Ausgabe 
15.4.1908 Erstes Blatt
 
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tragen und erretten". Trefflich schilderte ec das Leben und Wirken des nun abgerusenen Mannes, dessen 63jährige Tätig­keit im Dienste seiner Vaterstadt gedeihlich und pflichttreu ge­wesen sei. Zwar seien ihm dafür im Leben mancherlei Ehren zu teil geworden, aber eS entspräche der Bescheidenheit des Verewigten schlecht, wenn man an dieser Stelle davon reden wolle. Nachdem der Geistliche mit dem Gebet geendet hatte, trat Oberbürgermeister Mecum an die Bahre. Er widmete dein Verstorbenen folgenden, ivacm empfundenen Nachruf:

Wenn em Mann, wie er, der in diesem Sarge ruht, geschieden ist, iDcim die Rechnung des Lebens abgeschlossen, dann ist es Pflicht der Ueberlcbenden, zu bezeugen, daß sein Streben und seine Arbeit nicht vergeblich qeivesen und das; sie von denen, welchen sie ge= widmet waren, als Quell des Segens, als Grund der Dankes- pflicht anertaimt werden. Er war em echter Sohn unserer Stadt, der sein ganzes Leben gewidmet war vom Austritt aus der Schule bis feine Kräne erlahmt waren. Eiserne Pflichterfüllung, Liede zu seiner Vaterstadt und Entgegenkoininen gegen seine Mitbürger 'ennzeichnen seinen LebenSiveg. In der Stadtverwaltung war er der stille Hausgeist, der seinen Vorgesetzten treu zur Seite stand und für die anderen Beamten das Vorbilo eifriger Pflichleriüllung. Wir beivahren dankbaren Herzens sein Bild bei uns, als das eines ehrenfesten Gießener Bürgers. Die Summe seines Lebens ist ge­zogen. Sie hecht Mühe und Arbeit, erfolgreiche Arbeit für seine Mitbürger und seine Vaterstadt. Wohl dem, dem solches nach- gerühml rverdeii kann! Namens des Stadloorslandes lege ich diesen Kranz nieder am Sarge eines treuen Mannes, des lang- sährigen Protokollführers der Stadtverordiieten-Versammlung, und als- der erste Beamle der Stadt widme ich diesen zivelten Kranz iianiens der städtischen Beamten unserm verdienten Bnreau- vorsleher."

Trauernd erklang das Glöcklein der kleinen Friedhofs­kapelle, als die Leidtragenden die Leiche des alten Temuth auf ihrem letzten Wege nach der Höhe des Friedhofs ge­leiteten, wo er an der Seite seiner ihm vor einem Jahre oorangegangenen Gattin zur ewigen Ruhe gebettet wurde.

** Hessische Handwerkskammer. Vor wenigen Tagen sand die 41. Vorstandssitzung der Handwerkskammer statt. Der in dieser Sitzung erstattete Tätigkeitsbericht weist daraufhin, daß die Kammer zur Vorsitzenden Kammer der Kom­mission für G e w e r b e r e ch t des Deutschen Handwerks'- und Gewerbekammertags gewählt worden ist. In Angelegenheiten des V e r d in g u n g s w es en s hat die Kammer bei verschiedenen Behörden vorstellig werden müssen. Es kann mit Genugeuung sestgestellt werden, daß diese Vorstellungen in den meisten Fällen von Erfolg begleitet waren. In der Frage der Führung des Meistertitels mußten verschiedene Strafanträge yesteltt werden. Im übrigen werden die Beauftragten dieser Frage ihre besondere Aufmerksamkeit zuwenden. Aus oer nun vorliegenden Uebersicht über die G e f e l l e n p r ü f u n g e n in 1907 ergibt sich, daß 1899 Prüflinge sich mit Erfolg der Prüfung unterzogen haben. Die Durchführung der Gesellenprüfungen hat in mehreren Fällen zu Beanstandungen Anlaß gegeben, weshalb besästossen wurde, das Material den Beauftragten zu überweisen, damit sie bei ihren demnächstigen Revisionen Gelegenheit nehmen, in den in Betracht kommenden Orten bei den Vorsitzenden der gewerb­lichen Korporationen bezw. der Prüfungsausschüsse auf eine ge­wissenhaftere Durchführung hiuzuwirken. lieber, die Frage der Abänderung der § § 88 und 100c der Gewe rbe- ordnung, welche die Leistung von Beiträgen aus der Jn- nungskasse zu Arbeitgeberorganisationen und bezw. die Festsetzung von Mindestpreisen durch die Innungen betreffen, hat die Kammer der Aufsichtsbehörde gutachtlich Bericht erstattet. Beschlossen wurde die Abgabe von Formularen zu Unterrichtszweäen für Handwerker- und Fortbildungsschulen zum Selbstkostenpreis.

