Zur Aesorm der Yess. Lcrndgemeindcordnung.
VI.
Ter Regierungsentwurf bestimmt in Artikel 82, daß der Bürgermeister uni) die Beigeordneten auf zwölf Jahre gewählt werden. Nach geltendem Gesetz ist die Ämtsdauer nur neun Jahre. Zur Begründung ihres Vorschlages führt die Negierung au, das; ja auch in den Gemeinden mit Ltädtcordnung auf 12 Jahre gewählt werde, und „daß schließlich durch Verlängerung der Wahlperiode die Zahl der Wahlen überhaupt in den Landgemeinden um etwas beschränkt wird, was einer ruhigen Entwicklung derselben nur förderlich sein kann." Der Ausschluß hat indes beschlossen, es in diesem Punkte bei dem geltenden Gesetz zu belassen, und die Regierung hat sich damit einverstanden erllärt.
Tie Referenten des Ausschusses, die Abgg. Köhler und Uebel, hatten als folgenden neuen Artikel vorgeschlageu:
„Wird ein Bürgermeister nickt wiedergewählt, so erhält er das Recht auf Führung des Titels „A l t b ürg e r me i ste r" und auf Sitz und Stimme im Gemcinderat. Beide Berechtigungen stehen dem nicht wiedergewählten Bürgermeister inso- lange zu, als er wahlberechtigt in der Gemeinde bleibt."
Zu diesem Vorschläge bemerkten die Antragsteller: „Wenn eine in den Grenzen der Sachlichkeit sich bewegende Opposition in einem Gemeindcwesen nur günstig wirken kann, so ist jedoch eine Orts Parteilichkeit, die nur lals ein Ausfluß von Machtbestrebungen von Blutsverwandtschaften und anderen Cliquen sich darstcllt, als eine das Gemeinwesen schädigende Erscheinung zu betrachten. Wenn darum aus ihr die Nichtwiederwahl eines Bürgermeisters sich l-crlcitet, so mag es als richtig erscheinen, daß >als ein Korrektiv hiergegen die Verleihung von Sitz und Stimme im Gemeinderat an den nicht wiedergewählten Bürgermeister gesetzlich angeordnet wird. Wenn ein Bürgermeister infolge des Umstandes, daß er in scharfer Meise Kulturfortschritte in seiner Gemeinde gegen den Willen der rückständigen und störrischen Einwohnerschaft herbeigcführt hat, nicht wiedergewählt wurde, dann sollte ihm doch die Möglichkeit verbleiben, seine Ansicht an maßgebender Stelle weiter zu vertreten. Auch würde es alsdann ausgeschlossen sein, daß sich eine unzufriedene Clique außerhalb des Orlsvorstandcs an seine Nockschöße hängen würde, die er mit Unzufriedenheit gegen das neue Oberhaupt nährt. Tenn jedermann würde ihm sagen können: Du bleibst 'ja Gcmeinderatsmitglicd, gehe doch hin und sage es dem ,Ortsvorstand selber. Ein nach langer Tienstsührung freiwillig .ausgeschiedener Bürgermeister würde weiter seinen guten Nat in i'.ben Dienst der Oefsentlichkeit stellen können. Im Falle mangelnder persönlicher Würdigkeit würde der „Altbürgermeister" raum ^irgendwelchen Einfluß int Gemeinderat erlangen."
Was die Beftätigu n g der Bürgermeister und Beigeordneten anlangt, so hat der Ausschuß den bezüglichen Arttirel 85 wie folgt formuliert:
1. Tie gewählten Bürgermeister und Beigeordneten bedürfen der Bestätigung durch den Kreisrat. Nimmt der Krcisrat Anstand, die Bestätigung zu erteilen, so hat er die Entschließung des , Kreisausschusses einzuholen. Ter ergehende Beschluß des Kreisausschusses ist dem Gewählten zuzustellen und kann sowohl von diesem wie vom Kreisrat innerhalb einer Frist von zwei Wochen mit Beschwerde beim Provinzialausschuß, loelcher enbgühig entscheidet, angefochten werden. Tie zweiwöchige Frist beginnt für Den Kreisrot mit dem Ablauf des Tages der Beschlußfassung, für den Gewählten mit Ablauf des Tages, an dem ihm der die Bestätigung versagende Beschluß zugestellt worden ist.
