an die Stadtverordneten — nicht in der Karte vom 25. Mai. <o. habe es sich allein zuzuschreiben, wenn ihm Uuannehm- lichteiten entstanden seien. Zu beachten sei außerdem, daß die Verteilung der Kanalisationsarbeiten so eingerichtet werden müßte, daß die vom Universitätsfest hauptsächlich in Anspruch genommenen Straßen bis dorthin in gutem Zustand seren.
Der Vorsitzende teilt mit, die Baudeputation habe sich in ihrer gestrigen Sitzung davon überzeugt, daß das Tiefbauamt korrekt und sachentsprechend gehandelt habe. Sie stelle aber trotzdem den Antrag, daß der fragt. Au- schluß möglichst bald vorgenommen werde.
Nach kurzer weiterer Debatte findet der Antrag der Baudeputation Annahme.
Verschiedenes.
Der beantragten Beseitigung eines Schuppens auf dem früheren Aktienbrauerei-Geländc wird zugestimmt.
Das Oktroihäuscheu am Stadttyeater soll Vorläufig nicht an die Kanalisation angeschlossen werden, da man abwarten will, ob es stehen bleiben kann.
Für die Berufs- und Betriebszählung hat sich nur ein freiwilliger Zähler gefunden, während in anderen Städten, z. B. Berlin, alle Zähler freiwillig sind. Beig. Eurschmann beklagt den sich in dieser Tatsache Ausdrückenden Mangel an Bürgersinn und beantragt, für die 120 Zähler eine Vergütung von 2400 Mk. zu bewilligen, was geschieht.
Ein Gesuch von Anton Koch um Erlaubnis zum Betrieb einer Schankwirtschaft auf dem Grundstück Plock- straße 3 wird befürwortet. Dagegen wird ein Wirtschafts- Konzessionsgesuch des A. M o n t a n u s für Bahnhofstraße 52 a nicht befürwortet, da in der dortigen Gegend genug Wirtschaften vorhanden sind. Ein Wirtschafts-Konzessionsgesuch von Jos. Gentner für Brandg. 7, bei dem es sich um eine bereits bestehende Wirtschaft handelt, findet Befürwortung.
Stadtv. Eichenauer bittet unter Hinweis auf ein Eingesandt im „Gieß. Anz.", das sich mit den hiesigen Verkehrsverhältnisfen beschäftigt, daß baldigst die Neuwal)l eines Mitgliedes der städt. Berkehrskommission für den verstorbenen Stadtv. Kirch vorgenommen und eine Sitzung der Kommission abgehalten werden möge,, da genügend Stoff zur Beratung vorhanden sei. Der in dem Eingesandt erwähnte Weg, oaß eine gemeinschaftliche Kommission aus den in Frage kommenden Körperichaflen (Handelskammer usw.) gebildet werde, erscheine ihm recht erwägenswert.
Der Vorsitzende sagt zu, im Sinne der Anregung des Stadtv. Eichenauer zu handeln.
Damit ist die öffentliche Sitzung beendigt.
Heimsparbüchsen.
Um den Spariinn zu wecken unb das Sparen zu erleichtern. Tarn im Jahr^ 1890 ein Amerikaner C. O. Burns auf den Gedanken, die Sparkasserwerhältnisse in Amerika mit Hülse einer Heinen. Haussparkasse zu verbessern. Letztere gewann, sehr rasch Eingang in allen Bevöllerungsschichtcn, sodaß schon weit über 3 Millionen solcher Haussparkassen sich in Gebrauch befinden sollen. Nach den b,amit in Amerika gemachten Erfahrungen sind durchschnittlich etwa 400 ML jährlich in jede Haussparkasse eingelegt worben, sodaß ftlso hiermit etwa 1200 Millionen Mark Spareinlagen jährlich erzielt worden sind.
