Ausgabe 
1.5.1907 Drittes Blatt
 
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tote fie rmlängst auf der linken Seite des 'Haukes geäußert wor- jden find. Die Kirchenpoliti! Frankreichs beklage ich. Wenn uh mich aber auch mit der offiziellen Politik Frankreichs nach innen nicht einverstanden erklären kann, so hindert mich das nicht, einer friedlichen nnd freundlichen Verständigung zwischen den beiden Nationen das Wort zu reden. (Beifall.)

Nun ein Wort über die aufgeworfene Abrüstungs­frage. Ich meine, daß es fich hier eigentlich von vornherein um ein ganz falsch gestelltes Problem handle. An eine Abrüstung zur Anbahnung des ewigen Friedens denkt ja auch unter den proponic- renden Mächten keine einzige. Wir haben ja gehört, daß Präsident Roosevelt in der letzten Jahresbotschaft von 1906 gesagt hat, daß es verbrecherisch sei, wenn ein Volk sich nicht im Frieden für den Krreg rüste, und wir haben auch neulich wieder in demselben Sinne von ihm gehört: das beste Mittel zur Erhaltung des Friedens ist die Vorbereitung zum Kriege. In ähnlichem Sinne hat man sich vcr kurzem in England geäußert. Also an eine volle Abrüstung im eigentlichen Sinne denkt niemand. Wenn man aber nicht an die volle Abrüstung denkt, dann ergeben sich von vornherein in der gan­zen Frage sofort die größten Schwierigkeiten. Wo soll denn der ge­meinsame Maßstab gefunden werden, an dem sich die Abrüstung für die verschiedenen Völker bemessen läßt. (Sehr richtig!) Einen solchen Maßstab kann man nur finden, wenn man die besonderen Verhältnisse und Bedürfnisse der einzelnen Länder mit in Betracht zieht. Aber es bedarf doch nur eines ganz kurzen Blickes auf die verschiedenen hier in Betracht kommenden Länder, um die ganzen unlösbaren Schwierigkeiten herausfinden zu lasten. Denken wir an die ganz eigenartige Stellung der Vereinigten Staaten im nord­amerikanischen Kontinent, im Osten und Westen vom Meere be­grenzt, im Norden an Kanada anstoßend, dort ist nicht einmal eine erhebliche Armee vorhanden; oder denken wir an England auf sei­ner, wie gesagt wurde, Jnselburg, wo seit Jahrhunderten der Fuß eines Eroberers nicht mehr gesehen worden ist und vergleichen Sie die Lage Deutschlands in der Mitte Europas, an acht fremde Staaten angrenzend. Oder denken wir an die Lage Rußlands, das sich über zwei Kontinente ausdehnt und mit schwierigen Verhält­nissen zu ringen hat. Oder denken wir an Oesterreich-Ungarn, das inimer noch vom Balkan Gefahren aufstcigen sieht. Welche Ab- rüftungen soll man denn gerechtcrweise den ganz verschiedenen Na­tionen nach ihren Bedürfnissen und Verhältnissen zumuten? Es ist gar nicht möglich, hier einen gerechten, einen billigen, einen ver­nünftigen Maßstab zu finden. (Sehr richtig!) Ich halte die Ab- rüstungsftage im besten Falle für eine akademische Doktor­frage. (Lebhafter Beifall.) Ich bin der Meinung, daß dem europäischen Frieden sehr gedient sein würde, wenn diese Frage auf Jahnzehnte von der Tagesordnung gänzlich verschwinden würde. (Laute Bravo!-Rufe.) Wenn auf der Friedenskonferenz von den verschiedenen Mächen die Abrüstungsfrage diskutiert werden wird, wird Deutschland das auch nicht hindern können; aber ich bin der Meinung, daß man deutscherseits sich am besten an der Diskussion dieser Frage da nicht beteiligen sollte. (Lebhafter Beifall im gan­zen Hause.) Mögen die anderen Nationen sie diskutieren, sie wer­den alsdann finden, daß die sich hier ergebenden Schwierigkeiten gar nicht lösbar sind. Es wird sich zeigen, daß, wenn da oder dort eine Verständigung gefunden werden sollte, das eine bloße Schein- Verständigung ist. (Sehr richtig!) Es wird sich zeigen, daß, wenn etwa Beschlüsse gefaßt werden sollten, diese Beschlüsse wegen Un­durchführbarkeit auf dem Papier stehen bleiben. Ich glaube, bei der zweifellos friedlichen Gesinnung Deutschlands wird es die ver­ständigste Politik sein, die Behandlung dieser akademischen Frage denen zu überlassen, die daran Gefallen haben, unsererseits sich aber nicht daran zu beteiligen. (Beifall.)

