Ausgabe 
14.11.1907 Zweites Blatt
 
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lrr. 268

Zweites Matt

157. Jahrgang

Donnerstag 14. November 1907

tdd)Hnt tti-N- mit Ausnahme bc6 GomwZgS.

Die ..Stetzenrr $amtllcnblätterw werden dem Anzeiger* oiennal wöchentlich beigelegt, daS jUdibletl ffir den Kreis Sietzen" zweimal V-chenUrch. Derheffifche Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhesfen

Rotationsdruck und Verlag der BrühNchen UnwersitätS - Buch» und Kreindruckeret.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- (trabe 7. Expedition und Verlag: 5L

Redaktwn:^E 112. Tel.-Adru AnzeigerGießen.

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KuiLltt-I üö .

Herr Prof. Gurlitt bittet uns, um Veröffentlichung des nachstehenden Eingesandts:

Richtigstellung.

Wie es bei den Debatten zu gehen pflegt, die sich an Vor- rage anschließen, so gebt es jetzt intGietzener Anzeiger" mit Behandlung der so benanntenGurlitt-Frage": Jeder sucht id) sein Privatgebiet heraus, in dem er besondere Kenntnisse ;laubt vorbringen zu können. So Herr I. Luley, dem es ior allem auch um den Nachweis zu tun ist, daß ich in den üchtigsten Fragen der Pädagogik Ignorant sei und mich selbst a Schrift und Rede widerspreche.

Viag sein, daß Herr Luley tiefer in die pädagogischen Probleme ingedrungen ist, als es mir in vieljährigein Studium möglich oar. Mich wundert dabei nur, daß mir bisher sein Name in >:t pädagogischen Literatur noch nicht begegnet ist, obschon ich jj Berichterstatter für dasT ü r m e r - I a h r b u ch" alle wich- igeren Erscheinungen aus dem Gebiete der Erziehungs-Literatur u bearbeiten habe seit Jahren schon. Mich wundert ferner, veshalb mich die Lchrervereine in Deutschland und Oesterreich ,' über meine Kräfte hinaus um Vorträge angeben, wenn ich .uf ihrem eigensten Gebiete so unwissend sein follte. wie mich )err Luley seinen Lesern darstellt. Er hält mich auch für einen inglomaitcn. Mit Unrecht. Was er selbst über die englische Erziehung vortrügt, zeigt keine Vertrautheit mit der dieses Thema '^handelnden pädagogischen Literatur. Und doch scheint eben dies eine Wissensdomäne zu sein. Die wenigen Worte, die ich in meinem. Vortrage zugunsten der englischen Haus-Erziehung licht der englischen Schulbildung vortrug, beruhen auf eigenen n England gemachten Beobachtungen, auf dem Zeugnisse z ah 1- eicher in England lebender Deutschen und auf dem Studium ion vielen einschlägigen Schriften. Ich nenne nur: Tr. Lud- D i g W i e s e , Deutsche Briefe über englische Erziehung; Dr. Carl bcters, England und die Engländer, besonders Kap. VII, ,Englische Erziehung", und Ausführungen des hervorragenden ädagogischen Schriftstellers Prof. Wilhelm Münch, der in einerZukunstspädagogik" sagt (S. 181):Der Wunsch, etwas bcsundung (auf erziehlichem Gebiete) von England her zu uns trüber zu holen, wird mit Recht allgemeiner und lebendiger", md S. 186Der einzige Blick auf einen grünen englischen >lay-ground läßt mit Wehmut an die Ausstattung zahlloser Zutscher Schulen denken, und auch daran, wie mit der Ausstattung »ie Stimmung zusammenhängt und mit dieser das Werden des Charakters". Ich könnte noch viele verwandte Urteile beifügen wn Kennern beider Länder und der Schulen diesseits und jenseits -es Kanals.