In Oesterreich-Ungarn hjat das System der Heimsparkassen bereits eine sichere Heimat gewonnen. Den größten Erfolg hat bisher die (deutsche) Böhmische Sparkasse in Prag erzielt, die bereits vor einem halben Jahre 11000 Burnssche Büchsen bezogen hatte und schon wieder eine größere Bestellung für die nächste Zeit in Aussicht gestellt hat. Auch die tschechischen Sparkassen haben Heimsparbüchsen eingeführt und zwar von österreichischer Herkunft; im ganzen sollen zurzeit in Prag 30—35 000 Heimsparbüchsen im Umlaufe sein, in Wien ca. 50—60000. — Neuerdings haben die Haussparkassen auch schon in Norwegen, Schweden und Dänemark Eingang gefunden. In Deutschland geht es langsamer. Zwar sind hier und da mutige Anfänge gemacht, «aber zuerst sind die Ansätze doch recht zaghaft. Man möchte immer erst bei den Nachbarkassen Ersolge sehen, ohne zu bebendaß m|an bann vermutlich selbst zu spät kommen wird. Tie Sparljasse der Stadl Charlottenburg hat jetzt die Einführung der Heimsparkassen beschlossen. Sie beschafft für eigene Rechnung eine größere Anzahl von Sparbüchsen. Diese tragen auf einem kleinen Schilde die Bezeichnung der Sparkasse. Einein jeden Sparer wird auf Verlangen eine Heimsparbüchse zur unentgeltlichen Benutzung leihweise gegeben, wenn er bereits ein Sparguthaben voü 3 Mk. bei der Sparkasse besitzt oder einlegt. Als Bürgschaft für gute Behandlung der Büchse wird in dem Spar- buche des Büchsenempfängers ein Betrag von 3 ML gesperrt, und toeim die Büchse in brauchbarem Zustande zurückgegeben wird, wieder freigegeben. Alle Büchsen schließen über einen Schlüssel. Dieser bleibt bei der Sparkasse. Die Sparbüchsen werden den Sparern verschlossen ausgehändigt. Sie können beliebig oft zur Oeffnung und Entnahme des Spargeldes nach der Sparkasse gebracht werden. Ein Angestellter zählt in Gegenwart des Ueber- bringers den Inhalt der gebrachten Büchse und quittiert sofort über den Vorgefundenen Betrag in dem mitgebrachten Sparkassenbuch. Die Vorteile dieser Einrichtung liegen auf der Hand. Mancher trägt sich mit dem, Gebauten, eine Spareinlage zu machen und sammelt den Betrag dafür allmählich zusammen. In der Zwischenzeit findet er aber c ine andere Gelegenheit, das Geld auszugeben und es ist beim guten Vorsatz geblieben. Zn der Daussparkasse kann er jedoch sofort das erste Geld und alle weiteren Gelder auch immer gleich hineinlegen. Hier sind die Gelder gut verwahrt, da der Schlüssel sich auf der Sparkasse befindet, und die Sparbüchse selbst' natürlich so eingerichtet ist, daß auch beim Umkehren. und Schütteln das Geld nicht herausfällt. Männer und grauen in den verschiedensten Stellungen mit einem Jahreseinkommen, Arbeiter uno Arbeiterinnen mit Wochen- und Tagelohn können sich mit Hülfe der Hausspartasse ein sorgenfreies Alter schassen, junge ALanner sich nut dem aus diese Weise erspartem Gelde ein Geschäft begründen, junge Mädchen bei ihrer Verheiratung eine Aussteuer anschassen, Frauen sollten das in ihrem Haushalte ersparte Geld in die Haussparkasse legen und ihre Kiiidec anljalten, jeden Groschen in gleicher Weise zu sparen. Für -Dienstboten gibt eS fein passenderes Geschenk als eine Daussparkasse; sie bleibt sicher nicht unbenützt. Nicht was man verdient, so ndern n as man spart macht un- a bhän g ig. — Nach der amtlichen Slatisttk werden im deutschen Reiche jährlich drei Milliarden für geistige Getränke verausgabt, von denen ohne Schaden der Nation ganz gut die Hälfte in die Sparkassen wandern tonnte; aber wenn die Heinisparkassen auch nur dazu beitrügen, _ daß ein Meiner Prozentsatz dieser Summe in-die Lparlasje fließen würde, so müßten alle öffentlichen Spar- kaiieti e» als ihre Pflicht betrachten, ihre Einführung zu ver- anlaifen. — Wie aus dem Inseratenteil hervorgeht, beabsichtigt die B e z ir l s f par kas se G i e ßen der 3rage wegen Einführung fraglicher Lpartapeti naher zu ttelen uno zunächst festzustellen, ob auf eine, wenn vor er auch nu. geringe Beteiligung gerechnet werden kann.
