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12/02/1908 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

158. Jahrgang

Mittwoch 1Z. Februar L8S8

Nr. 36

Der Siebener Anzeiger erschein! täglich, außer Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich SiehenerZamilieublätter; zweimal wochentl.ltteis- blatt für den tireis Sieben (Dienstag und Freitag); zweimal monatl. Land­wirtschaftliche Seitfragen Fernsprech - Anschlüsse: für die Redaktion 112, Nerlag u. Expedition 51 Adresse für Depeschen:

Anzeiger Gieße«.

Bezugspreis: monatlich 75Ps.,viertek- jährlich Mk. 2.20; durch M Abhole- u. Zweigstellen inonatlich 65 Pf.; durch die Post Mt. 2.viertel- fahrt. ausschl. Bestellg. Zeilenprets: lokal 15Ps* auswärts 20 Pfennig.

Verantwortlich für den politischen Teil: E. Anderson; f. Feuille­ton und .Vermischtes" __ - - ,< - Bw - P. Wittko; für .Stadt

Annahme von Anzeigen 1 « ' » u. Land" undGerichts-

& Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schen Univ.-Vnch- und Steindruckerei. R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Zchulstraße 7. ®- ^e6>Jürmbe«

ui» Dormuiuy» iv uyr, u 1 * u Vlnzeigenteil: H. Beer.

Eichener Anzeig

General-Anzeiger für Oberheffen

Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.

Verwicklungen auf dem Balkan.

In den letzten Jahren war man es nicht mehr ge­wöhnt, in dem näheren Orient den politischen Hexen­kessel zu erblicken, der Wetterwinkel war weiter nach Morgen gerückt, nach Ostasien, wo es ja dann zu schweren Konflikten gekommen war. Jetzt aber bereiten sich feit einiger Zeit Dinge vor, die darauf hinderten, daß oer Balkan den Staatskanzleien wieder schwere Sorgen machen wird, da die Dinge sich leicht zuspitzen und zu einem folgenschweren Zerwürfnis führen könnten. Es wäre töricht, wenn man vor dem Ernst der Situation die Augen ver­schließen würde, denn fraglos sind Dinge im Werden, die zu einer Komplikation führen müssen. Den äußeren An­stoß hierzu hat fraglos die bekannte Rede des Barons Aehrenthal im Delegationsausschusse gegeben, in der er fiel) über die wirtschaftlichen Pläne -Oesterreich-Ungarns auf dem Balkan ausließ. Die Worte waren durchaus harm­los, aber, wie dies so oft der Fall ist, gewisse Stellen an der Newa, denen die erzwungene Untätigkeit Rußlands auf dem Balkan schon längst ein Dorn int Auge war, bemühten sich geflissentlich, in der Rede mehr hinein­zulesen, als heraus^ulesen war; erregte Artikel in der Presse folgten und so hat man fast über Nacht eine offen­sichtliche Verstimmung. Insgeheim mag diese vielleicht schon etwas länger bestanden haben, da tatsächlich das bekannte Mürzsleger Programm, worin sich Rußland mit Oesterreich hinsichtlich des Reformwerks in der Türkei geeinigt hatte, so ziemlich versagt hat. Die Reformen sind nicht vom Flecke gekommen, die Pforte leistete den­selben passiven Widerstand und weigert sich jetzt direkt, die Mandate für die europäischen Kommissare ohne Abände­rung ihrer Befugnisse zu erneuern. Dazu kommt, daß man an der Newa eifersüchtig auf Oe st erreich zu werden beginnt, in der Annahme, daß die Pforte Oester­reich begünstige, und man sagt den Oesterreichern nach, daß sie sich mit Hilfe ihres Eisenbahnprojekts in den Besitz von Saloniki setzen möchten. Anderseits wird den Russen vorgeworfen, daß sie jetzt ihre alten Absichten auf Konstantinopel gern verwirklichen möchten. Tatsache ist, daß sowohl seitens Rußlands wie der Türkei gewisse militärische Maßnahmen vorgenommen werden, die darauf hindeuten, daß man sich auf eventuelle Ver­wicklungen zwischen Rußland und der Türkei gefaßt macht. Nun wird zwar nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird, gleichwohl aber läßt sich nicht verhehlen, daß die Situa­tion ein bedenklicl)es Gesicht gewonnen hat. Jedenfalls ist der Gedanke nicht von der Hand zu weisen, daß gewisse Leute in Petersburg einen Krieg mit der Türkei sehr gern sehen würden, einmal in der Hoffnung, dadurch das im japanischen Kriege so schwer geschädigte militärische Ansehen wieder bcrzuftellen, dann aber vielleicht auch in der Meinung, dadurch der inneren Krisis eine andere Wendung zu geben. Die russisch-türkischen Diffe­renzen konnten erklärlicherweise nicht ohne Rückwirkung aus die Beziehungen zwischen Rußland und Oesterreich bleiben und Oesterreich würde zweifellos zu Maßnahmen gezwungen sein, seine Position auf dem Balkan für alle Fälle zu sichern. Daß es in einem solchen Falle Rußland gegenüber leine wohlwollende Neutralität beweisen konnte, liegt aus der Hand. Wenn auch heute und morgen die Flinten noch nicht losgehen werden, so muß man doch die weitere Entwicklung der Dinge mit größter Aufmer^ samkeit verfolgen, auch bei eims in Deutschland, an­gesichts unseres engen Bündnisses mit der Donaumonarchie.

