Ausgabe 
20.6.1907 Erstes Blatt
 
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(Straßburg), v. Tabor a (Straßb.), Volhard (Dortmund), F. Römer (Frankfurt a. M., Scnckenbergische Gesellschaft).

5. Philosophische Fakultät: a- Philologen: Al­brecht Dieterich (Heidelberg!, Richard Wünsch (Königsberg), Wetz (Freiburg), Eduard Schröder «Rektor von Göttingen,', John Meyer (Rektor von Basel): b) Historiker: Otto Seeck (Rektor von Greifswald!, Kornemann (Tübingen., .Heinrich Ull- mann (Greifswald), R. Dieterich (Darmitadt), Frhr. von der Rovv (Marburg); c) Kunsthistoriker: Matthaci (Danzig), L. von Sybel (Rektor von Marburg»; d) Mathematiker: B. Gordan (Erlangen), Lothar Heffter (Kiel), Haußner (Jena), Wiener (Darm­stadt), Dingeldey (Darmstadt); c) Physiker: Himstett (Freiburg i. B.), P. Volkmann (Rektor von Königsberg); f) Chemiker: Lang (Griesheim), Finger «Darmstadts, Eidmann (Griesheim;; g) Mineralogen: Reinhard Brauns (Bonn;, E. Koken (Rektor von Tübingen); h) Zoologen: Ludwig (Bonn), Seitz (Frankfurt am Main), ö. Wagner (Graz); i) Ingenieur- und Maschinen- wissenschasten: Eduard Schmitt (Darmstadt) und Max Guter- nutth (Rekwr von Darmstadt).

Die Zusagen der Universitäten Prag und Czernowitz stehen noch aus. Dasselbe gilt von der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien. Wenn zusagende Antworten von dort eiirgetroffen sind, werden alle deutschsprechenden Universitäten und Akademien in Gießen vertreten sein. Unter den Delegierten be­finden sich 14 Magnisizenzen, darunter zwei gebürtige Gießener (Curschman n und Knapp).

Der studentische Fackelzug am 31. Juli.

Der langersehnte Beschluß der Studentenschaft, S. K. H., dem Großherzog, als Rektor Magnifizentissimus, einen Fackel­zug zu bringen, ist endlich einstimmig gefaßt worden. Er findet am 31. Juli statt und wird vom Großherzog vom Balkon 'des Kollegiengebäudes abgenommen.

Gartenfest im Botanischen Garten.

Das offizielle Festprogramm hat insofern eine Erweiterung erfahren, als der Groß her zog die Fest- und Ehrengäste auf Freitag, den 2. August, zu einem Gartenfest im Botanischen Garten einladen wird.

Aus Staat una Land.

Abdruck unserer durch Korrespoudenzzeicheu keunMch ge* machten Orgiualartikel ist nur unter genauer Quellenangabe (Gieß. Auz.) gestattet.

Gießen, den 20. Juni.

Daö Großherzogspaar in England. Ihre Kgl. Hoh. der Großherzog und die Großherzogin werden am 20. d. MtS. ab Mainz 2 Uhr 41 Min. nachm. eine Reise nach England zu vierzchntägigem Besuch des Groß­britannischen Hofes antreten. Im Gefolge befinden sich Hof­dame Freiin v. Rotsmann und Flügeladjutant Freiherr 'v. Masienbach. Die Großherzoglichen Herrschaften werden, n. d. Darmst. Ztg.^, am 21. früh in London eintrcffen, im Buckingham-Palast absteigen und sich abends zu längerem Aufenthalt nach Schloß Windsor begeben.

** In Audienz empfangen wurde, wie wir hören, gestern von S. K. H. dem Großherzog in Sachen des hiesigen Stadttheaterß Professor Dr. Fromme. S. K. H. Ler Großherzog erkundigte sich eingehend über das Theater unb stellte sein Erscheinen bei der Eröffnung in sichere Llrrssi cht.

