Ausgabe 
9.1.1907 Zweites Blatt
 
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7 0. Geburtstages. 1890 war er Generalleutnant der 25. Division in Darmstadt und erhielt 1896 das Kommando des 14. Armeekorps in Koblenz. Bülow ist ein Vetter des R e i ch s k a nzlers.______________________

politiidK Tagesschau.

Englands Ftottentaktlk.

Die Verringerung des englischen aktiven Flottenbestandes um 25 v. H. wird angekündigt. Es tonnte den Anschein er­wecken, als handle es sich hier um eine Art Abrüstung, die im Gegensatz steht zu dem Bestreben Deutschlands, seine Flotte auszubaiien. In Wirklichkeit ist England in der Lage, feinen JndienststeUungSplan zu beschränken, nachdem es nut der am 1. Januar ins Leben getretenen Organisation der Heuuatflolle den weitaus größten und an Gefechtswert bedeiltendsten Teil seines gesamten Kclegsschlffsmaterials in den europ. Gewässern zusammengezogen hat. Die Schlagfertigkeit der euglycheu Marine wird durch die Ueberfüljrimg des vierten Teiles der heimischen Geschwader zur Flollenreserve in (einer Weise beeinträchtigt, ioie denn durch ununterbrochenen Eisatzbau für die Einreihung moderner Schiffe anstelle veralteter Typen gesorgt wird. Es kann also aus der Berrmgeruiig öei aktiven Geschwader Englands fein Grnnd abgeleitet werden zu dec Forderung, Deutschland solle ähnliche Schritte tun.

Thronwechiel in Persien.

Wir erhielten foigenbe Brahma auiust:

Teheran, 8. ^un. Der Tod oes Schahs trat um 5 Ui/r nachmsitags ein. Ter Thron,o.ger weilte mit den Ministern am Sterbelager. Die Vertreter der Mächte wurden am Abend Dun dem Tode bcnan-cichtigt.

Der persische Thronwechsel w.rd sich sicherlich ohne Störung vollziehen. Tie Herrschaft gehi üu-.r aus Muzzuffer-ed-Dins ältesten Sohn Muhammed Ali Mirza, dec u.u 21. Juni 1872 geboren wurde. Mohammed Asi M.rza ist während der Regierung seines Vaters wenig exroorgerreleu. Europäische Lehe r unterrichteten ihn in den Sprüchen und ic bet,e.richt Lao Russische und das Französische zien.uch geläufig. Mit der Lil - ratur seines Vater^ndes h^t er sich eingehend beschäftigt u<ib er gilt für einen ihrer besten Kenner. Seinem D-rilur.eilen V-'t r ist der neue Schay ähnsich buru> iein etwas ichwerblüt.gcs, luJjt besonders energisches Wesen; bou) sagt man ihm gewisse liberale Neigungen nach. Thronfolger wird sein elftähriger So-/n jyunein Ali Mirza.

AusLan-.

Haag, 8. Ian. Tie mederläudische Gruppe der inter­parlamentarischen Vereinigung erhielt vom deutschen Reichs­kanzler Fürsten Bülow die Mitteilung, daß er entschlosst., sei, alle auf die Verbrüderung der Völker gerichteten Bemühungen zu unterstützen, und daß die Teilnehmer an der nächsten in Berlin stattfindend en Konferenz auf einen warmen Empfang seitens der deutschen Behörden rechnen dürfen.

Paris, 8. Jan. Auf der deutschen Botschaft fand heute ein Frühstück statt, an welchem u. a. teilnahmen: der französische Minister des Aeußern, Pichon, und der japanische Botschaster in Paris, Kurino.

Der Alterspräsident der Deputiertenkammer, Louis Paffy (Konservativ), erhob in seiner heutigen Eröffnungsrede in sehr lebhaftem Tone Einspruch gegen bte Abschaffung der Randumschrift aus den französischen Münzen:Dien protöge la france.

Madrid, 8. Jan. Gestern wrirde zu Ehren des bayer. Prinzen Ludwig Ferdinand, der zum Ehren- chirurgen der spanischen Armee ernannt worden ist, ein Festmahl veranstaltet.

Warschau, 8. Jan. In der Jerusalemer Allee haben Unbekannte zwei Detektivs erschossen. Eine hlnzu- kommende Patrouille gab auf die Täter mehrere Schüsse ab, durch welche ein Passant schwer verwundet wtirde.

