warten von den Arbeitgebern, daß sie sich auf eine höhere Warte stellen! (Lebh. Beifall.)
Dbg. HuL (Soz.):
Der Dbg. Osann hat mit einem Tank an die Regierung begonnen dafür, daß sie diese Interpellation beantwortet und sich nicht hinter Formalitäten zurückgezogen habe. Soll in Zukunft die Regierung nickit mehr wie bei der Borussiakatastrophe oder der Zechenstilllegung Formalitäten vorsckützcn, wenn es sich um die Lebensintercssen des Volkes bandelt, so wird das auch von un.Z mit Genugtuung begrüßt werden. Der Dbg.. Osann hat seine Rede geschlossen mit einer scharfen parteipolitischen Polemik gegen die Sozialdemokratie. Ich lehne es ab, in diesem Augenblick mich in eine parteipolitische Auseinandersetzung einzu- lasten. (Sehr gut! bei den Soz.) Ich hoffe, daß nach meiner Rede selbst der Kollege -Osann beschämt wird gestehen müssen, daß die Sozialdemokratie auch dieses Unglück nicht ein- seitig, sondern durchaus gerecht beurteilt. (Sehr gut! bei den Soz.) Nur das eine Dort sei mir hierzu gestattet: Hätten die Parteifreunde des Dbg. Osann 1905 im preußischen Abgeordneten» hause auch nur die Regierungsvorlage angenommen, er brauchte heute nicht über den langsamen Fortschritt de? Bergarbeiterschutzes zu klagen und auch um die Sicherheit der Gruben wäre manches bester bestellt. Wenn er setzt Arüeiterkontrolleure nach den Richt» Unten anstellcn will, die Minister Delbrück im preußischen Abge- ordnetenhause entworfen hat, so danken die Bergarbeiter dafür. — Im Landtage hat Minister Delbrück meinen Freund Leineri auf- aefordert, ihm die Namen der Zeugen zu nennen, wenn er nicht die Wahrheit verdunkeln wollte. Mit diesem Worte, Herr Minister, haben Sie sich und Ihre Beamten gerichtetI Bei bcn Unglücksfällen auf Karolinenglück, Gustav und Borussia haben wir ebenso schwere Anklagen erhoben, und .Herr Delbrück har uns nach keinem Zreugen gefragt. Da haben Sie die Wahrheit nicht erfahren wollen und darum haben Sie sich mitschuldig gemacht auch an dieser furchtbaren Katastrophe. (Große Unruhe rechts.) Gebeten habe ich, in der Borustia-Angelcgenheit mich anzuklagen. Niemand hat mich vernommen, niemand angeklagt. Darum werde ich Ihnen meineAnklagenauchaußerhalbdeSHau- seS ins Gesicht schleudern. (Abg. Arendt: Na, na! Unruhe.) Bei Borussia wie diesmal hat wenige Stunden nach dem Unglück der Minister und seine Kommissare der Zechenverwaltung ihre Unschuld beteuert. Tas klingt ja wie eine inoirelte Beschuldigung derer, die auf dem Grunde der Unglücksgrube liegen, der Arbeiter und Beamten. (Große Unruhe.) Ja, kommen Sie inS Industriegebiet, ich kenne das Volk, und das fühlt es so. Hätte der Minister seine Aeußerungen vor dem Besuch im Ruhrrevicr nach diesen Aeußerungen getan, ein viel wärmerer Empfang wäre ihm sicher gewesen. (Heiterkeit und Unruhe.) Spricht cs doch selbst das Hirsch-Dunckersche Organ der Bergarbeiter aus, daß auf Radbod mit Leben und Gesundheit der Arbeiter ein frivoles Spiel getrieben worden ist. So spricht das Volk da draußen. Wiodeberg, Behrens und mir haben Dutzende von
Sfttierftrn Msfferltmgen tföet Mlßstänös auf Radbod gemacht. ® i n Novum in der Dergarbeiterbewegung: Tie Steiger und Beamten haben sich zum ersten Male rückhaltlos auf die Seite der Arbeiter gestellt und offen aus. gesprochen, daß die Hauptschuld an der Katastrophe die BergwerkSverwaltung trägt. (Sehr wahrI bei den Sozialdemokraten.) Aber von allen diesen Zeugen haben Sie, Herr Geheimrat Meißner, keinen gefunden! Der Minister weiß beute noch nicht, daß der -Bergmann Mcher" in Wahrheit Gard beißt und seine Anklagen voll aufrecht erhalten hat. Nach diesen Proben haben wir zu den Angaben des Ministers nicht daS mindeste Vertrauen! (Lebhafte Zustimmung bei den Soz.) Aber eS ist bei allem Entsetzen noch ein Glück: daß die Katastrophe nickt im Saar-, sondern im Ruhrrevier geschehen ist. Im Ruhrrevier haben wir soviel Zeugen, daß unser Beweismaterial die schuldige Verwaltung erdrücken wird. (Lebhafter Beifall bei den Soz.)