politische Lage-schar».

Prinz Eitel Friedrich in Paris.

Prinz Eitel Friedrich machte am Montag früh in dem Automobil des Votschastsattachees Frank eine Spazierfahrt durch Paris und fuhr auf einem kleinen Umwege über die Place de la coneorde, die nie de Rivoli und die nie de la Paix nach dem Jnvalidendom, wo er von dem General Niox, dem Direktor des Museums, be­grüßt wurde. Der einen Zivilanzug tragende Prinz fiel bei seiner Ankunft im Hotel des Invalides nicht auf. Er ließ sich sofort zum Grabe Napoleons führen, wo er lange verweilte. Er besuchte dann die Kapelle und das Museum und nahm die Erklärungen des Generals Niox mit dank­barer Aufmerksamkeit entgegen. Der Prinz hat sich durch seine natürliche Frische und durch die rege Teilnahme, die er den großen Erinnerungen Frankreichs erwies, rasch Sympathien erworben. Um 11 Uhr verließ er den Jn­validendom und fuhr über die Champs Elysees nach dem Arc de Triomphe. Im Magasin du Louvre, wo der Prinz einige Minuten weilte, wurde er erkannt und von freundlich grüßenden Gruppen umgeben. Mehrere Blätter sprechen das Bedauern aus, daß der Prinz das Pariser Stadtbild vom Sacre coeur wegen des Frühnebels nicht voll genießen konnte; es sei schade, daß der sympathische Prinz von den Pariser Sehenswürdigkeiten nur eine geringe Anzahl zu besichtigen Zeit hatte.

*

Staat und Kirche in Bayern.

München, 1L Febr. Im bayerischen Landtag kam es gestern bei Beratung des Kultusetats zu heftigen An­griffen seitens des liberalen Führers Dr. Casselmann gegen den Vollzug der päpstlichen Enzyklika. Casselmanu erklärte die kurialen Anweisungen zum Vollzug geradezu als eine Maßregel, die Denunzianten, Pharisäer und Heuchler zu erziehen geeignet sei und zur traurigsten Erscheinung führen könne, nämlich zur Angeberei der Stu­denten gegen ihre Professoren. Der Redner richtete die ausdrückliche Drähnung an den Minister, alles aufzubieten, um einem solchen undeutschen Wesen ein Ziel zu setzen. Er verlangt vom Kultusminister den bestimmtesten Auf­schluß. Kultusminister Dr. Wehner besprach hierauf ein­gehend die Frage desPlace t". DasPlacetum regium" sei in der Verfassung begründet. Keine Regierung könne es außer acht lassen. Das Placetum habe bezüglich der Verkündigung der kirchlichen Erlasse keine praktische Be­deutung mehr, wohl aber bezüglich des Vollzuges kirch­licher Anordnungen. Der Staat)se prüfen, welchen An­ordnungen er seinen weltlichen Arm leihen wolle. Die Erteilung des Placet beseitige die Hindernisse für den Vollzug. Die Enzyklika pascendi habe nicht verweigert werden können, da die Enzyklika sich vollständig inner­halb des Wirkungskreises der kirchlichen Lehre und Gesetz­gebungsgewalt bewege. Mit der Verweigerung des Placet wäre die Kirche in ihrem inneren Wirkungskreise ge­hemmt gewesen. Der Minister sprach ferner über die Frei­heit der Universitätslehrer und hob dabei hervor, die Theologieprofessoren seien nicht bloß Diener des Staates, sondern auch der Kirche, die theologischen Fakultäten seien konfessionelle Anstalten. Die Theologieprofessoren seien an dogmatische Grundlagen gebunden. Ein Urteil darüber, ob sie die richtigen Lehren tior-

