Ausgabe 
6.6.1910 Erstes Blatt
 
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Deutsches Neich.

Außer bcm NuchtragshLushv.lt, bete, die Erhöhung der Kr o ndotation um zwei Mi llio-ncn, ging dem preußischen Zlbgeordnetenhaus ein Nachtoagshaushalt zu von ein und einhalL Millionen ate ^schuß cm die Kronkasse zu den Betriebskosten für die Königlichen Theater.

DieNordd. Illg. Ztg." schreibt: Auf den politi.scl>ep SNernungsaustausch, zu dem die Anwesenheit des italie­nischen Ministers im Sinne der DrÄbundspolitik Ge­legenheit bot, blickt man in Berlin mit ungetrübter Be­friedigung zurück. Nach der Rückkehr des Ministers nach Rom habe ein herzlich gehaltener De Pesch en we ch sel des Königs von Italien mit unserem Kaiser stattgefunden.

In Stricgau hat am Samstag die Enthüllung des Kriegerdenkmals für die in der Schlacht bei Hohen- friedberg gefallenen 1821 Oesterreicher und 1320 Sachsen stattgefunden. Das Denkmal besteht aus einem 6 Meter hohen Obelisken, der auf einem 4 Mvter hohen Granit­sockel ruht.

Ausland.

KaiserFranz Josef ist am Samstag abend wieder in Wien eingeiroffen. Auf dem Bahnhof wurde er von dem Bürgermeister an der Spitze der Gemeindevertretung begrüßt. Auf den Willkommengruß des Bürgermeisters erwiderte der Kaiser, er sei von oer Reise nach den neuert Landern sehr befriedigt. Der Kaiser, der sehr gut aussieht, begab sich nach Schönbrunn. 'Viele Häuser hatten Flaggen­schmuck angelegt.

Aus Ofenpest wird gemeldet: Ministerpräsident Graf Khuen-Hedervarv erklärte einem Vertreter desPester Llohd", die Nation habe ihren Willen so deutlich und unzweideutig kund getan, daß die Opposition sich sicherlich der Entscheidung beugen werde. Es sei nicht anzunehmen, daß irgend eine oppositionelle Fraktion sich dem nationalen Mllen widersetzen und zur Obstruktion greifen werde. Die Wahlen seien in vollster Ordnung ver­laufen. Mair habe, wie bei den früheren Wahlen, wohl militärische Hilfe in Bereitschaft gehalten, um etwaige Aus­schreitungen hintanzuhälten, jedoch fei in keinem einzigen Falle militärisches Eingreifen in Anspruch genommen worden.

Aus Brüssel wird gemeldet: Die französische Abteilung der Internationalen Ausstellung wurde Sonntag nachmittag in Anwesenheit des Handels- ministers Dupuy, des Ackerbauministers Ruan und des Kolonialministers Trouillot feierlich eröffnet.

Präsident Fallieres überreichte El Mokri das Großoffizier kreuz der Ehrenlegion, El Fast erhielt das Kommandeurkreuz der Ehrenlegion.

In Petersburg hat sich ein Komitee, an dessen Spitze als Ehrenpräsident Großfürst Michael Alexandro- witsch steht, gebildet, um eine Sammlung für den Bau einer Gedächtniskapelle auf dem Schlachtfelde von Leipzig zu eröffnen.

DieTimes" meldete vor drei Tagen aus Petersburg, daß die persische Regierung alle Hoffnung auf- gegeben habe, von Deutschland eine Anleihe zu er­halten, und daß sie deshalb die Verhandlungen mit Groß­britannien und Rußland wieder ausgenommen habe. Die persische Gesandtschaft in London hat nunmehr das Blatt aufgefordert, zu erklären, daß der zweite Teil der Mel­dung f.alfch sei, und was den etilen anbetresfe, so habe die' persische Regierung niemals eine derartige Absicht gehabt.

!Aüs Urmia wird gemeldet: Die Kurden zer­störten die Wasserleitung, die Stadt ist ohne Wasser.

Ein oberhessischesVolks- und vauernseft".

