Nr. 45
Zweites Blatt
Freitag 22. Februar 1907
Gießener Anzeiger
Erfcheinl täglich mit Ausnahme de- Sonntags.
Eeneral-Anzeiger für Oberhessen
157. Fabrgang
Die „Oietzener Famllleablätter" werden dem „Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, da- „Urei,blatt für den KreU Gießen" zweimal wöchentlich. Der „hesflsche Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Rotation-drnck und Verlag der Brüdl'schen UnwersiläiL - Biich» und 6ieinbrucfetcL 8L Lange, Stehen.
Redaktion. (Fypebition und Druckerei: Schul- strah, 7. E^pedllton und Verlag: 6L
frUbutiloiueaeiia. rel.»2ldr^ÄnzeigerSieben.
DebarlungSplnne, Ctraßellang.'legevheltea vsw.
politische Lagesschars.
Em zum Fliegen überreifer (Scnoffe.
Kobett wird sich, wie verlautet, der freisinnigen Volks Partei anschließen.
Man besa-ließt, ihnen dadurch enlgegen- fragl. Teil der Straße teure Vorgärten beschlossenen Bebauungsplan am
Außer den» Abg. Röstcke ist nunmehr auch der pfälzische Abg. Hahn der konservativen Fraktion des Reichstages belgetreten.
men, 7. Tr. Hermes (freis. Vpt.) mit 231 und 8. Hage> mann (nL) mit 194 Stimmen.
zuloinmen, daß für den verlangt werden.
Gegen den kürzlich Nahrungsberg ist
Zu war im
parlamentarische».
Herr Reichslagsal-geordneter Köhler hat die Freundlichkeit, unS den Wortlaut eines von uns gestern bereits erwähnten Antrages seiner Fraktion, der Wirtschaftlichen Vereinigung, mitzuteilen. Dieser »Antrag Kähler, Lattmann und Genossen* besagt:
Ter Reichstag wolle beschließen: den BundeSrat zu ersuchen, durch Bermurlmig des ReichsamlS des Innern Vereinbarungen zwischen den deulschen Bundesregierungen herbeizuführen, biud) »vclche das den nauonalen und ivlrtjchaillichcn Interessen unsers Volles gejährliche Vordringen des Ausländertums an deilljchen Hochschulen verhindert wird.
Röhler. Lallmmm. Behrens. Dr. BÜhine. Dr. Burckbardt. v. Tainm. Graei (Weimar). Hamsch. Herzog. Kölle. Xtieber- nmiui o. Sonnenberg. Raab. Riejederg. Rot». Schack. Stausser. D. Sloecter. Vogl (Crailsheim). Vogt (Hall).
Die Schriftführerwahlen im Reichstage hatten folgendes Ergebnis: Es tumben gewählt: 1. von Thüneseld (Ztr.) mit 367 Stimmen, 2. Engelen (Ztr.) mit 365 Stimmen, 3. Rimpau (nL) mit 807 Stimnlen, 4. Pauli, Oderbarnim (Rcichspartei), 5. Rogalla von Bieberstein (kons.) mit 290 Stimmen, 6. von Dainin (wirlschaftl. Vgg.) mit 276 Slim-
von etwa 10 Interessenten Einspruch erhoben worden. Zum Teil wünschen sie eine andere Slraßen- suhrung. um ihre Grundstücke besser auönutzen zu können, -um Teü bestreiten sie, daß jetzt schon eine Nolwendigkeit für einen Bebauungsplan vorliegt. Tie Deputation ist zur Ansicht ackorn- men, daß der größere Teil der in Frage kommenden Besitzer zurzeit den Bebauungsplan nicht wünscht und beantragt deshalb. Die Sache vorläufig auf sich beruhen zu lassen. Die )ßet|amm- lung stimmt dem zu.
