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12.6.1908 Erstes Blatt
 
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Nr. 136

Der Siebener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntag». Beilagen: viermal wöchentlich SletzenerLamillenblStter; Jweimal wöchentl.likeiL' ilatt für öen Kreil Gieren (Dienstag und Freitag); zweimal monatL Land» wirtschafUiche Seitfragen Fernsorech - Anschlüsse r füt bte Redaktion 112, Verlag u. Expedition 61 ttbrehe Mr Depeschenr «nzetger Gießen.

Aimadme von Anzeigen jür die Tagesnummer M* vormittags 10 Uhr.

Erstes Blatt . 158. Jahrgang

Freitag 18. Juni 1608

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

Rotationsdruck und Verlag der vrühl'schen Univ.-Vuch- und Zteindruckeret. R. Lange. Redattion, Expedition und Druckerei: Zchulstratze 7.

vezugSprets: monatlich?» Pf.,viertel­jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post Mk. 2. oiertel- jährl. ankschl. Bestellg. ZeilenpreiS: lotet 15Pf^ onSiDärt» 20 Pfennig.

Verantwortlich Mr den politischen Teil: E. Anderson: f. Feuille­ton und .Vermischtes* P. Witiko; für .Stadt u. Land* undGonchts- saal": E. Heß; für den Anzeigenteil: H. Beck.

und dem Staatssekretär Harbinge stattgefunden haben, ist festgestellt worden, daß diese Uehereinkommen den glück­lichsten Einfluß auf die friedliche Entwickelung der ver­schiedenen Fragen hatten, die in diesen Verträgen behandelt worden sind. Eine vollkommene Ue herein stim- mung der Ansichten herrschte auch nach wie vor zwischen Rußland und England inbetreff der Lage in .Persien, Afghanistan und hinsichtlich jener Vorfälle,'die jüngst einerseits an der indisch-afghanischen, anderseits an der r u s s i s ch - p e r s i s ch e n Grenze sich ereignet haben. Diese Vorfälle können daher leinen An la/; bilden 511 irgend­welchen Mißverständnissen zwischen den beiden ReLierunZen.

Mas Kerfien anbelangt, sind die Regierungen'von Rußland und England nach wie vor fest entschlossen, die Integrität und Unabhängigkeit dieses Lan­de s zu wahren.

Tic Besprechungen, die seit einiger Zeit zwischen den beiden Regierungen hinsichtlich der La^c in Makedonien gepflogen iourden, sind, wie man unnehmen ka.nn, auf dem Punkte, zu einer vollkommenen U ebere 1 n st im­mun g zu gelangen und es erübrigt nur noch, diesen'eine feste Form zu geben. Man hofft, daß diese Uebereinstim- mung als Grundlage dienen wird für eine allgemeine E n t e n t e der an dem mazedonischenReform werke beteiligten Mächte.

Iswolski und H a r d i n g e konnten sich außerdem überzeugen von dem beiderseitigen Wunsche Rußlands und Englands, die besten Beziehungen mit allen an­deren Mächten aufrechtzuerhalten und keinen Anlaß zur Beunruhigung über das von ihnen verfolgte Ziel zu bieten. Dies gilt sowohl für die speziell zwischen den beiden Ländern geschlossenen Uebereinkommen, als auch für ihre allgemeine Politik und könne daher nicht verfehlen, zur Erhaltung und Befestigung des Friedens beizutragen.

Ter Spezialberich ter statter desMatin" in Reval will wissen, daß zwischen den beiden Souveränen und ihren Ministern wohl alle schwebenden internatio­nalen Fragen sowie die inneren Angelegenheiten Ruß­lands ins Gespräch gezogen wurden, daß aber k e i n n e u e s Projekt vereinbart, noch irgend eine Abmachung getroffen wurde. Bezüglich des Gegenbesuchs des Zaren­paares in Sandringham fer noch nichts entschieden. Daily Mail" glaubt mitteileit zu können, daß der Besuch des. Zaren rt England im Rove' .*m* '.'zcmber d. I. erfolgen wird.

