In der Presse ist insbesondere auch bemängelt worden, daß btc polizeiliche Vorschrift über die Belegung der einzelnen Wetter- abteilungen nicht befolgt fei. Es ist behauptet worden, daß die Belegung in einer Schicht bi- zu 1000 Mann betragen habe; demgegenüber ist anzuführen, daß nach den bisherigen Feststellungen die Belegung in der Morgenschicki etwa 500 Mann betragen hat. Eine genaue Prüfung, ob diese Vorschrift befolgt worden ist, hat bisher noch nicht stattfinden können, da ich Wert darauf lege, daß die Prüfung dieses wichtigen Punktes von meinen technischen Beratern selbst erfolgt und diese dazu bisher noch nicht wegen der parlamenrarischen Verhandlungen in der Lage waren.
Don dem Abg. Leinert war im Abgeordnetenhause behauptet worden, daß sich zwei Hauer — mit den Markennummern 563 und 598 — noch nachträglich, anscheinend ist gemeint nach Ein. stellung der Retiungsarbeiten, durch den Aufbruch von der zweiten nach der ersten Sohle gerettet hätten. Ich habe durch den Revierbeamten feststellen lassen, welche Hauer diese Marken- nummern besessen haben und ob die Angabe auf Richtigkeit beruht. Nach d m Berichte des Revierbeamten heißen die beiden Hauer Thomas und Sierenberg. Diese haben ausweislich deS Schichtenzettels in dem ersten westlichen AbteilungSquerschlag in der dritten Sohle in einem Stapelschacht gearbeitet, welcher nach Flöz III aufgebrochen wird. Nach Eintritt der Explosion find die beiden Hauer in diesem Stapel zur dritten Sohle herunter- gefahren und auf der Flucht nach Schacht I in der westlichen Nichtstrecke in den Nachschwaden betäubt und liegen geblieben. Die beiden sind dann von einer Rettunzskolonnc auf der Richtstrecke herausgeholt und von der dritten Sohle aus zu Tage geschafft worden. Bmde bestreiten unter tzrd erzählt zu haben, daß sie durch den Aufbruch von der zweiten zur ersten Sohle sich selbst gerettet hätten. Auch die Lampenmeister bestreiten, ein derartiges Gerücht verbreitet zu haben. Eine Rettung durch den Aufbruch von der zweiten zur ersten Sohle und von da weiter zu Tage war schon deshalb unmöglich, weil der Auftiruch vom Beginn der Explosion an bis zur Schließung der Grube ständig zum Abzug der Nachschwaden gedient hat.
Es ist weiter tn der Presse behauptet worden, daß die Bergbehörde gedroht habe, einen bestimmten Betriebspunkt zu stunden, falls am anderen Tage die Berieselung nicht funktionieren sollte. Eine solche Drohung ist nach telegraphischer Mitteilung des Bergrevierbeamten nicht ausgesprochen worden. Dagegen wurde gelegentlich einer Befahrung allgemein auf die Notwendigkeit ausgiebiger Berieselung mit dem Zusätze hingewiesen, daß, falls sich ungenügend berieselte Betriebe fänden, diese stillgelegt werden würden. Ferner ist behauptet worden, daß dem. Vertreter des Revierbeamten, dem Berginspektor Holländer, die in Betracht kommenden Beamten der Wrube Radbod erklärt hätten, sie tonnten die Verantwortung für die Berieselung nicht mehr übernehmen. Berginspektor Holländer hat sich telegraphisch hierüber, wie folgt, geäußert: ..Ein Reviersteiaer, der Morgenschichi verfuhr, hat mir gelegentlich einer vor etwa 6 Wochen stattgefundenen Besprechung über die Betriebsverhältnisse seines Reviers erklärt, daß, wenn während der Dauer seiner Schicht die Berieselung in Ordnung gewesen, er für Beschädigungen der Berieselunasanlage. die in der Mittagsschicht oder Nachtschicht vorkämen, nicht verantwortlich gemacht werden könne, dies ist von mir anerkannt worden. Davon, daß etwa wegen der Menge des Kohlenstaubs die Verantwortung für Unschädlichmachung des Kohlenstaubs nicht mehr übernommen werden könne, ist nie