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20.3.1907 Erstes Blatt
 
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Nr. 67

Erstes Blatt

157. Jahrgang

...lwoch 20. März 14)07

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Srlchetut täglich außer Sonntag».

Dem Gießener Anzeiger werden tm Wechsel mit dem hessischen Landwirt die «tehener Zamitten- blätter viermal in der Woche beigelegt tm- zweimal wöchentlich bas Kreisblatt für den KreU Sietzen. Fernsprech-An- schlußs.d.Redaktion IIS Verlag u. Expedition 51 Adresse Mr Depeschen: Anzeiger «letzen.

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Iie heutige Yummer umfaßt 12 Seiten.

Fasrusst-che Aegierungsp:ogramm vor derAumq.

Petersburg, 19. März.

Ministerpräsident Stolypin hat heute in der Reichsduma eine ministerielle Erklärung verlesen. In der Erklärung wird darauf Hingelviesen, daß in den Staaten, welche sett langem ein repräsentatives Regierungssystem besitzen, neue Gesetze nur die Ergebnisse normaler Notwcnbigkeiten seren, mrd daß dre Re- gierlsng in solchen Staaten keine große Mühe hat, bie Annahme der Gesetze zu erreichen. In einem Lande aber, das sich tm Zustande der Wiedergeburt und Neubildung bcjrnde, spregele jedes neue Gesetz das ganze Leben des Lairdes mreder, und es sei notwendig, daß alle Vorlagen der Negierung durch den­selben allgemeinen Gedanken verbunden feien, der die Grund­lage der Umbildung des Staates bilde und datz dann dieser Ge- danke verteidigt werde. Die Regierung habe alle der Duma vorgelegten Gesetze auf deren Idee aufgebaut, nämlich materielle Grundsätze zu schassen, in denen die neuen, aus den jüngften Reformen sich ergebenden Rechtsverhältnisse verkörpert sein sollen. Unser Vaterland muß in einen konstitutionellen Staat ' um gewandelt werden. Cs müssen wirkliche Grundlagen ge- schassen werden, um die Rechte des Staates und der einzelnen Personen zu bestimmen und festzusetzen und die Widersprüche der alten mit den neuen Gesetzen zu beseitigen, sowie willkür­liche Auslegungen derselben durch Privatpersonen und Be­amte zu verhindern. Der Kabinettschef weist alsdann auf die Notwendigkeit einer bäuerlichen Gesetzgebung hin, um der L a ii d n o t e i n E n d e zu machen, unter der der größte Teil der Nation leide. Die Negierung habe die moralische Pflicht, den Bauern gesetzmäßige Wege zu weisen, um aus dieser Not herauszukommen. Deswegen seien Gesetze erlassen, nach denen den Bauern kaiserliche und Staatsdomänen Überlassen und ari­dere Maßregeln getroffen werden, um eine Reorganisation des Loses der Bauern sichcrzustellcn. Zur Ausführung der Emanzi­pation der Bauern und Gemeinden hat die Regierung Maßregeln getroffen. Außer der bäuerlichen Gesetzgebung hat die Regierung eine Reihe von Vorlagen vorbereitet, deren Verwirklichung in dem Manifeste vom 30. Oktober 1905 niedergelegt, aber noch nicht durch Gesetz sanktioniert ist: Gewissensfreiheit, Frei­heit des Briefwechsels unb bie Unverletzlichkeit der Person sinb noch durch bie russische Gesetzgebung zu ge­währleisten. Um bie religiöse Toleranz zu sichern, hat bie Regierung eine Revision der Gesetzgebung für notwendig gehalten. Vorher aber mußte bie Negierung als Grundsatz auf- steilen, baß das Prinzip des christlichen Staates, in welchem bie orthodoxe Religion die privilegierte ist, die Grundlage aller legislativen Änderungen sein muß. Die Regierung wird eine Reihe von Gesetzen einbringen betr. den Uebertritt zu einer anderen Religion, betr. i>ie Abhaltung von Gottesdiensten usw. Tas Gesetz über die Unverletzlichkeit t*er Person ist auf den allgemeinen Grundsätzen aufgebaut, die in den konstitutionellen Staaten gelten. Alle Eingriffe in das persönliche Recht find der richterlichen Gewalt Vorbehalten. So hat bie Negierung z. B. beschlossen, die administrative Verbannung abzu- s ci) affe n. Tie Regierung schenkt besondere Aufmerksamkeit den Gesetzen über die Selbstverwaltung der Semstwos, der Stabte und der Körperschaften der Lokalverwaltung, welche völlig umgestaltet to'*rbcn sollen. Die Reform der Verwaltungsbezirke ziele auf eine Vereinheitlichung aller Zivilgewalt in den Kreisen, Gouvernements unb Provinzen ab. Weiter folgt bie Justizreform. Die Kronlandverwaltung wird wichtige Gesetze vorlegen, welche die bäuerliche Bevölkerung betreffen, bie jetzt in ein neues, mit der übrigen Bevölkerung gemeinschaftliches Leben eintritt, in wirtsmastticher Beziehung aber noch zu sclMrach ist unb sich nicht selbst eine solide Existenz sichern kann. Die Kronlandverwaltung wirb es deshalb ihre Sorge fein lassen, den Landbesitz der Bauern zu vermehren unb bie örtlichen Agrarkommissionen, von denen die Wohlfahrt der Bauern abhängt, enger mit der Bevölkerung zu verbinden. In Betreff der Arbeiterfrage ist die Regierung von der absoluten Notwendigkeit der Betei­ligung des Staates an der Gestaltung der Lage der Arbeiter überzeugt. Als positive Maßnahmen plant die Regierung Jn- validitätsversicherung unb Krankenversicherung der Arbeiter, das Verbot der Arbeit bei Nacht unb unter Tage für Frauen und Kinder, sowie fcerabfefcung der Zahl der Arbeitsstunden für alle Arbeiter.

