verschickt werden. Es empfiehlt sich, dieser Warnung in den KreiSblättcrn möglichste Verbreitung zu geben und dabei darauf hinzuweise.n, daß sich die Agenten durch den Vertrieb des Mittels strafbar machen.

**5>cr Verein ehem. JägerundSchützen hielt sein diesjähriges Preisschicßen, das wie alljährlich mit Konzert und Tanz beschlossen wurde, in Rodheim a. B. ab. Preise erhielten: 1. Preis Förster Miche, Frankenbach a. D., 2. W. Erle, Klein-Linden, 3. Jul. Boos, Gladenbach, 4. Förster Möhringer, Bieber, 6. E. Marquardt, Gießen, 6. W. Blank, Gießen, 7. Jak. Kahn, Gießen, 8. R. Posch- mann, Gießen, 9. Herm. Ulrich, Gießen, 10. Fr. Werner, Gießen, 11. E. Höhn, Rodheim, 12. Fr. Jullmann, Gießen, 13. Ehr. Magnus, Gießen, 14. W. Wienhold, Gießen, 15. Fritz Euler, Gießen. Die erste Ehrenscheibe, die vom 2. Vor-i sitzenden W. Erl, Klein-Linden, gestiftet war, erschoß zu­gleich nrit dem 1. Preis Fr. Werner, Gießen, 2. Preis Jul. Boos, Gladenbach, 3. Förster Möhringer, Bieber. Die zweite 1 Ehrenscheibe, die von E. Höhn, Rodheim, gestiftet wurde, erschoß zugleich mit dem 1. Preis Jul. Boos, Gladenbach, 2. Preis Förster Möhringer, Bieber. Die Ehrenscheibe für Kriegsteilnehmer, die ebenfalls vom 2. Vorsitzenden ge*, stiftet worden war, erschoß Jak. Kahn, Gießen.

)( Hungen, 3. Sept. Am Montag, 26. September, findet dahier unter Mitwirkung des Landunrtfchaftskckmmer- Ausschusses für Oberhessen der alljährliche Bullens, Zuchtvieh- und Ziegen markt statt. Mit diesem Markte, auf dem dieses Jahr zum erstenmal auch Ziegen ausgetrieben werden, ist eine Prämiierung der schönsten Tiere, sowie eine Verlosung von Zuchtvieh, landwirt­schaftlichen Maschinen und Geräten usw. verbunden. Die Haupttreffer sind 10 Rinder.

1^. Friedberg, 5. Sept. Das russische Zarenpaar - nebst dem Großfürsten-Thronfolger und sämtlichen Prinzessinnen, sowie die Großherzogliche Familie und Prinzessin von Batten­berg besuchten heute in vier Automobilen die Ruine Münzen berg und kehrten gegen abend wieder zurück.

14. Mainz, 5. Sept. Der Unglücksf allam Bahn­übergang bet Gustavsburg, bei dem der Bahn­wärter Kunz von einer Maschine überfahren wurde, soll auf Fahrlässigkeit des diensttuenden Stationsbeamten in Bischofsheim beruhen. Die Maschine fuhr nicht fahrplan­mäßig von Bischofsheim nach Mainz, und hätte also von dem Beamten in Gustavsburg sowohl gemeldet werden müssen, als auch dem Bahnwärter Kunz. Die Station Gustavs­burg wurde auch benachrickstigt, Kunz wußte jedoch nichts ' von dem Herannachen der Lokomotive. Der Führer 6er Ma­schine ist auch nicht zu beschuldigen, da ihm von Gustavsburg aus die Strecke sreigegeben war. Als er die offene Schranle Und den durchfahrenden Wagen gewahrte, war es bereits zu spät, um die Maschine zu stellen. Kunz wollte den Wagen zurückschieben und es wäre iljni vielleicht auch gelungen, wenn er sich nicht in den Strängen des Pferdes verwickelt hätte. Einen Augenblick darauf mjar das Un­glück geschehen. Kunz wurde durch die Maschine furchtbar entstellt; fast alle Glieder wurden ihm ein- oder mehrmals gebrochen und der Brustkorb eingedrückt. Das Pferd wurde durch die Maschine zur Seite geschleudert und brach durch den furchtbaren Stoß das Genick. Der Milchhändler (Edler­sprang vom Wagen ab, sonst wäre auch er womöglich um­gekommen. Der Beamte, ein sonst gewissenhafter Mann, soll einstweilen vom Dienste suspendiert sein; wie weit er schuldig oder unschuldig ist, wird die Untersuchung ergeben. Die Großh. Staatsanwaltschaft traf bald am Platze ein und nahm den Tatbestand aus.

t ! Mainz-Kastel, ü. Sept. Gestern morgen wurde der Pionier Bick er II., der beim Freischwimmen seiner

Uebung infolge Krampfanfalles ertrank, unter mili­tärischen Ehren beerdigt.

