Ausgabe 
22.6.1907 Erstes Blatt
 
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Dirach die Hoffnung aus, daß England und Deutschland immer zusammengehen möchten. Der Lordmayor erwiderte hierauf: Die Erinnerung an die Schlachten von Waterloo habe er ganz vergessen. Die große französische Nation, bte England und Deutschland damals gemeinsam bekämpften, ist inzwischen der u n e r s ch ü t t e r l i ch e B u n- desgenosse Großbritanniens geworden und beide wollen diesen Krieg und die Erinnerung daran vergessen. Ich wünschte nichts sehnlicher, als daß wir drei große Nationen in Freundschaft und Handelsgemeinschast mitein­ander lebten." Die französischen Zeitungen schlagen vor Freude über diese Abfuhr wahre Purzelbäume.

Die sozialdemokratische Parteileitung beruft den diesjährigen Parteitag auf den 15. September und folgende Tage nach Essen ein.

Im Rheinlande haben sich Vereinigungen von Landwirten gebildet, die in verschiedenen Orten Fleisch zu billigen Preisen ausbietcn. Diesem Beispiele will jetzt die Absatzgenossenschaft des rheinischen Bauernvereins folgen. Als Vorbild hat sie sich, wie es heißt, die großen dänischen Genosstnfchaftsfchlächtereien gewählt. Auch die Thyssenschen Werke in Ruhrort richten eigene Schlächtereien ein.

Zur Besetzung des Kölner Lberbürger- meisterpostens erfährt dasB. T.", daß bisher keine Entscheidung getroffen ist.Man klopfte in Bonn, Koblenz, Düsseldorf, Posen und Magdeburg an, fast ausschließlich mit negativem Erfolge."

Kiel, 21. Juni. Zur Abendtafel beim Kaiser waren heute nach der Wettfahrt des kaiserl. Jachtklubs, die den Sieg desMeteor" brachte, geladen u. a. der Reichskanzler, Monsieur Georges Kohn, der amerikan. Botschafter Eharle- magne Tower, der amerikanische Rearadmiral I. G. Ehad- .wick, der amerikanische Korvettenkapitän Howard und der amerikanische Kommandeur Gibbon, Mister Andrew Car­negie, Mr. Joseph Whartou, der Vizepräsident des Jacht­klubs de France, Herzog Decades, Herzog von Royan, Mar­quis de Modene, Graf de Paströ, Baron Berget, der Präsi­dent des Union-Jachtklubs de France Desailligny und Briant de Laubröre, Bürgermeister Dr. Stammann-Ham- burg, Generaldirektor Ballin.

Münster (Wests.), 21. Juni. Im Rathaussaal wurde heute der 35. Deutsche Aerztetag durch Geheimrat Dr. Löbker-Bochum eröffnet. Zunächst gedachte der Vor­sitzende der im vergangenen Jahre verstorbenen Mitglieder des Aerztevereinsbundes, vor allem des Professors Krabler- Greisswald und des Geheimrats v. Bergmann. Darauf wies er auf die im Reichstage erfolgte Ankündigung des Staatssekretärs des Innern hin, daß eine Abänderung des KLankenversicherungsgesetzes baldigst erfolgen werde, wobei auch die Ordnung der kassenärztlichen Verhältnisse zu er­warten fei. Unter stürmischem Beifall der Versammlung erklärte der Vorsitzende, daß die Aerzte an der Forderung nach Erfüllung ihrer Hauptwünsche, insbesondere der Ein­führung der f r e i e n A r z t w a h l, unverbrüchlich festhalten werden. Nach Begrüßungsansprachen des Vertreters des preußischen Kultusministers, Geheimrats Dr. Aschenborn, des Oberpräsidenten Staatsministers v. d. Recke, Rektor Magnificus der Universituc Münster, Prof. Pieper begannen die geschäftlichen Verhandlungen. Angenommen wurde eine Resolution, die die gesetzliche Einführung der freien Arzt­wahl und eine paritätische Einigungskommisslon fordert. Vertreten sind auf dem Aerztetag 20 000 Aerzte durch 216 Delegierte.

