Sitzung -er Stadtverordneten.
Gießen, 8. Oktober.
Anwesend find: Oberbürgermeister Mecum, die Bei- seordneten Keller und Georgi; die Stadtverordneten: Dr. Biermer, Wrück, Dr. Ebel, Eichenauer, Emmelius, Grünewald, Dr. Gutfleisch, Dabevicht, Haubach, Heichelheim, Helfrich, Helin, Huhn, Jann, Jughardt, Krumm, Leib, Löber, Loos, Orbig, Petri, Plank, Dr. Schäfer, Schaffstaedt, Simon, Troß, Wallenfels, Dr. Wimmenauer
Mitteilungen.
Vom Vorstand des D am en turn v e r e i n s ist ein Gesuch m>eoen Ueberlaffung der Turnhalle der höheren imb erweiterten Madchenschllle eingegangen, das zunächst an das Kuratorium der Anstalt geht. .
Bon der Handarbeitslehrerin V a u b e l ist ein Dankschreiben wegen ihrer in der letzten Sitzung beschlossenen Anstellung ein- sgegangen.
Der Vortrag deSStadtbaumeisters Braubach über seine Südwestafrikareise findet am nächsten Donnerstag in der Turnhalle der höheren Mädchenschule statt. Außer den Mitgliedern der Versammlung und deren Damen soll der Lehrkörper der höheren Mädchenschule eingeladen werden. Herr Braubach ist übrigens bereit, den Vortrag zu wiederholen.
Der Kaninchenzuchtverein hat dem von der Stadt (gestellten Verlangen entsprochen und den § 6 seiner Ausstellungs- bedingungen gestrichen, so daß der Auszahlung der für Ehrenpreise gestisteten 30 Mk. nichts mehr im Wege steht. Von dem Verein ist ein Dankschreiben für die Bewilligung eingegangen, sowie eine Einladung zum Besuche der Ausstellung.
Den Vorsitz übernimmt nunmehr Beig. Georgi, da Stadtv. Dr. G u t f l e i s ch eine Erklärung über die
20 000-Mark-Angelegeuheit
abgeben will. Er führt aus, daß man vor einigen Wochen das Gehalt des Oberbürgermeisters aus guten Gründen heraus erhöht habe. Die dafür angeführten Gründe seien allseitig anerkannt worden. Die Erhöhung sei nicht aus Gefälligkeit und Nachgiebigkeit gegen Wünsche des 1. städtischen Beamten evfolgt, sondern aus der Erwägung heraus, daß man die Pflicht habe, den 1. öffentlichen Funktionär angemessen und seiner großen Verantwortlichkeit entsprechend zu bezahlen. Das Gehalt solle entsprechend der großen Mühewaltung und Verantwortung des Bürgermeisters sein, und man habe gedacht, was man in dieser Hinsicht tue, lohne sich wieder für die Gemeinde. Der Grundsatz, daß man durch eine entsprechende Bezahlung die Arbeitsfreudigkeit des Empfängers on- erkennen solle, gelte für jeden Arbeller und Beamten, zu allermeist <rber für einen Beamten an der Spitze eines Gemeinwesens. Mil .guten Gründen und in lichtvoller Darstellung sei die Erhöhung des oberbürgermeisterlichen Gehaltes von einem Kollegen beantragt worden. Merkwürdigerweise hätten sich an die Bewilligung allerhand Nachreden geknüpft und ein Blatt habe schließlich die Nachricht gebracht, er (Redner) habe eine Gratifikation von 20 000 Mk. sfür den Oberbürgermeister beantragt, der Antrag sei aber von der Versammlung abgelehnt worden. Er könne und brauche wohl kaum zu versichern, daß diese Mitteilungen völlig aus der Luit gegriffen seien, und er sei sich seiner Verantwortung viel zu sehr bewußt, um einen solchen Antrag zu stellen. Er habe, als er von jener Nachricht ersuhr, nichts tun wollen, aber es habe sich eine gewisse Medisance der Sache bemächtigt. Deshalb fühle er sich zu der öffentlichen Erklärung verpflichtet, daß Oberbürgermeister Mecum nie verlangt habe, seine Gehaltsverhältniffe zu verbessern, und niemals beantragt worden sei, ihm eine Gratifikation zu geben. Es handle sich um einen mißlichen und unnützen Klatsch, der aber geeignet sei, die Herzen der Mitbürger denen zu entfremden, die in dieser Sache mitgestimmt haben. Er hoffe, daß diese Erklärung genüge, um die einfältige Lüge zu kennzeichnen, die keinerlei Unterlage habe. (Allseitiges Bravo.) Es sei liichts geschehen, was den Interessen der Stadt in irgend einer Weise zu nahe trete. (Lebhafte Zustimmung.)