Ich komme zum Schluß. Meine Darlegungen haben vielleicht zum Teil nicht dem entsprochen, was neuerdings in der deutschen Presse zum Ausdruck gebracht worden ist. Ich nehme an, daß das durch andere Redner noch geschehen wird. Aber ich glaube, in zwei Punkten sind wir in diesem Hause alle einig. Wir wollen eine ruhige, konsequente, friedliche Politik. (Sehr wahr! Beifall.) Aber wir wollen dabei den Schein vermieden sehen, als ob wir uns dabei von einem Gefühl der Schwäche leiten lassen. (Sehr gut! Lebhafter Beifall.) Wir wissen, daß wir dazu keinen Grund haben (Sehr richtig!), und wir haben neuer- dings aus den Worten des Herrn Kriegsministers die Versicherung bekommen, daß wir dasjenige besitzen, was der Präsident Roosevelt als das beste Mittel zur Erhaltung des Friedens bezeichnet hat. (Beifall.) Und zum zweiten meine ich, wenn sich um uns herum Freundschaften bilden, an denen wir nicht beteiligt finb, so wollen wir das aufmerksam, wachsam, aber ohne Empfindsamkeit beob­achten. (Zustimmung.) Aber wir wollen auch nicht den Schein aufkommen lasten, als ob es keinen Wert hätte, die Freundschaft des mächtigen Deutschen Reiches zu besitzen. (Allseitiger lebhafter Bei­fall. Fürst Bülow nickt zustimmend.)

Abg. Winckler (kons.):

Es freut mich, daß ich hier im Auftrage meiner politischen Freunde sprechen kann. Die Rede des Abg. Frhrn. v. Hertling bestärkt mich in der festen Zuversicht, daß die heutigen Verhand­lungen ein großes Maß von Einigung in der Frage der auswärti­gen Beziehungen zeigen werden. Ich kann mit Freuden an die letzten Worte des Abg. Frhrn. v. Hertling anknüpfen.

Zunächst habe ich zu sagen, ebenso wie es der Frhr. v. Hertling getan hat, daß auch meine politischen Freunde dem Reichskanzler dankbar sein würden, wenn er uns beute Auskunft geben wollte über die auswärtigen Beziehungen des Reiches und die inter­nationale Lage. Ich würde mich freuen, wenn diese Aufklärungen, die der Reichskanzler geben kann, denselben optimistischen Grund­zug zeigen werden, von dem die Worte des Vorredners getragen waren, die das Vertrauen in die Aufrechterhaltung des Friedens stärken werden. Ich will weder optimistisch, noch pessimistisch sprechen, aber ich glaube wohl sagen zu können, daß der E r n st der Situation uns vollkommen vor Augen steht und daß die ganze Lage doch wohl geeignet ist, uns auf die Worte der Thronrede von 1905 zurückzuführen, wo auch die Rede davon war, daß Deutschlands Absichten verkannt werden. Auch jetzt stoßen wir überall auf Verkennung von Deutschlands Absichten. Herr v. Hertling sprach von einer vcrhällnismäßig freundlichen Be­merkung aus Amerika; ich habe sie nicht so sehr freundlich ge­sunden, im Gegenteil, sie ist mir so recht ein Beweis gewesen für die Verkennung deutschen Wesens und deutscher Sinnesart. Wenn gesagt worden ist, der deutsche Kaiser möge sich doch auf die Höhe seiner Pflichten besinnen, daß der Krieg aus der Welt verschwinde eine wunderbare Auffassung, als wenn lediglich der Wille des Kaisers maßgebend wäre, und hinter ihm ein geknechtetes Volk stände, und als wenn Deutschland allein Schuld daran wäre, wenn nicht der Friede der Welt gesichert sei. Ein deutscher Mann, Pro- festor Münsterberg, hat da Carnegie die rechte Antwort gegeben, daß Deutschland durchaus nicht unter seiner Militärlast seufze, weder ideell noch materiell; und wenn Herr Carnegie ihm darauf erwiderte, er wolle einen deutschen Professor nicht vom Gegenteil belehren, so erkläre ich: das, was Prof. Münsterberg ausgeführt hat, war nicht die Ansicht eines deutschen Profestors, sondern die deutsche Auffassung. (Lebhafter Beifall rechts.)