Mir haben auch zahlreiche in englischer Machtsphäre lebende deutsche mit so lebhafter Zustimmung das Bild, das ich in neiner SchriftDer Deutsche und sein Vaterland" von der uglischen Erziehung gegeben habe, als zutreffend bezeichnet, «nunter vor allem H. St. Chamberlain unter so ehrendem Zeugnisse, daß mich ein Widerspruch des Herrn I. Luley nicht rschüttern kann, zumal er das Wesen der Sache gar nicht trifft.

Ich hatte behauptet, daß man in England die Persönlichkeit »er Kinder mehr achte als bei uns. Welcher Mensch, der >eide Länder kennt, darf an dieser Tatsache zweifeln, die schon m Goethes Zeiten so gut wie heute bestaitd, und auch von Goethe wiederholt beklagt worden ist? Von Studenten und )en Besuchern der Colleges hatte ich nicht gesprochen. Daß in den mglischen Colleges auf eine gute Hausordnung und auf strenge Sitte galten wird, das empfindet kein vernünftiger Engländer als Mißachtung der Persönlichkeit, sondern empfindet es nit Recht als ein Stück guter nationaler Sitte ebenso wie die 'ür uns lästige, weil allzu strenge Sonntagsheiligung. Die Lngländer lieben zumeist nicht die Nachtschwärmerei. In. so (leinen Städten wie Oxford ist es abends um 9 Uhr schon still. Auch die Hauswirte wünschen keine nächtliche Störung und kem Mensch sieht ein, was man dort nach 9 Uhr außer Hauses noch zu treiben hat; selbst die Studenten, die tagsüber viel aus dem Fluß rudern und auf den Wiesen spielen, haben kein Verlangen nach Nachtkneipereien, empfinden also die strenge Haus­ordnung ebensowenig als Vergewaltigung wie wir dieselbe gute Sitte in einer Pension oder in einem Sanatorium tadeln würden.

Die Hauptsache aber: An den Früchten sollt ihr sie erkennen.

Man sehe sich die riesige kulturelle Arbeit der Engländer auf dem weiten Erdball an und lerne daraus ihre Erziehungsweisheit achten! Hochmütige Geringschätzung England gegenüber hat uiis schon Schaden genug gebracht und deshalb ist die osientliche Stim­mung seit einigen Jahren sehr zu Englands Gunsten umge­schlagen. Wer aber nicht mittun will und sich besser als Teuto- mane gefällt, dem sei es unverwehrt.

Auf die vermeintlichen Widersprüche, die Herr Luley aus meinen Schriften ausgegraben haben will, gehe ich nicht ein. Ich hätte viel zu tun, wenn ich in jeder Zeitung die Angriffe abwehren wollte, mit denen man mich beehrt.

Steglitz, den 13. November 1907. ___________________ Prof. L. Gurlitt.

tzine Meuoung in H sternich

Die Umbildung des österreichischen Kabinetts ist nun­mehr vollzogen. Das neue Kabinett ist auch bereits im Parlament erschienen, hat aber keine sehr freundliche Auf­nahme gefunden, indem es von sozialistischer und tschechisch­radikaler Seite mit Schmährusen empfangen wurde. Die Rekonstruktion des Kabinetts war eine dringende Not­wendigkeit geworden, nachdem die unter dem neuen Wahl­gesetz erfolgten Wahlen eine gänzlich veränderte Zusammen­setzung des Parlaments herbeigesührt halten. Die deutschen und liberalen Parteien hatten zahlreiche Mandate ver­lohn, während die Sozialisten mehrere Dutzend gewannen; ihre Zahl hatte sich von 11 aus 87 erhöht, gleichzeitig er­rangen aber die katholische Volkspartei, die Christ- tichsozialen und verwandten Gruppen über 200 Mandate, so daß nach dieser Seite hin ein Ausgleich geschajsen war. Alles in allem bedeutete der Wahlaussall trotz der Zu­nahme der sozialistischen Mandate einen Ruck nach rechts, und Herr v. Beck mußte sich genötigt sehen, über kurz oder lang diesem Umstande Rechnung zu tragen, es mußte ihm vor allen Dingen daran gelegen sein, im Hinblick auf den Ausgleich sich eine sichere Mehrheit zu schassen und An­gehörige der ausschlaggebenden Parteien in sein Kabinett hinein zu ziehen. Das ist denn auch erfolgt, und das markanteste dieser Rekonstruktion ist der Eintritt zweier christlich-sozialer Minister. Bisher hat sich diese Partei stets davon serngehalten, Portefeuilles zu übernehmen, mit der Begründung, daß man seine Unabhängigkeit wahren wolle. Aber die Sehnsucht nach Macht regte sich schließlich doch, und so hat man sich jetzt nach einigem äußerlichen Sträuben gar nicht so ungern finden lassen.

