Ausgabe 
6.9.1910 Zweites Blatt
 
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Nr. 208

Erscheint tSglkch mit Ausnahme des Sonntags.

DieSiebener Lamilienblätter" werden dem «Anzeiger- viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis -letzen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- stratze 7. Expedition und Verlag: eo&1. Red aktiv in 112. Tel.-Adr^ Anzeig erGießen.

politische Lcrgesscharr.

ein Privat-Beawten-Streik möglich?

Die Frage, ob mit dem Fortschreiten der Organisation der Berufe und Stände zur Vertretung ihrer gemeinsamen Interessen nach dem Vorbild der Arbeiterschaft auch die Merkmale der Kampsesweise dieser Klasse übernommen werden könnten, ist in der letzten Zell vielfach erörtert worden. Die Möglichkeit, daß bald and) einmal mit einem Beamten-Streik zu rechnen sein werde, ist kürzlich in einer Korrespondenz ernstlich zum LUlsdruck gebracht worden. Es dürfte als ausgeschlossen anzuschen sein, daß öffent­liche Beamte von diesem Mrttel jemals Gebrauch machen werden. Hinsichtlich der Privat-Beamten äußert sid) hierüber ein sehr beachtenswerter Artikel derPrivat-Beamten-Zeitung". Der Aus­satz gibt zunächst eine Charakteristik und die Ursachen des Streiks an und hebt hervor, daß für die lediglich physische Arbeit leistenden Arbeiter der Streik eine wirksame Waffe im wirtschaftlichen und soziale Kampfe und das gegebene Mittel für die Durchführung ihrer Forderungen sein könne. Er stellt dann eine Untersuchung darüber an, ob ein Streik der Privat-Beamten oder einzelner Berufe dieses Standes Aussicht auf Erfolg haben würde. Der­artige Untersuchungen seien schon an sid) geeignet, ein wenig wünschenswertes Moment in das Verhältnis zwischen Beamten und Arbeitgeber zu bringen. Ferner sei aber entschieden zu verneinen, daß der Streik als Kampfmittel zur Besserung seiner Lage für den Privat-Beamten überhaupt geeignet sei. Diese Ansicht wird hautsächlich damit begründet, daß die Unterschiede zwischen dem Charakter der vorwiegend geistige Tätigkeit leistenden Privat-Beamten und dem der Handarbeiter, der Lebens- und Dienstverhältnisse beider groß seien und ein erheblicher Teil der Privat-Beamten seiner Bildung und sozialen Anschauung ent­sprechend stzch schwerlich dazu verstehen würde, sich proletarischer Kampfesweise zu bedienen. Es liege im wohlverstandenen In­teresse des Privat-Beamten, wenn er nicht mit brutaler Gewalt einseitig seine Forderungen durchzusetzen suche, sondern in lieber-

einftimimmg mit dem Arbeitgeber an der Besserung seiner Lage arbeite, auf dessen Serie er auch seiner sozialen Stellung nach stehen solle. Um dre an und für sich schon täglich schärfer sich zuspitzenden Gegensätze int wirtschaftlichen Leben nicht noch schroffer auszupragen, sei zu wünschen, daß unter den Privat-Beamten der Gedanke an ein derartiges Kampfmittel Platz greife.