Ich möchte hier auf der Tribüne des Reichstages dem Mann danken, der als Deutscher so in Amerika gesprochen hat. Die Worte, die Roosevelt vor einigen Tagen gesprochen hat, die als ein rocher de bronzc gelten und als ein feststehender Grundsatz hingestellt werden, daß die beste und sicherste Art, einen Krieg zu vermeiden, die sei, vorbereitet zu sein, diese Worte haben auch für uns Bedeutung. Im Auftrage meiner politischen Freunde möchte ich gerade aus unserer heutigen Sitzung heraus dem preußischen K r i e g s m i n i st e r danken für die schlichten und in ihrer Schlichtheit swlzen Worte, die er heute vor acht Tagen in diesem «aale gesprochen hat. Es waren Worte ohne Ruhmredigkeit, schlichte Worte, wie wir sie von unserem Kriegsminister zu hören gewohnt sind. Wir haben von ihm ge­hört, daß unsere Armee schlagfertig ist. Wir haben mit Freuden gehört, daß die Heeresverwaltung selbst die Armee als

"ein Friedensinftitut betrachtet. Wir freiten uns, von ihm bte An­erkennung gehört zu haben, daß der Reichstag der Heeresver­waltung alles bewilligt hat, was sie von ihm verlangt hat zur Ver­vollkommnung der Bewaffnung der Armee. Wenn wir noch ein­mal auf diese Worte des Kricgsministers zurückkommen, so hat das eine doppelte Bedeutung. Es ist nicht nur die Bedeutung eines Rückblicks in die Vergangenheit, sondern auch die Bedeutung eines Ausblicks in die Zukunft. (Hört! Hört!) Auch in Zu­kunft soll unser Kriegsminister so sprechen können; dafür werden wir sorgen. (Beifall rechts.) Lassen Sie mich in diesem Zu­sammenhänge noch einmal an das Wort des Generalfeldmarschalls Moltke erinnern, das dem Auslande klar macht, zu welchem Zwecke wir unsere Rüstung haben. Er sagte: Was wir in einem halben Jahrhundert erworben haben cs war nach dem Kriege von 1870 bis 1871, das werden wir ein halbes Jahrhundert hindurch zu verteidigen haben. Von dem halben Jahrhundert sind 36 Jahre verflossen. 36 Jahre hat unser Volk bewiesen, daß es seine Rüstung auftecht erhält, um zu verteidigen das, Ivas es erworben hat. Man sollte mit der Tatsache mehr rechnen, als es tatsächlich geschehen ist. Wir haben neulich in einem beachtenswerten Ar­tikel eines Berliner Blattes gelesen, daß eine Fülle freundlicher Gefühle für Deutschland allerorten in der Welt vorhanden sei. In der auswärtigen Presse ist auch auf diesen Artikel hingewiesen worden. Er knüpfte an an die bevorstehenden internationalen Verhandlungen und die Abrüstungsfrage. Diese Abrüstungsfrage ist in den letzten Monaten in den Vordergrund der politischen Erörtetungen getreten. Man hat von der Behandlung dieser Frage sogar eine Verschiebung der Gruppierungen erwartet. Ob diese Verhandlungen dazu wirklich führen werden, werden wir ab- warten, und wenn sie ein Prüfstein werden sollten der bisherigen Gruppierung, so soll es uns auch recht sein. Wir wollen gern hell sehen, und das, was wir wollen, kann das helle Licht vertragen. Die russische Regierung hat zuerst diese Frage zur Behandlung vorgeschlagen. Jetzt geben die Bestrebungen der russischen Re­gierung darauf hinaus, die Humanisierung des Land­krieges auf den Seekrieg zu übertragen. Es wäre erfteulich, wenn das erreicht werden könnte, waS ein halbes Jahr­hundert vorher auf der Seerechtskonferenz in Paris im Jahre 1856 nicht erreicht worden ist. Damals brachten die Vereinigten Staaten von Amerika den Antrag ein, daß Privateigentum nicht als Kontrebande zu betrachten sei. Wenn wir die letzten Jahre überblicken, so finden wir, daß sich der Landkrieg immer humaner gestaltet hat, daß aber der Seekrieg immer inhumaner geworden ist. Das hat der Burenkrieg und der russisch-japanische Krieg gezeigt. Ein Seekrieg ist jetzt geradezu ein Weltkrieg, bei dem ganz andere Faktoren beeinflußt werden, als bei einem Landkriege. Wir haben in dem letzten Kriege selbst peinliche Erfahrungen in dieser Beziehung gemacht.