tragen, könne nicht der Staat, sondern nur die Kirche fällen. Der Theologieprofessor als Hochschullehrer sei der staatlichen Disziplin unterworfen; nur der Staat könne gegen ihn vorgehen. Wegen des Falles Schnitzer sei der Nun­tius nicht bei ihm gewesen. Wie sich der Fall weiter entwickeln werde, könne er noch nicht sagen. Wenn ein staatliches Eingreifen notwendig werden sollte, werde streng nach Gesetz und Verfassung verfahren werden. Professor Schni tzer hat übrigens am Montag vor überfülltem Auditorium seine pädagogischen Vorlesungen fortgesetzt. Er war hierbei wieder Gegenstand leta Hafter Huldigungen seitens der Studenten.

KarlamenLarisches.

Berlin, 11. Febr. In der Budget ko mm iss io n des Reichstages erklärte bei der Beratung des Etats deSaus- wärtigen Amtes Staatssekretär von Scho en auf eine An­frage des Abgeordneten Crzbergers wegen der marokkanischen An­gelegenheiten, cs sei ihm nicht erinnerlich, daß der Reichskanzler ein Weißbuch gerade über Marokko in Aussicht gestellt habe.. Immerhin sei Las auswärtige Amt bereit, den Wünschen des Reichstages möglichst entgegenzukommen, jedoch müßten poli­tische und wmmerziccke Fragen, über die Weißbücher heraus- yegeben werden sollten erst zu einem gewissen Avsch.uiic gekommen fein. Es hänge auch mit dw Vertraulichkeit diplomatischer Ver­handlungen zusammen, daß man das Beste und Wichtigste in den Weißbüchern nicht sagen könne. Schließlich erklärte der Staats­sekretär, daß die vom Reichskanzler mchrjach dacgelegten Ge­sichtspunkte der deutschen Marokkopolitit nach wie vor Geltung hätten. Ferner antwortete v. Schoen auf eine An­frage Erzbergers, ob die deutschen Interessen an der Bagdadbahn durcl) das russisch-englische Bündnis geschädigt wuroen, daß Deutschland in Tibet, Afganistan und Persien keine politischen Ziele habe. Nur in Persien habe es wirtschaftliche Jntere>sen, diese würden aber durch einen Vertrag, der den Grund­satz der offenen Tür ausdrücklich feststellt, nicht geschädigt. Han­del, Schiffahrt und Industrie zeigten in den letzten Jahren an der Entwickelung der deutschen Handelsinteressen ein lebhaftes Interesse. Die Regierung werde die Diöglichkeit der Betätigung des deutsck>en Unternehmungsgeistes in Persien dauernd im Ange behalten. .Hinsichtlich der Bagdadbahn sei zu bemerken, daß die vom Sultan konzessionierte deutsche Gesellschast die schwierige Tau­russtrecke in Angriff nehmen werde, sobald von der türkischen Regierung die nötigen Sicherheiten gestellt seien. Politische Ab­sichten und Hintergedanken liegen der s)tegicrung bei der För- ixmng üey Unternehmens ganz fern, da cs rein wirtschaftlicher Natur sei. Wenn man den Deu tschcn Ab si chten a uf Be­sitzergreifung eines Hafens im Persischen Golf und aus die B e s i e d e l u n g türkischer Provinzen mit deutschen Ackerbauern nachsage, seeien das phantastische Kombinationen. Auch die anderen ALächte hätten den deutschen Charakter des Unternehmens anerkannt, natürlich sei die Mitwirkung fremden K'apttius dennoch nicht völlig ausgeschlossen. An Stelle des bisherigen Wahltonsulats wurde ein Konsulat am Amazonenstrom neu gebildet, ebenso wurde das Vizekonsulat in Haiffa in ein Berufskonsulat umgewandelt. Tie Neuforderung für ein Konsulat in Saratow wurde genehmigt.

Stimmimgsbilö aus dem Reichstage.

Berlin, 11. Febr. 1908.

Das Ende der MititärdebatLen.