2. Wird, die Bestätigung eines Gewählten rechtskräftig versagt, so ist eine zweite Wahl vorzunehmen. Wird auch diese nicht bestätigt, oder wird der nach der ersten Wahl nicht Bestätigte wiedcrgewählt, so ist das Ministerium berechtigt, nach Anhörung o.s Kreisausschusses die erledigte Stella durch einen von ihm zu ernennenden Beauftragten für drei Jahre auf Kosten der Gemeinde zu besetzen. Das gleiche gilt, wenn in einer Gemeinde aus sonstigen Gründen eine Wahl nicht zustande kommt.
3. Einer rechtskräftigen Versagung der Bestätigung ist es gleich zu achten, wenn der zunr Bürgermeister Gewählte eine Gast- oder Schankioirtschaft betreibt, und erklärt, auf Ein- r.stellung des Wirtschastsbetriebes nicht eingehen zu können.
r Der Regierungsentwurf enthält in Alisas 1 noch den Zwischensatz, djaß die Versagung der Bestätigung „nur bei Unfähigkeit ober Unzuverlässigkeit des Gewählten in Bezug auf das von ihm zu 'bekleidende Amt geschehen darf". Der Ausschuß hat diesen Zwischensatz gestrichen. Ebenso hat er als letzte Berufungsinstanz das Ministerium des Innern durch den Provinzialausschuß ersetzt. Während im letzten Absatz der Ausschuß sich strikte auf den Standpunkt stellt, daß dem Bürgermeister ein Geschäft als Wirt nicht gestattet werden darf, will der Regierungsentwurf dem Bürgermeister die Däöglichkeit offen lassen, sein Wirtsgewerbe unter gewissen Bedingungen weitcrzuführen. Ter angezogene Artikel 124 lautet:
1. Ter Betrieb des Gewerbes eines Gast- oder Schankwirts ist dem Bürgermeister nur mit Zustimmung des Kreisausschusses und unter den von diesem etwa feslzusetzenden Bedingungen gestattet. Für den Fall der Erteilung der Zustimmung ist stets zur Bedingung zu machen, daß sich das Amtslokal des Bürgermeisters im Gemeindehaus, oder, wenn ein solches nicht vorhanden ist, in einem Haus befindet, in welchem Wirtschaft nicht betrieben wird.
,2. Eine erteilte Zustimmung kann durch Beschluß des Kreis- ausschusses widerrufen werden, irenn sich aus der Wirtschaftsführung Mißstände für die Ausübung des Bürgermeisteramts ergeben ober die gestellten Bedingungen nicht "eingehalten werden.
3. Durch vorstehende Bestimmungen werden die besonderen Vorschriften des Artikels 124 a nicht berührt. (Nämlich, daß ein Berufs-Bürgermeister ein Nebengewerbe nicht betreiben soll.) Ter Entwurf der Regierung folgt hier im wesentlichen geltendem Gesetz mit Ergänzungen, die sich zumeist decken mit den Vorschlägen einer Ausschußmajorität bei Beratung des Entwurfs von 1891. Ter jetzige Ausschuß hat dagegen beschlossen:
„Ter Betrieb einer Gast- oder Schankwirtschaft ist weder dem Bürgermeister selber, noch seiner Ehefrau, noch allen feinen im selbigen Hause wohnhaften Angehörigen gestattet."
Tie Regierungsvorlage zur Landgemeindordnung von 1874 enthielt ursprünglich keine Bestimmung in dieser Sache. Auf Antrag Schaub wurde dann beschlossen: Tas Geschäft eines Wirtes ist neben der Ausübung des Bürgermeisteramtes nur mit Zustimmung des Kreisausschusses 'gestattet. Es darf hier daran erinnert werden, was der genannte Abgeordnete zur Motivierung seines Anttages ausführte:
„Tas sittliche Gemeindegefühl wird nicht gehoben, wenn in der Bürgermeisterei durch Branntweinzapf dem Laster der Trunkenheit Tür und Tor geöffnet ist, und die Elemente der Gemeinde in der Bürgermeisterei ihren Sammelplatz finden, dre das Familien- und Gemeindeleben untergraben und hindern. Diejenigen-schichten der Gemeindebürger, Die durch ihre Arbeit oder ihren Gemeindedienit in einem Abhängigkeitsverhältnis von der Gememde resp. dem Bürgermeister stehen, werden leicht genötigt, einen Teil ihres Lohnes in der Bürgermeisterei zu verzehren, -ter Bürgermeister, der im Besitz eines Vrannt- weinzapfes ist, wird in der Regel die Ortsvolizei nur in lässiger Weise üben und dem Wirtshaus- und Spinnstubenunfug zu neuern selten die Kraft haben. Kurz, schon die Repräsentation der Gemeinde, die dem Bürgermeister obliegt, verträgt lich mcht mit seiner Stellung als Branntweinzäpfer."