Der Lchrermaugei nach seinen Ursachen und Wirkungen.

lieber dieses aktuelle Thema sprach Generalsekretär Tews aus Berlin auf dem 'Deutschen Lehrertage in Dortmund.

Tews führte aus: Tie Volksschule ist vielfach gewisser­maßen nach den Grundsätzen des Arnlenetats eingerichtet. Mil- lioncn von Kindern genießen einen völlig unzulänglichen, dürftigen Unterricht. Wir sind an diese Tatsachen leider von altersher gewöhnt, so daß selbst ein Kaisevrvort t.70 Kinder zu unterrichten ist eine Menschenquälerei!") die Unterrichtsverwaltungcn nicht

aufgerüttelt hat. In Preußen standen Derr von Mühler, Herr v. Puttkamer und Herr v. Studt, der zwar den klugen HanS in seinem Lehrstallc besuchte, aber nie eine Berliner Gemeind:- schule von innen angesehen hat, auf der anderen Seite. Auch sonst identifizierten sich die Unterrichtsverwaltungcn vielfach mit der allgemeinen Staatsverwaltung, und Unterrichtsbeamte, die zu sehr den Fachmann herauskchreu, werden wohl kalt gestellt. Was ist Lehrermangel? Nach der Auffassung der all­gemeinen Staatsverwaltung besteht Lehrermangel nur insoweit, als ordnungsmäßig eingerichtete Stellen unbesetzt sind. In Preußen waren 1906 von 101051 Lehrerstelten 3077 verwaist. Untcr- richtstechnisch versteht inart unter dem Lehrermangel jede un­zulängliche Versorgung der Schule mit Lehrkräften. Die preu­ßische Volksschule hatte 1906 für 6 164 398 Kindcv nur 97 974 Lehrkräfte, also für je 63 Kinder eine Lehrkraft. Die Kinder waren auf 115 902 Klassen verteilt, so daß 18 000 Klassen ohne Lehrer blieben. Und trotzdem waren 18 387 Klassen mit 1029 889 Kindern überfüllt, d. h. mit mehr als 70, 80 und bis zu 150 Kindern besetzt. In den anderen deutschen Staaten steht es zumteil besser, zumtcil noch schlimmer. Lehrerüberfluß ist Aus­nahme, Lehrermangel die Regel. Nicht der zeitweilige Mangel an Lehrkräften, sondern der chronische Lehrermangel, der durch Jahrzehnte, ja durch Menschenalter hindurch geht, ist das Bedenkliche. Preußen leidet seit der Mitte der 80 er Jahre an Lehrermangel. 1886 fehlten 460, 1907 3233 Lehrer. Der Lehrermangel ist auf dem Lande erheblich stärker, als in den Städten, in den Ostprovinzen erheblicher als in den Westprovinzen. Gegenüber der Bel-auptung derKveuzzeitung", .daß der Lehrer­mangel bereits gehoben sei, führt der Referent nach einer Statistik derPreußischen Lehrcrzeitung" zahlreiche Fälle außergewöhnlich starten Lehrermangels an. Im ganzen deutschen Reiche dürften 4500 bis 5000 Lehrerstellen unbesetzt sein. (Hört! Hört!) Am günstigsten stebt Schleswig-Holstein mit 51 mindern auf den Kvps d.'s Lehrers. Aber auch hier loerden noch 15 818 Kinder in stark überfüllten Klassen unterrichtet. Bayern hat etwas mehr Lehrer als Klassen, Sachsen dagegen für 18 079 Klassen nur 11896 Lehrer, also 6183 überzählige Klassen. In Badea fehlen 943, in Württemberg 1283 Lehrer. Wenn der von dem preu­ßische Kultusminister vertretene Grundsatz, daß keine Klasse mehr ms3 45 Kinder und jede Klasse einen Lehrer haben sollte, durch- aeführt würde, würden int Deutschen Reiche 77000, in Preußen 53 000 Lehrcrstellcn mehr eingerichtet werden müssen. Bei derselben unterrichtlichen Versorgung würben in Bayern 7500, in Württemberg 2400, in Sachsen 8700, in Baden 2900, i ir Hessen 1400 Leh v-e pst eilen mehr erforderlich sein. Die Zahl der Lehrer müßte im Durchschnitt um die Hälfte vermehrt werden. Dabei entsprechen die tatsächlichen Ver­hältnisse ungefähr den gesetzlichen Lestinrmungen. Diese zu ändern, »ft nntinär^. Im Auo < aa - - : v i c Y /bei L e h .» j durchweg verhältnismäßig große i. In Frankreich hat keine Schulklasse über 50 Sitze. Däuemar^veriaugt für je 35, Norwegen für je 40 Kinder eine Lehrkraft. Selbst in Italien sock die Kiuderzahl einer Klasse nicht über 70 hiuausgehea. Anstatt- der tehlenden Lehrkräfte müßten die Unterrichtsv-rioaltungen bei: der Eigenart des Schulwesens über eine entsprechende große päda­gogische Reservearmee verfügen. Was ist zur Abhilfe des Lehrermangels geschehen? Im Deutschen Reiche er­höhte sich die Zahl der VolkSschulkindcr von 1901 bis 1906 unt 813 000. Tie Zahl der Lehrkräfte wurde um 20 000 erhöht. Das Unzulängliche dcr deutschen Vollssämlen ergibt sich durch eine Vergleichung mir den höheren und mittleren Lehranstalten. Tie W-crcn Lehranstalten haben auf je 18 Schüler einen Lehrer. Tie Mittelschulen haben für 34, die höheren Mädchenschulen für

