je 23 Schäler eine Lehrkraft, die Volksschulen dagegen int Durchschnitt für je 63. Auf dem Lande für je 68, in Schlesien, Posen, Westfalen, auf dem Lande 77, 86, 72. Am trostlosesten liegen die Verhältnisse in der O st m a r f. Selbst im Königreich Sachsen, dessen Untevrichtsverhältnisse ost als musterhaft bezeichnet werden, kommt in den Volksschulen auf je 66 Schüler, in den höheren Schulen auf je 14 bis 20 Schüler eine Lehrkraft. Für einen Volksschülcr werden ans Staats- und Gemcindemilleln in Preußen 53 Mk., für einen höheren Schuler das Dreifache (180 Mk.) aufgewandt. Tas ist zweierlei Maß, eine ungerechte Verteilung der Bildungsgüter, die etwa dem Trcillassenwahlrecht entspricht. Die Volksschule erscheint in dieser Verfassung als Armenschule, nicht als die Volksschule des Staates. (Zustimmung.) Die Klassen müßten um so kleiner sein, je junger hie Kinder sind. Klasseir- überfüllung führt schlechte Zucht herbei. Der Unterricht wird minbertocrtig, die Gesundheit von Lehrern und Kindern wird untergraben. Tie Berufssreudigkeit der Lehrer leidet. Ueber- lastete Schulstellen haben ständig Lehrermangel. Tas ungenügende Angebot führt mangelhaft veranlagte und ungenügend vorbereitete Lehrkräfte ins Amt, und durch Anstellung von Lehrerinnen in den Städten wird der männliche Lehrer immer mehr aufs Torf hinausgedrängt. Von den einstweilig angestellten preußischen Volksschullehrern amtierte nur jeder zwölfte in der Stadt. .Tie Ursachen des Lehrermangels liegen darin, daß die äußeren Verhältnisse der Volksschule in ihrer Entwickelung mit den Anforderungen an das Lehramt nicht gleichen Schritt gehalten haben. Tie Gegenwart verlangt andere Lehrer als eine frühere Zeit. Ter einjährige Militärdienst und der Ausbau der Lehrerbildungsanstalten haben die Ausbildung zum Lehrerberuf verteuert. Die geistliche Schulaufsicht, ungeregelte amtliche Verhältnisse, der Mangel jedes geordneten Avancements lassen den Lehrcrberuf wenig aussichtsvoll erscheinen. Auch das platte Land und die Kleinstadt liefern nicht mehr dieselbe Zahl von Lehrern wie früher. Die Errichtung von Lehrerbildungsanstalten in kleinen Ortschaften verfehlt deswegen ihren Zweck. Mehr Anwärter würden sich in größeren und mittleren Städten finden. Durch die unzweckmäßige Organisation der Lehrerbildungsanstalten ist den Schülern der höheren Lehranstalten der Eintritt in den Lehrerberuf unmöglich gemacht. Dem Lehrermangel kann nur abgeholfen werden durch eine grundsätzliche Reform des gesamten Volksschulwesens. (Beifall.) Die Volksschule mutz Volkseinheitsschule werden. Als verschämte Armenschule hat sie sich überlebt. Die Lehrerbesoldungsgesetze, auch die neuesten, bleiben hinter dem zurück, was in entsprechend zu bewertenden Berufen bezahlt wird. Die Lehrerbesoldung muß der Besoldung der mittleren Beamten entsprechen. Vor allem aber bedarf die amtliche Stellung der Volksschullehrer- fchaft einer Aenderung. Die Schule darf nicht länger Hintersassin der Kirche bleiben. (Beifall.) Wenn der Geistliche der Vertrauensmann des Staates in der Schule ist, so lvird der Lehrer dadurch zum Unterbeamten gestempelt. Eine solche Stellung war zu einer Zeit angemessen, als verkrachte Handwerker in der Schulstube standen. Je weniger man dem Volksschullehrer äußere Glücksgüter bietet, um so mehr muß man feine Stellung ehrenvoll gestalten. Erziehen kann nur, wer oben steht. Die Bildung san st alten sollten aus d en Dörfern und Kleinstädten hinaus, in die Universitätsstädte verlegt und Hochfchulmäßig eingerichtet werden. Wenn der Staat für Tierärzte, Landmesser und Forstbeamte Hochschulen errichtet, so sind sie auch für die Erzieher der Jugend notwendig. (Zustimmung.) Die