die Rede gewesen." Ich habe noch eine Ergänzung eingefordert. Diese lautet: Wegen Leistungsifähigteit der Berieselung ist mir gegenüber nie Verantwortung abgelehnt worden. Im „Vorwärts" sind sodann Mitteilungen über angebliche Mängel bei der Zimmerung und Beim Bergeversah gebracht worden. Heber diesen Punkt ist mir von dem Oberbergamt folgender telegraphischer Bericht zugegangen: „Protokollarische Vernehmung des Bergrevierbeamten, Revierberginsvektors, Direktors Andre, des Betriebsführers. Wettersteigers, der Steiger sämtlicher 6 Abteilungen, von 2 bis 4 Hauern bezw. Riesel- oder Schießmeistern aus jeder Steigerabteilung, durch Oberbergrat Schantz hat irgendwelche Anhaltspunkte über die im „Vorwärts" vom 17. d. M. behaupteten Mängel bei her Zimmerung und dem Bergeversatz nicht ergeben. Bergmeister und Berginspektor haben bei häufigen Befahrungen — Bei Berginfpektor 31 seit 1. Januar — niemals schlechten Streckennusbau, Hohlräume über der Zimmerung oder im Bergeversatz vorgefunden. Wenn bei einzelnen Betriebspunkten nicht genug Berge fielen, wurden reichlich fremde Berge zugeführt, Klagen oder Beschwerden sind weder mündlich noch schriftlich vorgebracht, noch durch die Presie bekannt geworden. Die vernommenen Beamten der Zeche fagen überein, stimmend aus, daß das Hangende der beiden gebauten Flötze ausnahmslos gut war, das Liegende dagegen meist stark zum Quillen neigte, Aushau in Strecken und vor Abbaubctrieben sei stets gut gewesen; Hohlräume, wenn sie vereinzelt durch Bruche entstanden, wurden sofort über der Zimmerung mit Holz und Bergen aus- gefüllt. Auf guten und dichten Bergversatz wurde strengstens gehalten, lourben in einzelnen Fällen Hohlräume gefunden. Die Schuldigen wurden energisch verwarnt oder bestraft. 18 Hauer, Rieselmeister und Schießmeister wissen weder durch eigene Kenntnis noch vom Hörensagen etwas vom schlechten Ausbau, von Hohl- räumen über der Zimmerung oder im Bergversatz. Nur ein Hauer will einmal Hohlraum jm Versatz gelassen haben; der Steiger habe deshalb mit Entlassung gedroht. Holz zum Ausbau und Berge zum Bersatz seien -stets vorhanden gewesen. Tic vernommenen Bergleute wurden aus der Zahl der noch auf der Grube vorhandenen Leute der Belegschaft ausgewählt." Ick gebe diese Mitteilungen, ohne welche Forderungen daran zu knüpfen. Auch die Zeugen, die der Abg. Leinert mir genannt hat, werden vernommen werden. Die weiteren Feststellungen und eidlichen Vernehmungen lverden auch diesen Punkt hoffentlich aufklären. Was die Maßnahmen zur Verhütung ähnlicher Explosionen anlangt, so weise ich zunächst darauf hin, daß über das, was in den letzten Jahren in dieser Beziehung in Preußen geschehen ist, bereits die am 25. Dezember v. I. dem Reichstage mitgeteilte Denkschrift: „Die Explosions- und Feuersgefahr beim Bergbau in Preußen usw." ausführliche Angaben, enthüllt. Nach Abschluß der Untersuchung wird selbstverständlich die Frage zu prüfen fein, inwieweit die bei diesem Un- glücksfall gemachten Erfahrungen dazu nötigen, neue technische Maßregeln zu treffen. Die Frage Der Entstehung von Kohlenstaubexplosionen wird bei und ebenso wie in andern Ländern noch immer weiter studiert. Insbesondere wird z. Zt. geprüft, ob die bisher zugelassenen Sicherheitssprengstoffe noch als zuverlässig gelten können, sowie inwieweit etwa eine Ueberrragung von Kohlenstaubexplosionen von einer Abteilung in eine andere durch Strecken, die mit Gesteinsstaub gefüllt sind, verhindert werden kann. Tie Grube Radbod ist vom 1. Januar d. I. bis Ende Oktober im ganzen 99mal befahren worden, weit mehr als die übrigen gleich großen Gruben des Reviers Hamm.