Das Reichsverelnsgeseg im Großherzog­tum Hessen. Abg. Köhler-Langsdorf teilt uns mit, daß er feinen Antrag, betreffend die Hessischen Ausführungs- beftimmungen zum Reichsvereinsgesetz, zu § 6 wie folgt verändert bei der .Zweiten Kammer eingebracht habe: Zu § 6 des Reichsoereinsgesetzes: Emer Anzeige bedarf es für Versammlungen nicht, die durch Anschlag oder Aufschrift an einem durch die Bürgermeisterei hierzu all­gemein bestimmten, jedermann zugänglichen Orte, oder auf ortsübliche Weise, oder in einer Zeitung, die in der Ge­meinde, in der die Versammlung stattsinden soll, gehalten oder verbreitet wird, vor ihrer Eröffnung bekannt gemacht worden sind.

**2)ic hessischen Linksliberalen haben zum Frankfurter Parteitag der freisinnigen Vereinigung einen Antrag Korell und Gen. eingereicht, der folgenden Wortlaut hat: ,.Der Parteitag spricht sich für die Aufrecht­erhaltung der linksliberalen Fraktionsgenieinschaft auS. Voraus- setzung hierfür ist die weitherzige und vorbehaltlose Zusammenfassung aller der Kräfte, die geiuiltt sind, im Rahmen dieser Gemeinschaft auf dem Boden der Grundsätze des entschiedenen Liberalisn)us zusammenzuwirken".

** In den Ruhestand versetzt wurden der Gerichts- oollzieher bei dem Amtsgericht Darmstadt I Fnedr. Heinrich Wittich und der Gerichtsvollzieher mit dem Amtssitze in Oppenheim Franz Bucher auf Nachsuchen unter Aner­kennung ihrer langjährigen treuen Dienste.

* lieber!ragen wurde dem Schulamtsaspiranten Karl Germann aus Flonheim eine Lehrerstelle an der höheren Bürgerschule zu Dieburg.

Das Sta dtt heater wird bald nach Ostern seine Pforten wieder öffnen, und zwar beabsichtigt der Thcater- oerein nut einer Opernvorstellung zu beginnen, für die wieder das Darmstädter Hoftheatcr gewonnen ist. Die auf» zuführcnde Oper und der Tag der Vorstellung werden m stürze bekannt gegeben.

** Kaiserpanorama. Nach, dem heiligen Lande führe uns diele Woche das Panorama. Es ist die erste der ver­schiedenen Bilderserien Palästinas, die uns hier in vortrefflicher Darstellung geboten roirb. Tie höchst interessante Reise beginnt in Haifa am Fuß- des Berges Karmel und wir lernen bann in un- mrLtjrocC.net Wanderung Jasta, Bechlehein, Nazareth, Jericho, Bethanien, Kanu, Sichem, Ramleh, Hcoron und Tioerias eennen. In Bethlehem fesselt uns insbesondere die Kirche zur Geburt Ehristi, ui Nazareth treten wir in die zum Andenken an die Verkündigung oer Geburr des Heilands errichtete Kirche ein, deren schöu.n Hauptaltar unsere Auimertfamkeit in Anspruch nimmt In Kana ^besuchen wir das Haus, wo Christus sein erstes Wunder wirkte. Strand-, Markt- und Straßenszenen aus verschiedenen Orten und reisende Eingeborene mit Maultieren veroollständ'gen das abwechsclungsreiche Bild, oa§ sich uns zeigt. Einen reizen­den Eindruck ntaajl das in Felsen gebettete Kwster bei Jericho und auch die Moscheen mit ihren schlanken Minaretts gefallen uns. Beim Abschied winken wir auch den Fischern am See Tiberias einen Gruß zu.