folgen; oder aber: es möchten denen, so ihn verstanden, die Haare zum Berge gestanden haben ob der überraschen­den Entdeckunaen, die Herr Molkenbuhr, derArbeiter­vertreter", bei dem Ritt in das sozialpolitische Land machte. Wir finden hier einerseits dieAermsten und Elenden" er­drückt von der ganzen Last der Kosten für die Arbeiter-, Versicherung. Unmittelbar darauf aber marschieren die deut­schen Kapitalisten ebenfalls laut jammernd auf, nun­mehr sind sie es, welche die Geschichte bezahlen, indem sie jährlich 375 -Millionen hergeben; in den letzten zwanzig Jahren vier Mlliarden. Wer nun noch nicht weiß, ob eigentlich die Arbeiter oder die Unternehmer die Leid­tragenden sind, der wird zuletzt doch noch des bangen Zweifels enthoben: die Unternehmer sind's zwar, die zahlen. Aber wie diese verrotteten Kerle nun einmal sind, so ver- stehen sie es auch, mit einem weinenden und zwei lachen- den Augen zu zahlen. Sie haben sich die Sache so einzu­richten verstanden, daß sie allerdings 375 Millionen Mark ausgeben, dafür aber auch 420 Millionen einnehmen; so daß den deu^chen Kapitalisten aus der Arbeiterversiche­rung ein jährlicher Profit von 45 Millionen erblüht! Eigent­lich von 420 Millionen, da sie ja ihre Ausgaben denKäufern mit in Rechnung stellen". So sind es zuletzt also die Kapi­talisten doch wieder nicht, welche zahlen; denn sie machen ja ein Millionengeschäft dabei. Diearmen und elenden" Arbeiter sind es wenigstens nach dem zweiten Teil der Molkenbuhrschen Rede auch nicht. Also sind es die Säufer"? Denn sie zahlen an die Unternehmer 420 Mill. Mark, von denen diese 45 Millionen für sich behalten und den Rest von 375 Millionen für die Arbeiterversicherung weitergeben. Was will denn &err Molkenbuhr nun noch? Wenn diese von ihm entdeckten Leute, die erKäufer" nennt, und die äußerordentlich begabt zu sein scheinen, alles be­zahlen, dann ist die Geschichte doch auss schönste einge­richtet! Run wird uns auch die Begeisterung verständlicher, welche die Kongreßteilnehmer am Schlüsse der achttägigen Redeschlacht befiel. Sie werden in ihren verschiedenen Heimatländern ebenfallsKäufer" ä la Molkenbuhr auf- treiben und so mit einem Schlage in der gesamten Kultur- welt die schwierige Frage der Finanzierung der Arbeiter­versicherung und damit die soziale Frage überhaupt lösen. So hat der Kopenhagener Kongreß zum Schluß doch noch ein praktisches Ergebnis gehabt und die internationalen Arbeiter werden nicht mehr klagen können, daß ihnen ihre Intellektuellen" immer nur Steine statt Brot bieten.

Ans Statt unt Land.

Gießen, 6. Sept. 1910.

Die Ernteergebnisse des Vorjahres in Hessen.

Die diesjährige Ernte ist int allgemeinen beendet. Aller- meist ist das Korn in den Scheuern geborgen oder steht in großen Diemen aus dem Felde, des Erdrusches harrend. Schon hört man hier und da das Klipp-Klapp des Dreschflegels und das der Dampfdreschmaschine, und Sack auf Sack gefüllt mit köstlichem Korn wandert auf den Getreideboden. Angesichts dessen mag e3 von Interesse sein, wie sich das Endergebnis der Ernte Großherzotum Hessen waren 1909 73 801 fceftar mit Roggen bestellt und von dieser Anöau- slache wurden 168 727 Tonnen (zu je 1000 Klg.) geerntet Das bedeutet auf den Hektar einen Durchschnittsertrag von 22,9 Doppel­zentnern, eine erfreulich hohe Ziffer, die sich über den im Reiche erzielten Durchschnitt um 4,4 Dz. erhebt und gegen den in Hessen im Jahresdurchschnitt von 18991908 pro Hektar gewonnenen Ertrag um 3,1 Dz. größer geworden ist. Das gleick) günstige Ergebnis bezüglich der Ertragfähigkeit unseres landwirtschaftlich bebauten Bodens und ihrer Steigerung läßt sich beim Weizen, konstatieren. Mit Weizen, der vornehmsten aller Körnerfrüchte waren im Großherzogtum 28 977 Hektar besät und die von ihnen gewonnene Erntemenge betrug 66 528 Tonnen oder 23 Dz auf den Hektar, während im Jahrzehnt von 18991908 nur 21,4 Dzj vom Hektar geerntet wurden und im ganzen Reiche im Vorjahre durchschmttltch nur 20,5 Dz. Die Ertragfähigkeit des Bodens, war noch etwas größer beim Anbau von Sommerger st e die auf dem Hektar ein Erdruschresultat von 23,9 Dz. lieferte (1899 bU 1908 nur: 22,5), im Neichsdurchschnitt nur 21,2 Dz. Ins­gesamt betrug int Großherzogtum Hessen die Anbaufläche für Gerste un Vorjahre 52 499 Hektar und die Gesamterntemenge 125 337 Tonnen. Was schließlich die Kultur des Hafers angeht, so sind wir auch in dieser Beziehung gut gestellt; denn während in ganz Deutschland der durchschnittlrche Ertrag eines mit Hafer bejäten Hektars 21,2 Doppelzentner ausmachte, ernteten die hes- Mchen Landwirte von den 55835 Hektar mit Hafer bestandenen Feldern 134 993 Tonnen Körner oder auf den Hektar 24,2 Dz Im Durchschnitt der Jahre von 18991908 wurde nur eiq Durschnrttsertrag von 20,8 Dz. erzielt. Die Statistik beweist^ daß sich die Landwirtschaft Hessens auf einer erfreulich hohen Entwicklungsstufe befindet; anders wäre es trotz mancher un­günstiger Verhältnisse nicht möglich, solche hohen Durchschnitts- «rträge herauszuwirtschaften.