Daß Beamte, die sich bet der Zechenverwaltung mißliebig gemacht hatten, weil sie auf Mängel in Der Unfallverhütung auf» merksam gemacht hätten, bei der Erteilung der Qualifikation zurückgesetzt würden, muß ich bestreiten. Ich wäre aber dem Abg. Behrens sehr dankbar, wenn er mir Material zu einer Untersuchung hierüber geben würde. Alle Beamten, die wegen ihrer Aussage in dieser Angelegenheit von einer Zeche gemaßregelt werden, auf fiskalischen Gruben anzustellen, kann ich nicht versprechen, da ick nicht weiß, um wieviele Beamte es sich handeln könnte. Ich bin übrigens der festen Ueberzeugung, daß die Zusicherungen, die ich in dieser Beziehung dem Abg. Leinert gegeben habe, ganz überflüssig sind. Ich glaube nicht, daß irgend eine Zechenverwaltung einen Mann, Der lediglich seine staatsbürgerliche Pflicht erfüllt, in einer schwebenden gerichtlichen Untersuchung nach bestem Wissen und Gewissen auSzusagen, deswegen entlassen oder auf die schwarze Liste setzen wird. (Lachen bei den Sozialdemokraten und im Zentrum.) Wenn Sie reckt haben, so werden diese Zeugen eben auf meinen Zecken ein Unterkommen finden, und damit ist die Frage erledigt. Ich werde jedem dankbar sein, der zur Aufklärung des Falles beiträgt und
sichere allen Zeugen den gleichen Schutz zu, den ich den vom Abg. Leinert genannten Zeugen versprochen habe. (Beifall.)
Die Untersuchung über das Reedener Unglück ist längst abgeschlossen dadurch, daß die Staatsanwaltschaft das Verfahren eingestellt hat, weil ein schuldhaftes Verhalten eines Beteiligten nickt nachzuweisen war. Aber auch hier war von feiten der Berg- Verwaltung alles geschehen, um Klarheit zu schaffen. Ich bat bereits am ersten Tage den Staatsanwalt, die Untersuchung in Die Hand zu nehmen, um festzustellen, wer Die Schuld trage. Ich habe hie damals angegebenen Zeugen sofort vernehmen lassen. Und namentlich Sie, m. H. (zu den Sozialdemokraten gewendet). Sie tun immer so, als ob der Chef der preußischen Bergpolizei, der preußischen Bergverwaltung ein Interesse daran hätte. Die Schuldigen straflos zu lassen. Es ist umgekehrt.^ Ich wäre in einer viel bequemeren Situation, wenn ich einen Sündenbock hätte, wenn eine Verurteilung erfolgte. Ich kann aber nicht gegen mein eigenes gutes Gewissen Leute bestrafen die nickts getan haben. Das gleiche gilt von den Gerichten. Auf die Frage der schwär, zen Listen will ich nicht eingehen. Ich möchte nur betonen, daß eine ähnliche Verfügung, wie sie an die GewerbeaufsichtS- bcamten ergangen ist, auch bet den Bergbehörden längst besteht. Es ist nicht richtig, daß Bergrevierbeamte die Namen von Arbeitern, die etwas zur Anzeige bringen, den Bergwerken mitteilen. Es soll sogar jede anonyme Anzeige untersucht werden.
Jm allgemeinen b-merke ick: Wir Reben einer Katastrophe, deren Ursachen nicht fest gestellt sind. Wir sind außerstande, anzugeben, ob ein schuldhaftes Verhalten von Beamten oder ob elementare Ereignisse vorliegen. Oder ob die Mangelhaftigkeit in den Einrichtungen der Zeche Die Ursache Der Katastrophe gewesen sind. Unter diesen Umständen kann ich nicht tnnbr Darüber fhrp't'i’n xu weick-"^ Mernnni —m nun d'fter Unglücksfall etwa Veranlassung gibt. Es handelt sich um Fragen, die mit Der RadboD-Affäre insoweit nickts zu tun haben, als sie längst die Bergverwaltung und Die gesetzgeberiscken Faktoren auf Da» ernsteste beschäftigen. Der Fall in Radbod ist nur ein neuer Anstoß, ob man hier nicht bis zu Dem Punkte gekommen ist, wo von Gesetzgebung und Verwaltung eingegriffen werben muß. Erörterungen über hie Frage, wcks in technischer Beziehung zur Abschaffung her Schlagwetter unb Kohlenstaubexplosionen geschehen soll, will ich nicht anstellen. Vor Jahresfrist ist Dem Reichstage eine Denkschrift über Die technischen Fragen mitgeteUt toorben, hie Wohl noch in Ihrer Erinnerung ist.
