Nr. 136
Zweites Blatt
Donnerstag 13. Juni 1907
Gießener Anzeiger
Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.
General-Anzeiger für Oberheffen
politische Lagerscha«.
157. Jahrgang
Die „Sietzener KamNlenblStter- werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das ^reirblatt fflr den Kreis Sieben" zweimal wöchentlich. Der „hefflsche Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Redaktion. Exvedttton and Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Vertag i "11 6L Redaktion:Tel.-Adr^ An-etgerGietzen.
Rotationsdruck und Verlag der Brüh lachen UnwersitätS - Buch- und Klein druck eret. R. Lange, Gteßeu.
Minister v. Studts Nachfolger?
Für die Nichtigkeit unserer gestrigen Meldung, als Nach, folger des preußischen Kultusministers o. Studt sei der Unter» staatssekretär im Reichspostamt Dr. Sydow in Aussicht genommen, spricht mindestens der Umstand, daß Dr. Sydow nicht Schulmann ,andern — Jurist ist! So tüchtige Persönlichkeiten auch der Lel/rerstand aufweist, in Preußen bleibt der Jurist der berufene Verwaltungsmann. Daß Fürst Bülow vor dieser lieber- lieferung nicht „kapitulieren" würde, konnte auch nur als schwache Hoffnung gelten. Uebet den preußischen Geheimrat hinaus bringt es weder der Schulmann, noch — im Eisenbahnministerium — der Ingenieur. Allenfalls in der landwirtschaftlichen Lenval- hing steht der Fachmann vor dem Juristen.
Was nun die Wahrscheinlichkeit der Berufung des Unterstaatssekretärs Dr. Sydow -um Leiter des Kultusministeriums betrifft, so würde dieser Wechsel insofern eine Besserung be- bcuten, als Sydow nicht, wie Herr v. Studt, ein urkonseroatioes Preußentum repräsentiert. Ter Unterstaatssekretär im Reichs- Postamt hat eher etwas gemein mit dem früheren Generalpost, meister v. Stephan, was bei des ersteren Reichstagsrede zur Finan-reform — Ortsportofrage — wieder erkennbar war. Zu Frische und Gewandtheit der Rede kommt bei Sydow ein seh: konziliantes, herzlich joviales, schlicht freundliches Wesen, (iigem schäften, die Herr v. Studt vermissen läßt.
Es wurde das alles freilich noch nicht die Erwartung recht- fertigen, daß unter Kultusminister Sydow ein völlig neuer Kurs in der preußischen Schulpolitik Geltung erlangt. Einmal müßte ein aus dem Reichsdienst übernommener Staatsmann der in Preußen allgemein herrschenden politischen Tendenz Rechnung tragen, und bann bleiben im Kultusministerium bie alten Abteilungschefs und Räte, deren Urteil umsomehr mafegebl - für den neuen Minister sein würde, als ihm das Schulwesen fürs erste ein fremdes Geoiet ist. Mit der Zeit und bei starkem Persönlichkeitsgefühl, bas man ihm wohl zutrauen tonnte, wäre immerhin von Dr. Sydow zu gewärtigen, daß er die preußische Schulpolitik den Erfordernissen der Neuzeit anpaßt, zumal ihm wiederholt Auslandsreisen — er ist übrigens ein bekannter Alpinist — den Blick erweiterten. Alles in allem könnte sonach die Wahl Dr. Sydows zum Kultusminister als ein relativ glücklicher Griff bezeichnet werden.