6 Ober-Wi-dcrshcim, 5. Juni.

Das große Volksfest, roie ein solches hier zum letzten Male bor drei Jahren abgehalten worden ist, gestaltete sich heute zu einer gewaltigen politischen Kundgebung des oberhessischen Bauern­standes. Nahezu 6 00 0 Festbesucher waren aus allen Teilen der Wetterau und des Vogelsberges, sowie den benaächarten preußischen Landesgebieten herbeigeeilt. Die fahrplanmäßigen Züge der ober- hessischen Eisenbahn konnten den Betrieb nicht allein bewältigen, es mußten deshalb mehrere Sonderzüge eingelegt werden.

Das Fest begann gegen 2 Uhr nachmittags mit einem statt­lichen Festzuge, der sich durch die überaus reichlich geschmückten Straßen des Dorfes nach dem Festplatze bewegte, der dicht an der Bahnlinie im Walde gelegen ist, den Blick in die gesegneten Fluren der Wetterau offen lassend. Geeignetere Festplätze für ein Volksfest unter freiem Himmel dürfte man nur wenig finden. Am Eingang grüßte den Besucher zunächst ein großes Plakat mit der AufschriftW ählt Dr. von Helmhol t" Und diese Aufforderung, die gewissermaßen der ganzen Veranstaltung den Stempel aufdrückte, wurde im Laufe des Nachmittags von all den zahlreichen Rednern, die in kurzen Ansprachen von 1020 Mi­nuten Dauer zur Volksversammlung sich wendeten, des öfteren wiederholt.

Die eigentliche Festrede hielt, nachdem nach einer kurzen durch einen heftigen Gewitterregen verursachten Storung Bürger­meister Weiß- Ober-Middersheim, der Festleiter Fenchel- Ober-Hörgern und Adolf Hensel-Dortelweil als stellvertretender Vorsitzender des Provinzialvereins des Bundes der Landwirte in Oberhessen Begrüßungsworte an die Versammlung gerichtet hatten, Reichstagsabgeordneter Max Liebermann von Sonnenberg. Er begrüßte es, wie auch die Vorredner, daß die Deutsch-Sozialen, Christlich-Sozialen und der Bund der Land­wirte sich zusammengefunden haben im Kampfe gegen den gemein­samen Feind, der den Versuch machen wolle, das Volk zu ver­leiten, eine Mehrheit in den Reichstag zu bringen, die gegen die bewährte Bismarcksche Politik Front mache. Der Hansaüund sei Judenmache. Der Redner wendet sich scharf gegen den neuen Bauernbund und seine Agitation in Friedberg-Büdingen, die Agitatoren lvürden vom Hansabund bezahlt, der nicht mehr national, sondern international sei. Seine i Liebermanns) Freunde, dagegen wollten das Erbe der Väter bewahren, die heilige Kaiser­krone, die schirmend über dem Reick)sbau schwebt. Nicht sich national nennen, sondern national handeln sei die Haupt­sache. Wer ein Bündnis eingehe mit den internationalen Herren, der sei ein Heuchler und nicht wert, sich ein nationaler Mann zu heißen. Der Redner fordert auch die Frauen auf, daß sie ihre Schuldigkeit tun, sie sollen die Männer festhalten an der alten Fahne, damit sic treu bleiben dem Bunde, dem deutsch-sozialen Banner, treu aber auch vor allem dem Vaterlande.

Darauf sprach Landtagsabg. K o r e l l - Angenrod, der zunächst das Fernbleiben des Chefredakteurs Schrempf-Stuttgart entschul­digt. Wenn sonst eine Bauernversammlung war, da war es der Bauerngraf" (Oriola), der immer zunächst sprach. Er ist leider nicht mehr. Die Arbeitsanstrengung im Reichstag, und jedenfalls auch sein Verhältnis zur nationalliberalen Partei seit vergangenem Jahre hätten wohl mit dazu beigetragen, ihm ein früheres Ende zu bereiten, als cs erwünscht war. Es sei eine Scknnach, daß es in seinem Wahlkreis nicht mehr zu einer Einigung mit den Nationalliberalen gekommen sei. Bedauerlich wäre es, wenn so der Wahlkreis der nationalen Sache nicht mehr erhalten bliebe und in die Hände der Sozialdemokraten käme. Morell betont, daß er kein Gegner,der Arbeiter sei, er gönne ihnen den ge­rechten Lohn, sie müßten aber auch nationale Männer sein: auch seien er und seine Partei kehre Feinde der Beamten, sie

würden stets für sic eintreten. Der Reimer schwß feine Ausfüh­rungen mit einem Hoch, das der deutsch-vaterländischen Gemein- bürgschast in Stccht und Land galt und begeistert ausgenommen wurde.