Stadtv. Krumm führt aus, er habe zuerst über den in der Stadt verbreiteten Mumpitz gelacht, aber es stecke doch etwas mehr dahinter. Man wolle dem Stadtv. Dr. Gutfleisch angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen von irgend einer Seite Knüppel zwischen die Beine werfen. Als Gegenkandidat Dr. Gutfleischs erkläre er, daß er, falls er infolge solcher Mittel siegen werde, die Wahl nicht für eine Ehre halten könne und das Mandat lieber wicht ausüben werde. Die ganze Art und Weise sei geeignet, den Oberbürgermeister und die Stadt in unerhörter Weise herabzusehen. Selbst wenn etwas derartiges in geheimer Sitzung gesagt worden sei — wobei er ausdrücklich betonte, daß dies nicht der Fall war — sei es eine Gemeinheit, dies in der Stadt zu verbreiten. Wenn em solcher Vorwurf gegen ein Mitglied der Versammlung erhoben werde, treffe er das ganze Kollegium. Man könne Dr. Gutfleisch dankbar sein, daß er den Vorfall klar gestellt habe. Die Behauptung sei unerhört und für die Stadt fein Nutzen. (Lebhaftes Bravo.)
Beig. Georgi stellt fest, daß die Versammlung in der Beurteilung des Vorfalls mit den Stadtv. Dr. Gutfleisch und Krumm einig sei.
Oberbürgermeister Mecum betritt den Sitzungssaal wieder und übernimmt den Vorsitz.
Vom Viehmarkt.
Stadtv. Plank fragt, wo während de§ Schlachthofumbaues der Viehmarkt stattfinden solle. Der Auftrieb und Besuch des Marktes sei so, daß er ;n keiner Weise geschädigt werden dürfe. Der während des Umbaues vom alten Platz noch verbleibende Raum sei zu klein, um den Markt aufzunehmen und der neue Platz könne noch nicht benutzt werden, weil er noch nicht befestigt sei. Die Handelsleute seien übrigens für Beibehaltung des jetzigen Markt systems.
Der Vorsitzende bemerkt, die zukünftige Gestaltung des Viehmarktplatzes hänge von der Reichsgesetzgebung ab. Es werde noch vor Beginn des Schlachthoiumbaues eine Vorlage kommen, wie es zu machen sei, daß der Markt keine Unterbrechung erleide.
Stadtv. Plank meint, man solle jetzt mit der Befestigung des neuen Platzes beginnen, da die Sache im Winter billiger zu machen sei. Das Gesetz schreibe eine räumliche Trennung zwischen Schlachthof und Viehmarktplatz vor, das werde doch durch eine Plauer erreicht.
Der Vorsitzende bemerkt, von mancher Seite werde eine Mauer nicht sür eine räumliche Trennung gehalten. Hoffentlich werde int Reichstag bald hierüber Klarheit geschaffen.
Stadtv. K r u m m will dem von gewisser Seite verbreiteten Märchen entgegentreten, die Stadt wolle nichts sür die Erhaltung des Marktes tun und ihn aufgeben. Man habe sich lediglich gegen die wechselnden Ansichten hinsichtlich der für die Seuchen- abwehrmaßnahmen bestehenden Bestimmungen ausgesprochen, die der Stadt unter Umständen eine halbe Million kosten werden.