Das „B. T." meint zwar, Sydow sei nicht der Mann, die liberale Aera in Preußen zu verwirklichen. Für den Liberalismus würde seine Berufung eine von den vielen Enttäuschungen dieses Jahres bedeuten. Das heißt u. E. denn doch die Erwartungen überspannen. Der Kultusminister, der imstande wäre, als Mitglied des Kabinetts Bülow und bei den gegenwärtigen Mehrheitsverhältnisfen im preuß. Landtag eine entschieden liberale Aera zu begründen, wird wohl überhaupt nicht ausfindig zu machen fein. Im parlamentarischen Sinne bedarf es auch keineswegs eines derartigen Umschwungs bei der Schulpolitik. Die preuß. Lehrerschaft wäre zufrieden, wenn die Unterrichtsverwaltung wieder nach der einsichtsvollen, warml-erzigen Art des verstorbenen Ministers Bosse, der sich nicht zu den Liberalen zählte, gehandhabt würde. Und da bie Revision des Lehrerbesol- dungsgesehes in Aussicht stehl, die hoffentlich, wie das Schul- unterhaltungsgesetz, durch Zusammenwirken zwischen Konservativen und Nationalliberalen zum guten Ende geführt werden wird, so ist schwer einzusehen, warum nicht unter der Leitung eines „neutralen Verwaltungsbeamten" mit modernen Tendenzen wie des Dr. Sydow eine erfreulichere Zeit für das preußische Schulwesen anheben sollte.
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Die Ortskrankenkaffe als Streikunterstiitzungskaffe.
Tie Berliner Ortskrankenkasse des Maurergewerbes hat, der „Deutsch. Ztg." zufolge, an den Vorstand des Vereins der Kassenärzte folgende leltfame Mitteilung gelangen lassen:
„Wir erlauben uns, Ihre Aufmerksamkeit darauf hmzuleuken, daß durch bie vom 18. Mai b. Js. erfolgte Aussperrung sämtlicher Bauarbeiter Berlins und der Vororte bie Mittel unserer Kranken kasse in einer ganz ungeahnte nWe ife in Anspruch genommen werden. In diesem Jahre — 1907 — sind bisher etwa 85 000 Mk. unserem Reservefonds zur Deckung der Bedürfnisse entnommen worden. Wir enuchen eiei daher ergebenst, die Herren Mitglieder Ihres Vereins daraus aufmerksam zu nyachen und sie zu ersuchen, die finanziellen Verhältnisse unserer Krankenkasse zu berücksichtigen, da sonst das Bestehen unserer Kasse ernstlich in Frage gestellt wird. gez. A. Taehne, Vorsitzender."
Hierauf hat der Vorsitzende des Vereins der freigewählten Kassenärzte folgende Zuschrift an die Vereinsmitglieder gerichtet:
„Die Ortskrankenkasse der Maurer teilt uns in dem bü- folgenb abgedruckten Schreiben mit, daß infolge der Aussperrung ber, Bauarbeiter die Arbeitslosigkeit bei den der Ortskrankenkasse angehörenden Mitgliedern allgemein geworden ist, und die Zahl der Krankmeldungen, die ohnehin schon erheblich höher als in den Vorjahren wär, eine bisher unerreichte Ausdehnung gewonnen hat. Lchon am ersten Tage haben sich 170 Mitglieder krank gemeldet, während in früheren Jahren die Krankmeldungen um diese Zeit noch nicht 40 "betragen haben. Es ist offensichtlich, daß durch die Arbeitslosigkeit bie Mittel dec Krankenkasse in einer ganz unverhältnismäßigen Weise in Anspruch genommen werden, und daß bei Fortdauer dieser Verhältnisse die Lebensstihigkeit der Kaste direkt in Frage gestellt ist. 'Wir ersuchen Sie daher auf das dringendste, bei der Erklärung der Erwerbsunfähigkeit mir der größten Vorsicht und Strenge zu verfahren und nur da „Erwerbsunfähigkeit" zu bescheinigen, wo es sich um wirklich erkrankte Personen handelt, diejenigen Mitglieder aber, bei welchen nur Arbeitslosigkeit vorliegt, auf das bestimmteste zurückzuweisen."