Nach einer kurzen Pause sprach dann Reichstagsabgeordneter Bindewald. Er gedachte zunächst des verstorbenen Abgeord­neten Zimmermann, des Vorgängers in seinem Wahlkreis. Der Kampf um die Reichsfinanzreform habe eine Scheidung der Geister hervorgerufen. Die Erbansallsteuer, für die er sticht gestimmt, sei mittelstandsfeindlich. Vom Liberalismus würde gegen die Schutzzollpolitik Front gemacht und dadurch der Bauernstand ge­schädigt: selbst England habe sich besonnen und eingesehen, daß es ohne Schutzzölle nicht abgeht. Der Redner sagt, er sei nicht Gegner des Reichstagswahlrechts: es müsse dem Volke aber auch klar gemacht werden, was es zu bedeuten habe, am Wahltage seine Pflicht zu tun. Bindewald erklärt noch, daß der Bund der Land­wirte kein Bund der Großgrundbesitzer sei, und daß seine Partei als vaterländische Partei für die Kriegsveteranen,stets eintrete. Daß diese ihren verdienten Sold nicht bekämen, sei der Arbeit der Liberalen zu verdanken. Wie die Vorredner, empfing auch Bindewald stürmischen Beifall.

Es sprach bann noch eine ganze Reihe von Rednern, Land­wirt Lind- Niederissigheim, Pfarrer Fr i t s ck - Ruppertsburg, der christliche und sittliche Gedanken in die Politik hineingetragen haben will, Oberlehrer Werner- Butzbach, Bürgermeister Mettenheimer - Eichelsachsen und auf allgemeinen Wunsch Neichstagskandidat Dr. von Helmholt -Friedberg, bis der Leiter des Festes, Landwirt Fenchel- Ober-Hörgern, den, poli­tischen Teil schloß. Alle Redner betrachteten als gemeinsamen Feind das Großkapital, den Hansabund, diegoldne" und die rote Internationale: alle Redner forderten dazu auf, in der be­vorstehenden Ersatzwahl Friedberg-Büdingen für den Kandidaten des Bundes der Landwirte, Dr. von Helmholt, einzutreten.

Daneben wurde den Festbesuchern an Belustigungen und Unter­haltungen noch Reichhaltiges geboten. Großen Beifall fanden besonders die von den Festjungfrauen und jungen Burschen auf­geführten Schnitter- und Reigentänze, die Gastwirt Wigand-Gießen leitete. Dieser Teil des Festes findet morgen als Ober-Widders- heimer Kirchweihe noch seine Fortsetzung.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 6. Juni 1910.

" Ordensverleihungen. Der Großherzog hat dem Verlagsbuchhändler Hch. Wagner in Leipzig (zum 1. Juni) und dem Kaufmann Jak. Lakscha in Frankfurt am Main das Ritterkreuz 1. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen. Der König von Preußen hat dem Privatarchitekten Baurat Rud. Opfcr- m ann zu Mainz den Kronenorden 3. Klasse verliehen,

* * Eisenbahnpersonalien. Der Großherzog hat dem Regierungs- und Baurat Jak. Geibel, Mitglied der Eisenbahndirettion in Frankfurt a. M., den Charakter als Geheimer Baurat verliehen und den Regierungsrat Gust. Böß, Mitglied der Eisenbahndirektion zu Berlin, auf sein Nachsuchen aus dem Staatsdienste entlassen.

* Lehrerpcrsonalien. Uebertragen wurde dem Schulamtsaspiranten Aug. Heß aus Pfungstadt die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Steinau, dem Schul­amtsaspiranten Hch. Weber aus Storndorf die Lehrer­stelle an der Gemcindeschule zu Reuters. In den Ruhe­stand versetzt wurde der Lehrer an der Gemeindeschule zu Hohen-Sülzen Friedr. Emmert auf sein Nachsuchen bis zur Wiederherstellung seiner Gesundheit.

