spruch bei den Nationalliberalen.) WaS er forderte, war nichts weiter, als die Erhaltung des gegenwärtigen Zustandes mit einigen Abschwächungen. Wremers Ausführungen enthalten einen guten Kernpunkt. Wenn die Herren sich aber nicht entschließen, die Konsequenzen zu ziehen, dann kann, der Reichskanzler dem Wechsel, den Herr Wiemer gezogen hat, gern und frohen Mutes entgegen» schein Er wird ihm noch lange und viel prolongiert werden. (Heiterkeit.) Für die Freisinnigen heißt es: hic rhodus, hic saltal Jetzt beweisen Sie Ihre parlamentarische Macht! Die. bisherigen Blockfrüchte sind nicht derartig, daß das deutsche Volk diesen Wechsel akzeptieren wird. Wir wollen uns aber nicht zum Narren machen lasten. Wir wollen Taten und nicht Worte sehen! Wir wollen eine Verfassungsänderung, welche der Volksvertretung die Entscheidung über Krieg und Frieden gibt. In Len Zeitungen war zu lesen, die Verhältnisse wären nach der Veröffentlichung so außerordentlich gespannt gewesen, daß wir unmittelbar vor dem Kriege gestanden hätten. Daß solcher Lumpereien wegen die Situation sich derart zuspitzen konnte,, verdanken wir auch der erlauchten Politik des Reichskanzlers» die vom Reichskanzler geleitet und von einer unverantwortlichen Stelle inauguriert wird. In Marokko haben wir uns ebenso wenig mit Ruhm bedeckt, wie sekt in unserer Orientpolitik.
Die Entscheidung über Krieg und Frieden muß in die Hand der Volksvertretung gelegt werden. (Sehr richtig! bei -en Soz. Lachen rechts.) Ferner ist nottvendig der Erlaß eines Reichskanzler - Verantwortlichkeitsgesetzes. Unsere dahin gerichtete Resolution ist seinerzeit abgcl'bnt worden. (Zu- rufe der Freisinnigen. Wir haben setzt ein Gesetz beantragt!) Das wird dasselbe Schicksal haben. Glauben Sie denn, daß Ihr Einfluß im Block schon so groß ist? (Heiterkeit links.) Und wenn schon, der Bundesrat wird es doch nicht annehmen. Wir muffen aber noch einen Schritt weiter gehen. Das deutsche Volk muß durchdrungen fein von der Ueberzeugung, das; es neben dem Bundesrat berufen ist, sein Geschick zu Icihn und darum muß es selber zu richten haben über einen Reichskanzler, der seine Ver. äntwortlichkeit gegenüber dem Volke vergißt, und der Reichstag muß ein.Mitwirkungsrecht bei der Ernennung des Reichskanzlers haben. Das Ernennungsrecht des Kaisers bietet kerne genügende Garantie für die Sicherheit und Wohlfahrt des Volkes. Sein einseitiges Vertrauen, von dem wir ja toiffen, wie plötzlich es wechseln kann, genügt uns nicht. Wir wissen ja auch gar nicht, welche Forderungen er eigentlich an das Mindestmaß von Kenntnissen und Fähigkeiten der Minister stellt. Vor allem muffen wir unsere Geschäftsordnung ändern. Wir müssen die Möglichkeit haben, an solche Interpellationen auch Anträge zu knüpfen (Lebhafte Zustimmung lmks und zum Teil auch im Zentrum.) Der Reichstag mutz ferner in jedem Augenblick in der Lage fein, aktuelle Fragen vor fein Forum zu ziehen. Ist eS nicht unerhört, daß wir bei emer Frage, die so intensive Erregung hervoroerusen hat. so lange warten müssen, bis es dem Reichskanzler gefallt, darauf zu antworten? Das ist der Stellung des deutschen Reichstages unwürdig. «eeV richtig! links.) Das ist keine Parteifrage, sondern eine Ebrenfraae, die den ganzen Reichstag angeht. (Beifall bei den Soz.) Die Volksvertretung muß ein Recht haben, zu verlangen, daß der Reichskanzler da ist und antwortet, wenn e3 ihr gefäll'. Wenn der Reichstag nicht für Wandel in dieser Beziehung sorgt, so trifft ihn selbst die Schuld. Das Machtmittel des Reichstages, der Wieder! br solcher Zustände zu steuern, ist die Geldvcrweigeruug. (Sehr richtig! bei den Soz.) Es ist charakteristisch, daß in diesem Augenblicke dem deutschen Volke 500 Millionen an neuen Steuern auferlegt werden sollen. Der Reichstag sollte an die Behandlung der Finanzreform ruckst eher ßerontreten, als bis ibm gesetzliche Garantien gegeben sind. Sonst haben Sie wieder einmal pro nihilo geredet. Das persönliche Regiment muß unterbunden werden. Ter Reichstag kämpft aber hier nicht allein jür die Besserung der Verhältnisse, er kämpft auch für sich selbst, für das Vertrauen, das er im Volke haben muß. Möge er sich feiner Stellung bewußt sein, die ihm genen» über dem Kanzler und dem Kaiser gebührt; an unserer Mitwirkung, sie zu festigen, soll es nicht fehlen. (Lebh. Bestall bei den Soz.)