Diejenigen Fragen, hie für uns auf diesem Gebiet zurzeit im Vordergründe des Interesses stehen, sind folgende: Sind hie Annahmen über die Bedeutung und hie Wirksamkeit des Rieselns, die wir bisher gehabt haben, richtig ober nicht? Wir werben ferner erneut prüfen müssen: Sind die Sicherheitssprengstoffe tatsächlich so sicher, wie man bisher angenommen hat? Welche Maßnahmen sind zu treffen, um den Prüfungen der Sprengstoffe eine erhöhte Sicherheit zu geben? Unb bann wirb endlich eine Frage zu erörtern fein, die neuerdings vielfach von der Technik besprochen wird, ob man eine Isolierung ber einzelnen Wetterabteilungen vornehmen unb daburch ein Durchschlagen ber Wetter von einer Abteilung auf hie anbere ver- hinbern kann baburch, baß man an geeigneten Stellen in Den Bauen Zonen einführt, bic isoliert werden.
Ich komme nun zu Den allgemeinen organisatorischen unb gesetzgeberischen Forderungen. Ick habe sckon im Abgeordnetenhause daraus hingewiesen, daß die preußische Vergverwaltung und speziell ick sich fortgesetzt mit der Frage beschäftigen: Wie ist es möglich, daß die Zahl der Unglücksfälle dauernd steigt, obwohl seitens Der Aufsichtsbehörde mit allen Mitteln auf eine energische Handhabung der Aufsichtsvor- fTriften hingewirkt wird, obwohl die Zechenverwaltungen zum Teil unter Aufwendungen erheblicher Mittel Sicherheitsvorrichtungen schaffen, und obwohl Zechenverwaltung und Bergwerks- Verwaltung das gleiche Interesse daran haben, daß alles genau beobachtet wird, weil jede Zeche, auch wenn sie einwandftei ans der Untersuchung hervorgeht, infolge einer solchen Katastrophe eine moralische Niederlage erleidet und erheblichen materiellen Schaden hat. Ich habe darauf hingewiesen, daß die Eigentümlichkeiten des Betri'bes es unmöglich machen, durch Polizeibeamte eine solche Kontrolle auszuüben, die uns die Sicherheit gibt: es ist täglich und überall alles nachgesehen und in Ordnung befunben. Das ist unmöglich. Wenn wir den Stab der Revierbeamten auch noch fo vergrößern, wenn wir vielleickt auch gewerkschaftliche Revierbeamte anstellen, e s bleiben immer Schwierigkeiten bestehen. Wir werden niemals die gewünschte Sicherheit erlangen. Ich zog daraus die Folgerung: wir müssen vor allem bestrebt fein, das Ver ° antwortlichkeitsgefühl auf feiten Der Arbeit- gebet und Arbeitnehmer vom Generaldirektor herab bis zum Arbeiter zu stärken. Der Verantwortliche Betriebsleiter hat jetzt eine folche Füll: von Verantwortung, daß er allein nicht imstande ist, die Funktionen zu erfüllen, die erfüllt werden sollen. Die bergpolizeiliche Verantwortung muß dadurch geschärft werden, daß man jedem für sein Ressort die gleiche Verantwortung auferlegt, daß man auch die oberen Beamten, die Inspektoren, Direktoren, Generaldirektoren, auch die Eigentümer des Bergwerks verantwortlich macht für die Konsequenzen dessen, was be- fohlen ist. Das ist Die logische Forderung die sich aus den zutage getretenen Mängeln ergibt. Ich will nicht behaupten, daß die Arbeiter sich besonderer Fahrlässigkeit schuldig machen, ober dar. über besteht kein Zweifel, daß viele Vorschriften auch von ihnen oft übertreten werden. Wirksam und erfolgreich wird Die Revision nur bann sein, wenn sie täglich erfolgt, wenn sie ausgeführt wirb von Leuten, die nur einen bestimmten Teil Der Grube zu beobachten haben, den sie genauer kennen. Zu diesem Zwecke sollte man die Revisionsbestimmungen in dem Sinne ausbauen, wie es auf den preußischen Gruben im Saarrevier geschehen ist. Die Einrichtung best ht darin, daß dort die Arbelterausschüsse ziemlich groß sind, daß für jede Steigearbeit ein Vertrauensmann gewählt wird, unb daß dieser das Recht hat, an einem von tbm zu bestimmenden Tage im Monat in Begleitung eines Beamten ben von ihm genau gekannten Teil ber Grube zu befahren unb bie gefundenen