**VerleihungderStaatsmedaillefürAus- ftellungen. Durch Entschließung des Ministeriums des Innern wurde auf Vorschlag der Preisrichter der Ausstel­lung des Vereins der Hundefreunde von Darmstadt und Umgebung, die am 17. und 18. April zu Darm st a d t statt- fand, die Bronzene Staatsmedaille für Ausstel­lungen an Baron de Ginains auf Hohenau bei Nacken­heim, den preußischen Förster Weber zu Riedelbach a. T. und Veterinärarzt Dr. Di ff ine zu Rüsselsheim verliehen.

* * Die Unteroffiziere des 1. Bataillons machten gestern einen Ausflug nach Kloster Arns­burg und Lich, wo am Abend ein Tanz int Saalbau Stein die Ausflügler in sehr vergnügter Stimmung ver­einigte.

"Der Evang. Haupt der ein der Gustav- Adolf-Stiftung wird sein diesjähriges Jahresfest am 28. und 29. Juni in Groß-Zimmern abhalten.

" Straßenschmückung und elektrische Bahn. Man schreibt uns: In der Samstagnummer des Gieß. Anz. wurde darauf aufmerksam gemacht, daß es mit dem Schmücken des Selterswegs, wie überhaupt der Haupt­straßen, seit Einführung der elektrischen Straßenbahn durch Girlanden ein für allemal zu Ende sei. Der Naturfreund, der in der Schmückung durch Tannengrün bei jedem festlichen Anlaß im Grunde genommen nichts anderes als eine mo­derne Waldverwüstung erblickt, mag sich darüber freuen, aber dadurch wird der Seltersweg nicht schöner. ^Vielleicht findet folgender Vorschlag Mnllang: Der Betrag, den man sonst für Girlandenschmuck anlegte, verwende man in diesem Jahre für Blumenkästen an den Fenstern. Im nächsten Jahre tue man desgleichen und fahre damit solange fort, bis sämtliche Fenster im Seltersweg Blumenschmuck haben. Dann ist die Straße nicht nur für einzelne Gelegen­heiten auf kurze Zeit geschmückt, sondern für den ganzen Sommer. Wird die Sache richtig angefaßt, und sorgt man vor allem für solide Befestigung der Misten und Vorrichtung für das Auffangen des überschüssigen Gießwassers, so ist es bei uns ebenso gut möglich, den Hauptstraßen ein freund­liches Aussehen durch Blumenschmuck zu geben, wie in an­deren Städten. Nur begnüge man sich nicht wie seither mit der Aufstellung vereinzelter Blumentöpfe, die erstens stets einen nur kümmerlichen Eindruck machen und zweitens eine Gefahr für die Vorübergehenden bilden.

geriebene Burschen. Die zwei Fahrrad­diebe, denen hier am 27. vor. Mts. zwei in Frankfurt a. M. gestohlene Fahrräder abgenommen wurden, denen es aber ge­lang, zu entkommen, waren am verflossenen SamStag m Frankfurt a. M. in der Wohnung einer Frauensperson ermittelt worden, und als sie verhaftet werden sollten, stiegen sie durch ein Dachfenster und entkamen so zum zweiten­male. In der Wohnung sanden sich noch zwei Fahrräder, von denen das eine in Gießen gestohlen ist. Die Frauens­person wurde wegen Hehlerei festgenommen. Jedenfalls sind die beiden Burschen auch identisch mit den zwei Unbekannten, die vor einiger Zeit in Wöllstadt zwei gestohlene Räder im Stiche ließen und das Weite suchten. Dem einen wird auch der Einbruchsdiebstahl in Klein-Linden in der Nacht vom 27. auf den 28. v. Mts. zur Last gelegt.

* Entwendet wurden in der Moltkestraße zwei sog. Holländer. Jedenfalls kommen als Täter Buben in Betracht, da es sich um ein Knabenspielzeug handelt.

" Mehrere Blitzschläge erfolgten in der Um­gegend bei den Gewittern der letzten Tage. In Allen- d o r f ci. d. Lahn schlug der Blitz in Scheune und Stallung des Bergmanns Ulm, tötete eine .Kuh und beschädigte Dach, Giebel imb Wände erheblich. In Steinberg traf eben­falls ein kalter Schlag das Gaschaus Kur Krone, Der Blitz

ging durch die Fahnenstange und die Bierdruckleitung üt die Erde und ließ Spuren der Zerstörung zurück.

