Ausgabe 
25.11.1908 Erstes Blatt
 
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Nr. 277

158. Jahrgang

Mittwoch, 25. November 1908

Erscheint täglich mit Ausnahme beS TonntagS.

DieStehener Zamiltrnblätter" werden dem ,9lnaetgere viermal wöchentlich beigelegl, das Kretsblatt für den Krei« Stehen" zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Seil- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheften

ERjtflHonSbrucf und Verlag der Br üblich« Unwerliläts Buch- und Sremdructer«.

9L Lange, Dießen.

Redaktion. Ervedition unb Druckerei: Sfful* ftraße 7. Drvedinon und Verlag. öL Redattton:^sKI12. teL-tibutiiijeigciiÄieBen»

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Deutscher Reichstag.

167. Sitzung, Dienstag, 24. N ov., nach m. 1 Uhr.

2m BundesratStische: v. Bethmann-Hollweg, Delbrück, v. Velsen, Wermuth, Caspar.

Präsident Gras Stolberg eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 20 Minuten mit folgender Erklärung: Vom Auswärtigen Amt sind mir Mitteilungen zugegangen, daß die belgische Kam­mer der Repräsentanten am 17. d. Mts. dem Deut­schen Reiche, als einer befreundeten Nation, ihr lebhaftes Mit­gefühl an der schrecklichen Katastrophe auf der Zeche Radbod zum Ausdruck gebracht hat. Der Kaiserliche Gesandte in Brüssel ist angewiesen worden, der Kammer den Dank der Kaiserlich deutschen Regierung auszusprechen, Ich schlage Ihnen vor, daß auch wir der Kammer unseren Lank für die Teilnahme aussprechen. (Lebh. Beifall.) Sie sind damit einverstanden.

Vor Eintritt in die Tagesordnung erhält der

Abg. v. Payer (Südd. Vp.)

-as Wort zu folgender Erklärung: Ich fühle mich verpflichtet, dem Haufe mitzuteilen, daß inbezug auf meine gestrige Be­merkung über die Nichtabnahme deS Zeppelinschen Luftschiffes mir der preußische Kriegsminister hat mitteilen lassen, daß daS Kriegsministerium schon seit einiger Zeit seine Zu- stimmung zu dieser Abnahme erklärt habe. Ich bedauere, wenn ich infolge unrichtiger Information einen Unschuldigen in Ver­dacht gebracht habe und freue mich, daß nun wohl die Erledigung dieser Angelegenheit als sicher betrachtet werden kann. (Beifall.)

DaS Grubenunglück auf der Zeche Radbod.

Auf der Tagesordnung stehen die Interpellationen des Zentrums und der Wirtschaftlichen Vereinigung betreffend das Grubenunglück auf der Zeche Radbod.

Die Interpellation des Zentrums lautet: Ist der Reichs­kanzler in der Lage und bereit, über die Ursachen des Gruben- Unglücks auf der Zeche Radbod in der Nacht vom 11. zum 12. No­vember d. I. Auskunft zu geben? Sind insbesondere auf Grund der Erfahrungen bei den GrubenunglückSsällen in den letzten Jahren genügende Vorsichtsmaßregeln zur Verhütung von Schlag­wettern und Kohlenstaubexplosionen in Bergwerken getroffen wor­den? Welche Maßnahmen sind beabsichtigt, um in Zukunft solche Katastrophen zu verhüten?

Die Interpellation der Wirtschaftlichen Vereini­gung hat folgenden Wortlaut: Ist der Reichskanzler bereit, über die Ursachen des Unglücks auf Zeche Radbod bei Hamm und über etwaige Maßnahmen, die zur Verhütung solcher Unglücksfälle zu treffen sind, Auskunft zu geben ?

Staatssekretär v. Bethmann-Hollweg

erklärt sich zur sofortigen Beantwortung der Interpellationen bereit.

Abg. Wiedeberg (Zentr.)

begründet die Interpellation des Zentrums. Die furchtbare Kata­strophe hat allgemeines Mitgefühl im In- und Aus­lande hervorgerufen. Welches sind ihre Ursachen? Nach Aus­lagen von Bergleuten war eine Berieselung ungenügend. Auch ich bin bereit, dem preußischen HandelSmmister die Namen Von Bergleuten zu nennen, die das bekunden werden, wenn er auch für sie die eventuelle Anstellung auf fiskalischen Gruben aufiefiern will. Die leidigen Wasserverhältniffe waren auch der Zechenverwaltung bekannt. Man Hal in Radbod mit Menschen­leben gespielt. (Lebhafte Zustimmung im Zentrum und bei den Sozialdemokraten.) Die Beschäftigung unerfahrener fremder Arbeiter ist immer eine Gefahr.

