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22.6.1907 Erstes Blatt
 
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Nr. 144 Erstes Blatt 157. Jahrgang Samstag SA. Juni 1907

Erscheint täglich A V ° vezugSpr-t,:

außer Sonntag«. W O monatlich75i^otert*

^VJIvhvlvl 4lwl(lvl^ zweimal wöchentlich da« M M Seiltnpreifl: total 16»,

Kreisblatt für den Urei, Tv^ auüroärtfl 80 Pkenntg.

SS General-Anzeiger für Oberhessen WW

9Jh R tor Senefthm* tz i r l Jßend)|aaP: Gruft

«Vi.iger ®ie6,n Ro<ationsöra<! und Verlag ter SrühNschen Unio.-Vuch. und LtemdruSerei. H. lange. Nedattion, «rpeMHon und Druckerei- Schulftratz« 7. Halkl «"i

5>ie heutige Kummer umfaßt 14 Seiten.

Eine Flut von Beschimpfungen müssen gegenwärtig

Zum Streik im Kießener HabaLgtwerbe

wird unS geschrieben:

ungesetzliche Arbeitsniederlegungen im großen Stil sind die Fabrikanten, sehr zu ihrem Leidwesen, gezwungen worden, von ihrem Recht der Kündigung Gebrauch zu machen, um den teils böswilligen, teils betörten Elementen einmal vor Augen zu führen, wer Herr im Hause ist und daß keine menschliche Gesellschaft ohne Dizipliu bestehen kann.

Jetzt suchen die den Fanatismus schürenden Verführer es so hinzustellen, als hätten die Fabrikanten aus plötzlichemK'api- lalistenübermut" jenen sie selbst schwer schädigenden Schnitt in s eigene Fleisch vorgenommen, während sie sich wie alle Arbeiter wissen nur mit schwerem Kerzen und mangels eines anderen Ausweges dazu entschlossen haben.

Dag es so kommen muhte, war jedem Einsichtigen klar in dem Augenblick, als jene ungebetenen Gäste unserer bis da hin friedlichen Kreis als Agitationsfeld erkoren.

Und nur von Aufreizung d er Leidenschaft können die Verführer leben, da ohne diese das Interesse und vor altem die beträchtliche Selbstbesteuerung der Ver­führten zu Gunsten der Herren Agitatoren erlahmen würde. Es lohnt wahrhaft^ nicht der Mühe liefe Flut von unrichtigen Behauptungen, Verdrehungen und Unterdrückung mißliebiger Wahrheiten im einzelnen zu beleuchten. Sie werden auch nicht für ernstlich prüfende und wohlunterrichtete Menschen m die Welt gesetzt, sondern sollen ja in der Haupttache nur einer billigen Selbstverherrlichung in den bekannten Versammlungen mit vorherrschend weiblichen Besuchern dienen. Immerhin muß es uns wundernehmen, daß selbst diese Zuhörerschaft nicht wenigstens gegen die gar z u krasse E in seitigkeit und Parteilichkeit der vorgeführten Schaurphantasrebilder pro­testiert. Auch sollte man meinem daß das jahrelange Aus- und Eingehen in einem gewerblichen Betrieb soviel allgemeine Ahnung Don dem Wesen des Geschäftslebens hervorvringen würde, daß der auf seine eigenen Wahrnehmungen bei der Arbeit und dem Verkehr mit den Geschäftsleitern gestützte gesunde Sinn der Ar­beiterschaft sich gegen die allzu übertriebenen gemalten Entstellungen der Verführer wenden müßte.

Daß dies nicht der Fall ist, trotzdem ein großer Seil Der von der Kündigung Betroffenen nur widerwillig und aus Angst vo rde in TerrorismusderOrganisierten dem Berbano angehört, beweist, wie sehr die ruhig und ver­nünftig gebliebenen Elemente von den Fanatisierten vergewaltigt werden. Um nur Einiges herauszugreisen, so begegnet man fast ständig dem auf die Begehrlichkeit der Massen berechneten tjinrceis auf die angebliche Größe des Unternehmergewmnes. Dabei wird es geflissentlich so dargestellt, als ob dieser Gewinn einzig und allein von den Löhnen abhängig sei, während doch tote jeöer Fachmann weiß, der bei weitem größte Seil oes Wertes einer Zigarre auf Rohmaterial und Verpackung kommt und Glück int Tabakeinkauf also ein tzauptmoment der Gewinn­chance bildet. Ueberhaupt kennzeichnet es die unaufrichtige Partei- lichleit der Darstellung, wenn in den erwähnten Hetzreden niemals von der abnormen Höhe der Rohtab alp rtzise und all den tausend Geschäfts rschwerungen die Rede ift, mit denen die Tabakindustrie gegenwartia zu kämpfen hat.