**OefsentlicheLesehalle. Im August wurden 1983 Bande ausgeliehen. Davon kommen aus: Erzählende Literatur 1040, Zeitschriften 230, Jugendschristen 223, Vers- dichtungen und Dramen 39, Literaturgeschichte 23, Länder- und Völkerkunde 46, Kulturgeschichte 38, Geschichte und Biographien 113, Kunstgeschichte 6, Naturwissenschaft und Technologie 86, Heer- und Seewesen 31, Haus- und Landwirtschaft 20, Gesund­heitslehre 21, Religion und Philosophie 29, Staatswissenschast 9, Sprachwissenschaft 14, Fremdsprachliches 15 Bände. Nach auswärts kameu 71 Bände.

** Warnung. Der Vertrieb des alsNatürlicher Gesundheitshersteller" angepriesenen Geheirnmittels ber M. A. Winter Co. in Washington erfolgt unter ausdrückliche angegebener Umgehung der Apotheken ausschließlich durch. Agenten, obwohl es nach der Kaiserlichen Verordnung vom. 22. Oktober 1901 eine den Apotheken vorbehaltene Zu­bereitung (Pulver oder eine Art Pastillen) darstellt, die als Heilmittel außerhalb der Apotheken nicht feilgehalten oder verkauft werden darf. Warnungen, die von mehreren: Bundesregierungen vor dem Mittel erlassen wurden, haben keinen merklichen Einfluß auf seinen Absatz gehabt. Es- wurde deshalb im Jahre 1907 bei der Revision der Vor- chriften über den Verkehr mit Geheimmitteln das Mittet, durch Einreihung in die Anlage B der Geheimmittelvor-! christen dem Rezeptzwang unterworfen. Aber trotz dieses Vorgehens ist der frühere Zustand im Vertrieb und Absatz! des Mittels fast unverändert geblieben. Die Firma F. 9L1 Winter ist nach wie vor eifrig bemüht, Agenten für den Vertrieb ihres .Natürlichen Gesundheitsherstellers" zu ge*

Kopenhagener Entdeckungen.

Der Kongreß der roten Internationale in KopenKaaen ist am Samstag geschlossen worden. ,^8egeistert erhoben sich die Delegierten und Tribünenbesucher, und mächtig er­schallten aus tausend Kehlen die Internationale, der So- zialistenmarsch, dänische, schwedische und englische Freiheits- lieber." So ging man begeistert auseinander, nachdem man eine volle Woche die Zett totbeschlagen hatte mit jenen alten Ladenhütern. Antimilitaristische Agitation, Badget- ftrcit, Taktik, Abrüstung, dazwischen Klampenborg, Lange Linie und Tivoli, es war für Abwechslung unb Unterhal­tung gesorgt, da die Beratungen selbst alles andere als unterhaltend waren. Wozu diese Kongresse eigentlich ab- gehalten werden? Die Arbeiter daheim werden über die Sache vielleicht anders denken, als die Elitegenossen, zumal sich von jeder solchen .Versammlung dasselbe sagen läßt, was derVonoärts" seinerzeit dem deutschen Parteitag von Dresden nachrief:Steine statt Brot."

