Ausgabe 
22.1.1907 Erstes Blatt
 
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bekannt gegeben:

Berlin, 19. Januar.

wurde der Privatdozent Kazanc tzky, und verbotene Bücher im Universitätsgebäude

werden das

deS Rätsels erwünscht.

Berichte des Gießener soz.-dem. Blattes über Wahl«

Lösung

Die

Leute werden 25 Millionen Rubel Papiergelde- vev- brannt.

mit Passanten die andere, sowie ein nominen.

In Odessa bei bc..i Revolver

gefunden waren, vom Kriegsgericht zur lebenslänglichen Verbannung nach Sibirien verurteilt.

In Petersburg explodierte am 20. Januar an Bord des Unterseebootes Opal die Aklumulaloren-Batterie. Per­sonen wurden nicht verletzt, jedoch ist der Materialschaden be- deurend.

Rach offizieller Meldung will mir Rücksicht auf den starken Zufluß von Papiergeld zur Kasse der Staatsbank diese einen, all­mählichen Auvjcpluß des ubericpusjigen Papiergeldes herbeiführen.

beiden Männer. Der eine erschoß sich, der dritter, der zu ihm gehörte, wurden sestge-

Reues aus Rußland.

Der frühere Polizeiiommisiar von Hooz, Marian PaschkowSki, wurde bei Ozorkoff von mehreren Revolutionären erschossen.

In Mohilew feuerte ein Individuum drei Revolver- s ch ü s s e auf den in einem Schlitten fahrenden Polizei- meister Redionoff ab. Dieser blieb unverletzt, während sein Kutscher schwer verwundet wurde. Gleichzeitig warf vom Trottoir ein zweiter Uebeltäter eine Bombe, die aber niemanden ver­letzte. Rodionoff verfolgte mit herbeieilenden Polizeibeamten und

Die Witterung

hat am gestrigen Montag einen plötzlichen Umschlag erfahren. Gestern mittag noch zeigte der Thermometer mehrere Grad Wärmt, er fiel aber von den Nachmittagsstunden ab ständig und stanv heute vormittag V28 Uhr auf IIV2 Grad Minus, ein Wechsel, wie er in unserer Gegend nur äußerst selten vorkommt. Dazu kam ein leichter Schneefall, sodaß mir nach den fast frühjahrsartigen letzten Wochen jetzt wieder einen echten und rechten Winter haben. Gut ist es, daß die Agitation für die 'N e i ch s t a g s w a h l in der Hauptsache vorüber ist, denn bei solcher Temperatur Abend für Abend über Land zu fahren, ist keine Kleinigkeit und bet 10 Grad Kälte kann auch, die höchste Begeisterung in die Gefahr des Einfrierens kommen.

Auch von anderen Städten und Ländern, liegen Nachrichten über plötzlich eingetcetenen Frost und Unwetter vor.

In Berlin trat z. B. am Montag starker Frost ein, der sich in der Nacht bis zu 14 Grad steigerte. In Süd- Bayern und Nord-Tirol herrschte am Montag heftiger Schneesturm. An vielen Stellen wurden große Verkehrsstörungen hervorgerufen. Aus dem W ei ch s e 1 g e b ie t wird große Kälte gemeldet. Der Thermometer sank in der letzten Nacht um 20G ad. Die meisten Eisenbahnzüge erlitten wegen Schienenglätte,.ad- reifenbrüchen re. bedeutende Verspätungen. Die Eisbrechcrarbeiten auf der Weichsel, die bis zum Meer vorgedrungen waren, mußten, eingestellt werden.

Den ganzen Montag über herrschte in Galizien ein un­gewöhnlich starker Frost bei scharfem eisigem Winde. Der Thermo­meter zeigte beständig 26 Grad Celsius unter Null. Bielen Personen froren Körperteile ab. Die Rettungswache griff in 115 Fällen ein, die meistens Schulkinder betrafen. Auch in Pe­tersburg herrscht furchtbares Frostwetter. Der Thermomeier zeigt 28 Grad Reaumur unter Null. Mehrere Menschen wurden erfroren aufgefunden. In der ganzen Stadt brennen Wärme-

euer.

Auf den nordamerikanischen Seen bei Buffalo wütete ein heftiger Sturm, der einen Schaden von über einer Million Dollars anrWete; fünf Seedampfer sind auf Grund geraten. Menschen haben dabei ihr Leben emgebüßt.