* Aus dem Militär-Wochenblatt. Brustmann, Mzefeldwebel, zum Leutnant d. Res. des Jnf.-Rgts. Prinz !Karl (4. Großh. Heff.) Nr. 118 befördert. Der Abschied bewilligt: Decke (IV Berlin), Lt. d. Res. des 2. Großh. Hess. Feld-Art.-Rgts.Nr. 61, Hirsch (Gießen), Ober-Lt. der .Landwehr-Inf. 2. Aufgebots, dem Oberarzt der Reserve jDr. Sartorius (II Darmstadt), dem Oberarzt der Landw. 2. Aufg. Dr. Z inßer (I Darmstadt).

** Personalien. Uebertragen wurde dem Schulamts- üspircmteu Karl Pfeiffer aus Seeheim eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Angenrod. Bestätigt wurde der von dem Fürsten zu Stolberg-Wernigerode-Gedcrn auf die erste Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Glaubcrg präsentierte Lehrer Karl Berg au er zu Nieder-Scemcn. S. K H. der Droßherzog haben den Hauptsteueramtsassistenten bei dem i Hauptsteueramt Mainz Ludwig Bold ach zu Mainz zum Revisionskontrolleur ernannt.

Die Wander-Tuberkulosenausstellung der Landesversicherungs-Ansialt, die seit dem 25. Mai in der Turnhalle der Stadtknabenschule dem allgemeinen Besuch geöffnet war, erreichte am letzten Montag ihr Ende. Sie erregte hier und in der Umgegend außerordentlich großes iJnteresie, wurde sie doch im ganzen von rund 8000 Personen besucht. Die in dec Ausstellung aufgestellte 'Sammelbüchse für bedürftige Lungenkranke wurde reich mit größeren und kleineren Gaben bedacht und der gesammelte Betrag ist der größte, den die Ausstellung auf ihrer Wanderung durch die hessischen Städte bis jetzt erzielte. Bon hier aus wird die Ausstellung nach Alsfeld gebracht, wo sie am nächsten Samstag eröffnet werden wird.

** Der nächste Verb andstag der mitteldeutschen Bäckerinnungen findet, wie auf dem nunmehr zu Ende gegangenen 13. Verbandstag zu Frankfurt beschlossen rvurdtz im Jahre 1909 hier in Gießen statt.

Verhaftet wurde in Frankfil^t a. M. der von der hiesigen Staatsanwaltschaft steckbrieflich verfolgte Landivirt Schellmann aus Geiß-Nidda, der verschiedene Personen um 10 000 Mk. geschädigt haben soll.

* Der Preis, den die NudergesellschaftHassia" auf der Regatta in Offenbach am letzten Sonntag errang, ist in dem Zigarrengcschäft von Karl Heuser (Kreuzplatz) ausgestellt.

( Mainz, 20. Juni. Auf dem hier abgehaltenen Ver­bandstage des Mittelrheinischen Schützenbiindes wurde ein­stimmig beschlossen, das 2 3. Verbandsschießen des Mit telrh einischen Schützenbundes im Jahre 1908 in Offenbach abzuhalten.

W. Mainz, 19. Juni. Der Präsident d.s R.ichsversiche- rungsamtä Dr. Kaufmann ist heute in Beglci.ung des Re- gicrungsrat von Witzleben zur Teilnahme an dec Genossen- schaftsversammlung der Steinbruchbcrufsgc- u o s s e n s ch a f t e n in Mainz eingetroffen. Dr. KauMann wurde Vormittag in Darmstadt vom Groß Herzog in Audienz .empfangen. Die Vertreter des Reichsversiu;erungsumts w.rdcn sich in Begleitung von Mitgliedern des Berufsgenossenschaft-:- vorstandes morgen zur Besichtigung von Steinbrüchen tu die Rheinpfalz begeben.