Die Herstellung einer Berbindung zwischen Ebelstr aße und S t e p h a n st r a ß e. die von mehreren Interessenten angeregt wurde und die eine Unterführung unter die Lberhess. Bahn notwendig machen würde, wird zurzeit noch nicht für spruchreif gehalten. Jedoch will man die Möglichkeit einet: späteren Ausführung der Berbindung nicht abschnciocn, weshalb das dort liegende Hospitalgrundstück nicht bebaut werden soll.
dem Bebauungsplan für die Schtvarzlach vorigen Jahr eme Abänderung beschlossen rooibcn, gegen die einige Anlieger der an der Bahn liegenden Straße mit der Begrünoung Cin,pruch erhoben Haven, daß hierdurch ihre Grundstücke entwertet würden.
Georg Be rnhard, der Herausgeber der Finanz Zeitschrift r,Plulus", der namentlich vom Dresdener Parteitage her durch seinen Streit mit Mehring bekannt geworden ist und seitdem wiederholt Aeußerungen getan hat, die den sozialdenwlratischen ***-'-* .....neulich von einem Dr. Manin
Sitzung Ser Stafctvcror&uetciu
Sieben, 22. Februar.
Anwesend: Oberbürgermeister Mecum, die Beigeordneten Curschmann, Georgi und Heyligenstaedt; die Stadtoeiord- neten: Dr. Ebel, Eichenauer, Etumeltus, Euler, Fader, Gabriel, Haubach, Heichelheim, Helfrtch, Helm, Huhn, Jann, Jughardt, Heller, Kirch, Krumm, Leib, Loos, Orbig, Petri, Schaffslacdt, Wallenfels und Dr. Wunmenauer.
Alitteilungen.
Der Oberhessische Geschichtsverein dankt für die durch den Beschluß der Berfammlung vom 17. Januar d. I. deut Verein neuerdings gewordene Unterstützung. (Es handelt sich um die Uebernahme der Hrizung.) Auch der Ausschuß s u r Bolksvorlesungen dankt sür die chrn in der gleick>en Sitzung bewilligte Unterstützung seiner Bestrebungen. »- Boni ökronbauerschen Quarlettverein wurde der Ertrag des alljährlich stallfindenden Wohltätigleilslonzcrls^ das am Sonntag vor acht Tagen stallfand und das sur die Unterslützung bedürftiger Schulkinder bestiuunl war, mit 1008.37 Mk. abgelicfert, woiür die Beisaoimlung dankt.
Hebet die Besch iv erde der Installateure gegen den Betriebsleiter des städt. Elektrizitätswerkes. In der Sitzung vom 13. Dez. v. I. war beschlossen ivorden, den Installateuren auszugeben, einen anderen Sacpveeständigen zu benennen, da die stadtijcherseits befragten Sachverständigen mit dem von den Installateuren vorgeschlagenen Herrn nicht zusainmen arbeiten wollten. Die ihnen gestellte Frist (27. Dez.) verstrich, ohne daß die Installateure ihren Sachverständigen genannt hmi.cn. Deshalö wurde am 8. Januar der von der Stadt in Aussicht genommene Stadlbaurat Uppenbocn in München gebeten, das Gutachten zu Übernehmen. Am 11. Januar erklärten sich die Installateure bereit, einen anderen Sackzverfländigen zu ernennen, woraus ihnen geantwortet wurde, daß die Frist abgelaufen sei. Am 19. Febr. beschloß die Deputation, nochmals den Installateuren entgegenzu- tommen und einen geuieinschasllichen Sack-verständigen zu ernennen. Sladw. Heiü-elheim verhandelte im Auftrag der Deputation dann mit den Installateuren; diese erklärten aber schließlich, daß der von der Stadt in Aussicht genommene Sachverständige bereits Fühlung mit der Stadt habe und sie ihn daher für belangen hielten. Die Deputation beantrage nunmehr, daß der Stadl nur daran gelegen sein könne, ein unparteiisches Urteil eines hervorragenden Sackwerständigen zu erhalten, wie dies von Stadtbaurat Hppenborn zweifellos zu erwarten sei; wenn dieser, der noch nicht angenommen habe, ablehne, solle ein anderer Sachverständiger ernannt werden. Staüw. Heichelheim macht MitteUung von seinen Verhandlungen mit den Installateuren und betont, baß es der Stadt allein darauf anlommen könne, ein unparteiisches Gutachten zu bekommen. Nach längerer Debatte, an bei Stabte. Kirch, Beig. Georgi, Sladtv. S ch affst a c d t, Beig. Heyligenstaedt, die Sladtvv. Krumm, Petri, Haubach und Wallenfels teilnahmen, wird dem Antrag der Deputation zugestimmt.
