scha ft zufrieden, bedauert aber, daß es nicht gelungen gd, eine BetrieLsmittelgemeinschaft zu erreichen.
Abg. Köhler (diz.) meint dagegen, die Heffen hatten in Nsevbahndingen jetzt überhaupt nichts mehr zu sagen.
Morgen Abstimmung über die Resolutionen zum Post- etat, Etat des Reichsmilitärgerichts, Kolonialetat.
Drcußtlches Abgeordnetenhaus.
Berlin, 2. Mai.
Zur ersten Beratung steht das L e h r e r v e n s i o n s g e s e tz, das die den sonstigen Beamten bewilligten Pensionen auch den Volksschullehrern bewilligt. '
Kultusminister Dr. v. Studt erklärt, das Gesetz ziehe die Kouseauenzen der Pensums- und Reliktengesetze für die Staatsbeamten auch für die Volksschullehrer. Er glaube, das Haus Verde, da die Sache so einfach liege, ohne Kommissionsberatung tu die zweite Lesung eintreten.
Ein Antrag aus Kommissionsberatung wird abgelehnt.
Das Beamtenpensionsgesetz wird ohne Erörterung hi dritter Beratung angenommen, ebenso das Lichterbesoldungsgesetz. .
Es folgt die Interpellation des Abg. Grafen v. Kamtz über die Höhe der Kohlenpreise.
Abg. Graf Kanitz führt aus, schon früher habe es hohe Kohlenpreise gegeben, meist aber nur für kürzere Zeit. Die jetzige Höhe der Preise aber dauere schon lange an, und die Konjunktur halte noch an. Durch diese Preise werde die Industrie vielfach geschädigt, es sei zum Teil schon Kohlenmanßel emge- treten. Keine Industrie besinde sich in einer so günstigen Lage wie die Kohlenindustrie. Nach der Erhöhung der Preise durch das westsälische Kohlensyndikat hatten auch die anderen Gruben ihre Preise erhöht. Im Vorjahre sei ein Mehraufwand von 161 Millwnen für Kohlen und Koks notwendig geworden, den Verbrauch der Zechen selbst allerdings einbegriffen. Allzulange könne diese Preissteigerung der Aohle nicht fortgesetzt werden, ohne daß eine Gefährdung unseres ganzen wirtschaftlichen Lebens eintrete. Ebenso schädlich wirke die Verteuerung der Eisen- preise, da in Deutschland jährlich 166 Kilo Eisen auf den Kopf der Bevölkerung verbraucht werden. Sie sei eine Folge der Verteuerung der Kohle. Ebenso hänge damit die Teuerung beim Brennholz zusammen. Seit 1899 habe das Kohlenshndikat die Ausfuhr mehr als verdoppelt. Die Enquete zur Feststellung der Kohlenpreise habe nichts ausrichten können, da em Einbliä in die „Geschäftsgeheimnisse" des Kohlensynditäts verweigert wurde. Ohne den ausgedehnten Kohlenexport würden wir keine Kohlennot haben. Auch der Wagenmangel würde abnehmen. Redner bittet deshalb die Regierung, beim Bundesrat für Einführung eines Kohlenausfuhrzolles einzutreten. Reklamationen des Auslandes würden ebensowenig zu besorgen sein, wie bei ^nglanb, als es den Kohlenausfuhrzoll erhoben habe. Die Frage der Ausnahmetarife für Kohle sei schon vor Jahren erwogen vorden. Damals aber — vor ungefähr 7 Jahren — seien allgemeine Depressionen auf dem Jndultriemarkte gewesen; jetzt sei das ganz anders. Er möchte den Minister bitten, die Frage der Abschaffung dieser Tarife in Erwägung zu ziehen.
Handelsminister Delbrück erwidert, die Kohle habe noch nicht den Preis von 1900 wieder erreicht, obwohl die Herltellungs- preise inzwischen gestiegen seien. Die Kurve der Arbeitslöhne gehe nach oben, btc Kurve der Ueberschüsse nach unten; gleichwohl gebe er zu, daß d.ie Preise eine unheimliche Höhe erreicht haben, und es werde Sache der Regierung sein, zu prüfen, u)b sich hier Wandel schaffen lasse. Einen Kohlenausfuhrzoll ikönne er nicht empfehlen, er könnte uns unter Umständen sehr fckKdlich sein. Die Einnahmen für das Reich würden auch nicht besonders groß sein. Ob wir in der Lage seien, die Ausschreitungen der Syndikate zu verhindern, das werde er heute nicht untersuchen. Jedenfalls sei die Regierung auch ohne Syndikatsgesetz in dieser Richtung bemüht geweseü. Daß der Fiskus als 'Produzent auf die Kohlenpreise einwirken könne, glaube er nicht.