DaS unsoziale Benehmen der Bergwerksbesitzer ist schuld bar an. Ein Uevel stand ist daer Prämienwesen Auch die Steiger ftnb Menschen und nehmen höheren Verdienst sehr gern, sparen daher an Material. Sind die verbündeten Regierungen bereit, Maßnahmen gegen das Prämienwesen zu ergreifen? Ist eS richtig, daß der Abbau der Grube Radbod so fordert worden ist, wie noch auf keiner Grube? (Hört, hort! im Zentrum unb bei den Sozialdemokraten.) Sind die verbündeten Regierungen bereit, einem solchen forcierten Abbau künftig Einhalt zu hm? Die Bergarbeiter halten die Grubenkontrolle nicht für ausreichend. Wollen die verbündeten Regierungen Maßnahmen treffen zur Heranziehung von Arbeitern zur Kontrolle? Die in Preußen an­gekündigte Regelung genügt nicht. Wir brauchen ein Reichs- berggeseh, wenigstens soweit die Arbeiterverhältnisse in Frage kommen. Wie stellt sich der Bundesrat zu den Beschlüssen des Reichstags in dieser Richtung? Der Reichstag muß heute zum Ausdruck bringen, daß er den berechtigten Wünschen der Berg­arbeiter Rechnung tragen will. Von den verbündeten Regierungen erwarten wir, bah sie eine rücksichtslose Untersuchung des Gruben- Unglücks vornehmen und etwaige Schuldige zur Verantwortung ziehen. (Beifall im Zentrum unb bei den Sozialdemokraten.)

Abg. Behrens (Wirtsch. Vg.)

begründet seine Interpellation: Noch ist die Untersuchung über die Grubenkatastrophen von Borussia unb Reden nicht abge­schlossen. und schon erschüttert die Kunde von einem neuen furcht­baren Unglück daS ganze Volk Das Jahr 1908 war ein Unglücksjahr für die Bergarbeiter; fast kein Monat ver­ging, ohne daß ein größerer Unfall Sergarbeiterlebcn forderte. Die ungeheure Ausdehnung der Katastrophe auf Zeche Radbod hat nicht nur die Frage nach den Ursachen aufgedrängt, sondern auch zur erneuten Untersuchung gemahnt, ob unsere Sicherheitsvorschriften genügen. Am 23. Mai 1906 hat an dieser Stelle Geheimrat Meißner namens der verbündeten Regierungen erklärt, ein deutsches Courrieres sei nicht möglich, wenn die bergpolizeilich vorgeschriebene Betriebssicherheit _ bor« Händen sei. Courrieres sei nur durch den Mange! einer genügen­den Berieselung möglich gewesen. Danach muß man annehmen, daß diesem Riesenunglück grobe Verfehlungen gegen die Vorschriften und ungenügende Kontrolle zu gründe liegen. Allerdings ist in wissenschaftlichen Zeitschriften auch die Vermutung ausgesprochen worden, daß wir es bei der Radboder Katastrophe mit einer ganz neuen Gesahr zu tun hätten, nämlich dem plötzlichen AuStreten riesiger Gaämassen. Wäre diese .Hypothese richtig, so wäre unser ganzer Ruhrbergbau äußerst gefährdet unb seiner weiteren Ausbreitung eine enge Grenze gezogen. Es erscheint mir deshalb wünschenswert, daß die Regierung über diese Frage eine bestimmte Meinung aus- spricht. Jedenfalls aber war die Zeche Radbod außerordentlich gefährlich, und das scheint die Bergbehörde nicht genügend be­achtet zu haben. Hat doch dieBergarbeiter-Zeitung* mitgeteilt, daß auf die Eingabe eine? GewerksckaftAbeamren auf Abstellung der gesundheits« und lebensgefährlichen Mißstände auf Zeche Radbod die Bergbehörde überhaupt nicht geant- w ortet habe. (Hört! Hört!) Tas mag eine altgewohnte Art der Aufsichisführung sein, ungenügend ist sie gewiß. Die Zecke Radbod hatte eine überschnelle Entwicklung hinter sich, bie etxotö