Die Stadt C 0 0 k 10 w n (Australien) wurde durch einen Orkan zu drei Vierteln zerstört, als die Bevölkerung gerade ein großes Fest abhielt.

verfammlungea

so schreibt man uns heute ipimer prahlerischer ist bei diesen Herren verzeihlich aber auch immer schlechter im Ton, der mitunter geradezu pöbelhaft ijl. Hierin zeichnet sich besonders der über die Versammlung in Lollar auS. Man muß wirklich schon starke Nerven haben, um sieb

Vom deutschen Kaiserhofe.

Berlin, 21. Jan.

Der Kaiser hat, wie die Londoner Daily Mail (!) zu melden weiß, Ende der vorigen Woche bei dem Kaiser-Essen der Reserve-Offiziere des Landwehr-Bezirks Berlin eine Rede gehalten, in der er die Offiziere aufforderte, in ihren bürgerlichen Kreisen dahin zu wirken, daß der kommende Reichstag eine reglerungsfreundliche Majorität finde. Große Aufgaben und ernste Pflichten ständen den Abgeordneten bevor. Vor allem würden wichtige neue Gesetze über Land Heer und Marine eingebracht werden. (Es ist bekannt, daß seit Jahren der Kaiser regel­mäßig bei diesen Veranstaltungen spricht. Aber daß er eine Wahlrede gehalten haben soll, wird dem englischen Blatte kein Mensch in Deutschland glauben. D. Red.)

h- Gewisse Kreise messen mit Beharrlichkeit den Ge­rüchten vom Bevorstehen eures freudigen Ereignisses in der kronprinzlichen Familie große Wahrscheinlich­keit bei.

Daß Prinz Heinrich erkrankt sei, war eine falsche Meldung der ,Frks. Ztg/.

Ans StaSt und CanO*

Gießen, den 22. Januar 1907.

In Audienz empfangen wurden von S. K. H« dem Groß Herzog am Samstag u. a. der Professor am Prediger-Seminar Friedberg, Dr. theol. Eger, Oberlehrer Rodenhausen von Schlitz und Oberamtmann Trebe von Aulen-Diebach.

Liberale Wählerversammlung. Wie auS dem Inseratenteil ersichtlich ist, findet morgen abend 81/, Uhr in Steins Garten eine liberale Wählerverfammlung statt, zu der '21 bg. Patzig als Redner gewonnen wurde.

"Schlägerei. In der flacht vom Sonntag zum Montag kam es m der Wa llt 0 rstraße zwischen jungen Leuten zum Streit, wobei auch das Messer eine Rolle spielte. Zwei Studenten erlitten blutende Verletzungen un mußten ärztliche Hülfe m Anspruch nehmen.

Feuer. Im Besitztum Alicestraße 20 ent|t heute früh gegen 6 Uhr m einem Hmterg bau de Feuer, oa von einem Wächter der Wach- und Schl.rßgejellichafl en deckt wurde. Unter Führung eines Obluu. nes rückten ein » Feuerwehrleute der Gießener Freiwilligen Feuerwehr

Im Wahlkreise Alsselb-Lauterbach-Lchoilen sind die Summen der Mitglieder des Bundes der 2 aubwirle für Wallau unb für lötnberoalb fretgegeben.

Also als ein geeigneter Vertreter bäuerlicher Interessen wird vor dem bisherigen obersten Verwaltungs­beamten unb Vorsitzenben bes lanbw. Vereins bes Kreises ein Künstler aus bet Reichshauptstadt angesehen!

Darmstadt.

Wir lesen in den91. H. Vbl/ folgendes Inserat:

An die Reichstagswcch.er. Die Natioiialliberalen geben ihre Sache verloren. In ihrer völligen Unfähigkeit, die politischen Grundsätze des Herrn Pfarrer Korell sachlich zu bekämpfen, greisen sie zu den verwerflicyen Mitteln periönlicher Be- ichimpfung. Ihr Organ, derDarmst. Tägl. Anz.", der erjt vor wenigen Atonalen wegen Beleidigung eines im Vordergrmrdc des ösientlichen Lebens stehenden Mannes bestraft worden ist, überhäuft un)eren Kandidaten mit Verdächtigungen und un­erhörten Beleidigungen. Um diesem Treiben ein Ende zu machen, ist gegen das Blatt (Strafantrag wegen verleum­derischer Beleidigung gestellt worden. Die Wähler aber werden wissen, was sie von einer solchen Kampfesweise zu halten haben und werden den Verleumdern am 25. Januar die ge­bührende Antwort geben. Der Wahlausschuß der Ver­einigten Liberalen.