Auch das hetzerische Hindeutcn jnif das Anwachfen einzelner Firmen gehört in diese Kategorie, «statt solchen jyirntan dankoar zu fein, daß sie vermehrte Arbeitsgelegenheit schaffen, werden sie heruntergerissen und öffentlich tnfulttcrt. Aus der Größe des Unternehmens wird em vager Schluß auf die .Höhe derProfites" konftruiert, obwohl die vetzavostel recht aut wissen, daß größere Fabriken nur durch hauptiachliche Ver- dindung mit Grossistenkundschaft bestehen können, welch letztere zu außerordentlich billigen Preisen bedient werden muß.

Wenn dann ferner stets von dem ungeheuren (?) Reichtum einzelner vom Glück begünstigter und durch lahrzehntelaiigev, schweres Arbeiten tzochgekommener Großen der Industrie die Rede ist, so wird die entgegengesetzte Leite der Medaille üblichst ich verdeckt Wir meinen die erfreuli che Zun ahme des Wohlstandes au f den ländlichen Jnduftrieorten. Jeden Alcnschensreund muß es mit Genugtuung erfüllen, wenn er die schmucken Dörfer unserer Nachbar,chaft betritt, die ihren Wohl­stand ' großenteils ibier vielverlästerten Tabakindustrie verdanken, Und dann noch eins. Auch die zu Agitationszivecken an die Oefsentlichkeit gezerrten Emzecheiten der Lohn,atze kranken an tendenziöserUnterdrückungwahrer^atfachen. Da wird niemals davon geredet, wieviel halb- und wenigererwerbs- fähige Personen in der Zigarrenfabrikation no rfillnterfunTt ftnden, die auch bei den höchsten Akkordsätzen, wenn 'em normales Wochenresultat, so doch immerhin einen erfreulichen Beitrag ,ur Lebenshaltung verdienen. Daß ferner die neben ,der <yeli)arbeit usw. hergehende Fabriktätigkeit gerade dem weiblichen ^eu der Bevölkerung eine von jeder Saftonunterbrechung unabhängige, ständige und wie die ErfalMing beweist, bevorzugte Er­werbsquelle bietet, wird von diesen Parreirednern nicht erwähnt.

Ganz unerhört ist das Vorgehen der Agitatoren, daß fte lest eine Liste zur Sammlung von milden Beitragen /ur streikende resp. wegen Streik ausgesperrte Arbeiter bei der fönst so verachteten Bürgerschaft m Umlauf setzen und sozu,agen das ^111616 der Bourgeoisie anrufen in einer ^ache, die fte durch bie einfache Aufosrderung an die Streikenden zur Wiederaufnahme der Arbeit aus der Welt schafseu könnten.

Diese Darlegungen werden gewiß dazu beitragen, darüber auf­zuklären, in welch gewissenloser Weise die foztaldemo- kratische Agitation die Verhetzung der Massen betreibt und deren Unkenntnis in wirtschaftlichen Dingen auszubeuten versteht.

Eine Flut von Beschimpfungen müssen gegenwärtig die Gießener Zigarrenfabrikanten über sich ergehen lassen. Und warum? Weil sie5 gewagt haben nach dem Grundsatz zu handeln, der besagt: Greif niemals in ein Wespennest, doch wenn du greifst, jo greife fest!

Die durch bezahte, auswärtige Agitatoren hcrvorgerufene Ver­hetzung der Arbeiter hatte einen Grad angenommen, den die Arbeitgeber unmöglich ignorieren konnten.

Durch massenhafte Kon t ra kt b r üche, W iderfetz- tichkeit gegen die Geschäftsleitung, Drangsa­lierung der noch außerhalb der sozialdemokr. Organisation stehenden Mitarbeiter und schließlich

Zer ZSmzcrkrieg in Irankreich.

Gestern abend erhielten wir folgendes Telegramm, das wir durch AuZhang bekannt gaben:

Bezieres, 21. Juni. Dreihundert Soldaten ver­ließen meuternd gestern abend mit Waffen und Patronen ihre Kaserne in Agde und marschierten auf BczierS, wo sie heute früh 6 Uhr 30 Minuten eintrafen und auf die Aufforderung der Menge hin, die in die Kaserne eingedrungen war, auf dem Marktplatz kampieren.