Minister Breitenbach erklärt sich bereit, in eine Prüfung der Frage einzutreten, ob die AusnaHmetarife für Kohlen und Ko^ nach dem Auslande beizubehaUen seien.
Auf Antrag des Abg. Erffa (L) findet die Besprechung der iJn^rpellation statt.
Abg. Hirsch-Essen (nt) hall angesichtsl der hohen Löhne für die Bergarbeiter die Kvhlenpreise nicht zu hoch. Tie Schwankungen der englischen Kvhle seien bedeutend stärker gewesen, Ms diejenigen der Ruhrkohle. Gerade die Stetigkeit der Kvhlen- ipreise sei ein besonderes Verdienst des Kvhlensyndikats. Wenn Las Kohlensyndikat dem regellosen Angebot, das die Preise unheilvoll ruiniert habe, ein Ende gemacht habe, so sei das mit eines seiner besten Verdienst. Die Löhne der Bergarbeiter feien von ungefähr 1000 Mk. auf 1600 Mk. vom Jahre 1893 zum Jahre 1906 gestiegen. Daß die höheren UnEoftcn und Löhne wieder eingebracht werden müßten, sei doch selbstverständlich. Durch die Aushebung der Auslandstarife würden die Eisenbahnen lediglich geschädigt werden, auf die heimische Preis- Lildung würde diese Maßregel ganz ohne Einfluß sein.
Mg. Herold (C.) erklärt, Graf Kanitz wünsche einen Ausfuhrzoll auf Kohle. Er halte das für gewagt, die Ausfuhr würde dadurch wohl sehr beschränll werden, nicht ratsam wäre es, wenn gerade Deutschland wieder den Anfang mache, Ausfuhrzölle zu erheben. Es könnten dann auch andere Länder wieder Ausfuhrzölle auf Rohmaterialien erheben, die TLUtsch- lanb bei seiner hochentwickelten Industrie notwendig brauche. 3e größer die Syndikate, desto größer ihr Einfluß. Deshalb müßten wir auch dafür sorgen, daß der Staat ein Aufsichtsrecht lyber diese Syndikate habe. Ganz einwandfrei sei das Kohlensyndikat nicht, einzugestehen aber sei es, daß es auf die Gleichmäßigkeit der Preise in den letzten Jahren günstig ein» gewirkt habe.
Abg. Wagner (ft) erklärt, seine Partei werde die Interpellation des Grafen Kanitz unterstützen. Dem Minister sei er dankbar für die zugesagten Erwägungen. Der Kohlenausfuhrzoll bilde ein sehr schwieriges Problem. Die oberschlesischen und niederschlesischen Syndikate würden gegen jeden Kohlenausfuhrzoll den energischsten Widerstand entgegensetzen. Ein solcher .Zoll würde eine erhebliche Einschränkung der Produllion zur "Folge haben.
Abg. Münsterberg (fif. Vg.) verkennt nicht, daß das Syndikat auf die Steigerung der Kvhlenpreise einen bedeutenden Einfluß gehabt habe. Diese Steigerung sei aber nur quantitativ', denn unter der Lage der Konjunktur müßten die Preise in die Höhe gehen. Auf die Interpellation hätten die beiden Minister sehr sachgemäße und vernünftige Antwort gegeben. Er meine vernünftig in dem Sinne, daß die Minister nicht vergessen hätten, daß auch der Verkehr seine ganz besonderen Anforderungen stelle. Daß ein Ausfuhrzoll Besserung schaffen solle, könne er durchaus' nicht ein)eben. Ihn würde das Inland tragen müssen. Er stehe jeder Form von Ausfuhrzöllen grundsätzlich ablehnend gegenüber. Der Eisenbahnminister habe durchaus das richtige getroffen.