Außerordentliches tn der Geschichte deS Bergbaus war. Aber mit der Schnelligkeit der Kohlengewinnung scheint die Einrichtung von Sicke, heitAwrschriften nicht gleichen Schritt gehalten zu haben. Die Belegschaft der Grube Radbod war sehr stark; aber unter den 34' Toten waren 81 Ausländer, 87 Ostdeutsche, also sehr wenig gelernte ober altgeübte Bergarbeiter. Daher ist es erklärlich, daß in einer Gewerk'chaftSversammlung vor dem Unglück bie Forderung aufgestellt wurde, eS sollten auf Zecke Radbod nur solche Arbeiter bei der Kohlengewinnung beschäftig' werden, die mindestens schon 8 Jahre unterirdisck gearbeitet hätten. Auch der Wechsel von Arbeitern auf Radbod war über» aus stark. Jeder Belegschaftswechsel aber erhöht, wie Werner, der Vorsitzende deS Steigerverbandes, in seiner Broschüre ,,Un. fall und Erkrankungen" nackgewiesen hat die Unfallgefahr unb vermindert den Verdienst. Auf dieses Urteil von Männern, die gewohnt sind, jahraus, jahrein mit den Bergarbeitern umzu- gehen, lege ick den größten Wert Weiter wird von Zecke Radbod über Hane Behandlung und hohe Strafen geklagt. Ter soziale Frieden auf Zecke Radbod l' alio wohl r'enfo viel zu wünschen, wie die Berieselung und Luftzuführung D'e Hauptanklage ist die, daß die Berieselung nickt gut funktioniert hat. Tie Rohrleitungen über Tage waren eing froren, der Druck deS Wassers reichte nickt au5. Erfreulich i't, daß der Minister die Zeugen schützen will. Hoffentlick dehnt er diese? Schutzver- sprechen auch auf die Steiger auS. D'e Zecke Radbod ist eine gefährliche Grube trotzdem ist nickt genügend r Nachdruck auf die Durchführung der Sicherheitsmaßregeln gelegt worden. Man kümmert fick um die Vorschriften n'ckt. So kann es vorkommen, daß sogar jetzt noch, da wir in den Parlamenten das Unglück bc- sprechen, eine ganze Belegschaft in Lothringen sick veranlaßt sicht, die Arbeit niederiulegcn, nur um Leben und Gesundheit zu retten. Die Verantwortung der Grubeickeamt n muß au5- gedehnt werben. Weg mit dem Prämiensystem! Arbeiter, fontroDeure sind notwendig. Die Befuan-sse der Arbeiterausschüsse sind viel zu eng begrenzt. Warum sträubt man sick gegen cm- reich Sgesetzlicke Regelung der Beraarbeiterverhält- nisse? Ein neuer Geist muß in bie Bergaufsicht Hinern. damit die Arbeiter wieder Vertrauen zu ihr bekommen. Möge ein ver'öbnlicker Geist in das deutsche Berawe'en e'nziehen. Die Arbeiter sind zum Frieden bereit, es liegt nur nock an den Berg- Herren. Der Frieden zwischen Arbeitern und Bergherren ist aber die DorauSbedingung für die Sicherheit im Bergbau. (Beifall.)

.Staatssekretär v. Bethmann-Hollweg:

Wenn ich zuerst meinerseits um da? Wort gebeten habe, so geschieht es mit der Bitte, meinem Nachbar, dem preußischen Handelsminister, bie Ertulung der Auskunft auf diejenigen Fra­gen Vorbehalten zu dürfen, welcke auf die Entstehung des Gru- benunglücks bei Hamm und seine Folgen unmittelbar Bezug haben, überhaupt auf die Fragen technisch,r Natur. Sie werden in dieser Beziehung auf die sachverständigen Darlegungen der unmittelbar beteiligten preußischen Bergbanverwaltung nicht verzichten wollen. Mir liegt daran, an erster Stelle dem allgemein nen Gedanken Ausdruck zu geben, zu dem die Reick-regierung durch die gewaltige Katastrophe gebrannt worden ist. Da darf ich zunächst sagen, daß bas erschütternde Unnlück eine weil über die Grenzen unseres Vaterlandes hinausaehenbe sympathische Teilnahme gefunden hat. Dem Dank, den Reichstag und Nation dieser einmütigen Teilnahme spenden, schließt sich die Reichsregierung auch von dieser Stelle aus an. (Beifall.) In- folge des Unglücks ist wieder der Ruf nack einem erhöh, ten Bergarbeiterschutz und nach einem R e i cki S b e r g- gesetz laut geworden.' Jck> will die Frage aus dem Spiel lassen, inwieweit menschliche Sckuld an dem Unglück beteiligt war. Jedenfalls wird nackgewiesene Schuld ihre Sühne finden. Hi<r und für di- Reicksverwaltung steht in Frage, ob den Bergarbeitern ein erhöhter Schuh zu gewähren ist und ob zu dem Zwecke ein Reicksbergg^eh gesckasfen werden soll. Diese Frage ist eigentlich ganz unabhängig von der Kata- strophe, denn wenn die Reicksregierung in dieser Beziehung ein« greifen muß, bann kann e? nickt eines Unglücks wie des jetzt von uns beklagten bedürfen, um sie zum Hanbeln zu bestimmen. Auf der Unglücksstätte haben bie Bergarbeiter laut den Vorwurf er­hoben, sie feien um d>e Versprechungen betrogen worden, die ihnen bei dem großen Streik im Jahre 1900 gemacht worden seien. Ich habe volle» V-rständniS dafür, daß im Angesicht der Opfer, die die Tiefe verschlungen hat, ihre Kameraden voll Bitterkeit der Forde­rungen gedenken, bie ihnen damals unerfüllt geblieben sinv, unb daß sich bei ihnen oi- Vorstellung festgesetzt bat, als wäre daS Unglück nicht geschehen, wenn es damals anders gekommen wäre Eine ruhige Betrachtung aber, wie wir sie hier anstellen müssen, wird einer derartigen Vorstellung nickt recht geben können. Es haben bei dem Unglück zweifellos elementare Kräfte g to i r f t unb nach dem Stande unserer technischen Schutzmaßregeln werden solche Unglücksfälle sich nie ganz ver­meiden lassen. Darum sollte bie OesfentUchleit mit ihrem ab­schließenden Urteil zurückhalten, bis der Hergang soweit aufge­klärt ist, wie *5 menschenmöglich ist. (Sehr richtig! rechts.) Ich will nicht auf alle Forderungen eingeben, die von den Berg­arbeitern unb von den großen Parteien dieses Hauses erhoben worden sind. Ich lasse unberücksichtigt die Fragen des lieber» schichten- unb Nebenschichtenwesens, die Frage der Sckicktdauer, des PrämtenwesenS unb auch ber Zuständigkeit der Arbeiteraus- schüsse, zweifellos alles Fragen, deren Gewicht niemand unter, schätzen kann unb bie sowohl einzeln al sauch namentlich in ihrer Gesamtheit für bie Gestaltung der allgemeinen Verhältnisse ber Bergarbeiter und damit zugleich für die Sicherheit des Bergwerks­betriebes von Bedeutung sind. Besonders akut geworden sind die Fragen ber Verantwortung für den Betrieb unb nach der Anstellung von Arbeiterkontrolleuren. Der preußische Handelsminister hat ja neulich auSgeführt. wie er die Ausgestaltung der Verantwortung für notwendig hält und hat mit seinen Ausführungen bie lebhafte Zustimmung der preußi­schen Kammer gefunden. Ganz im Vordergründe steht die Frage ber Arbeiterkontrolleure. Sie werden ebenso nachdrücklich in einem Lager gefordert, tote sie tm anderen zurückgewiesen wer- den. Ich bin ber Ansicht, die Gegner der Institution stellen sich auf einen prinzipiellen Standpunkt. Wenn ich von der speziellen Frage der Sickerhe>tskontrolleure absehe, so wird mir jeder, ber im praktischen Leben steht, zugeben, daß früher und auch jetzt noch tn allen einfachen Betrieben, wo ein persönliches Verhältnis zwischen Arbeitgeber unb Arbeitnehmer erhalten ge­blieben ist, ber Arbeitgeber sich die Sachkunde seines einsichtigen Arbeiters in mannigfachen Fragen des Betriebes gern und um- fassend zunutze macht. (Sehr wahr!) Das bringt die Praxis, die vom einfachsten Arbeiter über den Vorarbeiter, den Aufseher bis zum Betrieosleiter ein ununterbrochenes Band darstellt, ganz von selbst mit sich Die Schwierigkeiten beginnen bei den großen,bei den unpersönlich gestalte- ten Riesenbetrieben, wo sich die Gegensätze zwischen Arbeitgeberschaft und Arbeitnehmerschaft leider in unheilvoller Weise auSgestaltet haben und wo jebeS Verwischen bet Grenz­