DerD. Tgl. 2(113/ sagt dazu:

Wir sehen einer Krage des Herrn Korell mit Gelassenheit entgegen, halten es aber für ausgeschlossen, daß die Staats­anwaltschaft dem Anträge eines politischen Agitators als ein solcher ist Herr Korell in diesem Falle doch nur aufzusassen auf Erhebung einer öffentlichen Klage stattgeben wird. Dem sei nun wie ihm wolle, jedenfalls aber dürste auch der Weg der Privat­klage über das Verhältnis des Herrn Korell zur Sozialdemokratie volle Klarheit schaffen. Wir bedauern nur, daß dies nicht schon vor den Wahlen geschehen kann. Zunächst sei festgestellt, daß Herr Korell durch den angeblichen Klageanttag bis jetzt ebensowenig bewiesen hat, wie durch seine gegenteiligen Behauptungen, da» wir aber demgegenüber die Ausführungen in Nr. 17 unseres Blattes in vollem Umfange aufrecht erhalten und diese an ge- eigneier Stelle durch ein beweiscräftiges Material begründen werden.

Also dasselbe häßliche Bild wie im Vorjahre bietet auch diesmal der Wahlkampf m unserer Landeshauptstadt.

Im 2. Berliner Wahlkreise ist ein von Männern der zkunst und Wissenschaft ausgegebcnes Flugblatt erschienen, bas in warmen Worten für den liberalen Kandidaten Bürger­meister Tr. Re icke eintritt. Zu den Unterzeichnern gehören 11. a.: Prof. Reinhold Begas, Prof. Dr. Hans Delbrück, Dr. Ludwig Fulda, Prof. Josef Joachim, Ernst v. Wilden- bruch re.

Die Neichstags-Stichwahlen für ganz Mecklen­burg sinden am 2. Februar statt.

offensichtlich verabredeten Plan. Als dann Amtsrichter Dr. Hof von Lauterbach das Wort erhielt und kaum zu reden be­gonnen hatte, fiel ihm der von der Versammlung nicht anerkannte niaendliche Vorsitzende Schmalbach sofort wiederholt in >ie Rede und sprach etwa sieben Minuten allerhand ungereimtes Zeug. Dr. Hof wollte jetzt mit seiner Gegenrede er beginnen, wch da entzog ihm auch schon Schmalbach das Wort unter bem Vorwand, die zugesagten 10 Minuten Redezeit men um. Einen schlagenderen Beweis für seine politische Parteilichkeit hätte der junge Herr nicht liefern können. Dagegen konnte em tyteunb Bindewalds ungehindert sprechen, obgleich dieser sich vorher mcht einmal zum Wort gemeldet hatte. Das ganze Gebühren Schmal­bachs brachte die große Anhängerschaft Dr. Wallaus m die tiefste Empörung; die Versammlung wurde aufgelöst, weil ein Anhänger Bindewalds sich unziemlich be - n Ü ^Bindewald fürchtete die sachlichen Entgegnungen der anderen Parteien auf seine 2Vs stündigen hetzerischen Leistungen und ließ in der geschilderten Weise im Bunde mit seinen Getreuen den Gegnern das Wort abschneiden. Stärker formte Brndewald sich nicht blamieren. Hoffentlich! gibt ihm die Wüfrerlchast am Freitag den verdienten Denkzettel.

Nach dem Fortgang Bindewalds nut fernem Anhang fand von 1/26 Uhr ab eine neue Versammlung unter dem Vorsitz des Beigeordneten Müller fiatt, da noch viere Wühler geblieoen waren. Die Freunde Dr. Wallaus widerlegten unter bem einstimmigen Beifall der Zuhörer d.e unbegrunbeccn ^ngriiie Bindewalds unb besprachen ausfuyrlich die o^n dem Antuem.ten berührten, aber niajt grimd ich behandelten romicf.ajdiüjen Fragen. Mit einem Hoch auf Dr. Wallau ging man auseü^nver.

Den Mitgliedern des Bundes der Landwirte wurde

Ausland.