Heute vormittag gingen unS folgende Trahtmeldungcn zu: Montpellier, 22. Juni. Gestern abend fanden neue Kund­gebungen statt. Die Präfektur wird von Truppen besetzt gehalten. An verschiedenen Stellen kam es zu Zusammenstößen, sodaß die Kavallerie mit blattfer Waffe gegen die Demonstranten vorgehen mußte. Ein Demonstrant wurde dabei getötet und mehrere schwer verwundet.

Perpignan, 22. Juni Heute nacht herrschte hier große Erregung. Die Behörden hatten alle zur Aufrechterhaltung der Ordnung erforberlidxn Maßregeln getroffen. Sie Präsekmi ist von Truppen besetzt. Die Demonstranten veranstalteten einen Umzug zum Rathaus und verlangten die Demission des Gemeinde­rats. Da dieser der Forderung nicht nachkam, versuchten die Demonstranten das Tor zu stürmen. Es kam dabei zu einem Handgemenge mit der Polizei, wobei ein Demonnrani scywer verwundet wurde. 10 Verhaftungen wurden vorgenommen. Die Eisenbahnschienen wurden teilweise aufgcrissen, sodaß der Eisenbahnverkehr sehr gehemmt ist.

Nimes, 22. Juni. Heute nacht kam es zu schweren Zu­sammenstößen. Es wurden Schüsse gewechselt, aber es wurde niemand verwundet.

Toulon, 22. Juni. Demonstranten durchzogen beute nacht mit dem RuseNieder mit Clemenceau" die Straßen der Stadt.

Paris, 22 Juni. Heute findet im Elys6e ein Minist.er- rat unter dem Vorfttz des Präsiden ten der Republik statt, um über die Lage in Südsrankreich zu beraten. Ein Telegramm aus Narbonne bestätigt, daß dort bis jetzt 6 Personen bei den Unruhen getötet wurden.

Ferner liegen heute folgende Nachrichten vor:

Agde, 21. Juni, lieber die Meuterei von Truppenteilen des 17. Linieiiinfanteiieivgimenls werden nachfo.gende Einzelheiten bekannt: Nach dem Abendappell zogen zwei ^wmpagnien des 17. Linieninfanterieregiments, die in der alten Kaserne unterge­bracht waren, bewaffnet nach dem Kasernement des in dem Kloster­gebäude untergebrachten Bataillons und zwangen die Mannschaften, sich ihnen anzuschließen. Diese 6 Kompagnien, begleitet von ÖUO Manifestanten, schlugen bann die Sore z u der neuen Kaserne ein, zwangen die Soldaten, die bereits zu Bett ge­gangen waren, aufzusteheu und ebenfalls sich ihnen anzuschließen Ein großer Teil der Mannschaften war unentschlossen. Darauf schlugen Zivilisten das Tor des Pulvermagazins ein. Die Patronen wurden an die Soldaten verteilt und Schüsse in der Richtung auf die aufgefeuert, die sich weigerten zu folgen. Es entstand eine allgemeine Unordnung der Unentichlosienen; sie überfliegen die Mauern und flüchteten nach allen Seiten.

Veziers, 21. Juni. Tie Kommission für die Gemeinde­verwaltung hat ihr Amt nieoergekgt. Tausends von Bauern aus den bc.iacho .rtcn Srtc.i strömcen nach der Stadt. Blinde Zchüsse sind zwischen der Gendarmerie und den Meuterern ge­wechselt worden. Tie Gendarmc 'ie hat sich zurückgezogen.

Paris, 21. Juni. Aus B^icrs wird gemeldet, der General Baillvud habe das 81. Regt, ausgeianbi, ...n die von Agde kommen­den M e u t e r e r des 17. Regimenis festzunehmen. Drei Kilometer Don Beziers sei es zu einem Zusammenstoß gekommen. Das 81. Regiment habe das Bajonett ausgepflanzt und vom 17. Re­giment fei eine Salve in die Luft abgegeben worden, bei der niemano verletzt wurde. Daraus habe sich das 81. Regiment zurückgezogen.

Paris, 21. Juni. In Perp i g n a n gelang es dem po­pulären General Bertrand, welcher, nur von einem Hauptmann begleitet, vor den iöqrrifabcn auf dem Präfekturplatz erschien, einen augenblicklichen Stillstand der auirührerischen Bewegung zu erzielen. Aber bald kam es vor dem Grand Hotel, wo der Zentralkommissär Sevene arg mißhandelt worden war, zu neuen Ausschreitungen, und dem Ruf:Zur Präfektur! Dieses verruchte Haus muß in Flammen aufgehen!" folgend, bildete sich eine kompakte Masse, deren Vordermänner Strohbündel und Pe­troleumbehälter trugen. Von der Seite der Ruc Carnor drangen in das ungeschützte Präfekturgebäude, aus welchem der Präsekt mir der ganzen Diener,chnit entflohen war, etwa 1OO Personen ein, verwüsteten die Einricht nug, warfen den auf der Straße gebliebenen Genossen Holzstücke zu, und bald erhoben sich sonwhl aus dem Innern wie an der Fassade starke Rauchsäulen; durch das Feuer wurden die besten Einrichtungsstücke und das Archiv terfahr. In Veziers erreichte der im Rathaus befehligende Oberleutnant dadurch, daß et mit dcn Leuten in der Languedoc- Sprache gemütlich verhandelte, das Absehen von Gewaltakten; er gestand zu, was sie verlangten: alle Posten einzuziehen, ferner das Ausstecken von Trauerfahnen und Sturmglockenläuten.