Baugesuche.
Ein Baugesuch der Firma Abermann u. Kling für den Scbiffenbergerweg, das erforderlich ist, weil das Gebäude außerhalb des Bebauungsplans liegt, wird genehmigt.
Ein Gesuch der Firma S. Elsoffer für einen Neubau in der Marklstraße ist deshalb genehmrgungsbedurftig, well der vorhandene Hof zwar grob genug ist, aber nicht die vorgeschaiebcne Form hat. Ta die Ausführung des Bauplans eine Verbesserung des dermaligen Zustandes bedeuten würde, wirb der Dispens befürwortet.
„Leiber ist bie Situation bei uns so, daß diejenigen P a r t ei genossen, die eine von der maßgebenden K l i - que abweichende Ansicht haben, in dem grotzten Teil d.r Parteipresse mundtot gemacht sind... Die unbedingte Möglichkeit, sich in der Paneipresse zu äußern, mar meines Erachtens selbstverständliche Voraussetzung des Ihnen ja bekannten Dresdener Beschlusses. Sie liegt sck>on sell langem nicht mehr vor.".
Als Beweis sür die Behauptung führt Bernhard an, daß der „Vorwärts" ober vielmehr bie diesen regierende „maßgebende Klique" nicht die von ihm kürzlich in einer Charlottenburger Siebe ausgesprochenen Neiormgedauken verölfentlicht hat. Hierauf erwiderte der „Vorwärts":
„Wir wollen offen erklären, weshalb wir unsere Leser mit diesen Bernhardschen Denlergebnissen versckwnt haben: Erstens well wir nach unseren Eriahrungen Bernhard als Politiker für eine nicht ernst zu nehmende, l-öchst komische Figur halten, und zweiten-, weil in dem Bericht, der unS über bie Versammlung minn, so ivtnig Wesentliches über das Referat gesagt war, datz sich fdjon aus bieieni Grunde bet Abdruck nicht gelohnt batte. Lielleicht hängt der Mangel beS Berichts bannt zu- fammen, daß der Berichterstatter die Ideen Bernhards nicht zu begreijen vermochte. Unsere Hobe Werttuisck-ätzung des Politikers Bernhard ist eS auch, die uns daran gehindert hat, roäbtenö der Wahlkampagne von der Stinkbombe Stotiz zu nehmen, die er sich in seinem ,Mutu-" gegen den „Vorwärts" geleistet hat. Wenn der Bericht der „Becll Volksztg." richtig ist, bc> greifen mir übrigens nicht, was Bernhard noch in der Sozial- bemokratie zu suchen hat. Er gehört dann zu den Cozialliberalen vom Schlage Naumanns — nwmU wir jedoch nicht sagen wollen, baß Naunuann al8 Politiker so leicht wiege loie Bernhard. Ansckxinend hat Bernhard Bestreben gehabt, in seinen Auslassungen der bürgerlichen Oefsentlichkeit zu -eigen, baß er nicht Sozialdemokrat ist. Uns könnte eö red': sein.
