Ausgabe 
11.11.1908 Drittes Blatt
 
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Politische Tagessclian.

Polizeiliche Ausweisungen.

, Der Streich des .Hauptmanns von Röpenid' bat s. Zt bekanntlich eine sehr scharfe Kritik der polizeilichen Aus­weisungen hervorgerufen und die Meinung ging allgemein dahin, daß hier Wandel geschaffen werden müsse. Dian war bisher auch der Ansicht, daß eine mildere, zeitgemäßere Praxis Platz gegriffen hätte; ob es wirklich der Fall ist, erscheint fraglich, wenn folgende Mitteilung der .Welt am Montags nuf Wahrheit beruht. Das genannte Blatt macht die. überraschende Tatsache bekannt, .das; dec Aus­weisungsbefehl der Berliner Polizei gegen den Schuhmacher Voigt selbst heute noch zu Recht besteht. ES märe ein ganz unhaltbarer Znstanb, wenn eS von nichts iveiterein als von einer Art Toleranz der Polizei abhängig wäre, ob und wann das Damoklesschwert eines Ailsiveisluigsbefehls auf jemand hcrabsaust. Und es miifj verlangt werden, nicht nur daß in diesem Falle der von der gesamten Bevölkerung ver­dammte Ausweisungsbefehl ausgehoben wird, sondern daß auch endlich gesetzliche Garantien geschaffen werden, die der im Poigt-Prozeß an den Pranger gestellten bisherigen Praxis endgiltig den Garaus machen."

Ans Stadt nnd Land.

Gießen, 11. November 1908.

Reform des lündl. Bauwefeits.

In beherzigenswerten Worten äu|jcri sich der Kreis- rmsschuß des Kreises Schlüchtern über die Reform des Bauwesens. Er betont in. dem soeben herausgcgebenen Verwaltungsbericht, daß namentlich in den Städten des Kreises sich das Streben nach besseren und gesunderen Woh­nungen zeigt, dagegen in den meisten Dörfern von einer Besserung der Wohnungsverhältnisse noch nicht allzuviel zu bemerken sei. Die große Indolenz der ländlichen Be­völkerung allen Forderungen der Hygiene gegenüber und das auffallend geringe Streben nach verständiger Aufbesse­rung der Lebenshaltung in weiten Kreisen der Landbevöl­kerung bewirke, daß ein großer Teil der Landbewohner noch genau fv schlecht wohne, wie die Vorfahren vor 50 und 100 Jahren gewohnt haben, und daß in jedem Dorfe noch zahlreiche Wohnhäuser anzutref,en seien, die im Grunde genommen für Wohnzwecke als untauglich betrachtet wer­den können. Ganz besonders zeichneten sich in dieser Hin­sicht eine Anzahl der sogenannten Armen- oder Gemeinde­häuser aus, die vielfach alles zu wünschen übrig ließen. Immerhin fei in einigen Dörfern der Beginn einer Besserung festzustellen. Weiter teilt der Kreisausschuß noch mit: Die vom Kreisausschüß im vorigen Jahre angeschastten Bau­pläne des hessischen Ernst-Ludwigs-Vereins zur Errichtung billiger Wohnungen sind mehrmals benutzt worden. Neuer­dings sind auch einige Stadt- und Landgememdeverwal- tungen und die Baugenossenschaft in Steinau bemüht im Verein mit der Kreisverwaltung eine heimische Bauweise im besten Sinne des Wortes zu fördern. In dem neuge­gründeten Heimatbunde für den Kr.is Schlüchtern erwächst ihnen ein äußerst wertvoller Helfer. Derer, welche die große Bedeutung eines praktischen und gleichzeitig freund­lichen Heims für das menschliche Wohlbefinden und die Erweckung und Vertiefung heimatlicher Emp.indungen er­kannt haben, sind aber immer noch viel zu wenige. In­tensive Arbeit ist auch mit dieiem Gebiete notwendig, weil