Köln, 21. Juni. Zu dem Lehrerschub nach Po­sen wird gemeldet, daß 23 Lehrer sich entschieden wei­gern, der Aufforderung des Kultusministeriums, nach dem Osten zu gehen, nachzukommen; sie sind entschlossen, unter allen Umständen es auf eine Kraftprobe ankom­men zu lassen.

Mannheim, 21. Juni. Ten Teilnehmern am An­archistenkongreß, insgesamt 40 Personen aus allen Teilen des Reiches, ging die Ä n k l a g e s ch r i f t zu wegen Vergehens gegen das badische Vereinsgesetz.

2ttrche und Schule.

Die bisherige koimnissarische Seminardirektoriir Helene W e rhma n n in Augustenburg (Schleswig) ist zur Semmardirektoriu ernannt und ihr unter Beilegung der AmisbezeichmmgFra u Direktorin" das Direktorat des Lehrerinnenseminars in Augustenburg verliehen worden.

Neues aus Rußland.

Ebenso wie in den Militärlagern von Kiew, Wilna und Odessa sind auch in denen von Warschau und Kasan Unruhen ausgebrochcn. Bei Soldaten wurden eine Menge revolutionäre Aufrufe und verbotene Schriften aufgefunden. Der Kriegsministcr hat die für den Herbst geplanten großen Manöver zwischen den Truppen der Militärbezirke von Warschau und Wilna im Hinblick auf die Situation fürs erste fallen lassen. In Odessa wurde eine Bombe geworfen, die mit furchtbarer Gewalt krepierte. 15 Personen, hauptsächlich Kinder, wurden verletzt. In Mitau wurde das ganze lettische sozialcevolutionäre Komitee verhaftet.

Die Polizei nimmt unter den Eisenbahnern Massen­oerhaftungen vor, weil sie im Besitz von Nachrichten ist, daß die Delegierten aller Bahnen in Petersburg erwartet werden, um die Frage eines Generalstreikes zu diskutieren. Die Polizei hat bisher 120 Eisenbahner verhaftet und alle Versammlungen gesprengt. Die Verhaftungen dauern fort. Die verhafteten sozialdemokratischen Mitglieder der Duma verweigern dem Untersuchungsrichter jede Austunst über ihre Beziehungen zu der militärischen Rcvolutlvns- organisation.

Gras Witte ist nach Berlin abgereist.

Aus s»«0t uuo Luns.

Gießen, 22. Juni 1907.

Schlägereien. Vorgestern abend gerieten zivei Italiener m ihrer Schlafstelle in Streit, wobei der eine dem andern mit einem Prügel auf den Kopf schlug und ihn nicht unerheblich verletzte. Der Täter wurde alsbald flüchtm Am gleichen Abend gerieten im Stall zwei Pferde­knechte beim Füttern aneinander. Der eine bediente sich einer Eisenstangc beim Darcmfschlagep und machte so seinen Gegner untauglich. Anzeige ronTbi erhoben.

Roheit. Als vorgestern nachmittag ein Rad­fahrer durch die Wetzsteingasse fuhr, wurde ihm von einem jungen Menschen ohne Grund ein Stein an den Kopf geworfen, wobei er eine stark blutende Wunde davon­trug. Der Täter wurde feltgcstellt und Anzeige erstattet.

** Diebereien. Ein Dienstknecht entwendete feinem Arbeits- und Schlafkollegen ein Portemonnaie mit

15 Mark Inhalt. Da der Diebstahl alsbald entdeckt und Anzeige erstattet wurde, erhielt der Geschädigte sein Geld bis auf 60 Pf. wieder zurück. Auch ein Hau 8b ursche entwendete seinem Schlafkollegen einen Geldbetrag und verschwand damit aus Gießen. Wenn er angenommen hat, damit sei er unerreichbar, so irrt er sich, denn Anzeige is erstattet und die Sache wird ihm nicht geschenkt. Ein Kommis hatte seinem Arbeitgeber verschiedentlich kleine Beträge aus der Kasse veruntreut. Er wurde öngejeig: iind kam zur Entlassung.

* I m Kolosseum finden morgen nachmittags 4 Uhr und abends 8 Uhr Vorstellungen statt, außerdem bei freiem Eintritt von 111 Uhr Frühschoppenkonzert.