linien als ein nie zu duldender Ucbcrgriff angesehen wird. DaS eine ist unbestreitbar: Je straffer in solchen Großbetrieben die Ordnung sein muß. wenn ber Organismus überhaupt fun.tionie« ren soll, um so mehr ist eS erforderlich, baß diejenigen Beziehun­gen zwisckien Arbeitgebern und Arbeitnehmern, von denen ich so­eben sprach und die in einfachen Betrieben eine Folge der Tinge an sich sind, daß diese Beziehungen in den großen Betrieben auf e:nc feste und organische, jede Willkür auSschließende Grundlage gestelll werden.

Aber die Frage, ob die Bergarbeiterschaft an der Kontrolle bei Sicherheit des DergbaubetrievS zu beteiligen ist, kann aus diesen aBgemeinen Gesichtspunkten nicht allein beantwortet wer­den, sondern sie hängt mit der Eigenart deS bergbau­lichen Betriebes unmittelbar und auf daS engite zu­sammen. Mir scheint folgendes in dieser Beziehung von Bedeu- lung zu sein: Die besondere Gefahr des bergbaulichen Betriebes bat zu der Ausstellung besonderer und detaillierter AufsichlSvor- ichriften geführt, welche von einer großen Zahl von Aussicht-- beamten gehandhabt werden. Wenn trotzdem die Verhältnisse vielerseitS als unbefriedigend geschildert werden, so will ick im gegenwärtigen Augenblick nickt untersuchen, inwieweit die Vor- .vürfe begründet sind. Daß diese Aufsichtöbcamten s e l b ständiger und unabhängiger gestellt werden müssen und daß ihre Verantwortlichkeit anders zu regeln ist, dafür scheint mir ein sehr maßgeblicher Grund darin zu liegen, daß sich die Arbeiten im Bergbaubetriebe an einer großen Zahl zum Teil weit voneinander liegender, schwer übersichtlicher Stellen abspielen. DaS muß die Sicherheitskontrolle in hohem Grade erschweren, aber das macht es nach meiner Ansicht auch dringend geboten, die sachkundige, in der täglichen Arbeit wachsende Erfahrung der Bergarbeiter nutzbar zu machen, um diejenigen Ge- iahren zu bekämpfen, die schließlich daS Leben dieser Arbeiter in erster Linie bedrohen. (Beifall.) Wenn speziell autorisierte und vom Vertrauen ihrer Kameraden getragene Arbeiter mit der Be- sugniö ansgestattet werden, die Sicherheit der Betriebseinrichtungen zu beobachten unb Borgeiunbene Mängel in geordnetem Verfahren bei ber Zechenverwaltung und nötigenfalls bei der Bergbehörde zum AuStrag zu bringen, so kann von einer solchen mitver­antwortlichen Beteiligung der Arbeiter daS Ganze nur einen Vorteil ziehen. (Sehr richtig!) Ich übersehe aber keineswegs die praktischen Schwierigkeiten, die Reibungen, Zerwürfnisse, die sich im Anfang namentlich dort ergeben können, wo die Spannung zwischen Arbeitgeberschaft und Arbeiterschaft groß ist. Derartige Einrichtungen werden sich erst einleben müssen, aber daß sie sich bei gegenseitigem guten Willen einleben können, dafür liefern meiner Ueberzeugung nach bie praktischen Versuche einen Beweis, welche die preußische Bergwerks- Verwaltung im Saarrevier angestellt hat. (Sehr richtig!) Guter Wille ist eine selbstverständliche Voraussetzung guter Wille auf beiden Seiten, sonst kann eine solche Einrichtung nichts helfen, sonst erschwert sie nur den Betrieb. Darum sollte die Forderung auch nicht als politische gestellt wer­den, nicht als ein Mittel, um die Machtverhältnisse zwischen Arbeitgeberschaft und Arbeitnehmer- >ckaft zu verschieben; sondern als ein Mittel, um unter voller Wahrung der organisatorischen Einheitlichkeit der Betriebsverhält­nisse, die unter allen Umständen notwendig bleibt, alle Kräfte, auch die der Arbeiter, dienstbar zu machen für die Bekämpfung der be­sonderen Gefahren im Bergbaubetrieb.