Das Verkehrsministerium ist mit der W e 11 e r t n t ro i d l u n g der Eisenbahnen beschäftigt, die gegenwärtig eine Schieneu- länge vvn 61,725 Werst besitzt. Geplant ist auch der Bau einer Amur-Eisenbahn, die von einer Statwn der Transbaikalbahn bis nach Ehabavowsk geführt werden soll, um durch einen Schienen­weg zwischen dem europäischen Rußland unb dem fernen Osten eine Verbindung Herzustellen, die nur durch russisches Gebiet führen wird, unb für dir Lebensinteressen des Reiches notwendig ist. D'» Regierung ist ter Ueberjeugung, daß alle aujgeiührten Maßnahmen sich Nicht leidet verwirklichen lassen, ohne eine radi­kale Form des öffentlichen Uiiterrichts. Die Ne­gierung i?irb die Teilnahme am Untemd>t zunächst eine freiwillige ,ein lassen, sodann aber, was die Elementarschulen qntetriiiL obligatorisch marinen. Ferner ist die Verwirklid-ung einer Reform nur möglich, wenn die Finanzen es gestatten. Die Budget- einnabir.iti sind niedriger geworben wegen der Aushebung der Ablösung^nh'ungen, ivelchc die Bauern für ihre Läiidec zu zahlen hatten und r?*gcn der Zunahme der Einzahlungen für im Aus­lande aufgenommene Antti'-en Der unglüalidje ixr.lossene Krieg madyt, so groß auch der Wunsch auf Erhaltung des Friedens und so nvtivcnbig auch die Beruhigung des Landes sein mag, neue Ausgaben notwendig. Wenn wir aber unsere militärrschc Mari)1iteUung unb die Würbe des Vaterlandes lvahren, wenn wir nidü unsere Zustimmung dazu geben wollen, daß mir unser-n Platz unter den Großmäd-ten verlieren, bann dunen wir nicht vor der Dtotuenbigfeit der Ausgaben zurüclschreden, die und Die große Vergangenheit Rußlands aujeuegt. Der außer- ortentlidje El>aratter biefer Anforderungen zwingt zu der Er- ösfnungaußerordentlicherEinnahmequellen. Der Zinanzminister wird in.olgebessen neue Steuern beantragen, darunter eine Einkommensteuer, unb eine Abänderung der Erbschaftssteuer.