Machthabern mißfielen, hat sich neulich von einem Dr. Manin Lohn über die letzten Reichstagswahlen aussragen lassen. Vei bte|et Gelegenheit hat sich Bernhard nach dem von Dr. Lohn in der „Volksztg." erstatteten Bericht sür ein Zusammengehen ber Loziai- bemotratie mit den Liberalen ausgesprochen und auch bie Ablehnung des Etats, speziell bie Ablehnung des Militäretats durch bie sozial- demokratische Fraktion getadelt. Das hat bei ber sozialbcmotratstcl-en Parteileitung natürlich schweren Anstoß erregt. Jlod) mehr aber hat der „Vorwärts" Grund, sich übet den Genossen Bernhard zu entrüsten, denn dieser erzählte unter anderem:
Th. G e i l f u h hatte unter verschiedenen Bedingungen von der Sladt die Genehmigung zur Errichtung von ipeschaftsschuppen auf seinem Grundstücke in der Harnmstraße erhalten, für den Tispens erforderlich ist, weil die vorgesehenen Fenster nicht 3 Meter von den Nachbargrundstücken entfernt sind. Der Dispens wird nicht befürwortet, auch erhebt bie Stadt als Anlieger Einspruch, da Herr Geilsuß sich den von der Stadt sonst gestellten Bedingungen nicht unterwerfen will.
H. Schassstaedt sucht um TiSpenS für Fenster in seinem Neubau in ber Schanzenstraße nach, die nicht 3Meter von der Grenze entfernt sind. LaS Gesuch roirb befürwortet.
Gerhardt beabsichtigt, feine Gärtnerei nach dem Sckist'enbergerweg zu verlegen und daselbst Treibhäuser zu errichten. Der etforberlid« DiSpens wird genehmigt.
A. Buch will an seinem Hause auf bet Mausburg einen Anbau errichten, durch den ber jeßt schon zu kleine, für 3 Hof- teilen bestimmte Hof noch mehr verkleinert würde. Man beschließt deshalb, das Gesuch Nickst zu befürworten.
Ein Gcsum von F. Neu meier für die Sounenstraße wegen ' Velasiung eines Fensters wird befürwortet, da die vom Ministe- rium für die Nichtgenehmigung angegebenen Grunde nickst zutreffend sind.
H. W. Rinn will am Wißmare^weg, außerhalb des Bebauungsplans, ein BocksteinmacherhauS errichten, wofür die Genehmigung erteilt wird.
Ein Baugcsuch Don A. Scheppelmann für die Roonstraße wird abgelehnt, da es sich dabet nach Ansicht der Deputation lediglich um eine Umgehung der früher beschlossenen Bcdiuguiigen banoelt
Ein für die Verbreiterung dec Treihäusergasse bezüglicher Vorschlag des Ministeriums fmbet auf Anttiag des Stadtv. Wallenfels Annahme. (Bei orr Beratung hierüber war — iou übrigens vielfach auch bei anderen Gelegenheiten — bie Unruhe so groß, baß näheres nickst zu verstehen war.)
Für die Befestigung von Straßen soll im dies- jähr. Voranschlag ein größerer Bettag vorgesehen werden. Vor allem soll eine grauere Zahl von Bürgersteigen hergestellt werben, einzelne Sttaßen sollen geptta fiert uno andere umgepflastert tverden. In den imicrut Stadtteilen können noch feine endgültige Herstellungen eriolgen, da bie Erbe von ben ftanalarbeiten I)er noch nicht zur Ruhe gekommen ist unb auch noch Gas- und Wasserleitungsrvhre auszuw''chseln sind. Vorgesehen sind für Umpuaftetunyen 1: JOu tu.für Pflasteunrg mehrerer seither haussierter Strafen mu Stempslaster 17 GOü 9JIL uno für Herftellung von Bürger-
Ten Geschw. Weidig wurde bereits früher ein - .övenS-
x ..... _............ Gesuch für den Seltersweg befürwortet, bad aber vom Ministe-
Ter neue Ne.chStagSabg. für Magdebura, Fleischermeister Senehmigt wurde. Gin neu Dorgelegter Plan, bet Inn-
»UmirX r.A ( 0 o sichtlich der genehmtgungsbedurltigen Punkte — Hoigroße unb
eit roirb weh. wie verlautet, ber fretfin«tn*n fa. Durchfahrt — wesentliche Verbesserungen enthält, lolt abcrmal» befürwortet werden.
Kioocruer vtUljchrr A.chleruvend.
Gießen, 22. Februar 1907.
