Nr. 878
Zweites Blatt
Mittwoch 35. November 1908
Erscheint lüg sich mit Aufnahme befl Sonntag*.
Esneral-Auzeiger für Gberheffen
158. Jahrgang
RotohonfbTutf unb Verlag bn Sr 2 blich« UnwersllüiS • Bach- unb StembrudettL 8L Lange, Gießen.
TU „Otetzener $amlllenb!ättcrM werden dem »Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, daS „Krelsblatl für öcn Kreil Gietzen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit« krage»" erscheinen monatlich zweiinal.
Redaktion, E^vedtNon unb Dnickerei: Sfftut« straße 7. LxveViNon unb Verlag: 5L
9tebafhon:te^ 118. rei.-Adr»AnzeigerGleßew
Stimmungsbild aus dem Reichstage.
Berlin, 24. Nov.
DaS Grubenunglück.
Die aufsehenerregende Mitte.luug oed wurttembergischen Äbg. von Payer in der gestrigen Rcick/stagssitzung, tafo dem Grasen g'pclin erneute Schwier igveittrn bei der Abnahme seines Luft« sscs und der Auszahlung des Kaufpreises gemacht würden, Hal preußischen Kriegsininistcr v. Einem, gegen den Herr o. Payer seinen Vorwurf besonders gerichtet hatte, nach gestern oeranl-ßt, an diesen ein Schreiben ru richten, worin er erklärt, das ihriegö- ministerium habe das Luftschiff abgciwmmcn, alles übrige sei Sache der Schatzverwaltting. Herr v. Payer nahm deöl-al'o zu Beginn der heutigen Sitzung den Vorwurf gegen den Kriegsminister zurück und gab der Hoffnung Ausdruck, daß sich die Angelegenheit in dem von der ganzen Nation gewunsclKen Sinne erledigen iverde.
Aus der Tagesordnung standen die Interpellationen über das westfälische Grubenunglück. Bisher hatte die Regierung die Beteiligung an der Verl-andlung von Angelegenl-eitcn des Bergbaus im Reichstage abgelehnt, unter Berufung auf die Zuständigkeit der Einzelstaaten. Indes ein Unglück, das die Tecknahnrc der ganzen Nation in so außerordentliä^iN Maße erweckt und weit über bic Grenzen des Reichs Kundgebungen der Sympathie vev- antaßl hat, nracht naturgemäß an jid> scl-on die Betonung formaler E.nioünde unnlög.ich Dazu aber ließ schon die Verhandlung, die vor einigen Tagen im Preußischen Abgeordnetenl/ause siattgefunben hat, und die sich heute auf dem weiteren Forum des 8ieick)sparlame,lts fvrtsetzte, erf.nncn, daß dieses nationale Unglück auch für Verwaltung und Gesetzgebung den Anstoß gibt zu einer fltevibieruiig der bisherigen Befugnisse und Veraitlivvrtlich besten. Die Vertreter der christlichen LÜrgar-beitersü-ast l-aben die Interpellationen eingebrack^t und der ZentruinSabgeordltcte W > e d e b e r g , Vorsitzender deS cßr.stlichn Manrerverbandes, der oiü sozialdemokratischr Wahlhilse im Hamm-Soester Wahlkreise einen illationalliberalcn verorangt Hal, sowie ber Cbr.stlichioziale Behren», seines Zeick-cns Gärtner, nahm das Wort zu ihrer Begründung. Beide sprachen nraßooll und erlZoven bie alte Zunderung der Unteistelluiig des Bergbaus unter die Gesetzgebung des divuM und der Beteiligung der Arbcitcr'fäiast an ber jlumtulle. Derr v. Bethmann-Hollweg und Herr Delbrück bi> aiiuuortetcn die Interpellationen, der SlaatSjekretär zugleich in seiner (rigenfdjaft als Stellvertreter RS Reichskanzlers und als Lizepraschnt des Preußijchn Slaaisiiiin.steriuins. Seinem Kol- legen, dem Ches der preußischn Bcrgverwaltung, überließ er die AuskunslSvcteilung über die fragen, die auf die Entstehung des Unglücks nnmitleloar bezug hauen, und die (yrageii lea-nijchr dkatur, ivahrend Herr v. Bethmann-Hollweg den Gedanken Ausdruck gab, zu denen die NcichSregicrung durch die Katastrophe gedrängt worden ist. Drei Fragen sind es vor allem, die die Berliandlnng beherrschen mußten. In erster Linie die F-ragc der schuld, der Sül/ne und der Verhütung fernerer