Wir können nur wünschen und hoffen, daß diese Bestre­bungen der russischen Regierung Erfolg haben. Wenn in dieser Beziehung die Konferenz Erfolg hat, so wäre damit der Sache der Humanität ein großer Dienst geleistet, den niemand lebhafter be­grüßen wird, als wir in Deutschland. Die Abrüstungsfrage stand nicht auf der von der russischen Regierung vorgeschlagenen Tages­ordnung, sie ist von englischer Seite auf die Tagesordnung ge­setzt. Da kann ich mich nur den Worten des Herrn v. Hertling anschließen. Bei unserer Ueberzeugung, daß das sicherste Mittel den Krieg zu vermeiden, die Schlagfertigkeit der Armee ist, können wir uns auf keine Verhandlungen einlassen, die geeignet sind, uns die freie Entschließung über den Grad unserer Rüstung zu nehmen. Wir wollen doch ruhig einmal abwarten, wie es dann aussehen wird, wenn der Zeitraum zu Ende fein wird, von dem Moltke sprach. Noch fehlen 14 Jahre an dem halben Jahrhundert. Wenn nach 14 Jahren die Welt sich ge­ändert haben sollte, wer weiß, wie dann auch wir zu dieser Frage Stellung nehmen werden. Vielleicht hat sich dann manches in der Welt geändert. Vielleicht hören wir dann von Tagesbefehlen französischer Kommandeure an unserer Grenze, die Friedfertig­keit atmen. Vielleicht ist dann auch eine Wandlung bei unseren Vettern jenseits des Kanals geschehen. Ich möchte bei dieser Frage au das edle Wort des Präsidenten Roosevelt erinnern, daß alle Völker die Fortschritte der anderen Völker als ihre eige­nen begrüßen sollten. Hat sich die Welt dann so gewandelt, bann werden wir darüber reden können. Zum Schluß möchte ich unse­rer Regierung ein ernstes Wort zurufen. Ein Zeitalter, wie es für unser Volk das Zeitalter Kaffer Wilhelms und beS Fürsten Bismarck gewesen ist, hinterläßt tiefe Spuren in seinem Denken, in seinem Fühlen, in seinem Wollen. Wie tief bic Spuren sein werben, das wird sich bann zeigen, wenn es heißen sollte: Das Vaterlanb ist in Gefahr. Unser Volk hat ein feines Gefühl für unsere nationale Ehre unb Würde, und das macht sich heute ganz besonders geltend. Mögen die Haager Fxiedensverhand- lungen von unseren Vertretern so geführt werden, wie es dem Empfinden unseres Volkes entspricht, das heißt in der Richtung einer ruhigen unb festen Ablehnung aller der Bestrebungen, welche barauf abzielen könnten, unserem Volke die freie Entschließung über bas Maß bet Rüstungen, die wir zur Wahrung unserer nationalen Machtstellung für richtig halten, aus der Hand zu winden. Wenn der Reichskanzler diesem Willen unseren Ver­tretern im Haag mitgeben wird, dann findet er bic Zustimmung ber übergroßen Mehrheit unseres Volkes unb seiner Vertretung hier im Hause. (Lebhafter Beifall.)