Paris, 21. Jan. Senat. Admiral de Cuverville gibt der Ansicht Ausdruck, daß die Fl 011 e n v e r m e hr u n g in Deutschland, England unb in den Bereinigten Staaten schneller vor sich gehe als in F r a n k r e i ch. Cuivinok, Berichterstatter, erklärt, man dürfe nicht in GroßmannS- 'ucht verfallen. Hinsichtlich des Flottenprogramms erflärt Ma­rineminister Thomson, die Aussührung desselben müsse eine Zu­nahme der Ausgaben mit sich bringen. Sämtliche Kapitel, sowie >ie Forderungen für die Invaliden der Marine, werden sodann angenommen.

Madrid, 21. Jan. Der Minister des Aeußern sagte, daß bei den neuen Handelsvertragsverhandlungen mit Deutschland, die diesmal in Berlin stattfinden sollen, als Hauptpunkt jedenfalls wieder die Forderung einer Ermäßigung des deutschen Zolles auf Bersch nittw eine erhoben würde.

Die Erhöhung der Brotpreise fühtte geilem zu bedenklichen Ausschreitungen der Bolksmassen. Sie durch­zogen lärmend die Hauptsttaßen und stießen Pereatrufe gegen die Bäcker aus. Läden wurden zertrümmert.

Wien, 21. Jan. Abgeordnetenhaus. In der Be­ratung über die Dringlichkeitsanträge betr. die Regelung der Bezüge der Staatsbeamten und ter staatlichen Lehrer greift Graf S te r n b e r g ben Justizminister Klein und den ehemaligen Ministerpräiidenten 0. Gaut.ch in der heftigsten Weise an. Vize­präsident Zazeck rüst den Redner nneberomt zur Ordnung. Graf Sternberg ruft bem Vizepräsidenten zu: Ich habe nichts Unaw­ständiges gesagt: Sie sind ein Sump! (Lebhafte Ausrufe der Errtrüstung und Pfuirufe im ganzen Haufe.) Wahrend Abg. Locker feine Rede härt, eilt Graf Sternberg auf die Präsr. bentene (trabe, schlagt mit der Faust aufs Pult und ruft dem Vizepräsidenten wiederholt zu: Sie sind ein Lumpt

Das Herrenhaus führte heute die Spezimbcvat.e über das Grunbgeietz durch und nahm die Vorlage in zweiter und dritter Lesung an. Damit ist die Wahlreform endgültig erledigt.

Sofia, 21. Jan. Heute wurde fettens der Polizei eine förmliche Razzia gegenStudenten abgehatten. Mehrere Hundert wurden verhaftet; die Wehrpflichtigen werden sofort in die Armee eingcreiht, der Rest in ihre Heimat abgeschoben. Bei den gestrigen Ausjchreitungen sind auch Schüsse gewechselt worben; die Zahl der Verwundeten beträgt über 30. Einige Personen sind schwer verwundet, ein Dcnwnstrant wurde von Kavalleriepferden buchstäblich zerstampft.

Konstantinopel, 21. Jan. Nach fast zehnjährigen Ver­handlungen ist das definitive Drade bezüglich des Neubaues 0er Brücke über das Goldene Horn erlassen worden. Der Bau wurde der Brückenbauanstalt Gestavsburg bei Mainz für 200 000 Pfund zugesprochen. Die Brücke soll 20 Monate mich Genehmigung der Pläne dem Verkehr übergeben werden Die Finanzierung des Geschäfts übernimmt in Ucoereinstinimung mit der Pforte die Deutlche Bank. (Frkf. Ztg.)

Alexandrien, 21. Jan. Wegen der Verhaftung von drei Russen, die einen russischen Postdampfer in die Luft zu fprengen versuchten, schlug gestern ein Volks« hause das Schild des r u s s i s ch c n Ko nsulats herunter. Mehrere Perfonen begaben sich auf den Postdampser, um die Ge- jangenen zu suchen, die sie jedoch nicht fanden. Das russische Konsulat wird durch Polizeitruppen ftreng bewacht. Die Ge- fangenen geben zu, Russen zu sein. ___

Djibouti, 20. Jan. Ter Stamm der Isias ermordet« den Direltor des Hanbelskontors von Djibouti, Cleroy, und bcc Fähnrich Perlen vom KreuzerDescartes", welche etroa 30 Kw. westlich von der Stadt jagten.

in dieser Weise öffentlich anpöbeln zu lasten. Wenn das die Bildung ist, die gereifte Herren der Sozialdemokratie zu ver­breiten haben, und wenn sie, wie in ihrem 1. Flugblatt gesagt wird, die Unkultur bekämpfen wollen, dann »nögen sie bei sich selbst anfangen. Da ist gewaltig viel zu bessern. Billigt Herr Krmmn diesen Ton oder muß er sich auch in feinem Geschmack der Parteimehrheit fügen?