X. H a n a u, 5. Sept. Unter der Anklage, seine Ehefrau vergiftet zu haben, hatte sich im Juni 1907 der Steinschläger und Privat-Aagdaufseher Friedrich Schwaar aus Breiten­born vor dem Schwurgericht zu verantworten, doch endete die Verhandlung mit seiner Freisprechung. Da die jetzige Weichenstellersfrau Jost in Hailor als Belasttrngszeugin. gegen ihn aufgetreten war, schieb er ihr int Mai d. I. einen Brief, in dem er ihre Aussage vor dem Schwurgericht als unwahr bezeichnete und ihr neben anderen kränkenden Beleidigungen den Vorwurf des Meineids machte. Auch forderte er von ihr unter Drohung mit dem Staatsanwalt 2000 Mark als Ersatz für den Schoben, der ihm durch die Untersuchungshaft erwachsen sei. Die Strafkammer bedachte ihn heute wegen Beleidigung und Verübung eines Er- pressungsversuchs mit v i e r M o n a t e n G e f a n g n i s. Die in Soden bei Salmünster beschäftigten Schreinergesellen Z e l l, W o i d a r s k i und Dietz hatten auf ihrer Arbeits­stätte bei der Frühstückspause in Gegenwart von vier Ar­beitskollegen Einrichtungen und Gebräuck)e der katholischen Kirche beschimpft. Die Strafkammer verurteilte Woidarski und Zell zu je 1 Monat, Dietz zu 14 Tagen Gefängnis.

Sedanfeiern.

r. Langsdorf, 5. Sept. Herr Pluvius, der alte Heide, der burd) feine wenig berühmten Heldentaten während dieses sommers in argen Verruf gekommen, hatte sich zuletzt dock) ver­geblich bemüht, unser schönes prächtiges S e d a n f e st, das wir mit unserer lieben Einquartierung, der 6. und 8. Kompagnie des 87. Infanterieregiments nun heule doch gefeiert haben, zu ver­derben. Am Samstag hatte schon die Einwohnerschaft aufs beste gerüstet. Münniglich, richtig allweiblich, hatte mit leckerem Sd)maus auss Fest Anstalten getroffen und mancher trefflicher Quetschen"-kuchcn erfreute, von zarter Hand dargcbotcn, des Kriegers Magen und Herz. Doch der obengenannte allerberüchtigte Herr Pluvius wollte am Sonntag nichts gelingen lassen. Endlich doch (?.n Montag leuchtete uns der Sanne liebes Licht. Am Montag mittag bewegte sich,B i s m a r cf", unser trefflicher Poli- z eichener an der Spitze, das Offizierkorps, die Veteranen von 1866 und 1870, die Schulkinder, die strammen jungen Krieger der 6. und 8. Kompagnie, die hübschen Mädels und Jungfräulcins, Krieger , Gesang- und Turnverein, gefolgt von Krethi und Plethi, angeführt von einem Teil der Regimentstapelle, ein prächtiger Fcstzug durch die Straßen des Dorfes: man sagt, keine alte Frau wäre zu Haus geblieben. Auf dem Festplatz gruppierte sid) die Menge um das Offizierkorps, das in seiner Mitte die Veteranen von 1866 und 1870 ausgenommen hatte. Herr Major Neuhof hielt die trc. Eröffnungsrede und Herr Hauptmann van Langsdorf, richtiger humorvoller Alt-Langsdorfer, ergänzte sie mit markig, n Warten uni) Weise. Allerlei Spiele, Kletterbaum und fröhlicher Tanz, Wetturnen der Mannsdiaften, füllten den Nachmittag aus. Und erst in sehr später Nachtstunde endete das frohe Fest. So sahen wir, einen jeden Vaterlands­freund mußte das zur höchsten Begeisterung stimmen, Heer und Volk in herzlichster Eintracht vereinigt. Möchte dod) diese Liebe immer wachsen; kein Zwang von außen könnte je erreichen, was hier die Herzen geschaffen. Tas OsfizierkorpS der 87 er, die Mannschaften dieses Regiments stehen in Achtung und Liebe ein­gezeichnet in der Langsdorfer Gedenken. Das war c i n Ton, der harmonisd) das alles beherrschte. Das war in ituce das in Achtung und Liebe geeinte Volk in Waffen.