Ter Jahresbericht der Großh. Hessischen Gewerbe- Inspektion für 1906,
ber, wie Wir bereits erwähnten, vor kurzem erschienen ist, verdient in allen interessierten Kreisen die größte Beachtung. Er geht bis ins eiitzelulte und bietet auf 344 Seiten ein schier unerschöpfliches Material. Er gibt, unterstützt von zahlreichen Tabellen, ein anschauliches Bild von bc,r G.ewerbetätigteit in unserem Großherzog
tum. Ter Oberhessen umfassende Aussichtsoezirk Gießen findet dabei die weitgehendste Berücksichtigung.
Tie Beziehungen der Beamten zu den Arbeitgebern und d-n Arbeitnehmern waren im allgemeinen' durchweg beftiedigend. Im Bezttk Gießen war allerdings der persönliche Verkehr auf ber Amtsstube gering, die Auskünfte betrafen meist Lohnbewegung. Von Orts-Polizeibehörden Wurden eine Anzahl Revisionen unternommen. So wurden im Ausfichtsbezirk Gießen sämtliche 107 revisionspflichtigen Bäckereien und 87 Schankwirtichasten in 449 Revisionen kontrolliert. Viel Beachtung verdient die Behandlung der Frage der jugendlichen Arbeiter (siehe Nr. 126 des „Gieß. Anz."). Ebenso eingehend wie diese ist 'die der Arbeiterinnen in dem Berichte behandelt. Im Bezirk Darmstadt nahm die Zahl derselben zu, namentlich in den Ziegeleien. In Offenbach beschäftigen 497 Betriebe 5470 ettvachsene Arbeiterinnen (21 weniger als 1905), in Mainz 326 — 32 Proz. aller Bettiebe 2452 Arbeiterinnen, in Worms 160 Betriebe 2434 Ärbeiterinnen. Für den Aussichtsbezirk Gießen Weift ber Bericht folgende Zahlen auf. Am 1. Oktober 1906 Wurden in 287 Betrieben (17,2 Proz.) 2632 erwachsene Arbeiterinnen (16,8 Proz.) beschäftigt. Zwischen 16 und 21 Jahre alt waren davon 994, verheiratet 819, b. h. 32,3 Proz. Von diesen 819 entfallen allein auf die Zigarrenindnstrie 667, in der im ganzen zwei Drittel aller Arbeiterinnen beschäftigt svaren. Tie Bettiebe Oberhessens, die weibliche Arbeiter beschäftigen, wurden Samstags nach 5\'2 Uhr revidiert, um zu sehen, ob ui ihnen Arbeiterinnen nach Feierabend mit Reinigungsarbeiten ohne kreisamtliche Genehmigung beschäftigt würden. Es wurden nur in 4 'Fabriken Ucbertretungcn geringen Grades fest- gestellt, gewiß ein sehr günstiges Resultat. Allgemein wurde die Innehaltung der Arbeitszeit für Arbeiterinnen scharf überwacht.
Tie Zahl der Arbeiter hat im Bezirk Darmstadt um 7 Proz. zugenommen, dabei besonders in der Maschinenindustrie. Die meisten gewerblichen Anlagen hat Offenbach mit 1936 (im Vorjahre 166a) und 29 716 Arbeitern (28 079 im Jahre 1905). Davon Wurden 64,5 Proz. einer Revision unterzogen. Worms und Mainz zählen beide je 1026 Anlagen, ersteres 12846, letzterer Veziri 17 094 (1905: 17 682) Arbeiter in den Fabriken und 18 973 insgesamt. Uns interessieren wieder näher die Verhältnisse Obcr- hessens. Vorhanden Waren 1661 gewerbliche Anlagen mit 15 662 Arbeitern, darunter 650 Fabriken mit 11986 Arbeitern. Der Kreis Gießen besitzt allein 623 Anlagen mit 8023 Arbeitern, zählt also mehr Arbeiter als lalle anderen oberhessischen Kreise zusammen.