** Das Promenadekonzert fällt morgen aus.

*# Feld berg fest. Morgen, Sonntag, findet auf dem großen Feldberg im Taunus das diesjährige, 54. Feld- bergfeft statt. Schon die Zahl 54 zeigt, daß wir es hier mit einem der ältesten und deshalb volkstümlichsten Feste zu tun haben. Es sind über 1000 Wetturner angemeldet. Die Wettübungen bestehen in Stabhoch- und Freihochspringen, Steinstoßen und 100 Meter-Lauf. Von 2 Uhr ab spielen 30 Spielriegen auf dem Berggipfel, um 1 Uhr finden Vor­träge der vereinigten Gesangriegen d-w Turnvereine statt.

(-r.) Bad-Salzhausen, 21. Juni. Der Ver­kehr sverein von Bad-Salzhausen unb Umgegend be­schloß in seiner kürzlich abgehaltenen Generalvermmmlung die Einweihung der Quellen Neufassung und des neuen Badehauses verbunden mit seinem Stiftungsfest An­fang Juli alsVereinsfest" durch einen Kommers auf Heuser's Garten (Hotel Kronprinz) zu feiern. Die Rech­nungsablage und Dorstandswahl ging glatt von statten. Ausgetreten ist 190607 niemand, neu aufgenommen wur­den rund 40 Mitglieder, die in 7 Orten wohnen. Mit vielem Dank wurde der hohen Gunst unseres Großherzogs und seiner Regierung gedacht, durch die seit Jahressrift der schon drei Jahrhunderte über Bad^Salzhausen lagernde Bann gebrochen wurde. Die erste Quellenfaftung fand 1593 durch Amtmann Roland Krug von Nidda statt, die damals gefaßte Quelle erst jetzt (1907) erneuert unb auch ihr Ober­bau zeitgemäß hergestellt. Es besteht kein Zweifel me^rj daß in Bad-Saizhaufen für eine aussichtsreiche Entwicke­lung ber beste Platz ist. Mit begeistert aufgenommencm Hoch auf das Großherzogliche Haus schloß die Versammlung.

G A l s f e l d, 22. Juni. Die W a n d e r- T u b e r k ul o s e- Ausfiellung wird heule in der Turnhalle eröffnet. Sie soll bis zum 7. Juni hier verbleiben.

Lil. Darmstadt, 21. Juni. Die Ausländers rage wurde dieser Tage in einer gut besuchten, für die Presse nicht zugänglichen Versa m ni l ung der Wil den schäft der Techn. Hochschule verhandelt. Von verschiedenen Refe­renten wurden die Ausländer in der Hauptsache in Schutz genommen. Der Hauptreferent behauptete, daß die Aus­länderfrage mehr eine Russenfcage, zuletzt aber eine Juden­frage sei. Seine Ausführungen wurden teilweise mit Bei­fall, teilweise mit Widerspruch ausgenommen.

Frankfurt a. M., 22. Juni. Infolge des Sturmes wurden gestern mittag int Hauptgüterbahnhof 6 Wagen fort­getrieben, die einem ausfahrenden G ü t e r z u g in die Flanke liefen. Etwa ein Dutzend Wagen wurde beschädigt. Mehrere entgleisten und sperrten längere Zeit die Ein- und Ausfahrts­geleise. Ter Verkehr wurde kaum gestört. Ter Materialschaden i|t nicht erheblich. Eine Frau von Isenburg, diem Mittwoch nachmittag mit ihren beiden kleinen Kindern im Frakfurter Stadtwalde Holz auflas, wurde von zwei aus dem Dickicht kommenden Strolchen an gefallen und unter der Auf­forderung Geld herauszugeben, zu Boden geworfen. Die Frau schrie um Hilfe, worauf die Burschen die Flucht ergriffen und den Kinderwagen Mitnahmen. Am Donnerstag fuhr ein 36 Jahre alter Schlosser, der in Isenburg wohnt, auf seinem Fahrrad zur Arbeit. Aus der Darmstädter Landstraße kamen zwei Männer im Alter von 20 bis 25 Jahren Kus dem Walde hervorgesprungen und stellten den Radfahrer. Als dieser einen geladenen Revolver zog, flüchteten die Angreifer. Ein von Liegnitz .in Schlesien stammender 35 Jahre alter Kaufmann wurde am Donnerstag nach­mittag auf hem Börsenplatz vom Wahnsinn befallen und fing an zu predigen. Er wurde der Irrenanstalt überwiesen. Ein seit kurzer Zeit auf der Zeil eröffnetes Immobilien - und Inkasso-Bureau hat seine Pforten schließen müssen, weil der Besitzer verhaftet wurde. Er wird beschuldigt, Kautions­gelder unterschlagen zu haben.