Der Kaufmännische unb ber Ortsgewerbe-Dereiu hatten gestern abend einen Vortragsabend veranstaltet, von dessen exquisitem Programm man hätte annehmen sollen, baß es eine unwiderstehliche Anziehungkraft auf Gießens sämtliche Ziteraturfreunde ausüben wurde. Indes hatten sich saft aus» schließlich nur die Mitglieder ber beiden ben Abenb arrangierenden Vereine nebst ihren Angehörigen eingefunben.
Vorausgeschickt sei, daß dieser Vortragsabend für jeden poetischem Empfinden Zugänglichen ungeroöhnllch genußreich sich gestaltete und ben Gesamtwert einer großen Reihe von Theatervorstellungen völlig austvog.
Herr Hans Weber vom Stadttheater in Kaiserslautern, em noch junger, schlanker blonder Herr, hat, um ein Shake- spearesches Wort zu gebrauchen, rbie Macht ber Liebe, der Menschen Blut zu reizen." Ihm sieht ein meisterlich ausgebildetes, den ganzen großen Raum des Saalbaues in kraftvoller Fülle vollkommen beherr'chendes prächtiges Organ zu Gebote, das in allen 'JJlobulahoncn von gleich-starker Wirk- samkeit ist, soivohl wenn es aufbrauft gleich einem herben Wintersturm, wie wenn es weich und melodisch hmfließt, säuselndem Hatfenklange gleich. Herr Weber scheint mir berufen, ein Rezitatlonsmeister ersten Ranges zu werden, von dem man noch reden hören wird. Seme sparsamen, unaufdringlichen Gesten sind durchdacht wie bie Tlchlecroorte, die er spricht.
Er begann mit einer kurzen orientierenden Einleitung über das Wesen der modernen deutschen Lyrik, die sich durch chren Empsindungsgehalt von der im wesentlichen auf Form gerichteten romanischen Lyrik tmterscheidet. Unsere modernen ^tiler, sagte Herr Weber ganz richtig, sind zugleich Kinder >md Künder unserer Zeit; er meinte damit, daß sich bei ihnen n|ü durchaus naiver dichterischer Veranlagung em scharfes ästiges Erfassen unserer kulturellen und sozialen Zeilström- ungen harmonisch verbindet. Ihr Streben geht nach biet 3»eien: nach Schönheit (der Form), Wahrheit (des EmpsuidenS) und Persönlichkeit (in der Art des Aufnehmens der aus den verschiedenen Lebenserscheinungen sich ergebenden Eindrücke).
Diesen durchaus zutreffenden einleitenden Worten folgte Neztlütion. Als erster erschien LNtencron mit einem
in seiner plastisch-malerlfchen Anschaulichkeit packenden Gnck- auS auf Friedrich b. Gr., das allerdings bei dem noch etwas unruhigen Hanse nicht zu voller Geltung kam. Es folgte Bi er bäum mit einem aus seiner frühen Zeil stammenden, mit eigentümlicher Gewalt in unsere Seele sich schmeichelnden Liede
„Oft in ber stillen Nacht, Wenn zag der Atem gebt Und sichelblank der Atond Am schwarzen Hunmel fleht,
Wenn alles ruhig ist Und kein Begehren schrell, Führt meine Seele mich In ftmöcslanöe wett/
Man findet bieses wundervolle achtstrophige Po8m in seinem soeben neubestellten ,Irrgarten ber Liebe* (im Inselverlag zu Leipzig erschienen). Presbers necklsch-meblich beginnende und in erschütternder Tragik auSklmgende .Erinnerung* an sein ihm durch ben Tod entriffenes liebeS Töchterchen ergriff bie Zuhörer wohl am tiefsten, so sehr vor ihr dem Bierbaum'schen Poöm auch, künsllensch betrachtet, der Vorzug zu geben ist.
