Aus Stadt und Land.
Sprechstunden der Ötebatiicn 11—1 Uhr üomi., i i/88 Uhr abds. Gießen, den 26. Februar 1907.
- NuSzeichnunq. 6. K. H. der Grobherzog haben dem Stellvertreter des Präsidenten der Handelskammer Offen, bad), Koinerzienrat Friede. Stroh zu Offenbach den Charakter als .Geheimer Komerzienrat* erteilt.
— L a n dwtrtschaftökammer. Verschiedene Ausschüsse der Kammer hielten in dec letzten Woche Sitzungen ob, so insbesondere der Wahl Prüfungsausschuß unter dem Vorsitz des 2. Bors, der Kammer Bahr, da verschiedene Beanstandungen eingelausen waren. Tie vorläufige Prüfung hat ergeben, daß voraussichtlich die Wahlen von Nidda- Echzell sowie Heppenheim für ungültig erklärt werden dürften, während wegen einer Anzahl anderer Netlamationen 'noch weitere Erhebungen angcordnet wiirden. Auch bezüglich der von dem SatzungSprüfungSausschuß vorgenommeneii Äenderungen haben Besprechungen statt gefunden, wobei sich jherauS stellte, daß eine Verständigung erzielt werden dürfte.
** Verhaftet. In letzter Zeit wurden in dein Gar. 0ero berau m der Schauspieler im Theater mehrfaschDicb* stählt verübt, jedoch wiirden sie nicht angezeigt. Den Damen
wurden mehrfach die Portemonnaies auS den Handtäschchen igestohlen. Als am 22. l. MtS. wieder aus einer Schmuck- schattulle während der Theaterprobe eine Brache, Halskette, Lorgenette und Ohringe rc. verschwanden, wurde Anzeige er» stattet und der Dieb in der Person deS stellenloßen Hermann Richter von hier ermittelt und zur Haft gebracht. Die ge- .stohlenen Schmucksachen hatte er bereits verkauft, sie wurden *aber beschlagnahmt und den Bestohlenen zurückerslattet.
— Ein ganz reizendes Geschrchtchen, das zwa schon einige Jahre zurücklicgt, aber den Vorzug der Wahrhaftigkeit hat, ereignete sich in einem Marktflecken Oberhcssens. Kam da eines Tages der neuaiigestellte Vertreter einer Bierbrauerei, um den Gastivirten des Ortes seine Ailfwartung zu machen. 2Jht den Verhältnissen noch wenig vertraut, war das keine leichte Aufgabe für ihn. wlan muß erwägen, daß es in dem Orte eine ganze Sieche von Familiennamen gibt, die dreißig und mehr selbsiändige Einwohner als Träger auf. weisen. Ohne von dieser Tatsache eine Ahnung ju haben, trat der Herr Bcaiiereivertreter in eines der Häuser em, dessen Namensschild mit der vorgemerkten Adresse in seinem Notizbuch übereinzustimmen schien. Stach einem fröhlichen,Guten Morgen* tieß er sich gemächlich m dem Zimmer an einem der Tische nieder. Auf die freundliche Frage der Hausfrau nach seinem Begehr, bestellte er eine Flasche Bier. Wohl, weil er bemerkt hatte, daß zwei bereits anwesende Herren ebenfalls Flaschenbier tranken. Dazu ließen sie sich ein recht einladend ousjehendeS Frühstück, bestehend aus Hausmacher- Wurst, kräftigem Bauernbrot und frischer Butter, trefflich munden. Das reizte den Appetit des neuen Gastes. Als nunmehr der stattliche Herr des Hauses eintrat, bestellte sich der Fremde auch eine Portion von dem kräftigen Frühstück bei ihm und dazu noch eine Flasche Bier. Nachdem er sich alles gut hatte schmecken lassen, wollte er sich bei dem Wirte empfehlen und seine Zeche bezahlen. Der lehnte jedoch zu seinem maßlosen Erstaunen so liebenswürdig als bestimmt jegliche Bezahlung ab. ES freue ihn, daß eS seinem Gast geschmeckt habe, sagte er mit einem feinem Lächeln — die beiden anderen Gäste lachten merkwürdiger Weise ganz laut — aber bezahlen könne er sich diese Freude nicht lassen. Zudem befände sich sein Galt ja auch in keinem Wirtshaus, sondern — in der Bürgermeisterei von Langsdors! Ter Brauereivcrtreter war natürlich höchst verdutzt, wußte sich aber mit einigen scherzhaften DankeSworten geschickt in die Lage hineinzufinden. Heute kann er davon erzählen, daß er sich bei unserem Reichs- tagSadgeordnelen mit bestem Erfolg zum Frühstück emgeladen hatte. Und wer waren die beiden anderen Gäste? Zivei Herren an8 Lich, die amtlich mit dem Bürgermeister von Langödorf zu tun halten und deren Geschäfte Herr Kühler durch ein kräfligeS Frühstück erleichtern half.