«= Nidda, 4. Sept. Das Sedanfest wurde in diesem Jahre besortders festlich begangen. Am Abend flammte auf der Beunde" ein mächtiger Holzstoß auf, ebenso auf den benach­barten Höhen. Am heutigen Sonntag sand Festgottesdienst statt. Dann wurde ein Festzug nad- dem Kriegerdenkmal veranstaltet, wo Oberst Weiner eine Ansprache hielt.

O Laubach, 5. Sept. Die Sedan feier begann am vorigen Freitag. Von dem benachbarten hochgelegenen Rainsbcrg und dem gegenüberliegenden Rote,iberg brannten von der Stadl errichtete Holzstöße. Bürgermeister Ritter hielt auf dem Rains- berg vor zahlreicher Zuhörermenge eine begeisterte Sedansrede. Am Sonntag wurde unter großer Beteiligung die eigentliche Sedan­feier imSolmfer Hof" abgehallen. Tie Festrede hielt Pfarrer V o l p, eine patriotische Ansprache Bürgermeister Ritter. Größere Gefangsvorträge führten die Schüler des Gymnasiums, owie die der Obertlassen der Volksschule ans. Lln die Schuljugend wurden Festbretzeln verteilt. Eine anslvärtige Musikkapelle begleitete die allgemeinen Gesänge und spielte am Abend zum Tanze auf.

Fellingshausen, 5. Sept. Unser Kriegerverein feierte am 3. September den Gedenktag der Schlacht bei Sedan. Gegen 9 Uhr abends bemegte sid) ein Facke 1 zug durch das Dorf. Die Veteranen von 1870 fuhren dem Zug im Wagen voran; es folgten dann: Schuljugend, Musik, Turnverein, Gesangverein, Kriegervercin und ein großer Teil der festesfrohen Bevölkerung. Am Fuß des Dünsbergs loderte ein mächtiges Feuer, um das man sich versammelte. Nach dem ChoralLobe den Herren" trug ein Knabe ein Gedicht vor. Lehrer Feix hielt darauf eine Ansprache. Nad) dem gemeinschaftlichen LiedeDeutschland, Deutschland über

. schnitten (1. Einzug in Jerusalem; 2. Mordanfchläge des \ hohen Rates; 3. Abschied in Bethania; 4. letzter Gang nach Jerusalem; 5. das letzte Abendmahl; 6. der Verräter;

<, 7. Jesus am Oelberg; 8. Jesus vor Annas; 9. Jesus vor Kaiphas; 10. des Judas .Verzweiflung; 11. Christus vor Pilatus; 12. Christus vor HcrodcS; 13. die Geißelung und Dornenkrönung; 14. Jesus zum Kreuzetod verurteilt; 15. der Kreuzweg; 16. Jesus auf Golgatha; 17. die Auferstehung) zieht sich die Handlung in plastischer . Form vor dem. Auge des Zuschauers hin, indem sie von Abschnitt zu .Abschnitt sich steigert. Namentlich gegen den Schluß hin erhebt sich die Darstellulig zu dramatischer Wucht, so daß wohl nientand trotz der acht Stuirdeli Dauer Er­müdung verspürt. Die Regieführung des Fachschuldircktors Lang von der Holzfchnitzerfchule bat ein einheitliches Ganze geschaffen, das namentlich in den Volksszenen, bei denen über 600 Personen gleichzeitig die Bühne beleben, großartig klappt. Am wirkungsvollsten ist unstreitig die Kreu-zigungs- szene, deren ergreifende Darstellung viele der Zuschauer bis zu Tränen rührt. Tie einzelnen Abschnitte werden, eingeleitet durch einen Prolog, Chorgesänge und lebende

* Biloer, deren Gegenstand dem alten Testament entnommen ist und jeweils auf den Inhalt der sich aitschließenden Hand­lung hinzielt.