Die heutige Nummer umfaßt 12 Seiten.

Nach oer Zusammenkunft in Reval.

Einer Meldung des Neuterschen Bureaus aus Reval zufolge gestalteten sich die letzten Stunden der Monarchen- cntrevue zu einem glänzenden Abschluß der Zu­sammenkunft. Nach einem Bankett, das auf der brit. KönigsjachtVictoria and Albert" stattfand, versammelten sich die Kaiserlichen und Königlichen Herrschaften, sowie die Minister und die anderen Gäste auf dem Hauptdeck. Ter Kaiser von Rußland trug die Uniform seines englischen Kavallerie-Regiments, der König von England die der Kiewer Dragoner. Aus der Stadt waren wieder zwei Dampfer mit Sängern gekommen, die eine Serenade darbrachten. Als die englische Hymne gesungen mürbe, und der König und die Königin sich dankend verbeugten, wurden sie mit begeisterten Zurufen begrüßt; als die russische Hymne er­tönte, traten der Kaiser und die Kaiserin hinzu und die ganze Gruppe lauschte einige Minuten den Sängern. Tann hatte König Eduard eine längere Unterredung mit dem Ministerpräsidenten Stolypin. Schließlich gab es Tanz, dem sich die Gäste bis nach Mitternacht Hin­gaben. Am nächsten Morgen in aller Frühe reisten, wie bereits gemeldet, die englischen Gäste ab.

Nun bemühen sich die Offiziösen die Revaler SNonarchen- bcgegnung als harmlos hinzustellen. Selbst dieNordd. Allg. Ztg." tut es. Nach der Meinung des offiziösen Organs des deutschen Reichskanzlers seien die Revaler Trinksprüche gekennzeichnet durch den Ausdruck warmer Zuneigung, den beide Monarchen in ihre Wvrtc legten. Politisch bemer­kenswert erschienen die nachdrücklichen Hinweise aus die Bedeutung, dir das innerasiatische Abkommen für die Annäherung der beiden Lander gewonnen und nach den Worten des Königs noch für die Regelung einiger wichtiger Fragen gewinnen soll. Vielleicht ist hierin eine Hindeutung aus den bevorstehenden Abschluß der englisch-russischen Ver­handlungen über neue Reform vor sch läge fürMaze- dvnicn, sowie auf die Aufgaben zu erblicken, die der russischen und der englischen Tiplomatie in der Ausgleichung der Schwierigkeiten der gegenwärtigen Lage in Persien gestellt sind. Bor allem stellten beide Monarchen in ihren Trinksprüchen als gemeinsames Ziel die Aufrechterhaltung des Weltfriedens hin. Der aufrichtige Ton

in den Reden der beiden .Herrscher stimmt mit den Gesin­nungen überein, die im ernsten Teil der englischen und russischen Presse gegenüber von Versuchen zum Ausdruck kamen, der Revaler Zusammenkunft eine unfreundliche Spitze gegen Deutschland zu geben.

