Ausgabe 
1.4.1908 Erstes Blatt
 
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Truppenteilen zu üben. Mit dem 1. April beginnt alsdann ein besonderer Ausbildungskursus für Offiziere der In­fanterie des Beurlaubten stand es. Hierbei übernimmt Oberstleutnant v. Lindequist vom Stabe des Kaiser Wilbelm- RegimentS 116 die Leitung. Jede der beiden Divisionen stellt eine Kompagnie als Uebungskompagnie, deren Chefs und außerdem noch zwei Hauptleute und ein Oberleutnant als Lehrer dienen. Als Uebungskompagnie wird von der 21. Division die 5. Kompagnie des Regiments Hesscn-Hom- bnrg 166 in Hanau gestellt, mährend von der 25. Division Großherzogs Leibtonipagnie Leibgarde-Regiments 115 dazu bestimmt ist. Diese Slompcignie rückte unter Hauptmann Frei­herr Röder v. Diersburg, nachdem sie gestern durch den Regimentskommandeur, Oberst v. Hutier, im Beisein des Brigade- und Tioisionskommandeurs in ihrer Ausbildung besichtigt ist, am 1. April ins Barackenlager bei Griesheim. Gleichzeitig wird auch die oben genannte Kompagnie des Regiments 166 unter Hauptmann v. Meding dahin verlegt. Die vierwöchentliche Uebung ist, nach derDarmst. Ztg.", dem Kommandeur der 49. (1. Großh. Hess.) Infanterie-Brigade, Generalmajor v. Francois, unterstellt.

** Das Kolossenm ivird Opernhaus! Wie wir hören, geht Herr Rappmann mit der Absicht um, aus seinem jetzigen Spezialitätentheatcr ein Opernhaus größeren Stiles zu schaffen. Die großen Erfolge, die der Theaterverein mit seinen Opernvorstellungen gehabt bat, haben ihn überzeugt, daß in Gießen neben dem nnc dem Schau- und Lustspiel und nebenher der Posse gewidmeten Stadttheater sehr wohl auch ein Gießener Opernhaus florieren könnte, in dem natürlich auch die Operette nicht fehlen wurde. Gerade auf dem Gebiete der Operette glaubt Herr Rappmann durch vor­zügliche Beziehungen Hervorragendes bieten zu können. Er hat sich, roie man uns versichert, vorerst mit Franz Löh ar, dem so erfolgreichen Komponisten derLustigen Witwe", in Verbindung gesetzt, der ihm einen sehr befähigten jungen Wiener Musiker, D. Ruhrellot, als Kapellmeister em­pfohlen hat. Der letzte ,Romantiker" aber, der Brettl- künstler Danny Gürtler, ist als Regisseur in Aussicht genommen. Die Eröffnung des neuen Gießener Opernhauses wird indessen leider erst übers Jahr erfolgen können, da ja ein gründlicher, übrigens durch Professor Messel in Berlin, den hervorragenden, leider zurzeit er­krankten Architekten, bekanntlich einen gebürtigen Darmstädter, im Stile des bekannten großen Berliner Warenhauses Wert­heim vorzunehmender Umbau des Kolosseums zu diesem Zwecke von Nöten ist. Das Gießener Opernhaus soll, wie wir jetzt schon verraten können, mit einem Gastspiel der kgl.württ. Hofopernsängecin Frau Bark-Berg er, die bekanntlich auch, wie Gürtler, aus Hessen stammt, als Brun- hilde in WagnersWalküre" am 1. April 1909 eröffnet werden. Der Prolog für den Eröffnungsabend wird von Ernst Frhrn. v. Wolzogen verfaßt werden, dessen Gattill Elsa Laura v. W. am zweiten Vorstellungsabend als Elsa in WagnersLo hengrin" auftreten wird, in einer Rolle, mit der sie in Darmstadt gelegentlich des vorjährigen Pressefestes große Triumphe feierte.