Der gekennzeichnete Ton muß jeden gebildeten Menschen abstoßen. Es wäre wünschenswert, den Lollarer Bericht dem Bürgertum als Beispiel für den Geist derer um Krumm in alle nicht sozialdemokratisch gesinnten Faniilien zu senden. Vielleicht hat das Blatt die Güte, seine dhunmec vom 19. Januar als Probe sozialdemokratischer Kultur zu versenden mit der Ueberschrift:Sachliche Kampfesweise der Sozialdemokraten Gießens." Aus diese Weise würde auch demMärchenerzähler" Zeit erspart. Eins möchte er dies­mal aber noch beifügen, nämlich baß ihm zu seiner Fceube draußen im Lanbe wieberholt von schwach besuchten Versammlungen der Herren Sozlalbemokraten und von einem entschiedenen Rückgang der Sozial­demokratie in den ländlichen Kreisen erzählt worden ist. Vielleicht nehmen die Herren gerade deswegen in ihren Berichten den Mund so voll. Wie viele glauben wohl ihre Erzählungen?

Aus dem Wahlkreise Lauterbach-Alsfeld wird unS geschrieben:

Die für Sonntag nachmittag von Herrn Binbewalb nnd) Grebenhain emberufene Wählerverfammlung nahm einen ziemlich slürmifchen Verlanf unb verfiel fchlleßlich, rote ich Ihnen bereits brahüich gemelbet habe, nach breiflüiibiger Tauer ber polizeilichen Auflösung. Wohl gegen 400 Perfonen fülllen ben Zaitz'fchen Saal, bavon waren sicher über 300 Anhänger der Stonbibatur Tr. Mallaus. Stach 2 Uhr eröffnete ftub. S ch mal- dach von Eramielb bte Verfamnilung. Ans ber Mitte würbe bas Wort zur Gejchäftsorbnuna gewünscht unb Beigeordneter Ai ü l l e r von Grebenham zum Vorsitzenben vorgejchlagen unter bem Hin­weis, daß ber provisorische Vorsitzenbe noch nicht iv a h l - berechtigt sei unb es wünschenswert sei, ben Vorsitz bei einer parlamentarisch zu leitenbeii Versammlung in bie Hänbe eines wahlberechtigten Mannes zu legen. Tie Lersammlnng st i in m t e. biesem Vorschlag mit einer überwältigen ben Mehrheit bei. Aber welche Ueberraschung 1 Slub. Schmal­bach behielt im E in v e rst änbn is mit Herrn B l n b e- ro a l b ben Vorsitz, baniit allen parlamenlarifch guten Sitten Hohn sprechen!) I