die meisten Bauunternehmer und berufsmäßig mit der An­fertigung von Bauentwürsen beschäftigten Persönlichkeiten es immer noch verschmähen, die ihnen vom Kreisausschuß und einigen Stadtverwaltungen kostenlos zur Ein icht uno Abzeichnung überlassenen Pläne zu benutzen oder selbständig ebenso gute Entwürfe zu fertigen. Es gewinnt den An­schein, als wären viele von ihnen nicht fähig, andere als Die schablonenmäßig immer wieder gelieferten Rohziegel- kästen zu zeichnen. Tie Ausnahmen unter ihnen verdienen um so größere Anerkennung. Erfolgreicher schon sind die Bemühungen, die alten, freundlichen Fachwerköauten bei notwendig werdenden Reparaturen von dem Putz und der Tünche zu befreien, mit der diese Läufer etwa seit zwei Jahrzehnten mehr und mehr verklebt wurden, um einen massiven" Eindruck zu erwecken.

*

Konsulatswesen. Der Amtsbezirk des mexi­kanischen Konsulats in Frankfurt a. 9)L, dem im Ge- biet des Großherzogtums bisher nur Oberheffen zugewiesen war, ist auf Starkenburg und der Amtsbezirk des mexikani­schen Konsulats in Mainz auf ganz Rheinhessen ausgedehnt worden.

""Das Hessische Wander ^Tuberkulose-Mu­se um war in Duisburg a. Rh., woselbst es räumlich mit der dortigen Gartenbauausstellung in Verbindung stand, von rund 33 000 Personen besucht. Nunmehr befindet es sich in Limburg a. d. Lahn, und auch dort ist der Be­such ausgezeichnet. Tas Mnsemn hat immer noch die alte Auziehuugslrast, denn gegenwärtig bemühen sich noch die Städte Kassel, Stuttgart, Augsburg und Münster i.' W darum. Es hat auch in Hannover und in der Nheinprovmz "Nachahmung gefunden. Die Gesamtbesucherzahl beträgt bis jetzt rund 200000, eine Zahl, die die gehegten Erwartungen ganz bedeutend übersteigt und mit der nicht im entferntesten gerechnet wurde. Allgemein ist man der Ansicht geworden, daß das Museum das belle Mittel ist, weitere Kreise der Bevölkerung über die Gefahren, die von der Tuberkrilose drohen, aufzuklären, und sie über die Mittel zu belehren, die zu ihrer Bekämpfung dienen. Den Acrztcn, die die er­läuternden Vorträge an Hand der ausgestellten Gegenstände übernommen haben bezw. übernehmen, gebührt der Dank und die Anerkennung, hierzu in hervorragender Weise beige» tragen zu haben.

Lollar, 10. Noo. Die FeldbereinigungS- arbeiten in unserer Gemarkling schreiten rüstig vorwärts. So wurden gestern wieder für ca. 15 000 Mk. Arbeiten und Lieferung"n im SubmissionSwege vergeben. Es waren 32 Angebote abgegeben worden. Tie Slrbcitcn wurden dem Bauunternehmer Gg. Ruhl von hier übertragen.

-- Langgöns, 8. Nov. Heute fand bei Gastwirt Hirsch eine öffentliche Versammlung statt zwecks Gründung eines Kaninchenzuchtvereins. Bürgermeister Rompf- Langgöns eröffnete die Versammlung und hieß die fremden Gäste willkommen. Darauf sprach Herr Pau necke-Klein- Linden über Zweck und Ziele der Kaninchenzucht-Vereme. Zum Verein meldeten sich 18 Mitglieder. Wilh. Schmidt wurde als Vorsitzender, Wilh. Wenzel als Schriftführer, und Georg Schäfer als Kassierer gewählt. Der Verein ent­schloß sich ans Anregung des Herrn 2. Weinandt-Klein-

Linden dem Mitteldeutschen Kaninchen- und GeftÜH<züchter- Verband beizutreten.

b. Kassel, 9. Nov. Aus dem Fenster des dritten Stockwerks stürzte sich heute gegen mittag in Kassel die 43 Jahre alte Gattin des hiesigen Arztes Tr. Bloch, die mit ihrem Manne seit etwa dreioiertel Jahren in Scheidung stand. Die Frau begoß stch das Haar und ihr leichtes "Morgengewand mit Petroleum, zündete dieses an und stürzte ,Üch darauf lichterloh brennend auS dem dritten Stock­werk ihres Hauses in der Bismarckstraße. Sie fiel auf den Sims des zweiten Stockwerks, riß diesen herab und stürzte auf das Pflaster der Straße, wo sie einen so schweren Schädelbruch erlitt, daß ihr sofortiger Tod eintrat.