Tas Streben nach Verkürzung ber Arbeitszeit läßt sich in fallen Bezirken feststellen. In Offenbach, dem gewerbetätigsten Bezirke, herrscht die 9stündige Arbeitszeit vor. Weniger haben 9 Fabriken, mehr dagegen 196. In Worms wurde von ber Firma Cornelius Heyl, die 3800 Arbeiter beschäftigt, der 8 % stündige Arbeitstag eingeführt. In Oberhessen ist in 65 Proz. der Fabriken mit 67 Proz. der Arbeiter die 10 stündige Arbeitszeit eingesührt, die 9 stündige in 15 Prvz. der Fabriken mit 18 Proz. der Arbeiter. Weiter gibt der Bericht über den Stand der Sonntagsarbeit hinreichenden Aufschluß. In Gießen wurde 12 Mal die Erlaubnis zur Beschäftigung von Arbeitern an Sonn- und Festtagen gegeben.
Saran schließen sich einige kleinere Kapitel über Lohnzahlung, Kündigung und Kontraktbruch, Arbeitsordnungen. Tie letzteren wurden früher, wie der Aufs ichtsbe amte aus Gießen mitteilt, kaum gelesen. Heute ist das anders, namentlich seit dem Wachsen der Organisationen. In ber Frage der Arbeiterausschüsse wirb von einem Fortschritt in Oberhessen berichtet. Recht umfangreich sind die Ausführungen über Streiks. Darmstadt ist davon nicht stark betroffen worden, auch Mainz klagt nicht. Einige Streiks trugen keinen lokalen Charakter, sondern beruhten auf größerer Lohnbewegung, so die der Lithographen und der Kvnfek- tionsarbeiter. In Offenbach hat das Jahr 1906 an Lohnbewegungen mehr gebracht, als die 5 letzten Jahre zusammen. Hier gelangten 17 Streiks und 2 Aussperrungen zur Kenntnis der Behörde, von denen 58 Betriebe betroffen wurden, längere Zeit dauerten die Streiks in den Feilenfabrifen, den Gießereien, den Syenitschleifereien. Aus Anlaß der Maifeier wurden 42 Schreiner ausgesperrt. Im Bezirk Gießen berührte die allgemeine Gießereiarbeiterbewegung 3 Bettiebe, aber nur ganz geringfügig. Kleinere Stteiks fanden im Bezirke sonst noch statt, die auch nicht ernster Natur waren. Mehr Bedeutung wird den Kämpfen in ber Zigarrenindustrie des Kreises Gießen beigelegt. Besondere Beachtung verdient die auch in dem Jahresbericht stark hervorgehobene Tatsache, daß die Zahl der in der Stadt Gießen und Umgegend in den freien Gewerkschaften organisierten Arbeiter von 1191 auf 4218 gestiegen ist, darunter bei den Fabrikarbeitern von 16 auf 186, bei den Maurern von 336 auf 1100, vor allem aber bei den Tabakarbeitern von 50 auf 1425. (Dessenungeachtet hatte bei der Reichstagswahl 1907 ber jozialdemottatische Kandidat nur einen ganz geringen Stimmenzuwachs zu verzeichnen im Gegensatz zu den bürgerlichen.) Sonst wird über Organisationen noch aus Worms berichtet. Tort haben die freien Gewerkschaften nicht zugenommen, wenig die christlichen und Hirsch-Tunckerschen Gewerkvereine. Von dem Arbeitsnachweis ber Stadt Gießen wirb eine erfolgreiche Tätigkeit gerühmt, während der hiesige Kreis- Arbeitsnachweis bis jetzt völlig versagte.
Die eingelaufenen Unfallanzeigen betrugen für Darmstadt 1198 (1203 im Jahre 1905), für Offenbach 1066 (1007-, Gießen 313 (347), Mainz 613 (650), Worms 316. Vergleicht man dazu die Ärbeiterzahlen (s. o.), so steht Gießen als der bei weitem am günstigsten betroffene Bezirk da. Eine Anzahl charakteristischer Unfälle, speziell aus Offenbach sind geschildert. Todesfälle ereigneten sich in Oberhessen allein 12 gegen 4 im Vorjahre. Auf die gesetzlichen Bestimmungen hin werden darum die Betriebe oft revidiert. Ter Aufsichtsbeamte aus Mainz hebt lobend hervor, daß die Betriebe der Staatseisenbahn und der Militärverwaltung in dieser Hinsicht Musterbetriebe sind. Von den Beamten in Gießen wurde in mehreren Betrieben die Schaffung von Not- ausgängen für den Fall eines Brandes angeordnet. Drei Steinbruchs- und Grubenbesitzer in Oberhessen wurden wegen unvorschriftsmäßigen Abbaues bestraft.