Wien, 8. Jan. Ter niederösterreichische Landtag nahm heute einen Dringlichkeitsantrag an, in dem die Negierung aufgefordert wird, unverzüglich einen Gesetzentwurf betreffend I bie Einführung der allgemeinen Volksversicherung aus- ' zuarbeiten und dem neugewühlten Abgeordnetenhause zur Beschlußfaffung zu unterbreiten. Hierauf wurde der Landtag geschlossen.

Rew-Pork, 8. Jan. Große Sensation erregt ein Leit­artikel desSun6, der ein Bündnis mit Deutschland als Gegengewicht gegen die englisch-japanische Allianz erörtert. Infolge der langjährigen Aufmerksamkeiten des deutschen Kaisers gegenüber der Union bestünden die besten Beziehungen zwischen beiden Ländern. Der Kaiser soll jedoch nach dem Sunprojekte erklären, daß er keinen Versuch Englands und Japans dulden wolle, das Sternenbanner vom Ozean zu vertreiben. Deutschland würde durch ein Bündnis mit Ainerika starke finanzielle Unterstützung finden. Solange die jetzige britische Regierung am Ruder sei, wäre ja allerdings eine anglo-japanische Aggression nicht zu befürchten.

Aus StcrSt nn- Land.

Gießen, den 9. Januar 1907.

** Personalien bei der Militärverwaltung. Der Garnisonsverwaltungsinspektor R ö s i n g e r ist von Gießen nach Perleberg, der Garnisonsverwaltungsinspektor Freiherr von Eberstem ist vom Truppenübungsplatz Bitsch nach Gießen versetzt worden.

** Vom Großh. Hofe. Auf allerhöchsten Befehl wurde am Dienstag abend im Großh. Hostheater das LustspielHu­sarensieber" von Kabelburg unb Skowronnek gegeben, zu dem jrü­ber Großherzog mit einer Anzahl geladener Gäste, darunter der Prinzessin Dorothea zu Solms-Lich eingefunben hatten. Zu bem am heutigen Mittwoch statlsindenden H o s b a l l werben außer dem Großh. Paare unb ber Prinzessin zu Solms-Lich tcilnehmen: Prinz unb Prinzessin Wilhelm von Sachsen-Weimar, Prinz Ernst von- Sachsen-Weimar, Landgraf und Lanbgräjin Ehtodwig von Hessen, Prinz unb Prinzessin Friedrich Karl von Hessen, Prinz und Prinzessin Leopotb zu Jsenburg-Birslein, Graf Ernst zu Solms-Laubach, bic hier ansässigen Diplomaten, sowie bie Spitzen der Zivil- unb Militärbehörben.

Ordensverleih ringen. S. K. H. der Groß­herzog haben AUergnädigst geruht, zum "1. Januar dem Beigeordneten Jonas Weber III. in Offenbach (bei seinem Ausscheiden aus dem Amt) das Rittertreuz zweiter Klasse und dem Schlachthofoerwaller r. P., Ohly in Darmstadt, das Silberne Kreuz des Verdienstordens Philipps des Groß­mütigen zu verleihen.

Die HerbstÜbungen deZ 18. Armeekorps sollen, wie es heißt, m diesem Jahre in den Kreisen Fried­

berg, Büdingen, Offenbach und in dem vom Manöver 1904 nicht berührten Teile der Kreise Gießen (Gegend von Hungen) und Schotten (Gegend von Gederii) statt­finden.