Alljährlich tobt am letzten Tage der Beratung des. Militäretats eine männermordende Schlacht. Wie einst vor den Mauern Trojas Achilles und Hektor, so kämpfen vor den Wällen des Wahlkreises Spandau Herr Pauli als Verteidiger der Festung und Herr Zubeil als Vertreter seines Genossen Liebknecht, der sie nun schon mehrere Legis­laturperioden vergebens berennt, den homerischen Helden-, kampf auf dem Blachfelde des Reichstages einen Kampf um die Wahlstimmen der Arbeiter, Angestellten und Be-

3m Ballon von Frankfurt nach Belgrad.

(Nachdruck verboten.)

Wieder hat der bekannte Ballon des Frankfurter Physikal. VereittüZiegler" eine glänzende Fahrt hinter sich, 1200 Kilo­meter Luftcklue wurden in 25 Stunden durchfahren. Ter Korb trug 3 Mann Besatzung und nur 20 Sack Ballast. Am 6. Fcbr. geschah etwa 2y2 Stunden von Frankfurt der Aufstieg. Am ck Febr., vormittags V2IO Uhr war die Landung in der Nähe bon Belgrad. Am 10. Febr. um die Mittagszeit tarnen die Aero- ^uten in Frankfurt a. M. an. Ich hatte Gelegenheit, einen führenden über die Fahrt zu befragen. .Was der kühlte ruUichisfer hier erzählte, will ich in. Folgendem zusammen- fafien.

. Kürz vor 9 Uhr erhob sich derZiegler" in die Lüfte: ein mäßiger Nordwest trug uns von dannen. Nicht allzuhoch erhob sich die pralle, gelbe Kugel über die Erde. Tas Schlepp­tau plätscherte im Main, als wir bei Mühlheim zum ersten Male den Strom überflogen. Weiter nach Osten. Den Bahnhof Hanau hatten wir bald hinter uns. Einsam, aus unheimlicher Stille und aus dunklem Waldesgrund grüßte die Ptüversabrik von Hanau hinauf. Nun kamen wir nach Bayern.

Tie Sonne hatte sich der blauen Kugel mit Liebe und -Därme angenommen. Höher und höher zog uns der Feuerball an sich heran, wir waren bald in den Wolken, halten die Wolken bald durchflogen und thronten nun über diesen. Unter uns wogendes Wolkenmeer, das immer von neuem in seinem Innersten aufgewühlt wurde, und immer von neuem gegen sich ie Brandung. Wir schwebten dahin, sahen über uns nur das Himmelsblau, ungetrübt durch feinen Wolkenhauch. Unter uns treibendes Steer der Wolken, das zeitweise sich beruhigte, und dann dalag, wie eine unermeßliche Schnee- und Eiswüste. Wir waren dem Abend nahe. TerZiegler" senkte sich Wir sahen unter uns den Böhmerivald. Dichte Nebelschleier hüllen die trrde em. Tnnkler und dunkler wird es, bis die Nacht hcrnieder- meitet. Wir wußten nicht mehr, wohin die Fahrt. Ab und zu blitzten unsere elektrischen Taschenlampen auf, unter uns aber sahen wir kein Licht.

Woher plötzlich dieser Helle Glanz unter uns? Breite Straßen iahen wir. Wien suchten wir. Für die Orientierung entschädigte uns ttne wunderbare Sternenpracht. Mehr und mehr flogen wir den Sternen zu. Plötzlich dringt ein Rauschen hinauf. Ströme find es Kwhl, dann Geknatter. Es werden Eisenbahnen sein.

Wir sahen nach unseren Meßapparaten, wohl 80 Kilo­

meter Geschwindigkeit flogen wir zeitlveise dahin. Als Temperatur kündet uns das Thermometer 9 bis 10 Grad unter Null.

Ta zog der Morgen herauf. Unter und eine weite Ebene, vereinzelte Bauernhäuser inmitten riesiger Felder. Nicht ge­schlossene Dörfer sahen wir. Dann wieder große Sümpfe und Niederungen. Tann wieder regelmäßig gebaute Dörfer. Waren dies österreich-ungarische Bezirke?

Ta trat ein Hindernis unserer Fahrt in den Weg, unser Ballast wir hatten nur 20 Sack mitgenommen war aus- gebraucht, wir konnten das Gebirge, das vor uns sich erhob, nicht zu überfliegen uns getrauen. Wir mußten landen. Vs 10 Uhr vormittags, genau 25 Stunden hatte uns also der Ballon über eine Luftlinie von 1200 Kilometer getragen. Tie längste Fahrt, die bisher derZiegler" gemacht hat.

