Ausgabe 
24.2.1909 Zweites Blatt
 
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Nr. 46

Zweites Blatt

159.5

latt 159. Jahrgang Mitttr

Giehener Anzeiger

Mittwoch 24. Februar 1909

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag».

General-Anzeiger sür Gberhesjen

Notationsdruck und Verlag der Br übliche« UnwersuälS Buch- und Stemdruckerei.

R. Lange. Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul« ftroBe 7. Expedition und Verlag: Redaktion:^OII2. Tel.»Adr.:AnzetgerTieben,

DieGiehener §amiiten''Idtter.' werden dem ^Anzeiger" viermal wachen lief} beigelegt. daS Kreisblatt fii den Kreis Siehen" -weimal wöchentlich. Diekandwirtschaftlichen Seit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Serbien, Bulgarien und die Mächte.

In letzter Zeit schien es, als wenn der Friede auf dem Balkan endgültig gesichert sei: Oesterreich-Ungarn und die Türkei hatten sich auf friedlichem Wege verständigt, eine Verständigung zwischen Bulgarien und der Türkei stand vor der Tür und die kriegslustigen Serben, die von St. Peters­burg ernstlich verwarnt worden waren, schienen sich mit der neuen Wendung der Tinge abgefunden zu haben. Ta hat nun urplötzlich die Reise Ferdinands von Bulgarien nach St. Petersburg den Meisten neue Schwierigkeiten be­reitet. Fürst oder König Ferdinand ist an der Newa mit königlichen Ehren empfangen worden und leitet hieraus mit Recht oder Unrecht ab, daß Rußland fein König­tum endlich anerkennen werde. Die erste Folge hiervon war natürlich große Verstimmung in der Türkei. 9hm wurden Ällerhand Dementierungen in die Welt gesetzt und gemeldet, daß die Anerkennung der Selbständigkeit Bulgariens noch nicht erfolgt sei. Aber an maßgebender Stelle in Sofia hält man daran fest, daß iyc Anerkennung der Unabhängig­keit Bulgariens durch Rußland tatsächlich bereits erfolgt sei und zwar aus spontanem Entschluß des russi­schen Kaisers, der diesen seinen Entschluß durch Iswolsky dem bulgarischen Vertreter in Petersburg mitteilen ließ, ehe gewisse Formalitäten erfüllt waren und bevor noch die russischen diplomatischen Stellen im Auslande benach­richtigt wurden. Man hegt insofern die bestimmte Zu­versicht, daß bis zum Geburtstag des Königs Ferdinand am 27. ds. auch alle Formalitäten der Anerkennung erfüllt sein werden.

Gestern besuchte der Zar Nikolaus nachmittag gegen 4 Uhr den Fürsten von Bulgarien im Winterpalais. Der Kaiser war im offenen Schlitten vorgefahren. Der Fürst empfing den Kaiser an der Tür, die zu den inneren Ge­mächern ftihrt. Nach freundschaftlicher Begrüßung gingen beide nach den inneren Gemächern, wo der Kaiser bis nach r)$A Uhr blieb. Die Abreise des Fürsten erfolgt voraussicht­lich Freitag.

Wie verlautet, beabsichtigt Fürst Ferdinand bei seiner Rückreise von St. Petersburg Aufenthalt in Berlin zu nehmen. Es erhält sich die Annahme, Rußland lucrbc die Anerkennung Ferdinands als König den anderen Mäch­ten Vorschlägen, nachdem Ferdinand vorgestern eine längere hierauf bezügliche Unterredung mit dem russischen Minister des Auswärtigen gehabt hat.

Ist die Frage der Anerkennung Bulgariens in diesem ^Augenblick, wie man sieht, noch nicht geklärt, so ist die serbische Frage direkt bedenklich, und Frankreich hatte bereits geplant, im Interesse des Friedens in Wien zu intervenieren. Einer solchen Intervention ist nun aber Deutschland abgeneigt, und die .Köln. Ztg." läßt sich auS Berlin melden, .daß die Mächte nach Deutschlands Weigerung, sich den Vorstellungen in Wien anzuschließen. den ganzen Plan fallen lassen werden, von dem wir übrigens nicht annehmen, daß er, vor allem, waS Frankreich betrifft, die Spitze gegen Oesterreich-Ungarn kehren wollte; cs ist im Gegenteil wohl sicher, daß Frankreich nur zu einer Beruhigung der Lage beitragen wollte, wofür allerdings die Vorstellungen in Wien nicht das richtige Mittel gewesen wären. Im übrigen weist daS Telegramm auf die Meldung derVoss. Ztg." als beachtenswert hin, nach welcher der französische Botschafter in Wien dem serbischen Gesandten dringend angeratcn habe, auf alle territorialen Forderungen zu verzichten."

lieber die Entwicklung bes Menschengeschlechts.