Abg. Bassermann (nat.):

Zunächst den Ausdruck des Bedauerns, daß in Bezug auf die auswärtige Politik wir in ber Hauptsache auf Zeitungsnachrichten angewiesen sind und daß uns das amtliche Material nur in sehr geringem Umfang zugänglich gemacht wird. Das bezieht sich z. B. auch auf die Verhandlungen der Haager Konferenz, die Rund­schreiben an die Mächte. Es wäre sehr wohl möglich, durch Weiß­bücher oder Blaubücher, wie bei anderen Nationen, das amtliche Material ober wenigstens eine Auswahl dem Reichstage zugänglich zu machen. Wir werden daher für die Resolution Hompesch stimmen.

Auf die marokkanische Frage will ich nicht eingehen. Wir begrüßen es, daß der Grundsatz der offenen Tür, ber ja da­mals in den Vordergrund gestellt wurde, nunmehr zum Teil in die Praxis übersetzt ist, daß deutsche wirtschaftliche Unternehmungen dort Boden finden und daß auch, wenn auch noch ab und zu Aus­drücke des Unwillens kommen, die Franzosen im großen unb ganzen Deutschland das Recht, wirtschaftliche Unternehmungen in Marokko zu entrieren, zugestehen. Ich hoffe, daß die verbündeten Regierungen in ber Lage sein werden, die Errungenschaften der Algeciras-Akte in dieser Richtung aufrecht zu erhalten. Meine politischen Freunde begrüßen es, daß unsere Beziehungen zu Amerika freundschafllicher geworden sind. Wir werden ja, ehe der Reichstag auseinandergeht, über das provisorische Handels­abkommen mit Amerika zu sprechen haben. Ich gebe aber der Hoffnung meiner sämtlichen politischen Freunde Ausdruck, daß an das Provisorium sich in nicht zu langer Zeit ein definitives Handelsabkommen anschließen möge; die Bestrebungen machen sich dahin ja auf amerikanischer Seite sehr intensiv geltend. Mögen sie auch bei den Vertretern der verbündeten Regierungen von Er­folg gekrönt fein. (Beifall.)

Auf dem Haager Kongreß wird die Frage der Unverletz­lichkeit des schwimmenden Privateigentums und die Frage ber Seern inen eine Rolle spielen. Bei aller Anerkennung ber hohen Bedeutung der privatwirtschaftlichen und humanitären Bestrebungen, die sich in diesem ganzen Seekriegs­recht mit Recht geltend machen, und bei allen Sympathien meiner politischen Freunde für bic Weiterentwickelung des Seekriegsrechts will ich doch das eine sagen: Sie müssen zurücktreten hinter natio­nalen Rücksichten und Rücksichten des Staates. Die deutschen Interessen weisen zwingend darauf hin, daß die Frage der Un­verletzlichkeit des Privateigentums zur See nur im Zusammenhang mit der Frage des Blockaderechtes gegenüber reinen Handelshäfen behandelt wird. (Lebhafte Zustimmung.) Dasselbe gilt bezüglich ber Frage der Seeminen. Sie sind ja im russisch-japanischen Kriege

zu ungeahnter Bedeutüng gekommen. Es ist das eine Waffe, bif im wesentlichen zum Schutze ber deutschen Küsten für uns eine! Rolle spielen wird, und darum kann sie nur aus dem Gesichts­punkte des nationalen Interesses bcs Schutzes unserer Küsten be­handelt werden. (Sehr wahr!) ...