Lehrerpersonalien. Uebertragen wurden dem Hauptlehrer Gg. Brand statt er zu Hechtsheim und dem Lehrer Wilh. Muth zu Leiselheim je eine Lehrerstelle an her Volksschule zu Mainz-Mombach; dem Schulamtsaspiranten Üudw. Egly aus Ueberau und dem Schulamtsaspiranten Üoh. Floch aus Schwabenheim a. S. je eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Naunheim, mit Wirkung vom Be­ginn des Schuljahres 1908/09 an; dem Lehrer Adolf Mer- gott zu Obbornhofen die fünfte Lehrerstelle an der Ge- Ntemdeschule zu Nidda. Erteilt wurden dem israelitischen ReligionÄehrer Leopold Oppenheimer in Groß-Steinheim hie Rechte eines desinitiv angestellten Volksschullehrers. Erledigt ist die mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Herchenhain. Mil der Stelle ist Organistendienst verbunden. Ihrem Inhaber kann eine Ortszulage bewilligt werden.

* Der dritte Gießener Wanderkursus zur Aus­bildung von Volksschullehrern aus dem Kreise Gießen beginnt, wie, schon kurz mitgeteilt wurde, am 8. April im landwirt- Mästlichen Institut unter Leitung von Professor Dr. G i s e v i u s Das K. K. Ministerium in Wien will fünf österreichische Volks- schpllehrer dazu für die Monats April bis August nach Gießen senden, um die Gießener neyc Unterrichtsmethode und die wiMner Stoffauswahl auch in Oesterreich versuchsweise cin- Muhren. Auch aus anderen Kreisen Oberhessens werden ein­zelne Lehrer an dem. Kursus teilnehmen.

" Der städtlsche Uhn, dessen Anschaffung vor einiger ßeü angeregt und inzwischen auch erfolgt ist, soll, wie wir hären, heute nachmittag 5V2 Uhr feierlich in seinen Dienst emgeführt werden. Es handelt sich zunächst aller- dings nur um einen Probesiug unter Kontrolle des auf der Theaterrampe versammelten Blicks der Stadtverordneten. Der Uhu soll nämlich vom Lorbeerkranz des Theater-Apollos Ws dreimal das Bürgermeistereigebäude umkreisen. Es wird rrsucht, jedes Ulken zu lassen, damit der seltene Vogel nicht kopfscheu wird und nuf Nimmerwiedersehen davonfliegt. Tas wäre für die Stadt em unersetzlicher Verlust. Die nächste Aufgabe des Uhils ist die Reinigung des Geländes jenseits der Lahn von Ungeziefer; er ist deshalb der Feldbereinigungs- kommisston unterstellt. Ueber die Gewohnheiten des Vogels haben wir folg, m Erfahrung gebracht: Er gehört zur nachdenklichen Art des JlbeShäuser Papageis, ist sehr anspruchslos und liebt recht harte Nahrung, am Tage ist er sehr schweigsam, weil er die Stimm­bänder zum Kauen verwenden muß. Nur am Abend ertönt Rin langgezogenes Uhuuul Seitdem er weiß, daß ihn die Menschen so nennen, gibt er sich Mühe, den Klang seines Naincns möglichit täuschend nachzuahmen. Er hat eS, wie jeder iveiß, in dieser Kunst der Toniiialerei schon erstaunlich weit gebracht. Tagsüber sitzt er stundenlang tiefsinnig auf einen» Fleck. Dann rinnt aus dem größeren der beiden Augen (dem Nachta»ige) eine jener berühmten Krokodils- trönen nach der anderen, ein Beweis der großen Gemütsttefe und Sensibilität des rätselhaften Vogels. Aenßerlich ist er unscheinbar, wie a»ich aridere Menschen; der wahre Kern liegt eben im Innern, «seine Unterbringung hat schon große Schwtecig- keiten gemacht. Alan hatte zuerst an einen Anbau an das Bürgermeistereigebäude gedacht, dies jedoch bald wieder auf- gegeben, weil es zu kostspielig geivorden wäre, das Bürger- meiftereigebäube auch unter Denkmalschutz gestellt werden soll. Man hatte deshalb den Uhu provisorisch in dem Türmchen tuf dein Theaterdach untergebracht. Dort hat er aber nicht