Unter den Darstellern ist vor allem Anton Lang zu nennen, der den Christus in schlichtmenschlicher, tiefinner­licher Weise spielt. Seine Wiedergabe ist eine Meister­leistung, die wohl auf keinen Zuschauer ihre Wirkung ver­fehlt. Ihm ebenbürtig zur Seite steht der Judas des Johann Zwink, der in Charakter und Maske vollkommen . ist. Von den Darstellern sind weiter zu nennen Andreas ' Lang (Petrus), Alfred Bierling (Johannes), Bürger­meister Leb. Braun (PilatuS), Hans Mayr (herodeS), Sebastian Lang (Hohepriester Annas) und Gregor Breit- s am ter (Hohepriester Kaiphas). Von den lveiblichen Dar- steilem ist Ottilie Zwink zu nennen, die die Maria mit schlichter Natürlichkeit unb tiefer Frömmigkeit gab. Bloß schien mir die Darstellerin für die Rolle zu jung zu sein, wie denn die Besetzulig der weiblich-en Nollen überhaupt dar­unter leidet, daß nur Unverheiratete zu weiblichen Rollen genommen werden. Vorzüglich ist der Sprecher des Pro­logs (Anton Lechner), ivogegen der Chorführer (Jakob

Reitz) wohl infolge seines hohen Alters stimmlich nicht ausreichte. Chor und Musik (Dirigent Lehrer Ludwig W i 11- mann) standen auf der Höhe ihrer Aufgabe.

Noch ein Wort über die materielle Seite der Sache. Im Jahre 1900 betrugen die Einnahmen 1068000 Mk. Die Unkosten betrugen 320 000 Mk., die Mitwirkendeu erhielten 410000 Mk. und zu gemeinnützigen Zwecken wurden 335 000 Mark verwendet, so daß nicht ganz 3000 Mk. in Reserve blieben. Die 47 Aufführungen des Jahres 1910 wurden im ganzen von 173 669 zahlenden Personen besucht. Die Entschädigungen, die die Mitwirkenden erhielten, schwankten zwischen 1500 und 50 Mk. Letzteren Betrag erhielten die Schulkinder, ersteren die Hauptdarsteller. Man wird zu- geben müssen, daß dieses Spielhonorar äußerst bescheiden ist. Größer als die direkte Einnahme ist allerdings der Geldstrom, den die tausende von Besuchern für Wohnung und Verpflegung zu zahlen haben. Denn die Preise sind int Passionsjahr in Oberammergau nicht billig, wenn auch den Umständen angemesseit. Die Unterbringung von 4000 bis 5000 Leuten erfordert natürlich besondere Aufwendungen und diese bleiben 9 Jahre lang unbenutzt. Immerhin kann Wohnung und Verpflegung für einen Tag mit etwa 15 Mk. bestritten werden. (In den Mchtpassionsjahren ist, wie nebenbei bemerkt fei, Oberammergau eine entschieden billige alpine Sommerfrische.) Groß sind auch die Summen, die bei der Passion für Reiseandenken, Postkarten usw. umgesetzt werden und eine ganze Industrie stürzt sich auf den Pas­sionsbesucher, um ihn mit Textbüchern, Abbildungen, Opern­gläsern und Sitzkissen zu versehen.

So ragt die Passion (ober, wie der Oberammergauer sagt,der" Passion,) in die Gegenwart hinein als ein leben­diges Zeugnis frommen Volksglaubens, aber auch als Zeug­nis der Bildungsfähigkeit des deutschen Landvolkes. Un- beeilisliißt von oen großen Kulturstätten haben die Ober­ammergauer ein eigenartiges hervorragendes Kunstwerk ge­schaffen, das auch aus den religiös unempfänglichen Beschauer durch die rein menschliche Seite des behandelteli Stoffes eine starke Mirlung allezeit ausüben wird. Die Treue, mit der and) diesmal wieder die sämtlichen Beteiligten dem Erbe ihrer Väter erwiesen haben, läßt erhoffen, daß dieser frisch sprudelnde Quell echteii deutschen Voltstums unserm Volle iivch lange erhalten bleiben wird. E. H.

alles" ging der Zug wieder dem Dorfe zu, wo ein KommerD die Feier beendete. Der Turnverein hatte am Walprande deS Dünsbergs Pyramiden gestellt.

Schlutzverhandlling und Urteil gegen den Wunderdoktor von Hartenrod.

s^M a r b u r g, 5. September.

freute nachmittag um 4 Uhr wurde die Verhandlung gegen du Inhaber des Hartcnrodcr Heilinstitutes, Dikomeit und Zimmer­mann, wieder ausgenommen. Als die Türe zum Zuhörerraum geöffnet wurde, gab es einen solchen Ansturm seitens des Publi­kums, daß Bänke und Stühle umflogen. Der Raum war in kurzer Zeit dicht gefüllt, und viele mußten unverrichteter Sache wreder um kehren.