Am Schlug ter Erklärung heißt es: Die Beruhigung unb bie Wiedergeburt des großen Rußlands ist nur möglich auf dem Wege ter Verwirklichung bet neuen Prinzipien. Dre Regierung ist bereit, die größten Anstrengungen zu madjpn. Ihre Arbeitskraft, ihr guter Wille unb ihre Erfahrungen stehen zur Verfügung der Duma, bie als Mitarbeiter eine Regierung haben wirb, die es für ihre Pflicht hält, die -geschichtliche Stellung Rußlands zu mal/rcn unb bie Ordnung unb Ruhe im ßaitbe wiederherzustellen, das heißt, eine feste unb rein russische Re­gierung, wie es die feiner Majestät sein soll unb fein wird.

Diese Erklärung wirb von der großen Mehrheit dec Duma mit Schweigen unb nur von der Rechten mit Beifall auf ge­nommen. Sodann hält der fozialbemokratifche Abg. Zereteli eine flammende Rede gegen die Regierung, in welcher er in heftigen Ausdrücken die Politik des Kabinetts Stolypin nach Auslösung ter Duma kritisiert. Redner wirft dem Minister­präsidenten die Einführung der Feldgerichte tiorf Knebelung der Presse und die sogenanitte Verbesserung des Loses ter Bauern, teren wahrer Zweck nur sei, den ApPetit der Grundbe­sitzer zu befriedigen. (Lärm; Ruse: Genug! Hinaus! auf ter Rechten.) Der Präsident hat große Mühe, den Lärm zu unterbruaen, der sich noch verschiedentlich wiederholt und be­sonders stark wird, als Zereteli äußert, daß die Exekutivgewalt sich ter gesetzgebenden Gewalt unterzuorbncn habe. Zereteli meint, daß die ganze Nation sich gegen ihre Unterdrücken und gegen die Veranstalter ter Pro grame erheben wird. Das Volk müsse orga­nisiert werten, um sich bie Exekutivgewalt gewaltsam z u entfernen. (Lärm auf der rechten Seite. Rufe: Wir können nicht irtit anhorcn, daß bie Duma zur Erhebung mit ten Waffen auigefordert wird.) Zereteli fährt fort: Nicht er bereite eine bewaffnete Erhebung vor, sondern bie Negierung, die bas Volk zum Aeußersecn treibe. Er verliest sodann namens der sozialdemokratischen Partei eine Erklärung, welche besagt, daß die Partei als einziges Ziel anstrebe, tem Volte die Augen über bie wahren Absichten ter Regierung zu öffnen, um es für den E n ts che i bun g s ka mpf gegen das Willkür sy stem zu organisieren.

Der Prä fite n t verliest hieraus einen von 35 Deputierten eingebrachten Antrag (auf Schluß ter Debatte. Dieser Antrag wird iwbgelehnt, da mehr als 50 Deputierte dagegen stimmen. Fürst Dolgorukow verliest bie einfache Tagesordnung. Zahl­reiche Rrdncr ter Rechten fordern in feurigen Reoen tee Duma auf, mit dem Kabinett Stolypin zu arbeiten unb von ten revol. Ideen abzulassen. Anderenfalls würden Unterdrückungsmaßregeln v-on neuem unerläßlich fein. Graf Babronski schlagt eine Tages­ordnung vor, bie das Vertrauen zur Regierung unb ben Willen

Gieszener Stadttheater.

Einakterabcnd.