Abg. Dr. Hahn (s5b.)_ erklärt, leider sei es dem Minister nicht gelungen, auf die Geschästsgebahrung des Syndikats einzuwirken. Tie Einschränkung der Förderungsziffer entspreche nicht den Interessen der Allgemeinheit. Hier hätte eine Aufsichtsmaßnahme von Staatswegen eingreifen müssen. Sehr bedauerlich sei die Ueberschätzung des Exports und die Unterschätzung des inländischen Marktes. Unser wirtschaftliches Leben hänge vom inländischen Martt ab. Die Industrie werde von der Landwirtschaft alimentiert. Der Staat müsse seinen Besitz an Bergwerken vermeinen, damit er nicht von ein paar Industrie» familien und Barnen abhängig werde.
Das Haus vertagt sich. ________________
poHtiictyc Tagesschau.
KriegSschiffs-Besuch aus England?
Die Ankündigung des angeblich bevorstehenden Besuchs eines englischen Geschwaders in den deutschen Ostseehäfen kommt überraschend. Trisft sie zu, dann roirb ab» Luwarteu sein, ob die Segelorder nicht auch auf russische
Hafen sich erstreckt. Dort ist England einen Schiffsbefuch chuldig, da der vor einer Reihe von Ddonaken zug-edachte tm letzten Augenblick unterbleiben mußte in Rücksicht auf die dur^ch die russischen Revolutionsgreuel erregte öffentliche Meinung in England. Ueberdies ist erst kürzlich die Bemannung russischer Kriegsschiffe der gefeierte Gast des Jnselreiches gewesen. Flaggschiff des nach der Oft)ec be- timmten Geschwaders soll das Kriegsscyifs-Ungeheuer, der „Dreadnought", fein, mit dem man wahrscheinlich den Deutschen höchlichst zu imponieren gedenkt. Nun, in friedlicher Mission sind die britischen Schiffe willkommen, zumal ihr Erscheinen auf die Stellung Deutschlands zur Ab- rüftungsfrage in keiner Weife einzuwirken vermag. Sollte gar noch König Alfons zur Kieler Woche als Gast des Kaisers sich einfinden, so könnte mit solchem Vor- iiel zur Haager Konferenz jedermann zufrieden sein.
Deutsches Reich.
Berlin, 2. Mai. lieber den Au,enthalt des Barons Aehrenthal machte eine Persönlichkeit aus dessen nächster Umgebung nähere Mitteilungen. Baron Aehrenthal ist von einer Ausnahme vom Kaiser und den Vertretern der beut» chen Regierung sehr besriedigt und von der herzlichen Be- zrüßung der Presse angenehm berührt. Die Reise Aehren- thals bezwecke keineswegs besondere Abmachungen, die übrigens zwischen Oesterreich und Deutschland unnötig seien. In den Besprechungen mit Kaiser Ml- helm und den deutschen Staatsmännern wurden alle chwebenden Fragen der auswärtigen Politik berührt und es ergab sich eine vollständige Ue herein ft im» mung der Anschauungen. Von einer Kriegsgefahr war keine Rede. Vielmehr wurde die politische Lage in den erwähnten Konferenzen mit der größten Ruhe und Gelassenheit beurteilt.
— Die für das Rechnungsjahr 1907 festge stellten und nach Abzug der Anteile an den Ueberschüssen des Jahres 1905 zu zahlenden Matrikularbeiträge der Einzel- taaten belaufen sich auf 265 035 742 Mk. oder 22,71 MUl. Mark weniger, als im Etat für 1906 an gesetzt waren. Davon entfallen ans Preußen 164193 986 Mk., aus Bayern 27 122 928 Mk., auf Württemberg 9 793 241 Mk., auf Baden 8852 621 Mk., auf Hessen 5523704 Mk. usw.
Köln, 2. Mai. Infolge des Vorgehens Niederrhein. Landwirte, die Fleisch von selb st geschlachtetem Vieh direkt an die Konsumenten verkaufen, sind die Schweinefleischpreise in einzelnen Städten am Niederrhein rapide heruntergegangen. Inzwischen setzen die Landwirte ihre Bemühungen fort, direkt mit den Konsumenten zu verkehren. Sie errichten bereits Verkaufsstellen in einzelnen Städten an der Ruhr und am Mittelrhein.
Karlsruhe, 2. Mai. In Baden soll der Titel „Rechtspr a kt ikant" ab geschafft werden. Die Juristen werden nach der ersten Staatsprüfung den Titel Referendar erhalten. Dagegen soll den bisherigen „Referendären", die die zweite Staatsprüfung abgelegt haben, der Titel Assessor verliehen werden.