Abg. Dr. Hepbevrandt (kons.):
In den Ausführungen des Vorredners habe ich nur noch die Konsequenz vermißt,, daß er in unsere Verfassung den Satz ausgenommen wissen tvill: In Deutschland ist die Monarchie abzuschaffen. Wenii cs in Stunden der Gefahr fraglich erscheint, was wir zu tun haben, bann werden wir bei den Sozialdemokraten anfragen. (Heiterer Beifall rechts.) Ich werde mich bei der Begründung unserer Interpellation auf wenige Worte beschränken. Mit unserer Interpellation wollten wir zum Ausdruck bringen, daß etwas geschehen muß, wenn die Erregung, die die'Vorgänge auch in den Kreisen meiner politischen Freunde hervorgerufen haben, und die groß und nachhaltig ist (Sehr richtig! rechts), zu beseitigen. Es handelt sich hier nicht um die letzte Erscheinung. Man mutz es ganz offen aussprechen, daß es sich hier um eine Summe von Sorge, von Bedenken und — man kann wohl auch offen sagen — von Beunruhigung handelt, die sich seit langem aufgesammelt hat, auch in den Kreisen, an deren Treue zu Kaiser und.Reich bisher noch niemals gezweifelt worden ist (Sehr richtig! rechts.) und die diese Treue zu Kaiser und Reich in Stunden bewiesen haben, die sehr viel ernster waren als die jetzigen. Eine sehr ernste Erregung geht durch unser ganzes deutsches Volk. Aber man darf in dieser Erregung kein Moment der Schwäche erblicken, sondern ich finde darin etwas Bedeutsames und Ernstes, ein Moment von großer Bedeutung, daß das deutsche Volk in schweren Augenblicken, in großen Gefahren nach einer Einheit und nach einer Verständigung drängt, mit allen denjni- gen Elementen, von denen es glaubt, daß sie die Ehre der deutschen Nation vertreten. (Beifall rechts.) Und daher mögen es sich diejenigen gesagt fein lassen, die außerhalb dieses Hauses auf einen Moment warten, wo unser deutsches V"lk nicht mehr einig ist, daß das deutsche Volk in der Stunde der Gefahren stets einig sein in t r b. Wir haben jetzt hier einen Beweis dafür, daß die Deutschen sich zusammenfinden, wenn es sich um schwere Dinge handelt. Ich glaube, mnn wurde dem Vaterlande feinen guten Dienst erweisen, wenn man die ganze Angelegenheit beschönigen wollte. Die Behandlung des Manuskripts war nicht die richtige. Der Reichskanzler wird das auf bas tiefste bedauern. Solche Sachen können einmal verkommen, I aber nicht wieder. Ich habe auch die Ueberzeugung, daß es nicht wieder vorkommen wird. (Gelächter bei den Soz.) Es kommt viel auf die Fragestellung bei der Behandlung des Manuskripts an.! $ai der Reichskanzler seinen nachgeordneien Räten auch die Frage borgelegt, ob es opportun sein wurde, diese Schriftstücke zu ver. öffentlichen - Dann allerdings muß man sagen, wenn sich da ein Rat gefunden hat, der das bejaht hat. so geht das über das, was man für Pflicht und Aufgabe eines Rats in solcher verantwortlichen Stellung hält. Hal der Reichs'anzler sich lediglich auf die grage beimrantt, ob das, was in diesen Schriftstücken enthalten ist, tatsächlich richtig ist, dann würde man allerdings sagen muffen, ?aß die Fragestellung und Auskunftserteilung nicht ganz beionders glücklich war. (Gelächter links.) Man mag die Sache üretjen unö menben, wie man will, das muß anerkannt werden, I fitet -Hang e l i m Betriebe obgewaltet haben.