** Kleine itit 111 c 11 ii n g e n aus Hessen und den N a ch b a r st aalen. In Bad Salzhausen ist der Bildhauer, Professor H. Haus m a n n, gestorben.

Bon Frankfurter Theatern.

Aus Frankfurt, 21. Juni, schreibt mJan uns:

Heute titi der längste Tag, sohald er die Tür hinter sich ge­schlossen hat, tiarf der Sommer eintreten. Unser Opernhaus hat seine Ferien schon am 15. Juni begonnen, zum Leidwesen der verheirateten Mitglieder, denen aus diese Weise die gemein­same Ferienzeit, die sie mit ihren schulpflichtigen Kindern ver­leben möchten, arg verkürzt wird, denn am 15. Juli, wenn die Kinderferien gerade acht Tage alt geworden sind, müssen sie chon wieder den Dienst antreten. Das Spieljahr endet aber mit den Ferien noch nicht, sodaß die scheidenden Mitglieder noch nach den Ferien zurüclkommen und die Neuantretenden erst am 1. September sich vorstellen. Bei der Oper kommt das nur in einem Falle, freilich in einem H,aupt-Falle, in Betracht. Unsere Primadonnja, Frau G r e e f - A n d r i e ß e n , scheidet näm­lich mit diesem Spieljahr aus, und die Leipziger Primadonna, Frau Paula T ö n ge s, tritt an ihre Stelle. Wenn die bisherige, in der Bevölkerung .nehr als bei der Intendanz beliebte Sängerin zum letzten Male (auftreten wird, dürfte es stürmische Szenen geben, sonst aber wird sich in ber Oper der liebergang ins neue Zahr wohl ^friedlich und ohne große Merkzeichen vollziehen.

Beim Schauspiel, das noch spielt und erst "am 5. Juli aushört, wird es größere Veränderungen geben. Ter letzte Winter hat sehr viel neue Engagements gebracht, namentlich viele Tarnen, lodaß man sich auf intereffantc Abende gefaßt machen kann. Aus- cheiden tut freilich auch imi Schauspiel diePrimadonna", d. h. die erste dramatische Liebhaberin und Heroine Frl. Rott mann, die wir an München verlieren. Ihr Platz ist noch nicht wieder besetzt, denn ihre Nachfolgerin, 5tL_ Wulfs aus Prag, kann die schweren Heroinen" nicht spielen, eie würbe z. B. die tragende Rolle in E r n st v. W i l d e n b r u ch s DramaDie Raben- ft ein er in", das uns gestern als Novität geboten mürbe, eine Nolle, die wohl die letzte große Schöpfung unserer Heroine sein dürfte, nicht bewältigen können, sodaß das Stück unter Umständen später vom Spielplan wird verschwinden müssen. Sck>ade, denn bei allen Einwänden gegen feine künstlerische Qualität wird man nicht umhin tonnen, es für ein glänzendes Bühnenstück zu halten. Zwar ist es eigentlich einAnachronismus", daß ein solches Ritter- Ilück mit so rücksichtslos verwendeten Effekten heute noch geschrieben werden kann, aber Wildenbruch entfaltet trotz seiner 60 Jahre noch ein so jugendliches Temperament, daß man ihm ob seines Drauf­gängertums nicht böse sein kann.

Jedensalls in b;c deutsche Ehrlichkeit unb trutzige Kraft uns taufeabinat lieber als die Eigenschaften, die sich m Schalom Aichs -LmiciiüraniMD e r Gott der Rache" zeigen, das kürz- Uch auiäßlick) des Reinharotscheu Eu, cmlble-Gastipieis im Schau- fpielhaus gegeben würbe und nun letzt durch eine anocre Truppe bargeflcllt, imOrpheum" volle Hauser Macht. Aus Stück mag

ehrlich gemeint sein, seine Voraussetzungen sind uns Deutschen aber so fremd, daß wir feinen Anlaß haben, es auf unseren Bühnen einzubürgern.

