Ausgabe 
16.9.1907 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 317

Zweites BSatt

H57. Jahrgang

Erscheint tügttch mit Ausnahme deS SonniIgS.

t

General-Anzeiger für Gberheßen

za

ir

Ä

3

7. Parteitag

der

t

i

von der

t, e

5

n

4

t v v j

Unter Beteiligung vormittag im Saal

*

Redaktion, Expedition und Druckerei! Schul- strotze 7. Expedition und Verlag: e^6L Redaktiow. 112, Tel.-Adra AnzeigerGießen.

Tanger, 15. Sept. (W. B.) Wie ans Fez gemeldet . 'ird, trat Sultan Abdul Aziz am 12. September, nach- littags die Reise nach Rabat an.

Montag 16. September 1907

Rotationsdruck und Verlag der DrÜhl'schen UniversitätS - Bilch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

DeriSsches Nelch.

Köln, 15. Sept. DieKöln. Ztg." erfährt aus bester Quelle, daß das Berein s g e^setz alsbald nach dem Zu-

teils längere durchweg freundliche Besprechungen, teilweise mit dem Bild von mir und meiner jungen Frau brachten. Ich sage für alles das meinen verbindlichsten Dank und möchte nur in zwei Richtungen eine Art von Berichtigung beifügen: 1. In einigen Zeitungsberichten zu meinem 75. Geburtstag findet sich die Bemerkung, ich habe wenige Wochen zuvor meine Frau ver­loren. Man konnte es deshalb nicht gut verstehen, daß kurz daraus die Nachricht von meiner Verlobung in die Oeffentlichkeit kam. Meine Frau war schon, am 5. Februar gestorben, also hätte es stattWochen"Monate" heißen sollen. 2. In vielen der Mitteilungen über meine Vermählmrg blickt die Ansicht drrrch, mein Schritt sei der Ausstuß eines ungewöhnlichen Gesundheits­gefühls, während gerade das Gegentest richtig ist. Nach dem Tode meiner Frau brach, wie so häufig bei langen und engen ehelichen Verhältnissen, die Heimwehkrankheit in einer für meine Gesundheit bedrohlichen Weise aus, und wenn ich. mich jetzt wieder einer kräftigen Gesundheit erfreue, so verdanke ich es dem Schritt, den ich mit richtigem Instinkt getan habe. lieber die Heimweht'rankheit, die bei Menschen und Tieren vorkommt, werde ich mich in einer späteren Nummer Monats­blattes ausführlicher äußern, da es sich um eine bis zum Tod führende Krankheit handelt, über die die medizinischen Fachschriften nichts zu berichten wissen. Jäger."

DieSiebener Zamlllendlatter" werden dem .Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das Xretsblatt für den Kreis Hießen" zweimal wöchentlich. Derhessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Kie oUgc in KlarotUio.

Die Nachrichten aus Marokko lauten höchst widerspruchsvoll und die Kommentare sind noch unklarer. ; Die Marokkaner haben um Waffenstillstand nachge­sucht, der ihnen von Drude bewilligt ist. Aber während llnige Blätter mit dem Sturm auf Laddert den Erfolg schon mtjcksteden und die Expedition beendet glauben, meinen i andere, daß weitere Vorstöße ins Innere und die Entsen- Dung neuer Verstärkungen nötig wären, um den Respekt vor Frankreich endgültig zu befestigen. Auch über beide Sultane ist man sich nicht einig. Nach den Berichten aer meisten Korrespondenten hat im Augenblick Abdul ?t[id mehr LH an een, die Herrschaft zu behaupten. Andere * Zlätter aber, darunter die zuverlässig bediente Petit Repu- alique erzählen, daß Nttrley Hafid in aller Stille seine Macht befestige und daß seine Verhandlungen mit den uropäischen Dtächten fortdauern. Sicher erscheint, daß trotz aller Bestätigungen völligen Einverständnisses Spanien nehr als Frankreich zu Abdul Asis hält und oder Erweiterung der militärischen Initiative in Marokko -assiven Widerstand entgegensetzt.