Der gestrige Theaterabend befriedigte sowohl literarische wie bnrftelleviicbe Ansprüche. Arthur Schnitzlers EinakterT i e letzten Maske n" ist ein psychologisch feines Krankenhausge- inalde. Es entrollt uns die tiefe Tragik des Lebens eines Tagesschriststellers. Nachdem im Herzen dieses dem Tode gcroet()ien Journalisten, geweckt durch Gesländmffe eines gleichfalls dem Tode veriallenen Schauspielers, eben erst gegen einen früheren, glück­licheren Freund der Neid erwacht und des Lebens tlemeS Fühlen Befriedigung ungestüm gefordert hak, schwindet noch vor der Gelegenheit die Lust mit der Lebensenergte. Im Vorgefühl der Todec-eihabenhett und der Erkenntms der Nichtigkeit aller Lebens­werte überwindet der Kranke die kleinliche Regung und stirbt mit der seelischen Ruhe und versöhnten Gleichgültigkeit eines, der nichts mehr gemein hat mit den Menschen von morgen. Tas Rache- gelüst des -Sterbenden erscheint ja ueiüd) um jo niedriger, als ja keine Verschuldung des verdienstlos zu Ruhm uud Reichtum gelang­ten Freundes vorliegt, dessen Glück er mit einem fürchterlichen Geständnisse vernichten will. Doch der Cchlitßgedanke verlieft die kleine ergreiente Dichtung, die zwei Darstellern Gelegenheit gibt bie Hohe ihrer naturalistischer Runft zu zeigen. Herr B a k o f traf in der Darstellung des trosllofen .Helden' dieser 'JJimiaturtragöbie die rechte Grundstümnung und nüancierte mit Geschick die Ernpsm- dungsftärke dieses Moriturus, ohne allzu kraß zu inerten. Herr R e i in e r dagegen ließ das Tragische im Humor dieser Figur nicht sonderlich burd)bilden, ja dieser Humor selber war nicht der rechte, nicht von ter hellen, leuchtenden Herzensgüte des vom Dichter vor­züglich nach dem Leben nachgeschaffenen Figur, fondeni malt und unaufrichtig, ohne komödiantisch zu sein. Ten Uebergang von der a» Ünglichen ireundfchastlichen Plauderei zu der Komödie vom zu tnvartenben Freunde hätte Herr Reimer so leicht als hübsch durch geringe Aenterung der Maske schaffen können; und auch bie ganze kleine Komödie ui der Komödie bis zum Erscheinen des Freundes verpuffte tnird) feine Monotonie, obwohl der sterbenskrante Storno- Kant dock; daran» brannte, noch einmal feinen Beruf ausüben zu können und sein Wesen zu u cchselu. Herrn Kraus <el)lte als Wcihgast wiederholt die Bei" enheit; die Unbehaglichkeit seiner Situation, nut der er um so niger etwas anzusmigen wetsz, als er mimisch höchste Spannuu zu äußern hätte über das ange» sündigte Geilanduis, deutete verr Kraus cur. Den Ver-

tretern der beiden Aerzte aber fehlte bie ruhige und bestimmte Sickierheit in ben ihnen wohl vertranten Räumen, Herrn Ries auch vollends der nötige Takt. Das menn auch unerquickliche, so doch küiistlerisch seine Stückchen wurde von nuferem Publikum nut eisigem Schweigen auigenonunen.

Dem tragischen Krankenhausbilde, das Schnitzler, der Arzt, dem Leben nachgestaltete, folgte em Bild ans der Welt der Heute vonWelt", d. h. der vornehmen Atüßiggangerei. Manuel und Käthe S ch n i tz e r, ein Berliner Schristslellerehepaar, veröffent­lichte unlängst im Verlage von Tr. P. Langenscheidt m Groß- Lichterfelde einen amüsanten Slizzenband unter dem Titel ,'Dleiue Freundin von nebenan", enthaltend zwei Dutzend scharf unb mit Humor geschauter Skizzen aiu> dem Berliner Leben.E i n Al a n n , der geliebt w i r d", der uns gestern aus der Fülle der barm vor- fommenöen Gestalten auf den Breueru vorgestellt ivurbe, ist cm ver- ivöbnier Frauenfreund, der drauf unb brau ist, bie Hand einer schönen Frau sich zu erobern, bie er vor einer Reihe von Jahren mit ihrer Euiivilligung entführen wollte, aber zur bewußten Stunde äußer­lich und innerlich so unromaniijcb und alltäglich ihr erschien, daß sie den Verblüß'teu auf der Treppe stehen Uetz unb in die Wohnung ihrer Eltern zurückslüchtete. 9lun wirb ihnen eine brüte Person zum Verhängnis. Tas ist nicht sowohl der schönen Tarne ältlicher verliebter Schwager, als vielmehr deren Schneiderm, von der die Dame just im schönsten Augenblicke abbernien wird, um ihr statt zwei Minuten eine Litzinig von 20 Miiiuien zu gewähren, ivährend der Bewerber nun lemerjetts gründlichst ernüd)ieit wird. Die zwischen den beiden Männerherzeii schivebende Schöne aber wirft sich zum Schlüsse hcub entrüstet, halb ^hülfesncheud an des braven Schwagers breite Brust. Ter kleine Spaß spielte sich nut Grazie zwischen ben Damen Öaijrljammer und Winde r- st e i u unb den Herren Steingoetter und Goll ab, bie alle­samt liebenswürdige Salontypcn boten. 'Dian zeigte nur eine etwas wunderliche Neigung zu unmotivierter Zimmerpromenade Unb ter Dialog hätte hier unb da etwas feiner geschliffen werden können. Tas Hinüber und Herüber der Worte war Nicht immer voll erfaßt. Eigentlich aber ist diese Kleinigkeit doch wohl mehr für Privatzirkel als fürs Theater geschaffen.