Auf Vorschlag des V o r s i tz e n d e n soll bei der Regierung ungefragt werden, was unter räumlicher Trennung im Sinne des Viehseuchengesetzes zu verstehen fei.
Der Antrag W i u n und Gen. wegen Aufstellung eines umfassenden Bebauungsplanes
wird nach kurzer Geschäftsordnungsdebatte für heute abgefetzt, da der Antragsteller Stadtv. Winn heute verhindert ist. Die Angelegenheit wird damit bis in den November hinein vertagt, da der Referent, Stadtv. Dr. Biermer, in nächster Zeit nicht hier ist.
Die Straßenbahn.
Der Vorsitzende gibt einen Ueberblick über die bisher erfolgten Vorarbeiten. Der zum Ausarbeiten der genauen Pläne angenommene Techniker Schmitz hat am 3. d. M. seine Tätigkeit begonnen. Die vereinigten Deputationen (Gas- und Elektrizitätswerk, sowie Verkehr) haben als Sachverständigen Direktor Guß- maim von Siegen gewählt, der für seine Tätigkeit 7000 Mk. erhält. Es gelte jetzt, mehrere Beschlüsse zu fassen, damit die Weiterbearbeitung erfolgen könne. Tie Frage, ob die Linienführung durch die Licher Straße oder die Kaiser-Allee erfolgen solle, haben die Deputationen auf einen Vorschlag des Betriebsleiters Stolte hin dahin entschieden, daß man erst die Licher Straße herauf- und dann vor der städtischen Kaserne her bis zur Kaiser-Allee gehen solle. Die Linie werde dadurch etwas weiter, aber trotzdem nicht teurer, als wenn man direkt die Kaiser-Allee hinanf- gche, denn die Bahn könne in der Licher Straße billiger gebaut werden, da sic hier einen eigenen Bahnkörper erhalten könne.
Die Mehrkosten belaufen sich gegen das anfängliche Projekt (Licher Straße) auf 20 000 Mk.
Stadtv. Dr. Biermer ist der Ansicht, daß der Ban der Straßenbahn noch keineswegs beschlossen sei. Man habe nur die Ausarbeitung eines genauen Projektes haben wollen. Es sei deshalb nicht angängig, heute schon Details zu beschließen.
In der hierüber sich entspinnendon Debatte verweist der Dor- sitzende aus das Protokoll der Sitzung, in der über die Bahn beschlossen wurde. An der Debatte beteiligen sich weiter Die Stadtvv. Emmelius, Eichenauer, Grünewald, iroß und Krumm. Als ihr Ergebnis wurde scstgestellt, daß der Baupcinzipiell beschlossen ist und selbstverständlich bei Vorlage der genauen Pläne und Kostenanschläge eine nochmalige Beratung der Versammlung über den Bau der Bahn stattzufinden habe.
Zur Sache selbst spricht sich Stadtv. Troß für die direkte Linienfühning nach der Grünberger Straße aus.
Der Vorschlag der Kommissionen. (Licher Straße, Kaserne, Kaiserallee) findet Annahme. Stadtv. Dr. Biermer enthält sich der Abstimmung. , ,
Bezüglich der Spurweite schlagen die vereinigten Kom- nüssionen 9iormalspur — 1,435 Meter — vor, die gegen die außerdem übliche Einnieterspnr große Vorteile biete, die die damit verbundenen Nachteile übertreffen. Nach einigen Bemerkungen des Stadtv. Schaffstaedt ider auf Grund auswärts gemachter Beobachtungen bittet, beim Bau darauf, Bedacht zu nehmen, daß späterhin kein unnötiges Geräusch entsteht) ersucht Stadtv. Dr. Wimmenauer um Aufklärung darüber, ob die bei der Schmalspur eintretende geringere Kurvenabnutzung nicht die Vorteile der Normalspur aufwiege, zumal hier viel Kurven in Frage kommen.