Dieser Umschwung bedeutet in der innerösterreichischen Politik eine wichtige Wendung, denn die bisherige über­wiegend liberale Tendenz tritt zurück, um den Christlich- Sozialen und deren Gejinnungsverwandten Platz zu machen. Herr Dr. Lueger hat selbst begreiflicherweise kein Portefeuille übernommen, denn abgesehen von seinem Ge­sundheitszustand ist seine Kraft zu kostbar für die Partei selbst, um aus einen Ministersessel kalt gestellt zu werden, aber durch seine Getreuen im Kabinett, die Herren Eben­hoch und Geßmann, wird er einen gewaltigen Einfluß aus die Regierung auszuüben verstehen, und Herr Lueger ist ganz der Mann, seine Macht nach Kräften auszunutzen. Welche Folgen für die innerpolitische Entwicklung Oester­reichs diese Wendung haben wird, muß abgewartet wer­den. Immerhin kann man das eine sagen, daß das Deutsch­tum an sich nicht schlechter gestellt sein wird als bisher. In den letzten Jahren begegneten die Forderungen der Deutschen in maßgebenden Kreisen stets dem größten Miß­trauen, weil sie meist von extremer Seite vorgebracht

Gietzener Staöttfycater*

Gastspiel von Carl William Büller.

Der Registrator auf Reisen.

Poffe mit Gesang m 5 Bädern von A. L'Arronge und G. Moser.

Alt und verschroben in jedem Sinne ist die Posse des Dichterpaares L'Arronge und Moser, die unser Theater­publikum gestern belachen konnte. Das Haus war freilich sehr schlecht besucht, aber wohl noch nie hat es in unserem neuen Theater auch nur annähernd ähnliche Beifallsstürme gegeben wie gestern. Das war ein Applaudieren und Bravo- cufen, wie man es in Gießen kaum für möglich hält. Man ist hier sonst recht sparsam mit seinem Beifall. Diesen außer­ordentlichen Erfolg hat Herr Büller indessen reichlich ver­dient. Auf seine Darstellung des Registrators kommt in diesem Stück ja alles an, und diese Ausgabe hat der Gast des gestrigen Abends glänzend gelöst. Bei der künstlerischen Bewertung dieser Leistung foninit es wahrlich nicht darauf an, ob die verschiedenen schwierigen Uebergänge psychologisch halbwegs richtig getroffen sind, denn was haben L'Arronge und Moser mit solchen Dingen zu tun; hier kommt es nur darauf an, daß alles an seiner Stelle richtig wirkt, und daran fehlte es in dieser Aufführung keineswegs. Wirksam war das erste Auftreten des Registrators in seiner Schreib­stube, nicht ohne komische Wirkung war sein Spiel bei seinem zweiten Auftreten, in seiner Häuslichkeit, und noch drolliger wirkte das Auftreten des Registrators als natucforschender Rentner Müller au§ Berlin im dritten Akte. Der Höhepunkt der Komik war aber die Trinkszene im 4. Akte. Hier erwies Herr Büller sich als einen feinen Beobachter der Wirklichkeit, hier verstand er es in fast unnachahmlicher Weise die Wirkung zu steigern, hier charakterisierte er den über die Stränge schlagenden Pedanten mit einer Natiirtrcue, die schwer zu übetbieten ist. Beschreiben läßt es sich kauni, wie er ftch allmählich mit seinem Wein anfreundet, nachdem er erfahren hat, daß die Flasche nur 50 Pfennige kostet, mit welcher Selbstverständlichkeit er daraus die Kiste Zigarren, zu einem Pfennig das Stück, annimmt und wie er dann den Preis von 60 Pfennigen für das LogiS für recht hoch hält, wie er dann immer gejprächiger wird und löie er ansängt zu lallen und iuit verglasten Augen ms Leere zu schauen. Das alles war