Im übrigen lastete dteHand des Verhängnisses auf dem gestrigen Theaterabend. Frl. Schuster war plötzlich erkrankt und fo mußte statt Thotiia's von ben Schlierseeru^ her manchem noch wohl­bekannterDiebaiUe bas Heine SmgiptetLas Wetter­bäu s ch e u" wiederholt werden. Wer .Dre jDlebaiUe' noch uicbt

ter Duma ausdrüctt, mit ihr zu arbeiten und die er sie Duma tadelt.

Der Dräsident bemerft, daß eine Kritik ter erste« Duma in ter zweiten unzulässig sei. (Lebl-after Beifall auf ter Linken und im Zentrum.)

Schließlich wird mit großer Mehrheit teschlosfen, über die Erklärung dos Ministerpräfiteitten zur Tagesordnung überzugeben.

politifdx

Reichstags-Hauötecht.

Mit bemerkenswerter Promptheit hat der erste Neichs- tagSpräsident Graf Stolberg gegen den Versuch der StaalS- auwaltschast Protest eingelegt, ein Strafverfahren ober baS Erm i ttelu ngs oerf a hre n in Bezug auf bie un Reichstag veranstalteten, polizeilich mcht amjemelbeten sozial- beiiiokiaiischen .Versammliingen* einjuleiten. Rach ber freunb- lüiUißen Einführung teS UlitersuchungSrichleis in ben Reichs­tag burch ben Abg. Erzbeiger hat alleibingS das Parlament alle Ursache, auf bie peinliche Wahrung seines HauSrechtS Acht zu geben. Im Reichstag übt ber Präsident die Polizei- geiualt aus. Daran kann nicht gerüttelt werden. Es heißt, daß Graf Stolberg beim Fürsten Bülow dicS Recht aus­drücklich geltend gemacht unb erklärt habe, er sehe sich nicht in ber Lage, bie Geschäfte teS PrttsibiumS weiter zu fuhren, falls irgenbwelcher Eingriff in feine Befugnlffe erfolge. Die bünblensche ^TageSztg.^ meint, ber Relchstagspräfibeiit habe keine Btöglichkeit, bas Vorgehen ber Slaatsa>uvall,chaft zurück- zuweifen; bei ber Ausübung beS HcmSrechtS rnüßlen bie all- gemeinen Reichs- unb SiaalSgesetze brachtet unb befolgt werben. Ja, hierüber hat eben der RetchstagSpräsident zu entscheiden, und man wirb von einem Manne in dieser hohen unb verantwortlichen Stellung gewiß nicht annehmen können, daß er Verlegungen der gesetzlichen Bestimmungen bulbe. Bisher ist jebcnfaUfl nichts barm gefunben worden, baß bie Parleioertretungen im Zieichstag politische Be­sprechungen veranstalteten, bie über ben Rahmen einet FraklionSsitzung t)inauBgmgen. Konservative ebenso wie fHationallibcrale unb Freisinnige luden zu wiederholten Malen eine Anzahl nicht dem Reichstag angehörender ,politischer Freunde" zu solchen Konferenzen. RienialS ist daran gedacht lüorben, bieseVersammlung" polizeilich anznmelben. Wir fiuben es baher nicht richtig, baß bie9tationalztg.", bie zuerst bie Melbung von ben sozialdemokr.Geheim- Versammlungen" brachte, allerbmgS, nachbem von bei Staatsanwaltschaft eingeschntlen war, heute abend noch iveitcreS Belastungsmaterial gegen den sozialdemokratischen Fraktlonsvorstand unb ben Parteioorstcmb burch Abbruck oer- Icaulicher Zirkulare zlisammenträgt. In einem ber Geheim- zirkulare wirb als Gegenslanb ber Besprechung mit Mit« gliebecn ber Genecalkommission der Gewerkschaften bie 2JI a i» feier genannt. Der Emsenber ber Geheiinzlrkulare an bie Rationalztg." (man sieht, dre Sozialdemokratie wird bei dieser Veröffentlichung vertraulicher Briefe ein­mal nut ihren eigenen Waffen geschlagen), hegt folgende düstere Befürchtungen:Wenn das so weiter geht, wer garantiert dafür, daß nicht eines TageS die weitgehendsten Konspirationen gegen Staat und Gesell­schaft seitens der Sozialbemokratie gepflogen werden." Ung scheint solche Bejorgnis stark jchivaczscherlscher Art. Für weitgehendste Konspirationen" roüroe die Sozialdemokratie, vorausgesetzt, daß sie überhaupt auf derartige Pläne verfiele, wohl viel verbotenere Zufaininenkunftsorle wählen als em Sitzungszimmer un Reichstag. Ein Blatt der bürgerlichen Linken follte ob ber Vorkommnisse Nicht Lärm schlagen; efl