München, 2. Mai. Am 1. Mai war laut Ausschreibung der sozialdem. Verwaltung tie Münchener Ortskrankenkasse und deren sämtliche Bureaus geschlossen. Nunmehr ist vom Gemeindevorsteher Scholl (Demokrat) und Justizrat Pailler an den Magistrat die Frage gerichtet worden, wie es möglich sei, daß die Geschäfts- sührung dieser amtlichen Stelle zum Nachteil sämtlicher Interessenten zu einer Parteidemonstration miß- braucht werden tonnte.
Ausland.
London, 2. Mai. Unterhaus. Lea (liberal) stellt an die Regierung die Anfrage, ob sie an dem verfassungsmäßigen Gebrauche fejthalte, daß bei allen Zusammenkünften des Königs mit fremden Souveränen oder Ministern, bei denen es sich um Staatsangelegenheiten handle, ein dem Parlament verantwortlicher Minister zugegen sein solle, oder ob über die Zusammenkünfte des Königs mit den fremden Souveränen oder Ministern mit Bezug auf Staatsangelegenheiten während der M i tt el m e er r eise irgendwelche Aufzeichnungen gemacht worden seien. Der Schatzsekretär des Auswärtigen, Sir Edward Grey, verliest eine schriftliche Erllärnng, in der es heißt, die Gepflogenheit, daß der König bei seiner Abwesenheit von der Hauptstadt stets von einem Minister begleitet werde, sei niemals streng durchgeführt worden. Der Besuch des Königs in Cartagena sei ein zeremonieller Gegenbesuch auf den Besuch des Königs von Spanien in England gewesen, der Besuch beim König von Italien in Gaeta dagegen rein privat gewesen. Bei allen Verhandlungen über Staatsangelegenheiten werde an dem verfassungsmäßigen Brauch und an der Verantwortlichkeit der Minister festgehalten.
— In der heutigen Gemeinderatssitzung verlas der Lordmajor ein Schreiben bes Oberbürgermeisters Kirschner- Berlin, durch welches die st ä d t i s ch e Körperschaft herzlich cingeladen wird, Berlin zu besuchen. Man beschloß, die Einladung anzunehmen und setzte vorläufig den 13. Juni für die Fahrt fest. An der Fahrt werden sieben Aldermen, 40 Räte und Sheriffs und zwei höhere Beamte der Körperschaft teilnehmen.
— Die Verhandlungen, die hier zwischen dem Gouverneur v. Linde quift und dem britischen Kolonialamt über die deutsch-südwe st afrikan. Grenze und über die Verpflegungsentschädigung für die während des Krieges auf das Käpgebiet übergetretenen Eingeborenen geführt werden, nehmen nur langsamen Fortgang, da auf beiden Seiten keine große Uteigung z u Konzessionen vorhanden ist.
M a b r i b, 2. Mai. Nach einer Meldung aus Vigo beabsichtigen einige Engländer den Ankauf einer Insel in der Mündung des Arosaflusses, die sie dem Könige Eduard schenken wollen. Sie wollen angeblich auf der Insel ein Luitschloß erbauen, wo der König die Sommermonate zu verbringen gedenkt.
Czernowitz, 2. Mai. Es besteht die Gefahr ernster Pogroms auch in der Bukowina. Die Bauern, genannt Huzulen, sind alle mit Revolvern bewaffnet. Für den Ostersonnabend soll ein Ueberfall auf die jüdische Bevölkerung geplant sein. Die Landesregierung ordnete in größter Angst strengste Maßregeln an. Militär geht heute in die gefährdeten Bezirke.
Aus S.aot iino Luuo.
Gießen, 3. Mai 1907.
*• Die Verstaatlichung der Kreisstraßen erstrebt ein Antrag, den Abg. Bähr in Verbindung mit einer Anzahl anderer Abgeordneter bei der Zweiten Kammer ein- gereicht hat.