? Hungen, 14. April. Ein Teil der hiesigen Ein­wohnerschaft hat sich letzter Tage mit einem Schreiben an das Kreisamt Gießen gewandt. Es handelt sich um die Platzfrage für das zn errichtende neue Schulgebäude für die Volks- und höhere Bürgerschule. Im Genieinderat ist schon lange ein sehr geeigneter Platz (am oberen Ende der Pfannwiese) m Aussicht genommen. Diesen Platz halten nun einige Einwohner aus untriftigen Gründen für nicht ge­eignet ; doch dürften auch gegen den anderen, zu wert vom

Zentrum der Stadt entfernten Platz (im neuen Viertel, an der Gießener Straße), der auch noch andere Nachteile hat, große Bedenken ins Feld geführt werden, und »väre zu wünschen, daß der schon lange in Aussicht genommene Plan aufrecht erhallen und das Schulhaus dort errichtet wird.

? Trais-Horloff, 14. April. Eine ganz enorme und unsinnige Leistung im Schnell- und Vielessen vollbrachte am Sonntag ein junger Mann in einer hiesigen Wirtschaft. Er hatte mit mehreren Kameraden um em Faß Bier gewettet, daß er innerhalb 10 Minuten lx/2 Pfund Wurst und vier Stücke Brot esse, unb hat seine Wette glänzend geiuonncn. Ja, er gab sogar, nachdem er dieses Quantum verspeist, zu verstehen, daß er noch mehr hätte essen können.

---Oppenrod, 14. April. Unsere Gemeinde erhält nunmehr Telefon Verbindung über Großen-Buseck. Sie bezahlt dazu einen Beitrag von 270 Mk.

Friedberg, 13. April. In der Stadtverordneten­sitzung gab Bürgermeister Stahl bekannt, daß nach einer Mitteilung der Eisenbahndirektion die Pläne für die Erbauung eines neuen Personen- und Güterbahnhofes an das Ministerium abgegeben worden seien. Die Gesamtbaukosten seien auf 6,688,000 Mk. veranschlagt. Die Eisenbahnver- waltung verlange von der Stadt Friedberg einen Zuschuß von 40,000 Alk., sowie Herstellung, Beleuchtung und Unter­haltung der Ziifahrtstraßen. Die Beschlußfassung wird erfolgen, wenn die Pläne der Stadtverordnetenversammlung vorliegen.

r. Hungen, 15. April. Heute früh wurde in der hiesigen Holzschneiderei Schäfer ein Arbeiter von der Trans­mission erfaßt, vom Riemen herumgeschleudert und als­bald getötet

0 Ruppertsburg (Kr. Scholten), 14. April. Die an der Horloff gelegene, dem Verein für chemische Industrie zilstehende Fabrik FriedrichShütte, die im letzten Jahr­zehnt ihren Betrieb verdoppelt hat, vollzieht eine neue Er­weiterung, die bauliche Veränderungen hervorruft. Die alten Retorten rverden abgerissen und durch neue ersetzt, die ein solches Volumen haben, daß sie einen Waggon Holz fassen können. Schon vor mehreren Jahren wurde die elektrische Beleuchtung eingerichtet, minmehr soll durchMotore, die elektrisch betrieben werden, das Ein- und AiiSladen der Retorten er­folgen. Die Produktion in Holzessig unb Holzkohlen wird somit gesteigert, ohne daß eine Vermehrung dcs Arbeiter- personals erforderlich ist.