von den Behörden gegen den Lehrermangel angewandten Mittel sind unzulänglich. Viele Präparandenanstalten sind trotz aller Werbearbeit nur schwach besetzt. ^Die Qualität der Lehramtsanwärter ist zumteil sehr mangel- haft. Selbst Krüppel, Stotterer, aus der Quinta Entlassene sitzen in den Präparandenanstalten. (Hört! Hört!) Viele müssen wegen Unfähigkeit bald wieder entlassen werden. Eine strenge amtliche Untersuchung würde haarsträubende Zustände enthüllen. Tas Schulamt gibt heute vielen, die sich den un,icheren wirtschaftlichen Verhältnissen nicht gewachsen fühlen, als Schutzhütte und Notdach. Die preußische Schulverwallung hat die Zeit des wirtschaftlichen Aufschwunges nicht genutzt,"um ‘bie Schaben iw. Schulwesen zu beseitigen. Sie wird nur noch von Mecklenburg übertroffen. Mageres Gehalt, veralterte Aufsicht, enge amtliche Verhältnisse — das ist die Signatur de» Lehrerberufes in der Gegenwart. An die Stelle des Lehrers ist in den letzten Jahren, besonders im letzten Jahrfünf vielfach die Lehrerin getreten. Preußen erhöhte die Zahl seiner Lehrerinnen in den letzten 20 Jahren um 130 Proz., die der Lehrer um 46 Prozent. Der Lehrerinnenberuf ist einer der bestbezahlten Frauenberufe. Ter Lehrermangel kann dadurch nicht behoben werden, da sich die Lehrer durch die Anstellung von Lehrerinnen in den Städten auf das platte Land zurückgedrängt sehen. Dadurch wird der Lehrerberuf noch weniger anziehend. Unter besseren Verhältnissen wäre die nötige Anzahl von Lehrern leicht 511 erlangen. Welche Stell ungsolldieLchr erschuft nun zum Lehrermangel an ne hm en? Anwärter anzuwerben, ist keine Veranlassung. Tie Unterrichtsbehörden würden dafür kein Verständnis haben und dafür nicht danken. Tas Schädliche des Lehrermangels muß rücksichtslos gegeißelt und allen Kreisen der Bevölkerung muß die Bedeutung des Volksunterrichts zum Bewußtsein gebracht werden. Ungeeignete Elemente dürfen das Katheder nicht einnehmen. Man sollte die Unterrichtsbeamten in das Handelsministerium und an die Zentralstellen des Weltverkehrs schicken, statt daß sie mit konfesswnellen Stänkereien beschäftigt werden. Ein Lehrer bedeutet eine ganze Generation. Durch schlechte Schulen werdenMillionen um ihre Zukunft betrogen. Ein hofsnungsarmer Lehrerstand kann nicht eine hofsnungssreudige Jugend erziehen. Der Redner führte zum Schluß aus, was er hier gesagt habe, werde an ntandjer Stelle mißfallen. Aber die deutsche Lehrerschaft müsse offen vor her ganzen Nation aussprechen, wie es um die Volksschule steht. (Lebhafter Beifall. ) Die Volksschule als Veranstaltung des Staates müsse ihre Gleichberechtigung im Staate reklamieren. Ein Volk, bas nach Mehr Schulen verlangt, ist auf dem Wege zur Höhe und zur Ärafi. Ein Volk, das seine Felber bebaut, seine Forsten pflegt, Kriegsschiffe baut, bie gesamte Wehrfähigkeit zum Kriegsdienst ausbildet, darf nicht bei Hunberltausenden von Kindern die geistige und sittliche Ausbildung vernachlässigen. (Lebhafte Zu- Itimmung.) Ter Referent legte zu seinem Vortrage folgende Leitsätze vor: 1) Der andauernde Lehrermangel, der bei sachgemäßer Feststellung viel größer ist, als es nach der Zahl der nichtbesetzten Lehrerstellen den Anschein hat, ist begründet in der den Anforderungen und dem Wesen des Volksschulamtes nicht entsprechenden materiellen und amtlichen Stellung der Volksschullehrer, sowie in der unzweckmäßigen Organisation des Lehrerbildungswesens. 