** G e s ch w o r e n e n l i st e. Behufs Bildung der Spruch- liste für die am 10. Juni von». 9 7, Uhr beginnende Sitzungs- veriode des Schwurgerichts für das 2. Ouartal 1907 wurden nachstehende Hauvlgeschworeue aus der Jahreslifte für 1907 gezogen: Kauuncum Johs. Karl Ludwig Erk m Nidda; Metzger Karl Schild- wächler in Homberg a. Ohm; Landwirt Eduard Lutz in Elpenrod; Lammerdireklor Jak. Korell in Büdingen; Metzgermeister Ern'l Ludw. Sack in Gießen; Bürgermeister Friedr. Bornmann jn Traus-Horloff; Kaufmann Hemr. Kirchner in Rendel; Landwirt
Hch. Schick in Diebach a. H.: Metzgermeister Fnedr. Schreiner ut Gießen; Landwirt Phil. Kafp. Klein in Södel; Forstverwalter Joh. Friedr. Sommerlad in Ziegenberg; Rentner Gg. Windifch in Friedberg; Landwirt Heinr. Stcffan VI. in Gettenau; Rentner Öeinr. Sehrt in Grünberg; Landwirt Will). Lorenz Bickert in Bruchenbrücken; Landwirt Karl Wagner in Allendorf a. d. Lumda; Landwirt Johs. Seybold IV. in Nieder-Eschbach; Landwirt Hemr. Wilh. Herrn. Philippi in Obbornhofen; Landwirt Phil. Reichert IV. in Altwiedermus; Pachter Karl Hesse in Otterbach; Landwirt Konr. Kuhl IV. in Dorf-Güll; Fabrikant Jak. Scheid in Gießen; <otadtoerordneter Jak. Knierim in Bad-Nauheun; Landwirt Hemr. Muth in Stockhausen b. Lauterbach; Rentner Phil. Schäfer II. in Rmderbügen; Fabrikant Gg. Stammler m Grünberg; (Särhierei- besitzer Louis Becker in Gießen; Landwirt Wilh. Pitz II. in Laubach; Landwirt Jean Wentzel in Nieder-Erlenbach und Fabrikant Alfred Bock in Gießen.
— Der städtische Voranschlag ist, wie wir er« ähren, sertiggestelll und wird den Stadtverordneten in aller ürze zugehen. Dem Vernehmen nach wird vorgeschlagen, die Gemeindesteuern im Rechnungsjahr 1907 in ihrer eitherigen Höhe zu belassen.
" Handelskammerwahl. Bei der gestrigen Handelskammer»Ersatzwahl, die für den verstorbenen Stadtv. Schwall stattzustnden hat, wurde Bergwerksdireltor August )l unter nut allen abgegebenen Stimmen gewählt.
•• Wenns Mailüfterl weht! Das nun schon feit Wochen herrschende kalte Wetter, verbunden mit Schneegestöber, Regenschauern und harten Nachtfrösten, macht sich für Gärtner, Obstzüchter und Landwirte unangenehm bemerk« )ar. Die Gemüsegärten sind gegen normale Jahre einen Monat im Wachstum zurück, die Obstbaumbluten beginnen unter Kälte und Nässe zu leiden und die Frühjahrsbestellung der Aecker verzögert sich sehr. Die Kirschbaumanlagen am Taunusabhang und in der Wetterau flehen seit etwa acht Tagen in Blüte, Obstzüchter glauben, daß bereits der größte Teil der Blüten durch die Fröste vernichtet ist. Auch Aepfel und Birnen zeigen reichen Fruchtansatz, doch wird die Blüte allzu lange in der Knospe zurückgehalten. Der Stillstand im Wachstum dauert schon mehrere Wochen. Besonders im Vogelsberg haben die Blüten der Beerensträucher sehr gelitten. Das Wasser zeigte an mehreren Morgen eine Eisdecke und die Fluren hatten mehrfach ihr Winterkleid angelegt, auch in den letzten Tagen herrschte leichtes Schneegestöber. Gestern wüteten heftige Stürme, verbunden mit eisigen Regenschauern.
*- Neue Ferienorduung. Das Großh. Ministerium des Innern, Abteilung für Schulangelegenheiten, hat n. d. Lärmst. Ztg. bestimmt, daß überall da, wo die Ferienordnung noch vom 20. März 1882 datiert, für die Folge die P f i n g st f e r i e n vom Pfingstsonntag bis zum Sonntag Trinitatis, die Osterferien aber vom Sonntag Palmarum bis zum Sonntag Quasimodogeniti zu dauern haben. ‘ Diese Aenderung tritt zu Pfingsten 1907 in Kraft. Für die höheren Lehranstalten in Darmstadl wird, um den Wünschen zahlreicher ©Ilern wenigstens soweit entgegen zu kommen, als es ohne Gefährdung des Unterrichts der Herbslklasfen geschehen kann, bestimmt, daß die vierwöchigen S o m m e r f e r i e n künftig immer an dem Donnerstag, der den 15. Juli zunächst liegt, und die vierzehntägigen H e r b |t f e r i e n an dein Donnerstag, der dem 29. September zunächst liegt, zu beginnen haben. Wenn die genannten Tage selbst auf einen Donnerstag fallen, so ist dies der erste Ferientag. Sollte anderwärts gewünscht werden, die Sommer- und Herbstferien in gleicher Weise geändert zu sehen, se wäre entsprechender Antrag zu stellen.