Mängel zur Anzeige zu bringen. Den Arbeiterkontrolleuren, wie sie von den Vertretern ber Arbeiter gefordert werden, rede ich vor allem deshalb nicht das Wort, weil auch sie nicht im erforderlichen Umfange wirksam sein werden. Wir müssen unter allen Umständen dahin kommen, oaß dem Kriegszustände zwischen Arbe-tgebern unb Arbeitnehmern ein Enbe gemacht wird. Wenn man die Artikel in der sozialdemokratischen Presse verfolgt und die Berichte über bie sozialdemokratischen Versammlungen, dann kann einen allerbings ein gewisses Grauen erfassen, aber mir Dürfen nicht bexytffen daß Der einzelne Arbeiter anher» unb richtiger urteilt als draußen Der Führer, und wir Dürfen auch nicht vergessen, daß wir auch viele Arbeiter haben. Die loyalerweise au^ dem Boden her bestehenden Gesell'chaftsordnung unb auf christlicher Grundlage stehen Hoffentlich gelingt es uns unter Mitwirkung ber Arbeiterschaft, das von uns erstrebte Ziel zu erreichen; wir werden damit nicht nur eine soziale, sondern auch eine allgemeine nationale Forderung erfüllen, die her Gefchlossen- pe.it des Vaterlandes im Innern und nach außen nur förderlich fern kann. Herr Behrens ha» sick allerdings darüber beschwert, daß einige Leute meiner Verwaltung ben Bestrebungen her christlichen Gewerkschaften nicht das rechte Verständnis entgegenbrächten. Aber er gestattet mir vielleicht bie Antwort, daß auck von Ihrer Seite nicht immer die richftgen Leute ausgesucht werden. Aber es schadet auch nichts, wenn wir in Einzelheiten verschiedener Meinung sind. Solange wir in her $ 4 u e einig sind, daß wir ben Wünschen der Arbeiter unter Berücksichtigung aller in Betracht kommenden Interessen Rechnung tragen wollen, sollte sich keine Partei ber Mühe ent» I Ziehen, sorgsam zu prüfen, was zur Erreichung bieses Zieles not- j wendig ist. Ich bin überzeugt, wir erfüllen damit eine Pflicht i gegenüber dem Vaterlande. (Beifall.)
Auf Antrag des Abg. Graf Hompesch (Ztr.) wird cinftinu nng btc Besprechung beschlossen.
Abg. 2r. Osann (Natl.):
Wir sind der Reichsregierung dankbar dafür, daß sie sich dies- mal nicht hinter Komveten-bedeuten zurückgezogen har, fonDern in voller Offenheit und Freimütigkeit Auskunft gegeben hat. K o m - petenzbebeiikeit mußten hier zurückitehen, da es sich um ein nationales Unglück banbelt, DaS nickt Halt macht vor den Grenz, pfählen des Einzelstaates unb auch nickt vor ben Grenzen des Reiches Halt gemacht hat. Der Menschheit ganze Jammer faßte den an, ber herabsah von Dem gezimmerten Altane auf ben Zug der Leichen, ber Der grausamen Majestät des Todes ins Auge sah. Tie Schuldigen werden zur Verantwortung gezogen werden. Dir wollen die Wahrheit erforschen, aber mit Gerechtigkeit. Wir dürfen keinen her Toten, aber auch keinen her Lebenden beschuldigen, wenn bic Beweise nickt überzeugen!) sinb. Wir stehen vor Der Frage, ob DaS Unglück mit elementarer Gewalt hereingebrochen ist, ob eine Explosion stattgefunden hat ober ob her Kohlenstaub der Träger des Unglücks war. Ich erachte es als eine Pflicht der Gerechtigkeit, hier festzusiellen, daß Die Grube in technischer Beziehung den neue st en Errungenschaften entspricht. Tas hat auch ber Berginspektor Meyer, dessen Name anläßlich bes Unglücks in Gourriere als her des Retters btfr Eingeschlossenen berühmt geworben ist, in einem Gutachten ausgesprochen, das er nach einem aus eigenem Antrieb gemachten Besuch auf der Zeche abgegeben hat. ES unterlieft keinem Zweifel, daß die Berieselungsanlagen vorhanden waren. Man kann nur fragen, ob diese Anlagen auch wirklich hinreichend mit Wasser gefüllt waren. Ich kann Zeugen namhaft machen, die mir versichert haben, daß das Wasser in hinreichender Menge vorhanden gewesen, und zwar sind diese Zeugen nicht lediglich Beamte, fen« bern mich Arbeiter, Vertreter des Arbeiteraus- s ch u s s e s.