Paris, 21. Juni. Es verlautet ferner, der Präfekt im Departement Aude fei in Narbonne getötet worden. Es fehlt jedoch die Bestätigung. .

Paris, 22. Juni. Das 1OO. Infanterie-Regi­ment soll sich dem meuternden! 7. angeschlossen hoben. Ter Oberstleutnant im 30. Tragoner-Regt. reichte feinen Abschied ein und begab si'ch in Üas Lager der revoltieren* den 17 er. , , , , .

Paris, 20. Juni. In dem mittags abgehaltenen Kabi­nettsrate berichtete Ministerpräsident Clemenceau über die Meldungen aus Agde. 300 Mann des 17. Linienregiments hatten sich jeder im Pulverhause 200 Patronen angeeignet, um, wie sie sagten, die Kürassiere in Narbonne zu töten und sand dann nach Veziers marschiert, wo sie heute früh 6 Uhr 30 Min. eintrafen. Als sie in der Kaferne des 81. Linienregiments nicht die erbetene Aufnahme fanden, ersuchten sie den Unterpräsekten, dem Minister­präsidenten mitzuteilen, daß sie bereit wären, nach Agde zurück- zukchren unter der Bedingung, daß keine Disziplinarmanregeln gegen sie ergriffen werden. Darauf baten sie, ihre frühere Kaserne in Veziers beziehen zu dürfen. Der Ministerpräsident ließ un­verzüglich antworten, daß er es ablehne, mit ihnen zu parlamen- tieren und auf keinerlei Bedingung eingehe. Die Minister er­klärten ihre völlige Zustimmung zu dem von Clemenceau ge­gebenen Bescheide.

Daris, 21. Juni. Kammer. Clemenceau erklärt, bie Kürassiere, die bei der Verhaftung Ferrouls die Ordnung sicherten, hatten Mäßigung bewiesen. Sie Volksmenge dagegen, bie mit Steinen war;, habe sich brutal gezeigt; etwa 100 Sol­daten seien verwundet worden. Das schwerste Unglück würde gegenwärtig sein, wenn die Regierung kapitulieren würde vor diszipUnloftn Soldaten. Miller^ud (Sozialist- erklärt, die

Verantwortlichkeit für die Rcprcssivnußnahmc liege vollilundis bei der Exekutivgewalt, diese habe cs an Voraussicht ^fehlen lassen. Sic hätte zu der republManischen Bevölkerung des Südens in der Sprache der Vernunft reden sollen. Tic Politik Clemen ceauS führe Frankreich zur Anarchie und eS fei keine Gefahr dabei, daö Ministerium zu wechsln. Minister­präsident Clemenceau envibert: Wenn nvn die Regierung heule stürze, werde die Republ l keinen großen Sck)aden erleiden. Alsdanii eiHürtc Clemenceau, daß General Bailloud die Rück^ kehr der meuterischen Soldaten in Beziers zu ihrem Korps erreicht l>abc. Die Kammer nahin schließlich mit 327 gegen 223 Stimmen eine Tagesordnung an, ivelchc besagt, sie Iwbc zur Regierung das Vertrauen, daß sie die Achtung vor dem Geietz und die Pufsifiznrung des Landes sichern werde.

lieber ein Menschenalter ist eS her, daß Frankreich Zu­stände erlebt hat, wie sie jetzt in den SüddepartemeMS ein» gerissen sind. Damals war es der Aufstand der Komunarden, der zum blutigen Bürgerkrieg ausartete und Greuelszenen herbeiführte. Nicht viel anders ist es heute im Weindiftrikt. Selbst tuenn man binnen lftirzem der Bewegung Herr tuirb, so liegt es auf der Hand, bau eine starke Erbitterung zurück- bUibcn muß, die gelegentlich wieder zum Ausbruch kommt. Tie innere Situation hat sich bei unseren westlichen Nach­barn m einer Weise zugespitzl, wie man vor Kurzem kaum für möglich gehalten hätte und man wird jenseits der Vogesen lange genug zu tun haben, um die Folgen einer solchen Erschütterung zu überwinden.