Aber ba§ ift nidjt das wichtigste, sondern die Frage der Der- aniroortung für die Vorgänge, die hinter diesen Veröffentlichungen liegen. (Sehr richtig! rechts.) Dir stehen auf dem verfassungs-' mäßigen eranbpunftc, daß für die Regierungsakte des Kaisers der Kai,er mast veramwortlich ist, sondern daßalleinderReichs- k a n z l e r d i e L e r a n t w o r t u n g t r ä g r. Der Reichskanz- ler hat früher gerade zu der Frage, wie weit seine Verantwortuno am Gegenstände biejer Arr reicht, sich klar und unzweideutig ausgesprochen, und meine politi,ch<n Freunde haben in der bestimmtesten Weise ihm zugestimmt, daß wir in dem Punkte zweifelhaft nicht mehr fein können. Wir halten an diesen ausgesprochenen Grundsätzen auch heute noch fest. Und der Reichskanzler fidjcvlidj auch. Aber ich weiß nicht, ob der Reichskanzler nidu selbst die Empfindung hat, ob ec den Nachdruck in der gehörigen Weist immer hat in bte Erscheinung treten lassem und daß bn vielleicht noch Entschie
deneres hatte geschehen müssen und in der Zukunft geicheycn muß, wenn Vorgänge dieser Art verhindert werden sollen. Es lvare ungerecht, in diesem Augenblick zu verkennen, was der Reichskanzler in seiner Tätigkeit für das Deutsche Reich und das beutjdie getan hat. (Lebhaster Beifall.) Tas ist nicht so, als dast man cs bei einer einzelnen Frage durch ein Votum mir nichts dir nichts auslöschen kann, was viel Arbeit, was viel Pflicht, was v t e I G e - schick und viel Vaterlandsliebe bedeutet hat. (Leb- bastcr Beifall.) Wenn Sie (zu den Soz.) das tun wollen, dann seien Sie überzeugt, daß Sic im Interesse des Vaterlames nicht handeln. (Lebhafte Zustimmung.) Dir haben das Vertrauen zum Reichskanzler, daß er eine richtige Antwort auf die Fragen geben wird. Niemand wird sich darüber mehr freuen und niemand wurde mehr Anlaß haben, diesen Tag doch noch als einen i^gensreld^i anzusehen, als das ganze deutsche Vaierlaud. Deshalb hoffe ich, daß die Antwort des Reichskanzlers ehrlich, entschieden, aber auch eine Hoffnung für die Zukunft sein wird, und damit können wir den heutigen Tag beschließen. (Lebhafter ~cifail rechts.)
Abg. Fürst Hatzfeld (Rp.)-
Meine politischen Freunde sind der Ueberzeugung, daß unser Vaterland durch die Vorgänge der letzten Zeit nicht an Vertrauen und Ansehen verloren hat, wie vielfach befürchtet wird. Wir in unserer Partei stellen die monarchische Gesinnung in den Vordergrund. Um so mehr haben wir uns für verpflichtet gehalten, den Reichskanzler über diese Vorgänge zu Befragen. Nach der Neicbs- berfaffung, welche vom Fürsten Bismarck geschaffen und auf fein persönliches Rlaß zugeschnitten worden ist, ist der Reichskanzler die allein verantwortliche Persönlichkeit, und wir fragen ihn, ob er für die Zukunft ähnliche Vorgänge zu verhindern in der Lage ist, In dem gegenwärtigen Stadium glaube ich mich auf diese wenigen Worte beschränken zu sollen. Von dem Inhalt der Antwort des Reichskanzlers werden wir unsere weitere Stellungnahme abhängig machen. (Beifall.)
Unter großer Spannung des Hause? erhebt sich der Reichs- kanzler, Vizepräsident P a a s ch e bittet, die vor dem Rednerpult i stehenden Abgeordneten auf Zurufe aus dem Hause, Platz zu nehmen.