Rich. DehmelS ,Erntelied* mit dem Rundreim ,Mahle, Mühle, mahle^ ist ein Stück Gebankenlynk von starkem sozialem Empfinden durchtränkt, ebenso Gerhart Hauptmanns später folgendes, an die Tendenz seiner »Weber* tu gewiffer Weise gemahnendes prachtvolles, den Geist der Zeit anSschöpfendeS Poüm ,Im Rachtz.ig*, das ein Iudelhymnus ist auf die Errungenschaften unseres jungen Jahrhunderts und zugleich em machtvoller Appell an das Mitleid mit den von der stürmenden Zeit Niedergelretenen. In eine Reihe mit diesen beiden Poemen ist ihrem Geiste nach zu stellen LSkar Wtlde's berühmte .Ballade vom Zuchthause zu Reading*, in der die schrillen Diffonanzen des Lebens und der Tichlunct dieses im Grunde höchst unsympathischen britischen DtchterS, dem Herr Weber fälschlich germanische GeisteSrtchlung nach- rühmte und der sonst ganz und gar im Banne französischer glitzernder Art sich befand, in sehr ernsten und reinen Akkorden auSklingen. Ist sie doch als Wilüe's vollendetstes und lauterstes Werk anzusehen. Herr Weber Halle die ältere Ueberfetzung von Wtlh.. Lchölermann (im Inselverlag zu Leipzig erschienen) gewählt. Ich gebe der neueren von
O. A. Schröder, bet Hesse in Leipzig hecausgekommenen den Vorzug. UebrigenS bietet diese Dichtung in dieser spröden Verdeutschung für den Vortrag sehr erhebliche Schwierig, leiten, deren indeß der Vortragende durchaus Herr wurde.
Sogar von Friedrich Nietzsche, dem viel vergötterten unb viel verlästerten Dichter-Philosophen, bot Herr Weber em paar Pröbchen irronisch spitziger Lyrik von äußerst feinem Geiste und formaler Meisterschaft.
Die 3 Balladen an8 ber Fülle ber 6000, die eine Berliner Wochenschrift bei einem Ballabenausschreiben erhalten Haden will, waren bie schwächsten Darbietungen des Abends. Die erste war reinste Kriegeroerems-Poeste, die zweite, ,bie Jüdin von Wormö* von Wilh. Brandes, literarisch wertvoller, aber allzu breit ausgcsponnen, BloemS ,Knappe* cigenllich nur wirksam durch bie Pointe, baß ber sonst zu blindem Gchorsam bereite Knappe von seiner Herrin um einen Kuß gebeten sein will.
Den Schluß bildete die Rezitation eines kleinen dramatischen Gedichtes von Hugo von Hofmann st hall- Dtefer junge Wiener Poet ist, wie Hauptmann, Lilien- cron, Tehmel (zu denen Herr Werner noch den Heffen Stephan George hätte reihen sollen), keiner von denen, deren Wesen sich in wenigen Sätzen erschöpfen läßt. Das Urteil über ihn schwankt hin und her zwischen Extremen wie eigen unb entlehnt, erlebt und ergrübelt, natürlich und unnatürlich, gesund und krank. Als vor einer Reihe von Jahren des Zwanzigjährigen Dichtung er Tor und der Tod* mit Zeichnungen von Angelo Jank in der Münchener .Jugend* erschien, da begrüßte man ihn voll Hoffnung als einen Kommenden. *2)1 an sah hinweg über daS, was Kritik oerdicute, und schätzte das Werk em nach dem großen und liefen Gedanken, au5 dem es geboren war, nach dem Gedanken vom Tode, der den kampflos und neidlos, lieblos und leid- los töricht fein Leben Lebenden den Wert des Lebens lehrt und ihm die Hoffnung auf ein wahres Leben im Tode eröffnet. Man faßte eS mit Recht als ein Gedicht, als lyrischen Erguß, trotz aller beigegebenen szenischen Anweisungen, nicht als Bühnenspiel. Später ließ es ber Dichter wiederholt auf* sichren, doch kann e. wohl auf der Bühne seine intimen Reize kaum entfalten, aus der alles, was an ihm übernommen ist von berühmten Vorbildern, von Goethe, "von Byron^