Frankfurt, 19. Juni. Im Hörsaal des alten Sencken- bergianums hielt am Sonniag unter Vorsitz von Prof. Kobelt- Schwanheim der R h e i n - M a i n i s ch e V c r b a n d f ü r Volks­bildung seine Jahresversamml ung. Nach dem von Verbandssekretär Lehrer Volk-Offenbach crltatieten Jahresbe­richt zählt der Verband sitzt 112 körperschaflliche und 485 persönl. Mitglieder. Sowohl die Zahl der Vortragsabende und Vortrags­reihen, wie die der Volkstunstabende hat sicy vermehrt, 19 neue Manderbibliotheken konnten zusammengesiellt, 4 Kunst-Wanderaus­

stellungen abgehalten werden. Wie Prof. Stein-Frankfurt in seinem Kassenbericht mitteilte, ist vom Institut für Gemeinwohl ein Fonds von 100 000 M k. für Volksbildungszwecke zur Verfügung gestellt worden, der in zwanzig Jahren aufgebraucht werden darf. Mit dem Verband Mütelrheinischer Bildungsver­eine, der seinen Sitz in Wiesbaden hat, soll unter Währung beiderseitiger Selbständigkeit in völligem Einvernehmen gearbeitet werden. In der Nachmittagssitzung beschäftigte, man sich nach einem einleitenden Referat von Regisseur Hausser-Hanau mit dem Verbandstheater, das sich nach der finanziellen unb künstlerischen Richtung bewährt hat, sodaß, seine Wiederholung für das nächste Winterhalbiahr gesichert erscheint. Mit der Tagung war ein Ausstellung empfehlenswerter Bücher und küupterischen Wandschmucks verbunden.

h. Homburg p. d. H., 19. Juni. Wie der Tauimsbotc schreibt, wurde durch beit nicbergeganger.en fliegen auf der Taunns- Rennstrecke bas Westrumit (Staubschutzmittel) von de" Chaussee abgeschwenkr unb floß in ben Emsba ch. Dadurch wurden eine Unmenge Fische getötet. In dem Bache gab es zahlreiche Forellen.

X Launsbach, 19. Juni. Bei der am vergangenen Sonntag, 16. d. Mts., abgehaltenen Bundesturnfahrt des Turnerbundes Lahn-Dünsberg traten 74 Turner zum Turnen an, wovon 40 Turner die vorgeschriebene Punktenzahl erreichten. Den Ehrenpreis erhielt Mary Greiner, Wieseck, mit 36% Punkten; den 1. Preis Will). Lehr, Daubringen, mit 36 Punkten, den 2. Karl Weller, Wieseck, und Karl Reh, Bieber, mit je 338/c P., den 3. Otto Pfeiffer, Launsbach, mit 332/6, den 4. Karl Hildesheim, Daubringen, und Will). Pfaff, Launsbach, mit je 33, den 5. Heinr. Hof­mann, Wieseck, mit 328/6, den 6. Heinr. Bernhardt, Bieber, mit 315/6, den 7. Adolf Hasselbach, Rodheim, mit 313/6, den 8. Gustav Weller, Wieseck, mit 31, den 9. Karl Schäfer, Launsbach, mit 305/6, den 10. Will). Willershäuser, Rod- Heim, mit 303/6 Punkten.

X Krofdorf, 19. Juni. Die Gemarkung Krofdorf steht int Zusammenlegungsverfahren. In Anbetracht der großen Fläche wird die endgültige Vollendung, namentlich das ausgedehnte Wegenetz, wohl noch zwei volle Jahre in Anspruch nehmen. An dem Ausbau der Straße Krof» dorf-Gießen bis zur alten Seemühle wird eifrig ge­arbeitet. Nur noch mit Schrecken gedenken alle Passanten zurück an den letzten Winter, wo tatsächlich Menschen und Tiere auf dieser Neubaustrecke stecken geblieben sind. Einen erfreulichen Anblick gewährt die neue Straße durch die Feld­mark der Stadt Gießen. Sie führt in kerzengrader Richtung vom hiesigen Viadukt nach der Schützenstraße. Zu beiden Seiten begrenzt sie ein erhöhter Bürgersteig, der wiederum von einer wohlgepflegten Baumanlage umsäumt wird. Ist erst unsere neue Straße gleichfalls so weit gediehen, so ist hoffentlich die Zeit nicht mehr ferne, wo man auf der schon oft erwähnten ^Elektrischen" von Krofdorf nach Gießen ge­langen kann.