Reichskanzler Fürst Bülow:
Meine Herren, ich werde nicht auf alle Punkte eingehen, die von den Herren Vorrednern berührt worden sind. Ich muß auf die Wirkung meiner Worte im Auslande sehen, und ich will nicht neue Nachteile zu dem großen Schaden hinzufügen, der durch die Veröffentlichung des „Daily Telegraph" bereits angerichtet worden ist. (Hört, hort!) In Beantwortung der vorliegenden Interpellationen habe ich das Nachstehende zu erklären: Seine Majestät der Kaiser hat zu verschiedenen Zeiten gegenüber privaten englischen Persönlichkeiten private Steuerungen getan, die aneinanbergereifft vom „Daily Telegraph" veröffentlicht iDorben sind. Ich muß bezweifeln, daß alle Einzelheiten aus diesen Gesprächen richtig wiedergegeben worden sind. (Hört, hört!) Von einem weiß ich, daß es n i ch t richtig ist. D a s i st die Geschichte mit dem Feldzugsplan. (Hört, hört!) Es handelt sich nicht um einen ausgearbeiteten, detaillierten Feldzugsplan, sondern um rein akademische Gedanken. (Gelächter bei den Sozialdemokraten.) Meine Herren, wir befinden uns in einer so ernsten Debatte. (Lebhaftes Sehr richtig! rechts.) Die Dinge, die ich bespreche, sind ernster Natur und von größter poli- Itischer Tragweite. Ich würde Ihnen dankbar sein, wenn j Sie mich mit Ruhe an hören wollten. Ich werde mich möglichst kurz fassen. Ich wiederhole also: eS handelt sich nicht um die Ausarbeitung eines Feldzugsplanes, sondern um rein akademische Gedanken; sie waren ausdrücklich, wie ich glaube, als „Aphorismen" bezeichnet, „über die Kriegführung im allgemeinen", die Seine Majestät der Kaiser im Briefwechsel mit der verewigten Königin Victoria ausgesprochen hat. Es waren theoretische Betrachtungen ohne jede praktische Bedeutung für den Gang der Operationen und für den Ausgang des Krieges. Der Chef des Generalstabes, Graf von Moltke, und sein Vorgänger, General Graf Schlieffen, haben beide erklärt, daß der Generalstab über jenen südafrikanischen Krieg wie über jeden anderen großen ober kleinen Krieg, der seit Jahrzehnten in der Welt stattgefunden hat, Seiner Majestät Vortrag gehalten. Sie haben aber beide versichert, daß der Generalstab niemals einen Feldzugspkan ober eine ähnliche, auf den südafrikanischen Krieg bezügliche Arbeit des Kaisers geprüft ober nach England weitergegeben habe. (Hört, hört! links.) Ich muß aber auch unsere Politik gegen den Vorwurf in Schutz nehmen, als ob sie den Buren gegenüber eine zweideutige gewesen wäre. W i r haben, das steht aktenmäßig fest, die Buren rechtzeitig gewarnt. Wir haben der Transvaalrepublik keinen Zweifel darüber gelassen, daß sie im Falle eines Krieges allein stehen würde. Wir haben im Mai 1899 direkt und durch die Vermittelung der befreundeten holländischen Regierung ihr nahegelegt, sich gütlich mit England zu verständigen, da der Ausgang im Falle eines Krieges nicht zweifelhaft sein könnte. In der Frage der Intervention sind die Farben zu stark aufgetragen. Die Sache selbst war längst bekannt. (Lebhaftes Hört, hört!) Sie bildete erst kürzlich den Gegenstand einer Polemik zwischen der „National Revue" und der „Deutschen Revue". Von einer Enthüllung kann gar keine Rede sein. Nun hat man gesagt, die kaiserliche Mitteilung an die Königin von England, daß Deutschland einer Anregung zu einer Mediation oder Intervention nicht Folge gegeben habe, sei eine Verletzung der im diplomatischen Verkehr üblichen Regel.