(.) Leih g estern, 5. Juni. Die 1 7. Gau t nrn sah rt des Gaues Wetterau wurde heute in Verbindung mit der Fahn e nwe ihe des TurnvereinsFr if d}a u f" hier abgehalten. Die etwa 30 Vcrbandsvereine hatten 200 .Wetturner entsandt. Um 2 Uhr bewegte sich ein langer Festzug durch das Dorf. Nach der Begrüßung durch den Festpräsidenten Luh sprach Gauvorsitzender Dorsch, dann hielt Lehrer Lotz die Festrede. Fräulein Kathrine Brückel überreichte die neue Fahne, der Vorsitzende des Krieger- Vereins .schenkte eine Fahnenschleife. Einen Damen- unh. Turnreigen leitete Turnwart Schmidt. Gauturnwart Sey- fried-Heldenbcrgen nahm die Preisvcrteilnng vor, es er­hielten u. a. Preise: I. Oberstufe von 137 Wetturnern: 1. W., Brückmann-Dortelweit 76 Punkte, 2. Fr. Schütz-Fauerbach, 3. H. Meisinger-Oberwöllstadt, 4. W. Fritsch-Pohlgöns, 5. T. Weißbäcker-Heldenbergen, 6. I. Tausain-Heldendergen, W. Appel-Wölfersheim, Fr. Roth-Kaichen, H. Bernhardt-Mel­bach, 7. Fcrd. Roth-Dortelweil, 8. Hch. Knanß-Echzell, W. Markgraf-Dortelweil, 9. O. Fertig-Bruchenbrücken, 10. W. Kuntz-Oberrosbach und Hch. Ernst-Fauerbach; in der Unter­stufe von 58 Wetturnern: 1. W. Ulrich-Rodheim 65 Punkte, 2. O. Langsdorf-Leihgestern, 3. Karl Vetter-Heldenbergen, 4. H. Dämon-Hoch-Weisel, 5. R. Hitdenbrand-Bleichenbach, 6. K. Schmidt-Friedberg, 7. Fr. Acker-Berstadt, 8. I. Roth- Heldenbergen, 9. O. Böcher-Echzell, 10. A. Singer-Bingen­heim.

)( Lich, 4. Jüni. Mit dem Gesetzentwurf betreffend Landgemeindeordnung, beschäftigte sich heute in Steins Saalbau eine stark besuchte Versammlung der Bürgermeister des Kreises Gießen unter dem Vorsitze des Landtagsabgeordneten Bürgermeister Leun- Großen-Linden. Die Versammlung stimmte im allgemeinen der Regierungsvorlage zu, doch wurden einzelne Aende- rungen beantragt. Nach Artikel 4 soll die von dem Bürger­meister vertretene Behörde auch künftig die Bezeichnung' Großherzogliche Bürgermeisterei" führen. Der Sonder­ausschuß für Revision des Verwaltungsgesetzes hat auf An­trag des Oberbürgermeisters Gläßing-Darmstadt beschlossen, Bürgermeisteramt" zu setzen. Die Versammlung spricht sich für .Belassung der seitherigen Bezeichnung aus. Die: Versammlung ist entgegen der Ansicht des Landesverbands der Ansicht, daß, wenn eine Gemeinde unter 10000 Ein­wohnern nach Einführung der Städteordnung wieder zur Landgemeindeordnung zurück!ehrt, Neuwahlen stattzufinden haben. Im übrigen bleiben Bürgermeister, Beigeordnete: und Gemeinderat so lang im Amt, als ihre Wahlzeit dauert. Die Offenlegung der Wählerliste soll an Sonn- und Feier­tagen ausgeschlossen sein. Unmittelbar nach den Wahlen hat der Bürgermeister die Gewählten zu benachrichtigen und das Wahlergebnis zu veröffentlichen. Hier wird angestrebt, daß statt unmittelbar am nächstfolgenden Wochentag gesetzt wird. Zur Leitung der Wahl wird vorgeschlagen, daß der Vorstand außer dem Wahlvorsteher und Protokollführer aus 24 Beisitzern bestehen soll. Die Versammlung ist der Mei­nung, daß die Gemeinde den Bürgermeister entsprechend honorieren und alle Gebühren in die Gemeindekasse fließen sollen. Um die Kontrolle hierbei zu vereinfachen, wird vor­geschlagen, Gem eindc ft em p e l -M a r ke n eistzuführen. Weiter wird gewünscht: In großen Gemeinden kann ein Ratsschreiber auf Kasten der Gemeinden verlangt werden; diese sollen die BezeichnungSchreibgehilfe" erhalten. Der Bürgermeister soll das Recht haben, zur Niederschrift des Protokolls einen Schreibgehilfen oder ein Gemeinderats­mitglied zu beauftragen. Der Artikel wegen der Sitzungs­bücher soll gestrichen werden.