Ter Beschluß des Ausschusses ist nur zu begrüßen, weil es zweifellos fast immer von Nachteil für eine Gemeinde sein wird, wenn das Bürgermeisteramt in engen Beziehungen zu einem Wirtschaftsbetriebe steht.
Die Bestätigungsfrage im allgemeinen ist un- Merfelhaft eine der wichtigsten Punkte in der ganzeii Reform Man kann nicht lagen, daß die vom Ausschuß formulierte Fassung des Artikels 85 Abs. 1 eine die fortschrittliche Anschauung zufriedenltellende Lösung darstellt. Die Bestätigung iß ein Teil des Aufsichtsrechts des Staates. Die Gründe „Un
fähigkeit oder Unzuverlässigkeit des Gewählten" (wie sie die Regierungsvorlage ansührt) fördern ein subjektives Urteil heraus^ sodaß der Ausschuß sie gestrichen hat.
AnsöanH.
Stockholm, 15. Juni. Heutt wurde hier die Verlobung des Prinzen Wilhelm, Herzogs von Södermanland, mit des Großfürstin Maria P a w l o >v n a , der Tochter des Großfürsten Paul Alerandrowitsch, veröffentlicht.
London, 15. Juni. Trotz strömenden Regens hatte sich zur E n t h ü l l u n g d e s T c n k m a l s f ür den Herzog von Cambridge eine zahlreiche Menschenmenge eingefunben. Der König begrüßte den Feldmarschall Hahnke und die anderen deutschen Offiziere^ Der Herzog von Connaught hielt eine Rede über die Verdienste des verstorbenen Herzogs von Cambridge. Hierauf hielt der Koni g eine kurze Ansprache, die er mit den Morien schloß: „Ich möchte noch ein Wort sagen, um meine Anerkennung auszusprechen für die hohe Ehre, d i e K a i f c r Wilhelm mir dadurch erwiesen hat, baß er den Generalfeldmarschall Hahnke gesandt hat, um der Enthüllung des Tenk- mals b.nzuwohnen, dies zeigt, in welcher Weise der H-rzog gewürdigt wird." ..Nach der Enthüllungsfeier folgten die deutschen Offiziere einer Einladung zur Frühstückstafel bei dem König und der Königin.
~ Paris, 16. Juni. Eine HavaSnote besagt, baß zwischen Frankreich und Spanien eine Note ausgetauscht wurde, in der sie sich gegenseitig den status quo in den Teilen des Mittelländischen Meeres und des Atlantischen Ozqaiis garantieren, welche für die Verbindungen mit den respektiven Besitzungen interessieren: Canarische Inseln, Balearen, Algerien und Tunesien. Dieser ?kkt ist keine Alliance und keinerlei militär. Ä'onüt ■ tioit; er bildet ein neu"s Unterpfand des Friede ns. Spanien und England hoben eine Note desselben Sinnes ausgeta'.'scht. Uebrigenö' haben Frankreich, Spanien und England daraus gehalten, zu zeigen, daß sic keinerlei Hintergedanken hatten.
— Tie Regierung beschloß, die Führer ber Winzerbewegung in den Än klag ezuftand zu versetzen und eventl. zu verhaften.
Äus Stadt rrnd Land.
Gießen, 17. Juni.
• * Ein pietätvoller Akt des Kaisers. An dem Schmerz der Angehörigen des beim Kaiserpreisrennen verunglückten Mechanikers Faber von hier nimmt auch Se. Maj. der Kaiser Anteil, wie aus folgendem Telegramm zu ersehen ist, das gestern dem Oberst v. Lindenan zuging:
Seine Majestät der Kaiser lassen Euer Hochwohlgeboren ersuchen, Seine Majestät bei dem Leichenbegängnis des beim Aus- scheldungsrennen verunglückten Chauffeurs Ludwig Faber, Sohn des Wagnermeisters Louis Faber-Gießen, Wolkengasse 11, zu vertreten und Kranz niederzulegen, der Ihnen von der Schatull- verwallung aus Berlin zugehen wird.
gez. Eulenburg.