gut getan, eS gab Störungen in der Mffülätion und der Ventilator wurde ganz irre in den Himmelsrichtungen. Für die Folge ist vorgesehen, daß der Uhu gegen entsprechendes Honorar in private Pflege und Wartung gegeben werden soll. Es wird Wert auf gediegenen Familienanschluß gelegt. Es werden deshalb geeignete Bewerber aufgefordert, bis 15. April an die Deputation für das Einguartierungswesen Offerten einzureichen. Verlangt ivird: vorgeschriebenes Körper­maß, garantiert nationale Gesinnung; Kavalleristen mit viehischen Kenntniffen werden bevorzugt. Ueberhaupt mögen sich nur solche Leute melden, die über die nötige Vogelliebe und den richtigen Tierverstand verfügen.

** D er Männerturnverein veranstaltete am Sonn­tag d. 22. März sein diesjähriges Zoglings-Anturnen, das einen sehr guten Verlauf nahm. Die Resultate waren: Oberstufe: 1. Preis Friedr. Peppler mit 132 Punkten; 2. Preis Willi Haun mit 1281/3; 3. Preis Karl Thot I. mit 125; 4. Preis Heinr. Dechert mit 109i/2; 4. Preis Hans Thot II. mit 1091/z; 5. Preis Herrn. Heß mit lO?1/^ 6. Preis Karl Sommerkorn mit 97; 7. Preis Heinr. Krarrshaar mit 371/2; 8. Preis Paul Langer mit 86; 9. Preis Otto Sier mit 76i/2; 10. Preis Günther Müller mit 76. Unterstufe: 1. Preis Ernst Hebstreit mit 131 Punkten; 2. Preis Friedr. Roder mit 129; 3. Preis Heinr. Engelbach mit 1221/2; 4. Preis August Ziegler mit 122; 5. Preis Rob. Günther mit 117i/2; ß. Preis Karl Petri mit 115x/2; 7. Preis Joh. Altensen mit lOS1^; 8. Preis Heinr. Hauser mit 107; 9. Preis Karl Hänscheid mit 103; 10. Preis Karl Oßwald mit 99i/2; 11. Preis Ludw. Hebstreit mit 99; 12. Preis Georg Emrich mit 96; 13. Preis Georg Keil mit 92 ; 14. Preis Karl Hofmann mit 85. Die Hebungen waren durchweg flott und zeugten von viel Fleiß und Interesse. Am Sonntag, 29. März, fand gelegentlich eines veranstalteten Familien- Abends die Preisverteilung statt, der einige wohlgelungene Vorträge und ein Tänzchen folgten.

* * Michern sei er. Der Gemeindeabend der ev. Gemeinde, an dem das Andenken Wicherns gefeiert werden soll, ist auf den 10. Mai verlegt worden, während der akademische Vor­trag, ben Professor D. Drews in der großen Aula halten wird, am Samstag, 2. Mai, ftattfindet.

* * Aus dem Bureau des Stadttheaters. Alle interessierten Kreise werden darauf hingewiesen, daß am nächsten Samstag (4. April), nachmittags 1/2 4 Uhr, HebbelsG yges und sein^Ring" als s ch ü l e r v 0 r ft e l l u n g bei Volks­preisen in Szene geht.