Berlin, 14. Sept. Die Nachricht, daß die Fran- svsen in Udschda Truppeumassen sammeln, um von : )ier aus offensiv gegen Marokko vorzugehen, wird auch in hiesigen unterrichteten Stellen als u n w a h r s ch e i n - ich bezeichnet, denn ein solches »Vorgehen würde in di- I :ektem Widerspruch mit allen bisherigen Erklärungen der ranzösischen Regierung stehen, wie ja auch die Algeeiras- ülle diese Aktion vollkommen ausschließt, denn sie besagt > ediglich, daß Frankreich im Verein mit Spanien an den Menplätzen von Marokko eine internationale Polizei ein- iUrichten hat.

Algier, 14. Sept. Das Gerücht, daß in Udschda ine starke, für Marokko bestimmte Truppenabteilung bereit gestellt würde, entbehrt jeder Begründung.

Paris, 15. Sept. Ein Telegramm des Admirals shilibert meldet: Ben Ghari mit seinem Gefolge befindet ich auf dem Wege nach Tanger. Die politische Situation ft unverändert; an der Küste Herrs cht überall Ruhe.

Eine Meldung der Agenee Havas aus Tanger be- tätigt, daß der Gesandte Regnautt an Bord des Kreuzers Forbin" nach Casablanca unterwegs ist. Wie weiter ge- rieldet wird, haben die Abordnungen der Stämme den 11)11)111 Matperthuh gebeten, Bevollmächtigte zu empfangen, ie gestern vor ihm erscheinen sollten. Der scherifische 1 . Minister hat es übernommen, binnen kurzem die nach er Algeciras alle für Tanger vorgesehene Polizei zu rganisieren.

Wie General Drude heute meldet, befinden sich ur noch drei kleine Abteilungen Marokkaner in der Um- ! ebung von Casablanca, und zwar in einer Entfernung ; on 20 bis 25 Kilometer von der Stadt Zenata. S-ie haben n General Drude Boten geschickt mit der Bitte um Wer- ängerung des Waffenstillstandes, damit die Regierten aller Stämme Zeit haben, bei Drude einzu- rcffen oder sich vertreten zu lassen. General Drude wil- igte in die Verlängerung des Waffenstillstandes bis heute rlltag ein. Es b e st ä t i g t s i ch, daß die meisten Stämme .m Frieden bitten.

Aus Casablanca wird unterm 14. Sept, gemeldet: -ie Lage ist andauernd ruhig. Die Mahallas von | icerschich und Titt Mellil lagern jetzt außerhalb der Trag­weite der Geschütze. Seit gestern wird die Rückkehr einiger Marokkaner gemeldet, die sich um Sidi Mumen zu sammeln cheinen. Einige maurische Familien hatten gebeten, nach ^afablanca zurückkehren zu dürfen; sie sind gestern ein» - cetrofsen und heute, nachdem ein .Verhör mit ihnen an- .eftellt worden war, in die Stadt eingelassen worden.

Nach einer Meldung aus Casablanca stattete der Gouverneur Muley Lamin General Drude gestern nach- littag einen Höflichkeitsbesuch ab. Jem Laufe des Gesprächs sagte Drude, er wolle den Frieden wiederher- ellen und bedauere, daß er sich dazu habe der Kanonen edienen müssen. Der Gouverneur erwiderte, er habe dem ' wltan und Mohamed el Torres von der erfolgreichen mtcrvention der französischen Armee Mitteilung gemacht, er Besuch währte ungefähr eine halbe Stunde.

jammentritt des Reichstages diesem zugehen werde. Durch das Gesetz soll den Frauen der unbeschränkte Zutritt zu Vereinen und Versammlungen eingeräumt werden, sowie die Vorschrift der Vorlegung der Mitglieder Verzeichnisse, vermutlich auch die Beschränkung der »Vereinszugehörigkeit und des Zutritts zu den Versammlungen durch eine Alters­grenze in Wegfall kommen. Das genannte Blatt sagt, es sei selbstverständlich anzunehmen, daß sich in dem Reichs­vereinsgesetz auch für ein Präventiv-Verbot von Versamm­lungen ein Raum findet.