* • Non unserer Garnison. Heute sand eine Bataillons-Besichtigung im Biebertal statt, zu der der Korps- kominandeur, General der Infanterie v. Eichhorn, der Divisionskommandeur Generalleutnant v. Strantz und der Brigadekommandeur Generalmajor v. Hartmann hier ein- getroffen sind.
" Siegreiche Ruderer. Der Ruderklub „Hassia" errang gestern bei der Regatta in Offenbach im Anfänger- Vierer den 1. Preis.
* * Konzert. Wegen der heutigen Batl.-Besichtigung fällt das Konzert im Renen Saalbau heute abend aus und findet morgen statt.
* * Die Eise nbach »Verwaltung hat sich gezwungen gesehen, dem lebhaften Unwillen, der sich in der Bevölkerung über die große Zahl der zuschlagpflichtigen Schnellzüge geltend gemacht hat, Rechnung zu tragen und in eine Revision der Unterscheidungen zwischen Schnellzügen und Eilzügen einzntrcten. Das Ergebnis dieser 9ie=* vision ist gewesen, daß eine Reihe von Direktionsbezirkcn mit dem 15. Juni bezw. 1. Juli den Kreis der zuschlagsfreien Schnellzüge eriveitert hat. Wir hoffen, auch ans unserem Bezirke darüber schon recht bald nähere Mitteilungen machen zu können.
* * Radaubrüder. In der Nacht von Samstag auf Sonntag verursachte eine Anzahl angetrunkener junger Burschen in der Sonnen- und Schulstraße einen Menschenauflauf da- durch, daß sie sich einer Schutzmannspatrouille, anstatt deren Mahnungen zur Ruhe zu folgen, widersetzten und die Beamten tätlich angrtffen. Einer war festgenommen worden und nun versuchten andere, diesen zu befreien. Es wurde auch nach Den Beamten mit Backsteinen geworfen. Die Schuldigen werden wohl eine exemplarische Strafe erhalten, hatten sie doch vorher schon einen ahnungslosen Bürger auf der Straße verfolgt und angegriffen. — In der Grünberger Straße wurden die Anwohner von vier jungen Herren in ihrer Nachtruhe erheblich gestört. Ter Skandal dauerte etwa eine Stunde lang. Es ist Anzeige erhoben.
* * Sin Sittlichkeitsattentat. Heute morgen gegen 77* Uhr machte ein junger Mensch in der Anlage einen un- sitllichen Angriff auf ein kleines Mädchen. Der Mensch ging sofort flüchtig, wurde aber eingeholt und festgenommen. Die Polizei stellte fest, daß dieser gefährliche Patron der Maler Gustav Schwarzer von Eisenach ist, der seit 10 Tagen hier Arbeit gefunden hatte, aber vom Amtsgericht Eisenach steckbrieflich verfolgt wird.
** Des Großherzogs Kunftschätze. Der Großherzog hat seine überaus interessanten und wertvollen Privatsammlungen von Porzellan und Glasgegenständen aller Art, die bisher meist im alten Palais untergebracht waren, nunmehr weiteren Kreisen zugängig gemacht, indem er das in dem Hermgarten hinter dem Hoftheater liegende Prinz Georg-Palais nach eigenen Ideen zu diesem Zweck Herrichten ließ. Zahlreiche Holzschnitzereien und Stuckarbeiten im ersten Stock des vom Landgraf Ludwig VIII. erbauten Palais, wurden von ihren alten Ueberstrichen gereinigt, sodaß sie jetzt erst recht erkennen lassen, welche tüchtige Künstler damals mitwirkten. Besonders angefertigte Glasschränke werden die meisten Ausstellungsgegenstände ausnehmen.