** Zn seiner KomödieKollege Crampton", die am Dienstag im Gießener Theater zur Augührung gelangte, hat Gerhart Hauptmann nach fernen eigenen Angaven gelegentlich einer Vorstellung von DäulieresDer Geizige" die Anregung empfangen. Der Dichter schrieb im Herost 1891 in seiner schlesischen Hesinat in wenigen Woo-en b;C fünfaktige Komödie vomSlviltuc.i Erampton". <coglew) bei der Prem wie amDeut- schen Theater" in Bersin erzusie die Dichtung einen durchschlagen­de Er,olg. Im Wiener Ho,bnrgthe»ter siec jeoochKollege Eramp- wn" durch. Gießen lernte die Komödie erst vor 6 Jahren Lünen gelegentlicy eines Gastipiers von Otto Beck, ber damals noch Mit­glied des..^r Stadttheaters, heute Direktor des Bonner ^tadttheaters ist unb auch für das Gießener Direktorium vor Jahr und Tag in Aussicht genommen war. Tas Stück erregte damals unserer Thcatervcreinsmitglieber Wohlgefallen. In der Zwischenzeit hat sich wohl ber Geschmack bcs Publikums cm wenig geändert. Man ist heute dem Naturalismus auch bei uns in Gießen nicht mehr so hold wie vor einem Lustrum unb darüber. Die schwierige Jn^zenieculig aber unb bie ausgezeichnete Dar­stellung fanden lebhafteste Anerkennung. Den Crampton gab Herr Ba kos, und er erspielte sich einen großen Erfolg. Es war eine würdig ernste, wirklich bedeutende Leistung. Recht gut war auch Herr Lippert als Löffler, eine wirksame Figur aus dem Volke, ebenso öerr K o st als der ältere Strähler, von schöner Ungezwungenhsit und großer, fast alrob.siisc.str Beweglichkeit und Geschicklichkeit. Mit ec.,tec Herzlichkeit wußte Frt. Schellen- b e r g die Tochter Cramptons zu gesdasien. Das Angstersüllte freilich kam nicht zu sonderlich packendem Ausdruck, während da­gegen bic naive Seligkeit ber Verlobten ganz innerlich erschien unb schönsten Einbruck machte. Der junge Strähler des Herrn Kober brachte vor allem die Freude des Wicbcrfinbens Cramp­tons und bic Liebeslust des Verlobten zu munterstem Ausdruck, und die ausgelassene Frcudenjagd im Atelier des 5. Aktes machte bie Zuschauer mitjubeln. Indes muß er sich im stummen Spiel sehr erheblich mehr zu betätigen bemühen. Auch die übrigen Darsteller entlebigten sich ihrer Ausgaben in anerkennens­werter Weise. Namentlich aber ist der Regie freudiger Dank zollen für ihre diesmal besonders mühevolle Arbeit, für das hrn^"n(idie und glätte ,2nv"nmeifmet. Die Ncgiesührung stand ^iucr b.ui LsitwosiAnd-.sie co.i moto". w.

** Zur ?l ff aff re im Cafö Skalitzki erfahren ivir, baß wohl von der Geschädigten kein Strafantrag gestellt wurde, weil bic Täter den Schaden ersetzten, allein es ist ti oljbcin ein Strafverfahren cingelcitct worben. Sollte gc- meinsam ausgeführte Körperverletzung vorgekonmien sein, so bedarf es bieserhalb keines Strafantrags, auch wegen des Werfens innerhalb des Lokals tritt Bestrafung der Täter nach § 366 pos. 7 des Neichs-Slr.-Gesetzes ein.

** Verhaftet wurde der wegen Betrugs vom Amtsgericht Osterode steckbrieflich verfolgte Monteur Gustav Stareck aus /Wien.

D i e Handwerkskammer für das Groß­herzogtum Hessen bedarf zur Bestreitung ihrer gestei­gerten Ausgaben größerer Mittel als bisher. Infolge dessen wird zunächst bei den Ständekammern beantragt, den Staats­zuschuß, der für das Jahr 1906 5600 Mark betrug, mir 6000 Mark zu erhöhen. Ferner aber sollen und das ist unangenehmer vom Rechnungsjahr 1907 an die Kreis­beiträge von 1 Pfennig auf l1/* Pfg. für den Kopf der Be­völkerung erhöht worden, sodaß sie sich auf rund 15140 Mark belaufen werden.

** (Sin Vortragskursus für Prinzipale und Angestellte, der überHandelsgeographie" sich verbreiten wird, beginnt ivieder am 10. er., abends 8H, Uhr, int Kaufm. Vereinshause, Nordanlage 15. Aus Grund der natürlichen Vcr- hältmsse wird zunächst unser Vaterland in 10 größeren Land- schasisgebieien betrachtet, von denen ein jedes ein abgeschlossenes Ganze bildet, linier Berücksichtigung der jeweiligen geologischen Verhältnisse werden bie Schätze aus und in der Erde des näheren erörtert und die darum sich stützenden Erwerbsverhältmsse, sowie der daraus wieder hervorgeheude Güteraustausch und die dazu notwendigen Verkehrsnnttel beleuchtet. In einem Gesamtrückblick soll zum Schluffe ein klares Bild von Deutschlands landwirtjchait- tichen unb gewerblichen Verhältnissen, ganz besoubers aber von seinen Haudelsverhältmsseii entrollt werden, um seine Stellung unb Bedeutung unter den Kulturstaaten klar zu erkennen. Der Kursus wird von Lehrer Fritzel geleitet, der schon feit Jahren Den Unterricht in Haudelsgcographie an ber Kamm. Fachschule mit gutem Erfolg erteilt. Er erstreckt sich auf 1214 Vorträge unb läßt, gestützt aut bic Erfolge ber beiden früheren, ganz sicher eine rege Beteiligung erhoffen.