Bei Eintritt in die Verhandlung nahm zunächst der Staats­anwalt wieder das Wort. Er wies die Vorwürfe, welche der Verteidiger Justizrat Törffler am Sonnabend gegen Dr. Haun erhoben und die wir ja, auch in unserem Berichte kurz erwähnten, zurück. Letzterer habe üur das getan, was seine Pflicht gewesen, und diese habe darin bestanden, Leute, die ihm als Betrüger erschienen, vor den Strafrichter zu bringen. Was Dr. Haun in der Verhandlung voraebracht, habe er ruhig und sachlich vor­getragen. Was die Inserate anlange, so sei durch diese baS Feld für die Tätigkeit der Angeklagten verbreitet worden. Der erste Besuch bei ihnen sei immer entscheidend gewesen, die Pa­ttenten seien dadurch veranlaßt worden, Geld zu bezahlen. Beide hätten wohl in der Absicht gehandelt, s,ch einen Vermögcnsvorteil^ zu verschaffen. Er halte die Strafe keineswegs für zu hoch, wenn man bedenke, daß die Angeklagten Leben und Gesundheit ihrer Mitmensd)en gcsd)ädigt hätten.

Der Angeklagte Dikomeit, der nunmehr das Wort nahm, bestritt, falsd-e Diagnosen gestellt zu haben; seine 4000 Geheilte feien dafür der beste Beweis. Wie er die Krankheiten so schnell erkannt habe, sei seine Sad;e, daS könne er niemand beschreiben. Er kam bann suf die einzelnen Falle, bet denen ihm strafbare Handlungen vorgeworsen wurden, zu sprechen und fügte hinzu, daß er unheilbar Kranke, denen er auch nicht hätte helfen* können, unterstützt habe. Als er verhaftet worden sei, habe er 600 Mark verdient gelebt, und wenn seine Frau nicht durch'Dr.^ Steiner unterstützt worden wäre, hätte sie Not leiden müssen..- Seine Medikamente hätten Heilkraft gehabt Beweis 4000 Geheilte, er habe auch den Baunscheidt'schen Apparat nach jeder Benutzung gereinigt. Der Angeklagte Zimmermann wies den Vorwurf der Gemeinschaft mit Dikomeit zurück. Die In­serate habe er zwar verfaßt, aber durch diese sei doch niemand ge* kommen. Seine Drogerie habe einen Wert von 2000 Mark ge­habt, Witwen und Waisen habe er gratis die Medikamente ge­geben und dann sei aud) der Borwurf der Beleidigung und des Widerstandes völlig haltlos. Den Baunscheidtismus habe er feit einem halben Jahr studiert und bei Bekannten und Verwandten in Kassel viel angewandt. Er habe den Patienten auch feine falschen Vorspiegelungen gemacht. Vielfach habe er aus christ- lici; Liebe und Barmherzigkeit gehandelt und keine Geschäfte bann, gemacht. Er halte die verbüßte Untersuchungshaft für genügend Bestrafung.

Das abends um 10 Uhr verkündete Urteil lautete gegen Dikomeit auf 1 Jahr 2 Monate Gefängnis und 500 Mk. Geldstrafe, gegen Zim­mermann auf 10 Vtonate Gefängnis und 3 00 Mk. Geldstrafe. 5 Monate Untersuchungshaft kommt bei beiden in Anrechnung.

Gerichtsjaa».