Ter Vorsitzende teilt mit, daß Köln, wo der geringste Kurvenradius 11 Meter betrage, mit der ^dormalspur gute Erfahrungen gemacht habe. Ta für hier der geringste Kurvenradius 15 Meter betrage, seien die Vorteile sicher größer als die Nachteile.
Tie Versammlung stimint der Normalspur zu, ebenso dem Vorschlag, überall, wo es aus technischen Gründen möglich ist, die Gleise in die Straßenmitte zu legen, da hierbei der Fuhr- iverksverkehr sich leichter abwickelt, als wenn man auf einer Straßenseite fährt, Nach einer Weiteren Mitteilung des Vorsitzenden hält der auswärtige Sachverständige die von Herrn Stolte auf 560 000 Mk. berechnete Bausumme für ausreichend.
Heber das System, das bei der
Kühlanlage
angewendet werden soll — Kohlensäure--, Ammoniak- oder Schwefelsäure-Betrieb — haben auf Wünsch der Versammlung die Professoren Dr. König und Elbs ein ausführliches.Gutachten erstattet, das unter Berücksichtigung aller Verhältnisse zu dem Vorschlag kommt, das Köhlensäuiesystem cinzuftihren. Die Schlachthofdeputation hat sich einstimmig diesem! Vorschlag angeschlossen, bis auf Obermeister Sack, der für das Amnwniak ist. Tie Versammlung stiimnt ebenfalls für Köhlensäurebetrieb und beschließt, die Einrichtung der Firma Riedinger in Augsburg zu übertragen. Den beiden Gutachtern wird der Tank der Stadt für ihre gründliche Arbeit ausgesprochen. Weiter beschließt man, in der Schweincschlachthalle das seither hier übliche Schlachtsyftcm, für dessen Beibehaltung namentlich die Metzger sind, zu belassen.
Städtische Straßen» und Grundstlicksangelegenheiteu.
Tas alte Spritzenhaus in der Löwengasse soll, soweit es nicht als Straßengebäude in Betracht kommt, an Friseur Tichy abgetreten werden. Soweit es nicht gegen Gelände, das ebenfalls in die Straße fällt, ausgetauscht werden kann, hat T. für den Quadratmeter 80 Mk. %u. bezahlen.
Zu der Verbreiterung ber Weiden g a s s c nach dem Neuenweg zu sollen wiederuni einige Geländestücke erworben werden, die zum Preis von 70 Mk. sür den Meter an getauft werden.
Dem lieber gang der Grundstücke Asterweg 9 und 13 vom Stadterweiterungsfonds auf die Stadt zum Preis von 55 000 Mk. wird zugestimmt.
Auf eine Anfrage deA Stadtv. Lobet wegen des Semm- lerschen Hauses antwortet der Vorsitzende, die Baudeputation habe beschlossen, das HauS stehen zu lassen, da beim Abbruch das Straßenbild noch unschöner iverde, als es jetzt ist. *
Stadtv. Hab e nicht fragt wegen der Häuser in der Dammstraße an, worauf der Vorsitzende erwidert, heute sei das letzte Angebot eingegangen. Zunächst werde sich die Baudeputation mit der Sache beschäftigen.
Bezüglich des Fuhrverkehrs in der Dammftraße will das Polizeiamt auf Anregung der Versammlung hin eine Polizeiverordnung erlassen, daß die Durchfahrt verboten ist. Anlieger können von der Nord-Anlage aus Fuhrwerke einfahren lassen. Die Versammlung ist damit einverstanden mit dem Zusatz, daß die Abfahrt nach der Walltorstraße zu, zu erfolgen Hut.
Der obere Lauf der Wieseck soll reguliert werden. Die Versammlung bewilligt die mit 3000 Mk. angenommenen Kosten, während die Feldbereinigung das Gelände stellt.
Stiftungsangelegenheiten.