D L a u b a ch, 5. Juni. Gestern fanden die Sommer- ausflüge der Schüler des Gymnasiums statt. Wäh­rend die unteren Klassen mehr in der näheren Umgebung blieben, Bad Salzhausen usw., machten die oberen Klassen mehrtägige Ausflüge in das Lahnta'l und nach Aschaffenburg.

O Etnarts Hausen, 5. Juni. Wie unvorsichtig cs von Landleuten ist, ihre Wohnung unbeaufsichtigt zu lassen, zeigt folgender Vorfall. In einem Hause hatte man nur einen alten, schwerhörigen Mann zurückgelassen. Während die Einwohner auf dem Felde waren, benutzte ein Einbrecher dies und stahl eine silberne Taschenuhr, vier Männer­anzüge und mehrere Hemden aus einem Kleiderschrank, zusammen int Werte von 300 Mk. Ein größerer Geld­betrag blieb dem Diebe unentdeckt. Von dem Täter fehlt jede Spur.

L. Friedberg, 5. Juni. Eine dankenswerte Anord­nung hat der Großh. Kurdirektor in Bad-Nauheim ge­troffen. Von heute an werden zu den jeden Samstag abend im Konzerthause zu Bad-Nauheim stattfindenden Sinfonien und Künstlerkonzerten je zwölf Freikarten an die Seminaristen des Lehrer-Seminars verabfolgt, so daß e? jedem Seminaristen ermöglicht ist, je zwei bis drei Künstlcr- konzerten während der Saison beizuwohnen.

Schwurgericht.

th. Gießen, 6. Juni.

Das Schwurgericht wurde heute vormittag von Land« gerichtsrat c-vchmahl als Vorsitzender der diesmaligen Tagung eröffnet. Verhandelt wurde gegen den Schneii^r- melfter und ehemaligen Gemeinderechner Peter Götz von Schlechtenwegen wegen Verbrechens im Amt. Die Anklage vertrat Gerichtsasiessor N e u r o t h, Justizrat Ka tz führte die Verteidigung. Es waren drei Zeugen zu ver­nehmen.

Der 4f Jahre alte Angeklagte ist geständig, als Ge- mernderechner von Schlechtenwegen in den Jahren 1909 bis 1910 Gelder, die er in amtlicher Eigenschaft empfangen hatte, und zwar tm ganzen 300 Mark, unterschlagen zu habe. Er gibt zu, in Bezug auf diese unterschlagenen Einnahmen die Bücher unrichtig geführt zu haben, um die Unregelmäßigkeiten zu verdecken. Der Angellagte will durch Krankheiten usw. in der Familie dazu gekommen lein, unredlich zu werden. Götz ist 1905 Gemeindcrcchner ge­worden und hat damals schon Schulden gehabt. Der Än- gellagtc hat nach und nach die Beträge, die er als Steuer vereinnahmte, für sich behalten. Er will die Absicht gehabt haben, die unterschlagenen Beträge später wieder in die Kafle zu legen, er sei aber durch die plötzlich erfolgte Revision daran veichindert worden. Der Angeklagte hat die unterschlagene Summe der^Gemeinde später ersetzt und ist seines Wissens ihr nichts schuldig.

Die Beweisaufnahme, die sehr kurz war, brachte wesentliches nichts mehr zutage. Götz halte Steuern er­hoben und die Beträge nicht in die Bücher eingetragen und mit den später gezahlten Steuerzielen die unterschlagenen Beträge gedeckt. Bürgermeister S ch r i m p f schilderte den Angeklagten als einen recht soliden und sparsamen Mann. G. habe daS väterliche Anwesen mit Schulden belastet über­nommen und sich bemüht,.aus diesen Verhältnissen hcraus- zukommen,