** Haiger, 19. Juni. Recht reichlich flössen die Kollektengelder bei der jüngst hier abgehaltenen Jahresversammlung des Hauptvereins Wiesbaden der Gustav Adolf-Stiftung. Die Einnahmen des Abend­gottesdienstes betrugen 133,73 Mark, die des Festgottesdienstes 245,51 M. uüd die der Nachversammlung 90 M. Für Schriften und Postkarten gingen 180 M. ein.

** Kleine Mitteilungen aus Hessen und den N a ch b a r st a a t e n. In N i e d e r - W e i s e l findet am nächsten Sonntag das Bezirkskriegerfest des Hajsiabezirks Butzbach statt. In Bingen starb der Beigeordnete Karl G e ß n e r L, der ein Älter von 63 Jahren erreichte. In Hochelheim starb der 20 Jahre alte Joh. Faber an den Folgen einer Blutvergist- ung. Mit den Posthilisstellen in Elpenrod, Hainbach (Kreis Alsfeld), Otterbach (Oberh.) und fliiilienrob sind Telegraphenanstalten nebst öffentlicher Sprechstelle unb Unfallmcldestelle vereinigt wor­den. Der K r i e g e r v e r e i n M erkenfritz feiert am nächsten Sonntag Fähnenwechsest. Eine 1 2 j ä h r i g e S ch ü l e r i n ver­suchte sieh in Hanau zu ertränken, aus Furcht vor der Strafe, weil sie die Schule versäumt halte. Em Arbeiter entriß das schon bewußtlose Kind den Fluten und brachte es wieder ins Leben zu­rück. Das 18jährige Dienstmädchen, das sich, luie gemeldet wurde, am Dienstag erhängte, heißt Marie Happ und stammt aus '13 e n i n g s (Kr. Büdmgen).

DerBerschörlermigsverein" von Sieberrlehn.

Tas sächsische Schustcrftädtchcn Siebenll'hn hat plötzlich eine Berühmtheit erlangt, bic es in den Annalen der Kriminal­geschichte dicht neben das Köpenick des Räuberhauplmanns Voigt treten läßt. Beherbergte es doch, wie wir gestern melbeten, in seinen Mauern einenVerschöncrungsvcrein", wie ihn feine andere deutsche Stadt auszutveisen hat, der es fertig bekam, binnen 10 Jahren 65 Grundstücke, aus denen alte Wohnhäuser, Scheunen unb Ställe standen, dem modernen Städteweseil anzupassen, die alten Buden verschwinden zu lassen unb neue schöne Häuser an deren Platz zu stellen. Unb das alles ohne einen Pfennig Geild dafür zu verausgaben! Auch sirts zur Zufriedenheit der Bürger! Natürlich tonnte ein solches Niesenunteriwhmen, wenn cs keine sinanzielle Unterstützung hat, nur möglich gemacht werden, wenn jedermann in der Gemeinde dabei eifrig mithalf. Tas haben denn die Siebenlehner auchbrsav getan, allen voran ihr Bürgermeister Barthel, der gemau wußte, wo man den NLost zu holen hat . . .