|| Lang-Göns, 16. Jnni. Gestern sand hierunter dem Vorsitz des Beremigungskommissars Schnittspahn eine wichtige Sitzung in Sachen der Feldbereinigung statt. Am Dienstag hatte auf dem Rathause eine Versammlung stattgefunden, in welcher Vorschläge gemacht wurden zur Wahl der Kommissionsmitgllcder. 91 m Freitag wurden die Herren Johs. Anton Müller, Anton Becker zu Mitgliedern und Johs. Wilhelm und Johs. Faber zu stellvertretenden Mitgliedern gewählt. Die Entscheidung über die Aufbringung der Kosten iverde, nachdem man sich auf IV-Vo Abzug von den Grundstücken zur BildiiNg von Massengelände geeinigt hatte, getroffen. Vorher war ein Antrag der Kommission, 2% als Massengrundstücke zur Verfügung zll
stellen, mit allen gegen 1 Stimme abgelehnt worden. Zu Mitgliedern des Schiedsgerichts, welches hoffentlich -nicht in Tätigkeit zu treten braucht, wurden Rechner Feuerbach in Ochsradt und Bürgermeister Krämer in Steinbach gewählt. Es ist hervorzuheben, daß die Beschlüsse alle einstimmig gefaßt wurden. In der Vorversammlung dagegen war es sehr heftig hergegangen. 9lber es kam wie immer: wenn cs gilt, sind die Lang-Gönser einig!
0 Allendorsa. d. Lda., 16. Juni. Das 3. B u n d e. s s e st des Lahntalradlerbundes sand heute hier statt, verbunden mit Preis- und Korsofahren. Das Tanersahren wurde durch Regen unterbrochen, doch wurden von allen Teilnehmern 60 Kilometer gefahren. Um V23 Uhr wurde ein Festzug veranstaltet. Der Vorsitzende Formhals hielt die Begrüßungs- und Festrede. Bürgermeister Schmidt-Lollar, der 1. Bundesvorfitzende, nahm die Preisverteilung vor. Im Dauerfahren erhielten folgende Vereine Preise: 1. Klein-Linden, 2. Allendors, 3. Londorf, 4. Gr.- Linden; im Korso fahren 1. Lollar, 2. Kl.-Linden, 3. Allendors und Gr.-Linden; im Mannschaftsfahren errangen 1. Preise Londorf, Klein-Linden und Großen-Linden, 2. Lollar, 3. Allendors.
(-b) Nieder-Bessingen, 16. Juni. Ein Junge, der mit einem Revolver im Schießen sich üben wollte, schoß einem vierjährigen Knaben aus Unvorsichtigkeit eine Kugel i.n den Unterliefet. Das verletzte Kind mußte in die Klinik nach Gießen gebracht werden.
n- B ü dingen, 15. Juni. Heute fand im Rathaus- saale die Bezirkslehrerkonferenz der Bezirkslehcerver» bände des Kreises unter Leitung des Schulrats Scherer statt. Aus der Tagesordnung stand ein Vortrag über die Entwicklung des Bauernstandes. Lehrer De greis von Lindheim führte uns den Werdegang dieses überaus wichtigen Standes von der Römcrzcit bis zur Jetztzeit klar vor Augen. Ein eigentlicher Bauernitand existierte erst zur Zeit Karls des Großen, seine Blütezeit erreichte er unter Den fränkischen Kaisern. Durch die Ritter damaliger Zeit fand nach und nach die ärgste Entrechtung und Unterdrückung dieses so wichtigen Standes statt. Die Bauernkriege zur Zeit der Reformatlon haben darin ihre Ursache. Nach blutiger Niederwerfung der Bauernaufstände dauerte e§ 300 Jahre bis die Bauern gleiche Rechte mit übrigen Bürgern erhielten und auch ein menschenwürdiges Dasein führen konnten. Dieser Uebergang konnte aber auch nur allmählich vor sich gehen und kann mit dem Jahre 1848 als beendet angesehen lverdcn. Wertvolle Ergänzungen des Vortrags erfolgten durch die Herr Spiel mann und Vollrath. Schulrat Scherer erörterte wie der Geschichtsunterricht zu reformieren sei, indem man in den ländlichen Schulen die Geschichte des Bauerstandes in den Mittelpunkt desselben stelle.
sd D a r m st a d t, 17. Jnni. (Tel.) Der Erb groß- Herzog von Baden wird morgen vormittag auf Schloß Wolfsgarten eintreffen, an der großh. Familientafel teil- nehmen und am Abend nach Karlsruhe zurückkehren.