Katastrophen. Mit wohltuender Ruhe und Sack>lichkeit nahm sowohl der Staars- fetretür wie der Handelsminister h.erzu Stellung: mit vollem Verständnis für die Bitterkeit, die sich der Kameraden der unglücklichen Opfer bemächtigt bat. So viel konnten die Minister bereits jetzt festi)ellen, daß die Ursache der Kalastrophe zweifellos in der Betätigung elementarer Kräfte zu suck-cn ist. Soweit menschllck)<s Verschulden vorliegt und nachgewiesen werden kann, wird eö seine Sühne finden: aber der Minister richtete die e-nfte Bitte an die Näcystoeteiligten, und die weite Oefienltichkril, mit ihrem Urteil zurünzuhallen, brs sich eine einwa.rdsixie Auit'larung des Sachverhaltes ermöglickxn läßt. So weit eine Auskunft fd)on möglich war, ohne in die gerichtlick>c Untersuchung einzu- {reifen, wurde sie von dem Minister Delbrück gegeben. Festge- eilt ist danack), daß an einem Vormittag die Sbohrleitung für ic Berieselung über Tage eingefroren war unb es an Wasser gefehlt hat. Im übrigen gehen die Aussagen der Zeugen auseinander, aber zahlreiche Zeugenaussagen liegen vor, und wie der nationallioerale Abg. Osann hernach Lcftäligte, auch von Vertretern der Arbeiter,.von Mitgliedern des Aroeuccausschusscs, daß die Einrichtungen der Berieselung und Dämpfung des Kvhniv staubes durchaus vorhanden waren unb funktioniert haben, wie überhaupt die technischen Einrichtungen auf Zeche Radbod den modcri.st.n Anforderungen entsprechen und vorzügliche sind. Unwahr ist die durch die Presse gegangene Erzählung von der Selbstrettung zweier Bergleute auS dem Unglüasfi.-acht.
Die beiden anderen Fragen beziehen lich auf die organisatorischen und gesetzgeberischen Forderungen: Arbeiterkon- trolleure und Nelchsberggcsctz. Die Min.ster erneuerten die Erklärung, die £)err Delbrück fupn bei der Beantwortung der Interpellation im Landtage aogegeven hat.e. D.e Regierung hält es für notwendig, die Verantwortlichkeit zu st.rkrn, bei Arbeitgebern urrd bei Arbecknehincrn. Demgenuiß sollen auch die oberen Beamten, herauf bis zum Gcneraldiretwr, sowie die Besitzer des Bergivcrls verantwortlich gemacht werden für die Folgen ihrer Anordnungen. Aroeiterkonlrotleure im Sinne der von den Bergarbeiterverbonden erhobenen Forderung würden keine
ersprießliche Wirksamkeit entfalten. Wohl aber die Einrichtung, wie sie auf den fiskalischen Gruben an der Saar besteht, wonach Vertrauensmänner der Arbeiter and den ArbeitcrauSschüssen periodisch das ihnen aus ihrer eigenen Arbeit bekannte Revier mit den Kontrollbeamten befahren und auf die von ihnen beobachteten Mißstände aufmerksam machen können. Bekanntlich bat die frei- konservative Fraktion des Abgeordnetenhauses einen Antrag in dieser Richtung eingebracht; die natwnaliiverale Fraktion des Reiclxstagvs hat die Forderung von ArbeiterLontrolleuren in diesem Sinne zu dem ihrigen gemach unb wie ber Sprecher Dr. Osann mitteilte, ist heule m einer Sitzung der 9ka.ionallibcralen Fraktion bes Äbgeordnekenhauses ebensalts ein gleicher Beschuß gefaßt worden. Auch die Frage der gesetzgeberischen Zustindigkc.l ist einen großen Schritt weiter gekommen. Bisher Haven d.e verbün- beten Regierungen eS abgelehiit, bic Angelegenh.it ix5 Bergwerks zur Sach der ReickZsgesetzgebung zu maa-en. Das iKaDboixr Um- glück hebt die Frage des Arbeilerschutzes aus der Sn^me der oergrechllichn Fragen heraus, und der Staats, ekcrtar gab bic Erklärung ab, baß die vom HandelÄniiiistzer im Abgeoronetcn- hause idjon angefanbigte Erörterung dieser Frage ztvischn den ain Bcrgbctrieb beteiligten Bundes reg icr.iirgen aus dos bring* liä^ste unD krustigste gefurbert werden wird.