Nun ist es allerdings um das Brot namentlich der deut­schen Arbeiter nicht so trostlos bestellt, wie die Sozialdemo­kratie es glauben machen möchte. Allein daraus sollten die Internationalen doch nicht die Berechtigung herleiten, ihnen auf diesen Kongressen nichts als Steine zu bieten. Wer sich die Mühe macht, diese acht Tage nach einem Samenkorn, einem einzigen neuen Gedanken zu durch» forschen, wird feine Arbeit nicht belohnt finden. Aber er wird eine Beobachtung machen, die zu denken gibt, da sie sich in Amsterdam, in Stuttgart und jetzt in der dänischen Hauptstadt wiederholt: Von dem Arbeiter, feinen Nöten und täglichen Sorgen wäre überhaupt nicht die Rede, wenn man sich nicht regelmäßig noch ganz kurz vor dem Aus­einandergehen seiner erinnerte, um das Dekorum durch die schleunige Annahme einer Resolution zu retten, deren Länge für ihre Jnhaltlosigkeit entschädigen soll. So war's auch jetzt in der Sund stad t. Als aus Niorgen und Wend der siebente Tag geworden war, besah man sich das Werk vielsprachiger Phrasen und siehe: man sand es so gut, daß man in die eingangs geschilderte Begeisterung geriet. Nur eines fehlte. Diese Delegierten hatten für die Arb etter - gesetzgebung keine Zeit gehabt. Darum hiell flugs noch am Samstag Herr Molkenbuhr als Berichterstatter dersozialen Kommission" eine Rede, aus der einige Sätze der Nach well behalten zu werden verdienen:

,Zedes Land muß aud) heute schon (für die Arbeiterversiche- rung) zahlen, aber es bürdet die Lasten jcht den Aermsten und Elendesten auf. (Lebhafte Zustimmung.) Was wir jetzt tragen müssen, das soll die ganze Gesellschaft nicht tragen können? (Er- neuter Beifall.) Das ist ein lächerlicher Einwand. Sehen wir uns einmal an, welche gewaltigen Opfer auf dem Schlachtfelde der Arbeit fallen. In einem Jahre fielen in Deutschland 7000 Tote und 518000 Verwundete. (Lebhaftes Hört, hört!) Sollen deren Witwen und Waisen, die Krüppel und Verletzten ohne Hilfe bleiben? Die Frage stelleir, heißt sie beairtwvrten. Dasselbe gilt für die Allen und Invaliden, für Schwangere, Wöchnerinnen, und Arbeitslose. Die deutschen Kapitalisten jammern, daß sie 375 Miillianen Mark für die Arbeiternersicherung ausgeben. Das ist gewiß eine große Summe, und wenn man bei der Einführung her Arbeiterversicherung gewußt hätte, daß sie in 20 Jahren vier Milliarden dafür aufwenden müßten, dann hätten sie sich viel- leicku noch heftiger dagegen gesträubt. Aber hat die deutsche In­dustrie diese vier Milliarden nicht ruhig bezahlt, ohne daran zugrunde zu gehen? (Sehr richtig^) Ja, fein Land hat einen solch gewaltigen Aufschwung seiner Industrie in diesem Zeitraum erlebt wie gerade Deutschland. Und die Arbeiterversicherung hat dazu wesentlich beigetragen. Die Kapftalisten bezahlen ihre Kosten nicht selbst, sondern stellen sie den Käufern mit in Rechnung. Sie nehmen lährlich für die Arbeiterversicherung 420 Millionen Mark ein und geben 375 Millionen Mark dafür aus. Den Unter­nehmer kostet Die Versicherung für jeden Arbeitstag eines in­dustriellen Arbeiters 12 Pfg. Das macht, wenn wll so rechnen, im Jahre bereits 310 Millionen Mark aus. Für den Landarbeiter bei 200 Arbeitstagen kostet die Versicherung 5 Pfg. pro Tag, so kommen wir auf 112 Millionen Mark. Das gibt zusanunen 422 Millionen Mark, also erheblich mehr, als die Kapitalisten tatsächlich gezahlt haben", usw.