Seit der letzten Besprechung der auswärtigen Politik int November ist eine gewisse S p a n n u n g unserer: internationalen Politik weiterhin zu verzeichnen. Der Beweis ergibt sich ohne weiteres aus einem Blick in die Presse, man kann wohl sagen, nahezu aller Länder, und bei uns in Deutschland aller Parteien. Daß die Lage gespannt geworden ist, kann man auch entnehmen aus den Darlegungen des Abg. Bebel vom 24. April 1907, ber sich dahin ausgesprochen hat, daß im gegenwärtigen Augenblick ber politische Himmel nichts weniger als unbewölkt erscheine. Ich kann mich ber, wenn auch nicht optimisti­schen, so doch leidlich optimistischen Schilderung ber Lage des Frhrn. v. Hertling für meine Person und für meine Partei nicht anschließen. Daß die (Spannung zugenommen hat, scheint mir auch aus einem letzthin erschienenen hochoffiziösen Artikel der Norddeutschen Allgem. Zeitung" hervorzugehen. Auch ich möchte Hinweisen auf die Verhandlungen beim Etat des Kriegs­ministeriums, auf die Darlegungen des Äriegsministers in feiner außerordentlich friedlichen Rede, in ber aber doch zu unserer Freude konstatiert ist, daß der Reichstag der Negierung alles ge­geben hat, was notwendig war, um unsere Kriegsfertigkeit aufrcdir zu erhalten, daß unsere Armee triegsfertig ist unb baß es fein stetes Bestreben sein wird, sie stets kriegsfertig zu erhalten. Es sind Aeußerungen, die im Auslände gehört zu werden verdienen unb bic auch im Auslaube gehört worden sind. Ich möchte auch an die Ausführungen des Abgeordneten Noske am 25. April dieses Jahres erinnern, wobei hervorgehoben wurde, daß bereits Bebel erklärt habe, daß selbstverständlich die Sozialdemokratie die Flinte auf bic Schulter nehmen würbe, um Deutschland im Falle eines Angriffskrieges zu verteidigen. Er erklärte:in der Beurteilung von Angriffskriegen stimmen wir mit Ihnen überein." Das sind Bemerkungen, bic im Auslanbe gehört worden sind, die auch von ber ausländischen Presse aufgegriffen worben sind, und die hier und dort im Auslande bic Illusion zerstört haben, als hätten wir im Kriegsfälle zunächst innere Unruhen zu regeln.

Im Vorbergrund ber politischen Situation steht heute die Haager griebcnSEouferen3. Die erste Fricbenskon- ferenz hat ben Friedensfreunden und uns allen eine gewisse Ent­täuschung gebracht, aber es waren ja auch überschwengliche Hoff­nungen damals an das Manifest des Zaren geknüpft worden unb an die daran anschließenden Verhandlungen der Mächte. Aber auf die Haager Friedenskonferenz folgte der Burenkrieg, und ber russisch-japanische Krieg. Der Erfolg für England war ja durch­aus erfreulich. Sein maßgebender Einfluß in Afrika war durch­aus gesichert. Mit Rußland war es anders. Die russische Flotte blieb auf dem Platze, und das Prestige der russischen Landarmee wurde zerstört. So haben diejenigen Recht behalten, und zu ihnen gehört auch die Sozialdemokratie, die von Anfang an behauptet haben, daß durch Friedenskonferenzen die Kriege nicht aus der Welt geschafft werden können. DerVorwärts" hat seiner Zeit geschrieben: Die Interessengegensätze ber Nationen haben sich so wenig wie die Klassengegensätze vermindert, sondern verstärkt. Und ähnliche Bemerkungen hat auch neulich der Abg. Noske hier gemacht, als er ausführte, daß die wirtschaftlichen Gegensätze ber Nationen mit der Zeit so stark werben, daß kein einzelner Staat allein an bic Abrüstung denken könne. Es scheint notwendig, ge­rade angesichts der Haltung der Auslanbspresscn, über diese Dinge hier unumwunden zu sprechen. Es herrscht jetzt das Gefühl einer dauernden Unbehaglichkeit. Wir können nun aner- nnen, daß, wenn England die Abrüstungsfrage auf die Tages­ordnung der Haager Konferenz gesetzt hat, dafür in erster Linie Rücksichten der inneren englischen Politik maßgebend waren- In den Wahlkämpfen, die zur Berufung eines liberalen Mini­steriums geführt haben, hat die Abrüstungsfrage eine große Rolle gespielt. Eine starke Strömung war dafür, internationale Schiedsgerichte einzurichten für die Schlichtung internationaler Konflikte auf friedlichem Wege für die Minderung der Rüstungs- kosten. Man sprach davon, daß die kriegerische Haltung der Mächte zum Fluch für die Völker werde. Diesen Rücksichten mag Rechnung getragen sein, als die englische Regierung die Ab­rüstungsfrage in den Vordergrund schob. Für uns sind diese Rücksichten aber nicht maßgebend, wir haben die Frage aus unseren Bedürfnissen heraus zu prüfen. Abg. Frhr. v. Hertling hat schon darauf hingewiesen, daß die Frage an und für sich eine unlösbare sei, daß bei vielen Staaten die wirtschaftlichen Interessen, die Handelsinteressen, die kolonialen Fragen, hineinspielen und sie zwingen, das Maß ihrer Rüstungen zu erweitern, daß Insel­staaten andere Interessen haben als Kontinentalstaatcn und der­gleichen mehr. Diese Darlegungen des Frhrn. v. Hertling haben auch in ber Auslandspresse Berücksichtigung gefunden, und man hat vielfach den Abrüstungsplan als unausführbar, als den Inter­essen ber Staaten wibersprechenb bezeichnet. In betWiener Neuen Presse" wurde ausgeführt: Es sei ein sonderbarer Wider­spruch, daß in demselben Augenblick, wo die englische Diplomatie ein ganzes Netz von Alliancen unb Ententen flechte, von ber eng­lischen Regierung ein Abrüstungsantrag borbereitet werbe. Wenn Englanb bic Abrüstung wolle, warum rufe es ben Ein­druck hervor, als gehe seine Politik darauf aus, Deutschland zu demütigen ober gar zu überfallen? Daburch luerbc eine schwüle Stimmung erzeugt, Deutschland» habe jebensalls allen Grunb zur höchsten Vorsicht. Auch bic amerikanische Presse hat sich in bic- sein Sinne geäußert. In der Newyorker Staatszeitung las ich: Die Notwenbigkeit einer starken Flotte ist für Amerika durch die Verwicklungen mit Japan erweisen; Amerika wird sich darin durch England keine Vorschriften machen lassen. Es wäre von Inter­esse, was Frhr. v. Hertling heute angebeutet hat: Daß ber deutsche Einfluß in Konstantinopel in den letzten Monaten ebr gesunken als gestiegen sei. (Hört!) Man kann sagen, es geht durch bic verschiedensten Zeitungen die Grundanschauung, daß die ganze Erörterung der Abrüstungsfrage den Zündstoff vermehrt hat.