8 Gedern, 11. April. Tic eine Reihe von Jahren be­stehende, im Schlosse untevgebrachte Privatfchule, sog.Hof- t a p l a n e i s ch u l e", an ber eine Lehrerin unb zwei hiesige Lehrer hciticn, und die meist von israclitifchcn Schülern besucht ivirb, scheint aller Voraussicht nach einzugeyeu, da alle Schüler jüdischen Glaubens am 1. April d. I. ausgetreten und mir 5 Scyüler dem Institut" verblieben sind.

? Ober-Lais, 11. April. Unser Tors hat Telephon­anschluß nach Nidda erhalten.

! Aus dem oberen Schwalmtals, 13. April. Ter April zeigt wieder eine sehr üble Laune. Seit heute morgen schneit cs bei lebhaftem 'Noroosc ununcervrochen, wie mitten im Winter. Der sog.Toten kippel" bei Meiches schaut tief verschneit ins Tal. In ber Landwirtschaft herrscht noch völlige Winterruhe. Die Felder sind durch), die letzten Regengüsse so aufgeweicht, daß man sie kaum betreten, geschweige bebauen kann. Halt dieses Wetter auch über die Feiertage an, so wird sich ine gesamte Frühjahrsbestellung in den Mai hinausschieben.

P. Sch11tz, 13. April. Gestern mittag 2 Uhr la ndete hier in der Nähe des Hoses Sassen ein mit zwei Herren be­mannter L»istball on. Obwohl die Herren, (1 Offizier voni Garde bu Corps, ein anbercr in Zivil) mit Mitteilungen fein' zurückhaltenb waren, war jeboch zii erfahren, baß ber Ballon Aero-Klub Berlin Nr. 2., am Samstag 6. Nm. in Berlin aufstieg, um in Bagern zu landen. Wie Bauern auS dem Dorfe Oueck, die den Ballon bergen halfen und zum hiesigeii Bahnhof beförderten, mitieilen, hatte sich das Schlepptaii m der Krone einer Fichte gefangen und man war gezwungen zu landen. Die Rückreise der Herren nebst Ballon nach Berlin erfolgte gestern abend 7 Uhr.

fc. Sir ft ein, 14. April. In Nürnberg hat gestern die standesamtliche Trauung des Prinzen Viktor zu Isen­burg (von der Ofsenbach-Äirsteiner Linie) mit Fräulein Anna Rohrer, ber Tochter des praktischen Arztes Dr. Rohrer in Schlacheuwcrth bei Karlsbad in Böhmen, stattgefunden. Fräulein Rohrer wurde vom Großherzog vou Heuen in den Adelsstand erhoben und erhielt den Namen Frestrau von Rüdiger. Ter Prinz stand früher als Leutnant im 1. Garde-Regiment zu Fuß, quittierte nach kurzer Dienstzeit den aktiven Dienst und würbe mit der Unijorm des 2. Kürh. Husarenregiments 9h. 14 ä la suite der Armee gestellt. Gegenwärtig wird er als Rittmeister ä la suite geführt. Prinz Viktor hat seine Gemahlin in Schlackenwerth, einer Besitzung seines Onkels, des verstorbenen Großherzogs Fer­dinand 1\. von Toscana, kennen gelernt. Der Prinz ist ein Sohu des Fürsten Karl von Isenburg unb der Fürstin Marie Louise Anuuneiata geb. Erzherzogin von Oesterreich. Er hat 4 Brüder und 4 Schwestern. Prmz Viktor wird nach Mannheim über­siedeln.