Das ganze ^>u..S unterstützte d.e Fvroerung einer Besprech ung d e r Interpellationen. Leute kamen die National- liberalen unb Sozcaldcuiotraten -um Wort; morgen wird dir Besprechung fortgesetzt. Dr. Osann, d,r Führer der hesnichn Nativnalliveraleu ist persönlich am Unglüdäüttc grioe,cu. Er Euiinte aus gründ seiner eigenen Unicmub.sngen und insbesondere der Besraguilg ber Bergleute unb Arbe. ter Vertreter bic Mitteilungen des Ministers m der toaumiüu# uefmigeit Aber er ivar ooch der Mruiuug, baß q e iv i, , e psychologische M v - mente außer ackzi gelassen feien, daß mau zu dein Bortiagr, Den der Minister dein kun.glichen Prinzen hielt, auch Vertreter oti Arbeiter h.ute ziizieheu unb ouß man iilsvrsonoerc mit Oet Zu- maucrung ixs Su>uhi^s noch Oie mutigen Siuuoen iMte ivarren sollen, bu5 bet augemeibete rjicgrerungSlourmickär au vu unb Stelle erschienen war.
Der Swischcniall von Lajabianca vor dem Lchieds- gcrichl.
Nach langwierigen Vc^-U't^.ungen zwischen Dculfchland und Franlrriit) Hal man sich nun aibgiiüig über das ^ü-tebs- gcricht geeinigt, das ülnr den Ztvisu)en,a.l von Casablanca eiuicheioen soll. Wie erinnerlich, hunbelte es sich um die deutschen Deserteure der Freindenlegibn, eie in Casablanca am 25. September d. I von den fratizufischen Behörden den deutschen jtonfularbcumlen mit Gewalt enlri[|cn würben, als sie sich unter Begleitung ber douI'chcn $t'vii|ulnrbcaintcn noch ber Heimat einschisjen wollten. Die Erregung über bas znx'ifellos nicht eiitroanbfrcie Vorgehen ber Franzosen war in Deutschland nicht gering und fast schien es, als sollte sich aus diesem Vorfall eine sehr ern,le Frage enl* wickeln. Dank dem großen Enlgegenlommcn der deutschen Regierung wurde aber schließlich ein Weg zur Verständigung gejunbeu unb gestern ist im Auswärtigen Amte zu Berlin ber Schicbsvcrlrag wegen Casablanca burch den stellvertrelenden Staa.s.ckre.är v Kiber.en-Wächter und den iranjöjifdjen Botschafter Cambon unterzeichnet worben.