Zu Ehren des nach 21 jähriger Amtsdauer aus seinem Amte scheideirden Oberbürgermeisters Exzell. Wil­helm Becker fand gestern abend ün Gürzenich ein Fest­mahl statt, an dem über 500 Bürger der Stadt, Beigeord­nete, Stadtverordnete, städttsche Beamte, Arbetter, sowie die Spitzen der Behörden und der Geistlichkeit teilnahmeu. Oberpräsident Schorlemer-Liescr teilte mit, daß der König Becker aus besonderem Vertrauen auf Lebens­zeit ins Herrenhaus berufen habe.

Karlsbad, 14. Sept. Prinz August von Sachsen- Koburg ist heute vornüttag 11 Vs Uhr gestorben.

München, 14. Sept. Der Internationale Friedenskongreß ist heute nachmittag geschlossen worden. Die Wahl des nächstjährigen Kvngreßortes wurde dem ständigen Kvngreßbureau überlassen, dagegen wurde für 1909 Stockholm als Kongreßort bestimmt.

Hamburg, 14. Sept. Der deutsch-nationale Handlungsgehilfenverband unterbreitete dem Bundesrat einen völlig ausgearbeiteten Gesetzentwurf für die Einführung der völligen Sonntagsruhe im Handel mid Gewerbe, und zwar mit vollständiger Be­gründung. Der Verband erbat die Zustimmung aller Bundesstaaten.

Solingen, 14. September. Gestern sind in der Koblenzer Spionageaffäre Schiawara weitere fünf Zivilpersonen unter der Anschuldigung des Hochverrats verhaftet worden. Ein 55 000 Mk. betragendes Bankgut- haben Schiawaras wurde gerichtlich mit Beschlag belegt.

Fraktionsgemeinschaft hat bisher im Parlament ausgeznchnet funktioniert. Klappt draußen manchmal etwas nicht, so hat dies mit der Gemeinschaft nichts zu tun. Es gehört in dew Bereich des sogen. Einigungsausschusses, der bisher dreimal ge­tagt hat. Die jetzige Uebereinkunft trägt allen Anschauungen Rechnung. Sie gewährleistet die volle Freiheit und Selbständigkeit der Parteien und ihrer Organisationen. Gmrz anders wie dieser Block ist der sogen, nationale Block, oder, um den das) Schamgefühl aller Lex-Heinzemänncr gröblich verletzenden Aus­druck zu gebrauchen: die konservativ-liberale Paarung. (Heiter­keit.) Er beruht weder auf schriftlichen Abmachungen, noch auf programmatischen Sätzen. Er bedeutet lediglich ein von der Ver­nunft und der jetzigen politischen Situation^ ad hoc diktiertes Zusammengehen der bürgerlichen Parteien, außer den Klerikalen, soweit unser Programm dies zuläßt, und soweit wir einen politischen Vorteil für die liberale Sache darin erblicken. (Bei^ fall.) Es mutet uns niemand ein Opfer an unseren progrant* 1 malischen Leitsätzen zu. Wir haben die Politik der fteien Hand und gebrauchen sie auch. In wirtschaftspolitischen und anderen Fragen geht jedes seinen Weg wie bisher. Wir suchen lediglich, das große Ziel der Ausschaltung der Zentrumspartei von der Regierung zu vereinigen mit dem Streben nach einem positiven^ Erfolg in der Richtung unserer liberalen Weltanschauung. Wir streben ohne jede Preisgabe unserer Anschauungen danach, bei all den Fragen, die uns verbinden, mit den Nationalliberalen zusammen zu gehen und Reibungsflächen mit ihneir zu ver­meiden. Wollen wir nicht daS verhaßte Odium auf uns nehmen; die Klerikalen wieder als Machthaber einzusetzen, so müssen wir das-Einig ende mit den Rechtsliberalen in deuf Vordergrund rücken. Was die Jungliberalen anlangt, so können sie dem Liberalismus nur dann nützen, wenn fie, auf eine materielle Annäherung an bie Links liberalen hinarbeiteten. Bezüglich des neugegründeten Nationalvereins für das liberale Deutschland, dessen Programm jeder Liberale unter­schreiben könne, muß man skeptischer sein. Die Zerklüftung und Zerrissenheit der Patteien, über die am meisten die Regierung: zetert, ist eine Folge der Behandlung des Deutschen Reichs­tags. Einem Parlament, dem alle konstitutionellen Garantrenr fehlen in dem Sinne, daß der Mehrheit ein Einfluß bei der Auswahl der leitenden Männer gegeben wird, muß das so oft vermißte Verantwottlichkeitsgefühl mangeln. (Beifall.) Ein pro­grammloses Regime kann sich nicht beklagen, daß es keine kom^ Pakte P^ehrheit hat und von der Hand in den Mund leben muß., (Sehr richtig!) Gerade die Folge unserer liberalen Einigung und das Einrücken an den verantwortungsvollen und einftußreichei^^ Platz mit Ausschaltung der kulturfeindlichsten Pcrttei, des Zen­trums, war es, daß zum erstenmal die Regierung sich elloaS beilegte, was wie ein Programm aussah. (Heiterkeit.) Wir sehen mit kühler Nüchternheit der Einlösung dieses Programms entgegen. Wir dürfen die großen Schtvierigkeften nicht unter* schätzen, die der leitende Staatsmann vor allem in der Aristo­kratie findet. (Zustimmung.) Wir müssen ihm Zeit gewährens und einige Geduld haben. Das große Ziel ist solchen Opfersj wert. Sehen wir uns aber getauscht in unseren Erwartungen! nach gemäßigt liberalen Konzessionen im Interesse der fort* schrittlichen Entwicklung des Reichsgedankens, dann rufen wir'u, zurück auf die Schan.zen, es lebe der fiisch-fröhliche Kampfs Bis dahin aber müssen wir um Ihr rückhaltloses Vettrauen ich unsere bisherige politische Tättgkeit und Talli Lüttem (£eb*s Hafter Beifall.)