Es berührt eigentümlich, so schreibt dazu das genannte Blatt, und mau wird ihm zustimmen müssen, daß eine Mahnung an die Kassenärzte, nur den „wirklich erkrankten Personen" die ^Erwerbsunfähigkeit" zu bescheinigen, überhaupt erst nötig ist. Man hätte doch annehmen sollen, daß auch ohne besondere Mahnung nicht anders verfahren werde. Wenn jetzt die ausgesperrten Maurer in Massen zu den Krankenkassen strömen, so dürfte dieser Handlungsweise eine bestimmte Parole behufs Entlastung der gewerkschaftlichen Streikkassen zugrunde liegen. Es wird deshalb gut fein, auch in anderen Krankenkassen auf bie deren Unterstützung in Anspruch nehmenden Streikenden ein Augenmerk zu richten. Durch die vorstehenden Schriftstücke erfährt das Kapitel üoirt Mißbrauch der Krankenkassen zu anderen, rem materiellen Zwecken eine neue und sehr interessante Bereicherung. Wie menschenfreundlich ist diese Haltung gegenüber den Krankenkassenmitgliedern, die wirklich krank sind!
Sitzung -er Stadtverordneten.
Gießen, 11. Juni.
(Schluß.)
Die Löhne der städtischen Arbeiter.
Tie Versammlung hat im vorigen Jahr beschlossen, bie frühere dritte Lohnklasse fallen zu lassen. Der Arbeiterausfchuß ist aber hiermit nicht zufrieden gewesen, sondern hat in einer
neuen Eingabe (im Oktober v. I.) gebeten, angesichts der anhaltenden Teuerung eine Teuerungszulage für sämtliche ständig in städtischen Betrieben beschäftigten Arbeiter in Höhe von mindestens 30 Pfg. zu bewilligen. In der letzten Zeit haben sich die Lohnverhältnisse der städtischen Arbeiter wie folgt geregelt: Seit Sommer 1899 erhalten sie im 1. bis 3. Jahr 2,30 Mk. und steigen dann auf 2,50 und 2,70 Mk. Seit Sommer 1905 beträgt der Lohn im 1. und 2. Jahr 2,60 Mk. und bann 2,80 und 3 Mk., seit 1. Oktober 1906 im 1.—4. Jahr 2,80 Mk. und dann 3 Mk. Ebenso ist die frühere Probezeit mit 25 Pfg. Stundenlohn in Wegfall gekommen. Der Vorsitzende i|'t in Uebercim'timniung mit dem Vorstand des Tiefbauamts zu der Ueberzeugung gekommen, daß das jetzige Lohnsystem nicht richtig ist und schlägt eine Aenderung vor, bie dahin gehen soll, daß ähnlich wie beim Gas- und Wasserwerk bie Löhne nach bet Leistungsfähigkeit bet einzelnen Arbeiter innerhalb gewisser Maximal- und Minimalgrenzen bemessen werden sollen. Tie Festsetzung sott durch bie bett. Betriebsleiter erfolgen. Ta es bis jetzt nicht möglich gewesen sei, eine beschlußfähige Sitzung der sozialpolitischen Kommission ziisainmenzubtingen, habe er bie Angelegenheit gestern in bet Baubeputation zur Sprache gebracht und diese habe sich mit der vorgeschlagenen Regelung einverstanden erklärt. Die näheren Festsetzungen sollen in Gemeinschaft mit der sozialpolitischen Kommission erfolgen. Heute handle cS sich darum, einen prinzipiellen Beschlich zu fasten, ob die Aenderung im Lohnsystem erfolgen solle.
Stadlv. ft tu m m kann der vorgeschlagenen Neuregelung unter keinen Umständen zustimmen, da man damit die Arbeiter ganz der Willkür ihrer Vorgesetzten aussetze. Ties tue man doch bei den Beamten nicht. Taß bie zurzeit bezahlten Löhne nicht aiiSreichend feien, beweise ber ständige Wechsel ber Arbeiter. Zu beanstanden fei auch, daß man den neu- eingestellten fremden Arbeitern bedeutend höhere Löhne zahle als den feit längerer Zeit im Dienste der Stadt beschäftigten Arbeitern. Wenn bie Stabt entsprechende Löhne bezahle, werde sie auch hier die nötige Zahl tüchtiger Arbeiter sinden.