Daß es in deutschen Landen eine ganze Gemeinde geben könne, die kaltblütig unb plp.nmäßig mit ihren: Oberhaupt unter schnödestem Mißbrauch des hülfrcichen Feuer- wehramtcs M a s se n b r a n b ft i f t u n g e n ohne Zahl verübt, um ben Ort wie einen Phönix aus der Asche neu erstehen und daneben auch für hie einzelnen Mitglieder dieser wmmunalen Kamorra" nette Prositchen mit Hülle von Ueberversicherungen der Möbel unb Diebstählen aller Art bei den angelegten Bränden abfatlen zu lassen wer hätte das für möglich gehalten und bei der Erzählung solcher Mirakel nicht vielmehr daran gedacht, irgend ein Schalt habe sich einen Stoff ersonnen, nach dem unsere armseligen Possen- unb Operettenbichter mit b-eiben Händen greifen sollten? Unb doch ist's greifbare Tatsache, was bie verblüffte Oeffentlichleit im Siebenlehner Feucrwehrprozeß zu feheir unb zu hören bekam. Freilich, der erste Einbruck war der einer ungeheuer­lichen Burleske. Man denke: Ein Bürgermeister und Brand bireTtor, als solcher zum Hüter unb amtlichen Be- tainpier des verheerenden Elements bestellt, leitet eine förmliche F eu er po li t i t", bestimmt i m v o r a u s nach einer wohlgeordneten Liste bie niederzubrennenben Häuser, leitet persönlich das Zerstörungswerk, erfindet besondere Kniffe unb Pfiffe, um bas Brennen zu be­fördern, treibt die Frivolität so weit, daß er bie von ihm be­fehligten planmäßigen Branbstister sogar mit ben Belohnungen bedenkt, die der verilorbene König Georg von Sachsen für bic Tätigkeit der Feuerwehr auögefetzt hatte! Wozu finb Branb- kassen da, so dachte dieser Wackere, wenn nicht zur Vergabe von Gelb zum Zwecke der Gemeindeverfchönerung? Wenn bie Brandkasse zu wenig einsichtig ist, um hierzu freiwillig ihre Scha­tulle zu öffnen, so muß man durch künstliche Brände nachhelfen; unb bie Theorie wurde flugs mit gräßlicher Kvnfequenz in die Praxis umgefetzt. Dem feuermehrenden statt feuertoebrenben Bür­germeister stand ein würdiger Trabant zur Seite, der mit dem Feuerwehr-Ehrenzeichen geschmückte Haupt-llnterbranbstifter Nen- del, bet sowohl persönlich bei den Bränden hauste wie ein richtiger Räuberhauplmjaun, als auch seineFeuerwehr" so gut dressiert hatte, daß sie nach der Bekundung von Siebmlehner Einwohnern ebenfalls ganzro i c eine Räuberbande auföie Läufer

los ging"., um bic groteske Tollheit auf den Gipfel jU steigern, ging dieserechte Hand" des ehrenwerten Bürgermeister^ Oberbrandstifters auch noch bei den Leuten einzeln herum und fragt mit der ganzen ^elenruhe eines grundehrlichen Gemüts: Vielleicht ein bischeil Ab brennen gefällig...?» Freilich in der letzten Zeit kamen die Brände auch bem| Bürgermeister gar zu häufig vor unb er befretierte, es sollenicht so oft" brennen, dafür aberor* deutlich!" Es kam ihm also darauf an, schneller ganze Ar­beit zu machet!. Auch gab der Bürgermeister und Branddirektor die ^rmtlichen Bestätigungen für bie Versicherungsgesellschaften, ab, bescheinigte, das versicherte Haus fei 10 000 Mk. wert, auch wenn der ganze Plunder kaum 1000 Taler Wert präsentierte.^ Unb freute sich mit dem Versicherten, wenn dieser nach einem Brande noch derb verdiente! flNärnchmal kam es ja auch vor, daß jemand durchaus nichtbei sich brennen lassen" wollte; aber bie Bedenken solcher Gemütsathleten wurden sehr bald im genuttlichsten Sächsisch beschwichtigt:Halt er doch die Gusche! Ter Bergermeester hats ja befohlen!" Und schon flog derrote Sperling", wie es im Siebenlehner Feuerwehrlatein hieß, zum Tachgiebel hinaus!