** Meisterkurse für Darmstabt. Wir machen darauf aufmerksam, baß bie im Monat Januar vorgesehenen drei­wöchigen Mcisterkurse für Schuhmacher unb Schneiber am 14. b. M. in dem Dienstgiebäube ber Großh. Zentralstelle! für bie Gewerbe in Darmstabt, Neckarstraße 3, ihren Ansang nehmen. Anrnclbungen werben entgegengciwmrncn.

"Die G e w c r b e a u f s i ch l in Hessen wird im neuen Jahre eine wesentlich höhere Ausgabe erforbern, die von 57 000 M. für 1906 auf 71700 Alk. steigt und wesent­lich durch die vermehrte Arbeitslast bedingt wird. Seit der letzten Pcrsonalvernichriing sind folgende neue oder beträcht­lich erweiterte Tätigkeitsgebiete für die Gewerbeaitfsicht ent- üanben: Kellnerschutz, Konfettionswerkstätten, Ziegeleien, Steinbruchbetriebe, Handwerksbetriebe mit Motorbelrleb unb mehr als 10 Arbeitern, ferner das Kinderschutzgesetz und die Beaufsichtigung der Tünchereibeirtebe. Dazu kommt die fort­gesetzte Vermehrung der schriftlichen Arbeiten, wie z. B. der seit 1904 neben dem allgemeinen Jahresbericht zu erstattende Sonderbencht über die Durchführung des Kinderschtitzgesetzes. Hierimter leidet die Revistonstätigkeit jetzt schon empfindlich iind dieser Zustand lüirb sich noch verschlimmern, ivenn die bald zu erwartende reichsgesetzliche Regelung der Heimarbeit bei. Gewerbetnspektionen weitere Belastung bringt. Alan hofft, mit der Anstellung von 5 neuen Ge- hülfen auszukommen, für welche 8000 Mark mehr angefordert werden. Für Tagegelder und Reisekosten werden im neuen Etat 16 000 Mark (gegen 11000 für 1906) angefordert Das fest anaestellte Personal besteht aus 5 Gewerbeinspek- toren, 3 Assnienten und 2 Assistentinnen. Für die D a m pf- kesjcl Prüfung in Hessen belaufen sich die Ausgaben für bas Jahr 1907 auf 46 000 Mk., die jedoch von den Kessel- besitzerti als Gebühren und Auslagen für Kesseluntersiichungen wieder ziirückerstattet werben.

Cp Fricbbcrg,8. Jan. Der BauvereinEigner Herb" hat bei ber Stabt bie Aufteilung des Theobalbfchen Gartens zur Erbauung von Arbeiterwohnungeu beantragt, unb Die Stabt will einen Bebauungsplan aufstellen. Tie Stabt beab­sichtigt, bic Psarrhofreite im Stadttsil Fauerbach für 12 000 Mk. zu taufen.

Mainz, 8. Jan. DrrFrkf. Ztg." berichtet man aus Biebrich :Tic Leitfirma Henkell & Eo. hat in der Ge­markung Biebria) an der Wiesbadener Allee ein größeres Terrain augekauft, um ben gesamten Betrieb von Mainz nach dort

zu verlegen. Der'Kaufvertrag ist am Samstag perfekt ge­worden."

[j Marburg, 8. Jan. Nicht die Studentenverbindung Nhenania, sondern die T h u r i n g i a kaufte ein größeres Bau- terrain.

[J Laasphe, 8. Jan. Nachdem am 19. Dezember erst mehrere Arbeiter beim B a h n b a u R o th e m ü h l c - F r e ud e n« berg durch Unglücksfärie teil» getötet, teils verletzt wurden, sind jetzt abermals zwei italienische Arbeiter durch herab- sallendes Gestein zu Tode gekommen. Die 10 Kilometer langt Strecke berührt schwieriges Gelände.