Ter Vorsitzende ist durch die Ausführungen des Vorredners nicht m feiner Ueberzeugung erschüttert worden, daß die überall sonst übliche Entlohnung nach ber Leistungsfähigkeit auch füru die Stadt das einzig richtige fei. Wenn rnaich.allen Arbeitern den gleichen Lohn gebe, fehle jeder Ansporn, mehr zu leisten. Im Gas- und Wasserwerk seien über bie Art ber Lohnbemessung niemals Klagen laut geworden, auch nicht von den Slrbeitcrn. Man könne doch Leuten, die man nur deshalb beschäftige, damit sie nicht der Armenfürsorge ziir Last fielen, nicht bie gleichen Löhne geben, wie tüchtigen Leuten mit voller Arbeitskraft. Eine Reihe von Jorderilngen seien der Stadt gestellt worden von einer Lohnkomniifsion, die von 3 Leuten (einem hiesigen und 2 auswärtigen) vertreten werde, die nicht in städtischen Diensten seien. Dian müsse es ablehnen, mit diesen bezahlten Agitatoren zit verhandeln. Tie zuständige Stelle, durch bie die Arbeiter ihre Wünsche geltend machen könnten, sei der städtische Arbeiter-Ausschuß.
Stadlv. Löb er weist daraus hin, daß die Sache feit Oktober schwebt. Es sei endlich an ber Zeit, etwas für bie Leute zu tun. Er könne auch nichts unrechtes darin finden, wenn sich die Arbeiter bei anderen Leuten Rat holten, da der ArbeiterauLfchuß nicht zu wagen scheine, etwas zu tun. Er meine, man solle bei Eingabe der Arbeiter entsprechen und ihnen eine Erhöhung bewilligen. Ebenso solle man der Eingabe der Laternenwärter entsprechend ihnen eine ihrer vermehrten Arbeit entsprechende Lohnerhöhung zuteil werden lasten, damit sie keine andere Arbeiten zu übernehmen brauchten.
Der Vorsitzende erwidert, baß bie Eingabe ber Laternenwärter erst vor wenigen Wochen erfolgt fei und die Absicht bestehe, das System der Laternenbedienung vollständig zu ändern. Ueber die heutige Stellungnahme des Stadtv. Löber wundere er sich sehr, da sie mit seiner früheren Haltung in Widerspruch stehe. Er könne sich des Gedankens nicht erwehren, daß die heutige Haltung Löbers nicht mir auf fachlichen Gründen beruhe.
Stadlv. Wallenfels steht vollständig auf dem Standpunkt des Vorsitzenden, daß man mit den fremden Agitatoren in dieser Sache nichts zu. tun habe. Tie Bezahlung nach der Leistungsfähigkeit sei allein richtig. Am besten sei es, wenn sich zunächst die sozialpolitische Komrnistion mit der Sache beschäftigte.
Oberbürgermeister Mecum führt aus, es fei nicht richtig, daß die Vertreter der Arbeiterschaft nicht wagten, ihre Wünsche direkt vorzubringen. Der Vorsitzende des Arbeiter-Ausschusses habe schon öfters mit ihm verhandelt und werde bestätigen können, daß er stets bereitwilligst Gehör finde.
Stadtv. Dr. Ebel beantragt, bie Sache zunächst in ber sozialpolitischen Kommission vorberaten zu lasten.
Stadlv. JugHardt bemerkt gegenüber dem Stadtv. Löber, eS sei ihm bekannt, baß in mehreren Fällen Laternen- Wärter noch ein anderes Geschäft trieben.