Gewiß ist das eine Burlesk., wie sie selbst der schärfste Sa-- thriker nicht wirksamer er f in neu könnte. T ch das Lachen vergeht, einem nur zu bald angesichts des furchtbaren drehenden Ernstesi der Situation, der mit finsterem Angesicht hinter allen diese!« einer Reihe von Wahnsinnsgeburten ähnelnden Vorkommnissen lauert. Zwei Brandstifter haben, von Gewisfensbissen ge­foltert, noch vor A'chchluß des Cerichtsverfahirens Hand an sich gelegt, die übrigen Angeklagten hat der sühnende Arm des Gesetzes mit scharfer Wucht getroffen. Mit dem Erkenntnis des! Gerichts ist aber der kpasse Fall für die öffentliche Meinung nicht abgetan. Es gift noch, in die psychologischen Jrrgänge dieser ungeheuerlichen Verfehlungen einzubringen unb auch den Finger auf die Stellen zu legen, wo sich ein augenfälliger Mangel an behördlicher Energie unb Umsicht zeigt. Ta fällt in enter Linie der geradezu epidemische Charakter des ganzen Treibens auf. Wie eine Art moralifcher Veitstanz ergriff es bie ganze Gemeinde, der eine steckte immer den anderen an, bis zuletzt alles in einem Taumel schwelgte, das Verbrechen zur Regel' wurde unb mit jeder neuen Untat das Gefühl für die Ruch­losigkeit ihres Tuns bei derSiebenlehner Brandgenossenschaft" in höherem Grade sich abstumpfte. Die fchtveren Trohungetr unb tätlichen Angriffe, bic gegen den Gendarmen gerichtet wurden, als er Miene n^achre, ui bie Geheimnisse der Siebenlehner Brandwirtschast", näher einzubringen, mögen wohl die wenigen, denen bas Gewissen schlug, unb die sich ebenfalls zu einer An­rufung der Behörden bequemt hätten, auch um ihre eigene Sicher­heit besorgt gemacht unb vollends eingeschüchtert haben. So feierten denn in Siebenlehn bie Verbrecher lange Zeit hindurch ungestört wahre Orgien und angesichts der Erfolge ihres Treibens machte sich in der Gemeinde ein Zynismus breit, wofür z. B. auch die Tatsache charakteristisch ist, daß eine Feuersbrunst immer ein F^est für Siebeen lehn war, da die Ab- g corannten Schmäufe ausrichten mußten. Unb ein besonders starkes Stück ist die Aeußerung eines der Missetäter, der die Hauptrolle bei der flZieberbrennung eines Hauses spielte, er habe geglaubt,aus reiner Christenpflicht" in solcher Weife dem Eigentümer des Gebäudeshelfen" zu müssen.

Verwundert wird man angesichts solcher an den wilden Westen Ameritas cr.nncrnber Zustände die Frage erheben, wie es möglich war, daß die Untaten Jahre lang ihren Fortgang nehmen konnten, ohne daß es inmitten einer sehr dichten Bevölkerung und unter der Obhut eines gut funktionierenden amtlichen Organismus zum behördlichen infa;reiten kam. Man sollte meinen, daß die häu- tgen Brandfälle gleich im Anfang den Verdacht der Aufsichts­behörde hätten erregen müssen. Aus Grund dieses Verdachtes wäre in Siebenlehn ein gründliches Ermittelungsverfahren ge­boten gewesen, das Lei rechtzeitiger Anwendung zur baldigen Auf­spürung des Brandstifternestes geführt und eine so kolllssale Aus­dehnung iUes verbrecherischen Unwesens verhindert hätte. Wenig erfreulich ist auch die Lässigkeit, bie bei ber ärmlichen Behandlung der vom Bürgermeister bestätigten viel zu hohen Versicherungs­anträge zu Tage gc.reten ist. Aus dem Aufbecken dieser Praxis ergivt sich jedenfalls die Lehre, daß die Zügel hier künftig schärfer angezogen werden müssen.

Ter Landwirtschaftsbetrieb der Reichshauptstadt.