Tie Zustände auf Zecke Radbod waren ihpisck für den m o- dernen Raubbau, lieber 800 Meter tieigctricben in knapp zwei Jahren war die Grube, so heiß, daß die Berieselung in einer halben Stunde völlig austrocknete.
In dieser Luft müssen die Arbeiter dank dem Neberschichten- shstern 15—16 Stunden aushalten. Jeder praktische Bergmann draußen kann eS Ihnen sagen: werden die bestehenden Sicher- heitsvorschriften befolgt, so ist ein so großes Unglück unmöglich. Aber die Negierung schleicht an der Kernfrage vorbei, an der Lohnfrage. DaS Gedinge muß so bemessen sein, daß die Arbeiter ruhig und unter Beachtung aller Sicher- heitsvorschriftcn arbeiten können. Mit Recht sagt der angeklagte Bergarbeiter in Zo la S . G e r rn i n a l": „Herr Ingenieur, be- zahlen Sie uns bester, dann zimmern wir auch besser!" Aber auch die Beamten, die Steiger, werden nicht so bezahlt, daß sie für die Sicherheit der Gruben sorgen können; mancher verdient den größeren Teil seines Einkommens nickt an fest'm Gehalt, sondern an Prämien. Und so drängt den Steiger der Arbeiter nach einem anständigen Verdienst, der Grubenbesitzer nach einem hohen Profit, der Verwaltungsbeamte nack einer sickeren und guten Strecke, und da sitzt der arme Teufel von Steiger zwi. scheu drei Stühlen. (Heiterkeit bei den Soz.) Erst jetzt sind die Beamten aufgewachi und organtsieren sich mit uns. Und für alles, was im Bergbau geschieht, waS in der Grube vorgeht, schieben sie mit uns die volle Verantwortung der Bergbehörde, der preußischen Bergwerksverwaltung zu. (Bravo! bei den Soz.) Die Leute, die sich nie den Finger mit Kohle beschmutzt haben, aber die Riesendividendcn einstreichen, sind die Anstifter des gefährlichen Spieles. Selbst die Grubenverwaltungen sind nur Marotten in den Händen der haute finance. In den großen Bankkontoren wird um das Leben von Hunderttausenden gewürfelt. Nickt mehr bcrgwerkstcchnisch, sondern finanz- und dividendentechnisch werden die Bergwerke verwaltet, so klagt selbst das Unternepmerblatt, die „Nheimsck-Westfälische Zeitung". Die fremden Mächte knechten den Bergarbeiter. Man will ja keine Jndustrieburger, sondern Bergwerkssklaven.