Stadtv. Löber wendet sich energisch gegen die Aeußer- ung des Vorsitzenden, daß ihn andere Motive als rein sachliche zu feiner Stellungnahme veranlaßt hätten. Er habe sich in der Versammlung der Arbeiter überzeugt, daß die Wünsche der Arbeiter berechtigt seien und trete deshalb dafür ein. UebrigenS sei er auch früher schon für Wünsche von städtischen Bediensteten eingetreten, wenn er sie für richtig gehalten habe.
Der Vorsitzende erwidert, er habe sich über die Stellungnahme des Stadtv. Löber gewundert und deshalb nach einem Motiv dafür gesucht.
Stadtv. Krumm ist davon überzeugt, baß sich Stadtv.
Löber, der sich in der Verfammlung der Arbeiter selbst informiert habe, aus sachlichen Motiven zur Unterstützung der Arbeiterwünsche verpflichtet fühlte. UebrigenS geschehe dies nicht zum ersten Male. Der Redner tritt dann nochmals warm für die Wünsche der Arbeiter ein und meint, npchdern alles m die Höhe gegangen sei, solle man auch bie Löhne entsprechend erhöhen.
Ter Vorsitzende- bemerkt, daß die Stadt noch nie Löhne wegen verminderter Leistungsfähigkeit herabgesetzt habe. 'Dian könne zum Leiter beS Tiefbauamtes bas Vertrauen haben, baß er die Löhne gerecht feslsetzen werbe. Auch die Arbeiter hätten zmn Teil den Wunsch, daß die Art der Entlohnung geändert werbe. UebrigenS seien bie Löhne stets den sonstigen Preissteigerungen gefolgt. Vor allem müsse man sich aber dagegen wenden, daß bezahlte Agitatoren die Arbeiter aufhetzien.
Stadtv. EmmeliuS ist der Ansicht, daß man einen Versuch mit der Entlohnung nach ber Arbeitsleistung machen solle, nachdem man beim Gaswerk damit gute Erfahrungen gemacht habe.
Stadlv. Krumm nimmt die Bezeichnung Hetzer nicht tragisch, so nenne man alle, die andere zur Verbesserung ihrer Lage anhiellen. Die schlimmste Hetzerei sei, daß man den Leuten keine Antwort gegeben habe. (Oberbürgermeister 'Diecum weist dies zurück. Der Vorsitzende des Arbeiter- aiiSschusseS sei von ihm verständigt worden.) Wenn immer von den leistungsimfähigen Leuten gesprochen werde, so bitte er zu beachten, baß für diese jetzt schon eine besonbere Lohn- klasse eingerichtet sei. Daß bie Leute sich nicht getrauten, selbst bie Forderungen ihrer Kollegen zu vertreten, stehe fest, deshalb sei die Zuziehung unabhängiger Leute nicht zu beanstanden.
Der Vorsitzende glaubt die Verdächtigung zurück- weisen zu müssen, die darin liege, daß man den Betriebsleitern zutraue, sie würden es irgend einen Arbeiter entgelten lassen, wenn er Forderungen seiner Kollegen vertrete. Ferner teilt er mit, daß alle geeigneten hiesigen Arbeiter, bie sich für Kanalarbeiten gemeldet hätten, auch eingestellt worden seien. Der Durchschnittsverdienst der städtischen Arbeiter stelle sich (wie Redner im einzelnen ausführt) in den einzelnen Lohn- klassen und Dienststellen auf 1000, 900, 1060, 930, 1080 und 1200 Mk.
Stadtv. Löber tritt nochmals für die Laternenwärter ein, deren Arbeit sich teilweise um 50 Prozent vermehrt habe, und die, wie in einem Falle ausgeführt wird, im Falle einer Verunglückung in Not gerieten.
Beig. Curschmann bemerkt, daß in dem betreffenden Falle von der Stadt geholfen worden sei, und der Vorsitzende betont, daß in solchen Fällen den Leuten stets beigestanden werde.