In Belgrads Nähe gingen wir an Land. Schnell war der Abstieg und glatt. Nach der Landung lief die Bevölkerung herbei und half und den Ballon verpacken. Liebenswürdige Leute, hilfsbereit und zuvorkommend, soweit cs nur ging. Bis zum Abend hatten wir den Ballon verpackt und verladen. Wir wurden nach Weißkirchen mit militärischer Begleitung gebracht. Tort hatten Behörden und Militär Beivunderung für uns Aero­nauten. I. M. I.

*

GießenerStadtthcater. Am Dienstag spielte Clara Albrecht, die für Toni Sylva an unser Stadt­theater von der nächsten Spielzeit ab engagiert ist,d i e Zwillings sch west er" in dem Fuldaschen Lustspiel. Diese vor 6 oder 7 Jahren bei uns zum ersten Male er­schienene, damals mit Luise Willig in der Titelrolle ge­gebene, in graziösen Versen geschriebene Komödie hat ynar eine sehr gewagte Voraussetzung. Doch sie gleitet mit so angenehmer Munterkeit und Keckheit über die Schwierig­keiten hinweg, daß man dieses Wagnis kaum empfindet und erst bei späterem Nachdenken über das Stück eine bedenk­liche kritische Miene amiimmt. Die Doppelgängerei ist seit alten Zeiten ein beliebtes Lustspielmotiv; Shakespeare hat es in zwei Stücken verwertet; Jean Paul meinte freilich, der Stoff eigne sich mehr für die Tragödie. Fulda hat mit seiner Doppelrolle den Tarstellerinnen eine willkom­mene Aufgabe' gestellt, die allerdings keine psychologische Vertiefung verlangt, sondern deren Lösung auch einem

oberflächlichen Virtuosentum zugänglich ist. Clara Albrecht spielte oiese Giuditta, die ihre eigene Doppelgängerin ist, besonders als Renata in der zweiten Hälfte des Stuckes mit liebenswürdigem Humor, feiner Schelmerei, mit einer Reihe niedlicher Detailzüge. Frl. Clara Wrecht kehrt bei uns ein im Vollbesitze ihrer künstlerischen Schaffenskraft und des Reizes, den ihre Persönlichkeit ausströmt. Man gewann gestern bereits den Eindruck, daß sie zarte, fein- >innige Frauencharaktere in gefälligen Formen zu zeichnen vermag, daß sie sie mit dem leuchtenden Glanze holder Weiblichkeit ausstattet. In der ersten Hälfte der Komödie, in der sie die Giuditta darzustellen hat, schien sie ja etwas matt, aber wohl nur um der Kontrastwirkung zu der Schwester willen. Doch müssen nicht in der seriösen Hausfrau auch Spuren temperamentvoller Leben­digkeit vorhanden sein, wenn diese die Renata, das sprü­hende Weltlind, so siegreich durchzuführen vermag? Ter Dichter gibt freilich wenig Llnhallspunkte dafür. Die Verfe sprach Frl. mit einer gewissen schwerflüssigen Grazie. Was aber das Wichtigste war sie zeigte Empfindung. Die aber tut uns not, und darum begrüßen tvir Frl. A. besonders freudig. Der Gefühlserguß in der Szene mit dem Kinde, der zwiespältige Ausbruch schmerzlichen Triumphes und freudiger Betrübnis, da ihr Gatte, durch die Maskerade getäuscht, sich von ihr trennen will, um sich liebeglühend mit ihr zu vereinen, glückte aufs beste; hier zeigte sie lebendigste (fast allzu lebenoige) Selbstirvnie, gepaart mit innigem Liebreichtum. Schöne Erscheinung, schöne Kleider und allem Anscheine nach ein schöner Geist in diesem Zeichen siegte bei uns Frl. Albrecht und wird uns im nächsten Winter sehr willkommen sein. Die Vor­stellung ging im ganzen gut zusammen. Goll spielte Die an sich wenig danklmre Rolle des Orlando furioso mit bekannter beschwingter Gelassenheit und führte die Regie mit sicherem Blick. Reimer-Schlegels Graf Para- bosco gehörte nicht zu den flatterhaften Gecken, sondern zeigte mit besonderem Behagen derbkvmische, aber - usante Züge. v. d. Becke war mehr Abenteurer als l ^oener Diener, Ro sa Wind erstein als Lisa recht nett, härte aber