prächtig wiedergegeben. Auch für den letzten Akt hatte Herr Büller sich noch manche recht fern beobachtete Lharakterzüge reserviert, so daß e8 auch hier noch neues zu bewundern und zu belachen gab.

Reben dem Titelhelden treten in dieser Poffe alle übrigen Darsteller sehr in den Hintergrund; es sind undankbare Rollen. Um so mehr ist es anzuerkennen, daß gestern auch die übrigen Mitwirkenden ihr Bestes gaben. Gesang und Begleitung gingen zwar häufig ihre eigenen, gesonderten, nicht immer ganz begreiflichen Wege,aber sonst war die Stimmung im ganzen famos".

Zum Schluß sei noch mit besonderer Anerkennung der vortrefflichen Regie des Herrn Bruno Reimer-Schlegel gedacht. Die Wirtshausszene vor allem war sehr hübsch arrangiert. E. A.

Herr Dr. Strecker schreibt uns: Ich habe in meinem achten Bad Nauheimer Briei über die kreisamlliche Genehmigung des vom Sladlrat abgelehnten Baugesnchs nur die Stimmung wiedergegeben, die sowohl im Stadthauje als auch in der sreisunugen Versammlung herrschte. Auch braucht man durchaus nicht von der Unfehlbarkeit eines Stadtrates überzeugt zu sein, um trotzdem die höhere Bevormundung für einen zweiselhaften Ausweg zu halten. Was übrigens berechtigter oder unberechtigter Eingriff m das Eigentum ist, dürste gerade in Fällen wie dem vorliegenden gar nicht so einfach zu entscheiden sein. Es kommt alles auf die Folgen für die Allgemeinheit anl .

Professor Robert Koch ist nach der m voriger Woche erfolgten Rückkehr von seiner Forschungsreise nach Deutsch-Ostasrlka wegen seiner Verdienste um die Erforschung und Bekämpfung der Schlafkrankheit zum wirklichen Geheimen Rat mit dem Prädikat Exzellenz ernannt worden.

A 1 o i s B u r g st a l l e r, der bekannte Waqnersänger, der seinerzeit bei den Festspielen in Bayreuth den Parsifal iang, dann aber abtrünnig wurde und, durch die Höhe der Gage verblendet, die ihm Lonried bot, in dieser Partie in der Metropolitan-Oper in New-York anftrat, ist reumütig nach Bayreuth zuruckgekehrt und in der Villa Wahnfried empfangen worden. Wie verlautet, wurde Burgstaller für die nächstjährigen Festspiele als Parsifal verpflichtet, und zwar unter der Voraussetzung, daß er diese Partie in Amerika nicht mehr singt. Auf die Etitwicklung der Dinge darf man um so gespannter sein, als kaum anzunehmen sein durste, daß Lonried auf sein Recht, den Sanger in der fraglichen Partie austreten zu lassen, verzichten wird.