Tic offiziöse St. Petersburger Telegraphen-Agentur schreibt aus Reval: Tie Zusammenkunft der Herrscher Ruß­lands und Englands in Reval hatte den Zweck, die freund­schaftlichen Beziehungen der beiden Regierungen, die durch Verträge während des letzten Jahres eingeleitet worden sind, zu kräftigen und zu festigen. Im Laufe der Unterredungen, die bei diesem Anlaß zwischen dem Minister Jswols-ki

Aus dem Sißtiifutter Runstlcben.

Es ist in den letzten Jahren wiederholt, und -leider nicht ganz ohne Berechtigung, die Rede gewesen von Frank­furts Niedergang als Kunststadt. Bor Jahr und Tag klagte an dieser Stelle ein Frankfurter Kunstkritiker darüber in beweglichen Tönen unter Anführung eines geradezu er­drückenden Beweismaterials. Er zog dabei alle Gebiete der Kunst in Betracht, insonderheit Musik, Poesie, Malerei und Schauspielkunst, beklagte den Weggang Hauscggers und Heermanns, Fuldas und Presbers, Thomas und Trübners, der Triesch und der Lange n. v. a. von Frankfurt und daß an deren Stelle fast nur mindere Elemente oder überhaupt niemand getreten sei. Er führte auch einige mehr oder weniger einleuchtende und zutreffende Gründe dafür an, ohne indes den schwertviegendsten hervorzuheben: das Vor­herrschen, das Uebergewicyt materialistischer Lebensanschau­ung prägnanter ausgedrückt: des Kapitals des Geldsacks. Der industrielle Materialist ist nie ein Freund des Schönen um seiner selbst willen, sondern nur des Zweckvollen, des profan Tendenzvollen, des seiner Vernunft gemäß praktisch unmittelbar Verwertbaren. Wo aber eine solche Lebens­auffassung die dominierende ist, da wird sich zumeist eine materialistische Kunstgier nach prunkvoll überladenen Werken übler Unkunst, nach protzigen Effekten,sozusagen nach höheren Schaubudeneffekten breit machen, dic darauf ausgeht, das in allen Farben und Formen stillos schillernde Prunkheim zu einer besseren Schaubude zu gestalten. Eine solche Gier aber wird stets unbedingt zerrüttend auf-jede künstlerische Moral wirken. Man versteht darum, daß sich selbst treu bleiben wollende echte Künstler nach oft jahrelangen Mühen den Staub Frankfurts von ihren Füßen schüttelten und eine neue Heimat in der Ferne suchten.

Trotzdem aber ist Frankfurt keineswegs tuustarm. Im Gegenteil. Fortwährend fördert eS neue begabte Kunst- jünger zutage. Wurde dorr doch erst vor wenigen Monden ein so ungewöhnlich großes, freilich gleich ein wenig über Gebühr gelobtes Talent wie der Maler Bohle, ein Künst­ler von großer, echt deutscher Tiefe und schlichter Innigkeit, entdeckt, dessen von der Stadt Frankfurt angefaufte Werke sich auch jeder kunstfrohe Gießener im Städelschen Institut gründlich betrachten sollte: und auf dic vortreffliche Por­trätmalerin Ottilie Räderst ein (die der Kunstreferent der Köln. Ztg. dieser Tage zu einer Schwetzertn irrtüm­lich machte), auf den alten Steinhaufen, den tief reli­giösen großzügigen Figurcnmaler, auf Bühnenkünstler wie Bauer und Bolz, auf Sänger wie F o r ch h a m m e r und die Dönges Frankfurt mit Recht stolz fein.