Nun zu der Frage des Eingreifens der Reichs­gesetzgebung. Wie bekannt, haben die verbündeten Regie­rungen, nicht bloß Preußen allein, bisher den Standpunkt ver­treten, daß die Berggesetzgebung den Einzelstaaten Vorbehalten sei. Die Gründe dafür sind hier so oft diskutiert worden, daß ich heute nicht auf sie zuruckkommen will Haben aber bisher die Einzelstaaten über die Materie disponiert, so muß eine Katastrophe auch in erster Linie bie Einzel st aaten vor bre Frage stellen, in welchen Beziehungen ihre einzelstaatlichen, berg- rechtlichen Vorschriften reformbedürftig sind.

Aus den Verbandlunaen des preußischen Abgeordnetenhauses wissen Sie, daß die preußische Bergverwaltung die aus der Kompetenz folgenden Konseauenzen gezogen bat. Sie wissen daß der preußische Handelsminister Reformpläne erörtert hat, Sie wissen, daß die große Mehrheit t)c& preußischen Abgeordneten, hause? diese Pläne in Preußen erörtert zu sehen wünscht.

Ick kann von dieser Stelle au9 mit der größten Bestimmt­heit erklären, daß bie preußische Staatsregierung bie Ange­legenheit mit allen Mitteln fördern wird. Ich werde gleichzeitig die preußi'cken Pläne mit den übrigen am Bergbau unmittelbar interessierten Bundesstaaten und dem Reickslande zum Gegenstand von Verhandlunaen macken. Ich glaube, daß ich auf diesem Wege im gegenwärtigen Augenblick den Ausbau der Bergarbeitersckutzbestimmungen, den ich für not­wendig halte, in schnellerer und wirksamerer Weife fördere, als wenn ick im Sckoße der verbündeten Regierungen die Frage zur Diskussion stelle, ob die Berggesetzgebung auf das Reich über- geführt werden soll.

Das ost gebrauchte Wort Reichsberggesetz kann insofern ver­wirrend wirken als man geneigt ist, sick darunter eine Zusammen­stellung von Bestimmungen berghohe'tlicher. bergpolizeilicker, privat-bergrechtlicker unb arbeiterrechtlicher Natur vorzustellen, Sier handelt es sick aber nur um das f e ft abgegrenzte Gebiet deS Arbeiterschutzes, unb auf diesem Gebiete tritt die Frage nack der staatsrechtlichen Kompetenz in den Vordergrund, nicht die Frage der Zuständigkeit. Aber auch nicht die äußere Vereinheitlichung steht in erster Linie in Frage, son­dern das allseitige Bestreben, den Sckutz der Bergarbeiter gegen die besonderen in ihrem schweren Beruf ihnen drohenden Ge­fahren bald und wirksam zu verstärken. Daran haben alle Faktoren unseres öffentlichen Lebens. Einzelstaaten unb daS Reick, ein gleickmäßigeS Interesse. kSebr richtig!) Daran mitzu. wirken, werde ick, davon können Sie überzeugt fein, mit allen Kräften bestrebt fein. (Lebhafter Beifall.)

Preußischer Handelsminister Tr. Delbrück:

Meinen Ausführungen im Abgeordnetenhause habe ich folgen­des nachzutragen: Vorgestern nachmittag hat in der Grube eine neue Erplosion stattgefunden, durch welche die eiserne Bedeckung des Sckacktes I zum Teil zertrümmert wurde. Nach Aussage der Wachen ist die Explosionsflamme zum Schacht herausgeschossen, ohne die in der Nähe befindlichen Wacken zu verletzen. Auch sind am Schachtel! die eisernen Schleusentüren unb die zur Bedeckung dienenden Holzteile seirwärts über 50 Meter bis in den Gruben­bahnhof geschleudert worden. Tie Betondecke des neben Schockt II befindlichen 32 Meter tiefen VentilatorschachteZ wurde zerstört. Ob der Ventilator, der durch einen Schieber gegen den Schacht abgeschlossen wird, gelitten hat, konnte noch nicht fcstgestellt werden. Eine nochmalige Abdichtung des Schachtes hat der Revierbeamte mit Rücksicht auf die Gefahr des Eintretens weiterer Explosionen verboten. Der Zechenplah ist ^abgespern und Wachen tn der gehörigen Entfernung von den Schächten aufgestellt worden.