Nach längerer Diskussion gelangte in der Wstimmung solgen-? dcr Antrag zur Annahme:

Der Patteitag erklärt seine Zustimmung zu den Verein-) barungcn der Frankfurter Konferenz am 10. und 11. November 1906, und zu den Beschlüssen der drei linksliberalen Frak--! ttonen des Reichstags, durch welche unter voller Aufrechterhalrung der Selbständigkeit der Partei ein gemeinsames Zusammenarbettem im Interesse der liberalen Sache ermöglicht ist. Der Patteitag^ empfiehlt den Parteigenossen im Lande freundnachbarliche Be­ziehungen zu arrderen linksliberalen Fraktionen zu pflegen, und auch in Zukunft auf eine Verständigung mit anderen; liberalen Patteien zu bestimmten politischen Zwecken, insbesondere bei den Wahlen, hinzuwirken, erachtet aber als unabweisbare Voraussetzung die Wahrung derpolitischenSelbständig-- keit der Freisinnigen Volkspartei sowohl in ihren parlamentattschen Verttetungen^ wie in ihren Organisationen im Lande. Der Patteitag betont die Notwendigkeit der Festigung und des Ausbaues der Patteiorganisation und verweist anß die Bestimmung des Organisationsftatuts, wonach nur solche Vereine und Vereinigungen als zur Pattei gehörig angesehen; werden, welche ihren Anschluß an die Pattei erklären oder iw ihren Statuten auf das Patteiprogranun ausdrücklich Bezug nehmen."

Ein Antrag Roe lecke gelangte in folgender Fassung zur-, Annahme:Der Patteftag erwattet, daß der auf Grund der- Franksutter Beschlüsse gebildete Einigungsausschuß der drei links­liberalen Fraktionen bei Zwistigkeiten, die unter ihren Anhängern und ihren Organisationen in einzelnen Wahlkreisen ausbrechcn sollten, von diesen in steigendem Maße durch Vermittlung der Parteileitung zur Schlichtung der ©treitigleiten angerufen wird."