Ich will nicht an die Indiskretionen erinnern, an denen die diplomatische Gesck;:chte aller Völker reich ist. Die sicherste Politik ist wohl diejenige, die keine Indiskretionen zu furchten braucht. Um im einzelnen Falle zu entscheiden, ob das Vertrauen verletzt ist, müßte mehr über die näheren Umstände bekannt fern, als in dem „Daily Telegraph" gesagt ist. Die Mitteilung konnte berechtigt sein, wenn von einer Seite versucht worden war. unsere Absichten zu entstellen ober unsere Haltung zu verdächtigen; es können Dinge vorausgegangen sein, die eine Be. rührung dieser Angelegenheit in einer vertraulichen Privat- korrespondenz mindestens erklärlich erscheinen lasten. Ich sagte eben, in dem Artikel des „Daily Telegraph" wären die Ausdrücke zu stark gewählt. Tas gilt in erster Linie von der Stelle, wo der Kaiser gesagt haben soll, die Mehrheit deS deutschen Volkes wäre von feindseliger Gesinnung gegenüber England erfüllt. Zwischen Deutschland und Englaird haben Mißverständnisse stattgefunden, bedauerliche und ernste Mißver- ständnisse; ich weiß mich aber eins mit diesem ganzen Hause, wenn ick; sage, das deutsche Volk will auf der Basis gegenseitiger Achtung friedliche und freund, l^che Beziehungen zu dem englischen Volke, (--ehr richtig!) Und ick) konstatiere, daß sich die Redner aller.Parteien in diesem Sinne ausgesprochen haben (Sehr richtig!) Eine andere Stelle, wo der Ausdruck au stark gewählt war, war der |
Passus, der sich bezog auf unsere Interessenim Stillen' Ozean. Diese Stelle ist m einem für Japan feindlichen Sinne ausgelegt worden. Mit Unrecht! Wir haben in Ostasien nie an etwas Anderes gedacht, als an bie«: Für Deutschland) einen Anteil am Hanbel in Ostasien bei der großen wirtschaftlichen Bedeutung dieser Gebiete zu erwerben und uns zu erhalten. Wir denken gar nicht daran, un-3 in Ostasien auf irgendwelche mari. timen Abenteuer einzulassen. Aggressive Absichten lie. gen unserem Schiffbau für O st a sicn gerade so fern w i e in Europa. Der deutsche Kaiser begegnet sich mit dem verantwortlichen Leiter der deutschen Politik in der Anerkennung der hohen politischen Bedeutung, die sich das japanische Volk durch politische Tatkraft und militärische Leistungsfähigkeit errungen hat. Die deutsche Politik betrachtet es nicht als ihre Aufgabe, dem japanischen Volke den Genuß und den Sluäbau des Erworbenen irgendwie zu schmälern. Ueberhaupt habe ick) den Eindruck, als würde, wenn die materiellen Dinge — vollends in der richtigen Form — im einzelnen bekannt geworden wären, die Sensation keine so große gewesen sein. Auch hier gilt der Satz, daß die Summe mehr war als alle Einzelheiten zusammen. Hebet der materiellen Seite sollte vor allem nicht ganz die psychologische übersehen werden. Seit zwei Jahrzehnten ist unseres Kaisers Bemühen unter oft sehr schwierigen Verhält- niffen darauf gerichtet gewesen, ein freundschaftliches Verhältnis zwischen England und Deutschland herbeizuführen.
Er hat bei diesem ehrlichen und auscichtigen Bestreben mi£ Hindernissen zu kämpfcn gehabt, die manchen entmutigt hätten. Die leidenschaftliche Parteinahme unseres Volkes für die Buren war menschlich begreiflich. Tie Teilnahme für die Schwächeren ist gewiß ein sympathischer Zug, sie hat aber auch zu ungerechten und vielfach maßlosen Angriffen gegen England geführt, und auch von englischer Seite sind ungerechte und häßliche Angriffe gegen Deutschland gerichtet worden. Unsere Absichten wur- den entstellt, es wurden uns Pläne unterschoben, an die wir nie gedacht haben. Der Kaiser aber, durchdrungen von der wichtigen und richtigen Ueberzeugung, daß dieser Zustand eine Unmöglichkeit für beide Länder und eine Gefahr für die zivili- fierte Welt war, hat unentwegt an dem Gedanken, an dem Ziele festgchalten, daß er sich gesetzt hat. Ueberhaupt geschieht unserem Kaiser mit jedem Zweifel an der Lauterkeit feiner Absichten, an seiner idealen Gesinnung, an seiner tiefen Vaterlandsliebe schweres Unrecht Meine Herren! Wir wollen alles vermeiden, was nach übertriebenem Werben um fremde Gunst, was irgendwie nach Unsicherheit oder nach Laune aussicht, aber ich verstehe, daß der Kaiser, gerade weil er sich bewußt war, immer eifrig und ehrlich an der Verständigung mit England gearbeitet zu haben, sich ge- kränkt fühlte durch Angriffe, die seine besten Absichten entstellten. Ist man doch so weit gegangen, feinem Interesse für den deutschen Schiffbau geheime Absichten gegen englische Lebensinteressen unterzuschieben, cm der er nie gedacht hat. Der Kaiser hat in Privatgesprächen mit englischen Freunden durch den Hinweis auf seine Haltung in einer für England schwierigen Zeit den Beweis führen wollen, daß er verkannt und ungerecht beurteilt werde. Meine Herren! Die Einsicht, daß die Veröffentlichung dieser Steuerungen in England nicht die von Seiner Majestät dem Kaiser erwartete Wirkung gehabt, in Deutschland aber tiefgehende Erregung und schmerzliches Bedauern hcrvorgerufen hat, wird — diese feste Ueberzeugung habe ich in diesen schweren Tagen gewonnen — Se. Majestät den Kaiser dahin führen, künftig auch in seinen Privatgcsprächcn sich diejenige Zurückhaltung aufzuerlegen, die für eine einheitliche Politik, die für die Autorität der Krone eine uncrlätzl-che ist. Wäre dem nicht so, so könnte weder ich, noch einer meiner Nachfolger dafür die Verantwortung tragen. (Beifall rechts.)