Von Geh. Rat Pros. Dr. Aug. Weismann.*)

DaS Wichtigste aber und Tiefgreifendste für uns, was die Entwicklungstheorie bewirkt hat und noch weiter bewirken wird, ist ihr Einfluß auf die Geisteswissen­schaften. Wenn der Mensch entstanden, entwickelt ist, nicht einmal erschaffen wurde, dann ist auch sein Geist entwickelt und allmählich geworden, dann sind alle die einzelnen Eigen­schaften seines Geistes, all die Seiten seiner geistigen Tätig­keit entwickelt und nicht plötzlich geworden. ES eröffnen sich »somit unendliche Perspektiven für die Forschung, für den weiteren Ausbau der Wissenschaft, welche jetzt schon sich da­mit beschäftigt hat, eine Geschichte der einzelnen Wissenschaften zu geben und sie in genetischen Zusammenhang zu bringen, .z. B. eine Geschichte der Sprache, eine Geschichte deS Rechts, eine Geschichte aller andern Richtungen des menschlichen Geistes. Sie alle müssen jetzt weiter zurückoerfolgt werden, daS ist die Aufgabe der Zukunft. Manches ist schon ge­schehen, anderes aber wird erst geschehen können im Laufe langer Zeiten. Ich sehe nicht, ivo jemals diese Forschung rückwärts und diese Verfolgung der Entwicklungsgeschichte auf­hören sollte.

Auch für das praktische Leben wird diese Lehre immer mehr ergebnisreich fein. Man denke z. B. wie die Gesundheitspflege des Menschen beeinflußt werden kann, wenn erst das Prinzip der Selektion einmal in eingreifender Art angewandt wird. Man denke an die sozialen Verhältnisse, an die Kämpfe der Rassen; wie viel klarer wird unS das alles, ivenn wir den Kampf ums Dasein, wenn mir daS SelektionSprinzip dabei mitberücksichtigen.

Roch eine Folgerung möchte ich ziehen. Wenn man sich überlegt, was die Deszendenztheorie ergeben bat, so weiß man, daß daS Leben auS den einfachsten Anfängen ent­standen ist; aus kleinsten und einfachst organisierten Wesen,

) Der berühmte Tarwinianer, Wirkt. Geheimrat Professor >Dr, August Weisrnann (Freiburg i. Br.), dessen 85. GeburlSlag, wie unteren Lesern erhmcdid), vor wenigen Wochen gefeiert wurde, veröffeuilicht in der WochenschriftAllgemeine Zeitung" (München» einen außerordentlich imeressanten Artikel über die Zukunft des Darwinismus, dem wir die obigen Ausführungen entnehmen.

Beachtenswert ist nun eine Aeußerung dcSTempS". DaS Pariser Blatt schreibt unter Hinweis auf die Weigerung Deutschlands, an der Intervention der Mächte in dem öster­reichisch.serbischen Zwist teilzunehmen, u. a. folgendes: Was kann man unter solchen Umständen tun ? Soll man gleich­zeitig in Belgrad und in Wien intervenieren, indem man sich der Mithilfe Deutschlands entschlägt? Aber