2) Bei dem unzureichenden Zudrang zum Lehrerberuf ist die Heranziehung einer ausreichenden Zahl von Persönlichkeiten, die, den Anforderungen des Lehrerberuss nach jeder Richtung gewachsen sind, nicht möglich,' die berufliche Leistungsfähigkeit des Lehrerstandes geht zurück. Jnfalge des Lehrermangels bleiben zahlreiche Stellen längere ober kürzere Zeit unbesetzt, über- füllte Klassen werden nicht geteilt, mehrere Klassen werden von einem Lehrer verwaltet, Klassen müssen kombiniert, bie Zahl der Unterrichtsstunden beschränkt, jüngere Lehrer häufig versetzt werden. Durch diese Zustände wird die unterrichtliche und erziehliche Wirksamkeit der Volksschule geschädigt, die Berufsfreu- digkeit der Lehrer getrübt, ihre Kraft zersplittert und ihre Gesundheit, wie die Gesundheit der Kinder durch lieber füttung der Schulklassen und Kombination mehrerer Schulklassen gefährdet. 3) Dem Lehrermangel kann dauernd nicht abgeholfen werden aj durch bloße Vermehrung der Lehrerbildungsanstalten in ihrer jetzigen Gestalt; b) durch materielle Erleichterungen für die angehenden Volksschullehrer und eifrige Werbung; c) durch Ersatz der Lehrer durch Lehrerinnen. 4) Eine wirkliche Beseitigung oes Lehrermangels ist nur möglich: a) durch eine zeitgemäße Regelung bet Lehrerbesoldung; b durch zeitgemäße Regelung der Lehrerbildung (allgemeine Vorbildung auf den allgemeinen Bildungsanstalten, Berechtigung zum Universitätsstudium): k) durch eine zeitgemäße Regelung der amtlichen Stellung der Volksschul- lchre-r, insbesondere durch Beseitigung der geistlichen Schulaufsicht und der bureaukratischen Bevormundung und durch Besetzung der Schulaussichtsstellen mit Voltsschullehrern: b' durch Abtrennung aller mit dem Lehrerberuf nicht innerlich in Verbindung stehen- der Nebenämter) c) durch Besettigung der Ausnahmestellung der
Volksschullchrrr in staatsbürgerlicher und kommunalpolitischer Beziehung. 5) Tie deutsche Lehrerversammlung richtet an die Unter- richisverwaltungen der deutschen Staaten die einmütige und dringeirde Forderung, geeignete Maßnahmen zur baldigen Beseitigung des Lehrermangels zu treffen und damit den in dem Lehrermangel dem deutschen Volke drohenden Gefahren wirksam entgegenzutreten. 6) An das deutsche Volk richtet die Versammlung die Mahnung, seine schulen so zu schätzen und zu pflegen, daß sie die nationalen Kulturgüter der gesamten Volksjugend zu übermitteln und die geistigen und sittlichen Kräfte des jungen Geschlechts zur vollen Entwicklung zu bringen vermag.
Der Vortrag des Generalsekretärs Tews über den Lehrermangel wurde mir stürmischem Beifall aufgenommen. Es wurde beschlossen, ihn drucken und bei den zuständigen Behörden und bei den Abgeordneten verbreiten zu lassen.
Dann setzte eine lebhafte Diskussion ein.
Lehrer Hufs (Darmstadt, weist darauf hin, daß in Hessen das liberale Schulministerium und die liberale Zweite Kämmer dafür gesorgt haben, daß die Lehrerbefoldung ausreichend ist. _ Man wäre aber noch weiter, wenn nicht der große Staat Preußen so rückständig wäre.
Nachdem noch eine Anzahl Lehrer aus arideren Bundesstaaten zum Wort gekommen war, wurde der Lehrertag geschlossen._______
Deutsches Resch.
Das Befinden der Kaiserin hat sich so weit gebessert, daß sie schon heute, wie aus dem Neuen Palais gemeldet wird, einen Teil des Vormittags im Park in der Umgebung des Palais verbringen konnte.
Der Herzog von Cumberland hat dem Kaiser die Ernennung seines Sohnes Ernst August zum Leutnant im 1. bayrischen Neiter-Regiment angezeigt.
Der Sultan von Sansibar wird auf seiner Europareise unter anderen Städten auch Berlin besuchen und wahrscheinlich von Kaiser Wilhelm empfangen werden.
Ein Kurier des Zaren. Wie die hiesige Zentral- Korrespondenz aus Hofkreisen erfahren haben will, traf heute früh in Potsdam ein Kurier des Zaren ein, der von seinem Auftraggeber ein persönliches Schreiben für den Kaiser zu überbringen hatte, um sofort wieder die Rückkehr anzutreten.