[j Franken berg, 8. Jan. Vorgestern abend brannten in Frankenau vier Wohnhäuser nieder. Der Zimmcrmami S ch e l l b e r g , bei dem der Braud ausgevrochen war und der als öranbstisllr angesehen wurde, versuche sich zu erhängen. Man brachte ihn ins Gefängnis.

Zu den Negierungsvorlagen über WohnungsgeLd- zuschusj der Staatsbeamte» und Gehaltserhöhung der

Voltsschullehrer.

IIL

Zur Beleuchtung des Geistes, der in den Ausführungen in Nr. 296 desD. T. A." weht, müssen wir 5um Schluß noch den nachstehcuben Passus etwas niebriger hängen. Es heißt ba:

Die Lehrer lutjmui auch schließlich die geringe Auf­besserung, bic ihnen von ber Regierung zugebacht ist. Sollte aber vielleicht von ihnen bie Aufvesscrungssumme als Grün- bungssonbs eines Vereins betrachtet werben, der gegen bie Sozialbemokratie gerichtet ist? Der gesckMtzte Leser versteht vielleicht, zwischen ben Zeilen zu lesen."

Dergeschätzte Leser" hat jene Kunst hier gar nicht nötig. Was gejagt werben soll, ist auch ohne sie vollkommen vcrstäublich. Im Interesse ber für bie Lehrer so wichtigen Sache ist es tief zu bedauern, baß jener Satz geschrieben worben ist, der baburch, baß er in einem bürgerlichen Blatte erscheint, nicht gerabe schmack­hafter wirb. Die bürgerlichen Parteien brauchen jenen Wink mit dem Zaunpfahl übrigens nicht tragisch zu nehmen. Wir kennen unseren Lehrerstanb lang unb genau genug, um zu wissen, baß die Zahl bercr, bie so rasch die allcrrabikalste Revision ihrer polsiischeu Gesinnung vorzunehmen geneigt sein könnten, verschwin­dend gering ist. Aber ist es klug, den bürgerlichen Parteien in solcher Weise vor den Kopf zu stoßen? Hat man denn schon ganz und gar vergessen, daß sich im Jahre 1900 keine Fraktion Der Zweiten Kammer von einer anveren an Wohlwollen für die Lehrer hat übertreffen lassen? Sind die nicht sozialdemokratischen Fraktionen beim nicht auch diesmal wieder nötig? Wozu ben Gegnern ber Lehrerschaft burch solche Torheiten bas Wasser aus bie Räber treiben? Unb gerabe jetzt?

Es ist bas gute Recht ber Lehrer, zur Förberung ihrer In­teressen auf alles aufmerksam zu machen, was als Beweis für bie Gerechtigkeit unb Billigkeit ihrer Wünsche dienen kann. Hierzu ist gewiß auch ber Hinweis auf bie Lage bes Lehrerstanbes in anberen deutschen Staaten ein zulässiges Mittel. Wenn ein solcher Hinweis aber in der Weise gemacht wird, wie in der schon mehrfach angezogenen Zuschrift an benTägl. Anzeiger" in seiner Nummer 296, so ist man gegen bie eigene, bie hessische Regierung, nicht gerecht. Es heißt bort:Warum bürste bas gute Beispiel, bas unser süblichcr Nachbarstaat, Baben, in ber Lehrerbcsoldung längst gegeben hat, nicht auch in Hessen Nachahmung finben können?" Alle Achtung vor bem Gesetz, das vor einigen Monaten in Baden verabschiedet worden ist. Die badische Lehrerschaft und das babi|üje Schulwesen machen damit einen gewaltigen Schritt vor­wärts. Aber es ist doch nicht billig, bei dem Hinweis auf Baden zu verschweigen, daß Hessen bereits vor sechs Jahren den beutfcOcn Staaten vorangegangen ist, eine Tatsache, bie wohl von allen Lehrervereinen u.nb Lehrerzeitungen im Reiche anerkannt wird. Baben erreicht jetzt erst ben Höchstgehalt, ber in Hessen schon feit 1900 besteht. Es mag ja fein, daß die eine ober die andere Einrichtung in anderen Ländern besser ist, als bei uns. Dafür haben wir manche, die von den Lehrern anderer Länder lebhaft erstrebt und ihren Regierungen als ber Nachahmung würbig em­pfohlen wirb. Vergleiche sind nur dann gerecht, wenn der Blick nicht an Einzelheiten haften, sondern stets auf das Ganze ge­richtet bleibt. Wir brauchen übrigens keinen Vergleich zu scheuen, dürfen vielmehr darauf Hinweisen, daß bei uns manches doch ganz gut geordnet ist. So sind z. B. die hessischen Gehallsgesetze von 1896 und 1900 ohne Uebergangsbestimmungen erlassen und durchgeführt worden, mit anderen Worten: jeder Lehrer gelange sofort mit dem Inkrafttreten des Gesetzes in den Bezug bes vollen Gehaltes. Unb so soll cs auch mit ber gegenwärtigen Vor­lage gehalten werden. Das geschieht aber bekanntlich nicht überall. Es entspricht ber Billigkeit, daß diejenigen, die der hessischen Re­gierung durch ben Hinweis auf anbere Länber eine ermunternde Anregung geben zu müssen glauben, auf bie eben mitgeteilte hessische Eigentümlichkeit, bie doch recht schätzbar ist, aufmerksam gemacht werben. Sic ist nicht bie einzige von benen, bie von ben Lehrern anberer Länder gern übernommen würben.