<fierid)t^5aal.

Schöffengericht. (Beamtenbeleidigung.) Im > August ls. Js. beleidigte der Kaisenbo^e y. ©jj. m u. .lheim einen Hilfsschaffner der Biebertalbahn, indem er ihn einen Schass­kopf nannte. Der Angeklagte stellte bic,en Ausdruck in Abrede. Da er durch die Zeugen überführt wurde, erkannte das Gericht auf eine Geldstrafe von 20 Mk. eventuell 4. Tage Gefängnis. Kinderarbeit in gewerblichen Betrieben. Der Viehhändler S. F. in Ehringshausen bcfclstistigtc am 1. September 1908, morgens 6V2 Uhr, schulpflichtige Stadt­schüler von Gießen mit Viehtreiben, indem er ihnen Auitrag erteilte, drei Rinder von dem Vichstalle bei Cost nach dem Vieb- ntarfte zu treiben. Das Urteil lautete auf 5 Mark Geldstrafe eventuell 1 Tag Gefängnis. Der Viehhändler S. S. in Gam- bach und der Handelsmann I. L. von Leihgestern beschäftigten ebenfalls Stadtschülcr von hier mit Viehtrechen, indem sie sie am 1. September lf. Js. morgens 7>/> Uhr bezw. 81/3 Uhr beauf­tragten, Kälber von der Stadt nach dem Viehmarkte bezw. von dem Vichmarkte nach der Stadt zu treiben. Jedem der Ange­klagten wurde eine Geldstrafe von 5 Mark eventuell 1 Tag Ge ngn is auserlcgt. Körperverletzung Am 28. Scp- tember ds. Js. gewahrte der Fuhrmann I- R. h.er seine auf' dem Felde arbeitende, von ihm getrennt lebende Ehefrau. Nach vorausgegangenem Wortwechsel stieß er der Frau mit der Hacke berart wider den Leib, daß sie ärztliche Behandlung in Anspruch nehmen mußte. Trotzdem die Verletzte Strafantrag gestellt batte, Dcrmeigerte sie heute die Aussage. DaS Gericht erkannte mit Rückst ast aus die zerrütteten ehelichen Verhältnisse nur aus eine Geldstrafe von 15 M k., ev. drei Tage Gefängnis.

s. Al a r b u r g , 9. Nov. Das Schwurgericht beschäftigte' ich mit einer Anklage gegen den Tiensiknecht Friedrich E a |i e n aus Bufchbcck tu Ostpreußen, wolmha'i in vstavonvach und jetzt verheiratet tu Langendort im Kreise Kirchham, und den Arbeiter Jakob 3)1 0 0 3 aus Laisa bei Battenberg, zuletzt wotmhaii in Haspe m Weuiaten. Der letztere war von einem Mädchen aus (einem Heimatort wegen Allmentenzah l um g oerfloqt worden und bei öcm Prozeß soll er ben Gailen, der einmal einige Wachen in Vaiia gewejen, bestimmt haben, zu seinen Gunsten eine Aussage zu beschwören, infolgedessen das Mädchen nut 'einer Klage abgcivicien werden muß. Weiler soll Moog bei einem andern Burschen namens Seipel dasselbe Manöver ueriucht haben. Die Ge- chivoreiien ivrechen ihn nur des letzteren Vergehens ichuldig, wo- raiif er zu 1 st, Jahren Z11 chthanS und 3 Jahren Ehrverlust verurteilt wurde. Casten erzielte Freisprechung.

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Mittwoch, 11. November 1908, abends 8 Uhr pünktlich -3^

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