Besuch deutscher Eisenhütten leute in Can a da. Die deutschen Eisenhüttenleute sind von dem Canadian Minig Institute eingeladen worden, gemeinsam mit den Angehörigen der Jron and Steel Institute eine Reise zum Besuche verschiedener industrieller Anlagen Canadas mitzumachen. Die Fahrt wird am 24. August von Quebeck ausgehen.
Erleichterung des Wechselprotestes. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht das Gesetz betreffend Erleichterung des Wechselprotestes.
Immatrikulation von Frauen in Preußen. Den Berliner Morgenblättern zufolge rvird nach einer Mitteilung des Professors Adolf Ha mack beim evangelischsozialen Kongreß die Immatrikulation der Frauen an b en preußischen Universitäten vom n äch sten Wintersemester ab zu gelassen werden. Dann wird wohl auch Hessen bald folgen.
Ausland.
Der Internationale B e r g u r b c i ter ko n g r e ß in Paris beriet gestern vormittag über bie Verstaatlichung der Berg w,s r t e. Hierauf nahm der Kongreß efnstimmig, mit Ausnahme dcr poknischest Stimmen, die Resolutionen an, dittch bie die Verstaatlichung der Bergwerke unter völliger Garantierung deS Koalitionsrechts für die Arbeiter verlangt wird. Hierauf beriet der Kongreß die Frage der A l t c r s v e r s o r g n n g.
Das Warschauer Kriegsgericht fällte wiederum 7 Todesurteile. _ i \ !' |
Einzug Muleh Hafids in Fez. Aus Fez wird vom 8. Juni über den Einzug Mittel) Hafids gemeldet: Gestern erging durch Ausrufer die Anordnung, die Läden zu schließen und -zu Ehren Muley HafibS zu flaggen. Soldaten bildeten Spalier. Muley Hafid zog mit feiner Begleitung, die nicht zahlreich war, ein und besuchte zunächst das Heiligtum Mittel) Jdriß. Einem Gerüchte zufolge hätte Muley Hafid vier in Manchester ansässige marorkaniiche Kaufleute beauftragt, in London für feine Anerkennung zu wirken.
Ans der amerikanischen Flotte. Daily Telegraph meldet aus Newyork, daß mehr als tausend Mattofen von der amerikanischen Flotte feit der Ankunft in San Francisko desertiert seien. Tie Matrosen wurden in San Francisko so glänzend aufgenommen, daß sie seitdem mit dem Leben an Bord unzufrieden waren.
Zu den amerikanischen Präsidentenwahlen. Nach einer^ Meldung der „Sun" aus Chikago verfügt Taft bereits über die Stimmen von 491 delegierten des Nationalkonvents, so daß feine Ausstellung als Präsidentschaftskandidat gesichert ist.
Aus Stadt rind Caßtfco
Gießen, 12. Juni 1908.
Ratschläge für Schulkinder gegen die Gefahren der Straße
hat das städtische Schulamt zu Dresden herausgegeben. Sie lauten: 1. Trittst du aus dem Hause, so bleibbe erst einen Augenblick auf dem Fußwege stehen und sieh nach rechts und links, ehe du die Fahrbahn überschreitest. 2. Ueberschreite die Fahrstraße rechtwinklig und auf dem kürzesten Wege, nicht in schräger Linie. 3. Ueberschreite die Fahrbahn in raschen, aber nicht in hastigen Schritten. 4. Ueberschreite die Fahrstraße nicht kurz vor oder hinter Straßenbahnwagen, Automobilen oder anderen Fahrzeugen. 5. Breite verkehrsreiche Straßen überschreite nur an Straßenkreuzungen. 6. Führe auf der Fahrstraße keine Gespräche. 7. Bemerkst du während des Ueberschreitens einer Fahrstraße ohne Straßenbahnen ein plötzlich herankommendes Automobil oder anderes Fahrzeug, so bleibe in der Mitte stehen, springe aber nicht zurück. 8. Laufe nie abfahrenden Straßenbahnwagen nach: es kommt ja bald ein anderer. (Nicht überall die Red.) 9. Unterlasse das Auf- und Abspringen während der Fahrt. 10. Halte dich beim Aufsteigen und Absteigen mit der linken Hand am linken Griff an und sieh vorwärts. 11. Betritt nach dem Absteigen sofort den Fußweg und gehe erst über die Straße, wenn du beide Geleise überblicken kannst. 12. Berühre nicht herabhängende Leitungsdrähte. 13. Hörst du hinter dir die Glocke eines Radfahrers, so springe nicht nach rechts oder links, sondern gehe in gerader Richtung weiter. 14. Weiche stets nach rechts aus. 15. Halte dich nie an einen Wagen an. 16. Halte dich nie hinter oder neben Wagen her. 17. Tritt nie zu nahe an Zugtiere heran. Necke oder berühre sie nie. — Die Beachtung dieser Ratschläge ist auch Erwachsenen sehr zu empfehlen.