(sd.) Worms, 16. Juni. Das vierte Rosenfest wurde gestern durch einen Minnesänger-Abend im Festspielhaus eingeleitet, wobei das Reim-Orchester unter Leitung von E. Kaiser, sowohl während der Feier, wie bei dem nachfolgenden Richard Wagner-Abend im Festhaus-Garten mustergültiges leistete, gleichen Beifall errangen Frl. Eva Martersteig vom Kl. Theater Berlin, durch einige wirkungsvoll vorgetragene Minne lieber, die unerschöpfliche und unverwüstliche Elsa Laura von Wolzogen durch ihre Originallieder zur Laute, die geradezu Beifallsstürme verursachte. Wir erwähnen nur: Die Königstochter und der Tod, sowie „Fräulein, darf ich mit Euch gehn!" Auch Otto Stöckel-Düsseldorf fand für seine Rezitationen verdiente Anerkennung. Dr. Herbert Eulenberg- Düsseldors hielt einen mit vielem Beifall ausgenommenen Vortrag über das Wesen und die Bedeutung des Minnesanges. Heute, Sonntag, sand im Festhaus mit Gartenanlagen ein imposantes Rosenfcst mit großartiger Dekoration, Basar, Konzert usw. statt, das bei herrlichem Wetter gut besucht war und einen guten lleberschuß bringen dürste.
W. Homburg v. d. H., 15. Juni. Der Kaiser fuhr um 7 Uhr im Sondcrzuge von hier nach Hamburg. Zum Abschiede hatten sich auf dem Bahnhofe eingefunden: Regierungspräsident Dr. v. Meister, Landrat Dr. Ritter von Marx, Oberbürgermeister Maß und Geh. Baurat Jacob!. ■— Als Abschluß des Kaiferpreisrennens fand heute abend im Musiksaale des Kurhauses auf Einladung des Kaiserlichen Automobilklubs ein Festmahl statt. Kurz vor Beendigung dec Tafel ergriff der Herzog von Ratiboc das Wort und brachte ein dreifaches Hurra auf den deutschen Kaiser aus. Er gedachte der günstigen Resultate der Firma Opel und feierte den Sieg des Fiat-9lutomobils. Seine Worte klangen aus in ein Hoch auf das Fabrikat, den italienischen Automobilklub und Italien. Ein Vertreter des italienischen 9lntomobilklubs erwiderte mit einem Toast auf den Herzog von Ratibor und den Kaiserl. Automobilklub. Regierungspräsident von Meister begrüßte die fremden Gäste, insbesondere die Vertreter der fremden Regierungen, der Präsident des französischen Automobilklubs van Ziiylen toastete in französischer Sprache auf den deutschen Kaiser, Dr. Levin-Stölping auf die Presse, Redakteur Passauer auf das gute Einvernehmen zwischen Presse und Automobilisten. Der Kurpark war glänzend beleuchtet. Nach Schluß des Diners wurde ein prachtvolles Feuerwerk abgebrannt.
Generalversammluttg
Les Gcselligkeitsvereins Gleiberg.
th. Gießen, 17. Juni.
Am Samstag nachmittag waren die Burgherren ver- aus zahlreich auf dem Gleiberg versammelt. Es war die stärkstbefuchle Generalversammlung, die der Gleibergverein seit langen Jahren abgehalten hat und ist es erfreulich, daß die Zahl der Getreuen, die der altehrwüdigen Burg ihr Interesse zuwenden, von Jahr zu Jahr zugenommen hat. Der Vorsitzende, Geheimerat Dr. Breid e rt, begrüßte die Versammlung, darunter besonders die Vertreter der preuß. Aufsichtsbehörde, Landrat Dr. Sartorius und Kreisbau- inspelror Stief-Wetzlar. Er gedachte sodann in warmen Worten der im Geschäftsjahr verstorbenen Mitglieder des Vereins (Prokurist SpeiG Stadtv. Jean Kirch, beide in Gießen, Hütteningenieur Fecker in Lollar und Stations- verfteher <i. P. Wilke in Bonn). ,
Zur Tagesordnung übergehend erstattete der Vorsitzende den G e s ch ä f t s b e r i ch t für das abgelaufene Jahr. Danach hat der Verein 155 ordentliche und 5 außerordentliche Mitglieder. Die Einnahmen beliefen sich auf 5165,68 Mt. und fetzen sich in der Hauptsache aus folgenden Beträgen zusammen: Eintrittsgelder und Mitglieoerbei- träge 805 Mr., vom hessischen Staat 400 Mk., vom Kreis Wetzlar 200 Mk., vom Kreis Gießen 200 Mk., von der Stadt Gießen 100 Mk., von der Rheinprovinz 600 Mk., vom preußischen Staat 600 Mk., von einem unbekannten Per-