Ten Gefundheitsverhältnissen und sanitären Maßregeln ist in dem Berichte reichlich Rechnung getragen. Aus Offenbach werben ai. a. 14 Milzbranbvergiftungen gemeldet. Tie Bübinger Glasbläfer hatten an Magen- und Lungenkatarrh zu leiden. Sonst kommt für Gießen die Verarbeitung giftiger Bleifarben in Betracht. Fabriken dieser Art bestehen im Bezirk nicht. Anstreicherbettiebe, die Bleifarben verarbeiten, gibt es in der Stadt Gießen 29 mit 386 Arbeitern, in Gießen-Land 76 mit 254, in Oberhessen 295 mit 1376 Arbeitern. Im Jahre 1906 stellte das Kreis-Gesundheitsamt Gießen darüber Ermittelungen an, ob und inwieweit bei den Zigarrenarbeiterinnen bi- Fähigkeit, ihre Kinder zu stillen, seltener und geringer sei als bei anderen Frauen. Das in neun Dörfern ermittelte Ergebnis wies nur einen geringen Unterschied auf. Drei Großbetriebe unserer Provinz haben im laufenden Jahre zweckentsprechende Badeeinrichtuiigen angelegt.
In Offenbach bestehen 232 Betriebe mit Tarifverträgen, wahrend in Worms nur ein lokaler Vertrag in Kraft ist. In Oberhessen bestehen zur Zeit 16 Tarifgemeinschaften in 158 Betrieben mit 2700 Arbeitern. Tie Entstehung ber einzelnen Tarife ist von dem Beamten ausführlich geschildert, und sie selbst sind im Wortlaut wiedergegeben. Was die Wohnuugs- verhältnisse anbetrifft, so ist im Bezirk Darmstadt in Gustavs-- burg eine Wohnungsgenossenschaft mit beschränkter Haftpflicht gegründet worden. In Oberhessen sind seitens einiger Fabriken im Laufe des Jahres Arbeiterwohnhäuser fertiggestellt und neue Vorschriften erlassen worden. Aus Mainz wirb über Wohnungen und Mietwesen sehr geklagt. Im Bezirke Worms sind die Wohnungen der Heimarbeiter recht dürftig. Auch der Verdienst derselben ist äußerst gering. In einem Falle betrug ber Stundenlohn eines Mannes elf Psennige, in einem anderen verdiente der Vater mit zwei Kindern 15 Pfennige. Mehr als 25 Pfg. pro Stunde verdient feiner. Im Bezirk Worms gibt es 238 Heimarbeiter der Konfektionsbranche. Davon ist kaum die Hälfte in einer Krankenkasse.
Auf dem Gebiete der Fürsorge für Kranke, Verletzte, Genesende 2C. wird überall gearbeitet. Am wohltätigsten wird der 'Sommerurtaub empfunden. Wohlfahrtseinrichtungen wurden gefördert und neu gegründet, so in Offenbach eine Kindermilch- anstatt, in Erbach eine Geweröehalle. Ter Verband der organ. Maurer hat im lausenden Jahr einen Unter richtskursus ins Leben
geraten, wahrend die Abhaltung verkürzter Haushaltungskurse in diesem Bezirke wegen Maug.k an Beteiligung leider aufge- geben werden mußte. Auch aus Worms und Mainz wird über Mohlsahrtseinrichtungen ausführlich berichtet. Wie in anderen Bezirken, so bedachten auch in Oberhessen verschiedene Firmen ihre Arbeiter mit Spenden.
Dem allgemeinen Teil schließen sich Sonderberichte über die Bettiebsverhältnisse der Glasindustrie, die nur in den Bezirken Gießen und Mainz vorhanden ist, an. Im ersteren wurden in der einzigen Glasfabrik Büdingen durchschnittlich 138 Arbeiter gegen 110 im Vorjahre und 161 im Jahre 1904 beschäftigt. Ein eingehender Bericht über deren gesundheitliche Verhältnisse rc. liegt vor.