Im Frankfurter K u u v e r e t u S l; a u f c an der J.ntg- hofstraße Yak Z. L r. q e 2 iij m töt, eine talenwolle Bildhauerin, eine kleine Ausheilung ihrer letzten vte veranstaltet, und man wird fortan die Künstlerin nicht

nur als Plastikerin, sondern auch als Malerin zu schätzen haben. Ja, ich für meinen Teil möchte fast ihren Porträts den Vorzug vor ihren Plastiken geben. Diese Bildnisse sind Werke bester Impressionistik, von köstlicher persönlicher Frische und gleichzeitig koloristisch sehr fein empfunden. Von hohem Interesse ist namentlich bas. Porträt eines jungen Mannes in legerem weißleuchtendem Hausrock, ein farbenreizvolles lebenskräftiges Charakterbild ersten Ranges. Recht tüchtig sind daneben auch in ihrer schlichten Aufrichtig­keit die anderen, kleineren Bildnisse. Von ihren plastischen Sachen ist das augenfälligste ein Grabmal, ein ernstes Werk, das in feinen beiden schön modellierten Gestalten hohen Frieden und verklärte Ruhe im Beschauer erweckt. Reizend ist ein liebliches kleines Mädchenköpfchen, von holder Anmut und Jugendfrohfinn.

Karl v. Ber trab in Kronberg verkündet nicht nur die Schönheit der Frankfurt benachbarten Berge und Täler, sondern viel mehr noch ist er ein trefflicher Menschen- schilderer, ein ausgezeichneter Charakteristiker, ein Maler des lebenden Momentes, des menschlichen Gegenwartsein- und Ausdruckes. Peter Beyer zeigt auf großer Lein­wand in leuchtendem Kolorit eine Schar munter badender Buben. Selbstsicheres großes Können verkündet seine grau­sam blickende blaue Salome; was aber diesem Merke fehlt, das ist jene Eigenschaft, für welche die Worte rassig, sinn­lich-brutal die bezeichnendsten sind. Margarete Storm erinnert in ihrem GemäldeVor der Kommunion" ein wenig an Dagnan-Bouveret; ein feinsarbiges, schlichtes, sinniges Bild von zarter Sentimentalität und milder An­dacht, auf dem nur der Schleier des Mädchens zu schwer, zu stofflich geraten ist. Eine vorzügliche Blumennialerin m Gouache und Aquarell ist M. Luoolf, ein beachtens­werter Landschafter Robert Hofsmannusw. ufw. Die vielen niedlichen kleinen Spitzwegs an dieser Stelle, die des Alten köstlichen §unwr fo retzvoll erweisen, können uns heute freilich nichts Neues mehr sagen.

Immerhin lehrt auch diese Ausstellung, daß das Frank­furter Kuiistleben in fröhlicher Auferstehung begriffen ist, daß auch in Frankfurt die freie Kunst achtbare Fortschritte macht. Doch von der Stadt der immensesten deutschen Ver­mögen darf man Ungewöhnliches auch auf dem Gebiete der Kunst verlangen. Erst wenn der Frankfurter Patrizier zu der Hohe gelangt sein wird, seine Behaglichkeitsbedürfnisse in schonen, stilvollen Formen sich entfalten zu lassen, wenn er zu wayrhafi königlicher Bürgerlichkeit gelangt fein wird, dann wird die Frankfurter Kunst in der Welt von sich reden machen. P. W.

E i n bayrisches V 21 k s t r a ch t e n i e st. Der Himmel ivar bem OjcDuiucn, am der M ün chenet Ausstellung

1908 an Den Pfingsttagen Die oöerbayrljchen Volkstrachten zu zeigen, nicht gerade gnädig. Sie waren aber alle da die Bewohner vom