-p- Renzendorf, 14. April. Den großen Fortschritten gegenüber, die em Teil ber Provinz neuerdings in verkehrstechk- nischer und wirtschaftspolitischer Hinsicht macht oder in nächster Zeit zu matijicii gedenkt, sucht auch ber Nordavhang des Vogels­berg cs mect Kurückzublciben. So wurde vor kurzem über ein neues Bahn Projekt (Alsfeld Vadenrod Ulrich­stein ) berichtet, das auf einer Versammlung in Vadenrod zur Besprechung kam. Die Mittel für Vermessungsarbeiten sind von den intcr:ssier:en Gemeinden bereits bewilligt. Gleichzeitig konnte in genannter Versammlung der Vertreter Gwßh. Kreisamts Als- svld den anwesenden Bürgermeistern und Gemeinderäten die Grund­lagen eines großzügigen Wasserversorgungsprojekts entwickeln. Die neugeplante Wasserleitung soll bei einer Länge von 2025 Kilometer alle Gemeinden des ooeren Schwalmtalcs (Meiches, Storndors, Vadenrod, Ober-Sorg, Unter-Sorg, Hergers- dvrs, Renzendorf, Hopfgarten und Alsfeld) und einige Orte des KveiscsLauterbach (Dirlammen, Allmenrod und Wallenrod) mit gutem Trinkwafser versorgen. Als Quellgebiet kommt eine Wiesen­fläche am Rande des Oberwaldes in der Gemarkung Ziebgeshain in Behackst. Gegenwärtig erläßt das Kreisamt Alsfeld ein Aus- schveiben an die betreffenden Bürgermeistereien zwecks Bewilligung der Gelder für Vorarbeiten, die zu 10000 Mk. veranschlagt )inb.

Wetzlar, 12. April. Unsere Kreissparkasse hat am 1. April das fünfzigste Jahr ihres Bestehens beendet und trotz der schlechten Geldlage in 1907 wieder einen recht befriedigenden Jahresabschluß vorlegen können. An Sparbüchern sind im Umlauf 11109, darunter ca. 5000 deren Einlagen von kleinen Sparern gemacht unter 300 9Nk. betragen. Tie Spareinlagen haben sich in 1907 von 9 720 562 Mk. auf 11 948 206 Mk. vermehrt, von denen allerdings 1 701 333 Mk. zurückgezogene Einlagen in Abzug kommen. Der Reservefonds der Kaffe beläuft sich auf S84 769 Mk. Für öffentliche Zwecke wurden im abgelaufenen Jahre 42 249 Mk. seit dem Bestehen der Kasse 987 521

Mk. au5gegeben. Ter Kursverlust an Jnhaberpapteren deS Reservefonds im Jahre 1907 beläuft sich auf 20480 Ml

Wetzlar, 14. April. Die kon s erv ati v e Partei des hiesigen Wahlkreises wird den bisherigen bewährten Vertreter deS Kreises im Abgeordnetenhaus, den RegierungSrat a. D. Stackmann, wiederum als Kandidaten für die bevor­stehende Landtagswahl aufstellen.

Frankfurt a. 9N., 13. April. Mit dem heutigen Tage nehmen die A u s b i l du n g S k u r s e, die der N a t io n a l - Ve v ein für dgs liberale Deutschland hier in Frankfurt für liberale Politiker zum erstem Male Veranstalter, ihren Anfang. Ter National-Verein, der cs sich zur Aufgabe gesetzt hat, liberale Massenstimmung ins Voll zu tragen und damit den Boden für eine vertiefte politische Arbeit der liberalen-bemokraiischen Parteien zu bereiten, versucht auch mit den jetzt eingerichteten Äürsen ein Stück ber Aufgabe, die er sich gestellt hat, der Verwirklichung näher zu führen.

w. Frankfurt a. M. 14. April. Die Wahlkommission ber nationallibcralen Partei hat beschlossen, ber Mitglieder- versainmlung als Kandidaten ber nationalliberalen Partei für die bevorstehenben Lanbtagswahlen ben Stabtverorbneten Kommerzienrat Labenburg vorzuschlagen unb ferner die Unterstützung der Kandidatiir des bisherigen Vertreters der Stadt im Landtage, Herrn Karl Ludw. Funck, zu empfehlen.