* * Ser Gernbardtsche Zither- und 9)1 an = dolinenchor veranstaltet am Sonntag, 5. April, feinen letzten musikalischen Unterhaltungs-Abend in dieser Saison. Geboten werden Vorträge des ca. 20 Personen starren Zither-Orchesters, Mandolinen-, Zymbal- sowie ein- und mehr­stimmige Gesangsvorträge der Gesangs-Abteilung des Vereins. Auch Nichtmitgliedern ist Gelegenheit geboten, den Abend zu besuchen. (S. Inserat.)

?* Vom Fr a nf f ur t er Turnfest. Der Turnfahrten- Ausschuß des Deutschen Turnsestes hat für jene Turner, die an den Aufenthalt in Frankfurt einen Ausflug in die nähere und weitere Umgebung auschließen wollen, eine Reihe halb-, ganz- und mehrtägiger Turnfahrten zusammengestellt, die nach fast allen schonen Punkten ring» um Frankfurt führen. Wir neunen: Taunus, Niederwald, Vogelsberg, Rhön, Odenwald, Spessart, Pfälzer, Hardt, Eifel, sowie den Rhein mit feinen idyllischen Nebentälern (Mosel, Lahn, Aar, Nahe, Neckar und lUlain). Wer länger auÄleiben will, dem wird Gelegenheit geboten, den Schwarzwald, die Vogesen, Straßburg und Metz, ja sogar Nancy und Paris einen Besuch abzuftatten. Die Radfahrer werden es , besonders freudig begrüßen, daß auch für sie halb­tägige, ganz- und zweitägige Fahrten durch die landschaftlich schönsten Striche der Umgebung unter der Führung tundiger Turner vorgesehen sind. Am letzten Tag des Festes (Donners­tag, 23. Juli) finden abends für die Turner Garteilfeste in Hom­burg und Wiesbaden statt und zu gleicher Zeit ein Burgenfest in dem altertümlichen Klingenberg am Main. Alles Nähere hierüber teilt das demnächst erscheinende Turnfahrten-Büchlein mit.

* * Ein dentscher Ab stine n t en t a g findet im Ok­tober d. I. in Frankfurt a. M. statt. Vorsitzender der Ver- anftaltimg ist Rechtsanwalt Meufer in Friedberg.

* Braud. Bei dem starken Gewitter, das gestern nachmittag über unsere Stadt zog, schlug der Blitz m em Back st ein Hänschen a n der Hardt und zündete. Die Feuerwehr war alarmiert worden, allein es blieb wenig zu tun übrig, das isoliert stehende Häuschen brannte vollständig nieder. Auch ein starker Baum an der Nodhcimerstraße wurde vom Sturm entwurzelt und quer über das Geleise der Bieber- lalbahn auf die Straße geworfen.

** Tas sprü ch wörtliche A p r i l io e t t c r begann dieses Mal schon am letzten Tag des Monats 'März. Alle Augenblicke machte J)er Himmel ein anderes Gesicht. Regen und Sonnen­schein, Sturm und Hagel losten im lieblichen Wechsel einander ab. Dazu gab es in den Nachmiltagsstunden em heftiges ziemlich lang andanerndes Gewitter, das den seltsamen Witterungs- erscheinungen des letzten Märflages die Krone aufsetzte.

**Jn der Fachausstellung für das Gastwirte- gewerbe wird sich heute nachmittag um 5 Uhr ein seltenes und überraschendes Schauspiel vollziehen. In einem extra zu diesem Zwecke errichteten Anbau, der von den Besuchern noch gar Nicht bemerkt worden ist, wird ein Riesen 0 chsc in feiner ganzen kolossalen Größe gebraten, uni) bie einzelnen Teile werden als Aufschnitt zum Preise von nur 10 Pfg. ver­kauft werden. Ein in der Kunst des Ochsenbratens und besonders in der des kalten Ausschneidens gewiegter Künstler des Metz­gergewerbes ist zu diesem Zwecke extra aus Würzburg hier crfajicnen, wo solche Ochsenbratereien bekanntlich von Zeit zu Zeit ftatrfinden und wo er seine seltene Kunst gelernt hat. Ein besonders starker Besuch der Ausstellung steht also für heute nachmittag bevor. Morgen kommt, wie wir hören, die zweite, und zwar wie man uns versichert, die bessere Hälfte des Ochsen für die auswärtigen Besucher der Ausstellung zum Verkauf.

x Heuchelheim, 31. März. Zur Unterbringung einer weiteren Schulklasse ist ein Neubau im Schulgarten der neuen Schule geplant. Das Gebäude soll 2 Schulsäle enthalten.