In der Presse, insbesonbere der sozialdemokratischen, die eine besondere Rubrik für diese Angelegenheit hat, war keine Behauptung über ungenügende Berieselung zu finden gcincfen. (Zu. rufe von den Soz.: Woher wissen Sie das?) Aus der „Frankfurter Zeitung", bie viel objektiver ist _al§ Sie. (Gelackter Der Soz.) Aber eine Reihe von Fraaen brängen fick auf. Wäre c5 nicht richtiger gewesen, bei dem Vortrage, ben ber Minister bem Prinzen Eitel Friedrich gehalten hat unb bei bem nickt nur Räte bes Ministeriums, sondern auch Vertreter ber Berawerksgesell. schäft zugegen waren, auch Arbeiter zuzuziehen? Hatte es nicht zur Beruhigung ber mit Recht erregten Arbeiter beige- tragen, wenn man ihnen Gelegenheit gegeben hätte, auch ihre Stimmen ertönen zu lassen bei Erörterung technischer Fragen? (Sehr wahrl) Auf alle Fälle hätte bas Gericht angegangen werben müssen. Wir wollen haben, baß herartige Fragen nicht entschieden werden von Der Staatsanwaltschaft durch Einstellung des Verfahrens, sondern durch den unparteiischen Richter, durch die Strafkammer; dann haben wir bie Garantie bafür, baß alles hinsichtlich ber Schulbfrage erwogen wirb; aber auch dafür, baß Unschuldige nicht zu leiben haben, wie sie vielleicht schon cclittcn haben unter ber öffentlichen Srröterung. War es notwendig, daß her Schacht fo schnell zugemauert wurde'? " Wer trägt überhaupt hierfür bie Verantwortung? Die Bergarbeiter haben bas Unglück von Coyrriöres verfolgt und waren in tiefster Seele betroffen, als bereits nach 13 Stunben Der Schacht ein fad) geschlossen wurde, ohne die Ankunft des Kommissars des Ministeriums abzuwarten, bie für 3 Stunden später angekündigt war? Es ist selbstverständlich, baß nach einem solchen Unglück aus, den Arbeiterkreisen her Ruf ertönt, daß etwas geschehen müsse. Wir können uns nicht der Erkenntnis verschließen,' daß auck nur ein einziges derartiges Unglück uns Veranlassung geben muß, alles zu tun, waA erforderlich ist, um die Arbeiter zu schützen „Mehr A r b e i t e r s ck n tz" haben die Arbeiter gerufen, als Prinz Eitel Friedrich die Unglücksstätte besuchte. Wer wollte Dem widerstreben? (Zuruf von Den Soz.: Die Nationalliberalen l) „Die Nationallibcralen" wird mir zugerufen. Man müßte töricht fein, wenn man die Behauptung aufstellt, daß bic unserer Partei angehörenden Arbeitgeber kein Herz für ihre Arbeiter haben, baß sie nicht einmal für bie Sicheryeitsinaßregeln Sorge treffen. Ganz abgesehen davon, daß schon der wirtschaftliche Vorteil die Arbeitgeber vcr- anlassen muß, folcke Unglücksfälle nad) Möglichkeit zu verhüten, führt sie ihr Verantwortlid)keitsgefühl dazu, in umfangreichem Maße für Arbeiterschutz zu sorgen. Wir verlangen auch heute noch, baß bic Berggesetzgebung bem Reiche unterstellt werde, was unser Parteifreund Harnmacher schon 1898 verlangte. Ick weiß sehr wohl, daß unsere Freunde im Abgeordnetenhause erklären ließen, daß sie es für richtiger halten, daß bic Berggesetzgebung bcu Einzelstaaten verbleiben soll. Hier bandelt es sich aber nicht um eine Partei, sondern um eine Zweckmätzigkeitsfrage. Wir sind in dieser Frage mit Ihnen (zu den Soz.) einverstanden, daß bie ganze Berggesetzgebung unter das Reich gestellt werde. Und nun zur Frage Der 21 r b e t1 c r E o n t r o 11 c u r e. Man muß sich fragen: Ist nickt jetzt schon in gewissem Sinne für den Schutz der Arbeiter geforgt, sind