Im Altertum festeste man Me BergwerkS^kkaven mft Ketten an den Betrieb, jetzt ist man humaner, jetzt fesselt man sie mit schwär, zen Listen. (Lebh. Beifall u. Heiterkeit bei den Soz.) Graf Kanitz hat ganz recht: wären die Bergarbeiter lieber in ihrer ostelbischen Heimat geblieben. eS ginge ihnen besser als im In. dustricbczirk. (Hört! hört! rechts.) Als wir hier über die schwär- zen Listen sprachen, war kein Regierungsvertreter hier. Erst mutzten 360 Tote rufen, ehe die Herren der preußischen Bergbau- Verwaltung sich zu uns bemühten. Tenn diese Verwaltung ist ganz in der Hand deS Grubenkapitals (Sehr wahr! bei den Soz.)
Entgegen den feierlichen Versprechungen des Staatssekretärs wendet man den Sprachenparagrapben de'- Vereinsgesetzes jetzt auch gegen die Gewerkschaften an. Man verweigert den Arbeitern den Anschlag der Schutzvorschriften in fremder Sprache. Hüttenarbeiterschutz und Dergarbciterschutz hat die Regierung a u f 'S c j - sung der Industrieherren dem Reichstage entzogen und in das preußische Handelsministerium gesteckt. Im vorigen Iabre habe ich feststcllen können, daß die ungeheuer hohen Zahlen der genullten Wagen bei dem letzten Berggesetz in den Akten der Regierung standen und von ibr ver'ckwiegen worden sind. Oderberg« rat Meißner Mußte e3 gestehen. SovcrsagtderArbeiter- schütz, sobald es ück um die schwere Industrie bandelt. Darum ist in der ganzen Industriebevölkeruna der Glaube unausrottbar, daß Grubenbesitzer und Bergbehörde unter einer Decke stecken. Darum verlangen wir, daß an der ganzen Untersuchung dieses UnglückS'allS auch nickt ein Beamter der Bergbehörde beteiligt sein darf, denn sie sind die Angeklagten, und um sich zu entlasten, haben sie im Do- russia-Prozeß, im Krämer-Hillger-Prozeß, im Prozeß über die Senfftenberger Gruben und über Herkules die Gerechtigkeit auf- gehalten. Wir verlangen eine gemischte parla. mentariscke Kommission, und wenn. Sie die einsetzen, werden Sie Wunderdinge aus dem Bergbau erfahren. ES ist schon genug der Menschenopfer, legen Sie endlich Hand zur Besserung an. Auf die Tauer gelingt es Ihnen ja doch nicht, die Arbeiter zurückzuhaltcn. Wozu wollen Sie erst afrtrarten, daß sie sich in gewaltigen Kämpfen ihr Recht holen? Die Bergarbeiter haben das Vertrauen zum Reichstag, daß ec sich ihrer Sacke annehmen wird. Im Namen der Bergarbeiter, im Namen der gefallenen Opfer, erhören Sie die^Bitte und Helsen Sie der Menschlichkeit und Gerechtigkeit zum Siege. (Lebhaster Beifall bei den Soz.) Schützen Sie aber auch das gan-e Volk! Graf Kanitz hat Ihnen hier oft geschildert, wie maßlos die nationalen Bodensck>ätze jetzt vergeudet werden. Ein halbes Dutzend Millionäre herrscht schon beute über den ganzen Bergbau, und die von der Regierung vorgeschlageuen Reformen sind nur die Kulisse für ihr böseS Gewissen. Es gibt lein anderes Mittel, Besserung zu schaffen, als die Enteignung deS Großkapitals zum Nutzen der Nation. (Beifall bei den Soz.)
Hierauf vertagt das Haus die Weiterberatung aus Mittwoch, 1 Uhr. Schluß 6’/i Uhr.
Bekanntmachung.
9(m Samstag den 5. Dezember d. uachm 3 Uhr wird in der Schule zu Lützellinden der int Mark- walüe der Gemeinde Lützellinden, Distrikt .Schmalhcck*, gelegene, bisher von der Firma Heinrich Winn & Go. zu Gießen gepachtete Steiubruch vom 1. Januar 1909 ab auf weitere 10 Jahre öffentlich an den Meistbietenden verpachtet.
Groß-Rechtenbach, den 17. November 1908. A-»/„
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