Der Schicdsver.rag besteht nach ber ,.Norob. Allg. Ztg." aus 9 Arliieln. Die Hauplpuntte bicses Schicbsverlrages find folgende: Das Schiedsgericht wird mit der En.schei- oung bei in Frage kvmm.nden Tal- und Nechrsfragen betraut Das Schiedsgericht seht sich zusammen aus fünf Schiedsrichtern, die unter den Mitgliedern des ständigen SchiebshoscS im Haag gewählt werben. I de Regierung wählt zwei Sce)ied§rict)ter, von denen nur einer ihr Staatsangehöriger sein darf. Die so ernannten vier Schiedsrichter wählen einen Obmann. Am 1. Februar 1909 wirb jebe Partei achtzehn Exemplare ihres Schriftsatzes mit beglaubigter Abfchrift aller Aklenstücke unb Urkunden, auf die sie )ich in der Sache berufen will, dem Bureau des stündigen Schiedshvses übermitteln; das Bureau wirb unverzüglich für bereit Weitergabe an bie Schiedsrichter und an bie Parteien sorgen. Am 1. April 1909 werben Oie Parteien ihre Gegenschriftsätze mit ben bazugehürigen öelegitüaen unD Schlüßen ragen hinterlegen. Das Schiedsgericht wird am 1. M a i 1909 im Haag zusammen- treleit Tie Parteien und die Mitgtieder oeS Gerichts können sich der deutschen oder der französischen Sprache bedienen. Tie Entscheidungen des Gerichts werden in beiden Sprachen abgesaßt. Jede Partei wird durch einen besonderen Agenten
»ertreten, der zwischen ihr und dem Gericht als Mittelsperson dient. Soweit nicht auS dem vorliegenden Schiedsvertrag sich etwas anderes ergibt, kommen auf dieses Schiedsverfahren bie Bestimmungen bc8 Abkommens zur srieblichen Erledigung internationaler Streitfälle vom 18. Oktober 1907 zur Anwendung. Nachdem bas SchiebS- ;ericht die ihm unterbreiteten Tat- und Rechtsfragen ent* chieden hat, wirb es bemenlsprechend über bad weitere Ge- chick ber am 25. September b. I. verhafteten Personen, njorodt Streit baruber besteht, Bestimmungen treffen.
Diese erfreuliche Verständigung zw-ischen zwei mächtig n Militärmächten ist ein neuer Beweis dafür, wie fegensreich die I istilulion der Schiedsgerichte zu wirken vermag. ES ist also doch möglich, der unmittelbaren Kriegsgefahr durch Schiedsgerichte zu begegnen.
Deutsches Neich.
D^r Kaiser tjat |ia) eine ^rtakung zugezogen unb muß insolgebessen im Neuen Palais bas Bett hüten. — Die „Norbb. Allg. Ztg." bezeichnet bie neuerlichen Angaben über Reisepläne bcs Kaisers für bas tomnienbe Frühjahr als erfunden.
Der König von Württemberg hat dem Flügel- adjulanten unb Militärbevollmächlig.en in Berlin, Oberst Eugen v. Dorrer, ben erblichen Adel verliehen.
purlameutarisches.
Weingese^,. Ja Oti uvium-iju.i oes Reichstage zur Beratung eines Weingesetzcs wurde gestern jolgenber Satz angenommen: „Weigweiiioerschnitt", welche nicht in allen Teilen aus deutschen Weinen bestehen, dürfen nicht old deulsu-e Weiile feilgcboien ober verkauft werben.
Tie Gewerbevrbnungstom Mission des Reichstags Hal bcschlos.en, en.gegen ben Wünschen ber Regicrungsvertreler, in ber zweiten Lesung, baß bie Be- schüftigung uo n Arbeiterinnen auf Berg- werten und Salinen unter Tage generell verboten ist, ebenso über Tage für Arbeiter bei der Förberung, Verladung unb Transport, ausgenommen sür Wrbelien ui Erz- wäschcreien, in ber Sipararion unb Ausbereitung.
Tie W a h lp r ü i u li g s k o m m i f s io « des R.ichstagS erklärte gestern die Wahl des Adgeordneten O e s e r (frf. BP.) für gültig.
Die Leyrerbesolbungskommission des preuß. Abgeordnetenhauses setzte das Dienst- ein kommen der einstweilig angeslell.en Lehrer statt auf vier Fünftel des Normalgehaltes auf 1200, das der Lehrerinnen auf LOCO 9)11. fest, obwohl die Regierung ans finanziellen Gründen lebhaft widersprochen hatte.
Dem Zlrbeilsmartt in Hessen und Hessen Nassau tm Mover <908.