diese Lösung, welche den schweren Uebelstand hätte,

Europa in zwei Lager zu teilen, wäre vollständig un­brauchbar, denn Oesterreich hat bereits erklärt, daß es Ratschläge dieser Art nicht zulciffen könnte, und niemand hat die Macht, eS zu zwingen, diese Ratschläge über sich ergehen zu lassen. Es bleibt daher nur ein einziger Weg offen: die gemeinsame Intervention in Belgrad. Da darf man nicht nach feinen Sympathien, fonbeni nur im Hinblick auf bestimmte .nteressen entscheiden. Auf der einen Seite die Möglichkeit eines europäischen Konfliktes, auf der anderen eine Enttällschung für Serbien und zwar lediglich eine mo­ralische Enttäuschung, die man durch wirtschaftliche Vor­teile abschwächen könnte; auf der einen Seite die Gefahr eines unmöglich zu begrenzenden europäischen Krieges, auf der anderen vereinzelte Proteste, die übrigens keinerlei Folgen nach sich ziehen können, sobald Europa gesprochen haben wird. Wenn man bedenkt, daß die Serben heute tatsächlich in derselben Sage sich befinden wie gestern, daß Bosnien und die Herzegotvina in der Praxis ebenso öster­reichisch vor der Annexion waren, wie sie es jetzt sind, daß der serbische Anspruch auf territoriale Zugeständnisse und die Forderung der Autonomie Bosniens aus keinerlei Grund­lage beruht, besonders nach dem österreichisch-türkischen Ab­kommen, bann wird man begreifen, daß wir von zwei Uebeln das kleinere wählen und un5 für den Frieden Eu­ropas aussprechen. Es gibt Augenblicke, wo man die Pflicht hat, kühl zu urteilen. Serbien mag uns noch soviel Sym­pathien einslößen, es ist keinen Krieg wert. Keine Regierung will diesen Krieg und es wäre verbrecherisch, ihn zu ent­fesseln.

Wie man der serbischen Frage in Wien gegenüber steht, läßt eine Mitteilung aus dortigen politischen Kreisen erkennen. Man erklärt dort gegenüber der von Paris kom­menden Anregung, das Wiener Kabinett möchte den Mäch­ten klar machen, welche Konzessionen Oesterreich den Serben zu machen geneigt sei, man denke gar nicht daran, sich hier­über in Erörterungen einKulassen, solange Serbien an seinen Forderungen sesthalte, die völlig ungerechtfertigt seien. Die österreichische Regierung habe von Anfang an erklärt, sie sei geneigt, Serbien wirtschaftliche Vorteile zu gewähren. Man werde sich aber erst dann bereit zeigen, dieser Sache näher zu treten, sobald Serbien erklärt habb, von seinen Forde­rungen abzustehen, welche jeder Rechtsbasis entbehren.

4po!ifi$cbc Sagcsfcbati.

Unsere Kolonialwirtschaft in ihrer Bedentnng für Industrie und Arbeiterschaft.

Nach Zusammenstellungen be-3 Kaiserlichen Statistischen Amtes bat daS Kolouialivirtschaftliche Stomitec unter obigem Titel eine Schrist erscheinen lassen *), deren Zweck es ist: Die wirtschaftlichen Wechselbeziehungen zwischen der kolonialen Produktions- und Konstim- sähigkeit und den heumfcheu Arbeiter-Verhältnissen klarzustellen und aus Grund der amtlichen Koloiualstalistik in Verbindung mit den Ergebnissen unserer amtlichen Bevölkerungs-, Berufs- und Handels-

) Verlag deS Kolonial - Wirtschastlichen Komitees, wirtschaft, sicher Ausschuß der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin N. W Unter den Linden 43. 1909.

die aber allmählich sich verändert haben und so den Ur­sprung gaben für solche, die höher organisiert sind, biß schließlich hinauf zu dem Menschen. Wir sehen also eine auf steig en de Entwicklung: Wir haben gar keinen Grund, anzunehmen, daß diese schon an ihrem Ende an­gelangt ist. Ich bin fein Anhänger des sog. Uebermenschen, glaube und hoffe auch nicht, daß jemals Uebermenschen in großer Zahl geben kann; aber daß der Mensch sich weiter entwickeln wird, das ist durchaus gar kein Zweifel, das liegt im Prinzip.

Wir sehen, daß die Entwicklung nicht stillsteht; daß die Haustiere sich tatsächlich verändern lassen, schwerlich werden wir körperliche Veränderungen noch in irgend einem Grade erleben; auch unsere fernsten Nachkomnten nicht, es werden uns keine Flügel wachsen. Dafür haben wir Erfinder. Zeppelin hat uns das lenkbare Luftschiff ersonnen, und so wird es auf allen Gebieten gehen. DaS wichtigste scheint mir die geistige Entwicklung zu sein. Wir haben gar keinen Grund anzunehmen, daß diese nicht mehr vorwärts schreite.