Ein Anhang bringt den Jahresbericht der Großh. Bergbehörden, zu «d-er 72 Betriebe mit 2330 Arbeitern gehören. Es wurden 731010 Tonnen im Werte von 3 354 257 Mk. produziert etwa 12 Proz. mehr als 1905. Auch in diesem Teile werden die sozialen und sanitären Verhältnisse eingehend erörtert. Tie be- jondere Lage der oberhessischen Betriebe ist leider nicht daraus zu entnehmen.
Aus die vielen Tabellen einzugehen, würde zu weit führen Wir können nur erwähnen, daß sie ein reichliches statistisches Material bieten. Speziell unser Kreis erfährt eine eingehende Behandlung. Tas genaue Ergebnis aller Revisionen und aller Arbeits- und Jndustrieverhältnisse überhaupt ist aus ihnen ohne Mühe ersichtlich. \
Elektrizitätswerk zu Lißberg
und Wasserwerk zu Jnhciden bei Hungen.
Diese beiden Projette beschäftigen nun schon fast einundeinhalb Jahr die öffentliche Meinung der gesamten Provinz Oberhessen und in den in Betracht Fommcnoen Kreisen Gießen, Alsfeld, Schotten, Büdingen und Friedberg die Käeisbehörden' An dem Jnheider Projekt, das mit dem Lißberger vervunden werden soll, wirb ebenfalls eifrig gearbeitet. Nach den seitherigen Feststellungen sind die Quellen bei Inheiden von solcher Ergiebigkeit, daß nicht nur der Wasserbedarf der in dem Gebiet liegenden Gemeinden der Kreise Friedberg, Büdingen und Gießen gedeckt, sondern auch ein Tagesquantum von 10 000 Kubikmeter an die Stadt Frankfurt abgegeben werden kann. Der Erlös hieraus ermöglicht einen billigeren Wasserbezug durch die Gemeinden. Weiler aber kann durch die Erbauung des Wasserwerks bei Inheiden das Elektrizitätswerk bei Lißberg lebensfähig gemacht werden, indem das Wasserwerk als Großabnehmer für eleltrische Energie auftritt und auf diese Art das Elektrizitätswerk in die Sage versetzt, vom ersten Betriebsjahre an rentabel zu arbeiten. Durch die elektrische Zentrale sollen die Gemeinden in einem Umkreis von 30 bis 40 Kilometer, wie Schotten, Ulrichstein, Hartmannshain, Büdingen, Altenstadt, Echzell, Bür- tadt bis Lich und Grünberg, mit elektrischem Licht und elektrischer Kraft versehen werden. Eine Gefährdung von Interessen der Landeskultur durch beide Werke wird nicht erfolgen, den Triebwerksbesitzern kann anstatt der Wasserttast elektrische Kraft geliefert werden, der Wegfall ihrer Stauanlagen würde für die Wiefenkullur nur vorteilhaft sein. Die Ausführung und Benutzung der ganzen Anlagen soll auf kommunaler Grund- lage durch die Provinz, die Kreise und die Gemeinden erfolgen. Eine am 16. Februar d. I. zu Gießen ftattgefunbene Versammlung von Mitgliedern des Landtags, der Provinz- und Kreis- verttelungen hat beschlossen, zu diesem Zweck eine freie Vereinigung zu bilden. Ausführliche Projekte und Voranschläge über beide Werke werden zurzeit ausgearbeitet.