Tie Konrad Balthasar Lang Erben haben die Stadt zum Nacherben ihres Vermögens eingesetzt, das aus einem Kapital von 3300 Mk., einer Hofseite in der Neustadt, im Werte von 4000 Mk. und einem Garten im Hamm im Werte von 3700 Mk. besteht. CS soll damit eine Stiftung errichtet werden, deren Ertrag alljährlich zwei bedürftigen würdigen Einwohnern von über 60 Jahren zu gut kommen soll. Es wird Annahme der Stiftung beschlossen, und zwar soll das Vermögen kapitalisiert werden. Beide Grundstücke sollen von der Stadt zum Taxwert übernommen und ev. an das Hospital, bxzw. den Stadterweiterungsfonds abgetreten Werden.
Stadtv. Tr. Ebel macht darauf aufmerffant, daß in der letzten Sitzung eine Stiftung nicht vergeben werden konnte, da angesichts der darauf ruhenden Bedingungen kein entsprechender Reflektant vorhanden war. Es sei deshalb wünschenswert, wenn Stiftungen möglichst ohne Einschränkung hinsichtlich des dazu berechtigten Personenkrcises gegeben würden.
Tcr Vorsitzende begrüßt diese Anregung und hält auch Stiftungen für gemeinnützige Zwecke für dringend wünschenswert.
Bcig. Georgi ist im allgemeinen mit diesen Aüssührungen einverstanden, bemerkt aber, die Stiftungen für Armenzwccke seien nicht zu entbehren, da si^ da eintreten, wo die städtische Armenpflege infolge der gesetzlichen Bestimmungen versagt.
Bcig. Keller spricht sich in ähnlichem Sinne aus.
Verschiedenes.
Wegen der UebeUlassung städtischer Räume an Vereine sollten nack) einem früheren Beschluß einheitliche Vertragsbestimmungen erlassen werden. Da sich bei näherer Prüfung ergeben hat, daß die Bedingungen, die den jetzigen Benutzern gestellt wurden, ziemlich gleichartig sind, soll z. Zt. von einer weiteren Maßnahme abgesehen werden. Der Sanitätskolonne wird auch fiir den nächsten Winter der seither benutzte Raum kostenlos überlassen.
Neben der für die LandtagsWahl (Wahlnrännerwahl) bestimmten Wahlkommission — Oberbürgermeister Mecum als Vorsitzender, Stadtvv. Helm und Haben ich t als Beisitzer — soll eine zweite Kommission gewählt werden, damit zur raschen Abwickelung des Wahlgeschäfts in zwei Abtellungen gewähll werden kann. Zum Vorsitzenden wird Beig. Keller und zu Beisitzern die Stadtvv. Orbig und Jann gewählt. Beide Wahllokale sollen im Bürgermeistereigebäude untergebracht werden.
Stadtv. T r ojj regt an, daß man angesichts des bevorstehenden Baues der Straßenbahn die Hauptstraßen mit Asphaltbelag herstellen solle.
Der Vorsitzende hält Asphaltplatten für geeigneter, die Baudeputation werde sich mit bei Sache befassen.
Stadtv. Tr. Ebel empfiehlt das Teeren der chaussierten Straßen, womit man anderwärts gute Erfahrungen gemacht habe. Auch beim Kleinpflaster empfehle sich das Ausgießen der Fugen mit Teer.
Stadtv. Petri bringt zur Sprache, daß sich das Kleinpflaster verschieeenllich gesenkt habe: es werbe Sache der Baudeputation sein, die -brache näher zu besprechen.
Aus Studt und Land.
Gießen, 9. Oktober 1908.
Fürsorgetasse sür Gemcindebcamte.
In der Buchhandlung Großh. Staatsverlags ist die amtliche Handausgabe des Gesetzes betr. die Fürsorgekasse für die Beamten und Bediensteten der Landgemeinden und Kommunalverbände erschienen. Die Haudaiisgabe ist von dem Reserenten im Großh. fBlintftcrium deS Innern, Ministerialrat Best, erläutert und dürfte nicht mir für die mit der Durchführung des Gesetzes de- saßten Behörden und die Bürgermeister der Landgemeinden, sondern auch für alle Personen, die als Mitglieder der Fürforgekasse in Betracht kommen können, von Interesse fein.