Meine Herren! Für den Fehler, der bei der geschäftlichen Behandlung des Manuskripts des „Daily Telegraph" gemacht worden ist, trage ich die ganze Verantwortung, wie ich das in der „Nordd. Allgcm. Zig." habe sagen lassen. Auch widerstrebt cs meinem persönlichen Gefühl, Beamte, die ihr lebenlang ihre Schuldigkeit getan haben, als Sündenböcke hinzustellen, weil sic sich in einem Falle zu sehr darauf verlassen haben, daß ich meist alles selbst lese und letzten Endes entscheide. Wie Herr v. Hcydc- brand, bebaute ich cs auf das tiefste, daß bei der Maschinerie dcö Auswärtigen Amtes, die 11 Jahre lang unter mir tadellos funktioniert hat (lautes Lachen bei den Sozialdemokraten. Zurufe: Tadellos?), sich einmal ein Tefekt gezeigt hat. Ich stehe dafür ein, daß sich das nicht wiederholt, und daß alle hierfür erforderlichen Maßnahmen getroffen werden ohne Ungerechtigkeit, aber auch ohne jedes Ansehen der Person. (Beifall rechts.) Als der Artikel de§ „Daily Telegraph" erschienen war, dessen verhängnisvolle Wirkung mir nicht einen Augenblick zweifelhaft sein konnte, habe ich meine Entlassung eingereicht. Dieser Entschluß war geboten und er ist mir nicht schwer geworden. Ter s ch w e r jt e und ernste st e Entschluß, vor dem ich in meinem politischen Leben gestanden habe, war es, dem Wunsche Sr. Majestät des Kaisers folgend, noch im Amte zu bleiben. Ich habe mich dazu nur entschlossen, weil ich glaubte, gerade unter den gegenwärtigen schwierigen Verhältnissen dem Kaiser und dem Lande weitere Dienste leisten zu können. (Lebhafter Beifall rechts.) Wie lange mir das möglich ist, steht dahin. (Bewegung und Lachen bei den Sozialdemokraten.) Und nun will ich noch Eines sagen: In dem gegenwärtigen schwierigen Augenblick, wo die Tinge in der Welt wieder einmal in Fluß geraten sind, wo wir unsere Stellung nach außen zu wahren, wo wir unsere Interessen, ohne uns oorzubrängen, aber mit ruhiger Stetigkeit zur Geltung zu bringen (jaben, bürfen wir vor dem AuSlanbe keine Kleinmütigkeit zeigen, bürfen toir ein Unglück nicht zur Katastrophe machen. Ich will mich jeber Kritik ber Uebertrcibungen enthalten, bte wir in diesen Tagen erlebt haben. Der Schaben aber — ich hoffe, baß unsere Betrachtungen das zeigen werden — ist nicht so groß, baß er nicht mit Ste- tigfeit wieder gutgemacht werden könnte. Gewiß soll keiner die Warnung vergessen, welche die Ereignisse dieser Tage uns allen erteilt haben. Aber wir dürfen vor dem Auslande nicht Schwäche zeigen, die von unseren Gegnern so aufgefaßt werden würbe, als wäre bas Reich im Inneren wie im Aeußeren gelähmt. An ben berufenen Vertretern ber Nation ist eS jetzt, biejenige Besonnenheit zu zeigen, bte bem Ernste ber Lage entspricht. Ich sage bas nicht für mich, ich sage es für das Land. Tiefe Mitwirtung ist eine Pflicht, der sich dieses hohe Haus nicht entziehen wirb. (Beifall rechts, Zischen bei den Polen und Sozialdemokraten.)
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