** Der vierte der akademischen Vorträge wird am Freitag abend in der großen Aula des Kollegiengebäiides staltsinden. Prof. Dr. Eck wird über .Goethes Geheim, niffe- sprechen.
M Für ehemalige Angehörige der Schutztruppen. Ter preußische Eisenbahnnunister hat bestimmt, daß stellen- und arbeitslose ehemalige Angehörige der Schutztruppen in den afrikanischen Schutzgebieten selbst bann, wenn sie vordem in keinem Arbeilsverhältnis zur Staalseisenbahnverwatlung gestanden haben, vor anderen Beschäftigung suchen den zu berücksichtigen sind,
i vorausgesetzt, daß sie den zu stellenden Anforderungen ge- t nüqcn und die erforderliche Leistungsfähigkeit erwarten lassen.
•• Besitzwechsel. Ter Bierverteger und Restaurateur Johann Carle verkaufte seine Restauration .Zur Ger.
> inania* an Restaurateur Heinrich Gels für 59 000 Mk. i _ Ter Weißbindermeister Karl Nicolaus verkaufte sein ' Haus Molt test raße Nr. 22 an Oberposlassislent M ichel für 53 600 Mk. — Die Firma Stein u. Mayer verkaufte
- ihre Villa Ostanlage 22 an Prof. Dr. Otto Frank für l 38 500 Mk.
: ** Personalien. S. K. H. der Großherzog haben
den Tiplomingenie nr M. Giovanini zu Tarmstadt zum
■ Assistenten bei der Tampfkesselinspektion und den Kreisdiener ; bei dem Kreisamte Friedberg Peter Kaiser zum Kreisdiener i bei dem Kreisamte Darmstadt ernannt. Gerichtsasseffor ' F öcke l in Worms wurde durch Verfügung des MmlsteriiimS der Justiz nut Wahrnehmung der Dienstverrichtungen eines
’ Amtsrichters bei dem 'Amtsgericht Gießen beauftragt.
> ** Straßenreinigung. In der letzten Sitzung der
: Stadtverordneten-Versannnlung gab bei der Besprechung über die Straßenreinigung Stadto. Ju gHardt eine sehr beachtens, werte Anweisung, die zu Rutz und Frommen der gesammten Einwohnerschaft hier ausführlicher wiedergegeben sei, als es in dem ohnedies sehr umfangreichen Sitzungsbericht möglich.
: Herr I. meinte, bei Wltterungsoerhältnissen, wie sie in diesem Winter öfter dagewesen seien, sollte doch die Bürgerschaft selbst mit ein greifen und wenigstens die Reinigung des Trottoirs besorgen lassen, wie dies in vielen anderen Städten auch geschehe, nicht aber sich den Schmutz in Laden und Häuser tragen lassen. Der Oberbürgermeister dankte für diese Anregung und bemerkte, daß er selbst gesehen habe, ivie in Fällen, in denen die Reinigung den Hauseigentümern polizeilich oblag, die Schutzmänner doch mehrmals dazu auf- fordern mußten.
♦♦ Der wissenschaftliche Schüler-AuSflug der königl. Baugewertschule Aachen hatte sich jür dieses Semester unter Führung dcr königl. Oberlehrer Richter und Hannes die Städte Wetzlar und Gießen ausersehen. Während Wetzlar das Studium des Domes und der sich ergebenden alten ötabtbub» niolive der Exkursion noch rheinische Anklänge bot, hatte die Gesellschaft in Gießen Gelegenheit, unter Führung des Technischen Vereins Gießen, eine größere Bewegung in den verschiedenen Stilarten der Baukunst tvahrnehmen zu töunen. Ain
^amstag nachmittag wurde das neue Bahnhofsgebäude mit seinen Warttsälen besichtigt, ferner in der Wirkung ihrer Außeii- erscheinung die Kneipen der Burschenschaft Germania und der Landsmannschaft Darmstadtia, die Häuser der Baugenossenschaft am Mittelweg, die interessanten Bauwerke der Lierarznei-Hoch- schule, das Pavittonsystem der Klinik für psychische und neruöie
M ziemlich zufriedenstellend. Gestern abend wurden poch fünf LeOen geborgen. Die versunkenen Postsäcke sind jetzt angetrieben. STgcgeit herrscht Besorgnis wegen der Gehermtchche des Kuriers des stönigs Eouard. .