nickt bereits bie Feuermänner, bie Ein- sahrer vorhanden, bic bie gesamte Anlagen zu prüfen haben, sind nicht Schicht- und Rieselmeister vorhanden, bestehen nicht auck die Arbeiterausschüsse, gewählt aus ben Arbeitern unb berufen, alle hiejenigen Beschwerden vorzubringen, bic sie gesehen und erfahren baden? Ist nicht auch Die Presse vorhanden, bie sozialdemokratischen unb Die christlichen Gewerkschaften, bie bic Wünsche der Arbeiter Vorbringen? Kontrolleure sind also vorhanden, aber nickt genug aus ben Kreisen ber Arbeiter. Angesichts eines solchen Unglücks müssen wir sagen, daß wir alle Maßregeln ergreifen müssen, um in Zukunft nach Möglichkeit eine folche Katastrophe zu verhüten. Ich habe im Namen meiner politischen Freunde hier auszusprechen, daß wir eintreten für Arbeiterkon- trolleure, gewählt aus den Reihen ber 21 rbei- rer in geheimer Wahl. Ick; kann hinzufügen, daß auch bie nationallibcrale Fraktion des Abgeordnetenhauses nach einer heute stattgehabten Besprechung sich dem angefcklossen bat. Wir sinb überzeugt, daß bie Arbeiter in ber Sage sinb, praktische Arbeit zu leisten. Ick; will heute nicht Darauf eingehen, welche Befugnisse biete Arbeiterkontrolleure erhalten sollen. Wir begrüßen es, daß auch bie freikonservativc Fraktion des Abgeordnetenhauses einen Antrag eingebracht Hai, her sich in derselben Richtung bewegt. Das aufregende Treiben einer gewissen Presse mutz hier gebührend gekennzeichnet werden. Ist cA notwendig, daß ber Tod so vieler Menschen, statt uns zusammenzubringen, zu Sensationen ausgebeutet wird? Konnte man sich nicht mit dem positiven Material begnügen? Mit Bitterkeit haben mir Zeugen erzählt, daß bi? Korrespondenten. gewisser Blätter ihr Material von Pferbejungen sich beschafft haben. Und wenn sich ein Korre- spondent selbst in ber Person seines Zeugen irrt, wie cs geschehen ist, so kann man nicht sagen, batz er sich mit genügender Sorgfalt informiert habe. Aber nicht alle Blätter sind so und ich möchte gerab: bie ..Franks. Ztg." hier erwähnen, bie sich als ein unparteiisches unb gerecht denkendes Blatt erwiesen hat. In England, wo es ja auch Sozialdemokraten und christliche Gewerkschaften gibt, finden sich Arbeitgeber und Arbefter zusammen, wenn eS sich um technische Fragen handelt. Bei unS aber ist das leider unmöglich wegen der unglückseligen Verquickung der Gewerkschaf, ten mit ber Sozialdemokratie. (Lebh. Zurufe bei den Soz.) Mit tiefer Trauen mußte man sehen, daß an ber Bahre Der Opfer der Kampf aufs neue entbrannt ist, baß man dieses Unglück zum Ausgangspunkt einer wüsten Hetze gemacht hat! (Lebh. Zustimmung; Gelächter unb Lärm ber Soz.) Der Redner verlieft sozialbemokratische Preßstimmen unter höhnischen Bei. sallsrufen ber Soz.) Es heißt ha u. a. „Schurken unb Narren . .., rredjc Gotteslästerung . . ., Fluch — unb schmachbedeckte, aus allen Poren Arbeiterschweitj triefende bürgerlicheGesellschaft . .., Tränen des Mitleids heuckelnde bürgerliche'Reptile! Einem Manne, der eine Spende von 25 000 Mark gegeben hat, wird in dem Zentral- organ ber sozialdemokratischen Partei in einer Zusatzbemertung bescheinigt, daß seine Zivilliste 16 Millionen betrage. (Zurufe der Soz.: Sehr richtig!) Wundert man sich, wenn eine solche Hand- lungsweise die Arbeitgeber empört unb schließlich jeben Fortschritt in ber Sozialpolitik unmöglich machen würde? Aber wir er-