Im Schauspielhause sieht für nächste Woche ein Abschied bevor: diekomische Alte" unseres Ensembles, Frau Emilie Freund, eine Veteranin von 74 Jahren, die seit 55 Jahren der Bühne angehört und seit 29 Jahren Mitglied unseres Schau-, spielhauses ist, tritt mit dem 28. Ium in den Ruhestand. Sie ist ungemein beliebt, und ihr Abschiedsabend wird ihr sicher die reichsten Ehrungen bringen. Tie letzten Vorstellungen vor den Ferien gehören bann Joicph Kainz, der 4 neue Rollen, darunter den Mephisio und den Tasso spielen wird. Es gibt also für den Theaterfreund noch ein stattliches Pensum zu erledigen. Tr. G. Z.

rrunft iinfc Wissenschaft.

Berlin, 21. Juni. Heute nachmittag fand im Kultus­ministerium eine konstituierende Versammlung des Kaiserin Auguste Viktoriahauses zur Bekämpfung der Säug­lingssterblichkeit im Deutschen Reiche statt. Zum Vorsitzenden wurde Ministerialdirektor Dr. Althoff, zum Schatzmeister Kommerzienrat Frenkel, zu seinem Stellver­treter Geh. Kommerzienrat Dr. Goldberger, zum Schrift­führer Geh. Obermedizinalrat Dr. Dietrich gewählt. Es wurde beschlossen, mit dem Bau der Anstalt nach Plänen der Geheimräte Professor Dr. Messel und Stadtbaurat Dr, Hoffmann sofort zu beginnen.

Köln, 21. Juni. Unsere beiden Stadt-Theater werden immer mehr ein Schmerzenskind unserer Stadt­verwaltung. Wie in allen Jahren seit Bestehen des neuen Theaters, so schließt auch die diesmalige Spielzeit mit einem Defizit ab; nur ist es diesmal erheblich größer. Ter Grund soll in der Erhöhung ber Gagen des Personals, des Ehors und der Löhne der Arbeiter liegen, was weit über 150 000 Mark betrage, während die Einnahmen des Theaters aus Abonnements rc. so ziemlich die alten geblieben sind. Tie Aussichten der Freunde einer Theater- Intendanz dürsten daraus neue Hoffnung aus Verwirklichung ihrer Idee schöpfen.

Literarisches.

Krieg oder Frieden'? Unsere Aussichten in einem künftigen Kriege. Von O b e r st a. D. G ä d k e. Concordia Deutsche Verlags-Anstalt, Hermann Ehbock in Berlin W. 50. 4 Bogen 8 °. Preis Mk. 0.50. Der Versasstr will zeigen, wie sich feit dem Rücktritt Bismarcks von der Leitung der Geschäfte die politische Lage des deutschen Reiches sortdauernd verschlechtert hat, bis sie endlich zu der gefahrvollen Vereinsamung führte, in der es sich gegenwärtig besinde. Eine ungeschickte Diplomatie gegen Frankreich und die falsche Behandlung des merkantilen und kolonialen Gegensatzes zu England, die unnötige Beunruhigung, die über die Bestimmung unserer neuentstehenden Flotte in der Welt erregt wurde, zu viele und unbedachte Reden hätten eine Annäherung der Westmächte aneinander zur Folge gehabt, die hätten vermieden werden sollen. Auch wenn gegenwärtig an allen entscheidenden Stellen das Bestreben bestehe, einen Krieg zu ver­meiden, so sei die Lage dennoch gespannt und soviel Zündstoff aufgehäust, daß jeben Augenblick eine unerwartete Explosion, erfolgen könne. In diesem Falle wäre auch die militärische Lage Deutschlands keineswegs glänzend; in kurzer Darstellung weist )et Verfasser daraus hin, daß'wir uns auf diesem Gebiete einem bedenklichen und trügerischen Optimismus Hingaben. Zur See eien wir, ohne Verbündete, England gegenüber machtlos, zu Lande wäre ein Krieg unter der augenblicklichen politischen Konstellation voll von Gefahren. Darum müsse eine andere Po* litik, unter der steten Kontrolle des deutschen Volkes getrieben werden, die Deutschland aus sein-r Vereinsamung hinaushilft. Die Regierung, die bisher die äußere Politik mit unumschränkter Machtvollkommenheit geleitet habe, habe hierbei ihre Unzulänglich­keit gezeigt und Schiffbruch gelitten. Sie müsse in Zukunft besser überwacht werden. Gleichzeitig aber bleibe uns leider nichts anderes übrig, als unsere Rüstungen weiter zu verstärken, und besonders unsere Flotte rascher auszubauen.