■ Es wurden u. a. noch rekognosziert: die Leichen des Fräulein Mse Werner, der Tochter des Königl. Musikdirektors Lehmann aus Stettin, welche mit ü anderen Leichen geländet und von ihren beiden an der Unglucksstätte weilenden Brüdern sofort erkannt wurde. Die Leiche der anderen Schwester ist noch nicht mtgeiuiibcn. Die beiden Sängerinnen standen im Alter von 23 und 29 Jahren. Das Londoner Opern-Gastspiel war ihr erstes Engagement. Die weitere Rekognoszierung der Leichen wird immer schwieriger, weil die Gesichter dick auszulausen beginnen. In Rockanje wurde die Leiche des Fabrikdirektors Lindentaler aus Köln angespült.
V Berlin, 25. Febr. Unter dem erschütternden Eindruck der Katastrophe hat sich hier ein Komitee aus den ersten Kreisen der Gesellschaft geblldet, das an einem Tage der nächsten Wocl-e eine Gedächtnisfeier zum Andenken an die Verunglückten und zugunsten dcr Hinterbliebenen veranstalten wird. C.stc Künstler, sowie der Chor dcr „Musikalischen Gesellschaft" haben ihre Mitwirkung zu- ^C,U 93*a r i fl, 25. Febr. Der Herausgeber der „Deutschen Revue"' übersandte dem Kultusminister Briand für die auf den 10. März Egesetzte W v h l t ä t i g k e i t S v v r st e l l u n g der Comö die ancatfe sür die Witwen und Waisen der umgekommenen tschen Künstler 1000 FrcS., um eine Loge für dieakad.
Äugend Frankreichs rcseniieren zu lassen.
JnGeestemünde erzählen die Mannschaften sämtlicher dort iÜnlaufenden Fischdampfer von dem schrecklichen Unwetter, das in der Nordsee gewütet habe. Bon dem Nordenhamer Fischdampfer -Magdeburg" wurden in der Nordsee durch eine Sturzwelle drei Matrosen über Bord geschlagen; alle drei ertranken.
> Der Pariser „Matin" berichtet aus Kanea: Der italienische Stationsvorsteher „Curtatone" hat in Kanea 34 Matrosen des gestrandeten Lloyddainpfers „I m p c r a 111 r" gelandet; einige von Unten sind verletzt. Sämtliche Passagiere sind gerettet. Bon der 130 Mann betragenden Besatzung sind 3 0 M a t r o s e n e r t r u n - ke n. DaS Schiff, das auf einem Felsen festsitzt, ist vollständig «erkoren. _________
Krankheiten, das hygienische Institut, ferner die medizinische und Frauenklinik und die chirurgische und Augenklinik. Nach einem Mundblick auf die Stadt Giegen von der Höhe der Schönen Aussicht wurden die Hausvautcn der Wilhetniftraße in Augenschein genommen, wo der Biltcnbau des Professors Dr. Poppert allgemeine Aufmerksamkeit erregte. Am Settcrsweg ergaben die längst erstandenen Neubauten, insbesondere das Haus »es Herrn Schreiner mit seinem modernen Fleisüierladcn, sür diesen Tag einen dankenswerten Abschluß. Ain Avend fand im Technischen Verein, Kaiserhof, ein fröhlicher Kommers statt. Oberlehrer Richter gab in einer Rebe sehr dankenswerte Hinweise uver die zeitgemäße Reforinbewegung in der Berufserziehung und die Tätigkeit des Landegewerberats in Berlin, dessen Mitglied er ist. Er schloß, das kollegiale Benehmen im deutschen Techniker- Berbaud hervoryebend, unter lebh-ajtestcm Beifall. Die Fortsetzung der Besichtigungen geschah am Sonntag vor.nittäg, lvovei der Gesichtspuutt „Das Erfassen der Peripel'tive im Platz- und Stratzendild" unserer Stadt entwickelt lvurde. Dtankbare Gelegenheit buten: das alte Schloß am Kanzleiberg, ein Stück Alt-Gießen, von der Aearltiaubenstraße aus, der Landgraf Philifep- Platz, die Senckenvcrgstraße, die Ost- und Norbanlage, die Molttestraße, die neue Bibliothek, Johanniskirche und Theaterneubau. Nach eingenommenen Mittagstisch im Kaiser Hof besichtigte man die neue Kaserne, die Provinzial-Siecheltanstatt und die Anfänger Irrenanstalt im Wttide. Ein hübsch arrangiertes Gruppenbild, ausgenommen vor dem so heiniischen Psörtnerhauje, krönte den Schluß der Exkursion. 9lori> eine Stunde munteren Zusammenseins mit dem in Steins Garten tagenden Verbände der Kulturttchiiiker von Hessen, uno die von fern hergeeuten Gälte muhten scheiden. Wie sie sagten: leider, leider. Diese neu aui- irttcndeu Fachschul-Reisen geben unser« Vertehrsverein vielleicht Gelegenheit zu weiterem Ausbau.