Die Lag« bc5 Acr,ci.s..wi.cks har anicheinend eine erneute Ernmttung erfahren. Im Baugewerbe ist vielfach sck)vn fast win- cerliche Ruhe eingekehrt. Auch auf dem platten Lande hat die iw Frühjahr ziem.ick, lebhaft austrelcnbe Baulust nach der Ernte auffallenderweife erheblich nachgelassen, so daß bie Herbst,aison gegenüber dem Gesck>»stsgang Dum Früh.ahc merklich abfällt. Hiermit im engsten Zusammenhang stehl, daß auch für Maler, Lackierer, Weißbinder rc. der BefchäftigungSgrad bewnderS niedrig ist. Da man mit Recht das Z-allcn und Steigen der ErkrankungSzifferiv in diesem Gewerbe als Maßstrib für die Jntcnfität der Besck-äf- lignng ansehen Eaiin, so muß darauf hingewiesen werden, daß diese ä. B. in Frankfurt a. M, in ft^moigem Steigen begriffen! -|t Die ArbeirS.narkckage in dec 'lüctailuibuftric ist unveraw- oeit flau; in den Gießereien, Forinevcicn, Maschmenfabrikcn, überall herrscht dem Vvr,al>re gegenüber schlechtere Geschäftslage. Auch im k'leuigciöcrbc klagt man über verminderte Arveitsge- legen beit. In einzelnen Gewerbezweigcn, wie beispielswci,e im Friseurgewerve, Sck-uhinackxwgcioerbe, Fleisckiergewerbe, macht eS lich unliebsam bcmcvLar, daß infolge der wenig günstigen allge- tuciiien GesclxäftSlage selbst bie größeren Betriebe verl-ältn.S- nckißig wenig Perfonal emstellcn, so daß es allen älteren uni> nicht völlig erstklaffigen Gchilsen schwer fällt, überhaupt Stellung zu finden. Auch der Geschäftsgang im Buck-druckergewerbc, das int allgemeinen ja weniger von der gegenwärtigen Zkonjunktur betroffen .st, entspricht nach den uns vorliegenden Meldungen noch Nicht der vorgerückten Jahreszeit, ja steht zum Teil gegen die letzten Jahre zurück. Zudem wird mitgctcilt, daß in einer Stadt des Gebietes ein Betrieb, der sich l^auptföchlich mit der Herstellung!
ALeincs FeutUeton.
— Hermine Elaar-Tclia f. T.e als Künstlerin bekannte Gattin dcö Frankfurter Schanspielintendantrn Emil C l a a r ist in der 9tocht zum Sonntag geswrben. Hermine Claar- Sklia wurde am 8. April 1848 in W.en gehören. Durch Josef Levinsky für die Bühne ausgebildet, fand sie 1864 ihr erstes Engagement am Deulschen^Theater in Pest, von wo sic zu Direktor Dlauricc an das Tha.iw-Theater in Hamburg kam. Im Jahre 1866 wirkte die Küiist.erin «li: königlichen Huulheater in Berlin: noch in demselben Jahre ging sie an das Hoslheater in Schwerin. Als Emil Claar das Berliner Residcnztycater Übernahm, wurde seine Gattin die Zugkraft der Bühne. Seither gast,p.clte sie nur noch.
—h. Juristendeutsch. Tie Juristen zeigen bekanntlich in ihren anulichen ©dnififiücfen ein gar eigoiarligcs AilsOilicks- oermögen; das veranlaßt böfe Veuie zu der Bedanviung, daß Oie Rechliv'sjenfchafllcr nut der deutschen Sprache am lehr geipaimicm Fusse sländen. Tie Uubalwaikeu dieses Vorwurfes ivnd nun durch den Weil Staaisanivalt von Leipzig glänzend beroiefen. In einem gegen zwei mutmaßliche Mörder erlassenen Steckbrie> heißt es nämlich inbezng aiii die Kleidiing -des einen: ,(iv ging halb mit, halb ohne Ueberz'.eher." - Tamil ist das Wort .Zuriflendeulfch" em« gültig ui das Gleich der Fabel verivlcsen — und Michel lacht.