Die Verwaltung der Berliner Rieselfelder Hal umfangreich« Versuche angcstellt, um Werte, die bisher bei ber Bewirtschaf­tung verloren gingen, für die Landwirtschaft zu retten. In ber Hauptsache handelt es sich um bic Ausnutzung ber Riesel­felder, den Anbau von Gras, um neue Verfahren zum Trocknen des Rieselgrases, um die Ausnutzung dieses Rreselheues zu Mast­zwecken unb schließlich um eine bessere Fleischversorgung ber Großstäbte mit Rieselfelbwirtschaft. Tie Versuche finb, wie die letzte Mastviehausstellung gezeigt hat, von Erfolg gcioefen. Sie haben gezeigt, daß cs möglich ist, künftig viel von dem wieder erscheinen zu sehen, was bie Städte durch bie Kanalisation an das Land abgeben, wenn auch nur in Gestalt von Viehfutter. Ucbcr die Versuche, die für die gesamte Landwirtschaft von großem Interesse sind, wird berichtet: Die Produktion des frischen Rieselgrases war unb ist auch noch abhängig von ber Absatz­möglichkeit, bic, obgleich ein Versand mit ber Eisenbahn möglich ist, immerhin eine beschränkte sein wird. Die Verwendung von Grünfutter Bietet große Vorteile, ist aber nicht immer durch- zuführen. Um Rieselheu zu gewinnen, wurden im vorigen Som­mer seitens der Gutsverwaltungen Versuche mit etwa 25 000 Doppelzentner Rieselgras angestellt, u. a. mit einem Trocken­apparat in Großbeeren, bann mit einem sogenannten Natur- trocknungsverfahren, ober Brennheuverfahren unb schließlich mit dem Trocknen auf Gerüsten, 2 Meter hohen Rauter, sog. Hicsel, daher ber Name Hieselhen. Alle drei Heusorten erhielten schließ­lich ben NamenKraftheu" wegen ihres hohen Nährstoffgehaltes, ber ben des gewöhnlichen Wiesenheues im wichtigsten Bestaub- teil, dem Protein, fast um bas Doppelte übersteigt. Um fest­zustellen, ob bic Untersuchungsergebnisfe ber Chemiker für bie Praxis zutreffen, würben Fütterungsversuche mit je 12 zwei­jährigen Stieren unb je 20 Schafen von brei Gutsverwaltungen gemacht. Außerbem finb solche Versuche mit Milchkühen vor- genommen. Die Ergebnisse lassen bie Hoffnungen berechtigt er­scheinen, bie man daran geknüpft hat. Die Wertbemessung des gewonnenen Heues hat nicht getrogen. Ein erster Preis wurde dem mit Hieselhen gemästeten Schafe zuerkannt, während bas Kunstheuschaf" einen zweiten Preis erhielt. Die Sonder-Aus­stellung bekam noch 5 Preise für lebende unb 2 Preise für ge­schlachtete Schafe. Bei ber Klassifizierung ber~ ausgeschlachteten Stiere standen die Heufuttergruppen an erster Stelle. Besonders beweiskräftig waren die Ergebnisse der Milchviehfütterung. Nach diesen hat eine Gabe von 810 Kilogramm Rieselheu mit der Beifütterung von 40 Kg. Rüben pro Kopf und Tag mindestens dieselbe Acilchmenge erzeugt, als die gewöhnliche aus Rüben, Wicsenheu und Kraftfuttermitteln bestehende Futlermischung. Be­wertet man bie Rüben mit 1.20 Mark, bas Wiesenheu mit 4 Mark, Stroh mit 21/« Mark pro Doppelzentner, die Kraftfuttermittel nach dem Marktpreis, so ergibt sich eine Verwertung 'des Ricselheues mit im Mittel rund 8 Mark für ben Doppelzentner. Wenn es nunmehr gelingt, dem Krafthen Eingang in die Land­wirtschaft, besonders in Mästereien zu verschaffen oder im großen zu verfüttern, dann steht zu erwarten, daß der Nutzen ein all­gemeiner sein wird, zum Frommen von Stadt und Land.

Landwrvtschaft.

Wien, 18. Juni. Nach dem S a a t e n sl a n d s b e r i ch t des Ackerbauimnifteriums war der Stand Ntilte Juni folgender: Die Witterung seit der letzten Berichtsperiode war allgemein günstig. Die Feldfrüchte und FlUlergewächse lassen zumeist gute Mittelernte erwarten. Tie Wintersaaten haben sich erholt und gebessert, Weizen und flioggen werben im allgemeinen Mittelernle abwersen. Der JSctrag b,s Roggens nnd Wetzens verhält sich luie 1 zn 3. Tie Sominerfrüchte iveisen schönen Stand auf. Gcrslensaate n, Hafcrfaaten und 2)iais stehen durchweg gut. Die Ernte-