Z u m Beitritt zur St a f j e verpflichtet sind alle Beamten und Bediensteten der Landgemeinden und Stommuualucr- bände, die im Hauptberuf tätig sind. Dahin gehören u. a folgende Gruppen von Beamten und Bediensteten: Die von den Kreistagen, Krcisausfchüssen, Provinzialtagen, Provinzialausfchüssen angenommenen Personen, die für diese Körperschaften dauernd Dienste verrichten, insbesondere die KreiSstraßenwarter, die Bediensteten der Provilizialkranken-, Siechen-, Jrrenaiistalten, der Kreiskranken- häuser. der Abdeckereien nfw. Von den Beamteii und Bediensteten der Landgemeinden kommen namentlich folgende in Betracht: Gemeindeeinnehmer, Feldfchützen, Banaufjeher, Straßenwärter, Polizei-, Gemeinde-, Ortsgerichts - Diener, Schuldiöner, Büro- gehilien der Bürgermeistereien. — Die vorstehende Aufführung ist der Natur der Sache nach keine erschöpfende. — B e i t r i 11 s b er e ch t i g t sind die Bürgermeister der Lcmb- gememben, die ihr Amt im Hauptberus versehen und ein Dienst- cinüommcit von mindestens 800 Mark im Jahre haben. Weiterhin können mit Zustimmung der ihnen unmittelbar vorgesetzten Verwaltung folgende Perfonen freiwillig Mitglieder der Kasse iverden: die staatlichen Untererheber (insoweit sie nicht schon als Gemeindeeiiinchmer zum Beitritt verpflichtet sind), die Beamten und Bediensteteii der Sparkassen, der Ortskrankenkassen, der Rett» gionsgeineinden imb bev staatlich anerkannten religiösen Verbände, sowie der unter öffentlicher Aussicht stehenden Stiftungen, die Beaniten und Bediensteten der Haiidwerkskammer, Handelskammern, der Landwirtschaftskammer, des Sparkasseoerbandes und der Innungen, vorausgesetzt, daß diese Personen ihren Dienst im Hauptberuf versehen und aus ihrer Dienststelle ober ans mehreren zur Mitglicbschaft berechtigten Aemtem ein Einkommen von minbestens 800 Mark beziehen.
Die Hanbausgabe gibt Ausschluß über die Rechte und Pflichten der Kassenmitglieber, also über die Höhe des Ruhegehaltes, des Witwen- und Waisengelbes, sowie über die Höhe ber Eintrittsgelber und ber jährlichen Beitrage zur Kasse. Weiterhin ist bas Verhältnis des FürsorgekassegefetzcS zur reichsgesetzlichen Invalidenversicherung tlargestellt. Dem Gefetzcstext sinb auf Grund der Motive sowie ber lanbstanbischen Verhanblungen eingehenbe Erläuterungen beigefügt worben, bie bas Verstänbnis beS Gesetzes und bie richtige Anwenbnng besfelben erleichtern iverbcn.
Der Zeitpimkt des Inkrafttretens ber Fürforgekasse ist z. Zt. noch nicht beftimmt, ba zunächst bie Wahlen bes Mitglieber- ausschuffcs oorgenommen werben müssen. Aller Voraussicht nach wirb aber bie Kasse zu Beginn bes Jahres 1909 ins Leben treten können, es dürste sich daher einpsehlen, sich alsbald mit den Vorschriften bes Gesetzes vertraut zu^niachen.
* * Nation (illiberaler Parteitag. Der für Sonntag, 11. l. Mts. für Grün berg vorgesehene nationalliberale Parteitag muß aus einen der nächsten Sonntage verschoben werden, da Reichstagsabg. Dr. Osann, der für die Versammlung den Vortrag übernommen hatte, des eingetretenen Trauersalls wegen an der Tagung nicht teil- nchmen kann.
* * In Audienz empfangen wurden von S. K. H. dem Großh erzog am Mittwoch u. a. RegierungLrat Korfmann und Hochbauaufseher Schadt von Alsfeld, sowie Pfarrer Lehr von Ober-Rosbach.