Das Wort ergriff nun Herr Binbewalb selbst und wer mit ber Hoffnung gekommen war, sachliche Ausführungen unb eine Programinrebe Horen zu können, ist fchwer enttäuscht worden. Zu­nächst belegte Herr B. ben »Gieß. Anz/ nut allerlei lieblichen Schmähungen, bie aber so lächerlich waren, baß sie keiner Beachlnng wert sinb.Diel Feinb', viel Ehr'," kann auch Ihr Blakt sagen. (Wären wir von biesem Herrn gelobt worben, wir mügten nut dem Dichter Will). Jordan selbstquälerisch ausrusen:Für welchen Irrtum hör' ich b i e s e n B e i f a l l s ch e l t e n!" T. Reb.) Auch ber »Laulcrb. Anz/ ist bet B. lief in Ungnabe gesunken (wirb Ober wohl gleich uns bies mit Behagen, Ansianb unb Würbe zu tragen wissen. D. Reb.) Zwischenbnrch fehlte es nicht an AuS'alleu unb Stiigriffeii gegen bie amvefenben potitifch anders Gejonnenen roie auf Dr. Wallau, was sehr tebhaiten Uiireilleit ber übergroßen Mehrheit ber Erschienenen erregte unb zu lebhafte« Pro­te st r u f e n Veraulasjung gab. An ber Hanb ber letzien Nummer desLauterb. Anz/ verwahrte sich Herr Binbewalb gegen bie darin desinblichen Nachrichten, baß er Dr. Wallau persönlich an- greife, unb boch regnete es nur io von jenen Buibewalbs wahreub 21/, Stunde« an unbegründeten unb ungehörigen Angriffen gegen Tr. W. Em solches Gebahren oerurteilt sich von selbst. Sinn beichästigle nach ben ebenso laitgroeiügeii als unbegrünbeten Aus­lässen gegen bie genannten Zeitungen reeller bas Elnlrelen bes Bunbes ber Lanbwirle für Tr. Wallau ebenfalls etwa eine halbe Sttinbe ben aniiiemilifchen Redner. Auch diese Kost war schal und büritig. Alte Zeitungen von 189ö nsw. wnrben jetzt ans Tageslicht gefördert und daraus Ainnienmärcheu gegen bie Pariei bes Tr. W. vorgelesen. So würbe fast bie ganze Sprechzeit auf abgebroicheue unb bekannte Sachen verbraucht unb von einem eigenilichen P r o- gramm bekam man fasl gar nichts zu Horen. Jeben- lalls hatte Binbewalb bei seinen fortwährenben persönlichen An­feindungen gegen seinen abwesenden Rivalen Dr. Wallau für sach­liche Behandlung von potüiichen und wirtschaftlichen Fragen keine Zeit. Bei den wenigen beiamgcu Fragen, bie er nannte, unter­ließ er es wohlweislich, feine Ansicht zu b eg r ü 11 b e 11. Aui das eigentümliche Arbeilen Binbeivalbs im Wahlkampf muß hier hingeiv'.eseu ivetbem So bei der Fahrkariensieuer, für bie Tr. W. mir angesichts ber Finanznot bes Reiches summte, verschweigi Buibeivalb tu ben Versanunlungen, bau bie 4. Wagcnklahe ganz von ber Steuer befreit ist, ebenfo bie Ardeuerfahrkarten nsw. Tas muß gebuhrenb gebraubmarkt werben, es ist eine unehrliche Agitation. Sünbigt Binbewalb aber hier aus Unkemunis, so möge» bie Wähler ben nötigen Vers sich bazu reimen.

Die Versammlung hatte Binbewalb in der selbstverständlichen Voraus,etzung reden lasie», bie zugesagte Diskussion werde ftd) ui Ordnung abwickeln. Jedem Redner waren hieriür zehn Minuten zugestanden. Doch als der erste Redner gegen Bindewaid Meche« Pottte, lärmU teilen M.hüngcrichait Mch einem

tfer* so sein KnSummen Dauert vor feinen lanen spannen fomrte!^ Nur schade, daß in, dem Flugblatt Nr 3 der deutsch-sozialen Partei, das;a im weientlichen an,die Gießener Spießer" gerichtet ist, freie Satze nicht abgedruckt ,md. !öir empfehlen den Herren dringend eine Neuauflage mit diesem Zusatz. Tas wird dann ziehen, und zwar kräftig.

° Zu beklagen aber ist, daß es immer noch Leute gibt, die nut aller Gewalt einen Gegensatz zwischen Stadt und Land, künstlich schassen wollen. Wer ist denn so blind, nicht zu fehen, lote gerade Meßen und die ländliche Bevölkerung aufeinander, angeroieien inb Beide leben voneinander und miteinander. Em wirt- chas'tlicher Rückgang des Landes wäre ein schwerer Schaden für ne Stadt, unb ein wirtschaftlicher Niedergang der Stadt ein Inglüd für die ländliche Bevölkerung, die zu. Taufenden ihren Lebensunterhalt in der städtischen Industrie verdient und gewaltige Mengen ihrer Bodenerzeugnisse an die Städter an dieGie- ffener Spießer" verlaust. Also mcht Uneinig teil, sondern Einigleit ist nötig. Wer zum Hasse schürt, zeigt, daß er kein Verständnis für die wahren Interest en von Stadt und Land hat. Solchen Beratern sollte niemand Gehör schenken.

Deutsch-soziales Rätsel.

Unser Wahlkreis muß durch einen Mann vom Lande, durchweinen Bauern im Reichstage vertreten sein/ hört man draußen von den Anhängern der deutsch-sozialen Partei gewissen Führern nachsprechen. Wie kommt es denn, daß dieselbe Partei in dem Wahlkreise Marburg, der doch ähn- kich roie der unserige ist, einen Herrn Dr. Böhme ausstelli? Ist Herr Hirschei, einer der Führer desselben politischen Kreises und Vertreter eines ländlichen Bezirks im Landtag, auch Landwirt? oder verstehen diese Herren etwas von der Landwirtschaft, weil sie Parteifreunde des Herrn Köhler sind?