Kleines Feuilleton*

S- Aus Frankfurt a. M. wird uns geschtteben: Am 14. Mts. hat dasOrpheum" unter dem Namen Residenz- Heater, nach kurzer Renovierungspause, unter einem neuen irektorium ferne Pforten geöffnet, und der laute Beifall, mit in das recht gut und von einer vornehmen Zuschauerfchaft luchte Theater den höchst unanständigen SchwankHaben re nichts zu v e r z o l le n?" eittgegennahm, klang recht ver- i üßungsvoll. Das Herne Theater, dessen räumliche Anlage nicht I -rade auf einen geschickten Architekten deutet, hat in den letzten i ahren so vielfach tvechselnde Schicksale gehabt, daß man wohl ! ünschen kann, es möchte dem neuen Pächter, Herrn Gabriel, n längeres Verweilen als seinen Vorgängern vergönnt sein, c scheint seine Sache zu verstehen, die Bühne war kaum iederzuerkennen, so schmuck war sie hergettchttt. Funkelnagel- :ue Dekoratronen, nach dem neuesten Äande der Dekoratious- nst hergestellt, schufen ein sehr behagliches, elegantes Bühnew- ld, und die Inszenierung -der Aufftihrmrg selbst, mit ihrem : otten Tempo und der geschickten Herausaroeituug der Pointen | ar ein werteres verheißungsvolles Prognostikon. Mit der Zeit ill Herr Gabriel auch lüerarisch wertvolle Vorstellungen geben, ehe Belebung unseres Bühnenlebens begrüßen wir freudig.

Jur Auftrag und auf Kosten des Kaisers M Professor

mehr denn 500 Delegierten trat heute . Odd-Fellolw-Loge unter dem Vorsitz des Reichstagsabgeordneten Traeger der 7. Parteitag der Freisinnigen Volkspartei zusammen. Unter lebhaftem Beifall wurde der Stadtverordneteiworsteher Dr. Langerhans zum Ehren­präsidenten des Kongresses gewähll. Zum Leiter der Verhand­lungen wurde der frühere Abg. Schmidt-Elberfeld gewählt, der die Verhandlungen mit folgender Ansprache eröffnete: Die letzten Reichstagswahlen haben der Freisinnigen Volkspartei und den Linksliberalen im allgemeinen eine Vermehrung der Zahl der Abgeordneten im Reichstage gebracht. Aber auch die polit. Reaktion, sowie wirtschaftliche Interessenvertretungen verfügen im neuen Reichstag über eine vermehrte Zahl der Sitze, und das seiner demokratischen Vergangenheit untreu gewordene Zen­trum ist in alter Stärke zurückgekehtt. Die Regierungen haben endlich eingesehen, daß der im Interesse der Reaktion und des Junkertums beharrlich geführte Kampf I gegen den bürger­lichen Liberalismus wesentlich dem Zentrum und der Sozial­demokratie zugute gekommen ist. Nun wird aozuwarten sein, ob die Blockpolitik der Reichsregierung, die dem deutschen Volke eine Rückkehr zu politisch-fortschreitender Entloickelung bringen soll, die linksliberalen Parteien beliebigen kann. Wenn es die Absicht ist, wahrhaft konstitutionell zu regieren und kultur- widrige Bestrebungen zu bekämpfen, so wird es an unserem Beistand nicht fehlen. Von einer Preisgabe grundlegender libe­raler Forderungen kann aber nicht die Rede sein. (Lebhafter Beifall.) Die Parteivorstände und die Reichstagsftakttonen der linksliberalen Parteien haben unter den obwaltenden Umständen einen Zusammenschluß der linksliberalen Frak­tionen herbeigeführt, unter ausdrücklicher Wahrung der Selb­ständigkeit unserer Partei. Die Fraktionsgemeinschaften für be­stimmte Zwecke und Ziele haben sich im Reichstag in den letzten Legislaturperioden bereits bewähtt. Den Beschlüssen des Wiesbadener Parteitages entsprechend hat der Zenttalausschuß es abgelehnt, die Frage einer V e r s ch m e l zu n g der links­liberalen Parteien zu erörtern. Die Erfahrung hat uns gelehrt, daß auch die aussichtsvollste im Jahre 1'884 vom 5ttonprinzen Friedrich selbst empfohlene Fusion den Todeskeim in sich trug, weil die Einheit des Politischen Denkens und der politischen Ziele fehlte. (Sehr richtig!) Patteien und Fraktionen sind nicht Selbstzweck. Sie haben nur dann einen Wett, wenn man mit ihnen die eigene gewissenhafte Ueberzeugung zu vertreten vermag. Redner widmet dann dem verstorbenen Führer Eugen Richter einen ehrenden Nachruf, und gebenft auch der anderen verstorbenen Parlamentarier.