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* * Das Großherzogspaar in Ob er Hessen. Heute vormittag fuhren die Großherzoglichen Herrschaften int Autpmotzzl .Von S^gilftobi ab, um sich nStz L^K zu he
geben. Hier gedenken sie einige Tage im Kreise ihrer fürstlichen Anverwandten zu verweilen.
" Abonnements-Konzerte. Im Anzeigenteil dec heutigen Nummer ist die Einladung unserer Regiments- Kapelle zu ihren Abonnements - Konzerten veröffentlicht. Wie in früheren Jahren, finden diese beliebten Musikabende im Garten des Steinschen Saalbaues statt. Es sei noch bemerkt, daß die Bewirtschaftung nunmehr wieder vom Restaurateur Stein geleitet wird.
* • Im Kolosseum entfesselt gegenwärtig allabendlich das Burlesken-Ensemble Blatzheim große Heiterkeitsstürme. Die beiden zurzeit auf dem Spielplan stehenden Burlesken „2x2 — 4" und „Zassa" enthalten eine Menge derbkomischer Pointen. Auch das übrige Programm ist recht gut.
* * Zirkus Schuman u. Wie uns mitgeteilt wird, trifft der weltbekannte Zirkus Schumann am 19. Juni von Koblenz mit seinem Extrazug hier ein, um ein 6tägiges Gastspiel zu Gießen auf dem Oswalds Garten zu absolvieren. Die Eröffnungsvorstellung findet Samstag, 20. Juni, abends 814 Uhr statt. Den Zirkus Schumann wird wohl ein jeder kennen, er ist kein Reklameunternehmen, was man dort zu sehen bekommt, ist erstklassig. Ter Mar- stall besteht aus 120 edlen Rassepferden, die aus den hervorragendsten Gestüten Deutschlands, Rußlands usw. stammen.
** Unfall. Gestern nachmittag stürzte ein Radfahrer in der Frankfurter Straße so unglücklich über einen Hund, daß er am rechten Knie und Händen verletzt wurde und sich sofort in die Klinik begeben mußte.
— Ruttershausen, 12. Juni. Gestern fand hier Bürgermeisterwahl statt. Von 97 Wahlberechtigten machten 71 von ihrem Wahlrecht Gebrauch und sie wählten sämtlich den seitherigen Bürgermeister Friedr. Klinkel I., der damit zum drittenmale zum Oberhaupt unserer Gemeinde gewählt wurde.
= Friedberg, 10. Juni. Von den 19 in unserem Kreis bestehenden israelitischen Religions-Gemeinden erhebt zur Deckung ihrer Gemeindebedürfnisse die zu Griedel nahezu 100 Prozent Zuschlag zu den doppelten Grundzahlen und an ganzen Einkommensteuerbeträgen, nämlich 98,354 Proz., während die in Kirch-Göns überhaupt keine Steuer erhebt. Die übrigen bewegen sich zwischen diesen beiden Extremen. Friedberg selbst erhebt 6700 Mk. oder 25,454 Proz. Insgesamt bringen die Israeliten des Kreises 16 727 Mark Steuern zur Bestreitung ihrer religiösen Bedürfnisse auf.
() Mücke, 10. Juni. Jug end feste sind auf dem Lande etwas seltenes, wenigstens viel seltener als in der Stadt. Weil sie abweichen von den gewöhnlichen Festen, an denen kein Mangel herrscht, bringt man ihnen viel mehr Sympathie entgegen. Deshalb vermißt man den mehrjährigen Ausfall des früheren hier beliebten Jugendfestes in der ganzen Umgegend mit Bedauern und um deswillen bringt man dem Wiederauferstehen des hiesigen Jugend- festes großes Interesse entgegen. Die Führung des Festes liegt vor allem in bewährten Händen, so daß fein Gelingen bei günstigem Wetter außer allem Zweifel liegt.