Annerod, 31. März. Die hiesige Gemeinde- j a g d wurde vor einigen Tagen im alten Schulsaale versteigert. Höchstbietender blieb Herr Denninghof aus Gießen.

-n Rödgen, 81. März. In den letzten Wochen häufen sich in unserer Gemeinde wieder die Fälle von Diphtherie, sodaß die Schule geschloffen werden mußte.

+ Leihgestern, 31. März. Bei den Ausschachtungs- 1 arbeiten auf einem Acker wurden Steinwerkzeuge und ' G efäß stücke gefunden. Der Oberhessische Geschichtsverein - läßt weitere Nachgrabungen vornehmen. '

0 Lau doch, 31. März. Am vorigen Sonntag kamen < 12 Stück Hochwild über den Ringelsberg auf den Sigi- latenberg bis an den Einschnitt, den die Eisenbahn etwa l 50 Schritte von der Stadt entfernt, macht. Erschreckt durch £ das Kindergeschrei suchten die Hirsche in Schnelle den Wald r

wieder jt» gewinnen. Am Sonntag abenfc, al« eine Familie beim Esten saß, begehrte ein fremder Herr im 1. Stock eines neu erbauten Hauses in der Kaiserstraße durch die Korridorschelle Eiiilaß und stürzte mit dem Rufe Feuer! in die Küche, einen Eimer mit Wasser zu holen, um in dem benachbarten Zimmer, das in hellen Flammen stand, zu loschen. Tie bestürzten Inwohner sowie die herbeigeeilten Nachbarn halfen tapfer mit, so daß nur einige Gegenstände im Zimmer verbrannten. Das Feuer soll durch ein glimmendes Streichholz in einem Papierkorb entstanden sein.

§ Vom oberen Vogelsberge, 31. März. Wie im vorigen, so haben auch in diesem Winter in einer großen Anzahl Gemarkungen die Wintersaaten besonders die Spätsaat durch den Frost ungemein gelitten, sodaß die Felder neu bestellt werden müssen. Der erlittene Schaden ist, soweit er sich bis jetzt übersehen läßt, auch diesmal sehr groß.

R. B. Darmstadt, 31. März. Der Kaufmann I. Wunderte aus Lorsch, der unter dem Verdachte oorsätz- kicher Brandstiftung verhaftet war, ist wieder auf freien Fuß gesetzt worden und das Verfahren wurde eingestellt. Im Gelände des neuen Personenbahnhofs in der ehemaligen Tanne", wurde ein schon sehr altes menschliches Skelett gefunden. Es lag 11/3 m unter der Erde.

() Marburg, 31. März. In der Nähe des Bahnhofes wurde die Leiche des feit einigen Wochen vermißten jugend­lichen Bäckergehilsen P e r f ch k e aus Wetter aus der Lahn gelänbet.

h. Frankfurt a. M., 1. April. Der demokratische Verein befaßte sich gestern mit der Frage der Landtagswahl. Es wurde mitgeteilt, daß Rudolf Oeser keine Kandidatur zum preu­ßischen Landtag mehr aunehme. Den zweiten Punkt der Tagesord­nung bildete eine Aussprache über das Vereins- und Versamm- lungsrecht, in der die schweren Bedenken gegen den Sprachen- Paragraphen betont wurden. Von einer Beschlußfassung wurd- abgesehen.