Ich meine, selbst wenn auch der Intellekt sich nicht weiter steigern kann, und wir haben keinen Grund, das an­zunehmen, da er sich in der nachweisbaren Zeit, in der histo­rischen Zeit nicht wesentlich entwickelt hat, so liegt doch auf ethischem Gebiete die Möglichkeit der Vervollkommnung. Wir werben niemals auS einer Gesellschaft von Heiligen be­stehen, aber ich glaube, je länger die Menschheit lebt, um so mehr wirb die Zahl derjenigen wachsen, welche nach einem reinen, echten, höheren Menschentum streben, und die eS in ihrem eigenen Leben zu verwirklichen bemüht sind. Ich glaube, die Zahl derer, die nicht bloß nach sich selbst fragen, sondern die auch für andere sorgen, die vor allen Dingen für das allge,neine Wohl denken und handeln, wird immer wachsen, und wir werden in Zukunft eine edlere und bessere Menschheit vor uns haben, wenn wir sie auch nicht mehr erleben.

DaS Straßburger Stadttheater gegen den Bühnenoerein. Bürgermeister Dr. Schwander erklärte in der letzten Maglstratßsitzung, daß er als Stadtoberhaupt auf dem Standpunkt der neuen Theaterccktiengesellschast in Frank­

statistik beit Nachweis ju liefern, daß unsere Kolonialwirtschalt eine Lebensfrage für Industrie und Arbeiterschaft ist. In einem ein- teilenden Kapitel wird zunächst auf die mit beni Aufschwung bc-3 deutschen Außenhandels stetig wachsende Bedeutung der kolonialen Rohstoffe für die heimische Industrie hingewieseu. Die wichligeren unserer kolonialen Rohstoffe werben sodann in einer Reihe von Kapiteln einzeln behandelt. Dem SchlußkapttelAusblicke für unsere Volkswirtschaft" ist die Unterfuchung der Frage votbehallen, ob begründete Aussicht besteht, daß bic an die wirtschaftliche Er- fchließiina der Kolonien gcknüpsten Hoffnungen sich verwirklichen lassen. Anhaltspunkte zi»r Beantworlniig dieser Frage gibt em Vergleich mit den Nachbargelneten unserer Kolonien, die ähnliche klimatiiche und Bodenverhältnisse anfzulveisen haben, und deren wirtschaftlicher Enuvickluna. Bei diesem Vergleich tritt besonder-' die große Wichtigkeit der Eisenbahnen zu Tage, denen vor allem die englischen Kolonien ihre hohe Blute ivirtschastlicher Entfalniüg zii verdanken haben. Graphische Darstellungen überDie En:- ivickluiig deS Handels bet bemühen Kolonien",Die Entwicklung des ElsenbahiibaueS in den deutschen Kolonien in Afrika", und übet denAnteil der größeren Staaten am Gesamtaußcnhandel ber wichtigeren Länder bet Erbe 1886 unb 1905" ergänzen die Schrift in vorteilhafter Weife.

bas Reiten als hygienischer Sport

Aus ganz Deutschland erschallen Klagen über den Niedergang der Reitkunst. Daß die Vervielfältigung und Verbillilping der Verkehrsmittel derselben großen Eintrag getan, liegt auf der .Hand.

Je mehr man sich ganz passiv durch Eifeubahnen, Dampfschiffe und Automobile bewegen läßt, umsomehr ist das Reiten in den .Hintergrund getreten.

Dabei bedenkt man nicht, daß dasselbe nicht mir als Kunst, welche die Herrschaft über das Pferd, unsere vor­nehmsten und nützlichsten Gehilfen und Kriegsgefährten aus der Tierwelt verleiht, hochzuschätzen ist, sondern auch als eine körperliche Uebung, welche den ganzen Körper in An­spruch nimmt, alle Muskeln desselben ohne Ausnahme übt, im jugendlichen Alter das Knochengerüst ausbildcn und da­durch dem Körper zum Wachstum hilft, vielen, aus Stag­nation des Blutumlaufs herrührenden Leiden aufs gründ­lichste vorbeugt. Es fördert die Verdauung, die Atmung unb bcu gesamten Stoffwechsel. Die wohltätigen Erschütterun­gen se>? gesamten Körpers kräftigen vor allem das Rück­grat: die Knorpelscheiben, welche bic Zwischenlagen zwischen beit einzelnen Rückenwirbeln bilden, werben zu krustiger Ausbildung angeregt und dadurch namentlich das Langen- wachstum des Körpers gefördert. Es ist kein Zufall, das; sich viele altadelige Geschlechter, welche das Reiten von Jugend auf zu pflegen gewöhnt sind, durch Körpergröße, wie durch Leistungsfähigkeit unb Langlebigkeit auszeichnen.