Aber ist denn bic hessische Regierung wirklich so säumig gewesen, daß es solcher, zum Teil recht unfreunblicher Hinweise unb Ermunterungen bedürfte? Sehen wir zu, was in ben letzte» 10 Jahren geschehen ist. Bis zum Jahre 1896 konnte bie über* iüiegenbc Mehrheit ber hessischen Lehrerschaft einen Höchstgehalt von 1600 Mk. erreichen. In bicsem Jahre stieg er auf 2000. Dazu wurde bie Wohnungs- ober Mietenlsu-äbigung mit einem Betrag von 200 Mk. pensionsfähig gemacht. Im Jahre 1900 stieg ber höchste Gehalt auf 2800 Mk., bas pensionsfähige Einkommen auf 3000 Alk. Jetzt soll ber Höchstgehalt auf 3000 Mk., bas höchste pensionsfähige Einkommen auf 3200 Mk. gebracht werden. Wenn wegen der lÖcfdjTänhljeit ber Mittel auch nicht alle Wünsche erfüllt werben konnten, wenn auch gewiß eine Versäumnis frühere! Jahre nackizuholen war: immerhin ist das doch in 10 Jahren eine ganz anständige Leistung, uno Regierung und Stände Hessens brauchen hinsichtlich der Fürsorge für die Volksschule keinen Ver< gleich zu scheuen.

Unter die hessischen Eigentümlichkeiten, von denen wir vorher; sagten, daß sie von den Lehrern anderer Länder gern übernomme» würden, gehört auch die in unseren früheren Artikeln erwähnte Berechnung des Tieustalters von der ersten Verwendung nach der Schlußprüfung. Diese Berechnung ermöglicht, daß in vielen Fälle» das Dienstalter schon mit 21 Jahren beginnt.') Genau genommen­hat die Einrichtung eigentlich nur für bie Regierung einen Nach­teil. ^Er besteht darin, daß jede hessische Gehaltsskala gegenüber Den Skalen solcher Länder, die das Dienstalter von der desinitiven Anstellung an zählen, immer als minderwertig erscheint. Aber

*) Wir wollen zur Vermeidung von Irrtümern hier darauf aufmerksam machen, daß in der Berechnung über das Durch schnittsatter bei Ablegung der Schlußprüfung in II nur bi' Schutverwalter, nicht bic Schulverwaltcrinnen, be/ ruüiidjtigt worden sind. Letztere wurden früher ber Regel nack fchon mit 18 Jahren zur Seminarprüfung, also mit 20 zut Schlnßprüfuug ziigelassen. Ihre Hereinziehung in bic Berech­nung würde deshalb ein unrichtiges Bud gegeben haben. Jo Zukaust sind, wenn die Prüilinge aus dem 1902 errichtete» Seminar chr Volksschullehrerinnen kommen, die Verhältntsie fül beide Geschlechter ziemlich gieid}. Es gehört natürlich zu bei A usnahmeu, büß ein Schulverwatter vor dem zurückgetegtel 21. Lebensjahre die Schlußprüfung besteht; ebenso ist es au» eine Ausnahme, wenn ber Prüfling 24 ober mehr als 24 Jahrj alt ist. Meist liegt bann ein Berufswechsel vor.