Das ist aus dem Bericht desVorwärts", der das gröbste schon ausgemerzt haben mag. Wenn man aber diesen ge­lauterten beau reste besieht, dann bleibt nur noch die Hoff­nung, die Bersammellen möchten nicht genug Deutsch ver­standen haben, um dem glorreichen Gedcmkenfluge zu

Zweites MM Jahrgang Dienstag 6« September 1910

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen H Ww. ft WZ O 0 0 fty W AW ilzoHfilOr UmversitätS-Bnch. und Steindruckerei. vJivgviivi mijviyvi General-Anzeiger für Gberhessen

Die Passion in Oberammergau.

Im Jahre 1633 war es. Neben dem Schrecken, den der große Glaubenskrietz in den deutschen Landen Verbreitete, ging, zum Teil in fernem Gefolge, noch ein anderer Schreckett her: derschwarze Tod". Auch in dem lieblich am Fuß des nördlichen Alpenwalles gelegenen Dörfchen Ober­ammergau, das schon damals durch seineHerrgotts­schnitzer" bekannt war, hielt die Pest Einkehr und raffte in diesem Jahr 84 Leute hinweg. Der fromme Sinn der Ein­wohner des toeltentlegenett Gebirgsdörfchens sah in der Heimsuchung eine Strafe des Himmels, und wie der Sohn der deutschen Alpen überhaupt stets in seinem Kampfe mit den Gefahren der unwirtlichen Bergwelt seinen Trost und seine 5)ilfe in der Religion sucht, so geschah es auch hier. Zum Dank für das Erloschen der Seuck)e und zum ewigen Gedächtnis an sie legten die Dorfbewohner das Gelübde ab, von zehn zu zehn Jahren die Leidensgeschichte Jesu Christi in Wort und Bild darzustellen.

Oberammergau ist nicht der einzige Ort, in dem aus diesem oder anderen Anlaß Passion gespielt wurde. Aber während anderwärts das Spiel im Laufe der Zeit wieder einging teils durch eifernde Priester, die von einer der­artigen Darstellung eine Benveltlichung der Religion fürch­teten, teils unter dem Einfluß der Aufklärung oder aus Gleichgülligtell erwuchs das fromme Tun hier zu immer schönerer Blüte. Noch heute ist dem Oberammergauer, selbst das Spiel eine religiöse Handlung und vor jeder Aufführung versammelt sich die Spielgemeinde um ihren Dorfgeistlichen, um im Gebet den Segen Gottes auf ihr Unternehmen herab- zuslehen. Aber daneben ist es eine Quelle des Wohlstandes, der Bildung und des Fortschritts für den freundlichen Ort geworden, der unter seinem Einfluß zu einem der schönsten oeutfdjen Alpendörfer geworden ist.

And) wenn kein Passionöjahr ist, wird ein Besuch des jetzt leicht mit der Bahn zu erreichenden Dörfchens dem, der mit offenen Augen die Eigentümlichkellen einer Gegend ift sich aufnimmt, einen großen Genuß gewähren. Das

Dorf liegt in dem reizvollen Tale der Ammer, an der alten Heer- und Handelsstraße, die von Augsburg aus über den Brenner ins Wälschland führte. Die Schönheit der Natur ist noch vorhanden, dagegen sind die Spuren, die sonst derartige mittelalterliche Verkehrswege noch heute be­zeichnen, verschwunden. Es sei denn, daß man die alten behäbigen Bürgerhäuser Oberammergaus als solche Spuren ansehen will, die in ihrer freundlichen Bemalung dem Dorfe ein stattliches Gepräge geben. Im übrigen ist es die Holz­schnitzkunst und die Passion, die den Charakter des Dorfes beftimmen.