Das Abenteuer des Komponisten. Hans Pfitz- ner, der Komponist derRose im Liebesgarten" hat mit einem Liederabend im Hotel Disch in Köln großes Unglück gehabt; nicht eine einzige ffJarte war verkauft. Um nicht vor lauter Zatm-

tourben; jetzt find gemäßigtere Elemente am Ruder und wenn die Christlich-Sozialen, wie sie mehrfach verheißen haben, den Wünschen der deutschen Parteien zum Siege verhelfen wollen, so ist unter diesen Umständen eine Er­füllung weit eher zu erzielen. Ueberdies ist bekannt, daß der Th.onsolger Erzherzog Franz Ferdinand politisch einen ähnlichen Standpunkt beruht, und man geht vielleicht nicht fehl, anzunehmen, daß er an die,er Wendung der Dinge nicht gänzlich unbeteiligt ist.

Das ist ein wichtiger Ausblick für die Zukunft und es steht wohl außer Frage, daß die innere Politik Oesterreichs auf lange Jahre hinaus sich in diesen Bahnen bewegen wird. Ob sie zum Heile des Staates sein wird, dürfte der Verlauf der Dinge ja zeigen, jedenfalls aber liegt äugen«* blicklich kein Grund vor, allzu schwarz in die Zukunft zu sehen, da die neue Richtung fraglos der vorherrschenden Volkssftmmung entspricht.

Liberale Einigung in Darmstadt.

Aus der Landeshauptstadt wird uns ge­schrieben:

Endlich ist auch in unserer Stadt, die durch ihre Uneinig­keit im Lager des Liberalismus in der letzten Zeit selbst im Reiche oft genannt wurde, ein Schritt weiter zur Einigung des Liberalismus getan worden. N a t i o n a 1 l i b e r a l e unb Freisinnige stellten für die am 19. d. Mts. stattfindende Stadtverordnetenwahl einen gemeinsa men Zet- t e l auf, der Namen aus allen hier vorhandenen Parteilagern enthält. So wurde an die Stelle eines auf seine Wiederwahl verzichtenden Zentrums mannes wieder ein solcher genom­men ; die Namen des aussck-eidenden Deutsch-Reformers, sowie des ebenfalls ausichewenden Sozialdemokraten er­scheinen, well sich diese Herren in ihrem städtischen Amte als lüajtig erwnsen, ebenfalls auf dem gememiamen Zettel. Deutsch- Reformer und Zentrum bringen keine eigene Kandidatenliste. Die Sozialdemokratie scheint völlig getrennt zu marschieren. Es läßt sich aber die Annahme nicht von der Hand weisen, daß in letzter Stunde von dieser Partei wohl oder übel auch bürger­liche Kandidaten auf den Schild erhoben werden. Sind doch diesmal 21 Stadtverordnete zu wählen und ob die Sozialdemo­kratie imstande ist, aus ihren eigenen Reihen eine solche Anzahl einigermaßen Aussicht auf Erfolg bietende Männer aufzustellen, muß fraglich erscheinen. Nicht vergessen sei zu erwähnen, daß noch ein dritter Zettel zusammengestellt ist. Dies ist der der vereinigten Bezirksvereine. Zwar stimmt dieser in vielen Namen mit devi liberalen überein, trotzdem ist es als sehr bedauerlich zu bezeichnen, daß man von dieser Selle auf ein gesondertes Vorgehen Gewicht legen zu müssen geglaubt hat.

Dekanatssynode des Dekanats Gießen.

Gießen, 13. November 1907.