** Ueber bie Leipziger Sänger, die Mittwoch abend im Neuen Saalbau konzertieren, schreibt u. a. die „Frankenh. Ztg.": Die sieben musikalischen Kräfte verfügen über schönes Stimmenmaterial und auch sonst über ein reichhaltiges, abwechslungsreiches Repertoir ernsten und vorwiegend heiteren Inhalts und verstanden es äußerst humorvoll, das Publikum zu unterhalten. Das Potpourriquartett aus dem Gebiete des gesunden Humors, die Soloszenen von köstlichem Witz, die Imitationen des phänouie- nalen Damenimitators waren auf der Höhe der Zell. Letzterer bildete die Glanznummer des Abends. Das Katzeiiguartelt, der lustige Ehemann und der Trompeter seien besonders erwähnt. Suiuje Schlager erregten frische Laune und lachendeit Frohsinn in der dichlsitzenden Menge, die nicht mit Beisallsäußerungen zurückhielt. Zwei humoristische Gesamtspiele vervottständigten das dezente Familienprogramm.
** Friedberg, 25. Febr. Am gestrigen Sonntag nachmittag starb hier nach längerer schwerer Krankheit der pensionierte Taubslummenlehrer Johannes Landau. Der Verstorbene erreichte em Alter von 63 Jahren.
+ AnL bem Kreis Schotten, 25. Febr. Folgende Telegrap he nlinien werden demnächst in unserem Kreis ziir Ausführung gelangen: von Scholten nach Rudingshain, von Volkartshain nach HiirtiuamiShain und von der Laiidflraße Rlippcrtsburg-Laubach nach GaitcrSkirchen.
? Aus dem Kreise Alsfeld, 25. Febr. Am Samstag starb Bürgermeister Konrad MauS in Höingen, der sich in weiteren Kreisen großer Beliebtheit erfreute.
Mainz, 25. Febr. Ein Duell fand zwischen zwei Offizieren der hiesigen Garnison etwa um die siebende Stunde heute vormittag statt. Ter Platz des blutig ver- lauienen ZusanunentreffenS war der Stand Trusiis im Wallgraben, dec sich von der Zitadelle bis zum Gautor zieht und auch diesem näher als dem Reutor gelegen ist. Gegen 78/4 Uhr wurde der eine Duellant von vier Soldaten des 1. Rass. Jnf.^Rcgts. 9tr. 87 in einer fahrbaren Krankenbahre fort und vermutlich in das Garnisonlazarett gefahren. Er soll je einen Schuß in ein Bein und in die Brust bekommen haben. Um den ersten Schuß ist gelost worden, denn auf dem Kampfplatz wurde ein durchgerissener schmaler, weißer Papierstreifen gc- fimdeu, auf dem eine römische Ems mit Bleistift geschrieben stand. Die beiden Gegner waren der verheiratete Oberleutnant Frank (neue Unioersitätssiraße 11) und der nn- verheiratete Leutnant Ra hlenbeck (Gärtnergaffe 18) vom 1. Roff. Jnf.-Regt. Nr. 87. WaS die Veranlassung zu dem blutigen Drama gegeben hat, entzieht sich bis jetzt der allgemeinen Kenntnis. Dem Duell haben zwei Sekundanten (Kameraden vom Reaiment) und em Stabsarzt deigewohnt.