Lottti-che Ltigesscha«.

Glossen zur inneren Politik.

In Zentrum sblättern wird eine zweite parla- mentarifche Marinesahrt, und zwar in den Bereich der Nordseeflation, angekündigt. ES werden dieselben Ab­geordneten Gäste der Marineverwaltung sein, die an der Jnformatiorissahrt nach Kiel beteiligt waren. Die Zentrums­presse hat ihre Wissenschaft offenbar vom Führer der Partei, Abg. Dr. Spahn, der bekanntlich Oberlandesgerichtspräsident in Kiel ist,und für seineNeichstagskollegen einenEmpfangSabend ver­anstaltete. Tort mag die Vereinbarung für bie Nordseefahrt mit den Vertretern des ReichSmarineamts getroffen worden sein. ES erübygt sich, politische Folgerungen daran zu knüpfen. Wohl dürfte eS dem ZentrumSführer zweckdienlich erscheinen, in der parlamentslosen Zett wiederholt in Fühlung zu kommen mit einem Mitgliede der Regierung, dem Staats­sekretär von Tirpitz, zum Zeichen, daß nicht alle Brücken zwischen Zentrum und Regierung abgebrochen find. Doch die Bekundung marinefreundlicher Gesinnung reicht keineswegs hin, die einst ausschlaggebende Partei bet der Regierung zu rehabilitieren, selbst wenn eine neue Flotten Vorlage in Aussicht stünde. An Geneigtheit, Auf­wendungen im Interesse der Landesverteidigung zu bewilligen, läßt sich der Liberalismus nicht vom Zentrum übertreffen, und man darf vom Block wohl sagen, daß er auf diesem Gebiet Belastungsproben aushält.

Als Symptom einer innerpolitischen Wandlung würde es sivcklch gelten müssen, wenn Dr. Spahn die Anwesenheit des Fürsten Bülow in Kiel benützte, um seinen vielbewährtcn Kompromiß-Zylinder hervorzuholen und zu versuchen, mit dem Kanzler unter vier Augen zu sprechen. Diese Möglich­keit fällt indessen fort. Es lebt auch fein Prinz Arenberg mehr, der, wie noch im vorigen Sommer, den leitenden Staatsmann in der Sommerfrische aufsuchen und vielleicht auf Grund des Rechtstttels langjähriger Freundschaft be­stimmen könnte, vomalten Douglas-Zorn* gegen das Zentrum abzustehen.

Eine Verschwörung gegen den Äönig von Italien soll. Londoner (!) Meldungen zufolge, die ital. Polizei ent­deckt haben. Die ersten Vorbereitungen wurden, so wird be­hauptet, in Zürich getroffen. Hier fand eine Konferenz ver­schiedener Anarchistenführer statt und man wählte zwei Ab­gesandte. Die beiden waren nut der Mission beauftragt, nach Rom zu reifen und den König z u ermorden. Die schweizerische Polizei, welche von diesen Vorgängen Kenntnis erhielt, benachrichtigte bie ital. Behörden und diese unternahmen bie nötigen Schritte, um die beiden Mordgesellen festzu - nehmen und das Attentat selbst zu verhüten.

Deutsche» Reich.

Berlin, 21. Juni. Kurz vor der Abreise der Lon- boner Stadtvertreter traf eine Einladung des Kaisers ein, der die Herren zu einem Besuch nach Kiel auf der JachtHohenzoilern" ausforderte. Ta bie Eng­länder sich aber bereits im Zuge befanden, konnten sie bie Einladung nicht mehr annehmen.

Zum Wir kl. Geh. Rat wurde ernannt der Wirkt. Geh. Legationsrat v. Eichhorn. Er ist ein Enkel des vor­maligen preußischen Kultusministers Johann Eichhorn. Aus dessen Ehe mit Julie Schelling, einer Tochter des Philo­sophen, entstammen der jetzige Wirkliche Geh. Rat Lothar v. Eichhorn, Der kommandierende General des 18. Armee­korps in Frankfurt a. M., Hermann v. Eichborn, und ein dritter Sohn Paul, der 1870 als Fähnrich bei St. Privat gefallen ist.

Beim Festmahl im Charlottenburger Rathaus zu Ehren des Lordmayors von London erinnerte der Bür­germeister 2 chustehrus in feiner Rede daran, daß der 18 Juni der Sag von Waterloo sei, wo Engländer und Deutsche Schulter an Schulter gelämpst hauen und.