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Posen, 14. April. In Schneidemühl hatte vor einiger Zeit ein P istv l e n d u ell zwischen einem Referendar und einem Studenten ber Medizin ftattgefunden. Heute wurde der Referendar zu 4 Monaten Festung, ber Student zu 3 Monaten Festung und drei Mitglieder des Ehreurates zu je 23 Tagen Festung oerutteiu.

Madrid, 14. April. In Barcelona wurde kurz nad) Mitternacht das Urteil in dem Prozeß gegen Juan Rull und Genossen gefällt, die beschuldigt waren, eine große Zahl ber B arcelo ner Bombenattentale der letzten Zeit verübt zu haben. Der Haupttäter Juan Rull, dessen Bruder Hermene- gilde und die Mutter der beiden 9Naria Qucralw wurden zum Tode v erstrteilt, ein anderer Bruder Joso zu 17 Jahren Zuchthaus, ferner Amadeo Trilla zu 24 Jahren, Trigueros 14 Jahren Zuchthaus und Burguet zu vier Monaten Zwangsarbeit. Parelkv und Perals wurden freigesprochen. Der Verteidiger wird Berufung einlcgen. ________________________

Der Kuabenmor) von Berlin und der Brand der Garnisonkirche.

Berlin, 14. April.

Der Mörder des Schneiderlehrlings Hermann Blechert wurde heute in der Person des 43 Jahre alten verheirateten Schuhmachers, Aushilfskellners und Couleurdieners Au­gust Seiber aus ber Lietzmannssttaße 2 verhaftet. Die in einem Berliner Krankenhause untergebrachte Frau H., die von dem Morde keine Kenntnis hatte, erkannte die bet der Leiche aufgefundene Schürze als die ihrige. Eine Reihe anderer Momente bestätigte, daß niemand als Hcider der Täter ge­wesen sein-kann. Heider ist in Neu-Buckau (Mecklenburg) ge­boren und wegen Körperverletzung mehrfach vorbestraft. Er mar fchon einmal zur Behandlung in einer Irrenanstalt un­tergebracht. Es steht fest, daß Heider pervers veranlagt ist. Zugegeben hat er, daß er mit dem ermordeten Knaben bis zum Morgen um 1/2 6 Uhr zusammen war: er hat auch zugegeben, daß er in seiner Wohnung großes Reinmachen vorgenommen hat, um Blutspuren zu vertilgen. Die Angabe seiner Gattin, die die Schürze mit Bestimmtheit rekognosziert hat, bezeichnet Heider als Lüge, lieber den Gang der Ermittelungen ist fol­gendes von Interesse: Nachdem man ermittelt hatte, daß der Knabe ein orientalisches Aussehen hatte, meldete sich eine grobe Anzahl von Zeugen, die den Ermordeten kannten. Der Knabe Zwiebanm führte die Beamten nach dem Bouillonkeller von Hoffmann in der Alexanderstraße, und dort wurde ermittelt, daß dort der ermordete Knabe Blechert mit drei Männern zu- sammengesessen hatte. Der eine war ein Aushilfskellner, dessen 91amc der Wirt nicht kannte. Durch andere Zeugen erfuhr man, daß er noch in derselben Nacht wegen Diebstahls tn öee ^ irtidjajt von Schmidt verhaftet worden war. Nach der Beschreibung wurde dieser Mann festgestellt und gab an, daß der zweite unbekannte Gast den Blecher frühmorgens zu seinem Vater bringen wollte. Blecher hatte aber vorgezogen, mit dem dritten Manne mitzu­gehen. Es konnte in anderen Kaschemmen ermittelt werdeii, daß jener dritte ein Mädchen namens Berta vor kurzem nad) feiner Wohnung mitgenommen hatte. Die Nachforschungen bei der Sittenpolizei und 9iachsragen bei anderen Mädchen er­gaben, daß es sich um die 18 jährige Eckardt handelte, die |tw in einem Krankenhause befand. Sie führte den Beamten nad) dem Hause Lietzrnannstraße 2, wo sie auch die Wohnung des unbekannten Mannes entdeckte. Der Mieter dieser Wohnung war Heider, der augenscheinlich seine Verhastung befürchtete und geflohen war. Es wurde eine Hausfuchung veranstaltet. Gleuy zu Beginn fiel dem Beamten eine Hofe in die Hände, die über und über mit Blut besudelt war. Nicht zu lange brauchten Die Kriminalbeamten zu suchen, da sanden sie ein großes p-rauen- hcmd, das gleichfalls blutig war. Es bestaub kein Zweifel mehr, daß hier der Tatort gefunden war. In einer Photograpvie des Mieters erkannte die Eckardt den Mann wieder, dcn ste begleitet hatte. In der Wohnung des 9Nörders wurde auch eine ganze Anzahl Medizinflaschen gefunden, mit bemeiben W turen beklebt wie ber Pfropfen, der bei der Lerche gefunpen wurde. Auch die Waffe ist gefunden worden: cs ist ein irtira geschliffenes, ungeheuer scharfes Schustermesser. Die Krimmai' beamten patrouillierten nun in Begleitung emes Bekannt Hcidcrs in den verschiedensten Straßen und Lokalen., ^ ge­lang es heute früh den Beamten, den Heider zu treffen. 0 weiteren Llufklärung des Klrabenmordes und zur Ergänzung 0 Belastungsmaterials gegen Heider wurde dessen Wohnung ye nachmittag nochmals untersucht. Keine Behausung konnte ql 9 neter sein zur Ausführung des Verbrechens als pieie. m an den Hof, nach dem hinaus sie liegt, grcnzt eine Schta ) tcrei, in der von morgens bis abends eine ^ampfmafch läufst Der Lärm dieser Maschine übertönt jeden Schrei 1X1 gegenüberliegenden Hinterwohnung. Kein Laut des Opfers to hier den 9Jlörber stören und verraten, ungefährdet tonnte er j bei die Knochen der Leiche zerschlagen und zerbrechen. L Blutspuren entdeckte man in einem Eimer. Die Innen! der Tür des Küchenspindes wies blutige Ftngcrabdrucke.