Tie Synode des Dekanats Gießen wurde heute früh 9 Uhr durch einen Gottesdienst im Gemeindesaal der Johannes- kirche, bei dem Pfarrer Schult e-Großenlinden über 2. Tim. 2, V. 15 predigte, eingeleitet. Die Verhandlungen eröffnete der Vorsitzende, Dekan Strack, durch eine kurze Begrüßungs­ansprache, in der auch in der üblichen Weise der im letzten Jahre verstorbenen Mitglieder gedacht wurde. Die erforderlich gewesene Wahlprüfung wur^e eiiijiiinmig genehmigt. Der hier­nach verlesene Bescheid des Großh. O^rkonsistoriums auf die Beschlüsse der vorjährigen Synode lautet zustimmend. Der den Mitgliederir bereits im Druck zugegangene Bericht des Deka- natsausfchusses gibt zu Bemerkungen kecne Veranlassung. Aus ihm sei hervorgehoben, daß der religiös-sittliche Zustand der Gemeinden im allgemeinen befriedigend ist, wenn auch speziell über die zunehmende Verwilderung der Jugend von allen Seiten geklagt wird, der leider die Schwachhell und christliche Unent­schiedenheit der Eltern Vorschub leisten. Die im Dekanat be­stehenden gemischten Ehen haben meist evangel. Kindererziehung. Ter Besuch der kirchl. Katechismuslehre leidet unter dem Besuch der Sonntags-Geweroeschulen. Tie Freude über den fleißigen

gälten musizieren zu müssen, sagte Pfitzner schleunigst ab. ^Er versuchte, als einsamer Gast im hell. erleuchteten Saal zu speisen, wurde hinauskomplimentiert und gibt jetzt in denMünchener Neuesten Nachrichten" einen launigen Bänkelsang. Die letzten Strophen seien hier mitgeteilt:

Twtz Rellame, Bildern und Affichen Und Notizen in dem Zeitungsblatt, Könnt' er keinen Mensch in Köln erwischen, Der drei Mark für das Konzert gegeben hat.

Von zwei Freunden, die in Körten leben, Er sowohl als sie verhindert war; Otw war an diesem Abend g'rad vergeben, Paula hatte einen Halskatarrh.

D'rum, o Jüngling, merk dir diese Lehre; Komme nie in Kunst nach Köln gereist. Außer, wenn du stammst von einem Millionäre, Oder du etwa Puccini heißt.

Die Geschichte endete noch heiter. Wenn auch anders, als zuerst gedacht; Ter Bassist, der reiste schleunig weiter. Der Vertoner speiste noch zu Nacht.

Und er sagte schmunzelnd sich im stillen: Nächstes Mal, da bin ich nicht so dumm. Und ganz Köln wird mir den Saal erfüllen. Wenn ich mache folgendes Progromm: Ich fungiere als Klavierbegleller, Spiele Lieder von der Olga Molitor, Mörder Hau dreht mir die Blätter weiter, Und Graf Kuno M o 1 t k e trägt die Lieder vor."

Kleine Kunstchronik. Die epische Urform des Ibsen- scheuBrand", die Fragment geblieben ist, wird jetzt in der deutschen Nachdickstung von Ludwig Fulda veröffentlicht werden. Sie erscheint im Dezemberhest derNeuen Rundschau". . Kathi Frank, die frühere Frankfurter Heroine, ist aber­mals in großer Notlage. Ter Bürgermeister Dr. Lueger in Wien ließ ihr eine Unterstützung von 400 Kronen anwcifen. Tas traurige Schicksal der Künstlerin hat schon vor ein paar Jahren die Oefsentlichkeit beschäftigt; auch damals ist für sic aesannnelt worden. Ihr Fall ist nicht so tragisch wie der ihrer Frankfurter Kollegin Fanny Janaufcher, die gelähmt im St. Arary-Hospital zu Vroollyn lag. Aber er bestätigt aufs neue die alte Geschichte vomKvmödiantcnelend". Kathi Frank, eigent­lich Frankl, bekam Unterrichts von Strakosch, war Laubes erste Schauspielerin am Wiener Ätadttheater und schied aus dem Burgtheater nach einem Jahre wieder aus. Sie war dann in Hamburg, Riga, Stuttgart und Frankfurt a. M. engagiert Zuletzt versuchte sie sich als Saisongajt in Newyork; aber dies war bereits der Niedergang. Ter sehr verdienstvolle lang­jährige ehemalige Direktor des Goethe-lstativnalmuseums Dr. Karl R u l a n d in Weimar ist 74 Jahre all v e r st o r b e n. Ev war geb. 183-1 zu Frankfurt a. M.