Den Standpunkt meiner Freunde kann ich kurz dahin präzisieren: Wir sind ber Meinung, daß Deutschlanb das Maß seiner Rüstungen zu bestimmen haben muß, einmal nut Rück« sicht auf unsere geographische Lage, bann mir Rücksicht auf die Wertschätzung, die wir unseren Bündnissen angedechen lassen, jeden- falls aber in ber Ueberzeugung, baß es die vitalsten Interessen Deutschlands sind, um die es sich hier handelt, so daß toir uns nicht daraus c i r. I a f f c n können, durch eine Konferenz unsere Rüstungen uns beschränken zu l a s s e ,i. (Lebh. Zustimmung.) Die Abrüstungsfrage hat schon an fich zweifellos die Spannung vermehrt. Sobald ein Schiedsgericht berufen ist, über vitale Interessen einer Nation zu entscheiden oder auch nur zu be­raten, bann wirb es das haben die Tatsachen, das hat die Ent- Wickelung dieser Monate gezeigt nicht friedlich wirken, sondern die Situation verschärfen. Wird nun die Abrüstungsfrage einer Großmacht gegenüber behandelt, wie sie Deutschland ist, wo man weiß, daß die Lebensinteressen dieser Macht jeoe Diskussion über das Maß einer Abrüstung ausschließen, bann wird eben der Ver­dacht erweckt, als ob es sich darum handelt, Deutschland als einen Störenfried zu bezeichnen. Das ist ja zum Teil auch ganz offen in der englischen Presse unb in anderen Pressen ausgesprochen worden, auch in unserer sozialdemokratischen Presse. Ter frühere Reichstagskandidar Braun sagt in feiner ZeitschriftDie neue Gesellschaft" von der Haager Konferenz, diese biete nur eine ausge­zeichnete Handhabe für diplomatische Jntriguen aller Art, und ganz ähnliche Aeußerungen finden wir in einem unlängst erschienenen Buche, worin es beißt, daß das ganze Vorgehen nur den Zweck habe, Deutschlands Politik in den Äugen Europas zu diskreditieren. Diese Aeußerungen haben natürlich auch ihren Widerhall gefunden in der französischen Presse. Für uns ist die Situation vielleicht darum um so unbehaglicher, als wir mit den Erfahrungen von Al­geciras zu rechneii haben, mit der dort tatsächlich hervorgetretenen Isolierung Deutschlands abgesehen von Oesterreich,

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