-o. Wiesbaden, 4. Sept. Eine arme Betrogene stand 1 gestern vor der hiesigen Straskammer, die Frau des früheren,] sehr beliebt gewesenen H o f s ch a u s p i e l e r s Konrad Marte r^ steig. Von Stufe zu Stufe ist die Arme gesunken, wohl nichts ohne Schuld, aber in der Hauptsache ein Opfer der gewissenlosen Mimen. Sic war 18 Jahre alt, als sie sich an den Schauspieler Martensteig, den sie schließlid; gegen den Willen ihrer Eltern heiratete, und zwar in London, wohin sie der Schauspieler ent» führt batte. DaS unerfahrene Mädchen hoffte, nach der voll­zogenen Trauung die Verzeihung ihrer Eltern zu erlangen, das ellernliche Haus blieb ihr aber für immer geschlossen. Ihr mütter­liches Erbteil wurde von ihrem Mann in wenigen Jahren durch­gebracht und bann ließ sie Martersteig mit ihren zwei Kindern im Elend sitzen und verschwand nach Amerika. Bis dahin konnte sich die Frau durch ihre Schauspielkuicst notdürftig ernähren, sie machte sid) aber eines geringen Betrugsfalles schuldig und dies hatte ihren dlussdstuß aus dem Verein deutscher Bühnenangehörigen zur Folge. Damit war für sie jeder Halt verloren, die Frau wurde zur gewohnheitsmäßigen Betrügerin, reiste von einem Ort zürn anbern und logierte sich auf einige Tage in den Hotels ein, um schließlich, ohne zu zahlen, zu verschnsinden. So trieb sie es in den Rheinlanden, bann hielt sie sich in Brüssel auf und kam enblid) nad) Diez und Wiesbaden, luo der gewohnte Hotelbetrug zu ihrer Verhaftung führte. Im Gefäicgnis wollte sie sich durch Oesfnen der Pulsadern töten. Für 14 Betrugsfälle erhielt jie 1 Jahr 6 Monate Gefängnis. J

^Mschifiahtt.

Dieverbotene" Zeppelinfahrt.

Straßburg, 5. Sept. 9tad)bem bis vor kurzem das Luft­schiffZ. 6" von Baden-Oos nach Straßburg Zielfahrten unter­nommen bat, wurden sie nun b i S auf iv e c t e r e S von B e r- lin verbotene?), weil in letzter Zeit viele Ausländer, bo-, sonders Franzosen, mit dem Lufttchisi' Fahrten unternommen haben,, und die Gefahr besteht (?), daß sie vom Luftschiff aus Photo-, graphische Aufnahmen maajen. Tw bereits bezahlten Pasfagrer- fahrpreise wurden den Teilnehmern wieder zur Verfügung geftellt..

Hierzu wird aus Friedrichshafen gemeldet: Von Straßburg, aus verbreitete gestern bas Hirichschc Telegraphen-Bureau die Nachricht, daß die Passagierfahrten desL. Z. 6" dorthin von Berlin miS verboten feien. Auf Anfrage telegraphiert DirektoÄ C o l s m a n n:Von Fahrverbot hier nichts bekannt Garnisonverwaltung Straßburg hat nur abgelehnt, einen Lan­dungsplatz zur Verfügung zu stellen."

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Paris, 5. Sept. Naä) einer Blättermeldung hat de< K r i e g s m i n i st e r 30 Flug)naschinen, unter ihnen zehn föin*; beder und zwanzig Zweidecker, bestellt, die noch vor Ablauf dieses Jahres zu liefern sind. Diese Luftfahrzeuge müssen ein Mindestgewicht von 300 Kilogramm tragen, eine Min­destgeschwindigkeit von sechzig Kilometer in der Stunde besitzen und in einem Finge mindestens 300 Kilometer zurück­legen. Für jede Maschine, bereit Geschwindigkeit sechzig Kilo­meter in der Stunde übersteigt, werden die Erbauer mit der Kilometerzahl wachsende Prämien erhalten. Jeder der Zwei- flädier soll so gestaltet fein, daß er außer dem Lenker noch zwei Personen aufnehmen kann. Bis Ende dieses Jahres wird die französische Armee im ganzen fedizig Flugmasdnnen besitzen.^

Paris, 5. Sept. Präsident FalliereS hat für die Flugwoche von Bordeaux einen Preis gestiftet, der nut einer Flugmafchine französischer Herkunft zugesprochen werden! kann. Ter Preis befiehl in einer Bronze, die einen Geier mit Qu5gcbrcitctcn Flügeln darstellt.

Boston, 5. Sept. Heute begann die bis zum 13. September währende Flugwoche. Von ausländischen Fliegern sind die Fran­zosen Massen und bc Lesieps, sowie die Engländer Grahame White und Roe amoefend; es kommen Preise in einer Gesamthöhe von 40 000 Dollars zur Verteilung, darunter einer für das beste Werfen von Bomben aus Flugmaschinen aus eine gegebene Fläd>e und ein anderer vom BostonGlobe" in Höhe von 10 000 Dollars, gestiftet für einen Flug vom UniversitätSgelände zu Eambridgr nad) dem Bostmicr Haiengeviel und zurück.