Wie der ,2Hain3. Anz/ erfährt, soll Leutnant Rahlenbeck nicht lebensgefäb'-lich, sondern nur durch einen Schuß in das Bein verletzt worden sein. — Morgen feiert Oberst i. P. Hch. Brentano, in Gonsenheim wohnhaft, seinen 80. Ge- burtStag. Brentano trat Ende der 40er Jahre in den Militärdienst ein und machte zunächst 1849 den Feldzug gegen die Freischärler in Baden als Portepeekorperal mit. Im Feldzuge 1866 stand er als Oberleutnant im 4. Jnf.-Regt., heute Nr. 118, und wurde kurz nach dem Krieg 311111 Hauptmann befördert. Nach Abschluß der heffisch-pieußischen Niilitär- fonoention wurde er 311m Kompagnieführcr der hessischen Pionierkompagnie ernannt, die er während deS Feldzuges 1870—71 mit Auszeichnung führte. Als die hessische Pionier- kornpagnie aufgelöst wurde, ward Brentano dem 117. Jnf.- Regt. zngeteilt. Nach einiger Zrnt zum Ntajor befördert, mußte er infolge eingetretenen Gehörleidens aus dem aktiven Heere anSscheiden.
Offenbach a. M., 24. Febr. Die in die engere Wahl gekommenen drei Bewerber um die erledigte Dbecbürqer- me, st erstelle, nämlich Bürgermeister Dr. Roth auS Burgstädt. Bürgermeister Vogt auS Waldheim und Direktor des itallstlschen AmteS zu Königsberg Dr. Dullo, haben sich m den drei letzten Sladlverordneten-Sitzungen öorgeiteüt und ihre Ansichten Über die Lellung eines KommunalwesenS vorgetragen. Die Wahl wird nun bald vor sich gehen.
(faff. Ztg.)
Marburg, 25. Febr. Professor Schücking, Staatsrechtslehrer an der hiesigen Universität, erhielt vom Fürsten von Lippe für sein Eintreten für die Rechte des Hauses Bicsterfetd eine goldene Denkmünze, die zur Erinnerung an den Lippischen Thronfolgestreit geprägt wurde.
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• Berlin, 26. Febr. Graf Pückler»Klein-Tschirne wurde gestern nachmittag aus dem Hotel, in dem er logiert, von einem Kriminalbeainten abgeholt. Das auf 3 Monate lautende (Gefänbnis-)Urtell ist kürzlich rechtskräftig geworden, ohne daß der Graf sich zum Strafantrilt gemeldet hatte. Der Graf wurde deshalb zur Verbüßung der Strafe nach dem Gefängnis in Tegel gebracht.
• Ein Mörder? In Riünchen ist der Sohn bc3 früheren Besitzers bcS Zirkus .Bavaria*, Rieberhofer, unter bem Verbacht, ben Sohn beö Kommerzienrats Hensel erinorbct unb beraubt zu haben, in polizeiliches Gewahrsam genommen worben. Hensel ist seit 1904 spurlos verschwunden, ohne baß man sich einen Grunb hierfür benfen könnte. Ter junge Nieberhofer ist beshalb in Verbacht gekommen, well er einige Wochen nach bem Verschwinben Hensels einen Ring, ben Hensel bei einem Juwelier für 700 Mart gekauft hatte, bei bemjelben Juwelier bebeutenb unter bem Preise mit bem Bemerken verkauft hatte, Hensel brauche Gelb. Das letztere war sicher nicht ber Fall.
*2Bic der Zar die Zeitung liest. Die meisten Herrscher Europas lassen sich täglich von Beamten ihres Hoscs oder staatlicher Behörden eine Uebcrsicht von denjenigen Artikeln der Presse zusammcnstellen, die von Interesse für sie sein könnten. So erhalten sie an jedem Tage eine bequeme Uebersicht über alles Wissenswerte, das die Zeitungen bringen. Sämtliche Zeitungen selbst zu lesen, würden die Pflichten ihres Berufes ihnen kaum gestatten. Aber fast alle halten sich daneben doch noch einige Blätter zu eigenem Gebrauche, schon zur Kontrolle, ob ihnen nichts Wichtiges voieuthalten wird. Anders der Zar. Nikolaus II. nimmt niemals eine ganze Zeitung in die Hand; er begnügt sich mit den für ihn zusainniengestellten Ausschnitten. Und wie werden sie zusamniengestcllt! Ein besonderes Bureau, die sog. „Administration der Drucksachen" übt eine regelrechte Zensur über jedes Druckerzeugnis aus, ehe mau es vor die Augen des Selbstherrschers ki-llcr Reu gen gelangen läßt. Diese Zensur ist eine fünffache. Zunächst