kennt, ber sollte Nicht versäumen, sie zu leien. *) Sino boch iv bieiem köstlichen Werkle in berben, farbenjatien Humors bie präch­tigen urwüchsigen Bauern typen, bie uns T oina voriührt, mit ganz fainoiem Scharibttck beobachret; jeljeh ivir doch bie Bauernichläue, den tressenden Bauerilhurnor, der unter gulmiuigliet Blaske von keckster Spitzfindigkeit tft, an em paar meiilerhail ge­zeichneten und krä'tig Colonenen Figuren illustriert, und ioir haben nniere Zrende an öieier rüctstchtstoien und robusten Geiundhelt. Zminerhin ivar das reizendeWetterhäuschen" durchaus fern übler Ersatz. ES fand m der prächtigen und uumtereii Tarilellung durch das sangessrohe Ehepaar R e i in e r - L ch l e g e l den herzlichen Beliall der Ziihörer, und gar mancher lourte, wie ich höre, |icq recht Irenen, wenn in einer 9tachmiuageVorstellung die Gelegen­heit geboten roiute, das meölidje mufilaiiidje opiel oei Kmderwelt üarzubielen zu bereu umiger Fceiide. Wäre übrigens Zrau R^-^ch., an bereu sehr hübschem darflellerischen und mufilaliichen Talent wir bisher leider nur tm .Weueryäilschen" uns zu erneuen Gelegen­heit hatten, nicht em ,ehr jchatzensioerler Ec,atz für tme der von uns scheidenden Damen, elioa mr Frl. -Lchelleilverg?

Alich die getreuen Waiidelbiloer Schwedlers und Lleingoetters finnige Verse dazu wurden nut ireubigem und baickbarem Beifall auigenommen.

) Verlag von Albert Langen in München.

Das vieraktige SchauspielM a h n e r", dessen Verfasser, Dr. Carlot Gottsricb Reuling, ein geborener Hesss ist, er,cl/ien unLängit cuä Buck) int Verlage von Eduard Bloch in Bernii C. 2. Eis hatte tei. feiner Urau,fuhrui>g in Köln ziemlich truitigen Beifall. Für den iUmjhit ist inaoueteiib bie Vorgeschichte. Forschste,jor Ltw Schröter, ter mit der Gattin des Geyciiicrats Voueuius einen Liebeshantel unterhielt, hat diesen getruiilien Etemann, ats er gegen ihn tuhid) luuroe, au, ter Zagdgrenze trid^hen. Sühne: zwcstährige F-e,rungsha,i des Jager- pttieroeleuttiaiits. Der ist nun wieder zu seinen Ettern, ueuz- braveii Foricersleuten, getomnicn, die von ten geheimen Bezieh­ungen tes Sohnes zur Kathi Volienius nicksts wissen. Aiidere munkeln, aber Otto gab tem ehreniesten Vater sein Wort, daß nichts daran sei. Die Geheimratswit.ve verkehrt sceullb,d)astllch in ter Familie tes Mannes, ter ihren Gatten tötete, ivas als Beleg vornehmer, berzeihenter Gesinnung ausgefatzt wirb. In leiteiischast^icher Liebe klammert sich Kathi an Ltw und toill