* * Forstpcrsonalien. S. K. H. der Großherzotz haben den Oberförster der Oberförstcrei Lauterbach Mettenheimer zu Lauterbach in gleicher Diensteigenschaft in die Oberförsterei Windhausen versetzt.
* * Lehramtspersonalien. S. K. H. der Groß- h erzog haben den Oberlehrer an der höheren Bürgerschule zu Lauterbach Herrn. Wainser zum Oberlehrer an der höheren Bürgerschule zu Neu-Isenburg ernannt.
* * Titelverleihung. S. K. H. der Gro ß h erzog haben den Bauinspertorcn Gust. Plock zu Bensheim iinb Paul Kubo zu Mainz, sowie dem ständigen techn. Hilfsarbeiter bei der Abteilung für Bauwesen des Ministeriums der Finanzen Oberingenieur Hch. Schöberl zu Turmstadt den Charakter als „Baurat" verliehen.
* * Ho f liefernnt. Der Inhaber der v. Münchvw- schen Hos- und Universitätsdrnckerei, Herr Otto Kindt, hier, ist von S. K. H. dem Großherzoge zu dessen Hos- buchdrucker persönlich ernannt worden.
* * Handelskammerwahlen. Wie die »Darmst. Ztg." hört, werden in diesem Jahre nach den Vorschriften des Gesetzes vom 1. Juli ds. Js. über die Aenderung des Handelskammer-Gesetzes sämtliche Mitglieder der Handelskammern des Großherzogtums neu gewählt, Das neue Gesetz schreibt eine sechsjährige Wahlperiode voi und bestimmt, daß bei der übernächsten und der folgenden Ergänzungswahl je ein Drittel der Mitglieder auSzuscheiden hat; auch ändert es die Art der Vertretung bei den Wahlen. Mit diesen Vorschriften läßt sich nicht vereinbaren, daß Ätit- glieder, die nach der alten Weise und für die Dauer der scüheren Wahlperiode gewählt waren, in den Handelskammern bleiben. Nur durch Neuwahl sämtlicher Mitglieder können^ daher die Vorschriften des neuen Gesetzes erfüllt werden.
** Aus b_ent Burea u des Skadttheaters. Am nächsten Sonntag finden ztvci Vorstellungen bei kleinen Preisen statt. ^Nachmittags geht Maria Stuart in Szene. Frl. Achterberg und Frl. Höcker werden die Hauptrollen der „Maria Stuart" und der „Elisabeth" geben. Am Sonntag abend werden die beliebten Sckjwänke weißen Roßl" und die Fortsetzung „Als ich wiederkam" zusammen anfgeführt und dürften sicher starken Zuspruch finden, zumal die Ausstattung des neuen HmrseS auch diesen Stücken sehr zu statten kommt. Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß die beiden Vorstellungen des Sonntags im Abonnemerit nicht wiederholt werden.
Die Rekruten der Infanterie werden heut und morgen bei den Regimentern des 18. Korps eingestellt.
** Oberhessisches Haus. In diesen Tagen wurden das Elternschlafzimmcr und das Fremdenzimmer im Obergeschoß zum zweitenmal verkauft. Beide Räume sind von Architekt H. Burg zu Gießen entworfen, das erstere von Schreinermeister Meuer II. zu Orteubcrg, das letztere von den Schretnermeistern Rausch zu Schadges und Zinn zu Grebenhain gearbeitet. Während der Ausstellung find außerdem verkauft worden: 1. das Herrenzimmer, entworfen von Prof. Olbrich, angefertigt von Hoflieferant Th. Brück zu Gießen, 2. zweimal die Hallenmöbel, entworfen von Architekt H. Burg zu Gießen, angefertigt von Möbelfabri- kant Ringshausen zu Nidda.
** Vereinfachte Teilungsaufgabe. Mit seinen Abe-Schutzen wollte ein Lehrer das Teilen durchgehen. Um cs ihnen besser zu veranschaulichen, nahm e.r