Das Quellgebiet ist auf einer sehr wasserreichen Wiese, wa der der Horloff zufließende Schwarzbach entspringt. Die Quellen liefern täglich zirka 15 000 Kubikmeter bestes Quellwasser. Seit Landtagsabgeordneter Dr. Weber die erste Anregung zu dem großartigen Projekt einer Elektrizitätszentrale bei dem kleinsten, kaum 400 Einwohner zählenden Städtchen Oberhessens gab, sind etwa zwei Jahre verflossen. Dr. Weber verband damit zugleich den großartigen Gedanken, eine Talsperre für die Hillerbach anzulegen und mit Hilfe dieser so erhaltenen Wasserttast etwa 60—70 Orte Oberhessens mit einer Bevölkerungszahl von zirka 25 000 Seelen mit elektrischer Kraft und elektrischem Licht versehen zu können. Die Behörden haben mit den Weberschen Planen noch das Projekt der Nutzbarmachung der Wasserschätze der Provinz Oberhessen verbunden. Was das Lißberger Projekt betrifft, so haben genaue Messungen und Berechnungen ergeben, daß die Vereinigung von Nidder und Hillersbach ein nutzbares Gefüll von 57 Metern und eine Wasserkraft von zirka 700 Pferdekräften ergibt, die etwa durch Anlage eines Stauweihers oder durch Dampfreserve ergänzt werden kann. Die elektrische Kraft wird sicherlich der btühendcn Landwirtschaft ber östlichen Wetterau förderlich fein und auch dem Gewerbe eine billige, bequeme Triebkraft ab geben. Von der Ausführung des Projetts erhofft man eine Regulierung des Wasserstandes der Nidder, die Beseitigung der fortgesetzten Ueberschwemmungsgesahr und dadurch eine Entsumpfung des gesamten Niddertals von Lißberg bis Vilbel. Nach alledem, was bis jetzt von den Plänen des Projetts Lißberg bekannt geworden ist, kann man jetzt schon sagen, baß es für bie wirtschaftliche Entwicklung eines Teils des Vogelsbergs und für die östliche Wetterau eine große vorteilhafte Perspektive eröffnet.
Der Deutsche Tabakvereiu
hielt bei zahlreicher Teilnahme von Vertretern ber Tabakbranche aus allen Teilen Deutschlands in Mannheim seine Hauptversammlung ab. Syndikus Schloßmacher berichtete über die Frage des Eigentumübergangs von verkauftem aber noch beim Verkäufer zur Verfügung des Käufers lagerndem Tabak. Er begründete unter Berufung auf eine Entscheidung des Reichsgerichts und Anführung ber einschlägigen Bestimmungen des Handelsgesetzbuches, des Bürger!. Gesetzbuches und der Konkursordnung folgende Erklärung:
„Der aus Fabrikanten aller Zweige des Tabakgewerbes sowie aus Händlern mit Rolstabak und Tabalfabrikaten aus allen Gegenden Deutschlands zusammengesetzte Tabakverein stellt fest, daß Tabake, welche unter Abjonderung und Bezeichnung „verkauft" und mit der Klausel fakturiert werden, daß der Verkäufer sie zur Ver- stigung des Käufers hält, in das Eigentum, des Käufers übergegangen sind".
Diese Erklärung fand einstimmige Annahme. Sodann berichtete Herr W. Schöning-Vlotho über den Gesetzentwurf betreffend Heimarbeit in der Tabakindustrie. Redner begründete eine Resolution, durch welche der Deutsche Tabakverein im wesentlichen diesen Entwurf billigt, weil er im allgemeinen den von ihm in seiner seinerzeitigen Stellungnahme zu den Grundzügen des Entwurfs geäußerten Ansprüchen und Wünschen entspricht.
In der Diskussion sprach sich Geh. Ober-Regierungsrat Bitt mann-Karlsruhe gegen eine weitere Ausdehnung der Heimarbeit in der Tabakindustrie aus und empfahl deren tunlichste Einschränkung und Beseitigung, womit er aber den Widerspruch und Gegenausführungen des ReichstagSadg. Schmidt-Altenburg hervorrief. Die vom Berichterstatter vorgeschlagene ZustimmungLerklärung wurde einstimmig angenommen.
Reichstagsabg. Schmidt- Altenburg sprach hierauf unter lebhaftem Beifall über die wirtschaftliche und politische Lage des Tabakgewcrbes. Er legte dar, daß das Tabakgewerbe sich in einer sehr ungünstigen Lage befinde, weil man bet außergewöhnlich hohen Rohtabakpreisen, den stark gestiegenen Preisen der übrigen Materialien und insbesondere auch bei fortgesetzt von den Arbeitern verlangten und zum Teil durchgesetztcn Lohnerhöhungen mit den Preisen für das Fabrikat nicht in die Höhe könne. Mit