Alle zehn Jahre spiell man die Leidensgeschichte und fünf Jahre spricht man von ihr, um dann die nächsten fünf Jahre die neue Spielzeit vorzubereiten. Das Spiel ist eine Angelegenheit btr ganzen 1800 Einwohner zählenden Gemeinde, die dazu eine Art freien Verein biwet. Gut ein Drittel ist aktiv an der Passion beteiligt und daneben sind noch mehrere hundert als Hilfs-, Aufsichts- und tech­nisches Personal tätig, während die übrigen Einwohner wenigstens wirtschastlick) an den Spielen stark interessiert sind. Die Spieler werden gewählt und es ist der höchste Ehrgeiz des Oberammergauers, zu einer der .Hauptrollen bestimmt zu werden, trotzdem das materielle Erträgnis des Spieles für den einzelnen Darsteller nicht groß ist. Für 1910 kamen in Betracht: 1 Spielleiter, 1 Stellvertreter, 98 sprechende männliche Rollen, 32 Soldaten, 18 Mann bei der Rotte (Tempelwache), 14 sprechende weibliche Personen, 2 Souffleure, 25 Leute bei den Requisiten, 11 Kassierer, 61 Aufseher, 1 Musikdirektor, 1 Stellvertreter, 1 Sprecher des Prologs, 12 Sopranistinnen, 12 Mtistinnen, 8 Teno­risten, 8 Bassisten, 40 Musiker, 200 Personen beimVolk" und 300 Schulkinder u. n. a. m. Eine stattliche Schar, deren richtige Auswahl allein schon alle Anerkennung ver­dient.

Der heute den Aufführungen zu Grund liegende Text beruht ganz auf dem ursprünglich gebräuchlichen. Er ist aber zeitgemäß fortgeb Übet worden, so daß er heute, bei aller Wahrung ber Trabllion, gewissermaßen modern axv»

mutet. Der vorletzte Dorfgeistliche, Geistl. Rat Deifen-- berget (f 1883) hat ihm in geschickter Weise die heutige Form gegeben. Auch die entsprechende Passionsmusik ist das Werk eines Oberammergauers, des 1822 gestorbenen Schullehrers Rochus D e d l e r. Das Passionsspielhaus ent* hält Raum für 4000 Zuschauer. Das Zuschauerhaus ist ellv gewalttges Tonnengewölbe; von allen Plätzen kann maor den Vorgängen auf der Bühne gut folgen und auch die Akusttk ist recht gut. Die Bühne ist 42 Meter breit, zunächst dem Zuschauerraum ist sie offen, während dahinter die 10 Meter breite Hauptbühne, sowie Jerusalemer Bauten sich befinden. Die von L aut e ns chlä g er-?Nünchen (einem geborenen Darmstädter) geschaffenen technischen Einrichtungen der Bühne sind mustergültig.

Schon am Tage vor einer Aufführung geht es in Ober*- anrmergau lebhaft zu. Von allen Seiten, mit der Bahn,. Autos, Stellwagen unb zu Fuß strömen bie Leute bazu undi man fühlt sich in einen internationalen Badeort versetzt. Alle Kulturstaaten schicken ihre Vertreter, lvenn aud) das- amerikanische Element überwiegt. Denn wer von jenseits^ des großen Wassers in diesem Jahre eine Europareise macht,, nruß auch in Oberammergau gewesen sein, wenn er fernerhin gesellschaftlich für voll genommen werden will. Außßr diesen, deren Dasein mehr der Mode zuzuschreiben ist, isti vor allem die katholische Geistlichkeit aller Länder start ver-, treten. Neben diesen Extremen ber Mode mib des Glaubens! ist die große Schar derer, die aus künstlerischen und Volks* kundlichen Interessen dein einzigartigen Schauspiel bei­wohnen. Aber was auch den einzelnen nach Oberammergau geführt haben mag, alle werden sicher einig sein in ber Be* Wanderung des Gesehenen und niemand wird sid) des er* greifenden Eindrucks erwehren können, den die schlicht* einfache und habet doch vollendet künstlerische Siebergabc der Leidensgeschichte des Stifters der christlichen Religion vom rein menschlichen Standpunkt ans macht.

Die Darstellung setzt mit dem Einzug Jesus in Jeru^ salem ein unb enbet mit ber Auferstehung und einem sich anschließenbenSchlußtableau"^ In 17 einzelnen