politische Tagesschau.

Ein sozialdemokratischer Protest gegen den Kaiserbesuch in England.

Die Social Democruttc Federation, die den extremen Flügel^ der englischen Soziallsten darstellt, und der auch der von Stutts gart her bekannte Mr. Qüelch angehött, hat, wie die ,^)amb.-i Nachr." melden, folgende Protestresolution gegen den Besuch des'! Kaisers in Englmrd-gefaßt:

Der Exekutivrat der Social Democratie Federation broteftiert, gegen die Einladung, die König Eduard im Namen der britischem Nation an ben deutschen Kaiser erließ, und erklärt, daß er be­absichtigt, seinen Protest beim Besuch des Kaisers in London^ nötigenfalls öffentlich zum Ausdruck SU bringen, da die Anwesenheit

Freisinuigeu Voiks,Partei.

L Berlin, 13. Sept.

Nach Erledigung geschäftlicher Fragen folgte die Beratung der Anträge, die zur Frage der liberalen Ein-rgun-gs- beftrebungen Vorlagen. Abg. Dr. Müller-Meiningen wandte sich gegen den seinerzeit von der süddeutschen Volks- Partei beantragten völligen Zusammenschluß der drei links­liberalen Fraktionen des Reichstages. Der jetzige l i n k s l i b c - rate Block ist eine Art bundesstaatliches Verhältnis, beifen Führung die Freisinnige Volkspartei hat. Die parlamentarische Dr. Oskar Mann, Bibliothekar an der Königl. Bibliothek zu Berlin, eine Expedition nach Kurdistan ausgefühtt. Tie Ausreise erfolgte im Februar 1906. Prof. Mann ging durch die unwegsamen armenischen Gebirge über Palu. lleberall sam­melte er reiches Material über Zaza-Sprache und über kurdische Volks- und Kunstpoesie; auch fanb er kurdische Handschriften, die bislang in Europa so gut wie unbekannt waren. Im Herbst 1906 überschritt er das türkisch-persische Grenzgebirge, kam nach Bagdad, Basra und Schiras und besuchte die Ruinenftätten in Darab, welche photographisch auf genommen wurden. In Persien widmete er sich besonders dem Studium der bisher.unerforschten Volksdialekte. Vermöge vollkommener Beherrschrmg der pers. Sprache, sogar in Volksdialekten, fand er reichliche Gelegenheit zu Beobachtungen der jetzt gerade im Gange befindlickien Revo­lution. Der Forscher hat ein außerordentlich umfangreiches Ma­terial an wissenschaftlichen Resultaten mit heimgebracht, dessen Zugänglichmachung und Bearbeitung lauge Jahre in Anspruch nehmen wird.

Ueber ferne Wied-erVerheiratung rm 75. Le­bensjahre macht Professor Dr. G. Jäger in Stuttgart, der bekannte Erfinder des Wollregimes, in seinenMonatsblättern" folgende Mttteilung: .,Zu meiner Wiedervermählung sind mir außer zahlreichen persönlichen Glückwünschen auch nicht wenige Zeitungen zugegangen, welche teils ettchich die Tatsache Mlderen,