-Im alten Haus z u neuem Werk. Der Gießener Festsaal, der so lange den Vorstellungen des Stadt- lheaters diente, hat in den Wochen feit Schluß der Theater- Saison eine gründliche Erneuerung erfahren und wird als „Kolosseum* morgen wieder geöffnet werden. ES wird in Zukunft Spezialitäten-Theater fein und fein neuer Besitzer, Direktor Albert Rappmann, der als Direktor des Frankfurter Kolosseums ja bestens bekannt ist, hat sich vorgenommen, dem Gießener Publikum ein erstklassiges Programm zu bieten, das dabei stets so gehalten sein soll, daß es ohne Bedenken von Familien besucht werden kann. Alle 14 Tage wird ein vollständiger Wechsel des Personals stattsinden. Für die erste Spielzeit, die von morgen bis zum 15. Mai dauern wird, ist ein ganz hervorragendes Programm auf- gestellt worden, das jedem großstädtischen Etabliffement zur Ehre gereichen würde. Von den reichhaltigen Darbietungen seien u. a. erwähnt die Produktionen des einbeinigen Akrobaten Bargold, der aktuelle Humorist Nickel aus Hannover, die amerikanischen Jongleure rc. Die Vorstellungen finden täglich abends 8 Uhr statt, und außerdem finden jeden Sonntag 2 Vorstellungen statt. •
• • Verhaftet wurde gestern ein junger Mensch von hier, der erst kürzlich auS einer längeren Strafhaft entlassen und wieder sich eines Diebstahls schuldig gemacht hatte.
• * Selbstmord. Heute morgen wurde an der Pferdeschwemme in der Lahn die Leiche einer unbekannten Frau gelandet. Die Tote scheint erst heute morgen den Tod im Wasser gesucht zu haben. Auskunft über die Unbekannte wird auf Zimmer Nr. 2 des Großh. Polizeiamts entgegengenommen.
• * Staatszuschuß für Saatgutbeschaffung. Dem gestern von uns erwähnten dringlichen Antrag der Abgg. Dr. Weber und Schmalbach, bett, die Gewährung eines Zuschuffes aus der Staatskaffe zur Beschaffung von Saatgut für die Landwirte in den höheren Lagen des Vogelsbergs, ist folgende Begründung beigegeben:
,Jn sämtlichen über 400 Meter Meereshöhe gelegenen Gemarkungen des oberen Vogelsbergs ist der größte Teil des im vorigen Herbst ausgestellten Winterkorns — mehrere tausend Morgen — unter den enormen Schneemengen, die mehrere Tlonate hindurch auf den sehr aussichtsreichen Saaten lagerten, zu Grunde gegangen.- In einigen Gemarkungen ist dte gesamte Roggensaat verschwunden. Bei der notorischen Armut der sragltchen Gegend und dem Fehlen jeglichen Winterverdienstes in diesem Jahre wird der emstandene Schaden doppelt schwer empsunden. AlS schlimmste Folge ntuß bie' Wiederbestellung der ausgeackerten Flächen mit teilweise ungeeignetem Saatgut und das Fehlen von Winterroggen zur Ausstellung im kommenden Herbst betrachtet werden. Tie Beschaffung guten Saatgetreides zu erleichtern und durch ge- eigneteSortenwahlweiterenzukünftigenSchäden vorzub eug en, ist deshalb als eine wichtige Ausgabe der zuständigen öffenlllchen Organe und die Gewährung eines Staats- zuschusjes für diese Zwecke als eine dringliche und unabweisbare Pflicht des Landes zu betrachten."
Es kommen bis jetzt etwa 20 Gemeinden mit zirka 3000 Morgen Feld in Betracht, denen durch die letzten Fröste ein Schaden von ungefähr 100 000 Mk. entstanden ist.
P. Schlitz, 2. Mai. Nach heute eingetroffener Drahtnachricht trifft S .M. der Kaiser erst Samstag, den 4., nachmittags 2 Uhr 42 3)tin. mittelst Sonderzuges hier ein. — Am Sonntag mittag tagt hier der Verband der Kriegen
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