<0erid?isiaaL

RB. Darmstadt, 31. März. Ein interessanter Fall von unlauterem Wettbewerb kanr heute vor dem Schöffengericht zur Eledigrmg. Der Vorsitzende des Detalllisten» Vereins, Kaufmann Supp, und der Kaufmann Kleber halten im vorigen Jahre gegen die Firma L. Kahn, Konfektionsgeschäft' hier, eine Anzeige wegen unlauteren Wettbewerbs erstattet, weil sie große Annoncen in den Blätterir über Ausverkauf von 1000 Röcken, 600 Blusen rc. erlassen hatte. Tas Verfahren gegen die Firma wegen unlauteren Wettbewerbs wurde aber emgeftellt. Daraufhin erhob nun Kahn durch seinen Rechtsanwalt Dr. Fulda gegen die beiden Herren Privatklage wegen verleumderischer Be- leidigung mit der Begründlmg, sie hätten die Anzeige wider befferes Wissen erstattet. In der heutigen Verhandlung ivurde nun eine Anzahl Zeugen, barunter die Inhaber verschiedener Konfektions­geschäfte, vernommen. Nach lebhaftem Ptaidoyer zwischen Dr. Fulda und dem Vertreter der beiden Beklagten, Rechlsattwalt Dr. Hoffnlann II, entschied das Gericht dahin, daß die Klage abzu- weisen, also Supp und Kleber sreizusprechen und dem Klager die Kosten des Verfahrens aiifzuerlegen seien. Tas Gericht erkannte ausdrücklich an, daß beide Beklagte in Wahrung berech­tigter Interessen gehandelt hätten, und daß ihr guter Glaube aiui) durch bie Beweisaufnahme erwiesen worden sei, so­wie bie Absicht einer Beleidigung gefehlt habe.

Frankfurt a. M., 31. 'März. Ter Anarchist Emil Busch, der im Januar d. I. in einer Arbeiterversammlung den Reichskanzler beleidigt hatte, wurde beute von der hiesigen Stras- kammer wegen Beleidigung des Reichskanzlers und wegen Ver­gehens nach § 130 Str. G. B. zu einem 9 a l) r e Gefängnis verurteilt. Tie Verhandlung fand unter vollstäi'.digem Ausschluß der Oeffeiitlichkeit statt. Sogar die Begründung des Urteils er­folgte unter Ausschluß der Oeffentlichkeit, und den Zeugen wurde strengstes Stillschweigen auferlegt.

Kiel, 31. 'März. Das Kriegsgericht verurteilte den Ver­mess u n g s b e a ,n t e n Pelknui wegen 'Mißhandlung von Rekruten in acht Fällen zu sechs Wochen Aiittelarrest.

Rom, 31. Aiärz. Der K a s j a t i 0 n s h 0 f hat heute nach­mittag bie N 1 chtigkeits - Beschwerbe Nasis für un­zulässig erklärt.

HandeL ttisd Verkehr, Volkswirtschaft.

Buderuö'sche Eisenwerke, Wetzlar.

Wetzlar, 31. März.