P. Schlitz, 11. Juni. Am 23. Mai verhaftete der hiesige Genbarmeriewachtmeister Ohl im Dorfe Niederstoll einen Landstreicher, der angab, Gustav Borner zu" heißen; sein ©eburtSorf sei Bordeaux. Der Mann war am ganzen Körper tätowiert, sprach drei ober vier Sprachen geläufig und alle Anzeichen wiesen darauf hin, daß er nicht der sei, für den er sich ausgab. An Hand des Signalements eines Steckbriefes wurde er, nachdem eine Photographie an seinen Truppenteil gesandt worden, als Deserteur des 79. Infanterie-Regiments 9. Komp, in Hildesheim erkannt und am 3. Pfingsttage durch einen Sergeanten und einen Musketier wieder seinem Truppenteile zugeführt. Sein richtiger Name ist Piasecki, geboren 1882 zu Pudewitz, Posen; er soll ein ganz gefährlicher Bursche sein und hat schon 5 Jahre bei der Fremdenlegion gedient.
Darmstadt, 11. Juni. Im „Konkordiasaale" fand am Dienstag die Delegiertenversammlung des Kathol. Lehrer Vereins im Großherzogtum Hessen statt. Bon den zur Beratung gestellten Anträgen dürften besonders folgende von allgemeinem Interesse sein: 1. Der Vorstand des Kathol. Lehrervereins möge dahin wirken, daß die ungerechtfertigten Versäumnisse b er Fortbildungsschule mit je 50 Pfg. im ersten Falle und mit 1 Mk. im Wiederholungsfälle bestraft werden (bisher 20 resp. 40 Pfg.). 2. An den Vorstand des Kathol. Lehrervereins soll das dringende Ersuchen gerichtet werden, für die Verleihung des passiven Wahlrechts an die Lehrer mit allen Kräften zu wirken. 3. Die Einreihung der Lehrer in das Beamtenbesol- dungsgesetz soll fortwährend im Auge behalten und für sie gewirkt werden. Einige weitere Anträge bezwecken die Pensionierimgsverhältnisse und die Gewährung von Umzugskosten der Lehrer und Schulverwalter. Alle Anträge wurden einstimmig angenommen.
sd. Michelstadt, 10. Juni. Die Beisetzun g des Grafen Arthur zu Erbach-Erbach in der Familiengruft des Gräfl. Gesamthaufes in der hiesigen Stadtkirche vollzog sich heute nachmittag unter sehr zahlreicher Teilnahme von nah und fern bei günstiger Witterung, nachdem am Mittwoch abend die Ueberführnng der Leiche vom Trauerhause nach der Eginhardtkapelle im Gräfl. Schlosse und die Aufbahrung daselbst stattgefunden hatte. Von Verwandten, Standesherren usw. hatten sich u. a. eingefunden der regierende Graf Adalbert zu Erbach-Erbach, Leutnant v. Schröder als Vertreter des Großherzogs, die drei Söhne des Verstorbenen, der Schwager Fürst zu Bentheim-Tecklen- bnrg-Rheda, sowie dessen Bruder Karl, beide in Husaren- uniform, der Fürst zu Erbach-Schönberg und der Graf zu Erbach-Fürstenau, der Fürst zu Sayn-Wittgenstein-Berle- burg, Freiherr von Heyl zu Herrnsheim, sowie Vertreter des Fürsten zu Sein in gen und des Fürsten zu Löwenstein-Wert- heim-Rosenberg, eine Deputation des Garde-Drag.-Regts. Nr. 23, sowie die Kapelle des Regiments. Der Sarg wurde von Hofhandwerkern ans der Kapelle durch den Rittersaal auf die Freitreppe getragen, dort wurde er von dem Stadtvorstand auf den Leichenwagen getragen. Der Kondukt setzte sich dann in Bewegung auf der Straße nach Michelstadt. Voran ein Trauermarschall, Bürgermeister und Gc- meinderat, Schuljugend, Gesangvereine, Kriegervereine, Trauermusik, Feuerwehr, Turn- und Radfahrvereine, Geistlichkeit, Dienerschaft, der sechsspännige Leichenwagen, die Witwe und die Kinder des Verstorbenen, der Senior des Gesamthaufes, die Anverwandten und Deputationen, Beamten usw. An Der Stockheimer Brücke traten die Michelstadter und Stockheimer Schuljugend, sowie der Kirchen- unb Stadtvorstand und die Geistlichkeit in den Zug ein. Bei der Beisetzung in. der Stadtkirme amtierten Piarrer