sehen beiiiniuite Beamte bie in Frags kommenden Zeitungen und Zeitschriften durch und streichen mit Rotstist bas an, wffS der Zar, ihrer Ansicht nach, ohne Gefahv zu sehen bekommen bars. Eine zweite Kategorie von Beamten schneidet biete Artikel nun aus und bejeftigt sie mit Stecknadeln auf großen Bogen von starkem 'Papier. Jetzt tritt eine dritte Schicht von Beamten in Tätigkeit und entfernt alles nach ihrer lleberzeugung nicht ganz Eimvaud^reie. Was übrig bleibt,’ wird bem Chef der Administration oorgelegt, und der nimmt neue Streichungen und Unterdrückungen vor. Nun geht bas Ergebnis zwei Ministerien zur Begutachtung zu, dem des Aeußem unb dem des kaiserlichen Hofes. Resultat: abermalige Verminderung. Schließlich wird, was dann noch vorhanden ist, mit der Maschiiie abgcfujrieben, und endlich lüunovtt Oer )an,mal verdünnte Eztrakt hinaus nach dem Schlosse von Tsarskoe-Selo, zum Kaiser. So lange der General Trevvw noch lebte und Palastkommandant war, nahm er noch eine sechste unb allerletzte DurchsickK vor, bie nicht immer die mildeste war. — Das ist bie einzige Fühlung, die der Zar mit ber Presse, mit ber öffentlichen Meinung unterhält. Ist es da ein Wunder, wenn er von bem, was in feinem Riesen^ reiche vorgeht, von den Stimmungen und Wünschen seines Volkes, von, den Leiden, benen es ausgesetzt ist, so gut wie gar nichts! weiß? Hin und wieder kommt es wohl vor, baß ein Großsürsti oder eine Großfürstin — am häufigsten deS Zaren Schwester, die Großfürstin Xenia — ihm ein Zellungsblatt bringt, und iljn auf einen Aussatz darin aufmerksam macht. Der Zar liest, lächelt, zuckt die Achseln und glaubt nicht ein Wort davon. Ist er bodj überzeugt, selbst weit besser unterrichtet zu sein.
Eine direkte Bahnverbindung Paris — London scheint jetzt seiner Verwirklichung nahe gerückt. Wie der Techniker Dr. A. Neuburger, in einem reichiliustrierten Aufsatz über „Unterseeische Tunnelbahnen" im neuesten He st (11) der illustrierten Zeitschrift „Zur Guten Stunde" (Deutsches Verlags- haus Bong & Co., Berlin W. 57) auSeinanversetzt, will man jetzt damit beginnen, den K'angl -wischen Dover unb Calais äu untertunneln. Auch sonst bietet das neue Hest sowohl in belletristischer wie in belehrender Hinsicht eine Fülle von Stoss. Vor allem sind es die beiden großen diomane: „Der Weg zur Liebe" von L. Malten mit seiner spannenden, bewegten Handlung und „Heddas Heirat" von Hirschberg-Juva mit seinen eigew arttaen Charakteren, die ein icgcd Interesse wachrufen. Arthur Achleitner, der Schilderer bayerischer Dauern- und Jägertypen, ist . mit einer Novelle „DeS Föriters Gravkranz" vertreten, und von dem jüngst — leider so früh — verstorbenen Poeten Heinrich Hart findet sich ein letzter Beitrag: „In Einsamkeit". Ueber die letzt so et ventilierte Frage der Vererbung und er&lidjen Belaitung plaudert Dr. meb. Lewinski in einem Artikel „Vererbung von Krankheiten", unb bie Beilagen „Ersinb- ungeu unb Gntbedungen" und „Für unsere F-rauen" enthalten eme große Zahl wissenswerter uno praktischer 'Neuheiten. Zum schlug sei noch aus die vorzüglichen sckiwarzen und farbigen Bilder des Hcsteö Ijmgeroiefen.
** .Alkohol und Inspiration. Wie bekannt, hat MrVtm^er; %lt ^syanater Dr. van Vleuten in der Seit- ^ser°rllche Mo" die Antworten auf eine Umfrage Deronentlidjt, die er an lo0 ber bekanntesten deutschen Dichter und Stötiitfttllü: gerichtet hatte. Es handelte sich bei dieser Umfrage un wesentlichen darum, ob der Alkoholgenuß die dichterische Pro- duktivu günstig ober ungünstig beeinflusse. Es dürfte interessant !rr■?,Xllrt,ercc 11'aU fast gleichzeitig in Schweden bie dortige OL)clI|u)aft öer abstinenten Studenten, die mehrere Tausend Mitglieder zahlt, eine ähnliche Umfrage an zahlreiche bekannte Künstle^