— Das Akünzwerk des Königs von Italien. DaS oon allen Alüi.zfainn,lern und Alünzkcnnerii mit lebhaftem Interesse (nuoiicte num.sinatilche Jachwert dss Königs von Iialien, das ^oipus nammorum italicorum, in jetzt er|d)ienen. Zehn Jahre lang, üai der König an dem nucrefiantcn Werte gcorbeuet, das msgc- |auit nicht weniger als 12 UUO photogravhiiche Aumahmeu von jtlienen Niüuzen übeißchllich ordnet und zusammeustcllt. Tie ’Dhui.v jainiiumifl König Viktor Euianuels ist ivohl Oie größte Oer Well unb übe Hilf ft an Vedeuinng fclbft die berühmten Sammlilngen »es Pappes unö Oie des italienischen Gesandten in Lissabon Vlar- ynis Paulisi di Ealboli. Der König Hal, mie eine Pariser Zen- Sljriit miizutellen ivriß, sowohl dem c>eut|chen Kaiser als a»ich König Göuüib, dem König von Schweden, dein Präsidernen Falliäres und dem Präsidenten Roosevelt je ein Exemplar des Werkes überreichen lassem
— D i e spezifizierte Rechnung. Hermann Petersen- Wöhlhorft erzählt in seiner vor kurzem (1908) im Verlage oon Saul Hartung in Hamburg crjcgiciiencn Selbsteiograph.c von
einem alten Tierarzt, Martensen mit ')«.amen, den er zu Ende der secki-ziger Jahre des rwrigen Jahrhunderts in Eckernförde kennen lernte. 9)karlensen, halb deutsch, halb dänisch redend, war ein in Stabt unb Umgegenb bekanntes O.iginal, Oabei a.s erfahrener unb geschickter Tierarzt hoch angeschen. In seiner Gutniütig- keit ittiljm er wiederholt arme, vcr.afsene Kinder in sein Haus auf, erzog sie gut unb ließ sie a.s vranckchare MensckZen in bie Welt ziehen. Äczahiungcn für seine ticrärztlickicn Bemühungen nahm er nicht von solcl-cn Gutsbesitzern, die durch Viehsterocu ohmchin erhcölick^ Vcru ste erlitten hatten: dafür ließ er wohl- (xiocnbc Gulsbesiiccr, denen kein Tier gefallen war, auch dann, iveun sie seine Dicnsü' g>ir nicht in Anspruch genommen hatten, für die anberen mitoezahlen, unb bic Gulsöeiitzcr der Umgegend fügten sich in diese sviweroare Bczahlungsarl, weil s.c es nick ihm nicht verderben wollten. Nun erwarb jemand, der von aus- ivacts zuzog, ein Gut bei Eckernförde. Er mar nick>1 wenig überrascht, als er zum nächsten Neujahrstermin von Martcnscn „für tierärztlick-e Bcl-anb.ung im verfloßenen Iakwe" eine Rcck>- nung über fünfzig Rcichsbanktalcr bekam. Als er Marlcnfm bald darauf in einem Gasthause traf, sprach er ihm seine Vcr- rounbcruiig über Oie Zufenoung einer dicchnung aus, da er ihn ia niemals bemüht baue: jebenfalls möge er ihm die Rechnung Doch einmal „spezifizieren". Daraus bekam er am nächsten Tage folgende „spezifizierte" Rcckinung. „Don die 150 Stuben hu.te mind.süns 15 fyk (siech, krank) og 5 sterbe fone, og oon bie 50 Fervcn 5 hätten fyl og 2 sterbe föne, von die Siveincn og Fer- kelcn nid) zu spreche. Men (avery keines sein syk woroe og sterbe, bafor skuloe sie mir 50 RiekSbankdaler og for die Spczislzierer 7 Talcr op 48 Skilling. Summa: 57 RiekSbankdaler og 4t> Skckling." Der Gutsbesitzer holte sich ;)uu bei feinen Gutsnach- oaren unb baS Ergeon.s mar, daß die blcckMung austanbsws be- zahlt wurde unb daß niemand mehr den allen Martensen um „eine spezifizierte Rechnung" bat.