Tie heutige ordentliche Hauptversammlung, in dec 4438 Aktien vertreten waren, genehmigte den vorgelegten Rechnungs­abschluß für bas Jahr 1907 und beschloß, den Reingewinn nach ben Vorschlägen der Verwaltung zu verteilen; hiernach gelangt eine Dividende von 8 °,0 wie im Vorjahre zur Auszahlung. Auch die weiteren Anträge der Verivaltung, betreffend Bewilligung von 2 350 000 Alk. für Neuanlagen und Ermächtigung zum Ab­schluß eines Beanilenversicheiuiigsvertrages fanden einstunmige An- nähme. Tie ausscheidenben Atttglieber b'es Aufsichtsrats, die sperren Earl F. Stiebet m Frankfurt a. M. und Albert Seyberth in Wies­baden, wurden wiedergewählt. Aus den Alitteilungen der Ver- ivaltung geht hervor, daß in den ersten drei Alouaten des neuen Geschäftsjahres der Betrieb in allen Abteilungen im allgemeiner ohne Einschränkung aufrecht erhalten werden konnte. Wegen des unbefriedigenden Absatzes in Roheisen, der nach Ansicht der Ver­waltung hauptsächlich als eine Folge der hohen Brennstoffpreise angesehen werben muß, ist sie aber gezwungen, am 1. April einen Hochofen auf ber Georgshütte aitszublaseii. Hierburch erfährt iiaturgemaß auch bie Erzforderung eine Einschränkung. Auch auf ben Abteilungen Carlshntte und Lollar soll, um das Anwachsen ber Bestäube zu vermmbern, bis auf weiteres w 0 ch entlich eine Feierschicht eingelegt werden. Arbeuerentlafsuiigen haben sich bis jetzt noch vermeiden lassen. Ta ähnliche Ataß' nahmen, wie die hier geschilderten, auch von anderen Wecken er­griffen sind, jo ist zu hoffen, daß durch /vermindertes Angebot die Alarktlage günstig beeinflußt wird. Eine merlttche Besserung kann aber erst eintreten, wenn die Preise für Kohle und Koks eine an- gemessene Ermäßigung ersahren haben. In dieser Beziehung wird die Tatsache ber allgemeinen Einschränkung der Roheisenerzeugung eine deutlichere Sprache tür das Kohlensyndikat reden, als sie die bisherigen Vorstellungen znnr Ausdruck bringen konnten. Tie Verwaltung hält trotz der vorliegenden Schwierigkeiten au3 den im Geschäftsbericht erwähnten Gründen an der Auffassung fest, daß das lausende Jahr keine zu großen Unterschiede gegen das Vorsahr in den Gewmnzahlen aufweifen wird.

Märkte.

Gieße», 31. März. Alarilvericht. Auf heutigem Wocben- markte kostete: Butter pr. PW. 1.101.20 Alk., Hühnereier 1 St. 67 Vfg., Käse pr. St. 68 Pf., Käsematte 2 St. 66 Pfg-, Erbsen p. Pid. 1824 Pfg., Linsen p. Psd. 25-40 Pfg., Tauben pr. Pr. 0,80-1,00 Alt., Hühner pr. St. 1,001,60 SDIL, Hähne pr. Stück 0,801,80 Alk., Gänse pr. Pfd. 0000, Enten pr. Stück 1,80 bis 2,20 Alk., Ochsenfleisch pr. Psd. 76-84 Pfg., Kuh- und Rindfleiich pr. Pfund 7476 Psg., Schweinefleisch pr. Psund 6076 Pfg., Schweinefleisch, gesalzen, pr. Pfd- 80 Pfg., Kalbfleisch pr. Pfd. 7076 Psg., Hammelfleisch pr. PW 7084 Psg. Kartoffeln pr. 100 Kg. 6.007.00 Alk., Zwiebel» pr Ztr. 5,006,00 Alk., Alilch per Liter 20 Pfg., Weißkraut pei Stück 000 Psg., per Zentner Alk. 0.000.00. Aepsel per Ztr. 1025 Mk., Birnen per Ztr. 1025 Alk. Russe 100 Stück 4000 Pfg., per Ztr. 000 Alk. Alarktzeu von 82 Uhr.

Kar löffel markt-Berichi vom 30. März 1908 Friedberg (Hessen): Rote Sorte Mk. 2.002.10, Alagnuiv bonum 2.502.60, weiße runde 2.002.10, Gelbfleischige, weiße, 2.50, bis 0.00. Frankfurt a. Al.: Rote Sorte Alk. 2.20O.Oty Magnum bonum 2.502.60, weiße runde 2.20 dis 2.25, Geldfleischigs