Stadtv. Wallenfels meint, die Herren, die die letzte Eingabe unterschrieben hätten, seien mit ihrem Rat bester zu Hause geblieben. Ueber solche Dokumente solle man zur Tagesordnung übergeben, ba es für die städtischen Arbeiter andere Wege gebe, ihre Wünsche vorzubringen. . Er habe für die städtischen Arbeiter gerade so viel Herz wie Stadtv. Krumm, halte aber den feingeschlagenen Weg nicht für richtig.
Stadtv. Krumm meint, daß nun einmal bei den Arbeitern das Gefühl bestehe, sie schädigten sich, wenn sie mit ihrem Arbeitgeber im Auftrag ihrer Mitarbeiter über Lohn- fragen verhandelten. Die vom Vorsitzenden vorgetragenen Durchschnittslöhne kämen nur dadurch heraus, daß man Ueberstunden und Sonntagsarbeit mit in Betracht ziehe. Bei 300 Arbeitstagen und 2.80 Mk. Lohn betrage der Jahresverdienst eines Arbeiters 840 Mk. Ferner sei zu erwägen, ob nicht Leuten mit besonders anstrengender oder unangenehmer Arbeit, wie z. B. den Friedhofsarbeitern, ein erhöhter Lohn zu gewähren sei. Er bitte dringend, es bei dem jetzigen Lohnsystem zu belassen und die Wünsche der Leute in der Weise zu erfüllen, daß man ihnen jeßt etwa 30 Pfg. und späterhin noch etwas zulege und einen kleinen Sommerurlaub bewillige.
Der Vorsitzende verzichtet darauf, im einzelnen auf die Aeußerungen des Stadtv. Krumm einzugehen, da sonst ein Ende nicht abzusehen sei und weist noch auf den Widerspruch in den Ausführungen des Stadtv. Krumm bin, der die beabsichtigte Lohnzahlung nach der Leistnngsfäyig- keit zwar verwerfe und sie dann für eine Arbeiterklasse, wie die Friedhossarbeiter, selbst fordere.
Es wird sodann einstimmig beschlossen, die Angelegenheit der sozialpolitischen Kommission zu überweisen. Ferner wird gegen 4 Stimmen beschlossen, den Unterzeichnern der letzten Eingabe mitzuteilen, daß die Stadt nicht mit ihnen verhandeln werde.
Tie Kaualgebühren.
Von Kalkbrennereibesitzer Haas ist den Stadtverordneten eine Eingabe ^gegangen, in der er sich über die Handlungsweise des Tiefbauamts bei einem von ihm gewünschten Hausanschluß beschwer: hat.
Stadtbaumeister Braubach stellt die Sache wie folgt dar: Für die beiden Häuser des Herrn Haas in der Frankfurter Straße liegen genehmige Pläne für die Jnnen- Jnstallation vor. Am 10. April beantragte Herr Haas für das Haus Nr. 61 den Anschluß, der am 13. April bereits ausgeführt wurde, während er der Anmeldenummer nach erst jetzt zur Ausführung gelangen würde. Tas Tiefbauamt wollte auch das Haus Nr. 39 gleich anschließen, unterließ es aber auf Wunsch des Herrn Haas, der nicht beide Einfahrten gleichzeitig gesperrt haben wollte. Am 11. Mai kam bann eine Postkarte von H., daß der Anschluß jetzt gemacht werden könne und das Tiefbauamt ihn unbeoingt bis zum 25. Mai beginnen lassen möge. Das sei mit dem besten Willen nicht möglich gewesen. Am 25. UJtai sei eine zweite Zuschrift gekommen, daß der Anschluß sofort vorgenommen werden solle. Hierauf sei am 30. Ma: geantwortet worden, daß dies nicht angängig sei mit Rücksicht auf die sonst vorliegenden Anmeldungen und die getroffene Arbeitseinteilung. Taß die Jnnen-Einrichtung schon fertig- gestellt gewesen fest stehe — entgegen der (Stngabe Les H.