Gegen Trägheit der Verbauung, Hämorrhoiden, Atem­beschwerden, Nervenschwäche, int höheren Alter gegen die heute fast zur Modekrankheit gewordene Verkalkung der Arterien bildet bad Reiten ein vorzügliches Gegen-» und Vorbeugungsmittel.

Und daneben, welch ein herrliches Vergnügen, ein sq flüchtiges und schönes Tier zu beherrschen, welches dem, der das in kunstgemäßer Weise versteht, alle feine Kräfte willig zur Disposition stellt und ihnt ein treuer Freund wird in Rot unb in Gefahr.

Es ist deshalb auch eine wohlbegründete von altersher überkommene Einrichtung, daß jede deutsche Universität ihr Reitinstitut besitzt unb bannt beit jugendlichen Universitats- besuchern Gelegenheit bietet, die vornehme und Geist wie Körper bildende Reitkunst zu erlernen, den Professoren aber, sich zu erholen, den Blutzufluß von dem überangestrengten

furt stehe unb daher ablehncn werde, den gegen die Bühnengenosscnschaft gerichteten Beschlüssen des BühnenvereinS feine Zustimmung zu geben. Er betraute die Theater^ kommission mit der Angelegenheit. Für das Straßburger Theater hat diese Meinungsäußerung des Bürgermeisters be­sondere Wichtigkeit, da das Stadttheater (Oper und Schau­spiel) ein vollkommen städtisches Institut ist und sogar einen auf Lebenszeit angestellten städtischen Theaterdirektor besitzt.

K. Von der Pariser Claque. Aus Paris wird geschrieben: Von Zeit zu Zeit versichern die Pariser Theater­fachmänner, baß bie berühmte Pariser Claquc ber Ver­gangenheit angehöre unb längst aufgehört habe, zu existieren. Wie ernst man diese Aeußerungen zu nehmen hat, zeigt ein interessanter Prozeß, der jetzt bic Pariser Gerichte beschäftigt. Mme. Alamone, von BerufClaquc ° Unternehmerin", klagt gegen die bekannten Brüder Jsola, bic einstigen Theater- bireftoren, wegen Vertragsbruchs. Im Jahre 1901 schloß sie mit den Direktoren einen Vertrag, der erst 1908 ablaufen sollte, und auf Grund dessen sic für eine Summe von ins­gesamt 10 800 Mk. das Claquc-Monopol in dem Theater der Bruder Isola pachtete. Sie erhielt dafür täglich 30 Freibilletts, die sie billig weiterverkaufte au Theaterfreunde, bic von ihr genau instruiert wurden, bei welchem Künstler unb bei welcher Arie sie zu klatschen hätten. Die Wahl der Künstler unb auch die Wärme des Beisallß richtete sich genau nach ber von den einzelnen Darstellern gezahlten Ent­schädigungen. So geht aus den Büchern der Dime. Alamone hervor, daß z. B. ClSo de Merode 100 Mk. für eine freund­liche Begrüßung an die Dirigentin der Claquc gezahlt hat. Da die Brüder Jsola ihr Theater 1907 aufgaben, verlangt Mme. Alamone einen entsprechenden Teil ihrer im Voraus für bic Pacht bis inklusive 1908 bezahlten Summe zurück sowie den Ersatz ihres Schadens. In der Verhandlung ent­rollte sich ein anschauliches Bild von ber Bedeutung, bie das Ckaqnewesen nach wie vor im Pariser Theaterleben hat unb man konnte die Erklärung dafür sinden, weshalb manche mittelmäßige Künstler bei ihren Auftritt:» bisweilen so enthusiastisch" begrüßt wurden. Der Prozeß wurde ver­tagt und wird wohl noch weitere interessante Enthüllungen bringen._____ ,