®erid?tsfaal«

A Marburg, 21. Juni. Der Kaufmann Heinrich V o m - h o f ans Gladenbach, der auch zugleich Rechner der Kirchen- und Synodalkasse, der Forstkasse, des Konsumvereins und Gemeinde- reehuer von Ammershausen war, stand heute wegen Unter- ch 1 agung im A m t vor dem Schwurgericht. Unter Ans- cheidiing der Fälle, die sich auf die Forstkaffe und den landwirt- chaftlichen Konfumverein beziehen, handelt es sich heute nur um etwa 3000 Alk. Kirchen- und Gemeindekasfengelder. Vomhof, der eine Tat mit mißlichen Vermögens- und Fainllienoerhaltnissen entschuldigt, wurde zu l1/, Jahren Gesängu is verurteilt. Außerdem wird sich die Strafkammer dann noch einmal mit ihm beschäftigen.

Könitz, 22. Juni. Tas Schwurgericht verurteilte den Maurer Dittmann aus Hammerstein, der auf dem Wege von einem Tanz­vergnügen den iDhi.fetier Breske aus Thorn mit einer Zaunlatte erschlagen hatte, zu 8 Jahren Zuchthaus und 5 Jahren Ehren- oerlust.

Vermischte».

E i n Vater mord! Der Baron Buschodew in Petersburg wurde durch sechs Schüsse von seinem eigenen Sohn ermordet. Der Mörder, der sofort verhaftet wurde, cheint geisteskrank zu sein; als Grund seiner Tat gab er an, einer Ansicht nach sei sein Vater ganz unnütz auf der Welt gewesen.

* Sturm! Bei dem Erneuerungsbau einer Eisenbahn» brücke über die Elbe bei Magdeburg drohte am 21. Juni nachmittags durch orkanartigen Sturm ein mit sechs Mann besetztes Gerüst gegen die Pfeiler geschleudert zu werden. Die Arbeiter, die fürchteten, totgequetscht zu werden, sprangen in die Elbe; vier derselben ertranken. In Halle hat der Sturm an einem Neubau einen Teil des Mauerwerks in der dritten Etage samt Gerüst heruntergerissen, wobei ein Maurer schwer und einer leicht verletzt wurde. Ferner wurden dort einige Personen durch umstürzende Buden leichter verletzt. Der Festplatz des Mitteldeutschen Bundesschießens gleicht einem Trümmerhaufen. Besonders schwer hat die Fest­halle gelitten. Durch niederstürzende Balken haben acht Per­sonen schwere Verletzungen erlitten. Die Zahl der Leicht­verletzten ist erheblich. Der Jahrmarkt bietet gleichfalls ein trauriges Bild; Hunderte von Buden liegen am Boden, nur eine einzige Reihe, durch Häuser geschützt, ist stehen geblieben. Bei Brunsbüttelkoog wurde an der Ladebrücke der Zementfabrik Saturn eine Schute voll Wasser geschlagen und zum Sinken gebracht. Der Schiffer Ploog mit Frau und zwei Kindern sind ertrunken.

* Der im Duell gefallene Oberleutnant E r t e l wurde am Freitag in Trient unter Teilnahme aller Offiziere ber Garnison, eines Bataillons Infanterie und sehr vielen Lcidtragenden beerdigt. Ein Geistlicher assistierte bei dem Leichenbegängnisse nicht. Als der Leichen­zug vor dem Gerichtsgebäude anlangte, behielt ein zuschau- cnder Geistlicher den Hut auf bem Kopfe, während die übrige Menge das Haupt entblößte. Als dies der Fcstungslommanbant bemerkte, forderte er den Geistlichen auf, ebenfalls den Hut abzuuehmen. Tiefer wendete sich jedoch um unb begab sich ins nahegelegene Kloster. Ter Festungstommandaut hat beim Fürstbischof Beschwerde

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