In der Stube zeigte die Tapete in der Gegend des KttideM mit der blutigen Hose drei Blutspritzer. Auf dem aenfici brett sanden sich wieder Blutflecke. Spuren ausgewafch Blutes zeigte auch ein Kopfkissen, Blutflecke auch die ^an neben der Wasserleitung. In der Asche sand >uan den eines verbrannten Fingers. Die Arme und Danoe Opfers fehlen noch, ohne Zweifel hat der Mörder he n fehlenden Fleischteile verbrannt. Die Ausführung de denkt man sich so, daß der Mörder sein Opfer vor de erdrosselt und zerstückelt hat. Dabei ist^ihm ein SW heruntergefallen und blutig geworden. Die Durchiuchung noch fort, während Heider nach dem Polizeip^islduiM g c wurde. Sie förderten an einem Stuhl noch einige Haare zutage, die denen des Ermordeten gleichen- .

Heute vormittag 3*11 Uhr erschienen ber A*onp unb die Kronprinzessin an der niebergebrannten .QJatnii kirche. Tie ungeheuere Trümmerstätte macht emen tro, Eindruck. Die Brandstätte ist in weitem Kreise abgeiperrst die Lösck)züge arbeiten mit Hochdruck an den Ausraumug» beiten, btc Amso schwerer sind, als die eisernen Trager, durch die ui^eheuere Hitze, geschmolzen sind, sich Mit den uv 9 Trümmern zu festen Massen verkittet haben, die sehr Iw zu bewegen sind. Von all dem altertümlichen Gerate der N das an die glorreichen Zeiten des Preußentums ermnen, nichts erhalteii. Mehrere Blätter scheinen geneigt zu 1