— Im chinesischen Kaiserpalast. Aus Peking treffen jetzt genauere Nachrichten ein, die ein lebendiges BilO geben von der^ Aufregung unb ben tragischen Szenen, die sich vor unb bei dein Tode Oes Zcaisers unD Oer jlaiierin-W.nve im Paläste abgespielt haben. Scoch eine Stunde vor feinem Tode hielt der Kaijer eine Rede; er staco txmn in h.a>ftcc Erregung unö unter furanbaren Schnierzen. Der Leibarzt mar kurz vorher entlassen worben, da man das Ende nicht so nahe glauote. Als der Um- Idjeuung zum Schlimmen eint rat, rief man ihn zurück; er gab
sofort Befehl, bcin Kaiser die traditwnetlen gelben Staatsge- wünder anzulegen, in denen jeder chinesische Kaiser steruen muß und bie Wege vom Winterpalast zur verbotenen Stadt wurden mit Lehm brstreut. Zu gleicher Zeit traf man Vorbereitungen, Die kranke 5caiserin-Witwe in das Sterbezimmer des Kaisers zu bringen. Die Kaiserin-Witwe war am 1. November erkrankt: Dem Ausbruch b.s Leidens war ein bei ihr ungewohnter Ausuruch leidenschaftlichen Zornes borauSgcgangcn. Am 12. fRooembec unterriaj-ittc r.um sie von dem hifsnungslosen Zustand des Kaisers; oie 91achricht erregte sic aufs höck-ste, und ein Schlaganfall wao öic unmittelbare Folge. Am nächsten Tage kehrte Prinz Tsching oon dem Akausoleum der verstoroenen 5iaiserin-Witwe, der ehemaligen Miikaiserm Tfii-Hs.s, zurück; die Kaiferiii-Witwe hatte ihn entfaiidt, um durch Opfcrgaöcn den Geist der Mitkaiserin zu oefchivichtigen, von dem sie glaubte, daß er sie riefe. Trotz furck;t- öarer Schalierzen und großer Schiväche berief sie am Abeiid des 14. ben großen Rat zu sich und leitete mit übermenschlicher An- st.eugnng, in die traditionellen Staatsgewänder gehüllt, die Sitzung. Sie beauftragte die Räte, ihr liackM um 2 Uhr die Edikte zur Unterschrift -vorzulegen, die die 9lack)wlgeschast Pn- Äts. unter der Regentscl-ast dcs Prinzen Tschung regelte. Mit grvtzter Anstrengung gelang es ihr, die Edikte zu unterschreiben, aver unmittelbar danach sank sic erschöpft zurück. „Ich kann es nicht länger ertragen," seufzte sie und verlor das Bewußtsein, sowohl der Kaiser wie bie Kaiierin-Witwe erwarteten den Tod in ihren ^taatskieidern, umgeben bon Hunderten von Hofbearnten lind Würdenträgern. Es war eine barbarische Schaustrttung des Todes la niptzs, aver sie ist durch die chinesische Sitte vorgeschrieben.
bu Regrnt)chas.scöltte erschienen, war der Kaiser bereits tot und die Kaiierin-Witwe im Sterben. Dem Bckanntwcrdcn des Todes folgte cnte_wilbe Panik im Paläste. Die WiUve Tung- Tia-iS verbuchte Lel<.sttnord zu begehen, als sie hörte, daß sie nui)t Kaii^rin-Rcgenlin würde. Im Palaste ipietten sich die wüstesten .iszenen ab. In wilder Hast flohen die Eunuchen uiid f1“1' Wertgegenstände mit, die sie erlangen konnten. Äi-HvAa-La war der einzige, der Geistesgegenwart bewahrte. Sie lieg wtort dw Palajtwrc beivachen und gab die nötigen Befehle zur W.cderh.'ritelluiig und Aufreclüerhaltung der Ordnung. Die entslvh.nrn Beoirnten und Eunuchen kehrten bacd zurück und beute
-k11, rafe^cr dcuhe und Lrdnnng. Der junge Kaiser ^u-Ä> ist bereits in den Palast überführt, unb man erzählt daß er bitterlich weinend nach seiner atten Wärterin verlangt. '