Salzburger und Berchtesgadener Land, die Scblierseer, AtieLbacher, Tegernseer, die Allgäuer und andere. lliibefaimte Völker­schaften waren auch daruuter. In einem großen Trachteuzuge be­wegten sich sesehe Wiabln und lustige Bua am Nachmittage zum Ausstetlungsgeläude hinaus; dort begann auf dem Festptatz, auf einem erhöhten Podium, der Tauz, der Gelegenheit bot, sämtliche Variationen des Schuhplattlers keimen zu lernen; Massenplattler Steirer Figurenlanz, Haushammertanz, Wachsensioanatanz und so geht es weiter bis zur Zahl 69. Daun eriolgtc die Verteilung der Ehrenfahnen, Fahnenbander nnd Tiploine. Besonders empfehlens­wert zur Einführung im Salon dürfte ein Tanz sein, bei,dem em Ritter drei Damen gleichzeitig bewegt. Welch eine Aussicht böte das für Manerbtümchen und wohlbeleibte Gegiier des Tanzes! Am Schluß erhalt jede der Schonen von bem mutigen Tänzer einen herzhaften Kuß, ben bic Aochkultur bes Parketts allerbings wohl streichen ober hinter bie ^ene verlegen mußte.

Kleine Chronik aus Kiiilst unb Wissenschaft. Die Primabonna des Frankfurter Opernhauses, Kammersängerin^ Paula Doenges, nntrbe von bem Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha durch Verleihen der goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaft, am grünen Bande zu tragen, ausgezeichnet. Der Verband des Vereins dentschec Chemiker verlieh die goldene Liebig- denkmünze dem Dr. Otto Sckönherr zu Christianssand. Schönherr ist der Erfinder des Verfahrens zur Verwertung des Luilstickstoffs, einer der wichtigen Fortschritte [moberner chemischer Forschung. Mit bem von ben Siabtverorbneten zu Mainz beschlosseneii Umbau bes borligen T Heaters wirb wahrschein­lich nud) eine Erhöhung ber Eintrittspreise von 15 Prozent ver- bunbcii werden, was bet der durchschnittlichen Jahreseinnahme von 245 000 Mt. ausreicht zur Verzinsung und Amortisation. In der Debatte wnrde ansgeführt, daß keine Spielzeit vergehe, ohne daß auf der Bühne mehrere Brände entstehen; vor fünf Jahren seien es sogar 64 kleinere Brände in einer Saison gewesen.Aus £Dl ti n ch en wird gemeldet: Tie Verhandlungen des neuen hiesigen Konzertvereins mit dem Allgemeinen Deutschen Musikerverband sind gescheitert, da das Präsidium des Verbandes in Berlin das Entgegenkommen des Konzerlverems München beni Tonkünstler- Orchester gegenüber als ungenügend erachtet. Damit ist bie Einigung zwischen Hosral Dr. Raim unb ben Mitgltebem bes früheren Kaimorcheslers rcieber verzögert ober überhaupt unmög­lich geworben unb bie Sperre bes Allgemeinen Deutschen Musiker- verbanbes über Dr. Kaim bleibt bestehen. JnK 0 n stanz sinbet zur Zeit ber Vertretertag bes Allgemeinen Deutschen Schulverems statt. In den Hauptvorstanb würben u. a. neu gewählt: Staaks- mmifter 5. D. Heutig, Wirkt. Geh. CbcrregterungSrat Dr. v. b. Leyen. Professor Dr. Schwatlo, Professor Dr. Hoeniger. AtS Ört für ben Vertretertag im Jahre 1909 würbe Berlin gewählt. Dem Lorsdstag bes Hatiptvorflanbes gemäß würbe mit großer Mehrheit beschlossen, daß ber Name bes Vereins abgeänbert wirb nnb m Zukunft lautet.-Verein für b a S D e u l f ch t u m i m, Auslände (Allgemeiner Deutscher ^chulverein)". Ttesgeyenbe Verstimmungen zwischen bem Herzog von Sachsen -Coburg- Gotha unb bem bisherigen Hoflheaterinlenbanten Kammerherm v. E b a i r haben bessen Rücktritt herbeigeführt. Das von bem betau' t BühnenjchriUsieller L' A r 1 0 11 g e hinterlassene Ver- ni ö ß e .. ivirb aus ca. v Millionen Mr. geschätzt, haupyachlich aus ben Tantiemen, bie er jahrelang aus feinen Theaterstücken bezog.